„Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt – große Schauspielkunst bei den Ruhrfestspielen

Die 50er und 60er Jahre waren, wenn auch nicht unbedingt eine bleierne, so doch eine recht behäbige Zeit. Schnell hatte man es sich in Deutschland-West in einer funktionstüchtigen Demokratie bequem gemacht, erlebte ein Wirtschaftswunder, und die Parole „Dreigeteilt? Niemals!“ war allemal populärer als „Nie wieder!“ Nie wieder, nämlich: nie wieder Nazis, nie wieder Krieg – übersetzte sich im Alltag oft mit „Schwamm drüber“, was eben auch bedeutete: Die Hitlerei war ein Ausrutscher, der Krieg ein Fehler, soll nicht wieder vorkommen, wir sind jetzt Rechtsstaat.

Burghart Klaußner, Maria Happel (Foto: Reinhard Werner / Ruhrfestspiele)

Zivilgesellschaft

Einem unverstellten Beobachter und Denker wie Friedrich Dürrenmatt muß dieser bequeme Konsens mißfallen haben. Vielleicht ärgerte er sich zudem über die Selbstgerechtigkeit seiner Schweizer Landsleute nach dem Motto „Wir sind ja nicht dabeigewesen“. Im „Besuch der alten Dame“ (Uraufführung 1956 in Zürich) hat der Dichter (deshalb?) einmal durchgespielt, wie weit die Kraft der Zivilgesellschaft reicht. Und er hat recht plausibel vorgeführt, daß es damit nicht so weit her ist, wenn auf der anderen Seite Vorteile locken. So, meine ich, haben wir das Stück in meiner Schulzeit gelesen, mit einem eindeutigen Schwerpunkt bei der Korrumpierbarkeit der Menschen und beim moralischen Appell.

In diesem Jahr stehen die Ruhrfestspiele unter dem Motto „Heimat“. Eröffnungspremiere war Dürrenmatts Klassiker in einer Inszenierung des Intendanten Frank Hoffmann. Hoffmann hat das Stück nicht gewalttätig auf das Festspielmotto hin umgepolt, trotzdem stellt man als Zuschauer mit einer gewissen Verwunderung fest, daß die Fragen nach der Heimat bzw. dem Verlust derselben ihm eine unerwartete Aktualität verleihen.

Von links: Dietmar König (Lehrer), Michael Abendroth (Pfarrer/Helmesberger), Marcus Kiepe (Arzt/Hofbauer), Daniel Jesch (Polizist), Petra Morzé (Frau Ill), Roland Koch (Bürgermeister), Burghart Klaußner (Alfred Ill) (Foto: Reinhard Werner / Ruhrfestspiele)

Koproduktion mit Burgtheater

Die Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater bringt eine Reihe hervorragender Schauspielkünstler auf die Bühne, allen voran Maria Happel als Claire Zachanassian und Burghart Klaußner als ihren einstigen Liebhaber Alfred III, der sie, schwanger von ihm, damals ins Elend stürzte. Claire hat ihre Heimat vor Jahrzehnten schon verloren, Alfred verliert sie lange vor seinem physischen Tod, wenn die selbstverständliche Sicherheit im vertrauten Güllener Milieu wegbricht.

Der Konflikt, ein weiterer Aspekt, brauchte seinerseits eine Heimat, oder doch wenigstens eine Verortung. Was also, mag man sich fragen, ist Heimat dann eigentlich? Ist sie ein Ort der Sehnsucht, der Selbstvergewisserung, der Sicherheit oder, in dem Dramatiker Thomas Bernhard zugeschriebenen Worten, „dort, wo man sich aufhängt“?

Eine tragische Liebesgeschichte

Bei der Wiederbegegnung mit dem Stück im Recklinghäuser Festspielhaus wird überdies erkennbar, wie sehr „Der Besuch der alten Dame“ auch eine große, tragische Liebesgeschichte ist. Im brillanten Spiel von Happel und Klaußner wird klar, daß die Beziehung zwischen Claire und Alfred einmal eine Tiefe hatte, die Menschen, wenn überhaupt, nur einmal im Leben vergönnt ist. Es hat nicht sollen sein, und das ist tragisch.

Eigentlich wären die sentimentalen Erinnerungen der beiden also ein Grund zur Trauer, und man könnte fragen, warum Claire Zachanassian trotzdem so unerbittlich Rache fordert. Nun gut – um aus dem ganzen eine moralische Parabel zu machen, braucht es natürlich diese Härte, sonst könnten die Güllener ja was kungeln und das Stück würde nicht mehr funktionieren. Trotzdem wirkt der Dichter Dürrenmatt in seiner helvetischen Gemessenheit ein wenig auch wie ein literarisches Schlitzohr, das Freude am unterschwellig Absurden hat; Absurdes hatte in jenen Jahren, als die alte Dame erschien, bekanntlich Konjunktur. Aber da er ja auch ein literarischer Olympier ist, sind solche Unterstellungen natürlich ungehörig.

Von links: Marcus Kiepe (Arzt/Hofbauer), Michael Abendroth (Pfarrer/Helmesberger), Roland Koch (Bürgermeister), Dietmar König (Lehrer), Daniel Jesch (Polizist) (Foto: Reinhard Werner / Ruhrfestspiele)

Das Monströse bleibt monströs

Blendung, Kastration, Mord, Geld, Rache; Hoffmanns Inszenierung, die nicht zuletzt von etlichen starken Bühnenbildern lebt (Bühne: Ben Willikens, Kostüme: Susann Bieling) läßt das Monströse monströs und zeigt erfreulich wenig Interesse daran, aktuelle Bezüge gleichsam mit der Brechstange zu erschaffen – sieht man einmal davon ab, daß einige Ortsmarken des nördlichen Ruhrgebietes in den Text eingewoben wurden, was man sich hätte schenken können. So wie die Geschichte hier in zwei Stunden ohne Pause erzählt wird, ist sie rund und auch recht spannend. Und hoch moralisch natürlich überdies.

Verschwurbelte Endlosreden

Selten wirkte ein besseres Ensemble auf der Bühne der Ruhrfestspiele. Roland Koch sorgt als Bürgermeister, der so gern verschwurbelte Endlosreden hält, für Heiterkeit, Daniel Jesch ist ein Ortspolizist von bemerkenswerter Sportlichkeit, der auf Wunsch auch Liegestütz mit einem Arm vorführen kann. Hinreißend wirkt auf der Bühne eine Riege älterer Herren (Rolf Mautz in mehreren Gattenrollen, Hans Dieter Knebel als Butler, Michael Abendroth als Pfarrer), die getragene Burgschauspielerwürde atmen. Harald Retschitzegger, Franz Schöffthaler und Peter Nitsche sind die „falschen Zeugen“, Marcus Kiepe als Arzt und Petra Morzé als Alfreds Gattin Mathilde III schließlich komplettieren das vorzügliche Bühnenpersonal.

Es gab viel Applaus für das Stück und für Frank Hoffmanns Regiearbeit, die fraglos eine seiner besseren ist.

Hoffmanns  letztes Festival

Die Ruhrfestspiele 2018 sind die letzten des Luxemburger Theatermannes, der überdies seit vielen Jahren Direktor des dortigen Nationaltheaters ist. Wie berichtet, übergibt er den Stab an Olaf Kröck. 14 Jahre hat Hoffmann das Festival geleitet, das nach der einjährigen Intendanz Frank Castorfs wirtschaftlich mächtig ins Trudeln geraten war. Hoffmann war und ist ein exzellenter Kulturmanager, der mit seinen Programmen, das kann man sicherlich so sagen, den Geschmack des Ruhrfestspielepublikums recht gut traf und von Anfang an schwarze Zahlen schrieb. Aber noch ist es für eine Verabschiedung zu früh; das geschieht erst auf einer feierlichen Gala Mitte Juli.

  • Keine weiteren Termine in Recklinghausen
  • Premiere im Wiener Burgtheater am 26. Mai 2018



Überall auf der Welt ist Heimat – Zum Programm der letzten Ruhrfestspiele von Frank Hoffmann

Nein, Frank Hoffmann sieht aus wie immer. Erkennbar ist es nicht dem Alter geschuldet, daß diese Ruhrfestspiele seine letzten sein sollen. Aber nach 14 Jahren Intendanz ist es vielleicht an der Zeit, das Festival anderen, Jüngeren zu überlassen. Frank Hoffmann, 63 Jahre ist er jetzt alt, klebt erkennbar nicht am Intendantenstuhl, und das ehrt ihn.

„Barbarische Nächte oder der erste Morgen der Welt“ („Les Nuits Barbares“), eine Choreographie von Hervé Koubi (Foto: Nathalie Sternalski/Ruhrfestspiele)

Zudem ist 2018 das Jahr, in dem mit Prosper-Haniel in Bottrop die letzte Zeche des Reviers schließt, eine Epoche mithin zu Ende geht, die für das Ruhrgebiet und die Ruhrfestspiele von kaum überbietbarer Bedeutung war und ist. Ein guter Zeitpunkt, um abzutreten. Und ganz feierlich geschieht dies am 17. Juni im Festspielhaus, in der letzten Veranstaltung dieses Jahres mit dem Titel „Frank Hoffmann sagt Adieu“.

Nachfolger Olaf Kröck

Hoffmanns Nachfolger heißt übrigens Olaf Kröck, ist 45 Jahre alt und in dieser Spielzeit Interimsintendant des Bochumer Schauspielhauses, bevor dort in der nächsten Spielzeit Johan Simons das Zepter übernimmt. Der ist zwar schon über 70, aber wohl immer noch recht rebellisch. Wo fürderhin das jugendlichere, frischere Theater stattfindet, in Bochum oder in Recklinghausen, ist also keineswegs ausgemacht.

Es hätte auch Kohle heißen können

Zurück zu den Ruhrfestspielen, die in diesem Jahr, top aktuell wieder einmal, „Heimat“ betitelt sind. Es könnte einem schon der Gedanke kommen, daß der Arbeitstitel vielleicht doch eher „Kohle“ oder „Bergbau“ oder irgend etwas anderes in diesem Kontext gewesen sein könnte und man erst später auf Heimat umschaltete, als dieser Begriff durch die politische Diskussion (samt Gründung diverser „Heimatministerien“) plötzlich eine neue Aktualität bekam. Ist ja auch egal; Heimat eignet sich jedenfalls sehr gut als Überzeile, so lange nicht die Definition von Thomas Bernhard gilt „Heimat ist, wo man sich aufhängt“. Frank Hoffmann zitierte den großen, zornigen, zu früh und durch eigene Hand aus dem Leben gerissenen österreichischen Dramatiker nicht ohne Ernst, wenn auch mit der ihm eigenen Leichtigkeit.

Burghart Klaußner spielt in „Der Besuch der alten Dame“ (Foto: Ruhrfestspiele)

Ein Klassiker von Dürrenmatt

Von Thomas Bernhard, um jetzt endlich mal die Kurve zum Programm zu kriegen, ist leider nichts in demselben. Das Festival startet mit Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“, den Frank Hoffmann selbst in einer Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater für die Ruhrtriennale inszeniert hat. Um Kohle geht es hier wohl eher nicht, wenn man das Vermögen der alten Dame Claire Zachanassian nicht Kohle nennen will; um Heimat geht es allerdings sehr wohl, um eine grausame, verstoßende Heimat, um Heimatverlust.

Nicht wenige Zuschauer werden dem „Besuch der alten Dame“ im Gymnasium begegnet sein, ein unbedingt respektables, sinnhaftes Stück, aber vielleicht auch etwas angestaubt. Man darf gespannt sein, was Hoffmann daraus macht. Auf jeden Fall stehen gute Leute auf der Bühne, beispielsweise Maria Happel und Burghart Klaußner in den Hauptrollen.

Hauptmann, Brecht und Shakespeare

Das zweite „große“ Stück im Großen Haus ist ebenfalls eine Koproduktion (mit dem Deutschen Theater Berlin). Im Kino wäre diese Produktion von „Vor Sonnenaufgang“ so etwas wie eine Neuverfilmung, für das Theater fehlt der entsprechende Begriff. Ewald Palmetshofer also, ein immer noch recht junger österreichischer (was sonst? Kommen ja alle aus Österreich, die jungen Dramatiker!) Dramatiker, hat Gerhart Hauptmanns gleichnamiges Stück über den abrupten Niedergang einer durch Bergbau reich gewordenen Bauernfamilie aktualisiert, Jette Steckel führt Regie. Ein bißchen geschraubt wirkt die Formulierung im Programmheft „Premiere der deutschen Erstaufführung bei den Ruhrfestspielen“, auch wenn sie letztlich zutrifft. Doch zu sehen war Palmetshofers Stück bereits in Basel (Regie: Nora Schlocker) und in Wien (Regie: Dušan David Pařízek). Die Kritiken fielen durchwachsen aus.

Weitere Theaterproduktionen auf der großen Bühne sind „Der kaukasische Kreidekreis“ von Bertolt Brecht in der Regie von Albert Ostermaier und ein „König Lear“ von Shakespeare in der Regie des Altmeisters Claus Peymann, der lange Zeit Intendant des Berliner Ensembles war. Diese Produktion allerdings entstand am Schauspiel Stuttgart, und den greisen König, der sich so grausam in seinen Töchtern irrt, spielt Peymanns alter Weggefährte (seit Bochumer Zeiten) Martin Schwab.

„Ruhrepos“ von Albert Ostermaier

Originell ist schließlich die letzte Produktion im Festspielhaus zu nennen. „Die verlorene Oper. Ruhrepos“ von Albert Ostermaier, eine Koproduktion mit dem Staatsschauspiel Hannover, wandelt sozusagen auf den Spuren von Bert Brecht und Kurt Weill. Die wollten ein solches Epos schaffen, machten über und unter Tage fleißig Recherchen, 1927 sollte in Essen Premiere sein. Wegen „antisemitischer Hetze“ so das Programmheft, wurde das Projekt jedoch fallengelassen, und zwei Jahre später entstand in Berlin die „Dreigroschenoper“. Ich gebe das mal ohne weitere Überprüfung so wider, wohl wissend, daß Fragen bleiben. Nun also ein Epos von Albert Ostermaier. Regie führt Thorleifur Örn Arnarsson (what a name!).

Ganz familiär: „Home“ (Foto: Maria Baranova/Ruhrfestspiele)

„La Catastròfa“

Zwei bemerkenswerte, düster grundierte Liederabende harren der Erwähnung. „La Catastròfa“ erinnert, dargeboten von Etta Scollo und Joachim Król, an ein schweres Bergunglück in Belgien, 1956. 262 sizilianische „Gastarbeiter“ kamen bei einem Grubenbrand ums Leben. Sie wurden Opfer skandalöser, unmenschlicher Arbeitsbedingungen, die in bestem zwischenstaatlichen Einvernehmen (zwischen Belgien und Italien) auf Ausbeutung der billigen Arbeitskräfte ausgerichtet waren.

Den anderen Liederabend singt und gestaltet Ute Lemper. Ihre „Lieder für die Ewigkeit“ entstanden im Konzentrationslager Theresienstadt, das der NS-Propaganda als „Vorzeigelager“ diente und in dem etliche Künstler interniert wurden. Anrührende Musik im Angesicht des Todes – Victor Ullmann, Ilse Weber, Willy Rosen nennt das Programmheft namentlich.

Mitbewohner auf der Bühne

Etwas heiterer geht es in „Home“ von Geoff Sobelle zu, einer (wiederum zitieren wir etwas irritiert das Programmheft) „Kooperation mit BAM, Arizona State University – Gammage, New Zealand Festival und Edinburgh International Festival“, wo es um ein mehrgeschossiges Holzbauwerk auf der Bühne geht, in dem etliche Mitbewohner (wortlos) das Mitbewohnen in seinen zahlreichen mehr oder minder komischen Facetten proben.

Die Neue Philharmonie Westfalen spielt Smetana („Mein Vaterland“), man diskutiert („Forum Arbeit – Lied – Bewegung; Forum zum Thema Heimat und Lieder der deutschen Arbeiterbewegung“), und Konstantin Wecker führt samt Trio vor, was damit gemeint sein könnte („Konzert im Rahmen des Forums Arbeit – Lied – Bewegung“).

John Malkovich regt sich auf in „The Music Critic“ („Der Musikkritiker“) (Foto: Sandro Miller/Ruhrfestspiele)

Hollywood-Stars Malkovich und Murray

Ach ja, Hollywood! Es gibt ein Wiedersehen mit John Malkovich, der mit ihm eigener Verve Musikkritiken vortragen wird, sämtliche Verrisse. „The Music Critic“ verspricht höchst unterhaltsam zu werden (Idee und Konzeption: Aleksey Igudesman, Swiss Gart). Und Bill Murray kommt auch. Er, den einst täglich das Murmeltier grüßte und der sich „Lost in Translation“ wähnen mußte, führt bei diesen Ruhrfestspielen ein anregendes Bühnengespräch in englischer Sprache mit dem Cellisten Jan Vogler über klassische Musik und amerikanische Literatur. Mira Wang (Violine) und Vanessa Perez (Klavier) ergänzen die illustre Begegnung, und einige Male singt Bill Murray sogar – Klassiker des Great American Songbooks.

Mehrere afrikanisch grundierte Projekte springen ins Auge, die ihre Energie oft aus dem Zusammentreffen mit europäischen Sichtweisen schöpfen. „Barbarische Nächte oder Der erste Morgen der Welt“ („Les nuits barbares“) des Choreographen Hervé Koubi gehört dazu, eine Produktion mit Tänzerinnen und Tänzern aus Nordafrika, die sich mit der Faszination und den Ängsten befaßt, die der „schwarze Kontinent“ über Jahrhunderte bei den Europäern weckte. Gleichzeitig forscht Koubi, Kind algerischer Eltern, nach Spuren verschwundener Kulturen, sucht Mythen, Masken, Rituale und bindet sie in seine Arbeit ein.

Afrikanisches Tanztheater

„Ein Spiel namens Mut“ von Michael Ojake, koproduziert mit UFA Fabrik Berlin, vereint Spiel und Tanz und erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der beschließt, Nigeria zu verlassen und nach Europa zu gehen. Seine Pläne lösen im Dorf eine heftige Diskussion aus. Ähnliches geschieht in „A Man of Good Hope“, dargeboten im Theater Marl. Das Stück nach einem Roman von Jonny Steinberg dreht sich um den jungen Asad, der es von Somalia nach Südafrika schafft, wo das Leben auch kein Zuckerschlecken ist. Mittelalterliche Clan-Strukturen, staatliche Repression, Menschenhandel, Gewalt, Korruption und latenter Rassismus in den Townships sind stets gegenwärtig in dieser Produktion des Isango Ensembles Südafrika in Zusammenarbeit mit dem Young Vic London, Royal Opera, Repons Foundation, BAM und Les Théâtres de la Ville de Luxembourg.

Unterschiedliche Blickwinkel

Unbedingt zu erwähnen ist schließlich das Tanzprojekt, das aus den Teilen „The Choreonauts“ und „In Between/Digging in the Night“ besteht. Teil 1 verantwortet Afro-European Navigations in Dance, Teil 2, das wird jetzt lang, in einer Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Phumlani Nyanga und Helge Letonja, steptext dance project Bremen, Tanz! Heilbronn, Theater Bremen und Festival AFRICTIONS. Extravagante Black Dandys und Hipster in Johannesburg, obdachlose Müllsammler und Zuwanderer…  Es geht um sozialen Wandel, Veränderungsdruck, Reflexionen gesellschaftlicher Zustände, wahrgenommen aus den Blickwinkeln des Europäers Letonja und des Afrikaners Nyanga. Definitiv ein spannendes Projekt.

Beckmanns, Die Spielkinder (Foto: Die Spielkinder/Ruhrfestspiele)

Die Harfouch spielt Marine Le Pen

Weil es originell ist, ohne lustig zu sein, sei noch auf eine Produktion im Kleinen Haus hingewiesen: Dort spielt die grandiose Corinna Harfouch in einer Koproduktion mit dem Theater Magdeburg „Die Präsidentin“. Das Stück basiert auf der Annahme, Marine Le Pen hätte es in den Elisée-Palast geschafft. Wie wäre es dann weitergegangen, wie stringent griffen in einem solchen Fall die Mechanismen der Macht? Vorlage für diese gar nicht so bizarre Geschichte ist ein französischer Strip von François Durpaire und Farid Boudjellal, Regie führt Cornelia Crombholz.

Und natürlich wäre es reizvoll, dies mit Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ zu vergleichen, dem Stück, in dem das bürgerliche Lager Frankreichs im Bestreben, den Front National zu verhindern, Islamisten den Weg an die Spitze des Staates ebnet. Von Houellebecqs Protagonist François – in Hamburg hinreißend dargeboten vom großartigen Edgar Selge – weiß man, daß das Leben auch in solchen Fällen weitergeht, manchmal sogar ausgesprochen behaglich.

Wir sind die Beckmanns

So. Wir müssen zum Ende kommen. Letzte Erwähnungen sollen den Beckmann-Kids gelten, den Schauspiel-Sprößlingen Nils, Till, Maja und Lina, die alle ihr Ding machen, sich ab und zu jedoch zu überaus ergötzlichen gemeinsamen Bühnenlesungen aus dem Alltag treffen. „Die Spielkinder und Gäste“ heißt ihr (leider nur einmaliger) Auftritt bei den Ruhrfestspielen, und die Gäste sind Jennifer Ewert, Charly Hübner und Sebastian Maier.

Die Kunstausstellung in der Kunsthalle Recklinghausen schließlich kommt in diesem Jahr von dem Künstler-Zwillingspaar Gert&Uwe Tobias, ist „ein multimediales Ausstellungsprojekt zur Kohle“ und geht über drei Etagen. Die Heilige Barbara fehlt hier ebenso wenig wie der Kanarienvogel und der große Naive Erich Bödeker, der wohl bekannteste Künstler der Stadt.

Das Festspielhaus wartet auf seine Gäste (Foto: Ruhrfestspiele)

Fringe vor dem Aus?

Wiederum bleibt vieles unerwähnt, vor allem viele Lesungen und Kabarett-Auftritte bekannter Künstler. Im Fringe-Festival (eigenes gelbes Programmbuch) wird wieder eine Menge originelle „Kleinkunst“ für alle Altersklassen geboten, und sollte Hoffmann-Nachfolger Kröck, wie in einem Zeitungsinterview angekündigt, Fringe tatsächlich abschaffen, wäre das sehr, sehr schade. Wie immer kann auch diese Programmankündigung nur mit der Empfehlung enden, sich nach Lektüre noch etwas schlauer zu machen.

Und was macht Hoffmann, wenn er in Recklinghausen nichts mehr macht? Nun, nach wie vor ist er ja auch noch Intendant des Luxemburger Nationaltheaters. Dort möchte er zukünftig häufiger Regie führen, mehr Stücke in französischer Sprache inszenieren.

Das reicht gewiß für den Moment. Für einen Nachruf wäre es noch etwas früh.

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Künftiger Ruhrfestspiel-Chef heißt Olaf Kröck

Hier mal ein dürre Nachricht, einstweilen noch ohne allzu viel „Fleisch“, wie man so sagt: Der kommende Intendant der Ruhrfestspiele heißt Olaf Kröck, ist derzeit (Interims)-Intendant des Bochumer Schauspielhauses und wird sein Amt in Recklinghausen am 1. August 2018 antreten.

Wird Intendant der Ruhrfestspiele: Olaf Kröck. (Foto: © Knotan)

Wird Intendant der Ruhrfestspiele: Olaf Kröck. (Foto: © Knotan)

Der 45-jährige Kröck tritt die Nachfolge von Frank Hoffmann (63) an, der den Ruhrfestspielen seit 2004 nur selten ästhetische Offenbarungen, jedoch hervorragende Auslastungszahlen beschert hat.

Mit Kröck, der ein Studium der Angewandten Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis an der Universität Hildesheim absolviert hat, entscheidet man sich nicht für einen etablierten großen Namen der Theaterzunft, sondern eher für ein Versprechen auf die Zukunft. Die Zusammenarbeit dürfte wunschgemäß langfristig angelegt sein.

Der in Viersen geborene Olaf Kröck wird seinen jetzigen Bochumer Posten, den er gerade erst eingenommen hat, im Sommer 2018 für Johan Simons, den bisherigen Chef der RuhrTriennale, räumen.  Simons` Triennale-Nachfolge wiederum wird aus einer „Doppelspitze“ mit Stefanie Carp und Christoph Marthaler bestehen.

Die Karten in der Theaterlandschaft des Reviers werden also gründlich neu gemischt.

Der neue Ruhrfestspiel-Mann Kröck war bisher vorwiegend als Dramaturg tätig, und zwar in Hildesheim, Luzern, am Schauspiel Essen und (vor seiner jetzigen Kurz-Intendanz) am Schauspielhaus in Bochum, wo er wesentliche Inszenierungen der letzten Jahre mitgeprägt hat.

Die Entscheidung für den neuen Ruhrfestspielchef wurde im Aufsichtsrat des traditionsreichen, 1947 gegründeten Festivals einstimmig getroffen. Gesellschafter der Ruhrfestspiele sind der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Stadt Recklinghausen.

Am 27. Oktober soll Olaf Kröck in Recklinghausen offiziell vorgestellt werden. Mal schauen und hören, welche konzeptionellen Vorstellungen er dann womöglich schon im Gepäck hat.

 




Ruhrfestspiele: „Tod“, „Rausch“ und Angst – Extremzustände von unterschiedlicher Qualität

„Tod“: Kleinmann (Albert Bork) würde lieber im Bett bleiben. (Foto: Joachim Schmitz/Ruhrfestspiele)

Kleinmann ist wie er heißt, ein kleiner Mann, der seinen Nachtschlaf braucht, weil die Arbeitstage anstrengend sind. Es ist nämlich Saison, wie beiläufig zu erfahren ist, und Kleinmann ist Verkäufer von irgend etwas. Schlaf aber ist ihm nicht vergönnt.

Nachts um halb drei klopft die Bürgerwehr bei ihm an. Er soll helfen, den Mörder zu fangen, der sich in der Gegend herumtreibt. Kleinmann würde viel lieber schlafen, aber was soll man machen? Die Geschehnisse nehmen ihren Lauf.

Roberto Ciulli inszeniert Woody Allen

Kleinmanns gestörte Nachtruhe steht am Anfang des Theaterstücks „Tod“ von Woody Allen, 1978 uraufgeführt, das das Mülheimer Theater an der Ruhr unter Leitung seines charismatischen Intendanten Roberto Ciulli in einer Koproduktion mit den Ruhrfestspielen nun in Recklinghausen zur Aufführung brachte.

Knappe anderthalb Stunden hat der arme Kleinmann (Albert Bork) dann noch zu leben, bis er schließlich blutüberströmt auf seinem Bett liegt und das Licht ausgeht. Und diese anderthalb Stunden waren verdammt stressig, fand sich der arme Kerl doch plötzlich in einer undurchschaubaren, kafkaesken Szenerie auf der Straße wieder, um einige Zeit später selbst für den Mörder gehalten und beinahe gelyncht zu werden, bevor er schließlich dem echten Mörder in die Hände fiel. Wäre er doch im Bett geblieben.

Albert Bork, ein Mann von zierlicher Gestalt, gibt den Kleinmann (die Ruhrfestspiele schreiben Kleinmann mit nur einem „n“, Reclams Schauspielführer mit zweien, was sinnvoller ist, sonst sollte man „Littleman“ sagen) als treffliches Woody Allen-Imitat, als wenig mutigen Antihelden, der der Ungeheuerlichkeit der Situation seine gewollt lustigen Spruchweisheiten entgegenwirft, ohne sich mit ihnen dem Strudel des Untergangs entziehen zu können.

Lederhose, Hitlerbärtchen

Der bösen Dynamik in „Tod“ hat Roberto Ciulli noch eine weitergehende Interpretation hinzugefügt. Er selbst betritt – kurze Lederhose, Hitlerbärtchen – als Spiro die Bühne, als „Experte“, der Täter zu erschnüffeln vermag. An Kleinmann schnüffelt er besonders lange herum und erklärt ihn schließlich zum Täter: eine bedrückende, rassistische Miniatur innerhalb des Stücks, die sicherlich nicht zwingend, aber doch sehr klug ist. Wie überhaupt einmal mehr beeindruckt, wie reflektiert, aber auch konsequent Roberto Ciulli und sein Theater sich einem Stoff annähern.

Fast wirkt es bei dieser Intensität erleichternd, wenn das eine oder andere kleine Filmzitat erkennbar wird, wenn etwa Spiro/Hitler ähnlich wie Charlie Chaplin im „Großen Diktator“ mit einem Ball wie mit einer Weltkugel spielt. Ciulli (83) macht nach wie vor sein schönes poetisch-politisches Theater, Gralf-Edzard Habben (82) baut ihm dafür spartanisch einfache und trotzdem intensive Bühnenbilder, und hoffentlich machen sie das noch recht lange.

„Rausch“: Szene mit Maik Solbach (vorn) und Maria Gräfe. (Foto: Birgit Hupfeld/Ruhrfestspiele)

Strindberg mit viel Geschrei

Am Tag zuvor hatte „Rausch“ von August Strindberg im Großen Haus Premiere, eine Regiearbeit des Intendanten Frank Hoffmann in Koproduktion mit Luxemburger Nationaltheater, Schauspiel Hannover und Deutschem Theater Berlin. Es ist eine düstere Angelegenheit, in der, stark verkürzt formuliert, kurzer unzulässiger Liebesrausch eine Menge Schuld produziert, die, wie es zunächst scheint, dadurch abgelitten werden muß, daß zwei Nicht-Liebende den Rest ihres Lebens zusammenbleiben müssen.

Dann aber wenden sich die Dinge, und am Schluß sind die wichtigsten Personen des Stückes geläutert, weshalb Strindberg sein Stück als „Komödie“ bezeichnete. Nun ja. Diese repressive, skandinavisch-protestantisch grundierte Schuld- und Sühne-Geschichte sollte schon einige Durcharbeitung erfahren, bevor man sie heutzutage auf die Bühne stellt.

In der Einrichtung der Ruhrfestspiele ist davon leider wenig zu spüren. Da wird burlesk und laut und schlecht und recht eine Geschichte vorgespielt, die an Personenzeichnung oder gar Entwicklung kaum Interesse zeigt und deren bevorzugtes Stilelement bei dramatischer Zuspitzung lautes Geschrei ist. Bedrückend geradezu mutet es an, daß Robert Stadtlober, Jacqueline Macaulay, Wolfram Koch und den anderen Darstellern kaum Gelegenheit geboten wird, ihr differenziertes Können zu zeigen.

„Angst“: Matthias Brandt, Jens Thomas (Foto: Mathias Bothor/Ruhrfestspiele)

Matthias Brandt und die Vögel

Und dann war da noch, am Sonntag zuvor, Matthias Brandt, der zusammen mit dem Musiker Jens Thomas am Flügel (!) im ausverkauften Großen Haus auf nackter Bühne veritables Horror-Kino vorführte. Brandt las die Kurzgeschichte „Die Vögel“ von Daphne du Maurier aus dem Jahr 1952, die Alfred Hitchcock 1963 als Grundlage für das Drehbuch des gleichnamigen Films diente. Die Vögel übernehmen die Macht, meucheln die Menschen, zeigen die Überlegenheit ihrer Schwarmintelligenz.

Die Geschichte von Nat, der auf einem Bauernhof in Cornwall lebt und sich den Vögeln verzweifelt widersetzt, erzählen die beiden Künstler mit minimalem Aufwand, mit einigen verstörenden Songs, mit einigen bedrohlichen Geräuschen. Matthias Brandt ist dabei ein Vorleser, dessen sachlicher, durchgängig scheinbar emotionsloser Vortrag das Publikum frösteln macht.

Eine grandiose Aufführung, zwei grandiose Künstler, und fast so etwas wie der Auftakt zu einem kleinen Matthias-Brandt-Festival. Am Abend nämlich sah man ihn schon wieder, im Fernseh-„Polizeiruf“, wo er als Hauptkommissar Hanns von Meuffels im Altersheim ermittelte.

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Ruhrfestspiele: Intendant Frank Hoffmann nimmt Mitte 2018 Abschied von Recklinghausen

Furchtbar überraschend kam die Nachricht eigentlich nicht: Ruhrfestspiel-Chef Frank Hoffmann wird sich mit seiner 14. Spielzeit im Mai und Juni 2018 von Recklinghausen verabschieden. Nach so vielen Jahren kann man sich schon mal neu orientieren – erst recht auf kulturellem Gebiet.

Ruhrfestspiel-Intendant Frank Hoffmann. (Foto: © Ruhrfestspiele)

Ruhrfestspiel-Intendant Frank Hoffmann. (Foto: © Ruhrfestspiele)

Der gebürtige Luxemburger Hoffmann (Jahrgang 1954) ergreift die Gelegenheit zum Wechsel mit dieser Begründung: „Das Ende des Steinkohlebergbaus im Jahr 2018 bedeutet auch eine wichtige Zäsur in der Geschichte der Ruhrfestspiele. Deshalb ist es auch für mich persönlich der richtige Zeitpunkt, nach 14 großartigen Jahren einen Schnitt zu machen und zu neuen Horizonten aufzubrechen.“ Das klingt doch ebenso druckreif wie einigermaßen vollmundig.

Noch etwas mehr Pressestellen-Prosa gefällig? „Theater sind vielleicht austauschbar, aber ich werde den grünen Hügel in Recklinghausen mit seiner besonderen Magie und vor allem die Menschen im Ruhrgebiet vermissen. Sie sind einzigartig.“ Genau so etwas sagt man, um einen bevorstehenden Abschied vom Revier anzukündigen. Hoffmann weiß eben, was sich ziemt.

Besucherzahlen enorm gesteigert

Tatsächlich hat niemand die 1946/47 gegründeten Ruhrfestspiele länger geleitet als Frank Hoffmann, der außerdem (schon seit dessen Gründung 1996) Intendant des Théâtre National du Luxembourg ist. Kein anderer hat zudem die Besucherzahlen der Ruhrfestspiele derart nachhaltig gesteigert. Kein Wunder, dass sein Vertrag immer wieder verlängert wurde.

Angetreten im September 2004 nach einer krisenhaften Phase (in der sein Vorgänger Frank Castorf das Große Haus und die anderen Stätten gleichsam leergespielt hatte), hievte Hoffmann das Festival von 22.000 nach und nach auf über 55.000 Besucher. Inzwischen sind es rund 80.000, die pro Jahr nach Recklinghausen pilgern. Solche Bilanzen dürften mit den vorhandenen Mitteln kaum noch zu übertreffen sein.

Zentraler Spielort: das Festspielhaus. (Foto: Torsten Janfeld)

Zentraler Spielort: das Festspielhaus in Recklinghausen. (Foto: Torsten Janfeld)

Hoffmann setzte ganz bewusst auf eine Vielzahl von Uraufführungen und hielt dabei so manche Entdeckung bereit. Auch hat er renommierte Theater aus aller Welt zu Gastspielen geholt, die wichtigsten deutschsprachigen Bühnen zeigten hier ebenfalls bedeutende Inszenierungen. Immer wieder gastierten internationale (Film)-Stars wie etwa Cate Blanchett und Kevin Spacey bei den Ruhrfestspielen. Selbst eine nur stichwortartige Aufzählung der wichtigsten Produktionen würde jeden üblichen Textrahmen sprengen.

Hoffmanns eigene Inszenierungen galten indes meist nicht als künstlerische Höhepunkte der Spielzeiten. Seine Art des Zugriffs fand zumindest nicht den mehrheitlichen Beifall ästhetisch verwöhnter Rezensenten, sie wirkte mitunter etwas bieder und nicht allzu couragiert. Nach den in und um Recklinghausen schwer zu vermittelnden Egotrips eines Frank Castorf war das breite Publikum für solcherlei Theater allerdings dankbar. Warum auch sollten die Ruhrfestspiele mit der Ruhrtriennale in Sachen Avantgarde gleichziehen wollen? Besser ist es doch, in der Region zu einer vernünftigen „Arbeitsteilung“ der großen Festivals zu kommen.

Nehmt alles nur in allem, so wäre zu loben: Hoffmann hat mit seinem Team vielfach Gespür fürs Populäre, auch fürs Gängige bewiesen, ohne an der Qualität zu rütteln. Er war und ist ein „Ermöglicher“ von hohen Graden. Just das ist es, was einen Theatermann seines Zuschnitts auszeichnet. In diesem Sinne kann er seinen Prägestempel nun noch zwei weiteren Spielzeiten (2017 und 2018) aufdrücken.

Unterdessen hat sich Hoffmann bereit erklärt, auch an der Suche nach einem/einer Nachfolger(in) beratend mitzuwirken. Das bisherige Anforderungsprofil kennt er jedenfalls am allerbesten. Den Trägern des Festivals (zu je 50 Prozent Stadt Recklinghausen und Deutscher Gewerkschaftsbund) kann man bei der Neubesetzung des Postens jedenfalls nur eine glückliche Hand wünschen.

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„Kopf über Welt unter“: Ruhrfestspiele 2017 blicken auf den Menschen in seiner krisenhaften Verunsicherung

The Park Avenue Armory presents FLEXN WORLD PREMIERE A Collaboration of Reggie (Regg Roc ) Gray, Peter Sellars , and Members of the Flex Community in the Drill Hall, Park Avenue Armory on March 24, 2015. Light Sculpture & Lighting Design: BEN ZAMORA Sound Design: GARTH MACALEAVEY MUSIC: EPIC B THE COMPANY: ACE: Franklin Dawes Android : Martina Lauture Banks : James Davis Brixx : Sean Douglas Cal: Calvin Hunt Deidra : Deirdra Braz Dre Don: Andre Redman Droid: Rafael Burgos Droopz: Jerrod Ulysse Karnage: Quamaine Daniels Klassic: Joseph Carella Nicc Fatal: Nicholas Barbot Nyte: Ayinde Hart Pumpkin: Sabrina Rivera Regg Roc: Reggie Gray Sam I Am: Sam Estavien Scorp: Dwight Waugh Shellz: Shelby Felton Slicc: Derick Murreld Tyme: Glendon Charles Vypa: Khio Duncan YG: Richared Hudson Commissioned and produced by Park Avenue Armory Credit: Stephanie Berger

Park Avenue Armory kommt mit „Flexn“ zu den Ruhrfestspielen (Foto: Ruhrfestspiele Recklinghausen/ Stephanie Berger)

Donald Trump ante portas, der harte Brexit in brutalem Anmarsch, außerdem Putin, Erdogan, Islamisten und Populisten auf der tagespolitischen Besetzungsliste. Es ist alles ganz schrecklich. Und wenn die Welt so schrecklich ist, kann das Theater nicht abseits stehen, wenngleich es immer schwerer fällt, die Krisenhaftigkeit der Welt mit den Mitteln der Bühne, moralischen Gewinn erstrebend, zu bearbeiten.

Aufgeklärt im Sinne der stets zu preisenden Aufklärung sind wir nämlich allemal, und trotzdem fällt uns zu den Aktualitäten kaum noch etwas ein. Und den Theaterleuten möglicherweise auch nicht.

Folgerichtig wähnt Ruhrfestspiele-Intendant Frank Hoffmann „das Theater in der Themenkrise“. Und macht natürlich trotzdem weiter. Nur ist das Motto des anstehenden Festivals anders als in den Vorjahren keine europäisch-regionale Verortung des Veranstaltungsschwerpunktes à la „Frankreich“ oder „Mittelmeer“, sondern, wenn man so will, ein Seeelenzustand: „Kopf über Welt unter“ sind die Ruhrfestspiele 2017 übertitelt, und unter diese Zeile paßt Tieftrauriges ebenso wie Krachkomisches. Entsprechend ist das Programm ein bunter Strauß aus Themen und Produktionen geworden, recht europäisch alles in allem, mit einigen amerikanischen, arabischen oder auch chinesischen Einsprengseln.

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„Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann eröffnet die Ruhrfestspiele (Foto: Ruhrfestspiele Recklinghausen/Annick Lavallee Benny)

Robert Wilson

Wie jedes Jahr gibt es viele prominent besetzte Lesungen, Kabarettisten und Comedians in reicher Fülle, Spaßacts im jugendlichen Fringe-Festival; doch am interessantesten sind sicherlich die großen Veranstaltungen im Festspielhaus, in der Halle König Ludwig 1/2 oder im Theater Marl.

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Horror mit Musik: Matthias Brandt (links) und Jens Thomas in „Angst“ (Foto: Ruhrfestspiele Recklinghausen/Mathias Bothor)

Auf der großen Bühne geht es am 2. Mai los mit E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ in der Regie (plus Bühne und Licht) vom „Theaterzauberer“ Robert Wilson, eine Koproduktion von Ruhrfestspielen und Düsseldorfer Schauspielhaus – das wohl fulminanteste Projekt in diesem Jahr.

Ein dramatisches Schwergesicht ist ohne Frage auch August Strindbergs „Rausch“ als Koproduktion von Recklinghausen, Luxemburger Nationaltheater, Schauspiel Hannover und Deutschem Theater Berlin, bei der Hausherr Frank Hoffmann Regie führt. Bekannte Namen – Robert Stadtlober, Wolfram Koch, Jacqueline Macaulay und andere schmücken die Besetzungsliste des Stücks – das Strindberg „dreist“ (Hoffmann) eine Komödie nannte und das gnadenlos mit den Gefühlen und der Angst seiner Protagonisten spielt. „Die Ungewißheit des Menschen in einer sich radikal verändernden Welt“ sieht der Regisseur in „Rausch“ exemplarisch fokussiert: „Lassen Sie sich berauschen!“ (O-Ton Programmheft).

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Robert Stadlober in „Rausch“ von August Strindberg. Intendant Frank Hoffmann führt Regie (Foto: Ruhrfestspiele Recklinghausen/Stephan Pabst)

Nur zwei Personen

Manchmal aber, und das ist eher ernüchternd, ist es reichlich leer auf der Bühne des großen Hauses. So wird am 7. Mai Matthias Brand zusammen mit dem Musiker Jens Thomas gleich zweimal nacheinander einen je anderthalbstündigen „gruselig-spannenden literarisch-musikalischen Abend“ mit dem Titel „Angst“ vorführen, die Intendanz garantiert dem Publikum „einen wohligen Schauer“.

Eher leer ist es auf der Bühne auch, wenn Sebastian Koch und Kerstin Avemo zusammen mit dem Orchester Wiener Akademie Mitte Mai ihr „Egmont/Prometheus“-Projekt zur Aufführung bringen. Der englische Autor Christopher Hampton hat für seinen Blick auf die dunklen Seiten der Romantik Material von Goethe, Shelley, Lord Byron und Beethoven verarbeitet, Regie führt Alexander Wiegold.

Zweimal wird „Berlin Alexanderplatz“ nach dem Roman von Alfred Döblin in der Regie von Sebastian Hartmann gegeben, eine Produktion des Deutschen Theaters Berlin. Langjährige Freunde der Ruhrfestspiele werden sich mit gemischten Gefühlen an Hartmanns Einrichtung von Sean O’Caseys „Purpurstaub“ vor einigen Jahren erinnern, einen Bühnenkoloß von etlichen Stunden ohne Pause, bei dem das Publikum ausdrücklich dazu ermuntert wurde, den Zuschauerraum nach Belieben zu verlassen und wieder zu betreten. „Berlin Alexanderplatz“ nun wird mit „4 Stunden, 30 Minuten, zwei Pausen“ angekündigt, was vor diesem Hintergrund eindeutig ein Fortschritt ist.

Katharina Lorenz (Emily), Fabian Krüger (Amir), Nicholas Ofczarek (Isaac), Isabelle Redfern (Jory)

„Geächtet“ von Ayad Akhtar in der Inszenierung des Wiener Burgtheaters; Szene mit Katharina Lorenz (Emily), Fabian Krüger (Amir), Nicholas Ofczarek (Isaac), Isabelle Redfern (Jory) (Foto: Ruhrfestspiele Recklinghausen/Georg Soulek)

Häßliche Dinge

Erwähnt sei im Bereich des Schauspiels noch „Geächtet“, das vielgespielte, aktuelle Stück von Ayad Akhtar, das davon erzählt, wie Antisemitismus, Islamismus oder auch opportunistische Überangepaßtheit scheinbar plötzlich die Beziehungen fortschrittlicher amerikanischer Großstädter bestimmen, die so sicher waren, über all diesen häßlichen Dingen zu stehen. Das Stück kam in einer recht eigenwilligen Ausstattung (die Handelnden waren als Albinos geschminkt, somit frei von Hautfarbe oder „Rasse“) auch in Dortmund auf die Bühne der Ausweichspielstätte „Megastore“; bei den Ruhrfestspielen ist die Einrichtung des Wiener Burgtheaters in der Regie von Tina Lanik zu sehen.

Street Dance

Abschließend seien drei Gastspiele erwähnt: Dreimal wird das Deutsche Theater Berlin Elias Canettis „Hochzeit“ in der Regie von Andreas Kriegenburg zur Aufführung bringen. „Park Avenue Armory, New York“ zeigt in der Regie von Reggie (Regg Roc) Gray und Peter Sellars „Flexn“, ein Stück mit viel extremem Street Dance, neben dem Altbekanntes gleichen Namens wie gesitteter Gesellschaftstanz wirken soll. Behauptet jedenfalls die Ankündigung.

Schließlich haben wir noch „Wut“ von Elfriede Jelinek, in einer Produktion des Thalia Theaters Hamburg. Und damit soll es jetzt genug sein, obwohl natürlich noch sehr viel mehr zu berichten wäre. Im Internet ist das Programm vollständig abrufbar, an vielen Orten liegen Programmhefte zum Mitnehmen aus.

Ach ja, die Kunsthalle: 1947 gründete sich in Recklinghausen die Künstlergruppe „Junger Westen“, 70 Jahre ist das her. Unter dem Titel „Zwischen Krieg und Frieden – der schwierige Weg zur Avantgarde“ wird jetzt darauf Rückschau gehalten.

Der Kartenvorverkauf beginnt am Donnerstag, 19. Januar, ab 9 Uhr, Näheres dazu hier: https://www.ruhrfestspiele.de/de/tickets/bestellmoeglichkeiten.php




Gespräche mit einem Vatermörder – „Theben-Park“ bei den Ruhrfestspielen

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Vatermörder Martin Santos (Nicolai Despot, links), Dramatiker S. (Maik Solbach) (Foto: Bohumil Kostohryz / Ruhrfestspiele)

Vatermord gleich Ödipus, oder? Der namenlos bleibende Autor S. in Sergio Blancos Zweipersonenstück „Theben-Park“ hat da eine ganz feste Meinung, die er in einem Theaterprojekt mit einem ganz realen Vatermörder realisieren möchte – im Auftrag, kleiner inszenatorischer Scherz, der Ruhrfestspiele.

Die Absicht, den jungen Vatermörder sich selbst spielen zu lassen, scheitert am Einspruch der Behörden, und so wird aus dem Zweipersonen- flugs ein Dreipersonenstück, in dem ein Schauspieler nun abwechselnd den richtigen Vatermörder und den Schauspieler, der den Vatermörder geben soll, spielt, es somit summa bei zwei Darstellern bleibt. Autor und Delinquent/Schauspieler nähern sich aneinander an, entwickeln Szenen, das Geschehen ist längere Zeit absehbar.

Kaum Parallelen zu Ödipus

Natürlich hat der Stoff seinen Konflikt, der in den anderthalb Stunden, die die Inszenierung dauert, deutlich wird: Ödipus und Vatermörder Martin Santos haben kaum Gemeinsamkeiten. Die schuldhafte Verstrickung des Königssohns Ödipus, der um die Wirklichkeit nicht wissend seinen Vater umbringt, ist ein Konflikt für die gymnasiale Oberstufe; der Vater indes, den der junge Martin Santos mit einer Gabel abstach, war ein Arschloch, ein Sadist und Kinderschänder, der es nicht besser verdiente. Der Mörder wußte ganz genau, in wessen Leib er seine Waffe rammte, das steigerte seinen Furor in der Grenzsituation eher noch. Wenn er die Mordtat erst in Nachgang realisierte, so bringt ihn das dem unwissenden Ödipus doch nicht wirklich näher; netter Bastelversuch des Dramatikers S.

In der Folge dieser Tat könnte man natürlich nach ihrer moralischen, ethischen Bewertung in unseren Tagen fragen, was die überaus schlüssige, intensive Inszenierung Frank Hoffmanns indes unterläßt. Sie verortet (wortwörtlich) den Täter im Gefängnis, wo er wohl schon länger und für lange noch einsitzt und deutliche Symptome von Hospitalismus zeigt. Die Gesellschaft hat ihn ausgestoßen und weggeschlossen. Für immer? Und zu Recht?

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Vatermörder Martin Santos (Nicolai Despot, rechts), Dramatiker S. (Maik Solbach) (Foto: Bohumil Kostohryz / Ruhrfestspiele)

Heißes Wasser in den Duschen

Der Dramatiker S. denn also bekommt vom Täter seine (vermeintliche) Ödipus-Geschichte, schmückt sie mit einigen frei erfundenen, eher geschmacklosen Details aus und sieht zu, daß die Beziehung zu Martin dann zügig ihr Ende findet. Der nämlich hatte sich dem Autor nach anfänglicher aggressiver Scheu doch sehr geöffnet, ihm auch homosexuelle Avancen gemacht und überhaupt wenig Interesse an den Begrenzungen des Settings gezeigt. Wozu auch? Im Gefängnis bemißt sich Lebensqualität nicht nach publizistischen Konventionen, sondern nach der Besuchsregelung und der Zeit, zu der das heiße Wasser in den Duschen abgedreht wird. Und an Kontakten zu Menschen von draußen, auch wenn sie hemmungslose Ausbeuter von Zwangssituationen sind wie der Dramatiker S.

Maik Solbach gibt S., Nicolai Despot den Vatermörder Santos wie auch den Schauspieler Federico, und beide machen ihre Sache sehr gut. Vielleicht sollten sie in den weniger dramatischen Passagen der Inszenierung mehr Gelassenheit zeigen – das Stück ist ja eher naturalistisch angelegt. Vielleicht aber auch ist das Geschmackssache.

Was Klassik heute noch bedeutet

In jedem Fall könnte dieses kurze Stück eines bei uns nahezu noch unbekannten uruguayanischen Autors (Wikipedia, kleiner Schwank am Rande, bietet für den Namen Sergio Blanco lediglich einen Fußballer an oder aber die Möglichkeit, selber etwas über ihn zu verfassen) der Einstieg in eine Diskussion darüber sein, wie bedeutsam die dramatischen Motive der Klassik für uns Heutige noch sind; vielleicht auch der Einstieg in eine Diskussion über den zeitgemäßen Umgang mit Morden, Mördern und anderen traumatischen Ereignissen.

Mit seiner Inszenierung von „Theben-Park“ hat Frank Hoffmann ein Stück Theater geschaffen, das das Publikum zum Nachdenken auffordert, ohne ihm sogleich die finale Weltsicht des Regisseurs aufzudrängen.

Freundlicher, anhaltender Applaus in der Recklinghäuser Halle König Ludwig 1/2 für einen kleinen Höhepunkt in der Schlußphase der Ruhrfestspiele.

Termin: Samstag, 18.Juni www.ruhrfestspiele.de

 




In Pier Paolo Pasolinis Welt: „Das Leben ein Traum. Calderón“ bei den Ruhrfestspielen

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Nicht einer Meinung: Basilio (Dominique Horwitz), Dona Lupe (Anne Moll) (Foto: Birgit Hupfeld/Ruhrfestspiele)

Wo sind sie, die lebenswerten Lebenswelten? Und wie gelangt man zu ihnen? Wer hat eine Chance, wer nicht? Oder sind sie nur frommer Wunschtraum, nicht zu verwirklichen in einer Welt aus Repression und Kapitalinteressen? Pier Paolo Pasolini, der Linksintellektuelle, Autor und Filmregisseur, den man einen Großen nennen muß, hat Fragen wie diese in seinem Werk gern und wiederholt gestellt und damit einen politischen Nerv getroffen, der immer noch vital ist.

Johan Simons startete mit Pasolini 

Zum Auftakt seiner dreijährigen Intendanz als Ruhrtriennale-Chef bediente sich Johan Simons im vergangenen Jahr bei Pasolini und stellte dessen Film „Accattone“ als eine Art Passionsschauspiel mit Musikbegleitung auf die Bühne (bzw. in eine gleichermaßen zugige wie riesige Kohlenmischhalle in Dinslaken).

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Von links nach rechts: Nicolai Despot, RenŽ Nuss, Annette Schlechter, Konstantin Rommelfangen, Roger Seimetz, Wolfram Koch und Alexander Schmidt mit seiner (unsichtbaren) Videokamera (Foto: Birgit Hupfeld/Ruhrfestspiele)

Brutale Lebenswelten

Nun fand auch Ruhrfestspielechef Frank Hoffmann seinen Stoff beim italienischen Meister. Die Verunsicherungen unserer Zeit, deren sichtbarster wiewohl gewiß nicht einziger Ausdruck Flüchtlingselend und politischer Rechtsruck in vielen Ländern ist, sieht er bei Pasolini anscheinend schon beschrieben; wenn nicht in konkreten Prognosen, so doch in Stimmungsbildern und in Deutungen sozialer Mechanismen.

Hoffmann hat sich Pasolinis Stück „Calderón“ vorgenommen, in dem ein Mensch, das Mädchen Rosaura, aus dem (süßen?) Nirgendwo des Schlafs in jedes Mal ziemlich brutale (meint auch: realistische) Lebenswelten geschleudert wird. Im Palast eines sadistischen Despoten der spanischen Franco-Ära findet sie sich wieder, in einer trostlosen Hurenexistenz, in einem Konzentrationslager schließlich, und das ist alles eher ein Albtraum, und die Befreiung aus dem Lager bleibt ein Wunschtraum.

Schreckensregiment

Mit Pedro Calderón de la Barcas Stück „Das Leben ein Traum“ (uraufgeführt 1635 in Madrid) hat Pasolinis Geschichte nur noch sehr rudimentär zu tun. Bei Calderón geht es um den Königssohn Sigismund, den man wegen übler Prognosen in einem Turm gefangen hielt, der dann aber befreit wird und ein Schreckensregiment errichtet, weshalb man ihn schließlich wieder wegsperrt. Und zwar für immer (Kurzversion). Übrigens hat Johan Simons das auch schon einmal bei der Ruhrtriennale inszeniert, im Jahre 2006.

Rosaura der Flüchtling

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Dominique Horwitz auf der Leinwand, Wolfram Koch auf dem Stuhl (Foto: Birgit Hupfeld/ Ruhrfestspiele)

Zurück zu den Vorlagen und Pasolinis Kunstgriff, den Fokus radikal zu verändern. Nicht blickt die Welt auf den gleichsam unprogrammierten Menschen, sondern der Suchende – bzw. die Suchende, die gezwungenermaßen suchende Rosaura, die ja eigentlich gar nicht suchen, sondern nur zurück will – blickt auf die Welt und ihre Verhältnisse. Auf ihre Art ist sie ein Flüchtling und eine aktuelle Figur – und Intendant Frank Hoffmann hat sich durchaus den richtigen Stoff für seine erste große Regiearbeit in diesem Jahr der Krisen ausgesucht.

Feinschliff fehlt

Das Star-Aufgebot ist mit Wolfram Koch, Dominique Horwitz und Hanna Schygulla (die die zuvor angekündigte Hannelore Elsner ersetzte) bemerkenswert, die Ausstattung opulent (Bühne: Ben Willikens, Kostüme: Susann Bieling). Doch bleiben die rund zweieinhalb Stunden ohne Pause trotzdem ein schwerer Theaterklotz, in dem hemmungslos überspielt und kräftig deklamiert wird und (nicht nur) die Stars kaum Gelegenheit erhalten, wirklich originell zu sein. Die zahlreichen Sexszenen wirken bemüht, moppig und unerotisch, und überhaupt fehlt Feinschliff, um mit Pointen und Parolen das Publikum zu erreichen. Vielleicht gar zu erschüttern.

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Familienszene mit (von links) Anne Moll, Konstantin Rommelfangen, Jacqueline Macaulay, Nicolai Despot (unten), Dominique Horwitz, Annette Schlechter, Roger Seimetz (Foto: Birgit Hupfeld/Ruhrfestspiele)

Pasolinis früher Tod

Weil es irgendwie auch dazugehört, ist zumindest als Andeutung noch der Tod Pasolinis szenisch eingearbeitet. Mit 53 Jahren, wie mancher vielleicht noch weiß, wurde Pier Paolo Pasolini 1975 Opfer einer „Beziehungstat“ durch einen käuflichen Liebhaber. Das Entsetzliche spielte sich in Italien in Strandnähe ab, weshalb wiederholt und bei Dunkelheit ein italienischer Kleinwagen um die (Bühnen-) Ecke biegt. Nun gut, alles hängt mit allem zusammen, aber trotz des hübschen kleinen Autos ist die raunende Erinnerung an Pasolinis Gewalttod eigentlich entbehrlich.

Das Haus war voll, der Beifall kräftig. Und das Träumen sollte man sich auf gar keinen Fall verbieten lassen. Es warb sogar mal eine Bank damit: „Träume sind der Anfang von allem“. Oder war es Vertrauen? Beides wichtig.

Termine: 12., 13., 14. Mai

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Europäische Erstaufführung: Ruhrfestpiele mit Taboris Frühwerk „Flucht nach Ägypten“

Foto: Bohumil_Kostohryz

Gestrandet in Ägypten: Flüchtlingsfamilie Engel (Heikko Deutschmann, Tatjana Nekrasov, Yuri Schmitz). Foto: Bohumil_Kostohryz

Zum Abschluss der Ruhrfestspiele hat Intendant Frank Hoffmann noch ein Bonbon für Theaterfreunde: die europäische Erstaufführung eines Tabori-Stücks, das Erstlingswerk des großen Theatermannes.

Schon 2012 hatte Hoffmann sich als Theater-Archäologe ums Werk von George Tabori verdient gemacht und dessen „Abendschau“ in Recklinghausen uraufgeführt. Nun bringt er die „Flucht nach Ägypten“ auf eine deutsche Bühne – ein Stück, das Tabori in der Hoffnung auf eine spätere Verfilmung geschrieben hatte, das bei seiner Uraufführung 1952 in der Regie von Elia Kazan am Broadway aber durchgefallen war.

Es ist ein Flüchtlingsdrama aus der Nachkriegszeit: Tabori, der wegen seiner jüdischen Herkunft selbst aus Deutschland fliehen musste, lässt Familie Engel aus Wien in einem ägyptischen Hotel stranden. Man will von dort nach Amerika übersiedeln, unter erschwerten Bedingungen: Vater Franz Engel (TV-Schauspieler Heikko Deutschmann) kam unheilbar krank aus dem KZ zurück und macht sich Illusionen über seine Genesungsaussichten. Seine Frau Lilli (Tatjana Nekrasov) ist die Mutter Courage, die mit wachsender Verzweiflung versucht, angesichts längst leerer Konten Haltung zu bewahren und die Familie samt des neunjährigen Bubi (Yuri Schmitz) bis zum ersehnten Visum durchzubringen. Eigentlich will Lilli nicht auswandern – doch nach zwei Jahren Odyssee durch Europa hat sie sich längst in ihre Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft verrannt.

Foto: Bohumil_Kostohryz

Eine Frau am Rande des Zusammenbruchs: Lilli (Tatjana Nekrasov, mit Raoul Schlechter, Marco Lorenzini, Arash Marandi, v.li.). Foto: Bohumil_Kostohryz

Das Stück spielt an einem Tag, in dessen Verlauf sich die Schlinge für die mittellosen Flüchtlinge immer weiter zuzieht: Der korrupte Polizeichef (Raoul Schlechter) will Geld für die abgelaufene Aufenthaltsgenehmigung kassieren, der gnadenlose Hotelbesitzer (Marco Lorenzini) seine ausstehende Miete eintreiben, und der kranke Franz stöhnt nach Morphium, das der Arzt (Ulrich Kuhlmann herrlich diabolisch) nur gegen Sex herausrücken will.

Immer wieder blitzt Hoffnung auf, und immer wieder stößt Lilli auf eine Mauer aus Geldgier und Geilheit. Tabori setzte das ernste Thema um, indem er – wie auch häufig in seinen späteren Stücken – ein Panoptikum komischer (Stereo-)Typen schuf. Gut und Böse sind also klar verteilt, was die Handlung schnell vorhersehbar macht: Der kranke Franz erhält nach seinem verzweifelten, tragikomischen Auftritt vor dem Konsul kein Visum („Ein Krüppel wäre eine Belastung für unser Land“). Er überzeugt seine Frau daraufhin, ihn in Ägypten zurückzulassen und mit dem Sohn zurück nach Wien zu gehen.

Foto: Bohumil_Kostohryz

Der geile Arzt (Ulrich Kuhlmann, re.) hat die unheilbare Krankheit seines Patienten verschwiegen. Foto: Bohumil_Kostohryz

Hoffmann entschied sich dazu, das 130-minütige Stück ungekürzt und ganz in seiner Entstehungszeit verhaftet in großer Besetzung auf die Bühne zu bringen – verständlich für eine Erstaufführung. Zu den zeitgenössischen Kostümen (Jasna Bosnjak) passt die sparsam eingerichtete, offene und dunkle Drehbühne, auf der bewegliche Scheinwerfer-Spots Szenen und Figuren ausleuchten. Doch so wie die Drehbühne ächzt und rumpelt, so kommt auch das Stück zu langsam in Gang. Was als Filmstoff tatsächlich gut taugen könnte, bräuchte für die Bühne Straffung und Konzentration.

Hoffmanns theaterhistorisches Verdienst ist, ein Tabori-Frühwerk belebt zu haben, das erst seit 2014, zum 100. Geburtstag des 2007 verstorbenen Autors, überhaupt in deutscher Sprache vorliegt. Ein Bühnenerfolg wird die „Flucht aus Ägypten“ jedoch auch 63 Jahre später sicher nicht.

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Yasmina Reza, Piccoli, Binoche, Ute Lemper – Frankreich ist Thema der Ruhrfestspiele

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Michel Piccoli, Jane Birkin und Hervé Pierre (von links) tragen Texte von Serge Gainsbourg vor. (Foto: Ruhrfestspiele/Gilles Vidal)

In diesem Jahr soll es unser westlicher Nachbar sein. „Tête-à-tête – ein dramatisches Rendezvous mit Frankreich“ ist das Programm der Ruhrfestspiele 2015 überschrieben, und natürlich erfolgte die thematische Schwerpunktlegung lange, bevor das Land (und seine Kultur) es zu trauriger Aktualität brachten.

Fast wundert man sich, daß Festival-Chef Frank Hoffmann Frankreichs Kultur erst jetzt so entschlossen ins Rampenlicht des Recklinghäuser Festspielhauses rückt, ist er doch als Luxemburger – mit ganz leichter Andeutung eines französischen Akzents, ähnlich seinem Landsmann Jean-Claude Juncker – der französischen (Bühnen-)Kultur schon traditionell recht nahe.

Nein, man muß man nicht befürchten, daß nun ein Gründeln nach französischer Seele oder Ähnlichem einsetzte, wie überhaupt das in dieser unbedingten Art Grundsätzliche eher wohl eine Spezialität von Frankreichs östlichem Nachbarn, vulgo: uns ist.

Hoffmann greift lieber zum Füllhorn und schüttet französisch Gedichtetes, Gefühltes, Inspiriertes und Gesprochenes über seinem Publikum aus, auf daß Nähe sich auf vielfältige Weise herstelle. Das Konzept ist erprobt und funktionssicher, und ein Theater der radikalen Positionen war Hoffmanns Sache sowieso nie. Allerdings erstaunt bei der Sichtung des wieder einmal höchst umfangreichen Programms ein wenig doch die Beliebigkeit der Auswahl. Aber der Reihe nach.

Ute Lemper for Bauer Verlag/Germany 2013

Ute Lemper hat aus Paulo Coelhos Roman „Die Schriften von Accra“ einen Theaterabend gemacht. (Foto: Ruhrfestspiele/Karen Koehler)

Eugène Labiches Komödie „Moi“ (deutsch: Ich) ist der fulminante Auftakt des Festivals, der Titel wurde, was möglicherweise dem prominenten ersten Platz auf dem Spielplan geschuldet ist, aufgehottet auf „Ich Ich Ich“. Die Inszenierung ist eine Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Münchener Residenztheater, Regie führt der im Revier bekannte und geschätzte Martin Kusej. Auch unter dem Titel „Die Egoisten“ war das 1864 uraufgeführte Stück schon in den Theaterprogrammen zu finden: Erzählt wird die Geschichte des – eben – habgierigen, egoistischen Monsieur Dutrecy, der hemmungslos trickst und intrigiert und am Ende der Geschichte doch als Verlierer dasteht. Er ist eine, wie das Programmheft nahelegt, typische Figur des Second Empire, der postnapoleonischen Restaurationszeit. Möglicherweise, aber das ist eine spekulative Äußerung, ebnet dieses Stück ein ganz klein bißchen den Weg zu einem besseren Mentalitätsverständnis unserer Nachbarn. Vor allem aber wohl ist es was zum Lachen, was ja auch recht wertvoll ist in zutiefst humorlosen Zeiten wie den unseren.

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Yasmina Reza hat ein neues Stück geschrieben. „Bella Figura“ wird seine Uraufführung bei den Ruhrfestspielen erleben. (Foto: Ruhrfestspiele/Pascal Victor/ArtComArt)

Die zweite große Theaterproduktion des Festivals dürfte Yasmina Rezas neues Stück „Bella Figura“ sein. Reza ist die weltweit wohl erfolgreichste Komödienschreiberin unserer Tage, „Kunst“ und „Gott des Gemetzels“ kennt (behaupte ich einfach mal) jeder Theatergänger.

Auch der Plot des jüngsten Reza-Werks ist auf grandiose Weise wieder angesiedelt auf dem Minenfeld des Alltäglichen: Boris führt seine Geliebte Andrea aus und erwähnt eher aus Gedankenlosigkeit, daß seine Ehefrau das Restaurant für dieses Rendezvous ausgewählt habe; in der Hitze der folgenden Diskussion fährt Boris beim Einparken eine ältere Dame um, und sowieso sind die Grenzen zum final Katastrophalen bald schon überschritten. Wir werden unseren Spaß haben, wenn Yasmina Reza uns den nur geringfügigst deformierenden Zerrspiegel vorhält. Thomas Ostermeier führt Regie in einer Koproduktion mit der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz, Star des Abends ist fraglos Nina Hoss in der Titelrolle.

Eine weitere Produktion wird groß angekündigt, doch ist sie an zwei Tagen nur dreimal im Programm. Die Bühnenkünstlerin Ute Lemper hat sich das Buch „Die Schriften von Accra“ des Brasilianers Paulo Coelho vorgenommen. Sie habe es, erzählt sie beim Pressetermin, in neun Abteilungen – „9 Geheimnisse“ – aufgeteilt, deren Essenz in Poesie und Musik gefaßt. Schönheit und Harmonie erwarteten nun das Publikum, eine „cinematische Einrichtung“ des Ganzen besorgte Filmregisseur Volker Schlöndorff. Was das Publikum nun genau erwartet, wurde noch nicht recht klar. Zwar fällt es schwer, sich Coelhos komplexe Dichtung in Wohlfühlhäppchen zerlegt vorzustellen, doch wer es genau wissen will, muß eben in die Vorstellung gehen.

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Wolfram Koch in Eugène Ionescos Stück „Die Nashörner“, das Ruhrfestspiele-Hausherr Frank Hoffmann inszeniert. (Foto: Ruhrfestspiele/Bohumil Kosthoryz)

Hausherr Hoffmann inszeniert im Großen Haus Ionescos „Nashörner“, Michael Thalheimer, in Kooperation mit dem Deutschen Theater in Berlin und den Salzburger Festspielen, Schillers „Jungfrau von Orleans“, die bekanntlich in Frankreich wirkte und dort auf einem Scheiterhaufen ihr Leben ließ. Hannelore Elsner liest aus Patrick Süskinds Roman „Das Parfüm“, Isabella Rosselini ist zweimal mit ihrer vergnüglichen, wenn auch nicht mehr ganz neuen Fortpflanzungsshow „Green Porno“ zu Gast. Liebhaber der Texte von Serge Gainsbourg markieren schon jetzt den 31. Mai, wenn Michel Piccoli (85 Jahre ist er mittlerweile alt!), Jane Birkin und Hervé Pierre Texte von ihm lesen. Musik, Tanz, einige Lesungen und, warum auch immer, etliche Termine mit Peter Handkes 1992 in Wien uraufgeführtem, weitgehend textfreiem Stück „Die Stunde, da wir nichts voneinander wußten“ runden das Programmgeschehen auf der Hauptbühne ab.

Etliche kleinere Produktionen sowie Uraufführungen sind wieder im Kleinen Haus, im Theater Marl und in der Halle König Ludwig zu finden – so in deutscher Erstaufführung und in Regie von Oliver Reese Joel Pommerats Beziehungsdrama „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“. Corinna Kirchhoff und Peter Schröder spielen die Hauptrollen – und mit Korea hat das Stück eigentlich nichts zu tun.

Hier ein bißchen Jules Verne, da eine in Kooperation mit der Woche des Sports produzierte „Slapstick Sonata“, dort einige Produktionen des Hamburger St. Pauli-Theaters mit seinem umtriebigen Chef Ulrich Waller – einmal mehr ist das 2015er Programm der Ruhrfestspiele der sattsam bekannte Theater-Bauchladen, der für jeden Geschmack etliches bietet, aber auch die Aura des Beliebigen verströmt. Hier verwundert es daher auch nicht, daß Claus Peymann und sein getreuer Dramaturg Hermann Beil mit der Jahrzehnte alten Burgtheater-Produktion Thomas Bernhards „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“ zu Gast sind.

Allerdings scheint der Anteil fremdsprachiger Produktionen 2015 höher zu sein, wenngleich es sie in den Vorjahren auch immer gab. Hier boten sich wohl besonders interessante Koproduktionen, etwa mit dem Festival in Avignon, an. In einer mit Barbican London und Les théâtres de la ville, Luxembourg, koproduzierten „Antigone“ ist Juliette Binoche Englisch sprechend zu erleben, Molières „Eingebildeten Kranken“ gibt es, wenngleich mit deutschen Untertiteln, nur auf französisch. Die Boulevardkomödie „Wind in den Pappeln“ von Gérald Sibleyras gar spielt das Vakhtangov-Staatstheater aus Moskau in Russisch. Nun gut, man erinnert sich, daß die Ruhrfestspiele ja ein internationales Festival sein möchten.

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So sieht es aus, wenn Russen französische Komödie spielen:
Vladimir Simonov, Maxim Sukhanov und Vladadimir Vdovichenkov in Gérald Sibleyras‘ „Wind in den Pappeln“. (Foto: Ruhrfestspiele/Vakthangov-Staatstheater Moskau)

Zahlreich sind die literarischen Lesungen im Programm, das freche Fringe-Festival lockt (nicht nur) Kinder und Jugendliche mit internationalem, kurzweiligem und manchmal atemberaubendem Straßentheater. Dominique Horwitz singt Jacques Brel, Burghart Klaußner Charles Trenet („La mer“). Und am Schluß singt Roger Cicero. Auf der so genannten Comedy-Schiene wird alles aufgeboten, was in Deutschland Rang und Namen hat, Hennes Bender und Max Goldt in trauter Nachbarschaft, und Jochen Malmsheimer ist natürlich auch dabei.

Und wer alles noch genauer wissen will, muß ins Internet gehen: www.ruhrfestspiele.de

 

 




Zwischen Wahn und Wirklichkeit – Pirandellos „Heinrich IV“ bei den Ruhrfestspielen

Ein Pferd macht den Anfang. Gelassen knabbert es in der Kulisse am Heu, bis es schließlich weggeführt wird. Es ist ein sinnfälliger Verweis. Mit einem Pferd, genauer gesagt mit dem Sturz vom Rücken eines solchen, begann die Tragödie, deren weiterer Verlauf das Thema dieses Abends ist. Intendant Frank Hoffmann inszeniert Luigi Pirandellos Stück „Heinrich IV“ als zweite große Premiere der diesjährigen Ruhrfestspiele im Festspielhaus.

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Rudolf Kowalski als „Heinrich IV“ in Recklinghausen. Foto: Ruhrfestspiele/Birgit Hupfeld

Heinrich IV ist in diesem Stück nur der Rollenname eines selber namenlos bleibenden Adeligen, der bei einem Maskenumzug als Kaiser auftrat, vom Pferde fiel und seitdem verwirrt ist. Rudolf Kowalski, den man aus dem Fernsehen möglicherweise als Düsseldorfer Serien-Kommissar Stolberg kennt, gibt ihn mit Verve und bemerkenswertem Pathos. Übeltäter bei dem Maskenumzug war übrigens Rivale Belcredi (Ulrich Kuhlmann), der „Heinrich IV“ vom Pferde stieß, weil beide die schöne Bertha liebten.

Wenn das Stück einsetzt, erfahren wir vom eigentlich lobenswerten Vorstoß des Neffen Marchese Carlo di Nolli (Marc Baum), dem armen Heinrich mit einer Art Schocktherapie sein Gedächtnis zurückzubringen. Er schafft Berthas (Anne Moll) bildhübsche Tochter Frida (Sinja Dieks) herbei, die ganz nach ihrer Mutter kommt und ihr verblüffend ähnelt.

Doch dann offenbart Heinrich seinen fassungslosen „geheimen Räten“ (Josiane Peiffer, Roger Seimetz, Nickel Bösenberg), dass seine Verwirrung nur gespielt ist, und auf dem Höhepunkt der dramatischen Selbstbekenntnisse erschießt er den alten Widersacher Belcredi (bei Pirandello verletzt er ihn mit dem Degen schwer). Das ganze endet mehr oder weniger diffus, weil Heinrich seine Rolle nach dem Mord nicht mehr verlassen kann und zudem seine Räte zu Komplizen gemacht hat. Im politischen Raum, so könnte eine These des Stücks formuliert werden, verschwinden die klaren Grenzen zwischen Erkenntnis und Gedächtnisverlust, durchdringen sich die Zustände wechselseitig und gebären Monströses. Und unversehens wird der scheinbar leichte Stoff zu einem schweren, komplexen Handlungsgefüge.

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Rudolf Kowalski, Anne Moll. Foto: Ruhrfestspiele/Birgit Hupfeld

Was nun macht Ruhrfestspiele-Intendant Frank Hoffmann aus Pirandellos flirrendem Spiel? Bei ihm dauert es lange, bis der Titelheld erstmalig die Bühne betritt. Äußerst sorgfältig breitet die Inszenierung vordem aus, wie sich die Entourage formiert, um die Seele des Verwirrten in seiner Villa zu erreichen, wo und wie die alten Rivalitäten lauern. Doch bleibt die Frage unbeantwortet, warum gerade jetzt sich diese Intervention formiert, vor allem jedoch, warum „Heinrich IV“, wie er irgendwann gegen Ende des pausenlosen Hundertminüters seinen Räten gesteht, die Rolle des Verwirrten seit Jahren schon nur noch spielte.

Man gewinnt den Eindruck, dass Regisseur Hoffmann sich in Bezug auf die dramatischen Wendungen in der Handlung allzu sehr auf das Geschick seines Hauptdarstellers Rudolf Kowalski verlassen hat. Doch dessen intensives naturalistisches Spiel arbeitet die Handlungsstationen ab, ohne sie dramatisch zu verknüpfen. Hier hätte man sich mehr Inszenierung gewünscht, mehr als nur tiefe Bühnenhintergründe (Ben Willikens), die aufwendig kollabieren, wenn die Dramatik der Situation akzentuiert werden muss.

Im Umgang mit seiner krankhaft eifersüchtigen Frau, so ist im Programmheft zu lesen, fand Luigi Pirandello einen Zugang zu den unterschiedlichen Valeurs von Realität, wie sie in vielen seiner Stücke auftauchen. Und natürlich reflektiert er als politischer Schriftsteller auch die Verhältnisse im Italien des Risorgimento, der Umbruchzeit des 19. und 20. Jahrhunderts, die je nach Sichtweise bis zum Faschismus oder gar bis in die Jetztzeit reicht. Details wie die zackigen Uniformen und die todschicken Hosenanzüge (Ausstattung: Jasna Bosnjak) deuten die Mussolini-Zeit an. Jedoch verzichtet die Inszenierung darauf, hier eindeutige Bezüge des Wahnhaften zu konstruieren. Das ist sicherlich vernünftig, zumal „Heinrich IV“ bereits 1922 herauskam, als die Herrschaft des italienischen Faschismus erst begann.

Für manche Unzulänglichkeit dieser Inszenierung entschädigt der große, tragische Epilog. Rudolf Kowalski zeigt hier eine Schauspiel- und Vortragskunst, die selten geworden ist auf deutschsprachigen Bühnen. Und am Schluss kommt nochmal das Pferd.

Großer Beifall, vor allem für das engagiert aufspielende Ensemble.

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Keine weiteren Termine.

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Zwei Brüder in wachsender Wut – Sam Shepards „Goldener Westen“ bei den Ruhrfestspielen

Recklinghausen. Sam Shepards Stück „Goldener Westen“ verpflanzt sozusagen die verfeindeten biblischen Brüder Kain und Abel in den „Wilden Westen“. Das passt schon recht gut zum Amerika-Schwerpunkt der Ruhrfestspiele. Also Hat sich Intendant Frank Hoffmann den Text vorgeknöpft.

Eigentlich könnten die Geschwister Austin (Drehbuchautor) und Lee (wildes Leben als kleinkrimineller Tramp) ihre Talente vereinen und gemeinsam Geschichten aushecken. Womöglich war’s ja großes Kino!

Statt dessen wächst ihre Wut und staut sich gefährlich. Sie versuchen einander zu übertrumpfen, doch ihre konkurrierenden Lebenslinien führen gleichermaßen ins leere Chaos. Auch ein allmählicher Rollentausch (Austin säuft und klaut, Lee lernt mühsam schreiben) ist nur betrüblich. Und der alte amerikanische Traum von Freiheit in grenzenloser Weite erweist sich bei all dem als was? Natürlich als brüchig. Über die Küche im Haus ihrer (nach Alaska verreisten) Mutter kommen die beiden traurigen Gestalten im Stück nicht hinaus.

Das Drama ist 1979 entstanden. Regisseur Hoffmann will es jedoch auf die neuere Stimmung im Westen trimmen, die seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 herrscht. Wohl deshalb hört man es anfangs im Dunkeln apokalyptisch rumoren. Auch werden einige Requisiten zu vagen Vorzeichen der inzwischen längst eingetretenen Zukunft umgemodelt. Ein Fernsehgerät erweist sich beispielsweise als Computerbildschirm. Aha.

Aber sonst? Ist fast alles beim alten geblieben. In braver Texttreue lässt Hoffmann die Handlung abschnurren, ohne ihr gegenwärtige Dringlichkeit abzugewinnen. Happen fürs Publikum: hie und da etwas Slapstick als Beigabe.

Dennoch brodelt es in der Inszenierung, denn der Deutsch-Türke Oktay Özdemir (Filmerfolg „Knallhart“) gibt den rüden Lee sturzvital: mal ruhelos, mal betont lässig, aber stets auf dem Sprung. Er verkörpert die Rolle, als wolle er nicht so bald wieder etwas anderes spielen. Seine heiseren Ausbrüche klingen zuweilen nach deutschen Problemvierteln, sie könnten sofort in rhythmischen Rap-Gesang münden. Da wähnt man sich unversehens doch näher an heutigen Zuständen. Austin-Darsteller Eralp Uzun hat jedenfalls seine liebe Not, da mitzuhalten.

Termine: 29., 30., 31. Mai. Kleines Theater im Festspielhaus Recklinghausen. Karten: 02361/9218-0.

(Der Beitrag stand am 29. Mai 2008 in der „Westfälischen Rundschau“, Dortmund)




Fast wie im Revier: Aus Luxemburgs Industriewüste blüht Kultur

Von Bernd Berke

Luxemburg. Man stellt sich Luxemburg wohl ein wenig wie das Sauerland vor: sanfte Hügel, viel Grün, idyllische Dörfchen. Doch das ist nur die eine Seite: Mancherorts sieht es in dem kleinen Land so aus wie im Ruhrgebiet – ähnliche Probleme Inbegriffen. Und auch diese Parallele gibts: Wie im Revier, so entdeckt man auch in Luxemburg beim Strukturwandel die Kultur als zukunftsträchtigen Sektor.

Im aktuellen Partnerland der Ruhrfestspiele hat das Theater lange ziemlich brach gelegen. Doch jüngst stieg endlich das staatliche Kulturbudget, so dass sich allmählich auch ein Nationaltheater etablieren kann. Direktor Frank Hoffmann, der häufig in Deutschland inszeniert, schwebt ein „Europäisches Theater“ multikulturellen ZuSchnitts vor. Mit derlei Visionen kommt er Hansgünther Heyme nahe, der ja die Ruhrfestspiele zum Europäischen Festival erweitert hat. Hoffmanns Inszenierung nach Kafkas Roman „Das Schloß“ wird in Recklinghausen gastieren.

Die vorgesehene Nationaltheater-Spielstätte freilich, eine frühere Schmiede, muss noch umgebaut und mit einer Heizung versehen werden. Bei einer winterlichen Diskussionsrunde mit luxemburgischen Theaterschaffenden (die z. B. aus Frankreich, Finnland und Ostdeutschland stammen), froren hier alle Beteiligten. Doch innerlich erwärmten sie sich an günstigen Perspektiven. Die prestigeträchtige Zusammenarbeit mit den Ruhrfestspielen kommt als Impuls gerade recht.

Höchste Zeit, dass Luxemburg ein paar Francs mehr für die Künste aufbringt. Zu verdanken ist dies auch der Kulturministerin Erna Hennicot-Schoepges, von Haus aus Pianistin. Das insgesamt schwerreiche Großherzogtum, in dessen gemächlich wirkender Hauptstadt (nur 78.000 Einwohner) zahllose Bankpaläste und EU-Behörden strotzen, leistet sich übrigens Schulneubauten, von deren Palast-Charakter man in Deutschland nicht einmal zu träumen wagt.

Das gerade erwachende Luxemburger Theaterleben zeichnet sich durch zwei Be-sonderheiten aus: Es gibt keine festen Ensembles, man findet sich jeweils für bestimmte Produktionen zusammen. Zudem ist das Land (rund 400 000 Einwohner / Ausländeranteil 37 Prozent) dreisprachig. Manche Truppen spielen auf Deutsch, andere auf Französisch, wieder andere reden Letzeburgisch (eine dem Moselfränkischen verwandte Mundart). Da dürfte die Zielgruppen-Findung nicht leicht sein.

In der industriell geprägten Stadt Esch-sur-Alzette fühlt man sich an Dortmund-Hörde und das Areal des einstigen Hoesch-Werks Phoenix erinnert. Ein vom Arbed-Konzern geschlossenes Stahlwerk rostet bei Esch (Belval) majestätisch vor sich hin, ein paar Hochöfen wurden bereits nach China verkauft. Nun erfolgt – mit Hilfe von Arbed und einiger Ruhrgebiets-Firmen – der Umbau der ganzen Gegend. Dabei spielt auch Kultur eine Rolle.

Eine gigantische, 160 Meter lange Gebläsehalle auf dem filmreifen Gelände soll Schauplatz der Goldoni-Inszenierung des Ruhrfestspielchefs Hansgünther Heyme werden, die ab 13. Mai nach Recklinghausen kommt (Zeche Blumenthal/Haard). Selbst der phantasiereiche Theatermann hatte Mühe, sich das Stück „Der Diener zweier Herren“ in diesem rohen Ambiente vorzustellen. Bis zur Premiere am 1. April gibt’s noch viel zu tun, doch Heyme gefällt der wildwüchsige Ort mitsamt den „Spuren harter Arbeit“. Bisher beherrschen noch viele Füchse das Gebiet, die sich hier ihren Bezirk erobert haben – inmitten der maroden Stahl-Kolosse.

Nicht weit entfernt liegt jener vormalige, für 9 Mio. DM sanierte vormalige Schlachthof, in dem ein gleichfalls im Revier bekannter Mann sein Theaterglück sucht: Steve Karier, unter Leander Haußmann Schauspieler in Bochum, leitet die 1998 eröffnete „Kulturfabrik“, die sich (bemerkenswerte Quote) zu über 50 Prozent aus ihren Einnahmen trägt.

Das Einzugsgebiet reicht bis Lüttich, Saarbrücken und Trier. Mit jährlichen Subventionen von jetzt 750 000 DM entsteht hier ein ehrgeiziges Programm zwischen Rockmusik und Theater. Willy de Ville gastierte hier ebenso wie der ruhmreiche Regisseur Luc Bondy mit Becketts „Godot“. Der moderne Klassiker war die Ausnahme. Karier: „Sonst spielen wir kaum Stücke, die mehr als zehn Jahre alt sind. Neues Kultur-Leben blüht aus den Industrie-Ruinen…