Künstliche Intelligenz gibt es nicht – Ausstellung im Dortmunder „U“ geißelt grenzenlose Computergläubigkeit

Wenn Biometrie die Menschen bewertet, kann auch Unsinn dabei herauskommen. „Decisive Mirror“ von Sebastian Schmieg, 2019 (Bild: Franz Warnhof/HMKV)

Die „Künstliche Intelligenz“, abgekürzt KI, über die Computer neuester Bauart angeblich verfügen sollen, gibt es nicht. Der Begriff ist schlicht falsch. Computer sind genauso intelligent wie, sagen wir mal, ein Gurkenhobel.

Eigentlich haben wir das ja immer gewußt, obwohl die elektronische Datenverarbeitung, bleiben wir für einen Moment bei diesem altehrwürdigen Begriff, heute in Gestalt attraktiver junger Damen wie Alexa daherkommt, die uns richtig gut zu kennen scheinen und ohne bösen Hintersinn bemüht sind, uns jeden Wunsch zu erfüllen. Da kann man natürlich schon ins Grübeln kommen, ob nicht vielleicht doch mehr dahintersteckt als die systematische Anwendung zugegebenermaßen hochkomplexer Algorithmen. Oder?

Vermessenes aus „Hypernormalisation“ von Aram Bartholl von 2021 (Bild: HMKV)

Neue Perspektive

Erstaunlicher als die (eben nicht) erstaunliche Einsicht, daß Computer dumm wie Brot, jedoch keineswegs harmlos sind, ist vielleicht noch der Ort, an dem Erkenntnis dem Publikum zuteil wird. Der Dortmunder Hartware Medienkunstverein, der mit seiner Ausstellungsfläche im dritten Stock des Dortmunder „U“ residiert, ausgerechnet der, hat sich die computerkritische Perspektive zu eigen gemacht und präsentiert nun „künstliche Intelligenz als Phantasma“ in seiner neuen Ausstellung „House of Mirrors“, was sinnvoll mit „Spiegelkabinett“ übersetzt werden kann. Daß die Ausstellung ausgerechnet hier stattfindet ist deshalb erstaunlich, weil der Medienkunstverein bisher doch ein eher positives Verhältnis zur Computerei zu haben schien, zu den Ergänzungen und Weitungen, die der Einsatz elektronisch betriebener Medien letztlich eben auch der Kunst bringen könnte. Ein wirklich Widerspruch ist dies indes nicht, wir wollen fair bleiben. Eher könnte man vielleicht von einem Perspektivwechsel sprechen, der im ganzen großen Themenkontext sicherlich Sinn macht. Außerdem scheint auch ein wenig „Wokeness“ im Spiel zu sein.

Ein Gestell, viele Smartphones: die Arbeit „– human-driven condition“ von Conrad Weise thematisiert die Situation der vielen (menschlichen) Mikroarbeiter, die in stark fragmentierten Arbeitsprozessen für das Funktionieren der „KI“ sorgen (Foto: HMKV)

Alte Datenmuster

Große Spiegel strukturieren den Raum in dieser hübsch aufgebauten Ausstellung; die meisten werfen lediglich das Bild zurück, manche sind aber auch von einer Seite zu durchschauen, wieder andere sind Teile von Kunstobjekten. Warum die Spiegel? Inke Arns, seit etlichen Jahren die rührige Chefin des Medienkunstvereins, erläutert es. Der Prozeß der Spiegelung, wir formulieren frei, verdeutliche den beschränkten Nutzen des Computereinsatzes in vielen Anwendungsbereichen, bei der Erkennung von Personen zum Beispiel (Zollkontrollen, Fahndung) oder von Situationen („autonomes Fahren“ etc.). Gespiegelt wird, was man dem Spiegel zeigt, algorithmische Raster, biometrische Daten, situative Schemata, Statistik.

Was man nicht zeigt, kann auch nicht gespiegelt werden, heißt für den Computerbetrieb: er reagiert nur beim Wiedererkennen hinterlegter Datensätze. Erkennt er das Geschehen nicht, reagiert er nicht oder falsch. Auch mit allergrößten Datenmengen ist die Computerintelligenz also ein menschengemachtes Bewertungskonstrukt, dem ein gerüttelt Maß Subjektivität eigen sein dürfte und das zwangsläufig „computeraufbereitete Realität mit vergangenen Datenmustern erkennen“ (Arns) soll. Wenn aber heutiges Geschehen an den Mustern von gestern abgeglichen wird, hat das normierenden, mitunter gar disziplinierenden Charakter. Von „automatisierter Statistik“ spricht in diesem Zusammenhang Francis Hunger, der die Ausstellung zusammen mit Marie Lechner kuratiert hat.

Hier geht es um die Wahrnehmungen „autonomer“ Fahrzeuge: „VO“ von Nicolas Gourault (2022) (Bild: Courtesy of Le Fresnoy, Studio national des arts contemporains/HMKV)

Viele Bildschirme, viele Projektionsflächen

So viel zunächst einmal zum Ansatz dieser Schau. Wie aber nun macht man aus technischen, soziologischen, politischen, psychologischen Einsichten Kunst? So ganz einfach ist das nicht, denn anders als alles Mechanische ist Elektronisches zunächst einmal sehr unsinnlich. Letztlich, und so auch hier, läuft es darauf hinaus, daß viel Botschaft über Bildschirme und Projektionsflächen läuft, denen (so gut es eben ging) ein paar Requisiten beigegeben wurden. Einige schöne Raumsituationen gibt es gleichwohl, wie das von einem gemütlichen Sofa beherrschte Zimmer Lauren Lee McCarthys, in dem diese eine Woche lang die Funktion von Amazons virtueller Assistentin Alexa übernahm. Das war 2017 und streckenweise recht lustig, wie die Dokumentation zeigt, die auf dem Bildschirm läuft.

Sinnfrei

Ein Großteil der Arbeiten thematisiert Teilaspekte der „KI“. Gleich am Eingang scannt Sebastian Schmiegs „Decisive Mirror“ (2019) Gesichter der Besucher und berechnet dann Sinnfreies: „Zu 42 Prozent noch am Leben“, „zu 65 Prozent imaginär“, „zu 17 Prozent einer von ihnen“ und so weiter. Projiziert werden die Daten auf einen Spiegel, und schon in dieser ersten Installation erahnt man die Respektlosigkeit dessen, was folgen wird.

Neues Gesicht aus dem Computer: „The Zizi Show, Deepfake drag Artist close up“ (2020) von Jake Elwes (Bild: Courtesy of the artist, VG Bild-Kunst/HMKV)

Wunsch und Wirklichkeit

Doch wir beginnen nachdenklich. In der zentral gelegenen Rotunde vergleichen Pierre Cassou-Noguès, Stéphane Degoutin und Gwenola Wagon in ihrer üppigen Videoarbeit „Welcome to Erewhon“ (2019) Wunsch und Wirklichkeit des technischen Fortschritts über Jahrhunderte hinweg. Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen ist das Buch „Erewhon; Or, Over the Range“, das ein gewisser Samuel Butler 1872 veröffentlichte und das die Übernahme der Macht durch die Maschinen thematisierte, die sich schneller und effektiver weiterentwickelt hatten als die Menschen. Schließlich zerstörten die Menschen die Maschinen und bauten keine neuen mehr. „Erewhon“ ist übrigens ein Anagramm von nowhere, nirgendwo. Weiterhin gibt es hier auf den Bildschirmen computergesteuerte Haushaltsmaschinen des 21. Jahrhunderts zu sehen, Saug- und Wischroboter etwa, von denen noch keine große Bedrohung auszugehen scheint. Auch eine Performance ist hier dokumentiert, die zeigt, zu welchen Albernheiten eine Bürogemeinschaft fähig ist, wenn die Computer all ihre Arbeit übernommen haben. Es gibt der Aspekte etliche mehr. Eingestimmt und neugierig wandern wir weiter.

Kuh oder Sofa

Simone C Niquilles raumgreifend angelegte Videoinstallation „Sorting Song“ (2021) führt auf großer Leinwand bildmächtig das Dilemma eines überforderten Erkennungsprogramms vor, das den zu bestimmenden Gegenstand mal als Kuh, mal als Sofa identifiziert und abbildet. Anna Ridlers „Laws Of Ordered Form“ (seit 2020) befaßt sich mit elektronischem Bilderkennen und –benennen in enzyklopädischen Dimensionen und vergleicht dies mit traditionellen, nach Stichworten strukturierten Formen der Archivierung. Die „Mikroarbeiter“, Männer wie Frauen natürlich, haben ihren Platz in der Ausstellung, jene vielen tausend Menschen, die isoliert zu Hause und unter oft miserablen Konditionen in der ganzen Welt als „Datenreiniger“ oder „Klickarbeiter“ händisch all das machen, was die „KI“ nicht hinbekommt. Die Italienerin Elisa Giardina Papa, die selber als Datenreinigerin für Unternehmen arbeitete, und der Kölner Conrad Weise erinnern in ihren Arbeiten an sie.

Kein Alter Meister, sondern ein Bild aus der Arbeit „Laws of Ordered Form“ von Anna Ridler (2020), in der es um Bilderkennung geht. (Bild: HMKV)

Diskriminierung

Überhaupt: die Zukurzgekommenen, die Diskriminierten, die rassistisch Ausgegrenzten. Etliche Arbeiten beleuchten diskriminierende Aspekte der Algorithmen – die Diskriminierung dunkler Hautfarbe beispielsweise in Gesichtserkennungs-programmen, die Diskriminierung von ausländischen Akzenten oder „Unterschichtsprache“ in Spracherkennungsprogrammen. „KI“ ist nicht woke, im Gegenteil. Unübersehbar ist es das Anliegen wenn schon nicht dieser Ausstellung, so doch sicherlich etlicher Arbeiten, die diskriminierenden Eigenschaften von „KI“ vor allen im Überwachungswesen herauszuarbeiten. Und dagegen ist auch nichts zu sagen.

Ein weit gefaßter Kunstbegriff

Eher schon könnte man in Nachdenklichkeit verfallen über den hier doch sehr, sehr weit gefaßten Kunstbegriff. In vielen Arbeiten ist schwerlich mehr zu erkennen als das Zitat eines „KI“-typischen Problemfelds. Ein gewisses Unwohlsein hinsichtlich der künstlerischen Valeurs scheinen auch etliche der 21 Teilnehmer zu empfinden, die als Berufsbezeichnung in ihre Biographien zusätzlich „Forscher“ hineingeschrieben haben. Auf jeden Fall jedoch funktioniert diese insgesamt sehr schöne, kompakte, schlüssige Ausstellung durch die Summe der Exponate. Anders ausgedrückt: Wer sich für das Themenfeld interessiert, sollte hingehen. Gut geeignet auch für technikaffine Besucher.

    • „House of Mirrors: Künstliche Intelligenz als Phantasma“
    • HMKV Hartware Medienkunstverein
    • im Dortmunder U, Ebene 3
    • Leonie-Reygers-Terrasse
    • Bis 31 Juli.
    • Geöffnet Di-Mi 11-18 Uhr, Do-Fr 11-20 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr
    • Eintritt frei
    • www.hmkv.de

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Eine teilweise ähnlich gelagerte Ausstellung zur „KI“ läuft seit November 2021 und noch bis zum 9. August 2022 in der Dortmunder DASA (Deutsche Arbeitswelt Ausstellung). Hier ein Link zu unserem DASA-Bericht.

 




In diesen Zeiten Journalist werden? Tja, mh, äh…

Ob man/frau heute noch einmal den journalistischen Beruf ergreifen oder sich gar von ihm ergreifen lassen sollte? Mh, ich weiß nicht so recht.

Einst die Insignien des Print-Redakteurs, sozusagen „Zepter und Reichsapfel": Typometer und grapgische Rechenscheibe. (Foto: BB)

Einst Insignien in Print-Redaktionen, heute längst museal: Typometer und graphische Rechenscheibe. (Foto: BB)

Dies soll gewiss keine Berufsberatung werden. Doch auch kein unumwundenes Abraten. Nur ein paar gesammelte Bemerkungen. Wer in sich eine entsprechende Begabung fühlt, mag es sicherlich weiterhin versuchen. Aber leicht wird es nicht. Doch wird es beispielsweise leichter sein, Lehrer zu werden und über Jahrzehnte zu bleiben? Wohl kaum.

Zu den Zeiten, als „meine Generation“ (yeah, yeah!) im journalistischen Job anfing, war noch manches anders, die spürbaren Veränderungen kamen erst nach einigen Jahren – zuerst schleichend, dann rasend. „Damals“ sah man in der Straßenbahn und an vielen anderen Orten noch lauter Menschen mit Zeitungen (oder mit Büchern). Und heute? Nun, ihr wisst schon, was ich meine. Manchmal ist es bestürzend.

Aktualität war seit jeher mediales Gebot, auch Zeitdruck ist im Print-Gewerbe und bei anderen journalistischen Hervorbringungen natürlich keineswegs neu. Im Gegenteil. Ehedem wurden Zeitungen laufend aktualisiert, bis in die Nachtstunden hinein. Zehn Jahrzehnte vor unserer Zeit, in den legendären 1920er Jahren, gab es noch Rezensionen, die gleich nach Schluss der Aufführungen gedruckt wurden. Aber hallo!

Doch heute werden Nachrichten und Kommentare nicht nur schnell, sondern oft genug vorschnell verfertigt, noch während und indem die Geschehnisse sich bewegen. Unsere täglichen Eilmeldungen gib uns heute. Halbgare Stoffe werden schon hastig um und um gewendet, ehe die Wahrheit (ach ja!) ihren ersten zarten Anschein zu zeigen vermag. Inzwischen sind Berichte unter der demonstrativ wägenden Standard-Zeile „Was wir wissen – und was nicht“ ja schon ein eigenes, immerhin halbwegs seriöses Genre.

Auch war längst nicht dieser furchtbar freigelassene, entfesselte Hass unterwegs wie heute. Ehedem kamen ab und zu ein paar Leserbriefe, zumeist recht moderat im Tonfall. Heute müssen (?) sich Medienleute mit pointierten Meinungen oder nach peinlichen Pannen darauf einrichten, im Netz übelst angegangen oder bedroht zu werden – jüngstes, über alle Maßen bekakeltes Beispiel war jetzt die Oma als „alte Umweltsau“.

Der Respekt – auch vor den Vertretern vieler anderer Berufe – ist zusehends geschwunden, die Zündschnüre des Zorns sind ungleich kürzer. Wohin soll das in diesen neuen 20er Jahren führen?

Und dabei haben wir noch gar nicht über die ungeheure Arbeitsverdichtung geredet, die in vielen Branchen Einzug gehalten hat – so eben auch im Journalismus. Mit dem Aufkommen des Computers hat nach und nach die Hektik zugenommen, auch weil man nun die Arbeit zu erledigen hat, die vordem anderen Berufsgruppen oblagen, beispielsweise Setzern und Korrektoren. Das waren noch Leute und Zeiten. Und die Fehlerquote lag bedeutend niedriger als jetzt.

Nö, früher war nicht alles besser. Aber dies und das eben doch. Und nun sucht euch halt euren künftigen Beruf – oder besser: eure Berufe – aus. Bei einem einzigen wird es vermutlich eh nicht bleiben.




„Unboxing“-Videos: Wenn der Nerd die neuen Geräte auspackt

Screenshot aus einem Erklär-Video vom „Technikfaultier". Vorgeführt wird ein iPad von Apple.

Bildnis mit Gerät und Nutzer: Screenshot aus einem Erklär-Video vom sich selbst so nennenden „Technikfaultier“. Vorgeführt und gleichsam rezensiert wird hier das iPad 10.2 (2019) von Apple.

Ich muss ein Geständnis ablegen: Ich bin ein Fan von gut gemachten „Unboxing“-Videos.

Der Laie fragt entgeistert: Nanu? Nein, es hat nichts mit Boxen oder anderlei Körperverletzung zu schaffen, sondern ist ein eigenes, sehr weit verbreitetes Genre, zumal bei YouTube. Da treten zahllose Freaks und Nerds mit mehr oder minder ausgeprägten Spezialbegabungen an, um neue Geräte zu erklären. Stiftung Warentest 4.0, wenn man so will. Aber nicht ganz so stockseriös. Denn das käme beim wohl vorwiegend jüngeren Publikum auch nicht so gut an. Es wäre nicht „cool“ genug.

Und was hat es mit dem Wort „Unboxing“ auf sich? Nun, es steht schlicht und einfach fürs Auspacken neuer Ware (aus der Box/Schachtel holen), vor allem betrifft es technische Gerätschaften aus den Bereichen Computer, Smartphones oder Audio.

Gewiss, da gibt es Gähnstoff-Videos zum alsbaldigen Einschlafen, die das Entfernen jeder, aber auch wirklich jeder Umverpackung ausführlich im kaum bewegten Bild dokumentieren, bevor es dann schließlich bräsig zur Sache geht. Da wird halt rasch weggeklickt.

Die besseren YouTuber dieser Richtung gehen allerdings deutlich flotter und zielgerichtet zu Werke. Schließlich wollen sie möglichst einige Tausend Zugriffe ernten, um sodann von den Herstellern mit brandneuen Apparaten kostenfrei bemustert zu werden.

Nützliche Tipps – vorher oder nachher

Ist man drauf und dran, ein Gerät zu kaufen oder ist gar die Sendung schon unterwegs, kann man sich hier schon mal etwas schlauer machen, was Qualitäten, Mängel und Handhabung angeht. Häufig wird konkrete Vorfreude geweckt. Die gewiefteren „Influencer“ (verzeiht mir bitte dieses grippale Unwort) zeigen jedoch durchaus auch Schattenseiten der ausgepackten Ware, wenn auch zumeist freundlich-unterhaltsam verbrämt. Hin und wieder aber auch sehr freimütig.

Im Nachhinein, wenn man ein Teil schon erworben hat, gibt es hier noch manchen nützlichen Tipp. Wenn’s gut läuft, nimmt man dann noch rechtzeitig sein Widerrufsrecht wahr. Oder man lernt, mit den kleineren Mucken eines Geräts fertig zu werden. Oder man ist und bleibt angetan, nun aber quasi fundiert.

Man wird in diesen Filmen wohl nicht mehr versteckte werbliche Aussagen finden als – sagen wir mal – im Reise- oder Motorteil einer Tageszeitung (zwei besonders anfälligen Ressorts also). Es scheint weithin üblich zu sein, dass man ganz offen sagt, von der Industrie kostenlose „Rezensions-Exemplare“ bekommen zu haben. Gut so. Solche Transparenz hilft bei der Einschätzung.

Zwischen Warenfetischismus und persönlicher Eitelkeit

Mit der Zeit wird man den oder jenen Ratgeber (tatsächlich sind es auf diesem Gebiet meistens jüngere Männer) entdecken, dem man besonders vertraut. Einer, der mir schon durch seinen pfiffigen Spitznamen aufgefallen ist, zählt dazu. Er nennt sich „Technikfaultier“ und ist immer mal wieder für ein paar brauchbare Hinweise gut. Andere tun es ihm gleich. „Technikfaultier“ hat übrigens 226.000 Abonnenten bei YouTube (also mehr Dauernutzer als die meisten deutschen Tageszeitungen) – vom virtuellen „Laufpublikum“ ganz zu schweigen.

Viele Unboxing-Videos zeigen lediglich das besprochene Gerät, was sehr leicht in Warenfetischismus ausarten kann. In anderen Beiträgen lassen sich auch die Urheber blicken – oft nicht ganz uneitel (manche hören sich sehr gerne reden), gelegentlich auch mitsamt ihrer Wohnungseinrichtung oder anderen Accessoires. Es muss eben jeder selbst wissen, wie er sich und seine Lebensweise vor einem potenziellen Millionen-Publikum offenbart.

„YouTuber(in)“ als Berufswunsch bei Kindern

Wo wir schon mal so traulich beim Thema sind: Bereits unter Acht- bis Zehnjährigen kursiert derweil „YouTuber(in)“ als häufiger Berufswunsch. Tierärztin und Fußballspieler können damit noch halbwegs mithalten – aber dann wird es schon dünn. Nun gut, das gibt sich in ein paar Jährchen.

Ein anderer, jedoch verwandter Fall sind die unzähligen Erklärvideos im Netz, die einem auch noch die letzten Kniffe en détail beibringen sollen: beispielsweise, wie, womit und was man kochen oder grillen soll; beispielsweise, wie, wann und warum man Rasen mäht oder Flecken entfernt – und das sind nur die populärsten Beispiele. Es gibt da wahrhaft exotische „Lebenshilfe“, die einem in netzlosen Zeiten so nicht zur Verfügung gestanden hat. Ganz ehrlich: Es sind darunter womöglich unbedarfte, aber keineswegs die unsympathischsten Seiten im www.

 




Plastikpuppen, Suchmaschinen – Dortmunder Hartware Medienkunstverein zeigt Arbeiten von „Computer Grrrls“

Bild aus Caroline Martels Film „The Phantom of the Operator“ von 2004 (Bild: public domain/artifact productions. Im Rahmen der Ausstellung „Computer Grrrls“, HMKV im Dortmunder U)

Zwei aufblasbare überlebensgroße Plastikpuppen sind der Blickfang im Raum – plumpe Gebilde, denen Ventilatoren in regelmäßigen Abständen Kontur und Fülle verleihen, bevor sie, mangels Luftdruck, wieder in sich zusammensacken. Der grob-schlächtigen Bemalung nach sind sie nackt, eine erotische Anmutung jedoch geht von ihnen eher nicht aus.

Luftnummer

Was die Figuren eint, ist ihre Geschichte: Beide sind sie Auftragsarbeiten, entstanden in spezialisierten Werkstätten in China und den Niederlanden, denen als Vorbild identische zweidimensionale Pläne dienten, die die Künstlerin Simone C. Niquille anfertigte. Der Unterschied zwischen den Puppen ist mithin der „kulturellen Differenz“ der Produzenten geschuldet. Da sich die Figuren jedoch recht ähnlich sind, kann es (bei dieser Art von Beweisführung) mit der kulturellen Differenz nicht weit her sein.

Ach ja: Angebliches Vorbild der Puppenplanung ist eine Doppelgängerin von Hillary Clinton (auf einem Videomonitor zu sehen), deren Gesicht folgerichtig den runden Kopfballon einer der Figuren ziert. Bei der anderen wurde auf ein vorlagengetreues Gesicht eher weniger Wert gelegt. „The Fragility of Life“ heißt das ganze bedeutungsschwer. Haben wir jetzt alles?

Computer und Zubehör aus der Vergangenheit sind das Thema von Jenny Odell. „Neo-Surreal“, 2017 (Bild: Jenny Odell. Im Rahmen der Ausstellung „Computer Grrrls“, HMKV im Dortmunder U)

Computer und Zubehör aus der Vergangenheit sind das Thema von Jenny Odell. „Neo-Surreal“, 2017 (Bild: Jenny Odell. Im Rahmen der Ausstellung „Computer Grrrls“, HMKV im Dortmunder U)

Video-Schwerpunkt

Mit dem Kunstbegriff ist es bei solchen Arbeiten nicht immer einfach. Finale Wertungen sollen hier unterbleiben, ein jeder Besucher – und eine jede Besucherin, aber klar doch! – urteile selbst.

„Computer Grrrls“ ist der Titel der Ausstellung, zu sehen ist sie im Hartware Medienkunstverein (HMKV) im Dortmunder „U“. Mit einer marginalen Ausnahme wird hier nur Kunst von Künstlerinnen (ohne Sternchen) gezeigt, Arbeiten eher jüngerer Frauen, die mehr oder weniger eng um Computer, Informationsverarbeitung, Internet, KI und so fort kreisen.

Etwa 13 der 23 Exponate (bei manchen ist eine eindeutige Zuordnung nicht sinnvoll) arbeiten mit Video, mal auf kleinem Schirm, mal im abgedunkelten Séparée, was in der Ausstellung eines „Medienkunstvereins“ ja auch naheliegend ist. Eher schon könnte man hier die Zeichnungen und Aquarelle Suzanne Treisters als Ausreißer betrachten. In ihnen ist sogar Humor zu registrieren, wenn sie etwa auf einer wandgroßen Weltkarte die „Post Singularity Epoch of Artificial Super Intelligence Inhabitation of Earth“ darstellen. Bemerkenswert sind auch die Mandalas ähnlichen ornamentalen Bilder, die die Entwicklung von IT beschreiben.

Ganz so zornig sind sie nicht

„Computer Grrrls“ denn also. Der Titel läßt an „Riot Girls“ denken, an zornigen weiblichen Punk der 90er Jahre, der nun beim Medienthema irgendeine Entsprechung zu finden sich anschickt. Doch ist in der Ausstellung eher keine aggressive Kunst zu finden, und es wäre unredlich, die oftmals klugen und nachdenklichen Positionen sämtlich unter das Zornesbanner zu drängen. Auch muß nachdenklich stimmen, daß das Signalbild der Ausstellung, eine vielgliedrige, wohl weibliche Gestalt, die die Zunge provozierend herausstreckt, keineswegs ein Exponat ist, sondern offenbar eine Auftragsgraphik des Vereins mit dem bescheidenen Copyrightvermerk „Gestaltung: Stefanie Ackermann, Manuel Bürger“. Hatten sie wirklich kein Kunstwerk, das zum Titel paßte?

Nadja Buttendorf erzählt im Video die Geschichte ihrer Eltern beim DDR-Elektronikkombinat Robotron. (Bild: Nadja Buttendorf. Im Rahmen der Ausstellung „Computer Grrrls“, HMKV im Dortmunder U)

Telefonistinnen

Wie auch immer. Auffällig bei vielen Arbeiten ist eine Interesse an Forschung, zumal an historischer. So befaßt sich Caroline Martels mit feiner Ironie betitelter 65-Minuten-Film „Le Fantôme de l’Opératrice“ (Das Phantom der Telefonistin) unter Verwendung alter Originalaufnahmen profund mit Frauen und elektrischer/elektronischer Technik. Darsha Hewitt hat zwei „analoge“ Rhythmusgeräte vom Typ Wurlitzer Sidemann 5000 in Glasvitrinen gestellt, hat sie gründlich erforscht und erläutert sie in 10 Fünfminutenvideos. Nadja Buttendorf wiederum erzählt im Stil einer YouTube-Serie in heiter anmutenden Dreiminutenfolgen die Geschichte ihrer Eltern, die sich im seinerzeit bedeutenden DDR-Elektronikkombinat Robotron kennenlernten, heirateten, arbeiteten und sich nach dem Niedergang der Firma trennten.

Üble Späße mit dem Chatbot

Andere Künstlerinnen registrieren – auch hier könnte man oft sagen: augenzwinkernd – die Wechselbeziehungen von Mensch und Netz. So hat Erica Scourti in „Body Scan“ ihre Körpermaße als Text in eine Suchmaschine gegeben und präsentiert in einem Video nun – emotionslos, wie es scheint -, was ihr angeboten wird. „I’m here to learn so :))))))“ von Zach Blas & Jemima Wyman erzählt die angeblich wahre Geschichte des Chatbots Tay, der im Netz die feine Konversation erlernen sollte. Böse Trolls jedoch brachten ihm so viel verbalen Schweinkram bei, daß Microsoft Tay nach 16 Stunden wieder aus dem Verkehr ziehen mußte: Eine eindrucksvolle 4-Kanal-Videoinstallation mit einem eingedötschten, munter erläuternden Chatbot-Kopf, 27:33 Minuten lang.

Schönes aus dem 3D-Drucker

Erwähnt sei schließlich noch eine besonders „schöne“ Arbeit der Iranerin Moreshin Allahyari. In der Konzentration eines abgetrennten Betrachtungsraums erzählen Videos von monströsen weiblichen Dschinn-Figuren, von Ya’jooj und Ma’jooj, von Aisha Qandisha, und in zwei Vitrinen stehen diese Figuren, leuchten golden, Geschöpfe aus dem 3D-Drucker. Dieses Projekt sei, belehrt uns das Programmheft, Teil einer Serie zu „digitalem Kolonialismus und Re-figuration als feministische und aktivistische Praxis“. Nun gut; auf jeden Fall hinterlassen die einzigen figurativen Arbeiten mit gleichsam klassisch-skulpturaler Anmutung in dieser Ausstellung einen bleibenden Eindruck.

Skulpturales aus dem 3D-Drucker: Morehshin Allahyari, „Ya’jooj Ma’jooj“, 2018 (Bild:  Morehshin Allahyari. Im Rahmen der Ausstellung „Computer Grrrls“, HMKV im Dortmunder U)

Plötzlich waren die Frauen weg

Zurück noch einmal zum titelgebenden Zorn, der in den Arbeiten kaum Widerhall findet. Wenn er sich aber aus der Kunst nicht speist, wie dann? Es hat, eine Zeitschiene an der Wand verdeutlicht es, mit der Präsenz oder, ehrlicher ausgedrückt, Nicht-Präsenz von Frauen im großen IT-Themenfeld zu tun.

Gewiß, in der Frühzeit des komplexen Rechnens gab es sie noch, als „Rechnerinnen“ bei Finanzämtern oder Versicherungen. Auch als Bedienerinnen riesiger Maschinen, die mechanisch oder mit Röhrenbestückung Resultate suchten, waren sie unverzichtbar, und in Bletchley Park zum Beispiel, wo der geniale Mathematiker Alan Turing im 2. Weltkrieg den Code der Nazi-Verschlüsselungsmaschine „Enigma“ knackte, war die Zahl der weiblichen Mitarbeiter erheblich.

Doch spätestens mit dem Aufkommen der Personal Computers (PC) in den 80er Jahren, erläutert Inke Arns vom Hartware Medienkunstverein, war Schluß mit weiblicher Beteiligung. Computer waren nun Männersache, und sie sind es bis heute geblieben. Wenn Frauen in der IT-Industrie doch einmal in Spitzenpositionen gelangen, CEO werden, dann wahrscheinlich auf der juristischen oder wirtschaftswissenschaftlichen Schiene, eher nicht auf der technischen. Die berühmten Firmengründer und bald danach schon Multimilliardäre – Bill Gates, Steve Jobs, Mark Zuckerberg und so fort – waren sämtlich Männer, eine Videoarbeit in der Ausstellung thematisiert die männliche Dominanz ironisch, indem sie einfach Biographien aneinanderreiht: „A Total Jizzfest“ von Jennifer Chan.

Viele künstlerische Positionen

Wenngleich feministische Klage und präsentierte Kunst in dieser Ausstellung ein wenig auseinanderfallen, schmälert dies nicht ihre Attraktivität, weil so viele junge Positionen zu sehen sind wie selten. Der Vollständigkeit halber sei noch vermerkt, daß das Pariser Kulturzentrum La Gaîté Lyrique Kooperationspartner der Schau ist. Dort, in Paris, wird die Ausstellung im kommenden Frühsommer zu sehen sein, bevor sie dann im August zum MU Einhoven nach Holland weiterzieht.

  • „Computer Grrrls“, HMKV im Dortmunder U, Leonie-Reygers-Terrasse, 44137 Dortmund
  • Bis 24. Februar 2019.
  • Geöffnet tgl. außer Mo 11-18 Uhr, Do+Fr 11-20 Uhr.
  • Eintritt frei
  • www.hmkv.de



„re:set“ – Recklinghausen zeigt Malerei nach Computer-Motiven

Drum

Viereinhalb Quadratmeter wabernde Kunst: „Drum’n Bass“ von Volker Wevers aus dem Jahr 2007 (Bild: Kunsthalle Recklinghausen/Katalog)

Der Computer, eine Binse, hat viele Lebensbereiche gravierend verändert. Auch die bildende Kunst bedient sich seiner, manche Menschen behaupten gar, der Computer selbst besäße Kreativität und würde den Künstler bald überflüssig machen. Ist die Maschine also das letzte Maß der Dinge? Das will man ja auch nicht so recht glauben, zumal Bäume nicht in den Himmel wachsen, selbst dann nicht, wenn sie digitalisiert sind.

In der Recklinghäuser Kunsthalle sind nun rund 70 Bilder zu sehen, deren Schöpferinnen und Schöpfer sehr bewußt eine Trennlinie zur elektronischen Kunstgenerierung gezogen haben. Es ist dies eine Grenze irgendwo auf dem Weg zum künstlerischen Endprodukt, keine Ausgrenzung des Elektronischen schlechthin. Vielmehr sind viele Entwürfe im Rechner entstanden, um letztlich jedoch zu einem „gemalten“ Bild zu führen. „Re:set – abstract painting in a digital world“ ist die Gemeinschaftsschau von 16 Künstlerinnen und Künstlern überschrieben, und es darf einen nicht wundern, daß vier von ihnen mit Video arbeiten, was der Malerei ja nur mit einigen definitorischen Anstrengungen zuzuordnen ist.

Die Teilnehmer stammen aus Deutschland, Belgien, Dänemark und den Niederlanden, kuratiert wurde die Ausstellung von Claudia Desgranges und Friedhelm Falke, die auch als Künstler beteiligt sind, und das ganze ist ein Gemeinschaftsprojekt der Kunsthalle Recklinghausen mit dem Kunstmuseum Heidenheim, dem Clemens-Sels-Museum in Neuss und dem Kunstmuseum Celle, wo die Ausstellung bereits zu sehen war. Womit wir endlich beim Thema wären: Was gibt es überhaupt zu sehen?

Global und kränkend phantasielos geantwortet: Viele große bunte Bilder, die in Machart und Anmut natürlich ebenso heterogen sind wie das Teilnehmerfeld. Noch komplizierter wird es, wenn in jedem Oeuvre die spezifische Beziehung zur elektronischen Bildergenerierung mitgedacht werden soll oder gar der Mehrwert für den Betrachter, der durch die handwerkliche Ausführung entsteht. Da hat Friedhelm Falke beispielsweise von schwarzen Balken dominierte Flächenkompositionen auf dem Rechner durchprobiert und seine Favoriten mit Acrylfarbe auf Nesselgrund gemalt; Signe Guttormsen betont die Stofflichkeit ihrer Werke, indem sie beim hölzernen Trägermaterial immer wieder die rechteckige Grundform bricht, Ab van Hanegem wiederum malt vergleichsweise traditionelle, farbenfrohe Flächenkompositionen auf Segeltuch. Ist er damit eher bei Cézannes Stilleben-Apfel, oder war der Bildschirmschoner sein Vorbild? „Eher Apfel als Bildschirmschoner“, stellt Hans-Jürgen Schwalm, der stellvertretende Chef der Kunsthalle, kategorisch fest. Wenngleich van Hagenems farbsatte Bilder auch sehr schöne Bildschirmschoner ergeben würden, unterlegt vielleicht mit einem pfiffigen Animationsprogramm.

Man schreitet voran durch die Hallen des ehemaligen Hochbunkers am Recklinghäuser Bahnhof, trifft auf Michael Jägers stupende Ansammlungen kleinteiliger Dekorationsmuster in knallbunten Clustern auf monochromen Flächen, begegnet Martijn Schuppers’ geheimnisvollen, dreidimensional wirkenden Farboberflächen, die aus dem All oder auch aus dem Elektronenmikroskop stammen könnten, tatsächlich jedoch in einer sehr speziellen Prozedur unter Zuhilfenahme von Lösungsmitteln und weiteren geheimen Chemikalien entstanden. Entfernt lassen sie in ihrer Textur übrigens an manche Flächenbilder von Gerhard Richter denken, der jedoch mit vollkommen anderer Technik zu seinen Resultaten gelangte.

Den wild geschweiften Flachformaten Volker Wevers’ ist eigen, daß sie kraftvolle Titel tragen: „Roundaboard“ heißt eines von ihnen, „Drum’n Bass“ ein anderes, „Wide Car in Germany“ ein drittes. In ihrer schlierigen, plastischen Anmutung erinnern sie an den spontanen Expressionismus des hundertjährigen K.O. Götz, den die Kunstwelt soeben wiederentdeckt (ab März in der Duisburger Küppersmühle), doch sind sie, wie angesagt, Früchte der Auseinandersetzung mit Computergeneriertem.

Einige Plastiken sind in der Ausstellung, und warum sie nicht Plastiken sein sollen sondern Malerei, ist beim besten Willen nicht nachvollziehbar. Aber die stilistischen Zuordnungen von Kunst sind eh immer schwierig und wirken oft auch willkürlich. Ohne Computer-Hintergrund könnte man durchaus auch meinen, in dieser Schau etlichen Vertretern beispielsweise des abstrakten Expressionismus oder der konkreten Malerei begegnet zu sein.

Der Eindruck, den diese Recklinghäuser „postdigitale“ Bilderschau hinterläßt, bleibt verhalten. Natürlich liegt das ganz wesentlich daran, daß die zwölf unterschiedlichen Positionen einander gegenseitig Aufmerksamkeit wegnehmen. Doch köchelt das Gezeigte auch sehr im eigenen Saft, zeigt jenseits des autoreferentiellen Eifers wenig Lust auf Botschaft oder gar Radikalität.

Schließlich gilt, wie stets: Man (und frau!) gehe selber ins Museum und mache sich ein Bild. Denn nur hier gibt es die Originale zu sehen, und die wirken viel stärker als jede Reproduktion.

„re:set“ – Kunsthalle Recklinghausen, Große Perdekamp-Straße 25-27 (am Bahnhof). Sonntag, 9. Februar, bis 13. April 2014. Geöffnet täglich außer Montag 11 bis 18 Uhr. www.kunst-re.de, Eintritt 3 Euro. Der ausführliche Katalog kostet im Museum 12 Euro, im Buchhandel 24,80 Euro.




Losung des Tages: Keine Gnade mit Computern – und dann weg mit dem Internet!

Das ist bedenklich: wie sehr unsereiner vom Online-Zugang abhängt.

Viele werden das empört von sich weisen: Wir doch nicht! Doch muss man ihnen glauben? Nein. Auch ihr seid süchtig, liebe Leute. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen.

Die Sache verhält sich so. Ich bin für ein paar Tage in Urlaub und die Online-Verbindung streikt hier immer wieder.

(Werte Einbruchswillige, meine Lieben und ich können jede Sekunde zurückkehren – dann lauere ich sofort wieder mit meinem Schießgewehr, kawumm!).

Quälend offline also. Dabei ist man doch nur in Holland und nicht im Outback.

Es grenzt an Slapstick. Nur im Freien funktioniert der vom Haus des Vermieters kommende WLAN-Empfang, doch zuweilen lediglich dann, wenn ich das Notebook in einer bestimmten Zone des Grundstücks über Kopfhöhe halte, zähneknirschend das schüttere Empfangssignal abwarte und nun laaaangsam das Gerät senke, um mich schließlich wieder voooorsichtig hinsetzen zu können. Bis auf weiteres.

Es ist entwürdigend. Es ist demütigend.

Und nein: Ich will nicht ins Internet-Café.

Verfluchte Technik, die einen zum Deppen degradiert und sowieso auf Verschleiß beruht. Mit Computern samt allem Drum und Dran mag ich keine Nachsicht oder Geduld aufbringen. Wie denn auch?

Alle kennen das, gebt es nur zu! Man möchte die Apparatur anschreien, maßregeln oder am besten gleich vor die Wand klatschen. Man möchte das Display aufschlitzen, die Tasten oder die Platine herausreißen und überhaupt das vermaledeite Internet aushebeln, ankokeln, abservieren. Weg damit auf den Müllhaufen der Geschichte. Von vorn beginnen.

Doch man muss ja so dringend Mails verschicken, Freunden bei Facebook dies und jenes mitteilen, seine Homepage, sein Blog oder sonstwas weiterführen. Das virtuelle Leben darf doch nicht pausieren. Man könnte sonst womöglich zur Besinnung kommen. Zur Einkehr gar!

Solcher Zwiespalt setzt wohl voraus, dass man eine lange Zeit des Lebens gänzlich ohne Internet verbracht hat. Den digitalen Eingeborenen (um die Formel ein allerletztes Mal zu verwenden) ist das nicht mehr begreiflich zu machen.

Weiß man denn selbst noch, wie es vorher gewesen ist? Wie man ohne Suchmaschinen und all die anderen Phänomene und Phantome sein Dasein hat fristen können? Sollte man etwa Bücher befragt oder sich bei Fachleuten erkundigt haben? Sollte man Dinge im Wortsinne begriffen haben?




Wunder mit Widerhaken – F. C. Delius‘ Roman zur Erfindung des Computers

US-Amerikaner rühmen sich der Erfindung des Computers, doch irgendwann haben sie anerkannt, dass einst ein Deutscher die kreative Vorhut bildete: Konrad Zuse (1910-1995).

Stoff genug für Phantasien mit realistischer Sättigungsbeilage. Jetzt liegt ein Roman über Zuses Leben vor – verfasst vom vielfach bewährten Friedrich Christian Delius, der etwa auch schon das fußballerische „Wunder von Bern“ zum literarischen Spielfeld erkoren hat („Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“, 1994).

Der Titel des neuen Buches klingt artverwandt und beschwört ebenfalls „Wunder“ herauf: „Die Frau, für die ich den Computer erfand“ geht von der Fiktion aus, dass eben jener Konrad Zuse anno 1994 einen öden Braunschweiger Festakt zu seinen Ehren „schwänzt“ und statt dessen einem Journalisten zwölf Stunden lang (!) Bekenntnisse auf Band spricht, die erst posthum publiziert werden sollen. Schon die exorbitante Länge riecht nach Protest gegen den heute vielfach üblichen Häppchen-Journalismus.

Das denkwürdige Treffen begibt sich sozusagen in der mittleren Mitte Deutschlands – im hessischen Rhön-Kreis Hünfeld, zu Zeiten des geteilten Landes ein Grenzgelände des Kalten Krieges, auf dem West und Ost einander kriegsbereit belauerten (Stichworte: „Fulda Gap“, „Point Alpha“ bei Geisa). In dieser Gegend hat der gebürtige Berliner Zuse nach dem Zweiten Weltkrieg gelebt.

Der Romantext besteht – bis auf einen einzigen Satz – ausnahmslos aus den auf Band aufgezeichneten Passagen. Die Sprache liest sich dementsprechend lebendig und spontan, sie hört sich nicht „nach Papier“ an. Gut vorstellbar, dass auch Delius seinen Text zur Probe auf Band gesprochen hat. Aufgeteilt ist das Ganze in knappe Kapitel, was die einladende Lektürefreundlichkeit noch steigert. Man kann das Buch also recht glatt und zügig „weglesen“; eine Feststellung, die nicht etwa als vergiftetes Lob verstanden werden möge. Denn das Widerspenstige und die Widerhaken gegen oberflächlich flotten Zeitgeist und digitale Idiotie stecken im (vordergründig kulinarisch dargebotenen) Inhalt.

Zentrale, doch ungreifbare Gestalt ist eine gewisse Ada Lovelace (1815-1852), Tochter des romantischen Dichters Lord Byron und dazumal rares weibliches Genie der Mathematik, die bei Leibniz’ binärem Zahlensystem angeknüpft hat. Man sagt ihr nach, sie habe bereits die allererste Programmiersprache skizziert. Zuse stößt in den 1930er Jahren in einem Buch auf die jung verstorbene Britin und verliebt sich in sie – sozusagen im Überschwang eines erfinderischen Eros über Generationen hinweg. Jahrzehnte bleibt er ihr insgeheim treu, und sie beflügelt ihn, ja sie scheint ihn durch prekäre Situationen zu geleiten wie ein Engel.

Wunder über Wunder allein schon, wie es Zuse gelingt, die ersten Apparate in Berlin-Kreuzberg unter widrigsten Umständen zu bauen und dass er später seine Erfindung (eine monströse, aber schließlich wie geölt funktionierende Maschine mit dem Hilfsnamen „A 4“ bzw. „Z 4“) durch die kriegerischen Wirren nach Bayern rettet. Der erste Prototyp „A 1“ war 1938 noch ein mechanisch ratterndes Ungetüm gewesen, das notgedrungen aus lauter Ersatzmaterialien bestanden hatte.

Der erfahrene Schriftsteller Delius spielt in der offenbar gründlich recherchierten, jedoch mit erfinderischer Lust angereicherten Geschichte allerlei Themen und Motive durch, durchweg stilsicher, stellenweise kunstvoll, ja virtuos: Da geht es vorderhand um mögliche Verfehlungen und die Verantwortung des Ingenieurs im „Dritten Reich“. Sehr differenziert kommt hier Zuses spezielle Form des freimütig eingestandenen Mitläufertums zur Sprache. Er hat auch bei Berechnungen mitgeholfen, um deutsche Fliegerbomben zu optimieren. Hätte er sich weigern können? Hätte er dann noch weiter an seinen programmierbaren Maschinen arbeiten können?

Besessen und getrieben von seiner eigentlichen Aufgabe, an der er in 80-Stunden-Wochen gearbeitet hat, hat sich dieser Mann durch alle Fährnisse laviert. Der Roman scheint den Schluss nahezulegen, dass Zuse dabei wahrscheinlich anständiger geblieben ist als der allseits dienliche Raketenpionier Wernher von Braun. Ein irritierendes Flimmern ergibt sich freilich aus der (natürlich vom Autor Delius arrangierten) subjektiven Rede, die ja immerhin schönfärberisch und selbstgerecht sein könnte. Doch der uneitle Tonfall spricht wiederum gegen solchen Verdacht.

Ein weiterer Themenstrang ist die unaufhörliche Rivalität zwischen Künsten und Geisteswissenschaften sowie Mathematik, Natur- und Ingenieurswissenschaften. Zuse erscheint nicht als zorniger, doch als schroffer und schräger alter Mann, der sich aus den bislang lebenslang durchstreiften Gefilden der Logik endlich ins befreite Phantasieren hinein bewegt und nun frei von der Leber weg reden kann: „…die Zukunft gehört der Kunst. Ohne Kunst ist das Leben ein Irrtum…“, sagt er mit Anklang an Nietzsche.

Vor allem aber zitiert Zuse immer wieder aus Goethes „Faust“, vielleicht auf der Suche nach dem Faustischen und Mephistophelischen schlechthin. Doch er hat’s stets ein paar Nummern kleiner und damit menschlicher. Ada statt Mephisto, so lautet die Formel. Bei aller Knorrigkeit und Sperrigkeit und trotz opportunistischer Anwandlungen begegnet uns in Konrad Zuse, so wie Delius ihn darstellt, eine vorwiegend sympathische Figur, die durch Schattierungen und Schraffuren genauer, wahrhaftiger wird.

Nicht ungern sieht dieser Zuse sich endlich als Erfinder gewürdigt, doch sind ihm eitle Allüren fremd. Ihm geht es schlichtweg um die Richtigkeit der Sache. Dass die Amerikaner ihn (nicht zuletzt mit gezielt eingesetzter Dollar-Power) in den 1960er Jahren rasant überholt haben, das hat ihn geschmerzt, doch irgendwann hat er auch das verwunden. Man stelle sich mit F. C. Delius vor, was da hätte entstehen können: Ein weltweit führendes „Silicon Valley“ rund um Fulda und Hünfeld – das wäre doch auch zu irrwitzig gewesen, oder?

Friedrich Christian Delius: „Die Frau, für die ich den Computer erfand“. Roman. Verlag Rowohlt Berlin. 284 Seiten. 19,90 €.




Digitales Leben ohne Lustaufschub – Abschied von Fotografie auf Film hat Folgen für die alltägliche Wahrnehmung

Von Bernd Berke

Die Nachricht klingt nüchtern: Der japanische Kamerahersteller Nikon will nur zwei herkömmliche Modelle im Programm behalten. Ansonsten verlegt er sich völlig auf digitale Apparate. Die wirtschaftliche Entscheidung setzt allerdings ein markantes Zeichen der Zeit.

Bei Canon und anderen Firmen wird es über kurz oder lang kaum anders sein. Es erhebt sich die Frage, wie lange es die Fotografie auf Film überhaupt noch gibt. Vielleicht wird sie demnächst eine sündhaft teure Sache für Spezialisten und Freaks.

Jedenfalls lässt sich daran die wachsende Geschwindigkeit in unserem Alltag ermessen. Früher konnte die Spannung, nachdem man einen belichteten Film im Fotoladen abgegeben hatte, über Tage hinweg anschwellen. Dann kamen Schnellentwickler („fertig in einer Stunde“) und Polaroid-Fotos, die noch etwas zögerlich und klebrig aus dem Gerät krochen. Jetzt drückt man halt auf den Auslöser, sieht das Resultat direkt auf dem Computer, versendet es weltweit per e-Mail oder aufs Handy und stellt es ins Internet. Toll! Aber auch ein wenig betrüblich.

Auch der Frust hat sich beschleunigt

Es gibt nämlich keinen Lustaufschub mehr. Damit schwindet wohl auch die wahre Leidenschaft, weil alles umstandslos verfügbar ist und man es gleich haben kann. Dies wiederum kommt einer ziemlich weit verbreiteten Konsumhaltung entgegen: „Ich will alles – und zwar jetzt!“ Allerdings: Auch enttäuschende Ergebnisse sieht man nun sofort. Der Frust hat sich ebenfalls beschleunigt.

Vom geradezu poetischen Erlebnis im heimischen Fotolabor, wo das Motiv zunächst schemenhaft und wie von Geisterhand auftauchte, wollen wir gar nicht weiter reden. Schon das Wort „Entwicklung“ signalisierte ja einen Reifungsprozess. Wie prosaisch erscheint hingegen eine Speicherkarte. Zack auf dem Chip, zack gelöscht.

Zugegeben: Man hat ja selbst die „gute alte Zeit“ des Bildermachens verlassen. Ich hantiere mit zwei Digitalkameras, während die analoge Spiegelreflex kaum noch zum Einsatz kommt. Der Mensch kann’s eben nicht abwarten, das Leben ist kurz.

Die technischen Möglichkeiten und Effekte sind ja auch verlockend. Kaum „geknipst“, schon am Computer nachbearbeitet – und ver(schlimm)bessert. Baumkronen mit Rot- oder Blaustich? Kein Problem. Sofortige Umwandlung in Negativ-, Sepia- oder Schwarzweiß-Darstellung? Nur ein Mausklick.

Schneller und raffinierter lügen

Dies alles bedeutet freilich auch: Man kann mit Fotoapparat und Computer immer besser montieren, manipulieren und also lügen. Willentlich veränderte Fotos etwa aus der sowjetischen Ära wirken dagegen plump.

Es beschleicht einen bei all dem ein leises Unbehagen; ganz so, als hätte man„natürliches“ Verfahren aufgegeben und sich der Künstlichkeit verschrieben.

Aber vielleicht ist ja nicht aller Tage Abend. Manche glauben gar, dass es irgendwann eine Renaissanc des Zelluloid-Films geben könnte. Nach Einführung der Musik-CD (die nun ihrerseits unter Bergen von i-Pods und MP3-Dateien verschwindet) haben wir’s erlebt: Nicht wenige Leute haben sich wieder dem angeblich „wärmeren“ Klang der alten Vinyl-Scheiben zugewendet oder halten sich eben beide Abspielmöglichkeiten offen. Man muss ja nicht gleich zur Schellack-Scheibe zurückkehren.

Doch was soll die „Maschinenstürmerei“? Man sollte die älteren Techniken nicht vergöttern und die neueren nicht verteufeln. Wie groß war einmal die Aufregung, als die Fotografie erfunden wurde und alsbald der Malerei den Rang streitig zu machen drohte –anfangs zumindest auf dem Felde realistischer Darstellung. Längst existieren beide recht friedlich nebeneinander. Und auf beiden Gebieten gibt es Kunst, aber auch Quatsch.

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HINTERGRUND

Markt verändert sich rapide

  • Schätzungen besagen, dass 2006 in Deutschland voraussichtlich rund acht Millionen Digitalkameras verkauft werden – und nur noch etwa 1 Million herkömmliche Apparate.
  • Immerhin: In 80 Prozent der deutschen Haushalte gibt es derzeit noch analoge Fotokameras.
  • Beispiel Nikon: Herkömmliche Kameras machen nur noch drei Prozent des Umsatzes in der Fotosparte aus.
  • Die Traditionsmarke Leiça geriet mit analogen Geräten in die roten Zahlen und hofft nun auf Erfolge mit digitalen Modellen.
  • Auch Filmhersteller wie Kodak und llford haben den Vormarsch der Digitalfotografie schmerzlich zu spüren bekommen. Agfa ging sogar pleite.

 

 




Lektüre der Zukunft kommt direkt aus der Steckdose – Buchmesse: Elektronische Technik immer bedeutender

Von Bernd Berke

Frankfurt. Es ist schon erstaunlich: Mögen andere Branchen auch klagen – der Buchhandel, so scheint’s, wächst und gedeiht. Und das, obwohl man doch allenthalben den Verfall der Lesekultur beschwört. Zur Eröffnung der 47. Frankfurter Buchmesse wurden gestern die neuesten Zahlen bekannt. Danach verzeichnete man bis zum Herbst ein Umsatzplus von zwei Prozent gegenüber 1994.

Signal für den Wohlstand: Auch die Messe selbst ist nochmals angeschwollen – auf 6497 Verlage an Einzelständen (plus 2392 kollektiv präsentierte) und auf 330 000 verschiedene Bücher (davon 93 000 Neuerscheinungen). Weltmeister in der Produktion neuer Titel sind übrigens die Briten vor Deutschland und den USA.

Gewiß: Ein Teil des Geldes wird mittlerweile mit elektronischen Medien (CD-Rom) verdient. Gerhard Kurtze, Vorsteher beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, vermag aber nicht zu sagen, um welche Größenordnungen es dabei geht.

Der Computer gehört dazu

Immerhin: Rund neun Prozent der deutschen Haushalte verfügen bereits über Personalcomputer mit CD-Rom-Laufwerk, aber nur in Frankreich hat man schon exakte Statistiken zur Mediennutzung. Danach werden etwa 7,5 Prozent des Buchhandels-Umsatzes mit Multimedia-Produkten erzielt.

Doch kaum sind die silbernen Datenscheiben normaler Bestandteil der Buchmesse, da öffnet sich schon ein neues Einfallstor für die Computertechnik. Kurtze kündigte einen ersten Versuch der Verlage mit „Online“-Informationen an, der schon auf der Messe seine Premiere erlebt und Mitte 1996 zur breiteren Pilotphase ans Netz gehen soll. „German Publishing Infoline“ (GPL) heißt das Wortungetüm.

Volltexte von zu Hause aus abrufen

Dahinter verbirgt sich die Möglichkeit, per Computer von daheim oder irgendwo sonst zum Beispiel umfangreiche Buchkataloge abzurufen und elektronisch durchzublättern. Schon bald sollen sogenannte „Volltexte“ – also Inhalte ganzer Bände – durch die Leitung kommen. Solche Bücher aus der (Telefon)-Steckdose darf man dann natürlich nur gegen Nutzungsgebühr anzapfen.

Bei den herkömmlichen Büchern zwischen zwei Deckeln gibt es unterdessen ein Problem, das der Elektronik nicht droht: außerordentlich gestiegene Papierkosten, die – so bedauerten die Spitzenfunktionäre des Handels in Frankfurt – nicht mehr ohne weiteres auf die Preise aufgeschlagen werden könnten.

Bücher aus und über Österreich sind diesmal das Schwerpunktthema der Buchmesse. Erstmals wird damit ein deutschsprachiges Land besonders hervorgehoben. Doch die Autoren und Verlage aus der Alpenrepublik wollen zeigen, daß sie nicht als Sonder- und Spezialfall „deutscher“ Literaturen abgehandelt werden können, sondern einen höchst eigenständigen Beitrag zum Weltgeist leisten.

Warten auf die Preisvergabe

Festliche Krönung der Messe soll – wie in jedem Jahr – die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche sein. Doch um die Preisträgerin, die Orientalistin Annemarie Schimmel, gibt es bekanntlich heftige Debatten, die auch jetzt nicht verstummen wollen. Der Börsenverein verteidigte auch gestern die Entscheidung seiner Jury.

Die Preisvergabe stehe für die Hoffnung, einen vernünftigen Dialog mit dem Islam in Gang zu setzen und so dem Fundamentalismus gerade Einhalt zu gebieten, hieß es sinngemäß. Von wem der ursprüngliche Vorschlag kam, Frau Schimmel zu ehren, wurde nicht verraten. Gerhard Kurtze vom Börsenverein wollte nur zwei Gerüchte vom Tisch haben: Die Anregung sei weder von Bundeskanzler Kohl noch von Bundespräsident Herzog gekommen.

Frankfurter Buchmesse, 11. bis 16. Oktober für Fachbesucher (fürs allgemeine Publikum nur Samstag/Sonntag, 13. und 14. Okt.), jeweils 9 bis 18.30 Uhr. Tageskarte: 12 DM.

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KOMMENTAR

Wird die CD-Rom bald schon altmodisch sein?

Denken wir mal ein wenig voraus: Es ist gut möglich, daß wir bald nicht nur Bücher mit nostalgischen Gefühlen betrachten, sondern daß wir in naher Zukunft auch von der „guten alten CD-Rom“ reden.

Diese Datenplatten, die das Buch nicht ablösen, aber ergänzen sollen, wären nämlich dann schon wieder veraltet. wenn auf breiter Front eintritt, was gestern zum Start der Frankfurter Buchmesse als Testprojekt angekündigt wurde: Die Verlage wollen Texte. Bilder und Töne kompletter Bände per Telefonnetz („online“) zur Verfügung stellen.

Das hört sich verführerisch bequem an, hätte man doch die Möglichkeit, gegen Gebühr praktisch immer und überall auf solche Angebote zurückzugreifen. Sprich: Es gäbe keine Ladenschlußzeiten für Leser. Wäre das nicht sogar ein Zugewinn an Kultur?

Doch zugleich taucht auch ein Menetekel am Horizont auf: Während die Buchhändler sich auf die CD-Rom-Technik noch einstellen konnten, indem sie – mehr oder weniger widerstrebend – die Platten einfach mit in ihr Angebot aufnahmen, so könnten sie mit der neuen Variante ausgespielt werden. Denn das Buch, das „aus der Steckdose“ quillt, hätte eigentlich keinen Zwischenhandel mehr nötig. Der Verbraucher könnte direkt mit dem Verlag in Verbindung treten. Und dann müßte der heutige Buchhändler entweder aufgeben oder selbst zum Anbieter, zum Verleger werden.

Da droht also auf mittlere Sicht eine ganze Branche „wegzubrechen“. Die Frage ist, ob man diese Entwicklung ganz dem freien Spiel der Kräfte überlassen sollte.

Bernd Berke




Autoren befürchten Zwang zur Arbeit mit dem Heimcomputer – Unruhe beim Verband Deutscher Schriftsteller

Von Bernd Berke

Im Westen. Ein Gespenst geht um in der bundesdeutschen Verlagslandschaft. Autoren, so glaubt Volker W. Degener, NRW-Landesvorsitzender des Verbands Deutscher Schriftsteller (VS), könnten von „ihren“ Verlagen angehalten werden, Texte nicht mehr zu Papier zu bringen, sondern sie zu Hause am Computerbildschirm druckfertig einzugeben.

Degener („Da ist einiges im Gange“) sieht Gefahren heraufdämmern: Solche Texte könnten eyentuell ohne nennenswerte Kontrolle abgerufen oder vervielfältigt werden, womit Privatsphäre und Copyright empfindlich berührt wären. Außerdem bestünde unter solchen Umständen die Möglichkeit, den jeweiligen Autoren die Arbeit von Setzern und Lektoren zusätzlich aufzuhalsen. Degeners Schlußfolgerung: „Dann müßten ganz neue Normverträge ausgehandelt werden“.

Beim VS haben sich Informationen über Autoren-Heimarbeit an Bildschirm-Terminals inzwischen derart verdichtet, daß die Stuttgarter Bundeszentrale eine entsprechende Mitgliederbefragung in Gang gesetzt hat, die allerdings noch keine handfesten Ergebnisse zeitigte.

Bis zur Stunde fehlen also eindeutige Beweise. Zwar munkeln Autoren hinter vorgehaltener Hand über Verträge, die nur mehr den Hungerlohn von 1,07 DM je bildschirmgesetzte „Buch-Normseite“ anböten; zwar gestand ein Suhrkamp-Manager dem Fachmagazin „Buchreport“, daß der Einsatz von Textsystemen in mehreren Verlagshäusern ernsthaft geprüft werde, doch meint Friedhelm von Notz, Geschäftsführer des Verlegerausschusses beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels: „Die Unruhe beim VS ist gegenstandslos“. Die Bildschirmarbeit sei, so von Notz, „vielleicht in fünf oder mehr Jahren wirtschaftlich erforderlich“, jetzt aber noch „Zukunftsmusik“ – schon allein deswegen, weil „es noch keine Bildschirmsysteme gibt, die auf Verlagsaufgaben zugeschnitten sind“. Autoren könnten sich ja auch gegebenenfalls gegen derartige Ansinnen der Verlage „wehren“. Im übrigen gebe es sogar Textproduzenten, die sich den „Bildschirm für zu Hause“ wünschten, um nicht auf vielfach verkrakeltem Papier korrigieren zu müssen.

In der Tat: Zwar muß man sich bestimmt nicht Autoren wie Böll, Grass oder Siegfried Lenz am heimischen Terminal vorstellen, doch gibt es vor allem unter Wissenschaftsschreibern und Übersetzern zahlreiche Bildschirmbesitzer, die sich das Gerät selbst angeschafft haben.

Dies gesteht auch Ursula Brackelmann; Geschäftsführerin in der VS-Bundeszentrale, zu. Ansonsten aber ist sie „fest überzeugt“, daß „einige Verleger in dieser Richtung planen“. Es gebe gar Gerüchte, daß Verlage von ihren Autoren Miete für den Heimbildschirm verlangt hätten. Welche Konsequenzen sich im Ernstfall für den VS ergäben, müsse noch geprüft werden. Jedenfalls könne niemand es den Verlagen verbieten, solche Produktionsweisen einzuführen, die ohne Zweifel „handfesten Profit“ brächten.