Stolz und Vorurteil: Roger Vontobel inszeniert Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ am Düsseldorfer Schauspiel

Sie lieben das Dolce Vita. (Foto: Thomas Rabsch/Düsseldorfer Schauspielhaus)

Italiener tragen keine Socken und Juden einen schwarzen Hut: So sind wir schon mittendrin im Reich der Klischees und Vorurteile. Doch genau darum geht es in William Shakespeares „Kaufmann von Venedig“: um eine Gesellschaft, in der das Geld regiert und die für Außenseiter nur Spott und Hass übrighat.

Doch wie lässt sich dieses Stück, das in der Nazizeit antisemitisch instrumentalisiert wurde, heute gut inszenieren? Roger Vontobel am Düsseldorfer Schauspielhaus hat es geschafft; mit feiner Beobachtungsgabe und – man könnte Achtsamkeit dazu sagen.

Die nackten Füße, die eleganten Slipper, die schmalen Anzüge, die maritimen Leibchen: Diese Venezianer rund um den Kaufmann Antonio (Andreas Grothgar) und seinen Freund Bassanio (Sebastian Tessenow) wissen, wie man in Leichtigkeit lebt. Vom Stil her imitieren sie das Dolce Vita der 50er Jahre: notorisch knapp bei Kasse, aber auf jedem Fest dabei.

Wenn man kein Geld hat, leiht man sich eben welches. Es wird sich schon jemand finden, zur Not ein jüdischer Geldverleiher namens Shylock. Ein ernsthafter, ein strenger Mann, der obendrein noch seltsame Forderungen stellt. Ein Pfund Fleisch aus dem Körper geschnitten? Ach, so schlimm wird’s schon nicht kommen. Doch dieser Kerl ist wirklich unsympathisch, er macht die ganze Feierlaune kaputt – kein Humor, keine Lebensart. Subtil und umso gehässiger ziehen die Venezianer den Schleim in den Hals, als wollten sie gleich vor ihm ausspucken. Das lassen sie dann aber bleiben, denn sie brauchen ja sein Geld.


Burghart Klaußner als Shylock
(Foto: Thomas Rabsch/Düsseldorfer Schauspielhaus)

Und Shylock selbst? Er macht eigentlich alles richtig: Er arbeitet hart, führt seine Geschäfte korrekt, liebt seine Tochter. Mit seinem Fleiß hält er den korrupten Staat am Laufen. Und doch kann ihn keiner leiden: vielleicht, weil er den anderen den Spiegel vorhält, ihre Nichtsnutzigkeit so erst deutlich wird. Aber die Christen müssen sich ja auch nicht anstrengen, ihnen fällt alles von Geburt an zu. Er als Außenseiter dagegen muss um alles kämpfen und geht am Ende noch leer aus.

Der herausragende Burghart Klaußner spielt den Shylock als einem Mann, von dem die Verbitterung langsam Besitz ergreift und danach erst der Hass. Er ist das Ergebnis der andauernden Diskriminierung: „Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?“

Dann verliert Shylock noch seine Tochter Jessica (Lou Strenger) an so einen windigen Venezianer und das bricht ihm das Herz. Da wird er böse und fordert das Fleisch – buchstäblich nach dem Gesetz und vor Gericht. Doch auch wenn Klaußner mit dem Messer fuchtelt, so ist er eher ein Verzweifelter, denn ein Brutaler. Traurig, zu solchen Mitteln greifen zu müssen. Letztendlich bringt ihn vor Gericht eine Spitzfindigkeit zu Fall, die sich die reiche Erbin Portia (Minna Wündrich) ausgedacht hat, nach dem Motto: Das Establishment setzt sich ohnehin durch. Und Shylock verliert alles: gebrochen, stumm, so schleicht er davon. Dem Mann kann nicht mehr geholfen werden…

Karten und Termine:
www.dhaus.de




Der Diener aller Herren – Ruhrfestspiel-Doppelpremiere: Heyme verknüpft Shakespeare mit Goldoni

Von Bernd Berke

Recklinghausen. So mies können Menschen sein: Immer wieder spucken sie hier verächtlich voreinander aus. Hansgünther Heyme untersucht mit seiner Ruhrfestspiel-Doppelpremiere (Stücke von Shakespeare und Goldoni) Herr- und Knechtschafts-Verhältnisse. Die Figuren, denen man befremdet zuschaut, sind meist abgebrühte Interessenvertreter ihrer selbst, daher oft auch Überläufer und Verräter. Taktik rangiert allemal vor unverstelltem Gefühl.

Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig (um 1596) wird vom Teatro de La Abadia in spanischer Sprache (mit Übertiteln) gegeben, Carlo Goldonis Komödie „Der Diener zweier Herren“ (1746) firmiert als Koproduktion mit dem Luxemburger Nationaltheater. Bei beiden Stücken, die am Sonntag im über fünfstündigen Doppelpack verabreicht wurden, führt Heyme Regie.

Der Festspielchef hat in den 150 Jahre auseinander liegenden Texten, die beide (teilweise) in Venedig spielen, etliche Ähnlichkeiten erblickt. Geld regiert hier wie dort die Welt. In beiden Fällen verkleidet sich eine Frau als Mann, um ihre Heirats-Interessen durchzusetzen. Juristische Finten prägen jeweils die Beziehungen. Dem finalen Hochzeitsreigen beider Stücke traut Heyme auch nicht, er sieht bereits das laue Unglück auf die Paare zukommen.

Doch ganz besonders richtet er sein Augenmerk auf jene deklassierten Diener-Gestalten, die in den zwei Stücken zentrale Rollen spielen. Shakespeare auf Spanisch: Welch eine Hitze, welch‘ ein rollendes Rasen! Zwischen all den kühlen Kacheln des Spielorts (Schwarzkaue der Recklinghäuser Zeche Blumenthal/Haard) beginnen die Worte zu glühen. Wir sehen (zum Text durchaus passend) gespreizte Posen voller Pathos und offenem Machismo, wie sie auf hiesigen Brettern sonst kaum denkbar sind.

Auch Shylock ist keine Lichtgestalt

Heyme und die höchst präsenten Darsteller (fulminant: Carmen Machi, sozusagen als „Diener aller Herren“) stilisieren das Spiel kunstvoll. Tänzerisch und opernhaft scheint das Tun und Treiben jener eitlen Gecken, die dem Juden Shylock mit ihrer Verachtung so arg zusetzen, dass er sich mit dem Schuldschein rächen will: Bei Nichtzurückzahlung des geliehenen Geldes darf er dem Kaufmann Antonio ein Pfund Fleisch aus dem Leibe schneiden…

Spanier gehen mit dem prekären Stoff im Prinzip unbefangener um, als Deutsche dies je könnten. Doch Heyme hat große, einfühlende Sorgfalt auf die Figur des Shylock verwendet. Gabriel Garbisu spielt den jüdischen Geldverleiher im schneeweißen Anzug keineswegs als unschuldige Lichtgestalt. Man versteht aber, was ihn zu seinen Rachegelüsten treibt. Lieber bliebe dieser Shylock geschäftlich-rational. doch die Verhältnisse sind nicht so.

Wenn dieser Shylock am Ende zur christlichen Taufe genötigt wird, kläglich dem Becken entsteigt und unter eine Brause taumelt, so ist dies wohl gar ein furchtbarer früher Vorschein der Vernichtungslager. Und die gelbe Nase, die er bis dahin trug, hat schon auf den Judenstern verwiesen.

Eine solch pralle Aufführung, die derlei Abgründe bedenkt, ist eine Menge wert. Große Pause mit Paella, Pasta & Co.

Rotation im immergleichen Chaos-Tempo

Dann der Goldoni in deutscher Sprache. Was in der Shakespeare-Inszenierung als latente Gewalt spürbar war, hat sich nun verfestigt, die Aggression ist jederzeit sprungbereit. In einer Tonne stecken Degen, mit denen man gar häufig kämpft. Die Gesellschaft, deren Hierarchien Heyme mit brechtischem Blick diagnostiziert, ist noch fratzenhafter geworden.

Doch was im „Kaufmann“ noch elegant gezirkelt wirkte, kommt nun eher trampelig daher. Die Aufführung rotiert im fast immer gleichen Chaos-Tempo um eine ziemlich leere Mitte. Manche Zuschauer flüchteten vorzeitig. Gegen Schluss kann man’s kaum noch ertragen, wie die Protagonisten immer wieder heillos auf die Bühne stürmen und brachial frontal spielen.

Stellenweise ist’s bewegend, wie der alte Diener Truffaldino die hochnotpeinlichen Balanceakte zwischen seinen Herrschaften vollführt. Doch Ekkehard Schall, gleichsam der prototypische Diener aller Zeiten und Klassen, packt diese Rolle so sehr beim Schöpfe, dass er sie zu zerreißen droht. Er hat starke, ganz lichte, chaplineske und eben brechtische Passagen, doch überdreht er die Tourenzahl. Um ihn herum gibt’s manch‘ gewittriges Chargieren. So wild und bunt kann Langeweile aussehen.

Termine: Nur das Goldoni-Stück: 15, 16., 17. Mai (20 Uhr) / Goldoni plus Shakespeare:19., 20., 26., 27.Mai (17 Uhr). Karten 02361/9218-0.