Finstere Festung Europa: Jan Zweyers Krimi „Starkstrom“

Die Zukunftsvision, die Jan Zweyer in seinem Krimi „Starkstrom“ zeichnet, mutet gespenstisch an. In einem großen Teil europäischer Staaten sind Rechtspopulisten an der Macht. Der Kontinent hat sich regelrecht abgeschottet und gleicht einer Festung. Die Grenzanlagen lassen Erinnerungen an die Zeiten des Eisernen Vorhangs aufkommen.

Gleichwohl gelten die zweifachen, meterhohen Elektrozäune als human. Wenn Menschen sie überwinden wollen, müssen sie nicht gleich den Tod fürchten, sondern mit Strom geladene Drähte machen die „Durchbrecher“, wie man Flüchtlinge jetzt nennt, bewusstlos. Anschließend bringt man sie in als Transitzentren bezeichnete Auffanglager, die Abschiebung ist dann nur noch Formsache.

Der erste Tote im Buch kein Migrant, der jenseits der Grenze auf ein besseres Leben hofft, sondern der Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma. Er kommt unter mysteriösen Umständen bei Wartungsarbeiten ums Leben, zudem findet man bei ihm noch einen verkohlten Schweinekadaver. Der Tod des Mannes lässt sich nicht verheimlichen, auch wenn Behörden das vielleicht gerne möchten. Sie müssen stattdessen miterleben, wie das ganze Geschehen hohe Wellen schlägt, denn trotz der rechtsgerichteten Systeme haben die Medien ihre kritische Rolle noch nicht ganz verloren. Zudem beginnen Ermittler damit, die Hintergründe des grausamen Vorfalls genauer zu untersuchen.

Die Machenschaften der Schlepperbanden

Der aus Frankfurt stammende Schriftsteller Jan Zweyer entwickelt einen temporeichen Plot, der seine Dynamik gleich in mehreren Handlungssträngen entfalten kann. Die Sicherheitsfirma, wie könnte es anders sein, steht in enger Verbindung mit der Politik und staatlichen Instanzen. Eine Polizistin und ihr Kollege stoßen bei ihren Recherchen auf allerlei Ungereimtheiten. Und schließlich gibt es da noch eine Journalistin, die den Auftrag für eine große Reportage bekommen hat. Sie soll nicht nur in Westafrika auf Spurensuche nach den Ursachen der Flucht von Abertausenden Menschen gehen, sondern auch den Blick auf die Fluchtwege richten.

Wenn Zweyer den Leser teilhaben lässt an den Nachforschungen der Reporterin, die für ein angesehenes Magazin in Deutschland tätig ist, beschreibt er die wirtschaftliche und soziale Not, mit der der überwiegende Teil der afrikanischen Bevölkerung zu kämpfen hat. Das Buch erscheint aber nicht nur an solchen Stellen aktueller denn je. Der Autor rückt auch die kriminellen Machenschaften von Schlepperbanden in den Blickpunkt, die mit ihren Verlockungen Menschen überhaupt erst dazu bringen, ihre Heimat zu verlassen. Welche Todesgefahren ihnen drohen, merken sie meistens erst, wenn sie schon auf dem Flüchtlingsboot im Mittelmeer befinden.

Indem Zweyer das Schicksal einzelner Menschen herausgreift, die alles aufs Spiel setzen, um nach Europa zu gelangen, gewinnt seinn Krimi eine spezielle Dramaturgie. Wie es sich für einen spannenden Krimi gehört, läuft alles auf ein ungeahntes Finale hinaus.

Jan Zweyer: „Starkstrom“. Krimi. Grafit-Verlag, 282 Seiten, 12 Euro




Dortmunder Grafit-Verlag geht an Kölner Konkurrenz

Die Dortmunder Verlagslandschaft war nie sonderlich imposant, doch gab es über viele Jahrzehnte hinweg immerhin zwei große Tageszeitungen, die ihre Zentralen in dieser Stadt hatten. Zudem war es 1989 ein kleines Hoffnungszeichen, als Rutger Booß hier den Grafit-Verlag gründete, der sich nach und nach zu einer beachtlichen Adresse namentlich für damals noch nicht allgegenwärtige Regionalkrimis entwickelte.

Zwei neuere Bücher mit dem Logo des Grafit-Verlages. (© Grafit)

Zwei neuere Bücher mit dem Logo des Grafit-Verlages. (© Grafit)

Mit der Zeit schrieben – um nur wenige zu nennen – beispielsweise Lucie Flebbe, Gabriella Wollenhaupt, Jürgen Kehrer („Wilsberg“), Reinhard Junge oder Thomas Schweres für Grafit. Ein Schwerpunkt waren Krimis aus dem Ruhrgebiet, doch auch in anderen Landschaften und gelegentlich auch jenseits der deutschen Grenzen ging’s grafitmäßig hinterhältig und blutig zu.

Rutger Booß erwies sich dabei zusehends als gewiefter, gewitzter und mit ziemlich vielen Wassern gewaschener Verleger. Die Zeiten sind indes noch härter geworden und Booß‘ Nachfolgerin Ulrike Rodi, seit 2010 am Ruder, fühlte sich nach eigenem Bekunden zuletzt immer weniger „motiviert“, gegen widrige Umstände des Buchmarktes anzukämpfen. Also endet zum Jahreswechsel die eigenständige Geschichte des immer noch verhältnismäßig kleinen Verlags. Der größere, ebenfalls mit Regionalkrimis befasste Emons-Verlag in Köln übernimmt das Dortmunder Programm und wird es (mutmaßlich unter der eingeführten Marke Grafit) weiterführen. Man wird sehen, ob und wie das funktioniert.

Nachdem schon die Dortmunder Presselandschaft im Vergleich zu früher furchtbar ausgedünnt ist und etwa auch der zeitweise recht agile örtliche Harenberg Verlag längst nicht mehr besteht, ist dies ein weiterer Verlust für die Stadt, was Printprodukte angeht. Eine betrübliche Nachricht am Vorabend der Frankfurter Buchmesse.

Grafit-Gründer Rutger Booß (Jahrgang 1944), der bereits seit neun Jahren nicht mehr auf die Dinge einwirken konnte, dürfte all dies mit etwas Wehmut, aber eben auch aus gewachsener Distanz mit Gelassenheit sehen. Längst ist er als Autor mit eigenen Buchprojekten beschäftigt. 2017 machte er sich in „Immer diese Senioren“ über ältere Mitbürger her, demnächst soll ein Buch über aberwitzigen Wunderglauben „seit der Steinzeit“ erscheinen. Aber selbst Wunder werden dem Grafit-Verlag wohl nicht mehr helfen.




Rutger Booß und seine ungebremste Seniorenbeschimpfung

Mit Dr. Rutger Booß, Gründer und damals auch noch amtierender Chef des Dortmunder Grafit-Verlags (führend im Regionalkrimi-Fach), hatte ich für einige Jahre ein kleines Ritual. Kurz vor Abreise von der Frankfurter Buchmesse habe ich jeweils noch auf einen Kaffee beim Grafit-Stand vorbeigeschaut. Es gehörte irgendwie dazu. Dortmunder müssen zusammenhalten, auch auf kulturellem Gebiet. Jetzt steht Rutger Booß, inzwischen 72, auf seine etwas älteren Tage unversehens auf Platz 9 der „Spiegel“-Bestsellerliste (Rubrik Taschenbücher / Sachbuch), und zwar mit einer als Rundumschlag angelegten Seniorenbeschimpfung. Diese Ausgangslage verlockt zum Lesen.

„Immer diese Senioren! 111 Gründe, warum sie uns in den Wahnsinn treiben“ heißt das naturgemäß (selbst)ironisch eingefärbte, aber nicht etwa durchweg unernst gemeinte Werk. Ich gebe freimütig zu: Diese allfälligen 50-, 99-, 100- oder halt 111-Gründe Bücher gehen mir allmählich auf den Geist. Meistes folgen sie einer Masche. Der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf preist das Buch denn auch als „Stapeltitel“ an und hat massiv die Buchhandlungen damit geflutet.

Immer in Beige, immer drängeln

Schon klar: Die Senioren werden immer mehr und haben schon jetzt enormen Einfluss auf die Politik. Also muss man sie mal verbal verdreschen. Tatsächlich lässt Rutger Booß kein gutes Haar an seinen Generationsgenoss(inn)en. Hier müssen sich die bedauernswerten Durchschnitts-Senioren alles, aber auch alles zurechnen lassen, was irgendwo alte Menschen verzapfen – seien es nun „Eliten“ und Promis jeder Sorte, Einzelne aus der Menge oder die breite Mehrheit, die dümmlich bis kriminell agiert haben. Nun aber `ran an die Beispiele, Feixen hie und da garantiert:

Der Rentner, der gemeinhin in Beige herumtapert, sich rüpelhaft an der Supermarktkasse vordrängelt und dort umständlichst das Kleingeld abzählt oder zittrig Auto fährt, wird ausgiebig verspottet. Bejahrte Menschen hassen Kinderlärm, werfen aber selbst den Laubsauger an, wann immer sie wollen. Sie hocken ständig beim Arzt und klagen über ihre Wehwehchen, fallen auf dämliche Werbung und Nepper, Schlepper, Bauernfänger herein.

Alte Männer: geil, geizig und gierig

Ältere Polit-Darsteller von hohen Fürchterlichkeits-Graden (z. B. Berlusconi, Robert Mugabe, Erika Steinbach, Gauland, Trump) oder betagtere Sportfunktionäre (Blatter, Beckenbauer, Ecclestone) werden wortreich verdammt. Sie haben es ja allesamt verdient. Doch ich konnte bei der Lektüre nicht umhin, beim Thema Senioren gelegentlich (sozialpolitisch korrekt) auch an Altersarmut, Pflegebedürftige und Demenz zu denken. Solche kleinlichen Bedenken muss man entschlossen beiseite schieben, will man ein solches Buch schreiben. Dabei ist Rutger Booß doch eigentlich eher links gestrickt.

Autor Rutger Booß (Foto: Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf)

Autor Rutger Booß (Foto: Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf)

Doch im Buch mag er’s paukenschlagend pauschal. Senioren machen demnach eigentlich nur dummes Zeug. Sie kommen nicht mit dem Internet klar, verhindern durch ihre schiere Beharrungs-Masse Innovationen bei ARD und ZDF, verdingen sich als quasi untote Gestalten (Gunter Gabriel, Rainer Langhans etc.) im „Dschungelcamp“. Alte Männer sind in der Regel geil, geizig und gierig. Ergraute Schriftsteller wie Roth, Updike, Begley und Martin Walser stier(t)en geifernd jungen Mädchen nach.

„Landplagen“, wohin man auch schaut

Seniorenscharen, die überall die Wege versperren, bevölkern Kreuzfahrtschiffe auf Flüssen und Meeren. Und wenn sie erst auf ihre E-Bikes steigen, ist alles zu spät. Alte Herrschaften verfassen peinliche Memoiren, schreien ihren Unmut im Theater auf offener Szene heraus, besitzen offenbar immens viele Waffen, sind Mitglieder in lachhaft vorgestrigen Schützen- und Gesangsvereinen, sind Geisterfahrer, Rechthaber, Unfallflüchtige und Stalkerinnen. Sie alle sind – so ein Lieblingswort in diesem Buch – eine „Landplage“.

„Das alles und noch viel meheeeer“ wird auf mitunter fast penetrante Weise breitgetreten und ausgewalzt. Hat man einmal den eingefahrenen Duktus intus, reichen hernach vielfach die bloßen Kapitel-Überschriften zur Orientierung. Vieles ist ja richtig, doch gar manches ist auch wohlfeil.

Bei den bunten Seiten bedient

Quellen für die üblen Nachreden sind vorwiegend die vermischten Meldungen aus Tageszeitungen bzw. Online-Auftritten, hinzu kommen Wikipedia und Internet-Posts. Nicht jede Herleitung dürfte formal und inhaltlich einer kritischen Überprüfung standhalten. Egal. Man will sich ja in seiner polemischen Absicht nicht bremsen lassen. Auf den bunten Seiten ist ja alles schon so herrlich zugespitzt. Man muss sich nur umsichtig bedienen, die Stellensammlung ordnen und gut verrühren. Ich behaupte mal frech, dass der ebenso sympathische wie kluge Rutger Booß ein Buch deutlich unterhalb seines eigenen Niveaus geschrieben hat.

Apropos Zeitungen: Das muss ich jetzt auch noch loswerden. Booß, der im beschaulichen Herdecke lebt (wo schon Jürgen Klopp sein Domizil hatte), also in unmittelbarer Nachbarschaft von Dortmund, zitiert sehr häufig ausgerechnet die heimische WR = Westfälische Rundschau. Ich finde das ärgerlich, denn die seit Anfang 2013 redaktionslose Zeitung wird nur noch mit fremden Inhalten (WAZ, Ruhrnachrichten) am zombiehaften Leben erhalten und ist als „WR“ eigentlich gar nicht mehr so recht zitierfähig. Das Blatt ist keine Quelle mehr, sondern nur noch Abfüllstation.

Bleibt eine Frage: Wer ist eigentlich mit dem wohlig kollektiven „Wir“ („Warum sie u n s in den Wahnsinn treiben“) gemeint? Alle unter 80, 70, 65, 60? Alle Menschen, die guten Willens sind? Alle Junggebliebenen und solche, die es werden wollen? Da haben wir jetzt was zum Grübeln.

Rutger Booß: „Immer diese Senioren! 111 Gründe, warum sie uns in den Wahnsinn treiben“. Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf. Taschenbuch, 272 Seiten. 9,99 €.




„Datengrab“: Ruhrgebiets-Krimi rund um IT-Sicherheit

Das Fernsehteam Pegasus ist wieder da und Kameramann Klaus-Ulrich Mager bekleckert sich nicht nur nicht mit Ruhm, sondern er steht sogar auf der Liste der Verdächtigen eines Verbrechens, das man doch einfach nur dokumentarisch hat begleiten wollen.

Im ehemaligen Schrebergarten seiner Eltern wird eine skelettierte Leiche gefunden und Dortmunds eigenwillige Kommissarin Kasten will zunächst nicht ausschließen, dass die ehemaligen Besitzer die Leiche, welche als eine seit Jahren als vermisst gemeldete Studentin identifiziert wird, unter das Gartenhaus verbracht haben.

Eine Leiche im Schrebergarten

Erste Spuren führen an das renommierte Kopula-Institut der Uni Duisburg-Essen, das sich im Bereich der IT-Sicherheit einen Namen gemacht hat. Der Zufall will es, dass dort die Freundin von Magers Sohn Kalle als IT-Expertin ebenfalls an dieser Uni arbeitet und sich unfreiwillig im Nebenjob als Ermittlerin betätigt. Gesucht werden die Doktorandin Lea Bensdorf und der IT-Supporter Tim. Simone hackt sich in die Systeme des Kopula-Instituts und was sie dort in alten „Datengräbern“ zutage fördert, lässt schaudern – und schnell einen Zusammenhang mit der Leiche im Schrebergarten vermuten.

Mit „Datengrab“ bringt sich das Fernsehteam Pegasus bereits zum zehnten Mal in Stellung. Die Krimis stammen aus der Feder von Reinhard Junge, einige entstanden gemeinsam mit Leo P. Ard, einem anderen Urgestein des gepflegten Ruhrgebietskrimis. Für „Datengrab“ holte Junge sich nun aber Christiane Bogenstahl mit an Bord. Die Bochumerin IT-Expertin schrieb bereits Kurzkrimis und sorgt nun sozusagen für das „Reboot“ der Pegasus-Reihe.

Revier zwischen Unis und Zechen

Mit über 400 Seiten liefern die beiden schon einen ordentlichen Schmöker ab und schütten ein wahres Füllhorn an Themen aus. Es geht um Macht und Machtmißbrauch, Gier, Eitelkeit, Mobbing und IT-Sicherheit. Das alles im Umfeld des akademischen Ruhrgebiets, aber auch das Milieu des „alten“ Ruhrgebiets mit seinen Zechensiedlungen und Schrebergärten kommt nicht zu kurz. Und wer nicht aus dem Revier kommt, kennt spätestens nach Lektüre dieses Krimis eine der wichtigsten Alltagsregeln hier: „A 40 nur, wennste Zeit hass“.

Das Verbrechen wie auch Täter und Drahtzieher kennt man beinahe von Anfang an und weiß über ihre Motive Bescheid, nur die Zusammenhänge erschließen sich erst sukzessive. Die dennoch durchweg hoch gehaltene Spannung speist sich hauptsächlich aus den Wegen, die Kriminalpolizei und die auf eigene Faust ermittelnden Fernsehleute beschreiten müssen, um die fast schon mafiös anmutenden Strukturen des Kopula-Instituts zu durchschauen und die Bösewichte schlussendlich zur Strecke zu bringen.

Nur eine Marotte trübt den Genuss

Die bei aller Bedrängnis ihren Humor nicht verlierenden Charaktere sind in kurzen, knackigen Kapiteln gut herausgearbeitet, man fiebert gerne mit, mag vor allem Simone und Kalle und verabscheut den Institutsleiter. Die Autoren beschränken sich auf klare Sätze und fast wäre das Krimivergnügen ungetrübt gewesen, wenn nicht immer wieder Absätze irritieren würden, in denen z.B. für ein und diesselbe Person mehrere verschiedene Bezeichnungen gebraucht werden.

Als Leser(in) fragt man sich unwillkürlich, ob hier gerade der Einsteigerkurs „Kreatives Schreiben, Folge eins: Synonyme leicht gemacht“ läuft. Diese irgendwie albern anmutende Angewohnheit reißt aus dem gemütlichen Lesefluss raus, was umso ärgerlicher ist, da die Spannung eigentlich an keiner Stelle stockt und ein Wachmacher somit gar nicht vonnöten wäre.

Viel Spaß hingegen machen die gelegentlichen Cross-Over-Begegnungen mit den Protagonisten eines anderen Krimi-Kosmos, mit Kommissar Schüppe und den Mannen von Broadfacts-TV. Ob deren geistigen Vater Thomas Schweres uns wohl seinerseits in seinem neuen Krimi „Die Abbieger“ verrät, wie seine Charaktere die brummelige Kommissarin Kasten und das neue Pegasus 3.0. Team finden?

Bogenstahl & Junge: „Datengrab“. Kriminalroman. Grafit Verlag, Dortmund. 445 Seiten, € 12,00.




Alles steht kopf – Thomas Schweres macht mit dem Krimi „Die Abdreher“ das große Fass auf

Die Abdreher Vier frisch abgetrennte Männerköpfe auf dem Fensterbrett einer Wohnung in der Dortmunder Nordstadt. Und gesehen hat natürlich keiner was. Wirklich keiner? Der Jagdinstinkt des Polizeireporters Tom Balzack ist geweckt. Da müssen sich doch Augenzeugen auftreiben lassen, besser noch ein Video. Und am allerbesten, wenn es zu diesem Video noch ein bisschen journalistischen Beifang gibt, mit dem man Mafiabosse an die Angel kriegt.

Blöd allerdings, wenn die Mafia noch der angenehmste Gegner ist und man vor lauter Recherche gar nicht gewahr wird, wer die eigentlichen Hintermänner sind und mit wem man sich da noch alles anlegt. Mit dem IS zum Beispiel. Oder mit der Dortmunder Polizei in Gestalt des mürrischen, aber fähigen Kommissar Schüppe und seinem in der rechten Szene agierenden Undercover-Agenten.

Noch blöder, wenn man auf allen Abschusslisten steht und dadurch ganz prima als Köder für Schüppe und Co. fungieren kann, selbst aber der Letzte ist, der das mitkriegt.

Mit „Die Abdreher“ schickt Thomas Schweres zum dritten Mal den kauzigen Schüppe und den umtriebigen Balzack auf Verbrecherjagd – und nicht nur das Cover steht auf dem Kopf. Die ganze Welt scheint aus den Fugen geraten.

Nichts ist, wie es scheint und alles hängt mit allem zusammen. Passt gut auf den Schauplatz Ruhrgebiet, hier mischt sich ja von jeher alles mit allem und das gilt natürlich auch für das Verbrechen. Und wo der Autor schon einmal dabei ist, das ganz große Fass aufzumachen, findet sich auch noch Platz für die Genderdebatten: Als Tribut an den Feminismus gibt es eine eiskalte Auftragskillerin und mit dem Märchen von den angeblich nicht existenten gesetzesfreien Zonen räumt Schweres direkt mit auf. Zur Auflockerung gibt es ein paar boulevardeske Gestalten, deren real existierende Vorbilder unschwer zu erkennen sind.

Schweres gibt sich mit diesem überbordenden Füllhorn an Themen, die er da über den Leser ausschüttet, selbst genug Gelegenheit, sich zu verzetteln – aber er kriegt immer die Kurve. Hat man erst einmal alle handelnden Personen verinnerlicht, liest es sich trotz der überbordenden Ereignisse leicht. Der langjährigen Berufserfahrung der Reporters Schweres sei Dank. Verkürzen, zusammenfassen und schnell wieder zurück auf den Punkt kommen, das kann er.

„Die Abdreher“ sind noch etwas düsterer als ihre Vorgänger. Zu aktuellen Geschehnissen wie der „Flüchtlingskrise“ und der Bedrohung durch den IS eröffnet Schweres neue Blickwinkel. Glaubwürdig zeigt er, dass auch Allianzen funktionieren, die auf den ersten Blick absurd anmuten, möglicherweise motiviationsbedingt aber logisch sind. Denn ein Krieg, eine Krise entsteht nur vordergründig aus Ideologien und Glaubensfragen, letztendlich geht es immer nur um Macht und Geld. Wie nahe Schweres mit seiner Romanhandlung der tatsächlich vorhandenen Bedrohung kommt, zeigte sich just diese Woche mit mit dem erschreckenden Anschlag auf den Tempel der Sikh in Essen.

Wie schon in den vorangegangen Bänden spricht Schweres unerschrocken das aus, was viele wissen, alle ahnen, was aber nur allzu gerne unter den Tisch gekehrt wird. Er legt seine Finger in die Wunden des Reviers und spricht Klartext. Seine geschickt in die Romane eingebauten Erkenntnisse aus seinem real existierenden Reporterleben wiegen umso schwerer, als Schweres selbst aus dem Ruhrgebiet ist und es erkennbar liebt. Trotz allem. Wegen allem.

Dennoch sind Schweres‘ Krimis nicht nur etwas für die Freunde der spannenden Ruhrpott-Literatur. Die Handlung spielt hier, kann auch nur hier spielen, aber Lesefreude dürfte auch weit über das Revier hinaus aufkommen. Und das bisschen Ruhrpottsprech in den Dialogen schaffen auch Auswärtige.

Bei aller Düsternis bleibt aber auch dieses Mal der Humor nicht auf der Strecke. Dafür kennt der Medienprofi Schweres sein Publikum zu gut. Etwas Auflockerung muss sein. Und wenn sie in der Gestalt des Labradoodles Renault daherkommt. (Renault, weil er auch nicht anspringt. Haha. Aber geschenkt. Verbuchen wir es unter der alten Ruhrpottweisheit: Mit ’nem guten Plattwitz kriegste allet aufgelockert). Auch aktuelle Steilvorlagen wie die verunsichernden Teile einer Antwort lässt der Medienprofi nicht ungenutzt.

Eine reizvolle, willkommene Abwechslung bei Lektüre sind wieder die kleinen Blicke durchs Schlüsselloch des Boulevards. Wobei Schweres da immer respektvoll bleibt und Grenzen nicht verletzt. Man darf mit einiger Sicherheit annehmen, dass beispielsweise das reale Vorbild für Gloria Wolkenstein ihr im Buch auftauchendes Alter Ego durchaus goutiert. Zumal ausgerechnet sie entscheidend zur Aufklärung beitragen wird. Gut für die Kommissare, gut für sie. Kann sie so doch unbelastet in ein Dschungelabenteuer starten. Ausgang zum Zeitpunkt der Krimi-Entstehung noch ungewiss.

Thomas Schweres: „Die Abdreher“. Grafit Verlag, Dortmund. 280 Seiten, 11 Euro.




„Mörderische Mandelhörnchen“ – Krimi-Spürnase Maria Grappa stillt den Hunger

Schön gemütlich eingemuckelt auf der Couch liegen. Ein gutes Buch in den Händen halten. Klammheimlich denken: Och ja, jetzt watt zu schnuckern, datt wär et doch. Sie kennen das.

Besonders perfide ist dieses latent unterschwellig vorhandene Hüngerchen, wenn ein Krimi die Säfte so richtig fein in Wallung bringt. Was gäbe man da nicht um ein bißchen Nervennahrung. Noch perfider kann das Gabriella Wollenhaupt. Ihre Hauptfigur, die patente Polizeireporterin und Nebenbei-Kriminalistin Maria Grappa, ist den leiblichen Genüssen zugeneigt, gerne und oft geht es in den Grappa-Krimis ums Essen. Mal wird im Bierstädter Freundeskreis lecker gekocht, mal holen die Kollegen sich was Nettes vonne Bude, mal wird ein Liebhaber verwöhnt, mal hat ein Verdächtiger ein Sterne-Restaurant und muss natürlich vor Ort observiert werden.

Mörderische Mandelhörnchen Mal abgesehen von dem kleinen Hunger, der einen dann überfällt, machten die von Frau Grappa verschnabulierten Speisen immer schon auch neugierig. Rezept wäre schön, denkt man da so bei sich, die hungrigen Mäuler, die man so zu stopfen hat, wären einem dekadenten Mandelkuchen gewiss auch nicht abgeneigt. Doch weder hilft die Suchmaschine der Wahl noch der Chefkoch im Internet, wenn man wissen will, wie man sie fabriziert: die Artischocken mit Alibi oder den Mettfuß im Stöckelschuh.

Doch nun ist Abhilfe geschaffen worden. Drei raffinierte Damen, der kriminellen Energie unverdächtig, haben sich aus Anlass des 25. Grappa-Krimis zusammen getan und ein Kochbuch der etwas anderen Art kreiert. „Mörderische Mandelhörnchen“ präsentiert 25 Rezepte aus der Grappa-Küche, zu jedem bisher gelösten Fall eines.

Die Abschnitte beginnen mit einem kurzen Text aus den jeweiligen Krimis, welcher als Appetizer dient. Nicole Schreiber, Food-Coach und Grappa Fan, hat sich die gewiss leckere Mühe gemacht, die zugehörigen Rezepte aufzuschreiben, auszuprobieren und vorzustellen. Garniert wird das Ganze durch liebevoll und witzig gestaltete Illustrationen von Rita Rose. Die Dritte im Bunde der Damen ist natürlich Gabriella Wollenhaupt selbst.

Wer will, kann nun Ziegenbraten so servieren, wie er auch der Mafia mundet. Wer es bodenständiger mag, versucht sich an den polizeilichen Möhren-Reibeplätzchen und wer noch genauer hnter die Kulissen schauen möchte, der wird auch bedient: Immer gut zu wissen, wie Hamburger klassifiziert werden. Nicht, dass man einem Betrüger auf den Leim geht: 150 Gramm Hamburger sind gut, 180 Gramm sättigend, aber erst 200 Gramm sind lecker. Wäre das auch geklärt.

Falls man beim Burger-Essen was zu reklamieren hat, kann man sich sicher auf diese amtliche Feststellung berufen. Zum Runterkühlen gibt es dann das Eis Madonna Grappa und wer dann wieder Lust auf Abenteuer hat, der nimmt sich einen Gorilla als Beilage zur Currywurst.

Nun gut. Kochbücher gibt es wie Sand am Meer, Sidestep-Merchandising auch, aber dieses Buch ist wirklich liebevoll gemacht, die Rezepte sind verständlich und auch durchschnittlich Kochbegabte sind fähig, diese nachzukochen (von einer durchschnittlich begabten Hausfrau für Sie getestet).

Und wer gerne mit Frau Grappa auf Abenteuerjagd geht, stellt sich sicher auch gerne mit ihr an den Herd. Warum nicht? Ich jedenfalls habe schon für die Praxis wesentlich weniger geeignete Kochbücher gesehen und werde die „Mörderischen Mandelhörnchen“ dahin legen, wo sie hingehören: in den Küchenschrank zu den wenigen anderen Kochbüchern, die Gnade vor meinen Augen gefunden haben. Also dann: Maaahlzeit.

„Mörderische Mandelhörnchen – Kulinarisches aus der Grappa-Küche“. 156 Seiten, Grafit Verlag, Dortmund, 10 €.




„Die Abräumer“: Realistischer Krimi um den Tod einer Bankräuberin in Dortmund

Man muss sich schon ein bisschen bemühen, um bei Thomas Schweres‘ neuem Krimi „Die Abräumer“ den Überblick zu behalten.

Schon gleich zu Beginn tauchen eine Menge Personen auf, von denen man meinen könnte, sie hätten eigentlich nichts miteinander zu tun. Ein recht zwielichtiger wirkender TV-Journalist, ein Taxiunternehmer, mitunter reichlich eigenwillige Mitarbeiter des Geldinstituts „Sparbank“ und Beschäftigte der Dortmunder Stadtverwaltung…

Autor Thomas Schweres (Foto: privat)

Autor Thomas Schweres (Foto: privat)

Nach wenigen Seiten gibt es das erste Opfer. Eine Frau namens Michaela Schmidt, die gerade zuvor besagte Bank überfallen und mehrere Tausend Euro mitgenommen hat, wird auf der Flucht erschossen.

Kommissar Schüppe, der auch schon in Schweres erstem Krimi „Die Abtaucher“ ermittelt hat, merkt schon bald, dass es sich um einen komplexen Fall handelt. Die Bankräuberin ist nämlich nicht nur Täterin, sondern auch Opfer. Ihre Familie wurde bei einem Immobiliengeschäft ziemlich gelinkt. Aber viel mehr bringt Schüppe (Spitzname „Spaten“) auch nicht in Erfahrung, denn Mann und Kinder sind wie vom Erdboden verschluckt.

Doch der Kommissar verfügt über viele Kontakte und so gelingt es ihm, Mosaikstein für Mosaikstein zusammenzusetzen. Er findet auch heraus, was es mit der Immobilienfirma auf sich hat, die hinter den Betrügereien steckt, oder welche Vergangenheit eigentlich dieser TV-Journalist namens Tom Balzack mitbringt.

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Zudem zeigt sich schon bald, dass in der Stadtverwaltung Korruption zum Alltag gehörte. Damit knüpft der Autor an gewisse Vorfälle aus dem Dortmunder Rathaus an, doch es ist es nicht der einzige Bezug zur realen Welt. Auch die Art und Weise, wie eine Bank mit dem ihr anvertrauten Geld umgeht, erinnert doch sehr stark an wirkliche Ereignisse.

Es kommen immer mehr Machenschaften ans Tageslicht, die noch weitere Opfer fordern. Bei solchen sehr heiklen und schwierigen Nachforschungen müsste Kommissar Schüppe eigentlich auf Vertrauen zu seinen Mitarbeitern setzen können, doch bei einem neuen Kollegen hat er da so seine Zweifel.

Thomas Schweres, der seit langem als Boulevard-Journalist, Polizei- und Gerichtsreporter arbeitet, verwendet gern authentisch klingende Umgangssprache. Sein Krimi spielt hauptsächlich in Dortmund und Bochum, was durch genaue Ortsbeschreibungen beglaubigt wird.

So verzwickt, wie Geschichte beginnt, so findet sie auch ihr Ende. Man ist erstaunt, dass – so viel sei verraten – die Kripoleute mit heiler Haut davonkommen.

Thomas Schweres: „Die Abräumer“. Kriminalroman. Grafit Verlag, Dortmund. 254 Seiten, 9,99 Euro.




Auf Frankfurts „Golanhöhen“ – Marc-Oliver Bischoff beendet seine Krimi-Trilogie

450_Bischoff_Golan_mit_button_rgb Man muss nur tief genug in der Vergangenheit des Kriminalkommissars wühlen, dann findet man schon den Mörder. So scheint seit einiger Zeit ein unumstößliches Krimi-Gesetz zu lauten. Egal, ob man „Tatort“ einschaltet oder einen Kriminalroman aufschlägt – ohne persönliche Verwicklungen der ermittelnden Personen geht es anscheinend nicht mehr. Der unbeteiligt ermittelnde Kommissar wurde wohl in Rente geschickt.

Da macht auch der neue Roman „Golanhöhen“ von Marc-Oliver Bischoff aus der bewährten Dortmunder-Krimi-Schmiede (Grafit Verlag) keine Ausnahme. Aber soviel vorab: Dies ist auch schon der einzige zu bemängelnde Punkt und zugegebenermaßen auch persönlichem Überdruss geschuldet. Davon abgesehen, ist das Buch nämlich ein außerordentlich gut gemachter Krimi, angemessen düster, intelligent aufgebaut und erzählt.

„Golanhöhen“ ist der dritte Teil von Bischoffs Frankfurt-Trilogie. Während in den ersten beiden Teilen noch Kriminalpsychologin Nora Winter ermittelte, steht aufgrund ihres Erziehungsurlaubs diesmal ihr Mann Gideon an der Spitze der Ermittlungen – zumindest so lange, bis er degradiert und suspendiert wird.

Der Plot ist zum größten Teil angesiedelt in den heruntergekommenen Sozialbauten am Frankfurter Ben-Gurion-Ring, welche den unglücklichen „Spitznamen“ Golanhöhen tragen. Dieses Viertel gleicht in Frankfurt „einem schwarzen Loch. Armut zieht Armut an. Probleme bringen weitere Probleme mit sich“. Der noch positivste Lerneffekt, den ein Bewohner dort mitnehmen kann, ist Selbstmitleid. Selbstmorde sind alltäglich.

So geht auch Gideon Richters Team zunächst von einer Selbsttötung aus, als sie zu einem Todesfall in den Sozialbauten gerufen werden. Doch Gideon hat Zweifel. Die Tote ist erst vor kurzem aus der Haft entlassen worden, warum sollte sie sich ausgerechnet jetzt vom Dach stürzen? Und was ist mit dem toten Baby, dass in der Mülldeponie gefunden wurde? Hängen die beiden Fälle zusammen?

Gideon allerdings tut sich ausnehmend schwer, sich auf die Ermittlungen zu konzentrieren. Den frischgebackenen Vater lassen Ermittlungen um ein totes Baby und eine Frau, die als Kindsmörderin inhaftiert war, ganz und gar nicht kalt. Dazu kommt eklatanter Schlafmangel, denn das Baby lässt Nora und ihm nicht viel Ruhe. Deshalb leidet er unter unerklärlichen Blackouts, von denen er befürchtet, dass sie nicht nur aus den schlaflosen Nächten resultieren. Und dann muss er sich auch noch besagten ungeklärten Dingen aus seiner Vergangenheit stellen, die plötzlich den Fall unerwartet tangieren. Gideon verliert Distanz und Objektivität und trifft einmal zu oft eine unhaltbare Entscheidung.

Bischoff beginnt den Roman zwar mit einem rasanten Prolog, läßt sich dann aber Zeit, den eigentlichen Fall ganz ruhig und detailliert, dabei aber an jeder Stelle spannend zu beginnen. Im weiteren Verlauf steigert er sein Tempo, die Brechstange bleibt dabei dankenswerterweise weggeschlossen. An jeder Stelle lässt er sich Zeit, alle Aspekte des Falls und der Ermittlungen in einem wohltuend unaufgeregten Schreibstil auszuleuchten.

Ausführlichen Platz bekommt dabei auch die Betrachtung heutiger Arbeitsbedingungen. Unterbesetzte Teams, Stress, die Schwierigkeiten, Beruf und Familie zu vereinbaren, die stillschweigend vorausgesetzte Bereitschaft, auch über vertragliche Arbeitszeit hinaus bereitwillig parat zu stehen, auch und gerade bei Teilzeitkräften – Themen, die sicher nicht nur, aber eben auch Polizei-Teams beschäftigen. Bischoff zeigt am Beispiel von Gideons Team explizit und kritisch, wie sehr das so oft gehörte ungute „Sei froh, dass Du noch einen Job hast“ bereits gesellschaftlich akzeptiert ist.

Dass dem Leser auch bei solchen Exkursen nicht langweilig wird, liegt nicht nur am Wiedererkennungswert, sondern sicher auch an der Fähigkeit des Autors, nicht nur geschliffen zu formulieren, sondern sich auch ohne Anbiederung in seinen Dialogen den jeweiligen Schichten gut und glaubwürdig anzupassen. Spannend zum Schluss der Mut des Autors, ausgerechnet eine Trilogie mit einem offenen Ende zu beschließen.

Marc-Oliver Bischoff kam über das Bloggen zum Schreiben, sein erster Krimi „Tödliche Fortsetzung“ wurde gleich mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Er lebt in Ludwigsburg und arbeitet dort als Technologieberater.

Marc-Oliver Bischoff: „Golanhöhen“. Grafit-Verlag, Dortmund. 411 Seiten, € 11,99.




Ermittlungen in der „verbotenen Stadt“ – beachtliches Krimidebüt aus dem Ruhrgebiet

Die Abtaucher Als ausgewiesener Schalke-Fan in der „verbotenen Stadt“ Dortmund arbeiten zu müssen, dann noch ein wandelndes Beispiel für die alte Fußballer-Weisheit „Knie heilt nie“ zu sein und als krönende Dreingabe einen Assistenten, der sich trotz oder wegen seines Atze-Schröder-Stylings als unermüdlicher Playboy gefällt – Kriminalkommissar Georg Schüppe hat mehr als ein Problem. Da fällt sein ungeliebter Spitzname „Der Spaten“ schon kaum mehr ins Gewicht.

Derart vom Leben gebeutelt, macht er sich eher widerwillig auf zu seiner neuesten Ermittlung. Ein toter Einbrecher in einem Dortmunder Zechenhaus verspricht nun auch nicht gerade die dollste Ablenkung. Weder für ihn noch für Polizeireporter Tom Balzack, der sich mehr schlecht als recht mit seiner kleinen TV-Firma als Sensations-Zulieferer für den Boulevard durchschlägt. Doch nicht lange und der kleine Routinefall wird undurchsichtig. Drei weitere Morde folgen und an den weit voneinander entfernten Tatorten finden sich DNA-Spuren des Einbrechers aus dem Zechenhaus. Der jedoch befand sich zum Zeitpunkt der drei Morde schon in fortgeschrittener Totenstarre.

Wer legt da eine falsche Fährte und vor allem warum? „Der Spaten“ sieht die Zusammenhänge nicht, vielleicht will er sie auch gar nicht sehen. Die vage Ahnung, dass dieser Fall etwas mit ihm und seiner traurigen Vergangenheit zu tun haben könnte, lässt er zunächst nicht zu. Somit schlägt die Stunde des Reporters. Balzack ist chronisch pleite, der Konkurrenzdruck groß, ihn kann nur noch die eine, die ganz große Geschichte retten. Er erkennt den Zusammenhang zwischen den Morden, er kennt „Die Abtaucher“ aus der sogenannten guten Gesellschaft, die nun in der verqueren Logik eines Killers für einen Augenblick der Unachtsamkeit bezahlen müssen.

„Die Abtaucher“ ist das gelungene Krimi-Debüt des Journalisten Thomas Schweres und weit mehr als nur ein weiterer halbwegs gelungener Regional-Krimi. Der gebürtige Essener Schweres lebt als Schalke-Fan „undercover“ in Dortmund und treibt sich mit seiner TV-Firma vorzugsweise auf dem Boulevard herum. Ähnlichkeiten zum Protagonisten Balzack dürften also nicht rein zufällig sein.

Thomas Schweres ist ein genauer Beobachter, den versierten Rechercheur merkt man durchgängig. Er weiß genau, worüber er schreibt, in seinen langen Reporterjahren ist er zum genauen Kenner der Ruhrgebiets-Szene geworden. Die Liebe zum Pott schimmert durch, aber auf nett gemaltes Lokalkolorit beschränkt er sich dabei dankenswerterweise nicht. Schweres scheut sich nicht, auch die unangenehmen, schwierigen Seiten des Ruhrgebiets aufzuzeigen. Ob es um Schutzgelderpressungen, den Tagelöhner-Strich, die vergifteten Monte Schlackos geht – Schweres redet Tacheles. Wer jemals länger in einem Stadtteil gearbeitet oder gelebt hat, in dem ganz eigene Gesetze herrschen und der von der Obrigkeit als aufgegeben bezeichnet werden darf, weiß, wovon Schweres redet und liest die entsprechenden Seiten mit einem sonderbares Gefühl der Dankbarkeit dafür, dass es endlich einer ungeschönt ausspricht. Dazu gönnt der Kenner des Boulevards dem Leser amüsante Einblicke in das umkämpfte Geschäft mit dem Sensations-Journalismus.

Thomas Schweres schreibt kurz, knackig und durchgehend flüssig. Wie man einen Plot aufbereitet und den Leser häppchenweise bei der Stange hält, weiß er aus seinem Tagesgeschäft und übertragt das gekonnt und mit gelegentlichem Augenzwinkern in die Romanform. Der Plot an sich ist stimmig, auch wenn man heutzutage anscheinend in keinem einzigen Krimi mehr auf persönliche Involvierung der ermittelnden Kommissare verzichten kann. Alles in allem spannende Lektüre, mit der nicht nur Ruhrgebiets-Liebhaber richtig aus dem Alltag abtauchen können.

Interessanterweise ist unter den Protagonisten kein einziger richtiger Sympathieträger, aber der Autor schafft das Kunststück, dass man dem Kommissar, dem Reporter und seinen Mitstreitern ein gutes Ende wünscht. Den meisten jedenfalls. Wahrscheinlich, weil man sie alle irgendwoher kennt. Im Zweifelsfall aus der Nachbarschaft.

Thomas Schweres: „Die Abtaucher“. Grafit Verlag, Dortmund, 220 Seiten, € 9,99

P.S.: Dass Schweres sich mit medialer Vermarktung auskennt, merkt man auch der professionellen Werbung für das Buch an. Der Song und der Trailer zum Buch machen richtig Spaß und Lust auf das Buch. Zu bewundern auf der Webseite des Grafit-Verlages.




Hinter jedem Buchregal lauert das Verbrechen – Jubiläums-Anthologie des Grafit-Verlags

Lies oder stirbDer Dortmunder Grafit Verlag, bekannt vor allem für Krimis mit Lokalkolorit und Kurz-Krimi-Anthologien, feiert sein 25jähriges Bestehen. Zum Geburtstag gönnt das Verlagshaus sich und seinen Autoren eine ganz besondere Anthologie. „Lies oder stirb“ heisst es in dem Jubiläumsband, in dem sich die (fiktive) kriminelle Energie der Buchbranche offenbart.

17 namhafte Autoren des Grafit-Verlages geben sich die Ehre, vom Eifelkrimi über den Niederrhein-Plot bis hin natürlich zur Ruhrgebietsstory ist von allem und für alle etwas dabei. Mit ersichtlicher Freude nutzen Autoren wie Theo Pointner, Lucie Flebbe, Leo P.Ard oder Gabriele Wollenhaupt die Chance zur Abrechnung mit ihrer Branche.

Dabei wirken Buchschaffende doch immer so redlich und brav, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Doch weit gefehlt. Ruchlose Verbrechen lauern schon hinter dem nächsten Bücherregal. Da wehrt sich eine kleine Buchhandlung gegen eine feindliche Übernahme, doch unerwartet anders als derzeit in den Medien diskutiert. Da zeigt sich, welches Risiko der großmäulige Rezensent auf sich nimmt, wie es realen Vorbildern für Krimifiguren ergehen kann und wie gefährlich doch ein allzu realitätsnaher Plot sein kann.

Da rächt sich ein Autor für die Demütigungen durch ungastliche, überhebliche Buchhändler, ein anderer rächt sich gleich an seinem ganzem Publikum, als dieses bei einer Lesung sein Werk nicht so würdigt wie erwünscht. Dann geht es noch um Raub und andere Vorhaben, die aber dank versierter Leser und Buchhändler, die bei ihrer Krimilektüre gut aufgepasst haben, verhindert werden können. Und zum guten Schluss lernt der Leser, wie gelungen sich Verbrecher alleine durch die Macht der Wörter, die Magie des Lesens rehabilitieren lassen.

Den Kurzkrimis sind spannende Randnotizen vorangestellt, die Wissenswertes und Unbekanntes aus der Welt der Bücher präsentieren. Allen Geschichten gemein ist, dass sie mit einem kleinen Augenzwinkern geschrieben nicht gar so todernst daherkommen. Es schien dem ein oder anderen Autor durchaus eine Genugtuung gewesen zu sein und Spaß gemacht zu haben, sich einmal erlittenen Frust von der Seele und eine kleine Revanche zu schreiben.

Fazit: Vergnügliche, kurzweilige Lektüre. Eine gelungene Jubiläumsfeier für den Verlag. (Und natürlich ist diese Buchbesprechung nicht nur deshalb so positiv ausgefallen, damit die Rezensentin sich ihres Lebens weiterhin sicher sein kann……)

„Lies oder stirb“. Krimi-Anthologie. Grafit-Verlag, Dortmund. 190 Seiten, €10,00




Bei „strg alt entf“ Mord – die Kurzkrimi-Anthologie „Online ins Jenseits“

online_ins_jenseitsGeschichten über Verbrechen gibt es seit Kain und Abel. Doch jede Zeit bringt ihre eigenen Waffen hervor. Was dem Kain sein Stein war, ist dem Kriminellen im world wide web seine Tastatur. Im Zeitalter des unbegrenzten Surfens ist das perfekte Verbrechen manchmal nur einen Mausklick entfernt.

Grund genug für den Dortmunder Grafit Verlag, eine seiner beliebten Kurzkrimi-Anthologien dem zwar reellen, aber im Virtuellen gestarteten Verbrechen zu widmen. Mit der neuen Sammlung „Online ins Jenseits“ serviert der Verlag 14 Krimihäppchen namhafter Krimi-Autoren – von A wie App bis Z wie .zip. Schnell wird klar, mögen sich auch die Waffen geändert haben, gleichbleibend auch im virtuellen Raum sind die Motive. Gekränkte Eitelkeit und Bloßstellung durch entlarvende Youtube-Videos, Kontrollverlust, bedrohtes Eigentum, enttäuschte Liebe – das war schon im Alten Testament so, das bleibt auch im Internet.

14 Autoren, etliche davon Mitglieder in der renommierten Krimi-Autoren-Vereinigung Syndikat, sind online gegangen und haben die heimtückischsten Fallen im Cyber-Space aufgespürt. Ganz ohne Frage ist es in Zeiten allgegenwärtiger digitaler Beobachtung, in denen sich Blogger berufen fühlen, eine Rede zur Lage zur Nation zu halten, gut und wichtig, auch im Unterhaltungssektor auf die Gefahren des Internet aufmerksam zu machen. Schließlich kann man nicht alles mit der Escape-Taste wieder rückgängig machen,

Leider wirken die meisten Krimihäppchen eigenartig fade und selten wirklich appetitanregend. Die Autoren verstehen ihr Handwerk, wie gewohnt sind einige Plots richtig spannend, andere eher augenzwinkernd amüsant. Aber es bleibt ein seltsam diffuses Gefühl von „Hier wird zusammengebracht, was (noch) nicht richtig zusammengehört“. Es scheint, als ob die Kreativität der schreibenden Zunft exakt diametral zur Kreativität der Computer-Nerds verläuft (und wahrscheinlich auch umgekehrt). So richtig versteht man einander nicht, zu fremd sind letztlich doch wohl die unterschiedlichen Lebenswelten, als dass eine Schnittstelle zu definieren wäre. Die geschilderten virtuellen Verbrechen kratzen nur an der Oberfläche, viele Protagonisten scheinen wie mit einer Schablone gezeichnet.

Dennoch sind die Geschichten professionell aufgebaut und reichen durchaus für ein paar spannende analoge Stunden. Und ganz sicher verhilft der Offline-Genuss dieser Krimihäppchen dazu, später beim Internet-Surfen die ein oder andere Klippe zu umschiffen, von der man sonst vielleicht gestürzt wäre. Dabei sind die den Kurzkrimis vorangestellten meist skurrilen webfacts ein willkommenes Amuse Geule, die den Krimis nachgestellten „heimlichen“ Online-Wünsche der Autoren ein nettes Dessert.

Von den 14 Geschichten gefielen mir zwei besonders: Zum einen Katzenauge 2.0. von Sabine Thomas, der damit die Ehre gebührt, dem im Netz so gleichermaßen beliebten wie nervigen Cat-Content eine ganz neue Bedeutung gegeben zu haben. Zum anderen interessanterweise die Geschichte von Sebastian Stammsen www.krimi-hexen.de, in der ausgerechnet bloggende Rezensentinnen zum Mordopfer wurden. Wahrscheinlich war ich einfach froh, dass es mich nicht getroffen hat und ich weiter unbehelligt meine unmaßgebliche Meinung in die Tasten hacken darf.

„Online ins Jenseits“. 14 Krimihäppchen. Grafit Verlag, Dortmund, 184 Seiten, 10 €




„Zügig ins Jenseits“: Kurzkrimis rund ums Bahnfahren

Zügig.CoverDer Dortmunder hat es bekanntermaßen gerne spannend – nicht nur beim Fußball. Der Spannung verschrieben hat sich folgerichtig der in der Stadt des Champions-League-Halbfinalisten ansässige Grafit Verlag, der jetzt mal wieder eine neue Sammlung von Krimi-Kurzgeschichten herausgegeben hat.

„Zügig ins Jenseits“ nimmt sich all jener an, die während des Schienenverkehrs auf die schiefe Bahn geraten sind. Ort der Geschehnisse ist im vorliegenden Band die Deutsche Bahn. Klar, denn das Unternehmen Zukunft Deutsche Bahn ist ja mehr als fahren. Und vom Wetter reden sie auch nicht. Manch einem mögen beim Anblick der bekannten Werbeslogans gelegentlich die Gesichtszüge entgleisen und mörderische Gedanken kommen.

Immer gut für einen Erregungstumult

Der Ärger über verspätete Züge, ausgefallene Klimaanlagen oder besonders uncharmante Zugbegleiter wächst sich hierzulande gerne zu bemerkenswerten Erregungstumulten aus. Fünfzehn in dem Thema bewanderte Krimiautoren sind nun auf diesen Zug aufgesprungen und quer durchs deutsche Schienennetz gereist. Mitgebracht haben sie abgefahrene Geschichten aus den Abgründen des Zugverkehrs. In dieser Anthologie bleibt keiner verschont: nicht die grölenden Fußballfans, nicht die lümmelnden Berufsjugendlichen, nicht die picknickenden Ehepaare. Auch geraten die Piccolöchen der Keglern öfter unter die Räder.

Der Autorin Nicola Förg reicht die schnarrende Stimme einer Zugbegleiterin, um die arme Frau schnellstens zur Endstation Jenseits zu expedieren. Edgar Franzmann bereitet der BO-Ru-SSI-AAA und einem Sheriff im Ruhestand einen großen Bahnhof, Ella Theiss entzündet in Hamburg eine bombige Fontäne und Stephan Hähnel liest im Beschwerdemanagement auch das Kleingedruckte.

Tempo zwischen Bummelzug und ICE

Manche Geschichten entfalten sich mit dem gemächlichen Thema eines Bummelzuges, wieder andere rasen mit dem mörderischen Tempo eines ICE auf ihr kriminelles Ende zu. Roger M. Fiedler stellt die Weichen für seinen „Zeigersprung“ auf gelungene Satire und ihm gelingt es, zu erklären, was wir immer schon wissen wollten: Theorien sind die Ursachen aller Pannen.

Auch ganz Aktuelles kommt nicht zu kurz, Welpenhändler aus Duisburg möchte man nach der Lektüre nicht unbedingt sein. Und dass die sich neu etablierende Gruppe der Samstagspendler, welche sich das Recht, am Samstag vier Mitfahrer auf ihr Monatsticket mitnehmen zu dürfen, regelmäßig versilbern lassen, nicht ungefährlich lebt, dürfte nach der Lektüre von Niklaus Schmidts Geschichte auch klar sein. Klar wird dem Leser auch so einiges Wissenswerte aus dem Streckennetz, denn als kleine Kulanz ist jeder Geschichte eine „Wussten sie schon, dass…“-Frage“ mit Antwort vorgeschaltet.

Noch eine Besonderheit: Nicht alle Geschichten sind verbrecherisch, eine erzählt von der Liebe. Für „Drück mich jetzt!“ erhielt Alexandra Trudslev den Förderpreis des Literaturpreises Ruhr, sowie sicherlich die Zustimmung vieler Leser, die sich gleich ihrer Heldin schon an störrischen Fahrkartenautomaten abgearbeitet haben.

Fazit: Ohne Zugzwang gut geeignet, sich die Zeit auf Reisen angenehm zu vertreiben und so dazu beizutragen, ein vielbeschworenes Versprechen der Deutschen Bahn einzulösen: Urlaub von Anfang an.

„Zügig ins Jenseits. Mörderische Geschichten für Bahnfahrer“. Grafit Verlag, Dortmund. 224 Seiten. 9,99 Euro.




Höchstgebot für die Geheimnisse der Scheherazade

Welche Geheimnisse birgt Scheherazade und warum geraten ihretwegen so viele Menschen in Gefahr? Im neuen Krimi des deutsch/niederländischen Autoren-Duos Thomas Hoeps und Jac. Toes handelt es sich bei Scheherazade nicht um die geheimnisumwitterte Geschichtenerzählerin aus 1001 Nacht, sondern um ein bis dato der Öffentlichkeit unbekanntes Gemälde von Rene Magritte.

Dieses Bild befand sich jahrzehntelang im Familienbesitz der Aachener Industriellenfamilie Roeder, die das Bild nun aus unbekannten Gründen zur Versteigerung gibt. Die Scheherazade wird auf einer Kölner Auktion von einem unbekannten Bieter zu einem legendären Höchstgebot ersteigert. Kunstrestaurator Robert Patati hat das Bild auf Bitten seines Freundes Carsten Roeder für die Auktion aufbereitet und begleitet auch den Transport des geheimnisvollen Bildes auf seinem Weg zum neuen Besitzer, einer ebenfalls geheimnisvollen Firma im niederländischen Maastricht. Unterwegs wird der Transportwagen gekapert und bei einem spektakulär inszenierten Unfall an einem Bahnübergang lässt Patati beinahe sein Leben.

Zur gleichen Zeit geht das Aachener Labor des Familienbetriebes Roeder in Flammen auf, eine in alle Betriebsgeheimnisse eingeweihte Angestellte stirbt und schon bald verstricken sich die Mitglieder der Familie Roeder und ihre engsten Angestellten in Widersprüche. Zur Aufklärung der Vorkommnisse werden nicht nur grenzüberschreitende polizeiliche Ermittlungen anberaumt, auch die niederländische Profilerin und Ex-Polizistin Michy Spijker, die sich gerade erst als Detektivin selbstständig gemacht hat, wird involviert. Das Bild taucht relativ schnell wieder auf, Robert Patati erhält den Auftrag zur Restauratierung, unterstützt von Anouk, einer rätselhaften holländischen Kollegin. Schnell finden sie heraus, dass beide Geschehnisse zusammenhängen und vor allem die Scheherazade mehr als eine Geschichte zu erzählen hat. Doch bis diese Geschichten sich in allen Facetten zeigen, sind allerlei Abenteuer zu bestehen und Fäden zu entwirren.

„Höchstgebot“ ist das dritte gemeinsame Werk des deutschen Autors Thomas Hoefs und des Niederländers Jac.Toes. Ihre bisherigen Krimis erfuhren viel Lob und Anerkennung auf beiden Seiten der Grenze und auch „Höchstgebot“ erfüllt die Erwartungen. Der Krimi ist durchweg flott geschrieben und weiß zu unterhalten. Die Sprache ist auf einem guten Niveau, der Leser vermag nicht zu erkennen, welche Teile von welchem Autor in welcher Sprache ursprünglich geschrieben wurde. Die Beiden verstehen es, auch Zusammenhänge, die nicht unbedingt für die breite Masse interessant sind – so z.B. die kunsthistorischen Hintergründe – unterhaltsam zu gestalten und so ganz nebenbei Wissen zu vermitteln. Zum Ende hin wird es allerdings etwas langwierig, nun rächt sich, dass die Autoren ihre thematischen Kreise von zerstörerischer Geschwisterliebe über Primzahlen-Codierung bis hin zu Afghanistan etwas zu weit gezogen und nun Mühe haben, diese zu schließen. So richtig stört aber auch dies nicht, bietet es doch die Gelegenheit, das deutsch/niederländische Geplänkel über holländischen Geschäftssinn und deutsche Hierarchiegläubigkeit noch ein wenig länger zu genießen.

In „Höchstgebot“ begegnet der Leser mit Robert Patati und Micky Spijker alten Bekannten wieder und erfährt, wie sie sich in der Zwischenzeit weiterentwickelten. So haben die Beiden nicht nur ihre Liebesbeziehung, sondern auch ihr jeweiliges Arbeitsverhältnis beendet und sich auf ihren Sachgebieten selbstständig gemacht. Auch im Verlaufe dieses Romans wird sich einiges in ihrem Leben ändern und sie zu der Einsicht bringen, dass man für die Verwirklichung seiner Wünsche und Pläne nur dieses eine Leben hat. So endet der Roman mit dem Beweis für ein altes holländische Sprichwort: „Auch als ferner Freund würde er sich hervorragend machen“.

Der Leser lernt aber neben den in den Kriminalfall verwickelten Personen auch neue Figuren kennen, besonders gefallen hat mir die Figur der Anouk. Anouk ist wohl das, was gemeinhin als Borderlinerin bezeichnet wird, im Roman bezeichnet sie sich selbst aber als Surrealistin und trägt einen wesentlichen Teil dazu bei, dass auch diesmal eine schöne Scheherazade vor dem Tod bewahrt bleibt.

Fazit: „Höchstgebot“ ist ein willkommenes Angebot für Krimifreunde, die Unterhaltung und Spannung auf gutem Niveau suchen. In diesem Sinne: Veel plezier met het hoogste bod.

Die Autoren: Toes & Hoeps bilden ein internationales Schrifststeller-Team, welches sich 2007 bei einer Zusammenarbeit zwischen deutschen und niederländischen Museen bildete. Ihre gemeinsamen grenzüberschreitenden Werke entstehen u.a. in langen bilingualen Gesprächen, Hoeps auf deutsch, Toes auf holländisch. Unvorstellbar? An der deutsch/niederländischen Grenze aber so üblich und völlig normal, das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Mehr über die Arbeitsweise des Autorenduos auf der Webseite: hoeps.wordpress.com

Thomas Hoeps/Jac.Toes: „Höchstgebot“, Grafit Verlag, Dortmund. 347 Seiten, €9,99




Fiktive Bedrohung – Kettenreaktion im Ruhrgebiet

Einmal angenommen, in Nordrhein-Westfalen stünde ein Kernkraftwerk, welches tatsächlich ans Netz gegangen wäre. Angenommen, dieses Kernkraftwerk würde besetzt und das ganze Ruhrgebiet wäre von der Auslöschung bedroht, weil ein Superschurke und ein von Greenpeace gemobbter ehemaliger Schichtleiter die Finger am Knopf haben? Angenommen, die Krefelder Polizei hätte zeitgleich einen Mordfall, von dem ihnen nur ihr Bauchgefühl sagt, dass es ein Mordfall ist. Denn das Opfer ist zwar tot, es gibt nur dummerweise keine ersichtliche Todesursache.

Dies alles mal angenommen, haben wir die „Kettenreaktion“, den neuen Krimi von Sebastian Stammsen. Stammsen reihte sich im vergangen Jahr mit dem Computerspiel-Krimi „Gegen jede Regel“ in die Riege der erfolgreichen Ruhrpott-Krimi-Autoren ein. Er ist studierter Psychologe und war einige Jahre im baden-württembergischen Exil in der Kernenergieaufsicht tätig. Eine Kombination, die es ihm nahe legte, einen Krimi aus dem Umfeld der so genannten „Atommafia“ zu schreiben. Stammsen begann mit seinem Krimi im letzten Jahr, war Anfang 2011 im Groben „durch“ und ganz besonders stolz auf die eigentlich absurde Idee, auch noch einen Tsunami mit einzubauen. Dann passierte Fukushima und die Wirklichkeit übertraf seinen Roman um einiges. Also setzte er sich hin, strich als erstes den Tsunami, baute die Handlung um – noch realitätsnaher als im ersten Entwurf – und bezog sich in seinen Ausführungen zur Gefährlichkeit und zum latent schwebenden Risiko der Kernenergie auf den japanischen GAU.

Dann gab  es noch die Demonstrationen, es gab die Ausstiegsdebatte und schließlich sogar den Beschluss zum Ausstieg – all dies nunmehr brandaktuell in seinem Roman verarbeitet. Dabei hebt Stammsen nicht den Zeigefinger. Im Gegenteil – er lässt seinen Kommissar Wegener den Fall aus der Ich-Perspektive erzählen und nimmt sich als Autor so alle Freiheiten, die Geschichte in zuweilen erfrischend schnoddrigem Ton zu erzählen. Der eigentliche Plot gerät dadurch manchmal in den Hintergrund, auch regiert bei der Auflösung sehr der Kommissar Zufall. Allerdings wird schon aus dem Klappentext ersichtlich, dass es nicht Stammsens erklärte Absicht war, nur ein Genre einzuhalten.  Die wenigsten Leser wird dies stören. Auch wenn der Blutfaktor gegen Null geht – ob der gezeichneten Bedrohungsszenarien ist dem Leser gruselig und beklommen genug zumute. Umso dankbarer ist man, wenn Stammsen schmerzfrei und ohne falschen Respekt die Gelegenheit zu satirischen Seitenhieben nutzt. Sei es zur Kernenergie, „die seiner Einschätzung nach im Landtag ungefähr so viele Freunde hat wie die Hauptschule – gar keine“ oder sei es zu den Imageproblemen der Kanzlerin. Auf den Punkt gebracht und wirklich gelungen böse. So gekonnt, dass etliche seiner Anmerkungen jede Satire-Sendung aufwerten würden. Seine Charaktere sind alle gut gezeichnet, man hat den Ministerialbeamten ebenso vor Augen wie den prolligen anfänglichen Hauptverdächtigen, der „allerdings kein richtiger Mann war, sondern eher ein gealterter Halbstarker mit zerrissener Hose, Muskelshirt, verbrannten, aber muskulösen Oberarmen, jedoch ohne Deo“.

Markus Wegener ist ein Kommissar, den man gerne begleitet. Einer, in dessen Gegenwart man sich genauso sicher fühlen würde wie er sich unsicher beim Besuch des (fiktiven) Kernkraftwerks Neustadt unweit von Dortmund. Auch seine Partnerin Nina, sein Chef Reinhold, wie das ganze Team allsamt Protagonisten, mit denen der Leser gerne weitere Fälle löst.

Sebastian Stammsen, Kettenreaktion, Grafit-Verlag Dortmund 2011, 345 Seiten, 9,99 Euro.

 

 

 

 




Serientäter in Bochum – der neue Krimi von Theo Pointner

Vier Jahre haben treue Leser warten müssen, bis Kommissarin Katharina Thalbach und ihre Kollegen von der Bochumer Kripo zum zehnten Mal ermitteln. Band 9 „Highscore“ endete mit einem Cliffhanger erster Güte. Die Frage, ob Ex-Mann und Sohn der smarten Kommissarin ein Attentat überlebt haben, blieb offen.

Autor Theo Pointner hatte ob dieser langen Wartezeit ein Einsehen und spannt seine Leser in Band 10  „Abgesang“ nicht allzu lange auf die Folter. Schon auf den ersten Seiten wird die drängende offene Frage aufgelöst. Doch viel Zeit haben Katharina Thalbach, ihr – zur Überraschung aller – neuer Chef Berthold Hofmann und das Team nicht, sich um ihr Privatleben zu kümmern. Eine widerwärtige Mordserie hält Bochum in Atem. Ein Psychopath von äußerst brutalen Ausmaßen mordet erst das Kind und dann die Mutter. Ein 15jähriges Mädchen wird erstochen, bei der Mutter fand eine fast schon rituelle Tötung statt.

Ausgerechnet die Thalbach, sonst bei jeder Ermittlung ruhe- und rastlos getrieben, engagiert sich diesmal nur halbherzig. Zu sehr nehmen drängende Fragen ihres Privatlebens sie in Beschlag und lassen sie fast schon verzweifeln an der von ihr gewählten Art der Lebensführung. Als dann ein fünfjähriger Junge verschwindet, muss alles Private zurückstehen, denn nun ist klar: Die Bochumer Kripo hat es mit einem Serientäter zu tun und ihr läuft die Zeit davon.

„Abgesang“ ist ein handwerklich gut gemachter Krimi. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Es steht Krimi drauf, es ist Krimi drin und keine Mogelpackung. Solide und ehrlich, so wie man es auch den Menschen im Ruhrgebiet nachsagt. Glücklicherweise gehört „Abgesang“ jedoch nicht zu den Ruhrpott-Krimis, die nur vom Lokalkolorit leben. Für den heimischen Leser ist es sicher schön,  ihm wohlbekannte Schauplätze liebevoll gezeichnet im Roman beschrieben zu bekommen. Die Handlung könnte jedoch auch überall sonst in Deutschland angesiedelt sein, was Pointner und den Krimiprofis vom Dortmunder Grafit Verlag wünschenswerterweise eine Leserschaft über die Grenzen des Reviers hinaus erschließen könnte.

Pointner hält im Roman die Spannung und ein gutes sprachliches Niveau. Gelegentlich fällt ihm das Umgangssprachliche schwer, aber in der Regel schaut er sehr genau hin. Seine Figuren – ob Bildungsbürger oder angelernte Hilfskraft – überzeugen. Die privaten Probleme, mit denen die sympathische Kommissarin hadert, sind stets nachvollziehbar und mit ihrem drohendem Burnout auch auf der Höhe der Zeit.  Dem Aufbau des Plots tut es gut, den Mörder selbst zwischendurch immer wieder als Ich-Erzähler zu Wort kommen zu lassen, ohne überflüssige Hinweise auf seine Identität zu geben.. Die verquere Gedankenwelt des Täters wird dadurch ein wenig nachvollziehbarer für den Leser. Dessen Identität kommt die Thalbach noch vor dem ausgesprochen blutigen Finale – welches die Meßlatte von Slaughters Belladonna locker überspringt – auf die Schliche. Nach der Entlarvung ist die Versuchung groß, zurückzublättern, um nachzusehen, an welcher Stelle genau er sich schon verraten hat.

Der gebürtige Bochumer Theo Pointner ist studierter Betriebswissenschaftler und als solcher Leiter des Medizin-Controllings eines Krankenhauses im Ruhrgebiet. Als Autor ist auch er ein Serientäter. Mit nunmehr zehn Bänden um Katharina Thalbach hat er sich eine treue Fangemeinde erschrieben. So nett er allerdings eingangs zu seinen Lesern war, den offenen Plot aus dem Vorgänger-Buch aufzulösen, so sehr wird er die Fans von Katharina Thalbach mit dem wiederum offenen Ende von „Abgesang“ verstören. Es bleibt nur zu hoffen, dass der Titel des Buches nicht schon das Programm für die Zukunft ist.

Theo Pointner: „Abgesang“. Kriminalroman, Grafit-Verlag, Dortmund, 313 Seiten, 9,99 Euro.

 




„Der deutsche Buchmarkt ist mörderisch“ – Gespräch mit dem Dortmunder Krimi-Verleger Rutger Booß

Von Bernd Berke

Dortmund. Die Verteilungskämpfe im deutschen Buchhandel werden deutlich härter. Die WR sprach mit dem Dortmunder Verleger Rutger Booß („Grafit“-Krimis) über die aktuelle Situation.

Wenn jemand heute einen Buchverlag gründen wollte, würden sie zu- oder abraten?

Rutger Booß: Es wäre ein extrem hohes Risiko, weil schon alle Programm-Nischen besetzt sind. Es sei denn, man hätte eine ganz geniale Idee.

Gibt es weitere Risiken?

Booß: Wir haben generell einen gesättigten Buchmarkt, ein Überangebot bei tendenziell schrumpfender Leserzahl – Stichwort Bevölkerungsentwicklung. Die Titelproduktion müsste eigentlich reduziert werden, doch fast alle Verlage bringen Jahr für Jahr mehr heraus. Die Großverlage wollen damit vielfach nur Ausstellungsflächen in den Buchhandlungen besetzen. Um Inhalte geht es weniger. In dieser Titelflut verschwinden 75 Prozent aller Neuerscheinungen schon nach einem Monat aus den Auslagen. Das ist mörderisch.

Ohne Zugang zu den Ketten chancenlos

Es sind große Handelsketten entstanden – vor allem Thalia und DBH, die neue Fusion aus Weltbild und Hugendubel. Wie wirkt sich diese Konzentration aus?

Booß: Wenn ein Verlag keinen Zugang zu diesen Ketten findet, dann ist er verloren. Wir müssen bei Strafe unseres Untergangs bei Thalia präsent sein. Zum größten NRW-Anbieter, der Mayerschen Buchhandlung, haben wir traditionell ein gutes Verhältnis. MitDBH ist es etwas schwieriger. Haupteigentümer ist die katholische Kirche. Wesentliche Teile des deutschen Buchhandels werden mit DBH also letztlich von der Bischofskonferenz kontrolliert. Das könnte sich vielleicht einmal ungünstig auf kirchenkritische Publikationen auswirken. Immerhin hat „Weltbild“ jetzt doch – nach anfänglichen Bedenken – unseren Krimi „Eifel-Kreuz“ von Jacques Berndorf bestellt. Der Titel steht übrigens am kommenden Montag auf Platz vier der „Spiegel“ Bestsellerliste. Für uns bleibt es jedenfalls dabei: Wir machen Produkte mit unseren Autoren und für unsere Leser. Wir gehen nicht zu den Handelsketten und fragen: Welche Bücher hättet ihr gern, welche Themen laufen jetzt besonders gut? Dabei könnten nur „geklonte“ Bücher herauskommen, die sich an alte Erfolge anhängen.

Was muss ein Verlag tun, um bei den großen Handelsketten präsent zu sein?

Booß: Die Ketten verfolgen verschiedene Strategien Am konsequentesten ist Thalia, das zum Hagener Douglas-Konzern gehört. Wie in den Parfümerien, so in den Buchlungen: Ein Verlag mietet dort für einen bestimmten Zeitraum Präsentations-Tische. Die mildere Form läuft über „Werbekosten-Zuschüsse“: Der Verlag bucht Anzeigen im Magazin der Handelskette. Schlimmstenfalls kauft die Kette dafür gar keine Bücher ein. Dann wird die Kalkulation ganz schwierig.

Autorenmangel in Westfalen

Trauern Sie den kleinen Buchhandlungen nach?

Booß: Es gibt bereits viel zu wenige. Wenn eine Kette ein großes Haus eröffnet, dann sterben bald kleinere Läden. Die Zahl der Leser ist endlich, also läuft es auf eine Umverteilung hinaus. In Dortmund sind vor einigen Jahren noch sieben Buchhandlungen als „DO 7″ aufgetreten. Die letzte von diesen sieben war die Buchhandlung Krüger, die nun von der Mayerschen übernommen wird. Die Vielfalt in der sechstgrößten deutschen Stadt ist nicht mehr so, wie sie einmal war…

Wie schätzen Sie die literarische Szene der Region ein?

Booß: Man muss sagen, dass Dortmund für das Medium Buch und die Autorenförderung sehr viel tut – ganz im Gegensatz zu Essen. Die Lesungen bei der Stadt- und Landesbibliothek oder im Harenberg-Center sind wichtig. Auch die Arbeit des Westfälischen Literaturbüros in Unna ist beachtlich. Trotzdem leben in Westfalen nur ganz wenige Autoren mit bundesweiter Geltung. Gut wäre es, auch im Hinblick auf die Kulturhauptstadt 2010, ein regionales Literaturhaus zu gründen. Gefragt wäre ein starker Sponsor, aber wo gibt es den? Den Autorenmangel bemerken wir bei „Grafit“ auch. Wir kriegen kaum veröffentlichungswürdige Manuskripte. Aus Dortmund und Umgebung kommt fast nichts.

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HINTERGRUND

Trendsetter bei den Regionalkrimis

  • Rutger Booß wurde am 17. März 1944 in Riga (Lettland) geboren.
  • Nach dem Studium (Germanistik, Geschichte) ging er zunächst in den Schuldienst.
  • Seit 1974 ist er in der Verlagsbranche tätig.
  • 1989 gründete er den Grafit Verlag in Dortmund (Umsatz 2004: 2,46 Mio. Euro). Programmschwerpunkt sind regional verankerte Krimis – ein längst gefestigter Trend, bei dem Grafit einst eine Vorreiterrolle spielte.
  • Stammautoren sind u. a. Jacques Berndorf, Jürgen Kehrer, Leo P. Ard und Reinhard Junge.
  • Die neu geschmiedete Handelskette DBH (Fusion aus Hugendubel, Weltbild etc.) ist Marktführer mit rund 450 Filialen und 672 Millionen Euro Jahresumsatz.



Das Ekel von Datteln und andere Übeltäter – Gespräch mit dem Dortmunder „grafit“-Verleger Rutger Booß

Von Bernd Berke

Tatort: Dortmund. Mit dem Umzug aus dem Vorort Wellinghofen ins Stadtzentrum unterstreicht Rutger Booß den Anspruch, daß sein „grafit“-Verlag bis zum Jahr 2000 das führende Haus für deutschsprachige Krimis werden soll. Die WR sprach mit ihm über seinen Job und über die Krimi-Szene.

Wann und wie sind Sie Verleger geworden?

Rutger Booß: In der Buchbranche arbeite ich schon seit 1974 – zunächst als Lektor beim Dortmunder „Weltkreis“-Verlag, dann in der Zentrale einer linken Buchhandelskette und bei Pahl-Rugenstein in Köln. Als dort die Sparte Belletristik eingestellt wurde, stand ich plötzlich mit 45 Jahren ohne Arbeitsplatz da. In dieser Not habe ich mit meinem bißchen Geld meinem Ex-Arbeitgeber ein paar Autorenrechte abgekauft und mich selbständig gemacht. Das war ein großes Risiko, aber auch eine Chance, die man nur einmal im Leben bekommt. Jedenfalls ist so im Mai 1989 der „grafit“-Verlag entstanden.

Wie kam es eigentlich zu dem Namen „grafit“?

Booß: Den hat der Krimiautor Werner Schmitz erfunden. Der hatte beobachtet, daß die meisten Kleinverlage pompös-bombastische Namen tragen, die großen und erfolgreichen aber meist ganz kurze und griffige, höchstens zweisilbige. Leute, die nur unseren Namen kennen, stellen sich jetzt einen viel größeren Verlag vor.

Apropos Größe: Wie wollen Sie in vier Jahren Marktführer bei deutschsprachigen Krimis werden?

Booß: Da haben wir gute Aussichten. Zu den fünf Spitzenreitern auf diesem Gebiet gehören wir wohl schon.

Wen müssen Sie denn noch überholen bei ihrem Marsch an die Tabellenspitze?

Booß: Es gibt gar nicht so furchtbar viel Konkurrenz: Diogenes liegt noch vorn, dahinter folgen Rowohlt, Heyne, Goldmann. Die großen Verlage bestreiten ihr Krimi-Programm vorwiegend mit englischen und amerikanischen Autoren. In diesen Ländern ist das Genre viel weiter entwickelt als bei uns, wo der Kriminalroman erst seit den 60er Jahren ernstgenommen wird; seit Hansjörg Martin, -ky und Fred Breinersdorfer schreiben.

Viele Ihrer Bücher spielen in dieser Region. Warum ist das Ruhrgebiet eine so ergiebige Krimi-Landschaft?

Booß: Ich glaube, es liegt an der Zerstörung alter Strukturen, also der Titanen Stahl und Bergbau. Die massiven wirtschaftlichen Umbrüche bilden den Hintergrund vieler Ruhrgebiets-Krimis, speziell bei unserem Autorenduo Leo P. Ard und Reinhard Junge. Denken Sie nur an „Das Ekel von Datteln“.

Wie wichtig ist für Sie die Politik im Krimi?

Booß: Naja, das große Vorbild vieler deutscher Autoren sind natürlich die Schweden Sjöwall/Wahlöö und ihre „Kommissar Beck“-Geschichten. Wir haben die politischen Botschaften im Laufe der Zeit reduziert, denn sie sind für Spannungsliteratur eher gefährlich. Zunächst muß immer die Story stimmen. Wenn Politik hinzukommt, ist es in Ordnung.

Und die Sprache?

Booß: Ich meine schon, daß wir uns literarisch über dem Durchschnitt bewegen. Wir haben’s aber sehr gerne, wenn es ein bißchen schnoddrig und witzig zugeht. Gegen ausgiebige Gewaltdarstellungen habe ich hingegen eine Menge einzuwenden.

Wer liest Ihre Bücher?

Booß: Bei Krimis hat man keine fest umrissene Zielgruppe. Es geht quer durch alle Berufe und Schichten. Und es gibt eine interessante Untersuchung vom letzten Herbst, die besagt: Je weiter links einer politisch steht, desto mehr Krimis liest er. CDU-Wähler lesen am wenigsten Krimis.

Gibt es Autorennachwuchs? Bekommen Sie viele Manuskripte?

Booß: O, ja! Durchschnittlich etwa 200 im Jahr. Die modernen Textverarbeitungs-Systeme haben die Hemmschwelle für Autoren offenbar gesenkt. Manche Texte sehen äußerlich bildschön aus, sind aber inhaltlich Schrott. Aber wir haben auch einige Autoren durch „unverlangt eingesandte Manuskripte“ entdeckt.

Welche Auflagen erzielen Sie?

Booß: Unsere Renner waren der „Eifel-Blues“ mit 34.000 Exemplaren und „Das Ekel von Datteln“ mit 33.000. Wenn wir von einem Buch 4000 Stück verkaufen, werden wir nicht reich, aber es rechnet sich.