Konzerthaus braucht eine Bürgerbewegung – WR-Diskussionsforum über die „Philharmonie für Westfalen“

Von Bernd Berke

Dortmund. Kein Wort mehr von rasant gestiegenen Baukosten und derlei Querelen. Alle, die im Dortmunder Musikleben Rang und Namen haben, ziehen jetzt offenbar an einem Strang, wenn es um das 94 Millionen DM teure Konzerthaus geht. Bei einem von der WR veranstalteten Diskussions-Forum lautete der Tenor der Teilnehmer: Wenn die Rahmen-Bedingungen stimmen, wollen sie zum Erfolg der „Philharmonie für Westfalen“ beitragen.

Das Konzerthaus im Dortmunder Brückstraßenviertel soll im September 2002 eröffnet werden und als „kultureller Leuchtturm“ weit ins Umland ausstrahlen. Angesichts der langen Vorlaufzeiten in dieser Branche wird es allmählich Zeit, Programme und Profile zu planen. Eines ist klar: Ein solches Haus kann – Tag für Tag – nicht nur mit Gipfelereignissen wie etwa einem Gastspiel der Wiener Philharmoniker gefüllt werden.

Chöre und Orchester wollen kooperieren

Anregungen kommen auch von außerhalb der Stadtmauern: Prof. Rudolf Meister, Rektor der Musikhochschule Heidelberg/Mannheim, betont, das Konzerthaus müsse „von einer breiten Bürgerbewegung getragen werden.“ Es dürfe nicht nur abends locken, sondern müsse ganztags geöffnet sein und vielfältige Angebote zwischen.so genannter E- und U-Musik unterbreiten. Örtliche und regionale Einrichtungen, darunter auch die Chöre, sollten eingebunden werden.

An dem Forum, das von WR-Chefredakteur Frank Bünte moderiert wurde, nahmen zahlreiche Chor- und Orchester-Vertreter teil. Also konnte deren Bereitschaft sogleich überprüft werden. Und siehe da: Die Fülle der Zustimmung war beeindruckend. Ob Uni-Chöre, Bach- und Oratorienchor, Mozart-Gesellschaft, Musikverein, Sängerbund, Jazzclub „domicil“, Musikhochschule oder Musikschule – sie alle sind Willens, bestimmte Konzert-Aktivitäten in die künftige Philharmonie zu verlagern. Für das Pilharmonische Orchester der Stadt, das bislang im Opernhaus auftritt, wird es sogar eine feste Spielstätte sein.

Sowohl kommerzielle als auch gemeinnützige Veranstalter wollen das Konzerthaus mit Leben erfüllen, nicht zuletzt sollen Kinder und Jugendliche als Publikum gewonnen werden. Skeptische Nachfragen betrafen freilich die Mietpreise, die im Konzerthaus für den rund 1600 Zuschauer fassenden Saal fällig werden könnten. Konzerthaus-Intendant Ulrich-Andreas Vogt, der im übrigen jede Idee dankbar aufzugreifen scheint, sprach beruhigend von „differenzierten Kosten“. Für manche Veranstalter dürfte es also spürbare Nachlässe geben. Außerdem verriet Vogt etwas, was vielen neu war: Der große Konzertsaal werde sich ohne akustische Einbußen teilen lassen, so dass auch Auftritte vor rund 700 Zuhörern ohne auffällige Auslastungs-Lücken möglich wären.

Dortmund soll wieder „Musikstadt“ werden

Leicht wird es Vogt nicht haben, Qualitätsansprüche und wirtschaftliche Erfordernisse auszubalancieren. Da tut es ihm sicher wohl, gleichsam das „musikalische Dortmund“ an seiner Seite zu wissen. Vogt setzt auch aufs Umland mit mehreren Millionen Bewohnern, denen man das „Markenprodukt“ Konzerthaus mit einfallsreichem Marketing schmackhaft machen wolle. Potente Sponsoren habe er auch schon gefunden.

Das alles klingt vielversprechend, doch es gibt ein Hindernis. Die früher so rege Dortmunder Musiktradition ist etwas abhanden gekommen. Kulturdezernent Jörg Stüdemann will deshalb gezielt mit dafür sorgen, „dass Dortmund wieder eine Musikstadt wird“. Erste Einfälle: ein auf Wachstum angelegtes Musikfest und ein Dortmunder Treffen der deutschen Musikkritiker.




In der Höhle der Theater-Löwen – Diskussion über Kulturfinanzen im dritten Programm

TV-Kritik: „Mittwochs um acht“ (West 3; 20.00 Uhr)

In die „Höhle des Löwen“ wagte sich gestern abend NRW-Kultusminister Hans Schwier. Die Live-Diskussion aus dem Essener Grillo-Bau (Thema: Theaterkrise in NRW) führte ihn mit finanziell gebeutelten Theatermachern, darunter Essens Schauspielchef Hansgünther Heyme, zusammen.

Schwier hatte unlängst den Theatern „Versorgungsempfänger-Mentalität“ vorgeworfen, Heyme war am entschiedensten gegen Etateinschnitte aufgetreten. Als lautester „Löwe“ erwies sich jedoch Bochums Schauspielleiter Frank-Patrick Steckel, der zunächst – was man vielleicht noch ganz gut nachvollziehen kann – gegen Glitzer-Kultur à la „Starlight Express“ wetterte („Schrott“, „schäbiges Profitinteresse“), sich dann aber vollends in Unsachlichkeit hineinsteigerte: „Ich hab‘ Ihnen doch schon mal gesagt, Herr Schwier: Treten Sie zurück!“ Weitere Rundumschläge folgten.

Die anderen Theaterleute (Heyme aus Essen; Roberto Ciulli vom Mülheimer „Theater an der Ruhr“; Willi Thomczyk von der freien Truppe „Theater Kohlenpott“ in Herne) sowie der Kritiker Ulrich Schreiber argumentierten bedächtiger, waren aber auch nicht eben gut auf Politiker zu sprechen. Schwier stand praktisch „allein gegen alle“. Allerdings wurden, je nach Subventionslage (Thomczyk bekommt keine Zuschusse, Ciullîs Truppe arbeitet ohne Tarifverträge) auch Differenzen zwischen Schwiers Widersachern sichtbar. Thomczyk bezeichnete die Debatte um Zuschußkürzungen gar als Gerede um „Kräuterbutter auf dem Schnitzel“, mithin als Luxus.

Die 90-Minuten-Sendung, aufgelockert mit Unterhaltungs-Einschüben und kurzen Filmeinspielungen, erfüllte ihren Zweck: Sie versammelte kompetente Gesprächspartner, deren Positionen deutlich zum Ausdruck kamen. Das ergab einen recht guten Überblick zur derzeitigen Theater-Situation. Die Moderatoren, Bernd Müller und Ines Jacob, griffen im Sinne des Zuschauers ein und sorgten dafür, daß man nah am Thema blieb. Mehr konnte man nicht erwarten.

Bernd Berke




Solo für Bazon oder: Die ratlosen Ärzte am Krankenbett der Kunst

Von Bernd Berke

Witten. Vielversprechend war das Thema, grandios am Ende das Scheitern: Über „Krankheit und Gesundheit in der Kunst“ redeten sich im Wittener Saalbau einen Tag lang Experten für Kunst, Literatur und Psychologie die Köpfe heiß.

Nachmittags hielten sie hochfliegende Vorträge (Titelbeispiel: „Aus der Sintflut der Information zu gestalterischer Transformation?“), abends traktierten sie die schätzungsweise 100 zahlenden Zuschauer (Eintritt: 5 DM) mit einer Podiumsdiskussion, an deren Ende der Organisator, Dr. Ralph Driever, erschöpft bekennen mußte, man habe das Thema nicht annähernd ausloten können. „Arzte“ am Krankenbett der Kunst, ratlos.

Einen gewissen Genußwert konnte man der Hypothesen-Parade freilich abgewinnen, wenn man sich entschloß, das Ganze unter musikalisehen Gesichtspunkten anzuhören — sozusagen als „Diskussions-Serenade für fünf Stimmen und Publikumsbeteiligung“. Zwei angekündigte Solisten fielen allerdings aus: Der Aktionskünstler Wolf Vostell sagte Wochen vorher ab, Essens Schauspielchef Hansgünther Heyme, heimischer Verpflichtungen wegen, nur Stunden vorher. Da blieb denn nur noch  e i n Diskussions-Virtuose: Bazon Brock, Ästhetik-Professor aus Wuppertal, der denn auch einige unvergleichliche intellektuelle Soli „hinlegte“ und sich am Ende zum veritablen Brüll-Duett mit einem erbosten Architekten im Zuschauerraum steigerte.

Ein aus Dortmund angereistes Trio im Publikum, das sich auf einem Flugblatt als „Art Klinik“ (Kunstklinik) vorstellte, spielte dazu gleichsam basso continuo, also wiederkehrende Grundmuster. Tenor ihrer beharrlich durchgehaltenen Zwischenrufe: Alle Menschen sind verrückt, also ist Kranksein auch in der Kunst das Normale. Daran mußte jedes Argument abprallen. Zwischendurch wurde auch schon mal die Tonart gewechselt und der Basler Kunsthistorikerin Elka Spoerri bescheinigt: „Du tickst ja nicht richtig“.

Frau Spoerri versuchte, am Beispiel Adolf Wölflis (der als Psychotiker viele Jahre in Anstalten war und eine ganz eigentümliche Bildwelt ersann) darzulegen, welchen Anteil die Krankheit an der Kreativitat habe. Bazon Brock erläuterte beredt, daß Krankheit als Voraussetzung für künstlerische Arbeit ein veralteter Gedanke der Romantik-Epoche sei. Er, Brock, glaube indessen, daß Krankheit den schöpferischen Prozeß behindere. Allerdings gebe es auch eine Form vorgeblicher „Gesundheit“, die faschismusanfällig mache. Brock nannte in diesem Zusammenhang die Namen Ernst Jünger, Albert Speer und Arno Breker.

Vor der Eloquenz des Wuppertaler Professors mußten die anderen Diskussionsteilnehmer (außer den Genannten noch der Schweizer Psychiater Dr. Gottfried Waser und der Schriftsteller Dr. Hans Georg Bulla aus Hannover) ihre rhetorischen Waffen strecken. Zum zweiten Kernpunkt, wie denn die Kunst Krankheit darstelle, drang man gar nicht mehr vor.

Ziemlich einig war man sich darin, daß – aus dem Blickwinkel der Künste – viele psychiatrische Begriffe fragwürdig seien. So diene die Kennzeichnung „krank“ oft nur als Rechtfertigung, wenn man Unbequeme ausgrenzen wolle.




Künstler beklagen sich: Die neuen Museen sind zu teuer und verfehlen ihren Zweck – Diskussion mit NRW-Kultusminister Schwier

Von Bernd Berke

Münster. Mit den bejubelten neuen Museumsbauten sind Künstler offenbar gar nicht einverstanden. Ob Mönchengladbach (Abteiberg), Essen (Folkwang), Düsseldorf (Kunstsammlung NRW), Frankfurt oder Stuttgart – wirklich ausstellungstauglich seien diese Kunsttempel mitnichten.

Diese Auffassung vertraten jedenfalls einige handverlesene Künstler aus NRW, die jetzt mit dem Kultusminister des Landes, Hans Schwier (SPD), in Münster über Aspekte der Kunstförderung diskutierten. Preiswertere und gleichwohl zweckmäßigere Museen hätte man errichten sollen, so die vorherrschende Meinung. Ulrich Rückriem, Konrad-von-Soest-Preisträger und wohl bekanntester Diskussionsteilnehmer auf Künstlerseite: „Vier Wände und ein Oberlicht, das würde reichen!“ Die Architekten aber hätten wohl vergessen, daß der Museumsbau der Kunst zu dienen, nicht aber sie zu überwältigen habe.

Ulrich Rückriem: Förderung schwemmt schlechte Kunst nach oben

Rückriem, Bildhauer und Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, war der vehementeste Diskutant. Gegen seinen Wortschwall kam Minister Schwier kaum an. In Sachen Kunstförderung ließ Rückriem den diskussionswilligen Minister glatt „auflaufen“. Er, Rückriem, wolle für sein Teil gar keine Förderung; ein jeder Kunstler müsse sich auf eigene Faust durchkämpfen, und überhaupt sollten staatliche Stellen die Kunst „in Ruhe lassen“. Schon jetzt könne man 90 Prozent der Kunst vergessen (Rückriem benutzte ein schlimmeres Wort), bei verstärkter Förderung werde immer noch mehr „Mist“ hochgeschwemmt. Mit dieser fast sozialdarwinistischen Position eines international Arrivierten, vertrat Rückriem das Extrem.

Rolf Glasmeier aus Gelsenkirchen hingegen verwies auf das beachtliche Kunst-Potential im Ruhrgebiet, das jenem in Köln oder Düsseldorf durchaus ebenbürtig sei, das aber eben noch nicht ausreichend gefördert werde. Dies habe sich ganz deutlich bei der Revier-Kunstaktion „Grenzüberschreitung“ gezeigt. Glasmeiers Vorstellung: Das von „Horror-Designern“ geprägte Schreckbild unserer Städte könne von Künstlern korrigiert werden. Im übrigen gehöre unbedingt eine Kunst-Akadamie ins Revier.

Den Architekten auf die Finger sehen

Eine Möglichkeit verstärkter Kunstförderung ergibt sich – kurios genug – aus den Umstand, daß die Schülerzahlen im Lande beständig sinken. Alte Schulgebäude werden Verfügbar, die Künstlern kostengünstig als Atelierhäuser überlassen werden könnten; eine Möglichkeit, die Minister Schwier ausdrücklich guthieß.

Bei allem Geldbedarf: Als Sozialhilfeempfänger möchten sich die Künstler nicht abstempeln lassen. Statt dessen halten sie Ausschau nach alternativen Berufsfeldern. So wurde zum Beispiel der Vorschlag laut, „in jedes Architektenbüro“ einen Künstler oder eine Künstlerin als Aufpasser zu setzen, der/die – auf Honorarbasis – schlimme Bausünden verhindern solle.

Architekten, die (historisch gesehen) zuerst Autonomie und Freiheit der Kunst erstritten haben, schienen denn auch für die anwesenden Künstler in vielen Punkten die Haupt-Widersacher zu sein. Jammerschade, daß kein Vertreter der geschmähten Zunft an dem Gesprach teilnahm.

Statt Künstler zu Freizeit-Animateuren oder Sozialtherapeuten zu machen, müsse der Eigenwert der Kunst gewahrt werden. Unter anderem könne man hilfreiche Dienste bei Restaurationen von Gebäuden leisten, indem man das „Umweltverbrechen“ (Rolf Glasmeier) notorischer Stilbrüche vermeidet. Dazu freilich – so Ulrich Rückriem – fehlt es den Künstlern oft an rein handwerklichem Verständnis. Rückriem: „Die sollten beim Steinmetz oder in der Schlosserei anfangen, nicht in einer Akademie“.