„Eine Jugend in Deutschland“ am Schauspiel Essen: Ein Projekt, das zu viel will

SCHAUSPIEL ESSEN: "Eine Jugend in Deutschland - Krieg und Heimke

Foto: Thilo Beu

Die Idee hat schon viel Wahnsinniges: den Ersten Weltkrieg auf die Bühne zu bringen und noch dazu die Bundeswehr-Einsätze in Afghanistan; die Autobiografie des jüdischen Autors und Verdun-Kämpfers Ernst Toller zu inszenieren, verknüpft mit den Schicksalen aus Afghanistan heimkehrender Soldaten. Regisseur Moritz Peters und Dramaturgin Carola Hannusch haben es am Essener Schauspiel gewagt. „Eine Jugend in Deutschland – Krieg und Heimkehr 1914/2014“ erlebte am Samstag die Uraufführung.

Das Stück hat Projekt-Charakter, ist eher Collage denn Drama: als Text-Vorlagen dienen neben der Autobiografie Tollers auch Briefe, Reden, Erlebnisberichte oder Interviews.

Die Drehbühne rotiert wie das Rad der Geschichte, immer wieder wechseln die sieben Schauspieler ihre Identität, werden von den Zeitgenossen Tollers zu Bundeswehr-Soldaten heute. Es schälen sich Geschichten und Schicksale heraus: Da ist die Ärztin, die in Afghanistan die Opfer eines Selbstmordattentäters versorgen musste. Die Fahrerin, die ein Kind überfuhr. Der Soldat, der den Tod eines Kameraden nicht verhindern konnte. Nach ihrer Rückkehr leiden sie an PTBS, der posttraumatischen Belastungsstörung. Alle Strategien, damit klarzukommen, haben eines gemein: Jeder kämpft für sich allein, die Trauma-Bewältigung bleibt Privatsache. „Wenn ich schon nicht vergessen kann, will wenigstens ich vergessen werden“, sagt einer der Rückkehrer.

SCHAUSPIEL ESSEN: "Eine Jugend in Deutschland - Krieg und Heimke

Foto: Thilo Beu

Anders geht Ernst Toller mit seinem Kriegstrauma um: „Ich kann auf die Zukunft Deutschlands Einfluss nehmen!“ Seine Zeit in den Schützengräben hat ihn politisiert, macht ihn zum radikalen Pazifisten und Chef der Bayerischen Räterepublik – bis er hadert: Darf oder muss man nicht doch Gewalt anwenden, um schlimmere Gewalt zu verhindern? Eine Frage, die im Stück mehrfach auftaucht.

Einiges gelingt diesem Abend erstaunlich gut – etwa die Andeutung des Frontgeschehens mit wenigen, effektvollen Mitteln. Großen Anteil daran hat auch Lisa Marie Rohdes Bühne, die mit nichts als schwarzen Holzkisten ausgestattet ist. Der Hintergrund ist eine mehrere Meter hohe, die Bühne halb umschließende Leinwand, auf der staccato-artig verfremdete Live-Aufnahmen des Bühnengeschehens und historische Aufnahmen flimmern. Geduckt schleppen sich die Soldaten auf der erdigen Drehbühne voran, dazu ein martialischer Sound. Einige Szenen später ist es heller Wüstensand, der von der Decke rieselt: Afghanistan. Die Schauplätze ändern sich, das Drama bleibt gleich.

Vieles aber gelingt dem 135-minütigen Abend nicht, und das liegt vor allem an der gewählten Form. „Eine Jugend in Deutschland“ will eben doch mehr sein als Collage. Regisseur Peters will zum einen eine Diskussionsgrundlage zur Frage der Kriegsbeteiligung liefern, zum anderen will er Geschichten erzählen, und zwar zu viele: Tollers Leben und heutige Soldaten-Schicksale, Trauma-Bewältigung und Kriegserfahrung.

Im Falle der scharf umrissenen Afghanistan-Schicksale gelingt das noch am ehesten. Man taucht immer wieder kurz ein in die Langeweile ereignisloser Monate im Lager, in den Horror der Ärztin nach einem Attentat.

Blutleer bis zum Ende bleibt jedoch ausgerechnet die Figur Ernst Toller (Stefan Diekmann), die in kurzen biografischen Stationen von der Kindheit in Posen bis zum Selbstmord letztlich zu breit und zu wenig intensiv ausgeleuchtet wird. Ernst Toller fungiert im Stück allzu deutlich nur als Träger von Botschaften. Das ist schade.

Hier geht es zu den Terminen.

(Der Beitrag erschien zuerst im „Westfälischen Anzeiger“, Hamm).




Von Mäusen und Mördern: Ernst Tollers „Hinkemann“ am Düsseldorfer Schauspielhaus

Selten thematisiert ein Theaterabend mit solcher Wucht die soziale Frage: Zugleich hochemotional und explizit politisch zeigt Ernst Toller in „Hinkemann“, wie die kleinen Leute im Krieg verheizt und beschädigt werden und was diese Versehrungen ihren Seelen antun. Die Koproduktion von Düsseldorfer Schauspielhaus und dem Young Directors Project der Salzburger Festspiele kam jetzt am Rhein heraus – zu Beginn der Intendanz von Günther Beelitz, der für zwei Jahre das Haus leitet und ihm zu neuem Ansehen und besseren Auslastungszahlen verhelfen will.

Auf einer Art Karussellgerüst (Bühne: Sabine Kohlstedt) klettert Hinkemann (Jonas Anders) herum und schreit seine Wut und seine Verzweiflung heraus. Im Krieg ist ihm sein bestes Stück weggeschossen worden und jetzt ist er kein richtiger Mann mehr. Seine Frau Grete (Katharina Schmidt) hält zwar zunächst zu ihm, doch es gelüstet sie doch nach einem Kerl und da wird sie schwach und fällt auf Paul Großhahn (Daniel Christensen) herein, der die Situation schamlos ausnutzt und Eugen Hinkemann brutal verspottet.

Selten sieht man so deutlich, wie eng Not und Niedertracht zusammenliegen wie bei diesem Toller-Stück. Dabei stehen der wortgewaltige und expressive Text und die Schauspieler, die ihn psychologisch genau verkörpern, im Vordergrund. Die Regie von Milos Lolic hält sich zurück und ordnet sich beinahe dem Werk unter; auch die Kostüme von Jelena Miletic erinnern an die Zeit nach dem ersten Weltkrieg, in der das Drama spielt.

Programmheft von Hinkemann/Schauspielhaus Düsseldorf

Programmheft von Hinkemann/Schauspielhaus Düsseldorf

Anhand von Hinkemanns Not, der auch beruflich schlecht wieder auf die Füße kommt, wird von seinem Umfeld die Arbeiterfrage diskutiert. Sind Sozialismus oder Kommunismus ein Ausweg? Wird in einer besseren Welt der Arbeiter auch seelisch gesund sein oder zählt nur seine Körperkraft? Wie kann er in elenden Verhältnissen seinen Stolz bewahren? Hinkemann fällt das schwer: Für 80 Mark im Monat beißt er Ratten und Mäusen bei lebendigen Leibe den Kopf ab und schämt sich dafür. Doch das Volk will Blut sehen und johlt.

Man denkt an Woyzeck oder Lenz von Büchner, wenn Hinkemanns unerfüllte Sehnsucht nach dem Guten im Menschen in den Wahn abdriftet. Da kommen die Kollegen, da kommt seine Frau nicht mehr mit, das ist ihnen zu weltabgewandt. Hinkemann isoliert sich immer mehr, bis zuletzt die Katastrophe eintritt. Ein starker Abend, der noch länger nachwirkt, obwohl er total aus der Zeit gefallen scheint – doch genau darin liegt seine Kraft.

Karten und Termine:
www.duesseldorfer-schauspielhaus.de