Kurze Abschweifung zum Phänomen der „Ohrwürmer“

Ob Katzen auch ihre Ohrwürmer haben? Da müsste man mal unseren Kater fragen, der hier – mit gespitzten Lauschern (Luchspinseln) – auf einer Lautsprecherbox thront. (Foto: Bernd Berke)

„I’ve got a worm in my brain /And it brings me to my knees /It comes on like a thought /But it stays just like a disease…“

(The Weather Prophets: „Worm in my Brain“)

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Das vorangestellte Motto führt zwanglos zum Thema hin. Die täglichen „Ohrwürmer“, die einem so unversehens beikommen, nehmen keinerlei Rücksicht auf deinen Musikgeschmack. Wie aus einem tönenden, blubbernden Urschlamm, tauchen sie einfach auf, nehmen schwankende Gestalt an und verschwinden ebenso plötzlich, wie sie gekommen sind. Ob sie folgenlos bleiben, steht dahin.

Manche halten sich über Tage hinweg und kehren gelegentlich wieder zurück. Andere befallen dich nur für wenige Stunden. Sie kriechen durchs Gehirn, nisten sich ein wie Parasiten. Und manchmal summst du unwillkürlich mit. Was hat es damit nur auf sich? Vielleicht sind Ohrwürmer ja mit den Träumen verwandt. Sage mir, welche Ohrwürmer dich befallen – und ich sage dir, wer du bist.

Rückfall in die alten Zeiten

Für aktuelle Charts interessiere ich mich eh nicht mehr, diese Abstinenz prägt auch das Repertoire meiner Ohrwürmer. Sie stammen weit überwiegend aus den guten alten Rock- und Pop-Zeiten, zwischen den späten 50er und den frühen 80er Jahren, meistenteils konzentriert auf die 60er. Schlager zuweilen inbegriffen.

Beispiele? Nun, gestern erwischte mich ganz unvermittelt Drafi Deutschers herzlich unbedarftes Liedlein: „Heute male ich dein Bild, Cindy-Lou“. Wenn ich mich nicht irre, war es die B-Seite von „Marmor, Stein und Eisen bricht…“ Kurz fragte ich mich, warum damals der Frauenname Cindy so schlagergerecht zu sein schien. „Cindy, o Cindy, dein Herz muss traurig sein…“ Cindy-Lou hat etwas Niedlich-Mädchenhaftes mit einem winzigen Schuss Verruchtheit, wie es zu den Zeiten gerade noch erlaubt war, „als die kleine Jane gerade 18 war“ und unentwegt Bossa Nova tanzte. Aber ich schweife ab.

Von France Gall bis zu den Stones 

Zuvor behelligten mich tagelang die McCoys mit ihrem Pop-Gassenhauer „Hang on, Sloopy“ von 1966. Zwischendurch schlich sich frankophon „C’est si bon“ ein, auch die hinreißend junge, frühlingsfrische und naiv-optimistische Stimme von France Gall („Poupée de cire, poupée de son“) ging mir kürzlich erst nach ein paar Tagen wieder aus dem Sinn, obwohl eine Françoise Hardy sicherlich mehr Substanz und Charisma hatte. Und immer mal wieder erhebt sich das grandiose „You really got a hold on me“ (Smokey Robinson, Small Faces u. a.) wie aus dem Nichts – mit den wunderbaren Riffs und der weltweisen Eingangszeile „I don’t like you, but I love you“. Auch Eric Burdon schaut mit „San Franciscan Nights“ öfter mal vorbei.

Ein ziemlich wildes Durcheinander, fürwahr, gewiss keine bewusste Auswahl, meistens eben unwillkürliche Rückfälle in die 1960er Jahre. All die Klänge kommen hinterrücks angeschlichen. Kaum je entsprechen sie den Präferenzen bei wachem Bewusstsein. So kommt es leider nur selten vor, dass sich auch schon mal ein Titel der hochgeschätzten Go-Betweens, von Robert Forster, Neil Young oder ähnlichen Großkalibern einstellt. Die herrlich unverwüstlichen Beatles sind auch immer mal wieder dabei, freilich eher mit selteneren Songs („I’m only sleeping“); hinterdrein die Stones mit Oldie-Raritäten wie „She smiled sweetly“ oder „When blue turns to grey“.

Sich selbst auf die Schliche kommen

Recht häufig geschieht es, dass etwa ein Gus Backus („Da sprach der alte Häuptling…“), Peter Alexander („Salzburger Nockerln“) oder jene kölsche „Schaschlik-Bud“ („Isch bin versorcht, mir jeht et jut, denn isch han en Schaschlik-Bud“) und dergleichen Schunkel-Zeug aufploppt. Kinderlieder aus der Frühzeit („Wer will fleißige Handwerker seh’n, der muss zu den Kindern geh’n“) sind gleichfalls im regellos wechselnden Angebot. Puh!

Man müsste sich da selbst auf die Schliche kommen: Warum ausgerechnet heute just dieser Song? Wie sehr hat es mit Launen und Stimmungen zu tun? Gab es en passant einen Anklang, den man an der Oberfläche gar nicht richtig wahrgenommen hat, der sich aber in einen eingesenkt hat? Darüber hinaus: Gibt es eigentlich viele Leute, die Ohrwürmer aus der sogenannten E-Musik mit sich herumtragen? Falls ja: einzelne Tonfolgen (nein, nicht „Ta-ta-ta-taaa“) oder ganze sinfonische Sätze? Nun sagt!

Fragen über Fragen. Gibt es eigentlich schon eine Ohrwurmwissenschaft? Und wie hieße sie wohl, diese tiefgründige Wurmdeutung, vorzugsweise angelehnt ans Griechische oder Lateinische?

Wie bitte? Jetzt wollt ihr zürnen, weil ihr einen der genannten Titel als neuen Ohrwurm „am Hals“ habt? Macht nichts. Das vergeht. Die neuen Würmer warten schon, um sich in eure Ohren zu schlängeln.

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Ich verfolge das in der nächsten Zeit mal ein wenig weiter. Diese folgenden Titel – ein munterer Mix, z. B. aus „Mundorgel“ und Rock/Pop-History – kamen mir neuerdings zeitweise in den Sinn:

„Satellite of Love“ (Lou Reed)
„Weg da“ (Herman van Veen)
„Hoch auf dem gelben Wagen“ (Trad. / Altbundespräsident Scheel)
„White Rabbit“ (Jefferson Airplane)
„Gaudeamus igitur“ (iuvenes dum sumus)“ (trad. Studentenlied)
„Bend me, shape me (anyway you want me)“ (The American Breed)
Englische Nationalhymne
„She’s a Lady“ (Tom Jones)
„Matilda“ (Harry Belafonte)
„Lay Lady Lay“ (Bob Dylan)
„Clouds“ (Go-Betweens)
„I’m free“ (Rolling Stones)
„Cryin‘ in the Rain“ (Everly Brotherz)

 

Dazu die im Text namentlich erwähnten:

„Heute male ich dein Bild, Cindy-Lou“ (Drafi Deutscher)
„Hang on, Sloopy“ (McCoys)
„You really got a hold on me“ (Small Fakes)
„San Franciscan Nights“ (Eric Burdon)
„I’m only sleeping“ (Beatles)
„She smiled sweetly“ (Rolling Stones)
„Da sprach der alte Häuptling, der Indianer“ (Gus Backus)
„Wer will fleißige Handwerker seh’n…“ (Kinderlied)




Kostbare Momente – Die Go-Betweens mit starken Songs im Kölner „Gloria“

Von Bernd Berke

Köln. Zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug – die Ur-Besetzung einer Rockband bleibt doch das Maß der Dinge.

Erst recht, wenn es sich um die Go-Betweens handelt. Im Kölner „Gloria“ spielten die Australier jetzt einen hinreißenden Querschnitt durch ihre drei letzten Alben: „The Friends of Rachel Worth“, „Bright Yellow Bright Orange“ und (frisch auf dem Markt)„Oceans Apart“. Es war eines jener Konzerte, bei denen man jeden Augenblick ausschlürfen möchte.

Die Frontleute Robert Foster und Grant McLennan sind seit den frühen 80ern auf der Szene, anfangs gewaschen mit allen (auch schmutzigen) Wassern von Punk und New Wave.

Foster ist spröde und zuweilen verschroben auf quasi britische Art, McLennan hat ein sonnigeres Gemüt. Daraus und aus den langen Jahren freundschaftlichen Zusammenraufens erwächst ein kreatives Spannungspotenzial wie einst bei Lennon und McCartney. Ein Vergleich, der kaum zu hoch greift. Es gibt derzeit keine besseren Songschreiber als die beiden aus Brisbane.

Auch Neuschöpfungen wie „Darlinghurst Nights“ oder „Boundary Rider“ sind samtig schimmernde, manchmal strahlende Huldigungen an kostbare Momente. Verweile doch, du bist so schön…

Die Songs treiben lebensgierig vorwärts oder driften melancholisch seitwärts, manche sind so wunderbar einleuchtend wie Kinderlieder. Und eine stärkere, nervösere Hymne aufs Stadtleben als „Here Comes a City“ gab’s schon lange nicht mehr.

• Weiterer Termin: 6. Juni, Bielefeld („Forum“).




Mitten hinein in ein strahlendes Hier und Jetzt – ein aufregendes Konzert der „Go-Betweens“ in Köln

Von Bernd Berke

Köln. Also gut, lassen wir gleich den Superlativ-Hammer niedersausen: Robert Forster und Grant McLennan sind das beste Songschreiber-Duo seit den seligen Beatles-Zeiten von Lennon und McCartney. Wie bitte? Wer? Nun, die beiden Australier haben 1978 die Formation „The Go-Betweens“ gegründet, welche sich in wechselnden Besetzungen schon damals heimlichen Kultstatus sicherte.

Die zwei sind in den 90er Jahren getrennte Wege gegangen und haben anno 2000 wieder zusammengefunden. Seither steht man mit seinem Lob und Preis längst nicht mehr allein da. Die beiden Frontleute (jeweils Gitarre und Vocals) sind enorm gereift, doch nirgendwo erstarrt. Und eigentlich müssten ihre Ohrwurm-Songs wie „Surfing Magazines“, „Caroline and I“, „Magic“ oder „Make Her Day“ die Charts anführen.

Hochintelligent und auch textlich ausgefeilt

Schon jeder für sich hat exzellente Ideen, doch gemeinsam sind sie so ziemlich unschlagbar. Vor einer treuen Gemeinde aus ganz NRW gaben sie jetzt im Kölner Kulturzentrum „Kantine“ ein wahrhaft hinreißendes Konzert, vornehmlich mit einem Mix aus ihren frischesten CDs „The Friends of Rachel Worth“ und „Bright Yellow Bright Orange“, aber auch mit aufpolierten Klassikern wie „Bachelor Kisses“. Resultat: reichlich zwei Stunden mit etlichen Glücksmomenten. Selbst nach vier Zugaben hätte man am liebsten noch mehr Nachschlag bekommen.

Bei dieser hochintelligenten, auch textlich ausgefeilten Pop-Musik mit ihren durchaus eingängigen Rhythmen und doch subtilen Harmonien stehen gar manche Pate, die uns lieb und wert sind: Bob Dylan muss genannt werden, aber auch Beach Boys und Byrds und nicht zuletzt Lou Reed. Zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug. Mehr braucht man im Grunde seit jeher nicht. In dieser klassisch-aufrichtigen Besetzung treten sie an. Der schlaksige Forster ist ein skeptisch-intellektueller Typus mit leicht verschrobener John-Cleese-Aura. („Monty Python“-Fans wissen Bescheid). Er sorgt wohl in erster Linie fürs Verhangene in Moll, für sanfte Bruchlinien und exquisite tonale Zwischenlagen.

Als Songschreiber kaum zu übertreffen

Das allein wäre prächtig genug. Doch nun geschieht das Wunderbare: Sobald Forster zu Bedenklichkeit tendiert und zu zögern droht, drängt ihn McLennan voran und immer voran – mitten hinein in ein strahlendes Hier und Jetzt. Dann erklingen glasklare Refrains mit fast kindlich anmutendem Optimismus; Hymnen, die einem nicht wieder aus dem Kopf gehen. Es ist keine blinde Zuversicht, die sich herrlich freie Luft verschafft, sie ist der Traurigkeit, dem Zweifel und der Düsternis abgewonnen. Mal betrübt, mal jubilierend – das volle Leben.

Weiterer Termin: 15. Mai, Bielefeld („Forum“)