Bühnenarbeit mit Häftlingen im Gefängnis Köln-Ossendorf: Die Produktion „Antikörper“ spielt irritierend mit Klischees

Es gibt Orte, über die man ungern redet, geschweige denn, dass man diese gern betritt. Dazu gehören Krankenhäuser, Altenheime, Schlachthöfe und sicher auch das Gefängnis. Dieses kann man auch nicht einfach so betreten, sondern es bedarf eines Sicherheitsvorlaufes. Hier in der JVA Köln-Ossendorf ist dies ein mühsames Kontrollprozedere. Man endet in einem Saal mit Bühne.

An den Wänden befinden sich zahlreiche Plakate von vorherigen Veranstaltungen. Hier wird also für Sonderabwechslung gesorgt, meist dargeboten durch Comedians oder Live-Musiker. Das Kölner Festival der Multipolarkultur, „Sommerblut“, veranstaltet an diesem Ort zum zweiten Mal eine Festivalproduktion, eine Bühnenarbeit mit Häftlingen. In der 17. Ausgabe des Kulturfestivals dreht sich alles um den Schwerpunkt KÖRPER. Das Festival greift das Thema in allen Formen der Kunst auf.

Zu Beginn wird aus dem Grundgesetz zitiert

Und es sind eben die Körper, die wir zuvorderst zu sehen bekommen. Die Innenansichten stammen von den 20 Häftlingen, Frauen und Männern, die sich hier erfolgreich der Theaterarbeit gestellt haben, inklusive eines Beamten, der zu Beginn Artikel 1 des Grundgesetzes zitiert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Am Ende führt er die Gefangenen wieder zurück in ihre Zellen, bevor das Publikum den Raum verlassen darf.

Eine projizierte Schrift leitet das performative Bühnengeschehen ein: „Die Bestrafung wird zum verborgensten Teil der Rechtssache. Sie verlässt den Bereich der alltäglichen Wahrnehmung und tritt in den des abstrakten Bewusstseins ein. Ihre Wirksamkeit erwartet man von ihrer Unausweichlichkeit, nicht von ihrer sichtbaren Intensität.“ (Michel Foucault „Überwachen und Strafen“).

Was mögen die wohl verbrochen haben?

Beauftragt mit der komplizierten Arbeit in einem „Knast“ wurde die Kölner Regisseurin Elisabeth Pleß. Man braucht Enthusiasmus und viel Einfühlungsvermögen für solch ein Unterfangen und das bewies sie mit ihrer Einrichtung von „Antikörper“, choreografisch unterstützt von Andre Jolles. Vor „ausverkauftem Haus“ zeigen die Männer und Frauen ihre Körper in gestylten Kostümen. Die Text stammen von ihnen selbst, zusammengestellt aus Gesprächen und Lebensläufen. Hier wird nicht auf die Mitleids- oder Verständnistube gedrückt. Sie sind, wie sie sind – und das irritiert das Publikum. Ist es doch hier umgekehrt: Im Theater macht sich wohl kaum jemand Gedanken über die Person des Schauspielers. Hier entscheidet die Rolle. Im Fall von „Antikörper“ erwischt man sich bei der Frage: Was mögen die wohl verbrochen haben? Man bemüht Klischees, um der Sache näher zu kommen. Es gelingt nicht. Es wird auch nicht gesagt.

„Ich bin jetzt Kunst, gezeichnet vom Leben“

Eine Zuschauerin meinte: „Die sehen doch alle zu gut aus. Ganz normal, eher attraktiv.“ Es ist ein Spiel mit Klischees und gleichzeitig sitzt man temporär in einem Gebäude, in dem Körper und Seelen eingesperrt sind und teilweise noch lange bleiben. Natürlich spielen Tattoos eine Rolle. Da kommt man offensichtlich nicht drumherum. Hier erfahren wir die Gründe für die Einmarkungen auf der Haut. Ihre Texte bestehen aus Träumen und Versprechen. Was sonst? Man hört: „Hallo Vergangenheit, hallo Selbstmitleid.“ Und: „Ich werde das Selbstmitleid aus meinem Leben verdammen. Die Zuschauer sind hier, um etwas Gutes zu sehen. Wir bieten Vorurteile, Neugier und Ängste. Die „Hauptsprecherin“: „Ich bin jetzt Kunst, gezeichnet vom Leben.“ Wer sind diese Menschen, was sind ihre Berufe? Das wird nicht beantwortet und führt zu einer besonderen Beziehung zwischen Darstellern und Publikum.

Hoffnung auf die kreativen Kräfte

Es ist ein vor allem gut choreografierter Abend, der 20 Menschen bewegt, um zu bewegen. Einmal ruft jemand: „Ich bin ein Star. Holt mich hier raus!“ Wunderbar – diesen Dschungelsatz zu einem anderen Lacher zu machen. Es gibt jedoch auch einen Teil, der eher trivial daherkommt. Man erzählt von glücklichen Momenten, wozu meist die Geburt der Kinder gehört. Okay. Es darf auch ein Rap nicht fehlen, der aber anständig rübergebracht wurde, gefolgt von einem kroatischen Lied, begleitet auf der Gitarre – so still und so eindringlich und natürlich authentisch, so weit es in diesen Gemäuern geht. „Ich lebe mit verschlossenen Augen in meiner Festung, in meiner Zelle.“

Enthusiastischer Applaus am Ende. Wir können wieder raus. Den einen oder die andere hätte man gern näher kennengelernt. Mutmaßlich war dies eine einmalige Begegnung und man wünscht allen, nach der Haft sich der Kreativität zu besinnen und diese unkriminell einzusetzen.




Unschuldig auf 8 m² im Knast – leider ein mäßiges Krimidebüt

Zu Unrecht eines Doppelmordes verdächtigt! Unschuldig in Untersuchungshaft! Hört sich an wie der Stoff, aus dem Albträume sind oder aus denen man einen spannenden Krimi stricken könnte.

Das fand offenbar auch die Ratingerin Candida Schlüter und wob aus diesen Zutaten ihren Debütroman „8 m²“. Genau so groß ist die Zelle, in der die Ärztin Hannah Corvin ihre Untersuchungshaft in der JVA Düsseldorf absitzt.

Hannah Corvin soll ihren Ex-Verlobten und ihre beste Freundin aus Eifersucht umgebracht haben, dummerweise aber erinnert sie sich an so gut wie gar nichts. Im Gefängnis hat sie kaum Möglichkeiten, nachzuforschen und ihre Unschuld zu beweisen. Ohnehin braucht sie fast ihre gesamte Kraft, um mit der für sie völlig verstörenden Welt hinter Gittern zurecht zu kommen.

Autorin absolvierte sechs Wochen Praktikum im Gefängnis

Candida Schlüter interessierte sich schon während ihres Jurastudiums für Kriminalpsychologie. Der Klappentext suggeriert mit der Mitteilung „Während ihrer Tätigkeit in der JVA Düsseldorf lernte sie den Gefängnisalltag kennen„, dass der Roman uns Insider-Ansichten aus dem Alltag der dort Beschäftigten offenbaren wird.

Mit „Tätigkeit in der JVA Düsseldorf“ ist hier allerdings umschrieben, dass es sich gerade mal um ein sechswöchiges Studienpraktikum handelt. Natürlich kann man auch dabei Einsichten und tiefe Eindrücke gewinnen, die man gerne weitergeben möchte, dennoch bestätigt diese geschickte Umschreibung den Gesamteindruck des Werkes: Es wird viel versprochen, viel angerissen, doch die Substanz dahinter ist dürftig.

Die Einblicke aus dem Gefängnisalltag sind weniger beklemmend als erwartet. Ja, alles ist grau, die Fenster sind vergittert, die Matratzen dürftig, die Hygiene nicht so dolle, Mithäftlinge aggressiv, JVA-Beamte eher desinteressiert, doch wirklich Neues erfährt man nicht.

Juristische Merkwürdigkeiten nur angetippt

Spannung speist sich dürftig aus juristischen Übertretungen – so wird Frau Doktor vor Haftantritt nicht einmal dem Haftrichter vorgeführt und kommt auch in den ganz normalen Vollzug und nicht in eine Untersuchungshaftanstalt, wo man sie aus verhältnismäßig nichtigem Grunde in einer Einzelzelle fixiert. Der sich daraus ergeben könnende Skandal wird allerdings nicht weiter thematisiert – vielleicht hatte die Autorin Bedenken.

Bedenklich sind diese Schilderungen allerdings. Aus zwei Möglichkeiten heraus. Möglichkeit eins: Wenn solche Szenen und juristische Unterlassungen sich wirklich so darstellen, ist die Bedenklichkeit selbsterklärend. Sollten sie allerdings der Phantasie der Autorin entspringen und unter künstlerische Freiheit fallen, ist die suggerierte Insider-Position noch fragwürdiger und trägt nicht dazu bei, das ohnehin schon geringer werdende Vertrauen in den Rechtsstaat zu stärken.

Aufklärung an den Haaren herbeigezogen

Zurück zum Krimi, denn das sind die 8 m² ja auch noch. Der zugrunde liegende Kriminalfall birgt allerdings wenig Überraschungen. Der oder die große Unbekannte wird erst zur Mitte unvermittelt eingeführt und trotz kruder Gedankengänge von Mr. oder Mrs. X hat man nicht den Hauch einer Idee zum Motiv oder sonstigem Bezug zur Frau Doktor oder den Getöteten. Der Plot wird dann auch ziemlich unambitioniert aufgeklärt, dem Motiv gönnt die Autorin genau einen Satz – wahrscheinlich besser so, denn eine derart an den Haaren herbeigezogene Aufklärung hat man selten gelesen.

Ebenso wie das Motiv des Plots bleibt auch das Motiv der Autorin im Ungefähren. Wollte sie einen Krimi schreiben oder wollte sie eine Rahmenhandlung für das Thema Gefängnisalltag? Dann wäre vielleicht ein Buch im Stil einer Doku-Soap die deutlich bessere Wahl gewesen. Oder wollte sie einen kriminalpsychologischen Thriller schreiben, der mit den Ängsten der Leser spielt? Das allerdings würde nur gelingen, wenn man sich als Leser(in) mit der Hauptfigur identifizieren könnte. Doch da Frau Doktor genau wie die anderen handelnden Personen allenfalls holzschnittartig daherkommt, fehlt jedweder Anknüpfungspunkt für Empathie.

Dabei hätte die Geschichte der Hannah Corvin (ihr tiefer Fall von der Tochter aus gutem Hause zur Gefängnisinsassin) so einiges hergegeben. Doch auch das wird verschenkt. Sehr schade.

Candida Schlüter: „8 m²“. Grafit-Verlag, Dortmund, 268 Seiten, €9,99