Die „Hitlerwerdung“ Adolf Hitlers – Feridun Zaimoglus riskanter Roman „Bewältigung“

Als Romangestalt bleibt der Autor namenlos. Zunehmend scheint es so, als hätte eine fremde Macht von ihm Besitz ergriffen, so dass er gar kein Individuum mehr sein kann; als hätte er sich selbst verloren. Dahinter steht ein furchtbar monströses Projekt: Er hat sich vorgenommen, einen Roman zu schreiben, dessen Hauptperson Adolf Hitler ist. Genauer: Es geht um die frühen Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, sozusagen um die „Hitlerwerdung“ Hitlers.

Besagter Autor hat Dutzende von Büchern durchgearbeitet, die das „Phänomen“ Hitler erschließen sollen. Er hat sich auf Recherche-Reise begeben – nach Bayreuth, wo Winifred Wagner den späteren „Führer“ angehimmelt hat; nach München, wo er einige Lieblingsorte Hitlers aufsucht; nach Dachau; zum Obersalzberg.

Mehr und mehr muss der Autor sich Hitler als glaubhafte Romanfigur anverwandeln, sonst hätte das Schreiben ja gar keinen Zweck. Hitler steckt in seinem Kopf, in seiner Psyche. Es sieht so aus, als käme der Schreibende aus dieser Zwangslage nicht mehr heraus. Lässt sich – bei aller schmerzlichen Anstrengung – überhaupt etwas wesentlich „Neues“ über Hitler herausfinden? Wie war das noch mit dem Diktum „Zu Hitler fällt mir nichts mehr ein“, das fälschlicherweise Karl Kraus zugeschrieben wird?

Feridun Zaimoglu, zwar 1964 in der Türkei geboren, aber seit seinem sechsten Lebensmonat in der Wahlheimat Kiel „ein deutsches Leben“ führend, wie er es selbst nennt, hat sich mit seinem Roman „Bewältigung“ ein denkbar belastendes Thema vorgenommen. Sein Buch enthält zahllose Passagen, in denen der fiktive Autor (und mit ihm Zaimoglu selbst) gedanklich und sprachlich beängstigend nahe an Hitler herangeführt wird. Wer immer sich in diesen Massenmörder dermaßen hineinversetzt, kann nicht einfach „normal“ weiterleben. Nicht nur nebenbei sei’s gesagt: Es gibt hierzulande gewiss nicht viele Autoren, die sprachmächtig genug sind, um solch ein Unterfangen zu beginnen. Da muss manches aus dem zeitgeschichtlichen Urschlamm hervorgeholt und gesagt werden, was eigentlich nicht sagbar ist. Zaimoglu und sein Autor taumeln auf schmalem Grat. Praktisch alle, die vom Hitler-Projekt erfahren, sind zutiefst befremdet.

Es stellt sich die Frage, ob solch ein Projekt auszuhalten ist. Eine irgendwie fassbare Romanfigur muss – so verbrecherisch sie sei – auch menschliche Eigenschaften haben, womöglich Traumata, die aus der biographischen Frühzeit herrühren. Um sie aufzuspüren, muss man sich tief ins Innere begeben. Daraus geht man nicht schadlos hervor, denn diese Figur ist ja recht eigentlich unfassbar. Je konsequenter man Hitlers Wesen nachzeichnen will, umso mehr ist es zum Verrücktwerden. Da hilft es auch nicht, sich in einen Opferstatus hineinzuversetzen, indem man sich eine KZ-Nummer in die Haut ritzt. Ist nicht jede „Bewältigung“ nur Beschönigung?

Seltsam genug, dass der Autor Hitler zumeist „den Österreicher“ oder „Menschenschwein“ nennt. Im Verlauf seiner Untersuchungen stößt dieser Schriftsteller auf mancherlei Vorlieben und Abneigungen Hitlers, er erwägt dessen Verhältnis zu Frauen, zu seiner Mutter und zu Hunden, geht zu den Quellen seiner rassistischen Raserei, untersucht sein verkorkstes Verhältnis zur Kunst. Gar manches klingt plausibel (sofern man es überhaupt so sagen kann) und trifft den schnarrenden Tonfall jener Zeiten, anderes streift beinahe zwangsläufig die läppische Kolportage. Was soll es besagen, dass Hitler als Achtjähriger angeblich einem Ziegenbock ins Maul gepisst hat? Dass er für gewöhnlich sieben Stück Zucker in seinen Tee rührte? Was für lachhafte Exzesse!

Aus vielen, vielen Notizen schält sich ein Kernsatz heraus, mit dem der Autor seinen Roman beginnen lassen will. Er bezieht sich auf eine Verwundung Hitlers durch britisches Gas in Ersten Weltkrieg. Damals in Flandern wäre Hitler fast dauerhaft erblindet, seither sei er von Gas besessen gewesen. Welch ein Ansatz, wenn man die späteren Vernichtungslager mitdenkt…

Hitler wird, aller Annäherung zum Trotz, nicht nur als Einzelmensch geschildert. Immer wieder geraten auch die willfährigen Helfer in den Blick, die ihn erst möglich gemacht haben. Doch auch darin geht die Geschichte nicht auf. Noch immer ist nicht bis ins Letzte ergründet, warum so viele Menschen Hitlers Wahn geradezu rauschhaft gefolgt sind.

Eine weitere Ebene zieht  Zaimoglu in den Roman ein, indem er seinen Autor Sprach- und Integrations-Unterricht für Geflüchtete aus dem arabischen Sprachraum erteilen lässt. Da stellt sich auf noch einmal ganz andere Weise die Frage nach dem Deutschsein an sich. Es zeigt sich, dass das Thema keineswegs „erledigt“ ist. Wohl jede Generation hat hierin eine Herkulesaufgabe. Das betrifft auch jene Menschen, die dauerhaft in dieses Land kommen. Sollte sich da ein Hoffnungsschimmer verbergen?

Feridun Zaimoglu: „Bewältigung“. Roman. Kiepenheuer & Witsch. 268 Seiten. 24 Euro.




Am Rande der Sprachlosigkeit: Feridun Zaimoglus Roman „Isabel“

zaimogluDiese junge Frau ist ständig auf dem Sprung. Immer ist sie unterwegs durch den Dschungel der Großstadt. Ziellos hetzt sie von einem Szene-Lokal zum nächsten.

Nirgendwo findet sie Ruhe, Halt, Geborgenheit. Fast scheint es, als würde sie fliehen. Die Frage ist nur: wovor? Was hat sie Furchtbares erlebt, dass sie fast keinem Menschen mehr trauen mag und sich freiwillig in ein soziales Niemandsland begibt? Warum sucht sie, die doch schon als Schauspielerin und Model gearbeitet hat und in der Kulturschickeria Berlins bestens bekannt ist, die Nähe von Pennern und Flaschensammlern? Warum wohnt Isabel neuerdings in einer dieser anonymen Plattenbausiedlungen und verdient sich ein Zubrot damit, dass sie – eingesperrt in einen Keuschheitsgürtel – einem perversen Paar beim Sex zusieht?

„Isabel“, der neue Roman von Feridun Zaimoglu, stellt viele Fragen und gibt nur wenige Antworten. Der türkischstämmige Autor, der seit vielen Jahre in Deutschland lebt und mit „Kanak Sprak“ seinen größten Erfolg feierte, unternimmt eine literarische Exkursion an die Ränder der Gesellschaft, geht dorthin, wo Berlin nicht mehr sexy, sondern nur noch arm ist.

Hier gibt es keine kulturellen Verbindlichkeiten mehr, hier leben die Gestrandeten und Hoffnungslosen. Eben solche Außenseiter wie Isabel. Sie hat, wie ihr Erfinder, türkische Wurzeln. Aber das ist nicht wichtig. Denn Zaimoglu hat keinen Roman über die Ausgrenzung und Benachteiligung von Migranten geschrieben, und eigentlich hat er auch keinen Berlin-Roman verfasst. Die wuselige Großstadt ist nur Kulisse für ein literarische Spurensuche und experimentelle Versuchsanordnung: Was kann man erzählen über das Leben eines Menschen, der sich einkapselt und nicht mehr reden mag?

Und so wie Isabel nicht mehr reden mag über all die Gewalt und die Erniedrigungen, die sie erlebt hat, begibt sich auch der Erzähler auf einen Weg ins Verstummen: Seine Wörter uns seine Sätze sind bis aufs Skelett abgemagert. Die Dialoge bestehen nur noch aus Wortfetzen, die Beobachtungen und Beschreibungen gleichen Leerstellen, die der Leser selbst auffüllen muss.

Aber wollen wir das wirklich? Wollen wir uns ausmalen, auf welche Weise Isabels Freundin Juliette ums Leben kam? Oder uns vorstellen, welche Grausamkeiten wohl Marcus, der junge Soldat, im Kosovo erlebt hat? Marcus ist der einzige Mensch, der Isabels Vertrauen gewinnen kann. Denn hier haben sich zwei verwandte verlorene Seelen getroffen. Dass es für die beiden kein richtiges Happy End geben kann, haben wir uns schon gedacht. Dass die Gewalt aber immer weiter zunimmt und den Roman fast unter sich begräbt, hat uns dann doch ziemlich sprachlos gemacht.

Feridun Zaimoglu: Isabel. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 237 S., 18,99 Euro.




Feridun Zaimoglus Roman „Ruß“: Tristesse im Ruhrgebiet

Auf den ersten Seiten betätigt sich die Hauptfigur namens Renz als Ikonenmaler. Man wähnt sich schon in einer Fälschungsgeschichte. Doch darum geht es nicht.

Die halb schäbig, halb kostbar anmutende Ikonen-Mischung aus Ruß und Goldblatt ist eigentlich schon das edelste, was uns in diesem Roman unterkommt. Der spielt überwiegend in einem gar düsteren, desolaten Ruhrgebiet, noch dazu in winterkalter Trübsal. Man lese nur ab Seite 95 die deprimierende Typenparade aus der Duisburger Fußgängerzone. Vergesst alles Gold, hier bleibt nur Ruß.

Renz ist Arzt gewesen, doch er ist längst ein gebrochener Mann und hilft nur noch seinem Schwiegervater im Kiosk aus. Da treffen sich die Abgehalfterten, die Säufer. Der Handlungsort Duisburg muss abermals für gesteigerte Tristesse herhalten, doch wir wollen gerecht sein: Wenn sich das Geschehen zwischendurch nach Polen und gegen Ende nach Salzburg und Umgebung („Plumpe Bürger…Himmel wie Dreck“) verlagert, nehmen Finsternis und Alkoholismus keineswegs ab. Die ganze Welt ist unerleuchtet. An allen Orten lauert der Abgrund. Und die Menschen gehen einher wie Hinterbliebene des Lebens.

Feridun Zaimoglu schildert in seinem Roman „Ruß“ ein weitgehend abgewracktes Revier mit künstlich aufgepfropften und daher verhassten Schickimicki-Inseln. Zitat gegen jede kulturhauptstädtische Zukunftshoffnung: „Hörense auf, rief der Alte, wenn ich sterb, werd ich wissen, dass Duisburg vor mir verreckt ist. Hörense auf mit dem Tourismus.“

Wie von Geisterstimmen erklingt es in vielfach eingestreuten Fettsatz-Passagen, die aus alter, abgelebter Zeit vor dem „Strukturwandel“ künden. Da ist es, als könne jeden Moment Kommissar Schimanski um die Ecke biegen und ein Lamento übers verfallende Ruhrgebiet anstimmen.

Kriminell geht es auch hier zu, das dürre Handlungsgerüst ist schnell erzählt: Dem Renz haben sie seine Ehefrau Stella ermordet, jetzt kommt der vermeintliche Täter aus dem Knast frei – und ein paar höchst undurchsichtige Gestalten wollen dem Witwer zur tödlichen Rache verhelfen. Oder soll und wird er dabei selbst mit draufgehen? Es ist eine durchweg unheilschwangere Geschichte auf stets schwankendem Boden. Nichts scheint verlässlich. Der unerbittlich rauhe Karl und der übergeschnappte Josef, die Renz alsbald wie Schatten begleiten, könnten ein Zweigespann aus dem Geiste Kafkas sein.

Überwiegend lakonisch, doch insgesamt sehr breit und ausgiebig, mit geradezu manischer Lust am sprachlichen Detail malt Zaimoglu die Atmosphäre der Schauplätze und des zwischenmenschlichen Frostes aus. Der schnoddrige Tonfall klingt „hardboiled“ und transportiert nicht etwa die reale Ruhrgebiets-Mundart, sondern destilliert daraus eine hie und da bis zu Manier vorangetriebene Kunstsprache.

Zaimoglu ist spürbar vom Stilwillen beseelt, große deutsche Literatur zu schreiben. Natürlich ist es ein Gewinn, dass sich der 1964 in der Türkei geborene Schriftsteller seit rund 35 Jahren mit solcher Inbrunst ins Deutsche hineinbegeben hat. Anders als so mancher „Eingeborene“ ruht er nicht eher, als bis er das treffende Wort auch für vermeintliche Nichtigkeiten gefunden hat.

Die Lektüre des neuen Romans bringt allerdings auch Mühsal mit sich. Alle Figuren scheinen aus ähnlichen Hölzern geschnitzt zu sein. Alle sind sie zutiefst desillusioniert, alle reden sie in verwandten Zungen. Hart, abweisend, aggressionsbereit. Auch die Barfrau Marja, in die sich Renz auf seine Weise zu verlieben scheint, passt in diese eintönig schmutzige Männerwelt.

Nicht nur unterschwellig wird hier der Mythos des früheren Ruhrgebiets notdürftig aufrecht erhalten, in dem es noch geradeaus und aufrichtig zuging. Zitat:

„Ein Schwein erkennt man hier ganz schnell…Und dann zeigt man dem Schwein, wo es langgeht. Die Arbeiterkeule.“

Am Schluss, ausgerechnet im österreichischen Ort mit dem schreienden Namen Heiligenblut, nimmt die Geschichte noch eine ungeahnte Wendung. Doch in diesem Leben, in diesem Jammertal wird es keine Erlösung mehr geben…

Feridun Zaimoglu: „Ruß“. Roman. Kiepenheuer & Witsch. 272 Seiten, 18,99 Euro.

Video: Der Autor liest aus seinem Buch.




Verbotenes Wort

Liebe Gemeinde!

Ihr habt noch keine Osterpredigt gehört? Hier ist sie:

Viele sind stolz, dass sie gar nicht(s) mehr ****ben. Dieses triumphale Gefühl geht oft einher mit „Sündenstolz“; ein Wort, das heute kaum noch jemand verwendet. Zuletzt habe ich es aus dem Mund des weltweisen Schriftstellers Feridun Zaimoglu gehört.

Jene, die noch an etwas ****ben, werden bestenfalls milde belächelt. Sie sind so überaus naiv. Sie haben kein Zeichen der Zeit erkannt. Manchmal wird der Un****be auch aggressiv. Verdammt unangenehm.

Tatsächlich ****bt in unseren Breiten fast niemand mehr felsenfest. Übermächtig scheinen die Gründe zur tausendfachen Skepsis. Verfall, wohin man schaut. Missratene Schöpfung. Wer aber ein weiter blickt, ist vielleicht gar nicht so heilfroh, vom ****ben abgefallen zu sein. Gewiss, wir haben als Notration unsere stets auf dem Sprung liegende Ratio. Imponierend. Ungeheuerlich. Doch wie weit reicht der Horizont? Und was wird am Ende des Weges sichtbar?

Und wenn es nur um die Kraft ginge, die man aus tief gegründeten Haltungen schöpfen kann. Dann lobte ich mir die Kraft eines ****bens, die die Kraft des Zweifels wohl übersteigt.

Jawoll.




Gespräch mit Feridun Zaimoglu: Ein böses Schillern mitten in unserer Gesellschaft

Der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu war kürzlich Teilnehmer des „Islam-Gipfels“, zu dem Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble eingeladen hatte. Ein Gespräch mit Zaimoglu auf der Frankfurter Buchmesse.

Wie haben Sie die Vorgänge um die Absetzung der Mozart-Oper „Idomeoneo“ in Berlin erlebt?

Feridun Zaimoglu: Jedenfalls will ich nicht mit dem Chor der Wölfe heulen. Plötzlich wimmelte Deutschland von Aufklärungs-Hysterikern, die gesagt haben: Wir dürfen nicht vor dem Islam einknicken. Die Politiker haben doch erst die Droh- und Druckkulisse aufgebaut. Ein Schmierentheater. Diese Leute sollen sich mal entspannen. Ich bin für Bodenhaftung. Man muss nicht gleich alles symbolisch und ideologisch aufladen wie diese Aufklärungs-Spießer.

Erklären Sie uns diesen Begriff? Sonst ist „Aufklärung“ doch positiv besetzt, oder?

Zaimoglu: Ich sage als Deutscher, der dieses Land liebt und vom religiösen Wahn bitteschön unbehelligt leben will: Ich bin aufklärungsskeptisch. Aufklärung ist sehr billig zu haben. Wenn man den religiös Orthodoxen folgt, landet man in der heißen Hölle, folgt man nur der Aufklärung, so kommt man in eine kalte Hölle. Ausgerechnet jene, die die Einwanderer schon immer ausgegrenzt haben, nutzen jetzt wieder die Gelegenheit, um auf den Islam einzudreschen. Die kennen die deutsche Realität gar nicht. Da werde ich garstig.

Wie ist der „Islam-Gipfel“ aus Ihrer Sicht verlaufen?

Zaimoglu: Großartig. Ein historischer Schritt. Es ging gleich zur Sache. Minister Schäuble hat keine Friede-Freude-Eierkuchen-Veranstaltung daraus gemacht. Auch das liebe ich an Deutschland: die herbe Aussprache; höflich, aber nicht zimperlich. Allerdings herrscht jetzt schon Entscheidungspflicht.

In welcher Hinsicht?

Zaimoglu: Es geht um die Ausbildung von islamischen Geistlichen in Deutschland, um islamischen Religionsunterricht in deutschen Schulen und die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Der Islam ist nun mal die zweitstärkste Religion Deutschlands. Das muss man endlich realpolitisch zur Kenntnis nehmen. Ich bin glühender Verfechter eines „deutschen Islam“, etwa so: Wir sind hier. Wir leben, lieben und glauben in Deutschland…

Drängt es Sie, solche Fragen auch literarisch zu verarbeiten?

Zaimoglu: Ich muss immer körperliche Lust auf ein Thema haben. Als ich mit „Leyla“ anfing, hatte ich eben Lust, die Geschichte meiner Mutter zu erzählen. Übrigens haben mich die Plagiatsvorwürfe, diese infamen Lügen, damals sehr erschüttert. Da gab es Leute, die mich als Schriftsteller offenbar vernichten wollten. Aber es hat sich ja als heiße Luft erwiesen. Und das Publikum hat zu mir gehalten. Übrigens wird es eine Fortsetzung von „Leyla“ geben.

Viele Kritiker haben den Roman gepriesen. Tenor: Bisher hat er uns manche Kraftmeierei zugemutet. Jetzt aber ist er ein richtiger Schriftsteller.

Zaimoglu: Dass ich jetzt als deutscher Dichter angesehen werde, macht mich wirklich froh. Trotzdem stehe ich auch zu meinen früheren Büchern. „German Amok“ würde ich heute etwas anders schreiben, weniger grob gestrickt. Na gut. Schreiben ist für mich eine Sucht, es erfordert sehr viel Kraft, es laugt einen aus. Auch deshalb genieße ich jedes Lob.

In Castrop-Rauxel wird derzeit Ihr Theaterstück „Schwarze Jungfrauen“ gespielt – jeweils mit anschließender Diskussion. Was ist so provozierend an dem Stoff?

Zaimoglu: Es ist tatsächlich empörend, es fallen knallhart antiaufklärerische Sätze. Das Stück basiert auf Interviews mit jungen türkischen Frauen – und einiges, was ich da hörte, hat auch mich empört. Antiamerikanische und zuweilen antijüdische Auslassungen, die ziemlich ungefiltert auf die Bühne kommen. Man wird da in einen dunklen Sog hineingezogen. Ein böses Schillern mitten in unserer Gesellschaft…