Der König ist tot – Fußball-Zauberer Pelé starb mit 82 Jahren

Freudentränen nach dem Gewinn der Fußball-WM 1958 (Brasilien – Schweden 5:2): der damals 17-jährige Pelé (Mitte) mit Didi (li.) und Torwart Gilmar. (Wikimedia gemeinfrei / Aftonbladet) – Link zu Angaben bei Wikipedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1958_VM-final_Sverige-Brasilien.jpg

Der König ist gestorben. Pelé (1940-2022), König des Fußballs, den sie (nicht nur) in Brasilien ehrfürchtig just so genannt haben: „O rei“! Als er sein 1000. Tor schoss, läuteten dort vielerorts die Kirchenglocken… Tatsächlich dürfte er jetzt im Fußballhimmel weilen und weiter „zaubern“. Mögliches Motto, sonst anderweitig vergeben: An Gott kommt keiner vorbei, außer Pelé…

Meine frühesten Erinnerungen an Fußball reichen in die Zeit zurück, als er zum weltweit besten Fußballspieler wurde – bis hin zu den Weltmeisterschaften von 1958 (nur noch ganz vage Eindrücke) und 1962, als lediglich per Radio nachts live aus Chile übertragen wurde. Beide Male gewann Brasilien mit dem unvergleichlichen Stürmer Pelé den WM-Titel. Seine dritte WM holte er dann mit der Seleção von 1970. Keinem anderen ist das gelungen. Na klar: Auch damals holten schon Teams die Trophäen, aber nicht ohne herausragende Protagonisten. Bis heute zergehen gereifteren Fußballanhängern die Namen von damals auf der Zunge: Didi, Vavá, Pelé, Garrincha…

Spätestens seit den frühen 60er Jahren war er natürlich auch bei uns im Ruhrgebiet ein Begriff, wie in jenen Zeiten sonst nur noch Uwe Seeler, wenn es um Ausnahme-Könner außerhalb des Revier-Fußballs ging. Nun gut, in den hiesigen Breiten sprach man ihn meist etwas anders aus, nämlich „Péle“ – mit Betonung auf dem ersten „E“. Klang auch gut und mächtig bewundernd; wobei sich sein bürgerlicher Name ohnehin nach höchstem Adel anhörte, zumindest für deutsche Ohren: Edson Arantes do Nascimento.

Zwar hat Neymar ihn mittlerweile eingeholt, was die Summe der Tore für die brasilianische Nationalmannschaft angeht, doch man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen: Nie wird dieser überkandidelte Kerl einen auch nur annähernd vergleichbaren Legendenstatus erlangen. Erstens hatte er viel mehr Spiele Zeit zum Rekord, vor allem aber eilt ihm der Ruf voraus und hinterher, häufig mit grotesken Verrenkungen darzustellen, wie schlimm er gefoult worden sei. Pelé hingegen war ein untadeliger Sportsmann.

Pelé durfte – quasi als Nationalheiligtum – nicht bei europäischen Vereinen wie Real Madrid spielen, sondern blieb dem FC Santos von 1956 bis 1974 erhalten, sozusagen per Dekret der damaligen brasilianischen Regierungen. Und jetzt mal Tacheles, da bin ich entschieden konservativ. Für mich ist und bleibt Pelé der größte Spieler der Fußball-Historie, trotz Maradona. Ohne Umschweife schließe ich mich Alfredo di Stefano an, der gesagt hat: „Der beste Spieler aller Zeiten? Pelé. Messi und Cristiano Ronaldo sind großartige Spieler (…), aber Pelé war besser.“

Pelé kam aus ärmlichen Verhältnissen. Als Kind hat er barfuß gekickt, weil die Eltern keine Fußballschuhe kaufen konnten. Als Bälle sollen anfangs zusammengeknüllte Socken oder Grapefruits gedient haben. Straßenfußballer halt. Das waren meistens die allerbesten. Siehe auch Maradona und Messi.

Ob Pelé auch in den heutigen Zeiten des athletischen Hochgeschwindigkeits-Fußballs mitgehalten hätte, sei dahingestellt. Die Ästhetik und die Raffinesse, die er verkörperte, sind jedenfalls weitgehend geschwunden. Wahrscheinlich würden eisenharte Verteidiger einen wie ihn heute mit allen (un)erlaubten Mitteln attackieren und er würde als Sportinvalide enden.

Jetzt aber verneigt sich die Welt, sofern sie den wirklich schönen Fußball noch zu würdigen weiß.




Aus der Traum vom brasilianischen Fußball

Nein, das ist jetzt aber auch fast schon gar zu viel. 7:1 fürs deutsche Team in einem WM-Halbfinale gegen den Gastgeber Brasilien…

Das ist einerseits unglaublich, wunderbar, was auch immer in dieser Richtung. Nicht zu fassen! Welch eine Demütigung, wenn man denn in solchen Kategorien denkt. Davon wird man noch in vielen Jahren sprechen.

(ZDF-Fernsehbild)

(ZDF-Fernsehbild)

Andererseits werden da auch ein paar Träume zerstört. Die Träume, die man vom brasilianischen Fußball seit den Tagen von Pelé und Garrincha hegte und die nicht zuletzt von einer entgrenzten Ästhetik gehandelt haben.

Erst hat die so „unbrasilianische“ Spielweise bei dieser WM die schönen Erinnerungen arg gedämpft. Dann fielen auch noch Neymar und Thiago Silva aus, zwei tragende Säulen der brasilianischen Auswahl. Doch es kann wohl nicht nur daran gelegen haben. Wer erklärt es uns? Ach, diese hilflosen „Analysen“ im Fernsehen.

Alles, aber auch alles ging schief für Brasilien, alles lief wie geölt für Deutschland. Man möchte (nicht) wissen, welche geheimnisvollen Kräfte da im Spiele gewesen sind.

Die „Schland“-Euphorie wird nun erst einmal kein Ende haben wollen. Und wer weiß, was sich jetzt – nach dieser bitteren Enttäuschung – in der Gesellschaft Brasiliens zuträgt.

Derweil eskaliert im Nahen Osten der kriegerische Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Doch nur eine Minderheit wird morgen in Deutschland darüber reden. Es ist eine surreal grausame Welt.




Husaren, Helfersyndrom, Hahn im Korb, Huberty – noch ein paar Zeilen zur Fußball-WM

Ja, ist es denn zu glauben? Nur noch acht Partien, dann ist auch diese Fußball-WM schon wieder vorbei. Gegen derlei Flüchtigkeit muss man sich stemmen und wenigstens ein paar Kleinigkeiten festzuhalten suchen.

Ach, man könnte herrlich schwelgen in ausgelutschten Sätzen wie „Es gibt im Weltfußball keine leichten Gegner mehr“ oder „Es gibt auch interessante 0:0-Spiele“. Ja, diese WM gibt das alles her und sorgt somit für allzeit gut gefüllte Phrasenschweine.

Als es mal wieder in die Verlängerung ging - hier das Team aus Argentinien. (Foto: abgeknipst vom TV-Bildschirm)

Als es mal wieder in die Verlängerung ging – hier das Team aus Argentinien. (Foto: abgeknipst vom TV-Bildschirm)

Alle „Großen“, alle Favoriten haben sich bislang enorm schwer getan. Spielverlängerung ist die Regel. Es wird also keinen Weltmeister geben, der durchweg strahlend gespielt hätte. Aber gab es je solch einen unumwunden glänzenden Gewinner? Blättert mal ruhig in den Annalen, auch heute ist ein spielfreier Tag.

Ich habe ja gut reden, aber: Ich würde mir oft mehr bedenkenlosen „Husaren-Stil“ wünschen statt des gegenseitigen Belauerns und der rundum kontrollierten Taktik. Doch der Zwang zum zählbaren Erfolg überlagert die Spielfreude. Auf ein Match mit reichlich genialen Phasen, in denen alles ins Schweben geriete, warten wir einstweilen noch. Aber immerhin entgleisen manche Situationen in glühendes Chaos.

Fragen über Fragen: Hat Deutschland gegen Algerien tatsächlich „schlecht“ gespielt oder „hat es der Gegner nicht anders zugelassen“? (Noch’n Fünfer ins Phrasenschwein). Und weiter: Ist Joachim Löw stur oder nur konsequent? Hat er grundsätzlich etwas gegen Spieler aus Dortmund? Warum zieht er Lahm nicht in die Verteidigungslinie zurück, warum bringt er bisher weder Großkreutz noch Durm? Man könnte endlos schwadronieren. Und man tut es. Schließlich ist man ebenfalls privat bestallter Bundestrainer. Wie alle anderen auch.

Zuvor haben vor allem zahlreiche Frauen das Ausscheiden von Chile und Mexiko zutiefst bedauert. Es sind sozusagen die „Weltmeister der Herzchen“. Manche Damen halten es eben prinzipiell gern mit den vermeintlichen Außenseitern und Schwächeren, ohne alle fußballerischen Erwägungen.

Doch wehe, wenn sich dieser im Prinzip schöne Zug, wenn sich also die Ausprägung des Helfersyndroms auch noch mit der Ausschau nach „schönen Männerbeinen“ und dergleichen Qualitäten verknüpft, wobei der Latino schon als solcher Hahn im Korb ist. Dann tut sich doch wieder der tiefe Graben zwischen den Geschlechtern auf. Es soll Männer geben, die sich schon wieder nach der Bundesliga sehnen, die Welt- und Europameisterschaften genau deshalb nicht mögen, weil in diesen vier Wochen auch Frauen übers Kicken mitreden wollen. Ist ja unerhört!

Für Sekunden im "Weltbild" des Fernsehens: Anhängerin Argentiniens. (Foto: abgeknipst vom Fernsehbildschirm)

Für Sekunden im „Weltbild“ des Fernsehens: Anhängerin Argentiniens. (Foto: abgeknipst vom Fernsehbildschirm)

Man müsste generell mal untersuchen, warum jemand (abgesehen vom Team des Herkunfts- oder Einwanderungslandes) diese oder jene Mannschaft vorzieht. Man würde sicherlich nicht nur edle Motive finden, sondern auch Ressentiments. Wenn man das alles ausformulieren wollte…

Bemerkenswert, dass die vier Nachbarn Frankreich, Belgien, Holland und Deutschland noch dabei sind. Das heißt, auf ein paar (global betrachtet) recht kleinen Fleckchen Erde steht es offenbar nicht so übel um die Ballkünste und ums zugehörige Glück. Und nein: Das kann man jetzt wirklich nicht nur den Schiedsrichtern anlasten. Wie? Jaja, sicher, der Begriff „Nation“ muss heute eh ganz anders gefüllt werden. Geschenkt.

Jetzt also „gegen Frankreich“. Mon dieu! Allein dieser Benzema, dessen Namen ich mir immer hessisch ausgesprochen vorstelle, damit er nicht so erschröcklich wirkt. Nun, wir werden sehen.

Unterdessen geht das Kommentatoren-Elend mit anschwellenden Stimmen auf breiter Front weiter. Gewiss: Wer weiß, was wir alle vor einem Millionenpublikum verbal verzapfen würden. Wer sich da couchkartoffelig hinfläzt und dem Kommentator jede, aber auch jede missglückte Redewendung ankreidet, der soll sich was schämen.

Doch ach, es sind ja beileibe nicht nur einzelne Phrasen. Da stimmt oft der ganze Duktus nicht, die Haltung zum Spiel und zu den Zuschauern ist vollends verkorkst. Nein, man wünscht sich nicht die Namens-Aufzählerei aus Hubertys Zeiten zurück.

Doch ab und zu sollten Béla Réthy, Gerd Gottlob und Kollegen einfach mal den Schnabel halten und den Ball laufen lassen. Unser zeitweiliger Dank wäre ihnen gewiss. Wir müssten dann nicht bei jedem – auf welche Weise auch immer – abgewehrten Ball erfahren, er sei „geblockt“ worden. Wir müssten nicht bei jeglichem Fehlpass hören, es fehle noch an Präzision. Auch sollen uns diese Beschwörer des Offenkundigen nicht allweil sagen „Er kommt nicht dran“, wenn einer den Ball nicht erreicht.

Apropos Fernsehen: Ist da noch jemand, den das sogenannte „Weltbild“ nicht nervt, wenn haltlos jubelnde Fans entdecken, dass sie „drauf“ sind und wie verrückt winken, worauf die Regie rasch woanders hin schaltet? Es ist wie ein Katz-und-Maus-Spiel. Als dann freilich ein (bekleideter) „Flitzer“ mit einem Protest-Shirt auf den Rasen lief, hat die Weltregie noch ungleich schneller weggezappt. Die 15 Minuten Weltberühmtheit, die Andy Warhol einst jedem Erdbewohner prophezeite, wird man also auf anderem Wege bewerkstelligen müssen.

Übrigens: Kein Wort mehr zum Interview mit Per Mertesacker. Aber bitte auch nicht mehr so viele Interviews mit ihm, jedenfalls nicht von diesem koddrigen Kaliber. „Cool“ fand ich den zornigen reichen Mann nicht. Keineswegs. Einige Herren haben sich offenbar an Streichelbefragungen à la Katrin Müller-Hohenstein gewöhnt. Und was soll nur aus den wunderbar sinnfreien „Ja gut, äh“-Dialogen werden, wenn es jetzt beim leisesten Reporter-Zweifel immer gleich Saures gibt?

Aber jetzt wirklich kein Wort mehr darüber.

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Sahnelinien, Türsteher, Trinkpausen – eine kleine Zwischenbilanz zur Fußball-WM

Was machen wir bloß morgen; am Freitag, wenn keine WM-Spiele sind? Seit dem 12. Juni werden wir tagtäglich mit Höhen und Tiefen des Ballsports versorgt. Da droht ein Horror vacui.

Nun gut. Da müssen wir durch. Ich brauche eh ein wenig Zeit, um mir eine neue Strategie für die Facebook-Tipprunde zu überlegen, bei der ich nur im Mittelfeld liege. Ordentlich getippt – chaotisch gekickt. So sieht’s bislang aus!

Was ich mir diesmal gar nicht mehr antue, ist das gesamte Vor-, Zwischen- und Nachgeplänkel im Fernsehen. 90 Minuten Spiel plus etwaige Dreingabe – das reicht! Sogar in der Halbzeit schalte ich ab. Bloß keine sogenannten „Analysen“.

Mexikanischer Jubel in Brasilien (v. li.): Torwart, Trainer und Betreuer. (Foto: abgeknipst vom ARD-Bildschirm)

Mexikanischer Jubel in Brasilien (v. li.): Torwart, Trainer und Betreuer. (Foto: abgeknipst vom ARD-Bildschirm)

Schon vom Hörensagen sehe ich mich bestätigt. Es muss ja unfassbar sein, was insonderheit die Anbiederfrau Katrin Müller-Hohenstein (ZDF) abliefert. Immerhin habe ich zwei bis drei Statements des ARD-Experten Mehmet Scholl vernommen. Der ist allerdings ziemlich gut.

Während der Spiele die Kommentatoren gänzlich stummzuschalten, das getraue ich mich noch nicht. Immerhin bleibt die Lautstärke minimal. Ein fauler Kompromiss, gewiss.

Man hört von kultivierten Menschen, die den Ton ganz abdrehen und zum Match Musik von Ligeti oder Luigi Nono laufen lassen. Das finde ich, wie soll ich sagen, ein klein wenig snobistisch. Aber bitte. Jeder nach seinem Gusto. Bevor man sich von Wortspechten wie Béla Réthy oder Tom Bartels gnadenlos zutexten lässt, ist so manches Mittel erlaubt, ja geboten. In den ersten Tagen der WM war ich in Holland und habe den halbfremden Zungenschlag genossen. Da fallen eventuelle Dummheiten nicht so sehr auf, die wahrscheinlich in allen Sprachen der Welt anliegen.

2010 in Südafrika hat – beispielsweise – die Endlosdebatte über den Vuvuzela-Krach die Journalisten nebenher beschäftigt. In den ersten Tagen des jetzigen Turniers haben u. a. die Spraydöschen der Schiedsrichter Spalten und Sendezeiten gefüllt. Es ist ja auch allerliebst, wie sie den Kickern bei Freistößen „Sahnelinien“ vor die Füße sprühen. „Bis hierher und nicht weiter!“ Ob man demnächst seinen Rasierschaum mit zum Bolzplatz nehmen soll?

Von abenteuerlichen Haartrachten, wüsten Tattoos, knatschbunten Schuhen und dergleichen Stilvergehen wollen wir hier nicht weiter reden, erst recht nicht vom beißwütigen Señor Suárez. Da ist jeder denkbare Witz gemacht.

Auffällig ist die zunehmend muskelbepackte Athletik vieler Spieler. Etliche Ballbehandler imponieren mit der Physis von Türstehern – allen voran der Brasilianer Hulk, der laut TV-Reporter einen „Schuss wie ein Pferd“ hat. (Bei Gelegenheit mal gucken, wie Pferde so schießen).

Deutsche TV-Präsenz am Zuckerhut: Matthias Opdenhövel und Mehmet Scholl (hinten links), Kommentator Tom Bartels (eingeblendetes Bild rechts). (Bild: abgeknipst vom ARD-Bildschirm)

Deutsche TV-Präsenz am Zuckerhut: Matthias Opdenhövel und Mehmet Scholl (hinten links), Kommentator Tom Bartels (eingeblendetes Bild rechts). (Bild: abgeknipst vom ARD-Bildschirm)

Doch auch vielen anderen sprengt die Muskelmasse schier die Trikots. Es ist nicht zuletzt eine bullige und wuchtige WM. Dazu passen nach dem frühen Ausscheiden Spaniens auch die zahllosen Abgesänge auf das Tiki-Taka-Ballgeschiebe, das bis gestern noch als Wundermittel galt. Geht das so weiter, wird man demnächst den Ballbesitz als Teufelswerk ablehnen. Nehmt ihr die Kugel doch. Wir machen lieber die Tore. Aber womit?

Puh. Trinkpause.

Gewagt sei folgende, nicht allzu kühne Prophezeiung: Falls das deutsche Team heute Abend nicht ausscheidet, so werden unsere wackeren Sportjournalisten den guten alten, vielfach bewährten Satz wieder hervorholen, dass nun – nach dem Ende der Vorrunde – das Turnier erst richtig anfange. Es ist ja auch was dran. Das Geplänkel mancher Punktspiele in der Gruppenphase ist nicht vergleichbar mit den Fährnissen der K.o.-Runden. Ach so, ja, auch diese unverwüstliche Mitteilung wird unter Garantie wieder aufgewärmt: Deutschland hat eine „Turniermannschaft“. Immer schon und immerdar.

Dass ausgerechnet die Nationalmannschaften aus den Ländern mit den teuersten Ligen (also England, Spanien und Italien) schon „draußen“ sind, darf uns nicht allzu sehr verwundern. So sehr verlässt man sich dort auf Stars aus allen Weltwinkeln, dass der eigene Nachwuchs offenbar deutlich weniger Chancen hat. So die gängige Erklärung. Und warum hat Spanien dann in den letzten Jahren die wichtigsten Titel errungen? Je nun. Äh.

Dass im übrigen die lateinamerikanischen Teams in Brasilien nicht nur einen geographischen und klimatischen Vorteil haben, sondern hie und da auch von Schiedsrichtern begünstigt werden (siehe nicht nur Uruguay – Italien), hat sich rasch herumgesprochen. Es wäre ja auch finanziell fatal, in erster Linie auf Stadionpublikum aus Europa setzen zu müssen. Ein frühzeitiges Ausscheiden Brasiliens wäre zudem auch politisch riskant. Das wissen sie auch bei der FIFA.

Apropos Zuschauer: Seit jeher frage ich mich, was das eigentlich für Leute sind, die über viele Wochen in die Ferne (diesmal eben nach Brasilien) reisen und sich alle Eintrittskarten leisten können. Doch halt! Solche Gedanken können geradewegs in den Sozialismus führen.

Nachspielzeit 5 Minuten. Wie neuerdings üblich.

Aber nicht hier.

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Auslosung zur Fußball-WM – Löw vs. Klinsmann oder: Überstehen ist alles…

Jetzt ist es also heraus: Deutschland spielt bei der WM 2014 in einer Gruppe mit Portugal, Ghana und den USA. Ausgerechnet die USA mit Trainer Jürgen Klinsmann! Wird das ein Duell mit seinem früheren Assistenten Jogi Löw. Und überhaupt ist es keine leichte Gruppe.

In einer ersten ARD-„Analyse“ befand Experte Mehmet Scholl dennoch, dies sei eine lösbare Aufgabe. Ungleich härter haben es wohl Spanien und die Niederlande getroffen, die schon in der Vorrunde gegeneinander spielen. Und England bekommt es gleich mit Italien zu tun.

(© lukas555 - www.fotolia.com)

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Löws erste Reaktion: „Das ist ’ne schwere Gruppe. Aber ich akzeptiere es so, wie es ist.“ Tja, was bleibt ihm auch sonst übrig? Deutlich wurde ebenfalls: Ab sofort gilt auch gegenüber dem alten Freund Klinsmann quasi Geheimhaltung. Und vor der brasilianischen Tropenhitze hat man zumindest Respekt. Es war halt das übliche Fußball-Palaver mit allen Klischees und Schikanen. Man ist ja schon froh, wenn es nur „Hammergruppe“ und nicht „Todesgruppe“ heißt…

Schier endlos gestreckte Auslosung

Das mit Filmchen und Show auf rund zwei Stunden gestreckte Los-Verfahren zog sich schier endlos hin. Man besaß immerhin Takt genug, anfangs an den verstorbenen Nelson Mandela zu erinnern. Die rasch absolvierte Pflichtübung war aber auch das Mindeste. Im Mandela-Einspielfilm tauchte der FIFA-Präsident Sepp Blatter schon unangenehm penetrant auf. Dasselbe gilt für Blatters Bühnenauftritt.

Ansonsten: Welch ein Brimborium! Die reichlich komplizierte Auslosungs-Zeremonie in Costa do Sauípe (bei Salvador da Bahia) fand in einer eigens errichteten Arena statt. Allein das lässt schon den immensen Aufwand ahnen, der da betrieben wird. Einige der Stadien, die jetzt in Brasilien aus dem Boden gestampft werden, werden nach der WM vermutlich nie mehr gebraucht.

Traumfinale gegen Brasilien?

Natürlich fragen wir uns alle gespannt, welche Chancen die deutsche Mannschaft im nächsten Jahr haben wird. Kommt es etwa zum deutschen Traumfinale gegen den Gastgeber Brasilien? Das wäre was!

Aber gemach! Immer langsam. Unter den 32 Teams der Endrunde (12. Juni bis 13. Juli 2014) gibt es wahrlich noch ein paar andere, die mit Macht zum Endspiel drängen, nicht nur die „üblichen Verdächtigen“ wie etwa Argentinien, Spanien, Holland oder Italien. Einige Experten haben gar die Belgier, die sich so souverän qualifiziert haben, als Geheimfavoriten ausgemacht. Allerdings ist fraglich, ob überhaupt europäische Mannschaften sich im brasilianischen Klima bis zum Schluss behaupten können. Deutschland spielt zunächst in Salvador, Fortaleza und Recife. Auch nicht so bequem.

Hohe Erwartungen

Sagen wir mal so: Die Vorrunde sollten Löws Mannen wohl überstehen. Was danach geschieht, wissen die Fußballgötter. Eventuell geht’s dann bereits gegen Belgien. Man kann nur die Daumen drücken, dass die derzeit verletzten Spieler – wie beispielsweise Khedira – zeitig wieder zu Kräften kommen. Doch wenn das deutsche Team erst einmal unter den letzten Vier steht, ist „alles möglich“, wie man so schön sagt.

Noch größer als die Hoffnungen in Deutschland dürften die Erwartungen in Brasilien sein. Alles andere als die „Hexa“ (also den sechsten WM-Titel) würde man den Kickern in Gelb und Blau nicht durchgehen lassen. Zu tief sitzt immer noch das Trauma von 1950, als Brasilien im eigenen Land den Titel nicht holte.

Massiver Protest

Wie es aussieht, wird man 2014 beileibe nicht nur über Fußball zu reden haben. Schon jetzt formiert sich im eigentlich so fußballverrückten Brasilien massiver Protest gegen die ungemein kostspielige Veranstaltung in einem aufstrebenden, aber vielfach immer noch armen Land, das nicht nur unter Korruption und gebietsweise katastrophaler Infrastruktur ächzt. Auch Bildungs- und Gesundheitswesen brauchen dringend Geldzufuhr…




Der lange Schatten von Auschwitz – Michel Laubs Roman „Tagebuch eines Sturzes“

Ob nach Auschwitz sich noch leben lasse, war eine zentrale Frage, die der Philosoph Theodor W. Adorno gestellt hat. Er gab damit einen Anstoß, über Sinn und Wert des Lebens, über Schuld und Verantwortung angesichts der NS-Gräuel nachzudenken. Was der Vertreter der Frankfurter Schule gesellschaftlich und historisch zu hinterfragen suchte, reflektiert Michel Laub am Beispiel (s)einer Familie.

Der Autor, jüdischer Herkunft, ist Journalist, Jahrgang 1973, und wurde im brasilianischen Porto Alegre geboren. In seinem autobiographischen Roman „Tagebuch eines Sturzes“ erzählt er die Lebensgeschichte seines Großvaters, seines Vaters und seiner selbst. Laub, der in seiner Heimat zu wichtigsten zeitgenössischen Autoren gehört, beschreibt über weite Strecken in einzelnen Sequenzen, Szenen oder Momentaufnahme, was der Angehörige einer jeweiligen Generation erlebt und durchlitten hat.

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Das Buch ist in Ich-Form geschrieben. Für den Erzähler ist der Anlass, sich zurückzunehmen und Rückschau zu halten, wahrlich schwierig genug: Er hat ein Alkoholproblem, seine Frau (die mittlerweile 3. Ehe) droht mit dem Ende der Beziehung und der Vater hat gerade von Ärzten erfahren, an Alzheimer erkrankt zu sein.

Da ist das Wort von der persönlichen Krise wohl durchaus erlaubt. Wenn der Schriftsteller nun Verbindungen mit Auschwitz herstellt, mag das im ersten Moment befremdlich erscheinen, im Gesamtkontext der Familie wird es verständlich. Sein Großvater nämlich hat das KZ überlebt und nach dem Krieg in Brasilien ein neues Leben als Geschäftsmann begonnen. Kann man aber hier wirklich von Leben sprechen?

Sein Opa, den er selbst nie kennenlernte, hat nichts über Auschwitz gesagt oder berichtet. Seine Erinnerungen verarbeitete er stattdessen in einem Tagebuch, das er nach Feierabend führte, wozu er sich in sein Arbeitszimmer zurückzog. Treffender wäre wohl das Wort „verbarrikadierte“. Was er niederschrieb, erfuhr seine Familie erst nach seinem Tod und bekam einen Eindruck davon, wie sehr er unter den Erlebnissen im Konzentrationslager zu leiden hatte, in dem auch zahlreiche Verwandte starben. Diese seelischen Qualen waren es schließlich auch, die dazu führten, dass er Selbstmord beging. Sein Sohn, damals 14 Jahre alt, fand den Vater tot im Arbeitszimmer. Das Trauma überwand er nie, und auch sein Sohn, der Erzähler, spürte stets, wie sehr sein Vater unter dem psychischen Druck zu leiden hatte.

Auch wenn kein kausaler Zusammenhang zu dem Geschehen, das den jüngsten Nachfahren aufwühlen soll, besteht, stimmt es doch nachdenklich, dass auch er mit einem schwierigen Ereignis zurechtkommen muss. Hierbei ist er allerdings nicht Opfer, sondern gehört zum Kreis der Täter. Er besucht ein jüdisches Gymnasium. Als der einzige nicht-jüdische Mitschüler in der Klasse bei der eigenen Feier zum 13. Geburtstag entsprechend der Anzahl der Lebensjahre in die Luft geworfen wird, fangen ihn seine Mitschüler beim letzten Mal nicht mehr auf. Joao, so der Name des Jungen, war stets Außenseiter und wurde gemobbt. Mit schweren Verletzungen kommt er ins Krankenhaus und als er nach Monaten in die Schule zurückkehrt, ist der Erzähler der einzige, der sich um ihn kümmert. Das Gewissen hat ihn seit dem Fest geplagt. Eine Freundschaft aufzubauen scheitert indes, trotz mancherlei Bemühungen.

Zurück bleibt der Erzähler mit dem Gefühl des Versagens und des Scheiterns. Überhaupt tut er sich schwer mit dauerhaften Bindungen und versucht, die Gründe herauszufinden. Vater und Großvater sind dabei wichtige Glieder in einer Ursachenkette. Der Titel „Tagebuch eines Sturzes“ wird am Ende zu einer Aussage, die mehr meint als „nur“ das Geschehen um den nicht-jüdischen Jungen.

Michel Laub: „Tagebuch eines Sturzes“. Roman. Klett-Cotta-Verlag, Aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt von Michael Kegler. 176 Seiten. 19,95 Euro.




Dosierter Reiz der Fremdheit – Cappenberg zeigt deutsche Brasilien-Bilder des 19. Jahrhunderts

Von Bernd Berke

Cappenberg. Der Mann geht als sehniger Jäger durch den Dschungel voran, einige Meter hinterdrein trottet seine Gefährtin mit der Kinderschar. Häufig kehrt dieses Familien-Muster in der neuen Cappenberger Ausstellung wieder. Falls die Bilder nicht trügen, herrschte bei den Indianern im brasilianischen Urwald vor rund 150 Jahren jedenfalls kein Matriarchat.

Die aus Berlin kommende Schau führt mit vielen Beispielen vor, wie einigermaßen begabte deutsche Reise-Künstler im frühen und mittleren 19. Jahrhundert brasilianische Verhältnisse bebildert haben. Eine Leitlinie ist der ebenso forschende wie staunende Blick, mit dem sich der große Alexander von Humboldt den Phänomenen der Welt näherte. Er, der zwar südamerikanischen, aber nie brasilianischen Boden betrat, animierte auch Maler und Zeichner, wissenschaftlich verwertbare Exaktheit mit Inspiration zu verknüpfen – ein ganzheitlicher, künstlerischen Sinn einbeziehender Ansatz. Aber auch die Perspektiven der Humboldt-Ära sind vom Zeithorizont begrenzt. Doch wer weiß, welche Aspekte wir Heutigen, medial Gesättigten schlichtweg ausblenden.

Die damaligen Darstellungen wurden meist von adligen Herren gefertigt, sie konnten sich ausgedehnte Reisen erlauben. Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied etwa drang ab 1815 mit Gefolge in unwegsamstes Gebiet vor und hielt den Alltag der Puri-Indianer fest. Es muss beiderseits ein Kulturschock gewesen sein. Doch auf den Bildern wirkt alle Wildheit gedämpft, domestiziert, eingehegt, für europäische Geschmäcker zugerichtet.

Das Spektrum ist vielfältig: Einige erschöpfen sich in bloßer Wiedergabe (Abzeichnen von Pflanzen) oder ergehen sich in manchmal wohlig-schauriger Exotik, zeigen allerlei Waffen, Gerätschaften oder auch phantastischen Kopf- und Körperschmuck. Bestandsaufnahmen nach Art der „Wunderkammer“.

Vielfach werden die so unterschiedlichen Völkerschaften Brasiliens nur auf grob typisierenden Tafeln dargeboten. Andere Künstler geben sich hingegen Mühe, Individualitäten zu begreifen. Landschaften treten dann in ihrer besonderen tropischen Farbskala hervor, Menschen bekommen ein unverwechselbares Gesicht.

Es ist zumeist noch ein selbstzufriedener, kolonisatorischer Blick weißer Europäer, der sich auf „Eingeborene“ richtet, die oft bei Raufereien oder mystischen Ritualen und Tänzen gezeigt werden.

Das schöne Licht auf dem Sklavenmarkt

Diese als ursprünglich, doch auch als triebhaft wahrgenommene Fremdheit wird als dosierter Reiz eingesetzt, ebenso wie die Nacktheit der indianischen Bevölkerung. Doch das vermeintliche Paradies ist bedroht. Man sieht schon Bilder, auf denen die Abholzung des Urwaldes beginnt…

Rassen- und Klassen-Herrschaft auf Landgütern oder in Diamant-Minen kommt teils deutlich zum Ausdruck, doch dies wird nur registriert, nie mit Empörung dargestellt. Dunkelhäutige schuften vor einer Kirchen-Kulisse, portugiesische Einwanderer halten derweil ein Schwätzchen. Auf dem Bilde wirkt diese Ordnung der Dinge geradezu naturwüchsig.

Nicht einmal die Ansicht eines Sklavenmarktes hält sich bei sozialen Bedenken auf, sondern spielt mit Licht- und Schattenwerten, so dass das arge Geschehen pittoresk wirkt. Ähnlich verhält es sich mit der öffentlichen Auspeitschung eines vermeintlichen Übeltäters. Wahrscheinlich hat der Zeichner nur gedacht: Der Bursche wird’s wohl verdient haben.

Frappant die detailfreudig ausgemalten Urwald-Szenen des aus Augsburg stammenden Johann Moritz Rugendas, sie verströmen beinahe den Geruch tropischer Feuchtigkeit, rühren ans Dunkle auch in der Seele des Betrachters. Weitaus gebändigter kommen andere Landschaften daher. Da glaubt man sich etwa in liebliche Rhein-Gegenden versetzt. Auch in der Fremde sieht mancher nur das, was er von zu Hause her kennt.

Bilder aus Brasilien im 19. Jahrhundert. Schloss Cappenberg. Bis 23. Dezember. Tägl. außer Mo. 10-17 Uhr. Eintritt frei, Katalog 50 DM.




Ein Roman, so üppig wie tropische Blüten – John Updikes Buch „Brasilien“

Von Bernd Berke

Welch eine unglaubliche Geschichte: Da trifft ein schwarzer Junge aus den Favelas (Elendsvierteln) von Rio ein weißes Mädchen aus reichem Hause an der Copacabana. Sogleich schläft sie mit ihm und verläßt den ganzen gewohnten Luxus, um von Luft und Liebe zu leben. Auf der Flucht vor den brutalen Schergen ihres Vaters, eines hohen Diplomaten, ziehen Tristao und Isabel kreuz und quer durch Brasilien.

Ebenso erstaunlich ist, daß gerade John Updike diese erhitzte Romeo-und-Julia-Variante erzählt. Wollte der vielgerühmte Chronist der USMittelschicht mit seinem Roman „Brasilien“ etwa bewußt eine neue Kennmarke in seinem Werk setzen? Hat ihn einfach die Exotik der Schauplätze gereizt? Oder ist dieses Brasilien gar ein Gleichnis?

Updike treibt sein ungleiches und doch so verschworenes Liebespaar zwischen 1966 und 1988 durch das ganze Riesenland und durch mancherlei Unbill. Stationen des langen Liebes-, Lust- und Leidensweges sind Rio, Sao Paulo, Brasilia, Mato Grosso und entlegene Dschungelgebiete.

Gelegentlich muß Tristao mit einer in der Hosennaht verborgenen Rasierklinge hinlangen, um sich seiner Haut zu wehren. Zwischendurch werden dem Paar zwei Kinder geboren, fast wie die von Herodes verfolgte Heilige Familie ziehen sie da durch die Einöde. Später werden die Kinder von blutrünstigen Indianern geraubt. Unwiederbringlich.

Tristao schuftet als Fließbandarbeiter bei VW do Brasil, versucht sein Glück als Goldgräber und verdingt sich auch schon mal als Disco-Türsteher, während die in Elite-SchuIen erzogene Isabel als Näherin oder Hure tätig wird. Am liebsten aber greift sie für ihre oft extremen Liebesspiele auf Tristaos „Yamswurzel“ zurück. So naturpoetisch benennt Updike das Geschlechtsorgan seines männlichen Heiden. Er läßt sich keine Gelegenheit entgehen, eine seiner großen Stärken auszuspielen: die genüßliche Beschreibung von Sex in seiner Vielfalt.

Keine Lust mehr auf bürgerliche Langeweile

Doch der Autor will natürlich mehr. Er faltet die ganze neuere Geschichte Brasiliens (zwischen Militärregime, studentischem Aufbegehren, wirtschaftlichem Wildwuchs und galoppierender Inflation) vor uns aus. Er sucht auch in die tieferen Schichten der Mentalität vorzudringen und entdeckt darin eine vital-sprudelnde Mischung aus Schwermut und Leichtsinn.

Die Odyssee der bedingungslos Liebenden erweist sich auch als Zeitreise zu den Ursprüngen des Landes. Mysteriöser Scheitelpunkt der Geschichte ist jenes Traumzeit-Ritual, dem sich Isabel bei einem Schamanen im Dschungel unterwirft. Dessen Magie bewirkt, daß sie und Tristao die Hautfarbe tauschen: Sie wird schwarz, ihr Geliebter weiß und damit vollends karrieretauglich. Die uralten Zauber-Praktiken rufen die Vision einer multikulturellen Gesellschaft hervor, in der einer den anderen aus der Erfahrung seines Lebens heraus toleriert oder sogar liebt wie sich selbst.

All das konnte Updike in der Tat schwerlich mit einer US-Story beglaubigen. Er deutet ja an einer Stelle selbst an, warum er sich auf ein ganz anderes Gelände begeben hat: „Die Banalität, die bunt maskierte Langeweile des bürgerlichen Lebens – sie läßt den Geschichtenerzähler verstummen.“

Und verstummt ist Updike hier sicherlich nicht, ganz im Gegenteil: Phantasie, Sprache und manchmal auch ein etwas hohl tönendes Pathos wuchern in diesem Roman so üppig wie tropische Blüten.

John Updike: „Brasilien“. Roman. Rowohlt-Verlag. 316 Seiten, 42 DM.