Ein ganz besonderes Abenteuer in der urbanen Dunkelheit: Unfassbare 247 Dates hintereinander!

(…und was sich dahinter verbirgt)

Schier unglaubliche Abenteuer in der urbanen Nacht: „Du, die Stadt und 247 Dates.“ So steht es in großen weißen Lettern auf einem dunklen Großstadtfoto mit flirrenden Lichtern. „Bright Lights, Big City gone to my Baby’s Head“, wie es im verheißungsvoll lockenden Blues-Klassiker heißt.

Die WAZ in der Zeitungsrolle unterm Briefkasten... (Foto: BB)

Funke-Produkt: die WAZ in der Zeitungsrolle unterm Briefkasten… (Foto: BB)

Vor sich sieht man außerdem einen Fahrradlenker, den man imaginär selbst in den Händen hält. Man bewegt sich auf einem wunderbar breiten, bestens markierten Fahrradweg, wie er in der Republik (und erst recht im Ruhrgebiet) wahrlich selten anzutreffen ist. Besser noch: Von Autoverkehr ist links und rechts so gut wie nichts zu sehen. Freie Fahrt! Was will man mehr?

In welche herrliche Welt entführt man uns denn da?

Es geht um einen Job. Offenbar um einen Top-Job. Wörtlich um „…einen fair bezahlten, sicheren und verantwortungsvollen Job in einem traditionsreichen Unternehmen“. Wow! Da dürfte ja wohl eine ordentliche Vergütung drin sein.

Doch dann die gelinde Enttäuschung, die ernüchternde Realität: Es geht darum, dass man sich als Zeitungs-Zusteller für die Funke-Gruppe bewerben soll. Das hat es also auf sich mit der Stadt und 247 aufregenden „Dates“: Man soll – in aller Herrgottsfrühe, bei Wind und Wetter, an sechs Tagen pro Woche – 247 Adressen mit Zeitungen des Essener Konzerns beliefern. Beispielsweise. Vielleicht sind es ja auch ein paar Exemplare mehr. Oder weniger. Egal. Jedenfalls ist es ein Knochenjob.

Und die „faire Bezahlung“? Nun ja. Mindestlohn plus Nachtzulage. Für ein paar Stündchen. Ein kleines Zubrot halt. Mehr nicht. Und das Fahrrad? Weiteres Zitat aus der Annonce: „Du bist… mobil – ein eigener PKW wünschenswert“. Ach so. Und die verantwortungsvolle, „eigenverantwortliche“ Tätigkeit? Tja, man muss halt zusehen, wie man klarkommt. Und wenn etwas schief läuft, ist man eben verantwortlich. So einfach ist das. Und die aufregende Großstadt? Naja, es sind halt nicht die Tageszeiten, in denen das Leben pulsiert. Und die Haushalte in Datteln oder Castrop-Rauxel müssen eben auch beliefert werden. Jedenfalls die, die überhaupt noch Print-Produkte abonniert haben.

Übrigens haben es die Zeitungshäuser im Ruhrgebiet gar nicht gern, wenn man ihre Zusteller bei der Arbeit begleitet – jedenfalls dann nicht, wenn man es im Auftrag eines anderen Mediums tun möchte. Da werden Anfragen zuallermeist abschlägig beschieden, wie man hört.

Generationen von „hauseigenen“ Volontären haben hingegen frühe Reportage-Erfahrungen sammeln dürfen, indem sie einmal mit den Leuten mitgegangen sind, die früher „Boten“ genannt wurden und seit etlichen Jahren Zusteller heißen – ganz ähnlich, wie Lehrlinge irgendwann zu Auszubildenden mutiert sind und Volksschulen zu Grundschulen. Was natürlich alles ändert.




Kartellamt setzt Grenze: Lensing darf Funke-Lokalteile nicht vollends übernehmen

Sieh an, es gibt Neuigkeiten aus der Presselandschaft im Großraum Dortmund: Das Bundeskartellamt hat offenbar die vollständige Übernahme von 7 Lokalausgaben der Funke-Gruppe (vormals WAZ-Gruppe) durch den Dortmunder Lensing-Verlag („Ruhrnachrichten“) verhindern wollen. Deshalb hat Lensing den entsprechenden Antrag zurückgezogen, wie mehrere Mediendienste übereinstimmend berichten.

Weitere Konsequenzen aus dem Veto der Kartellwächter sind noch unklar. Angeblich gibt es bei Funke einen Plan B für die besagten Ausgaben. Das Konzept dürfte nach Lage der Dinge allerdings mehr juristische und betriebswirtschaftliche als publizistische Elemente enthalten.

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Konkret geht es um die Ausgaben der WAZ und der Westfälischen Rundschau (WR, seit Februar 2013 ohne eigene Redaktion) in Dortmund, Castrop-Rauxel und Lünen (jeweils WAZ und WR) sowie Schwerte (WR).

Die Ruhrnachrichten, die schon seit Anfang 2013 die lokalen Inhalte für diese Ausgaben liefern, wollten die volle verlegerische Verantwortung mitsamt den Titelrechten übernehmen. Begründung: Diese Ausgaben seien Sanierungsfälle. In diesem Falle wären die Schwellen vor einer Fusion niedriger gewesen.

Doch das Kartellamt verneint den Sanierungsbedarf. Die Zeitungstitel der Funke-Gruppe seien mit rund 80 Lokalausgaben insgesamt profitabel, eine Insolvenz drohe somit auch für die sieben Lokalteile im Dortmunder Raum nicht.

Anfang 2013 hatte die Funke-Gruppe die komplette Redaktion der Westfälischen Rundschau (120 Redaktionsstellen, zahlreiche freie Mitarbeiter) geschlossen. Seither ist die Rundschau eine Art Geisterzeitung, deren Mantelteil vom Essener WAZ-Desk kommt und deren Lokalteile von diversen Ex-Konkurrenten (im Raum Dortmund: Ruhrnachrichten) geliefert werden.

Auch nach der Intervention des Kartellamts sieht es freilich so aus, als dürften die Ruhrnachrichten weiterhin die besagten Funke-Lokalausgaben mit ihren Inhalten füllen. Die Meinungsvielfalt in dieser Region bleibt arg begrenzt, sofern sie sich in Zeitungen widerspiegelt. Doch dem möglichen Monopol wurde eine letzte Grenze gesetzt.

Also müssen wir wohl nicht unsere Phantasie bemühen: Die Entlassung der WR-Redaktion wird sicherlich nicht rückgängig gemacht. Und auch sonst ist das Presse-Paradies in weiter Ferne.

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(mit nachrichtlichem Material von newsroom.de, meedia.de und kress.de)

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Der Koloss wankt: Funke-Mediengruppe (WAZ) streicht abermals 200 Stellen

Es wird allmählich zur Konstante, wenn von der Funke-Mediengruppe (ehemals WAZ-Mediengruppe) die Rede ist: Man erwartet ja schon allzeit Kürzungsmaßnahmen, aber doch nicht so schnell und so drastisch, wie sie dann tatsächlich eintreten.

Die Geschäftsführung in Essen setzt jeweils auf „Überraschungs“-Effekte, für einzelne Betriebsteile auch auf ein Ende mit Schrecken – siehe die erst am 15. Januar verkündete Entlassung der kompletten Redaktion der Westfälischen Rundschau, von der rund 120 Redaktionsmitglieder und über 150 freie Mitarbeiter betroffen sind.

In den letzten Tagen und Wochen hatte man ziemlich fest mit dem „Aus“ für die Vest-Ausgabe (Kreis Recklinghausen) der WAZ gerechnet, doch nicht mit einem Kahlschlag dieses Kalibers: Abermals sollen im Konzern bis zu 200 Stellen gestrichen werden – bei Anzeigenblättern, im Anzeigenbereich und im Fotografenpool, doch auch – wohl besonders bemerkenswert – am zentralen Content Desk, der die Blätter der Gruppe mit regionalem und überregionalem Mantelstoff für die klassischen Ressorts und deren Ableger beliefert.

Der von WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz geleitete und gehegte, einst bundesweit als Modell ausposaunte Desk muss also deutlich Federn lassen – von 21 bis 24 Stellen am bislang recht ordentlich besetzten Tisch ist die Rede. Es heißt, Beobachter aus dem angeblich näheren Umfeld hätten Reitz neuerdings nachgesagt, er werde zusehends nervös und habe seine einst zur Schau gestellte Souveränität eingebüßt. Aber das ist ungeprüfte Kolportage, Kaffeesatz-Leserei, wiewohl wahrscheinlich nicht völlig ohne Anlass.

Man vermag jedenfalls kein tragendes Konzept hinter all dem hektischen Aktionismus in der Funke-Gruppe zu erkennen. Es sieht so aus, als ließe man sich dort von den Entwicklungen treiben und ins Bockshorn jagen, anstatt sie mitzugestalten. Eine treibende Kraft scheint diesmal der Discounter Aldi zu sein, der künftig offenbar auf Werbung in Tageszeitungen weitgehend verzichten will.

Auch ist von stetig sinkenden Abonnentenzahlen die Rede. Die Kündigungswelle bei der Westfälischen Rundschau, die seit 1. Februar ohne eigene Redaktion erscheint, dürfte daran derzeit einen nicht unwesentlichen Anteil haben. Zahlen hierzu gibt die Funke-Gruppe wohlweislich nicht heraus. Man wird also die objektiv ermittelten IVW-Zahlen abwarten müssen, die im nächsten Quartal genauere Auskunft geben werden.

Die Geschäftsführer der Funke-Mediengruppe (Christian Nienhaus, Manfred Braun, Thomas Ziegler) lassen unterdessen verlauten: „Wir müssen uns Freiraum für neue Produkte schaffen.“ Man darf gespannt sein, um welche Produkte es sich da handelt. Reichlich wolkig heißt es weiter, man werde „unsere starken regionalen Marken in die digitale Welt überführen“; ganz so, als sei letztere gerade erst erfunden worden. Dass man die Umbenennung in Funke-Mediengruppe als Rückgriff auf eine Familientradition verkauft, wirkt bestenfalls hilflos.

Derzeit vermag ich mir nicht recht vorzustellen, dass im Konzern genügend verlegerische Phantasie waltet, um solche Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben zu meistern. Eher verfestigt sich der Eindruck, dass der einstige Koloss ins Wanken geraten ist.