Sich in Faultiere und Birnen einfühlen – ja, selbstverständlich geht das!

Weckerbrüllt! Uff… nur… ne Viertelstunde noch… konzentriert schlafen (jawoll, das geht)…

»Schorsch (nach Picasso)« Scherl, 2015

»Schorsch (nach Picasso)« © Scherl, 2015

…wenn dann Kater Schorsch sein aggro-beleidigtes MRRRRRAAUU! MRRRRRAAUU! MRRRRRAAUU! raushaut ohne Luft zu holen, weil er der Meinung ist, daß er sogleich Hungers stirbt, wenn ich ihn nicht sofort fütter (Essenszeit für ihn in zwei Stunden!), hau ich mein 100% aggro RUHEJETZTVERDAMMTESCHEIßE! raus, daß die metallenen Bettpfosten mitsingen.

Es kümmert ihn zwar keinen feuchten Kehricht, aber immerhin hab ich das erhebende Gefühl, daß mir wenigstens ein Ding auf Erden Resonanz gibt – und wenn’s nur die Bettpfosten sind.

Wenn ich dann allerdings zB versuche, mich in ein Faultier einzufühlen, weil ich einen Faultiershirtentwurf machen muß und das Vieh so richtig schön faul werden soll oder das gleiche in drei Birnen für eine Auftragszeichung, damit da auch wirklich die richtige Geschichte erzählt wird mit dem Obst (ja freilich kann man sich in Birnen einfühlen. Bin ich Künstler oder Hobby-?) und der schwarze Pelzsatan legt dann los mit seinem Geschrei (wofür er in 99% aller Fälle exact (ja, mit »c«)) den richtigen Zeitpunkt findet und auch nicht eher aufhört, bis ich entweder keine Zeit mehr hab oder mir auch noch das letzte bissl Muse zerrüttet ist), packt mich einfach nur noch tiefste Verzweiflung und eine Stimme fragt in mir:

»Was hätt Picasso an meiner statt getan? Oder Matisse? Oder Cezanne? Oder Christian Schad? Oder…« (Zwischenruf einer anderen Stimme: »Charles Manson?«) und es antwortet: »Sie wären ins Atelier gegangen und wenn sie da schon gewesen wären, in ’n anderes.«, dann kommentiert die nächste: »Thomas, schreib auf deinen ‹Ziele 2016›-Zettel ganz oben, ganz groß: ‹1. Viel Geld verdienen, 2. Atelier mieten›.«

Done.

(Also das mit dem Zettel.)




Schattenspiele aus dem Geist der Zeit – Werkschau über Christian Schad in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Auch wenn einer seine Künstlerkarriere mit magisch zerrinnenden Bildern wie „Haschisch“ (1913) beginnt, kann er noch zum getreulichen Realisten werden. Derlei Ernüchterung im Lauf der Jahre widerfuhr Christian Schad (1894-1982), den man vor allem als eine Leitfigur der „Neuen Sachlichkeit“ kennt.

Freilich: Etwas schwer zu Fassendes, durchaus Rätselhaftes aus seinen Anfängen hält sich auch später als Unterströmung. Kein platter Oberflächen-Realismus also, sondern einer mit Tiefgang. Davon zeugt nun auch eine Ausstellung in der Kunsthalle Wuppertal-Barmen. Zu sehen sind 107 Arbeiten von Schad: Zeichnungen, Druckgraphik und sogenannte „Schadographien“. Darunter versteht man (vom Dadaismus inspirierte) Experimente mit Gegenstands-Abzeichnungen auf fotografischen Platten und Fotopapier. Es sind Schattenspiele aus dem irrlichternden Geist des technischen Zeitalters.

Viele dieser staunenswerten Zwitter aus menschlicher Inspiration und chemisch-physikalischem Automatismus galten lange als verschollen.

Realismus bis unter die Haut

Man hat die frühesten Schöpfungen im Nachlaß des Dadaisten Tristan Tzara entdeckt, den Christian Schad in seiner Schweizer Bohème-Zeit (um 1915-1918 in einer kriegsfreien . Oase) kennengelernt hatte. In jenen Jahren und in den Zwanzigern entstanden Schads zeichnerische Sozialreportagen aus schummrigen Nachtcafés, Bordellen und Unterwelt-Winkeln. Zumal die Erotik ist hier selten ohne Groteske zu haben. Ein Realismus bis unter die Haut. Doch nie wird Schad so ganz und gar bitterböse wie ein George Grosz oder Otto Dix. Man kann in Wuppertal direkt vergleichen, denn ein Raum mit Eigenbesitz ist eben jenen Zeitgenossen Schads gewidmet.

Die Ausstellung macht einen abrupten Sprung von den späten 20ern mitten in die 50er Jahre. Offensichtlich hat Christian Schad, der vormals in Italien den klaren Blick an Bildern Raffaels geschult hatte, in dieser langen Zwischenzeit einen gewissen künstlerischen Kraftverlust erlitten. Zur NS-Zeit n i c h t als „entartet“ verfemt und gegen seinen Willen gelegentlich sogar als mögliches Vorbild hingestellt, hatte er sich von 1935 bis 1942 völlig aus dem Kunstbetrieb zurückgezogen. Er war Kaufmann, lernte Chinesisch, betrieb Yoga. Erst ein Auftrag der Stadt Aschaffenburg zur Kopie eines mittelalterlichen Madonnen-Bildes von Grünewald, brachte Schad wieder zurück an die Staffelei.

Versuche auf dem neuen Markt

Nach dem Kriege war der mittlerweile auf Abstraktion geeichte Zeitgeist dem Realisten nicht günstig. Schads subtile kleine Porträtskizzen lassen noch den einstigen Stilbildner ahnen. Um 1960 nahm er auch die Produktion von Schadographien wieder auf. Und er stellte 1970 eine Porträt-Bilderserie her, die ganz stark an Andy Warhols Siebdruckreihen erinnert. Es wirkt, als habe er – mehr lustlos denn verzweifelt – Anschluß beim damals Marktgängigen gesucht.

Christian Schad: Zeichnungen, Graphik, Schadographien. Kunsthalle Wuppertal-Barmen (Geschwister-Scholl-Platz), Tel.: 0202/563-6231. Bis 12. November, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr. Katalog (über Schadographien) 28 DM.