„Panik wäre angebrachter“ – Essays und Reden von Daniel Kehlmann

Im Juli 2024 hält Daniel Kehlmann im Berliner Bundeskanzleramt bei einem Kultur-Festakt eine Rede, mit der er den Zuhörern gründlich die gute Laune verdirbt. Denn statt die Kunst zu rühmen und ihr in der Ära der digitalen Moderne eine glorreiche Zukunft zu prophezeien, hält er eine Totenmesse und warnt vor den Gefahren der Künstlichen Intelligenz, die nicht nur die kreativen Berufe, sondern die ganze Demokratie bedrohe.

Da kommt etwas „auf uns zu, für das wir keinen angemessenen Instinkt haben“, das „nicht wirklich unser Gemüt erfasst“. Wir müssten aber endlich begreifen, dass die KI mit ihren Datenbanken und Algorithmen uns nicht nur Arbeit abnimmt, sondern auch unser Bewusstsein beherrscht und unsere Bedürfnisse ausbeutet, politische Meinungen herstellen, Gesellschaften zerstören und einen neuen Kunstbegriff begründen kann: „Panik wäre angebrachter als die entspannte Ruhe, mit der wir dem Tsunami entgegenblicken, der sich bereits am Horizont abzeichnet.“

Enzyklopädisch gebildeter Intellektueller

Der 1975 in München geborene, in Wien aufgewachsene und inzwischen in Berlin und New York lebende Daniel Kehlmann gilt als bedeutende Stimme der zeitgenössischen Literatur. In seinen Romanen („Die Vermessung der Welt“, „Tyll“, „Lichtspiel“), verwebt er Fakten und Fiktionen, Realität und Fantasie zu einem literarischen Teppich und schwebt durch Zeit und Raum. Kehlmann gehört zur seltenen Spezies des enzyklopädisch gebildeten Intellektuellen, der das Wissen der Welt speichert, sich für politische und wirtschaftliche Entwicklungen genauso interessiert wie für literarische Debatten, für historische Fundstücke und die Abgründe der digitalen Kapitalismus. In einem Band mit Essays und Reden gibt er darüber Auskunft. Den Titel hat er sich bei Friedrich Schiller ausgeliehen, der seinen zu Tode erschöpften Feldherrn Wallenstein sagen lässt: „Sorgt, dass sie nicht zu zeitig mich erwecken“: Schreibt nicht zu bald über mich, lasst ein wenig Zeit vergehen, Abstand ist nötig, damit der erfinderische Autor sein Werk beginnen kann.

Die Wahrheit kennen und die Verblendung wählen

Die nötige Distanz und das richtige Maß finden will auch Kehlmann, wenn er Donald Trump als „Monster“ beschreibt, das mit einem Knopfruck den Atomkrieg auslösen und das Ende der Welt heraufbeschwören kann. Den Film „Happy End“ (Michael Haneke) sieht er als „prophetisches Werk über uns, die wir die Wahrheit kennen und die Verblendung wählen“, indem wir den Planeten mit unserer Misswirtschaft zugrunde richten, es uns aber noch „gut in unseren schönen Häusern“ gehen lassen und fröhlich feiern, „auch wenn die Ausgebeuteten bereits bei unserem Fest auftauchen“ und „der Meeresspiegel unterdessen immerzu steigt.“

„Menschen helfen, die Hilfe brauchen“

Über Salman Rushdie, der trotz aller Anfeindungen nie den Mut verliert und für seine irrlichternden Romane längst den Literaturnobelpreis verdient hätte, spricht Keilmann ebenfalls. Und über seinen Vater, der sich mit gefälschten Dokumenten vom Juden zum Halbjuden wandelte, dann aber doch von den Nazis verhaftet und in ein KZ gesperrt wurde, nur durch Zufall wieder frei kam und überlebte. „Niemals vergessen!“ bedeutet für ihn: „Menschen helfen, die Hilfe brauchen, auch wenn sie eine andere Religion haben, eine andere Kultur, andere Sprache, andere Hautfarbe, und zwar im Angedenken an die Vertriebenen und die Toten unseres eigenen Landes vor noch nicht langer Zeit.“

Daniel Kehlmann: „Sorgt, dass sie nicht zu zeitig mich erwecken.“ Essays und Reden. Rowohlt Verlag, 306 Seiten, 25 Euro.

 

 




Dieses übliche Leben im Mittelmaß – Daniel Kehlmanns Roman „F“

978-3-498-03544-0.jpg.661869„Sehen Sie der Wahrheit ins Gesicht. Sie werden nie glücklich sein. Aber das macht nichts. Man kann auch so leben.“ Solche Sätze hören sich ähnlich ernüchtert an wie der alte Begrüßungs-Klassiker: „Wie geht’s? – Muss. – Hauptsache.“

Aber wir wollen uns nicht belustigen. In Daniel Kehlmanns neuen Roman mit dem fauchend kurzen Buchstabentitel „F“ müssen praktisch alle Figuren damit zurechtkommen, dass sie auf ihrem Gebiet allenfalls Mittelmaß darstellen. Da stellt einer schon zeitig fest: „Was bedeutet es, mittelmäßig zu sein – plötzlich ließ die Frage mich nicht mehr los.“ Nun mal ehrlich: Ist das nicht, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, unser aller Lebensthema?

„Mein Name sei Niemand“

Gewiss, sie wehren sich hin und wieder gegen die Erkenntnis, dass sie nicht allzu besonders sind: Arthur, der auf seine mittleren Jahre mit Titeln wie „Mein Name sei Niemand“ ein paar Erfolge als Schriftsteller hat, jedoch alsbald wieder literarisch verstummt; seine Zwillingssöhne Eric (windiger Spekulant, der ein paar Milliönchen macht, dann aber in der Krise scheitert) und Iwan, der in perfider Personalunion als Künstler, Kunsthändler, Kunstkritiker und Kunstfälscher agiert.

Aber was heißt schon „Fälschung“, wo doch Iwans Geliebter, der alternde Künstler Eulenböck, durchaus damit einverstanden ist, dass Iwans Schöpfungen unter seinem Namen auf den Markt kommen und zeitgeistig reüssieren. Und außerdem ist da noch Martin, der linkische Halbbruder von Erik und Iwan, der Priester wird, obwohl er partout nicht an Gott glauben kann und sein bisschen Selbstbewusstsein vornehmlich aus der virtuosen Handhabung des Rubik-Würfels bezieht.

Hypnotische Einflüsse

Dieses durchs Leben schlingernde Quartett haben wir anfangs, als die Söhne noch Kinder waren, im Publikum eines Hypnotiseurs erlebt. Dieser persönlich verstörte, auf der Bühne aber weit über sich hinaus wachsende Lindemann hat damals den Vater Arthur auf die Bühne geholt und mit seinen Suggestionen wohl den Anstoß für alles Folgende gegeben. Die geradezu lachhaft läppische Verwechslung einer Sekretärin, die den falschen Bruder (nämlich Martin statt Iwan) zum beratenden Krisengespräch bei Erik bittet, sorgt schließlich für eine gewaltsam tragische Verkettung.

Das Geschehen schwankt zwischen extremen Polen, die durch Kern- und Schlüsselsätze markiert werden: Einerseits heißt es, niemand könne irgend etwas Genaues über einen anderen Menschen wissen. Also müsste schrankenlose Freiheit des Denkens und Tuns herrschen. Andererseits heißt es: „Jeder kann jeden dazu bringen, sein Leben zu ändern.“ Ganz so, als wäre man ein Spielball, in eigener Sache vollkommen machtlos, jedem Einfluss ausgesetzt. Ein weiterer Haupt- und Merksatz besagt, „dass jeder Mensch tun muss, was ihn rettet (…)“ Wie in Stein gehauen stehen solche Sentenzen da.

Es waltet der Zufall

Kehlmann stellt die uralte Frage: Haben wir ein fremd- oder vorherbestimmtes Schicksal, oder sind wir in der Lage, unsere Wege selbst zu wählen? Und so steht denn auch das große „F“ nicht nur für Friedland, den Familiennamen der genannten Hauptfiguren, sondern vor allem fürs Fatum, also das Schicksal und Verhängnis. Über einige Seiten hinweg wird der Familienstammbaum der Friedlands rückwärts aufgeblättert und man ahnt, welch eine traurig-absurde Häufung von Zufällen eine Rolle gespielt hat, bis die Heutigen zur Welt kamen. Da fragt sich abermals, was der Einzelne überhaupt vermag.

Doch so konstruiert, wie das vielleicht anmuten mag, ist Kehlmanns Roman keineswegs. Die Handlung wird spannungsreich, ja oft geradezu süffig erzählt, der Auto zieht so manche Register. In den besten Passagen ist es, als erzähle sich das Geschehen von selbst, gleichsam ohne spezielle Urheberschaft.

Perspektivensprünge

Doch natürlich hält Kehlmann die meisten Fäden in der Hand – zuweilen auch als allwissender Erzähler. Ab und zu wechselt er die Perspektiven, springt von der Ich-Erzählung in die Distanz und wieder zurück. Die Wechselhaftigkeit entspricht dem Flirren der Identitäten. So ist Eric im eigenen, unwirklich wattierten Leben nicht zu Hause, Sex und Geld sind ihm gleichermaßen öde und uneigentlich. Derweil maskiert Iwan sein ganzes Dasein als Künstler. Um einen alten Buchtitel von Hans Magnus Enzensberger aufzugreifen, stecken die Figuren just zwischen „Mittelmaß und Wahn“ fest.

Gepriesen sei Kehlmanns Kunstfertigkeit. Der Mann ist drauf und dran, einer der ganz großen deutschsprachigen Schriftsteller zu werden. Die Bühnenshow des Hypnotisieurs – atemberaubend geschildert. Die unstillbaren Glaubenszweifel während des Vollzugs der Liturgie und des Beichtsakraments – herrlich in Szene gesetzt. Und so weiter, bis zum Schluss. Dieser Roman ist einfach gut gemacht und das ist nicht etwa relativierend gemeint, sondern aus vollem Herzen lobend, quasi im angelsächsischen Sinne eines „well made“. Und wer da glaubt, derlei Unterhaltsamkeit müsse auf Kosten des deutschen „Tiefgangs“ gehen, der lese und staune doch selbst!

Daniel Kehlmann: „F“. Roman. Rowohlt. 380 Seiten.