Verloren in Blödigkeit – mit dem Smartphone im Konzerthaus

Spontaner Besuch im Dortmunder Konzerthaus. Nicht für Geigen-, Klavier- oder Orchesterklang, auch nicht zwecks Rezension, sondern ganz privat zum (anregenden) Auftritt des Kabarettisten Andreas Rebers. Bei solchen Anlässen sind Kleiderordnung und Sitten etwas legerer als in der edleren Klassik-Gemeinde. Doch was zu weit geht, geht zu weit.

Im nahezu ausverkauften Saal ist ausgerechnet der junge Platznachbar zu meiner Linken offenbar heillos süchtig. Von Anfang an nervös auf seinem Sessel hin und her rutschend, hält er es schon nach ein paar Minuten Programm nicht mehr aus und zückt sein Smartphone mit dem ziemlich großen Bildschirm. Der flackert fortan so grell und unstet auf, dass es ringsum im dunklen Zuschauerraum einfach irritiert – siehe Beweisfoto.

Ertappt: So sieht das aus, wenn jemand im abgedunkelten Konzertsaal sein Smartphone eingeschaltet hat. (Foto: BB)

So sieht das aus, wenn jemand im abgedunkelten Konzertsaal sein Smartphone eingeschaltet hat. (Foto: BB)

Hei, wie die Däumchen hin und her fliegen, wie sie immer neuen Content aufrufen und flugs gegeneinander verschieben. Ein Ende ist und ist nicht abzusehen.

Man fragt sich, was dieser Mensch hier eigentlich verloren hat. Er schaut schon längst nicht mehr zur Bühne und hört auch gar nicht hin. Dabei müsste er für diesen Platz immerhin 39 Euro bezahlt haben.* Ein Fall von Fehlkauf? Hat er die Karte geschenkt bekommen oder bei einer Tombola gewonnen und sitzt sie nun widerwillig ab? Egal. Er zeigt jedenfalls keinerlei Regung. Worüber denn auch? Er nimmt ja – außerhalb des Bildschirm-Gevierts – nichts wahr.

Schließlich spreche ich ihn leise an. Ob er denn bitte das Gerät abschalten könne. Es störe doch sehr. Tatsächlich schaltet er gleich wort- und blicklos aus. Aber um welchen Preis der Seelenqual! Schon nach wenigen Sekunden traktiert er mit beiden Daumen einen Programmzettel, als wäre der ein Smartphone. Unentwegt. Verloren in Blödigkeit.

Zur Pause hat der Däumling das Haus verlassen. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden.

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* In diesem Zusammenhang noch einmal besten Dank an den freundlichen Mann, der sich eigens aus Essen nach Dortmund bemüht hatte, um seine beiden Karten günstig abzugeben, damit sie nicht verfallen.




Games und Gaffer – das tägliche und manchmal tödliche Elend mit den Smartphones

Eigentlich sollte man alle „Smartphones“ in den Orkus werfen. Dann Deckel drauf. Fertig. Und keine Wiederkehr. Warum ich so wütend bin? Abwarten. Kommt gleich.

Manchmal sind die Dinger nützlich, gewiss. Doch sie richten immensen Schaden an.

Nein, es geht nicht in erster Linie zum 1000. Mal darum, dass so viele Zeitgenossen (nein: zeitabwesende, geisterhafte Gestalten) ständig auf die lächerlichen Bildschirmchen stieren und starren, um sich aller wirklichen Umgebung zu entziehen. Nähme man ihnen die Handys weg, wüssten gar manche wohl nicht, was sie mit sich und der Welt noch anfangen sollten.

Man hat ja selbst auch so'n Zeug. (Foto: BB)

Man hat ja selbst auch so’n Zeug. (Foto: BB)

Auch geht es jetzt nicht um Autofahrer, die durch „Simsen“ oder sonstigen Handy-Gebrauch werweißwieviele Unfälle verursachen.

Hier dreht es sich vielmehr um zwei Nachrichten der vergangenen Tage, die einem gleichermaßen Schrecken einjagen:

Zum einen besteht der dringende Verdacht, dass der Fahrdienstleiter, unter dessen Aufsicht (Aufsicht?) das schreckliche Zugunglück von Bad Aibling geschehen ist, durch ein Online-Game auf seinem Handy abgelenkt war. Der 39-Jährige sitzt deshalb in U-Haft, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Elf Tote und 85 Verletzte wegen eines läppischen Computerspielchens? Ach, wäre es doch nicht wahr…

Weiter nordwärts, in Hagen am Rande des Ruhrgebiets, gab es am letzten Mittwoch eine unfassbare Steigerung des ohnehin schon elenden „Gaffens“. Ein zehnjähriges Mädchen war von einem Auto angefahren worden, ein Rettungshubschrauber musste es in eine Spezialklinik bringen.

Die Helfer hatten eigens Tücher aufgehängt, welche das schwerverletzte Mädchen vor neugierigen Blicken schützen sollten. Tatsächlich hat ein ungebetener Zuschauer eines der Tücher weggerissen, um die Szenerie mit seinem Smartphone besser ablichten zu können. Angeblich soll er es auch so idiotisch begründet haben: „Das muss ich so machen, ich kann sonst nicht richtig filmen.“ Was für ein armseliger Wicht.

War’s ein selbsternannter „Bürgerreporter“, der den Film womöglich noch verkaufen wollte? Egal. Er war wahrscheinlich der übelste, aber beileibe nicht der einzige Schaulustige, der im Umkreis des lebenswichtigen Einsatzes die Grenzen allen Anstands überschritten hat. Auch andere haben nach Kräften Film- und Fotoaufnahmen gemacht. Ob sich andere Passanten dagegen gewendet haben? Davon ist leider nichts zu lesen.

Aber hat denn die Polizei gar keine richtige Handhabe gegen solche ruchlosen Leute? Offenbar blieb ihr nichts übrig, als das schäbige Verhalten im Internet zu brandmarken. Wenigstens das.

Für einen unmissverständlich formulierten „Gaffer-Paragraphen“ wäre ich sofort zu haben. Statt dessen steht bei uns immer noch „Majestätsbeleidigung“ unter Strafe…

Spontan möchte man also am liebsten die Geräte einstampfen und sich für immer davon verabschieden. Mir ist schon klar, dass das vollkommen illusorisch ist. Auch der innige Wunsch, dass man die hochgerüsteten Handys einiger Funktionen beraubt, so dass man mit ihnen nicht mehr ins Netz gehen oder fotografieren könnte, sondern nur – wie ehedem – telefonieren; auch dieser Wunsch wird ein frommer bleiben. Es ist ein Jammer.

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Mit Nachrichtenmaterial von www.spiegel.de (Bad Aibling) und www.derwesten.de (Hagen)




Die Generation Handy verschont mich nicht

Heute bleibt das Handy kalt... (Foto: Bernd Berke)

Heute bleibt das Handy kalt… (Foto: Bernd Berke)

Ja, ich weiß, das ist nicht richtig was Neues, das ist längst richtiger Alltag: Aber heute fiel es mir nicht nur besonders auf, sondern auch gehörig auf die Nerven. Das öffentliche Dauertelefonieren, die allerörtliche Erreichbarkeit und das hemmungslos vorgetragene Mitteilungbedürfnis via Handy. Ätzend!

Beginnen wir mit einer Klarstellung: Ich habe selbst ein Handy, ich weiß selbst, dass „Handy“ total falsch ist, weil Handy klein geschrieben wird, handlich bedeutet und damit eigentlich ein mobile phone oder auch cellular oder cell phone gemeint ist. Ich leiste mir auch gern ein High End-Gerät (Google Nexus 5, 32 Gigabyte). Und ich nutze mein Handy (bleiben wir beim falschen Ausdruck, weil den schließlich jeder versteht) exzessiv. Ich weiß eigentlich nicht mehr, warum ich noch einen Festnetzanschluss habe, dessen Nummer ich völlig vergessen habe.

Damit glaube ich hinreichend dargestellt zu haben, dass ich weder Fortschrittsungläubiger noch ein heimlicher Maschinenstürmer bin oder gar an fortgeschrittener Rückständigkeit leide. Nee!

Aber als ich heute hinaus in den heiteren Herbsttag schritt, meinen grünen Rucksack (Vaude – bin auch da markentreu) festzurrte und für einige Besorgungen Richtung Innenstadt eilte, da begann es schon nach 100 Metern. Eine junge Frau schob ihren Kinderwagen vor sich her und parlierte in einem sympathischen multikulturell-deutschem Wortgemisch mit wem auch immer. Ihre Kommunikation begleitete mich bis zu einer Ampelkreuzung, wo sie nach rechts abbog – und weiter plauderte. Ich hörte sie noch während meiner Wartezeit (bis es grün leuchtete) durch den Verkehrslärm.

Kaum in den Räumen des Discounters, der selbstgefällig behauptet, dass er sich lohne, höre ich das aufgeregte Plappern einer jungen Dame, die sich vermutlich mit einer anderen jungen Dame darüber austauscht, was am Abend zuvor geschehen sei, wie es wohl weiter gehen könnte und was sich am Arbeitsplatz so zugetragen habe. Meine Versuche scheiterten hilflos, den Durchzugsmodus in der Eustachi’schen Röhre (auch Ohrtrompete) anzuwerfen.

Unser Einkaufsweg war anscheinend identisch, in der Kassenschlange begeisterte sie die nähere Umgebung weiter mit ihrer ausgelassenen Unterhaltung, und erst als die Bezahlprozedur beidhändigen Einsatz beim Einpacken und Geldzählen erforderte, wurde das Gespräch unterbrochen. Als ich auch meine Einkäufe artig bezahlt hatte und nach draußen schritt, stand die junge Dame wieder da und unterhielt sich. Zu meinem Entzücken vis à vis, mit einer Bekannten.

Weiter rollte ich mit einer gleichnamigen Treppe aufs Parterre, um durch eine kleine Halle den Weg ins Stadtzentrum zu nehmen. Da wähnte ich mich von einen Unbekannten von hinten angesprochen… Nein, ich war nicht gemeint. Der Fremde sprach mit, ja, mit wem wohl? Er presste, während er mich hurtigen Hufes überholte, fast als fürchte er, dass mitgehört werden könnte, sein Handy ans Ohr und rief schallend seine Beiträge zur fernübermittelten Kommunikation ins Gerät, als müsse er die Kilometer Entfernung zum anderen Teilnehmer ohne elektronische Hilfe überbrücken.

Kaum hatte ich mich von diesem leisen Schrecken erholt, da keimte in mir das Mitleid – ich bin halt schnell mal gerührt. Ein junger Mensch schien mir doch arg einsam. Er trabte mir entgegen, den Kopf gesenkt, Hoody darüber gezogen. Und erzählte sich selbst irgendetwas in sich hinein. Ach, nee. Kaum war er mit mir auf selber Höhe, da erkannte ich, dass sein Handy nicht ans Ohr gehalten wurde, sondern er kabelverbunden war und ein wenig atemarm seine Silben in ein Mikro hustete, während der Ohrstöpsel die Laute des Gesprächspartners übermittelte.

Dann aber schon wieder das gewohnte Bild mit den gewohnten Geräuschen: Heerscharen von Menschen jeden Alters, jeder Herkunft, jeden betuchten Portemonnaies oder jeder betuchten Konfession marschierten entweder schneller als ich oder trollten sich mir entgegen und waren versunken im Palaver eines Daueraustauschs von Alltäglichkeiten.

„Du, und die Mutter kommt auch“, schnappe ich wehrlos auf. „Er kann sich ja benehmen wie er will, aber nicht mit mir!“ macht da jemand im Vorübergehen eine Kante klar. „Hast du gesehen, hast du die gesehen?“ oh Gott, schaue ich verwirrt umher, wo denn nur. „Das werde ich jetzt aber schnell verkaufen.“ Wurde ich etwa unfreiwilliger Ohrenzeuge einer wichtigen, einträglichen Transaktion?

Ich hockte mich verzagend in eine Außengastronomie, um kurz Ruhe zu finden, bei einem Eis. Sonne schien ja und trocken war’s. Ich hatte längst aufgehört wahrzunehmen, wie viele Menschen wie laut an mir vorüber zogen, um Büro, Haushalt, Freundeskreis und mehr plaudernd auf die Straße zu tragen. Auch die Wartezeit auf den überfüllten Bus verstrich nicht, ohne dass mir unfreiwillig alle möglichen Familiengeschichten oder was auch immer um die Ohre flogen. Ich verstand zwar kein Wort, weil die Muttersprache mir fremd war und ohne eingestreutes deutsches Vokabular auskam. Aber das war auch gut so.

Auf den letzten Metern bis daheim ereilte mich schon wieder ein angeregtes Gespräch in meinem Rücken. Kaum seufzte ich stumm meine Missachtung der ungezügelten Freiluft-Fernkommunikation in mich hinein, da marschierten zwei Schüler an mir vorbei. Ja, die unterhielten sich wirklich miteinander, von Angesicht zu Angesicht. Und sie beschwerten sich energisch über jemanden, der wohl ihr Lehrer war.

Sie sahen nicht mehr, wie ich vergnügt grinsend die Haustüre aufschloss. Es gibt sie also noch, die Kommunikation ohne Handy.




„Simst“ du noch oder „whatsappst“ du schon?

Sprachen leben, sie werden von lebendigen Wesen zur Kommunikation genutzt. Und so verändern sie sich auch im Laufe der Lebenszeiten dieser lebendigen Wesen ständig, was manchem der Wesen sauer aufstößt. Andere sehen’s gelassen und machen mit. Bisweilen sind aber auch die Toleranz-Boliden unter den Sprachliebhabern vor arge Verständnisprüfungen gestellt.

„Moment, ich stumme mal eben mein Handy“, schnappte ich unlängst auf und begann spontan in eine Form des Grübelns zu geraten, die mit „Hirnzermarten“ treffender beschrieben wäre. Nach endlos erscheinenden Sekunden der Ratlosigkeit glimmte es erleuchtend auf: Der junge Mensch – und ich vermute mal sein gesamter Freundeskreis – hatte dieses mir bis dahin nicht geläufige Verb entwickelt, um seinen jeweiligen Gegenübern zu bedeuten, dass er sein Mobiltelefon „auf stumm“ schalten werde, damit dessen wie auch immer gearteter Klingelton die Unterhaltung nicht stört.

(Foto: Bernd Berke)

(Foto: Bernd Berke)

Ich verstummte lieber, als dass ich eine neugierige Frage an ihn richtete und mir einen verständnislosen Blick einhandelte. Okay, dass ich mal eben ein paar Informationen „google“, daran habe ich mich ja gewöhnt, nutze diese ganzneudeutsche Vokabel auch selbst gern, weil es keine bessere  und vor allem kürzere Kennzeichnung des dazugehörigen Tuns an PC, Tablet oder Cellphone (deutsch: Handy) gibt. Jeder Versuch einer umgangssprachlichen Verknappung mündete unweigerlich in eine bandwurmende Beschreibung der Handlung, was eigentlich niemand will.

Schon lange, so lange, dass ich kaum mehr Erinnerung habe, wann ich es nicht getan hätte, schon lange also „simse“ ich. Obwohl auch das ja an den höheren Blödsinn grenzt, denn allenfalls schreibe ich ja eine eine Nachricht über einen SMS (ShortMessageService), also nicht mal eine SMS schreibe ich. Und doch: Jede andere Form, es deutlich zu machen, wäre zu lang, also „simse“ ich auch.

Inzwischen ist das aber auch schon eine Handlung, die, wird sie verbalisiert, in deiner Umgebung sofort den Verdacht keimen lässt, du seist ein Gruftie, was ja auch der Wahrheit entspricht. Aber inzwischen würde das „Simsen“ einen Gruftie als nicht mehr auf der Höhe der modernen Zeit demaskieren. Schließlich „whatsappt“ mensch sich heute was. Die Community ist dauervernetzt und schier am Tropf eines Dienstes, dessen kryptischer Name (soll wortspielend die Frage „What ist up?“ – was geht – und App miteinander verbinden) in ein Verb umoperiert wurde.

Nun kann ich an dieser Stelle nur sagen, dass ich aus persönlichen Gründen gegenüber „WhatsApp“ phobisch reagiere und den Kommunikationsweg nur dann gezwungenermaßen beschreite, wenn er mir von der anderen Seite aufgenötigt wird. Daher „whatsappe“ ich auch nicht und werde mir das auch ganz sicher nicht angewöhnen. Aber die Angewohnheit, mich mit umgangssprachlichen Veränderungen konstruktiv auseinanderzusetzen, die werde ich mir bewahren. Schließlich habe ich mich ja auch an die Neue Rechtschreibung schon früh gewöhnt.

Ach ja, da erinnere ich mich gern dran. Ein Kunde kreidete mir damals, bei deren Einführung, einen Schreibfehler an. Ich solle doch „Litfaßsäule“ nach neudeutscher Weise mit drei „s“ schreiben. „Nöö“, antwortete ich, das bleibt bei „ßs“. Und naseweiste sogleich weiter, dass niemand gezwungen werden könne, einen Eigennamen anders zu schreiben als sein Träger. Zu spät bemerkte ich, dass der werte Kunde keine Ahnung hatte, dass Herr Litfaß ein findiger Berliner war und seine Werbesäule nix mit einem Fass zu tun hatte.




Da kichert die Kamera

Dass ich es nur gleich zerknirscht gestehe: Ich habe wohl eine Ordnungswidrigkeit begangen. Doch die Sache ist glimpflich ausgegangen. Aber warum?

Der Reihe nach: Zumindest meine Kompaktkamera habe ich nahezu immer bei mir. Man weiß ja nie, was es zu sehen gibt. So auch neulich, als ich am Steuer saß. Da hat mich für Sekunden der Deibel geritten – und ich habe während der Fahrt (ca. 45 km/h) zum rechten Seitenfenster hinaus geknipst. Warum? Fragt mich nicht. Jedenfalls bin ich dabei behördlich beobachtet worden.

Corpus Delicti (©Bernd Berke)

Corpus Delicti (©Bernd Berke)

Etwa 500 Meter später hielten Polizisten mich an. Papiere zeigen, das Übliche. Schließlich die Frage: Was ich denn da in der Hand gehalten hätte? Die Kollegen hätten es nicht genau gesehen. Kleinlaut gab ich zu: „Es war diese Kamera.“ Die lag noch unübersehbar auf dem Beifahrersitz und kicherte. Sozusagen.

Der nächste Satz meines Gegenübers konnte ja wohl nur auf die Ausrufung eines namhaften Bußgelds hinauslaufen…

Aber nein! „Ach so, wir dachten schon, es wäre vielleicht ein Handy gewesen. Na, dann gute Fahrt.“

Seitdem rätsele ich, ob ich am Steuer auch künftig munter fotografieren darf, wenn’s nur mit einer vernünftigen Kamera geschieht – und nicht mit einem schnöden Smartphone. Soll ich demnächst die Spiegelreflex mit Stativ verwenden und zwischendurch das Objektiv wechseln?

P.S.: Aber natürlich will ich’s – so oder so – nicht wieder tun. Echt jetzt.




Gütige Diktatur

Der und jene könnten Anwandlungen haben. Sie könnten sich wünschen, eine „gütige Diktatur“ zu errichten. Dann würde vieles geradezu hingebungs- und liebevoll verboten, ja das Ungefüge würde gleichsam zärtlich von der Erde weggestreichelt.

Wohlig ließe man sich treiben zwischen zeitweiligem Überdruss und bleibendem Widerwillen gegen Dinge und Worte. Wachsende Verbotslust. Anschwellende Verfügungslaunen.

Nun aber frisch begonnen:

Internet? Schluss mit dem infantilen Quatsch. Fernsehen? Ab dafür! Mobiltelefonie? Weg damit. Schleunigst. Keine Leute mehr mit Headsets, die vor sich hin palavern und den Anschein erwecken, als führten sie wirre Selbstgespräche. Ist doch peinlich.

Stracks kommen nun die so genannten SUVs an die Reihe. Diese gewaltförmigen „Spaß“-Tonnagen mit gefühlten tausend PS. Alltagskriegsgeräte, Macht-Maschinen. Ab zum Schrottplatz, wo sie alle sinnvoll zu Granulat zermahlen werden. Wie lieblich das bröselt.

Übrigens, damit das klar ist: Gockelhaftes Skrotumkratzen zieht allgemeine Ächtung nach sich. Nein, nicht Achtung. Ächtung.

Wenn wir schon mal sackerment dabei sind: Sofort runter mit Rucksäcken, deren Träger(innen) sich immer im falschen Moment raumgreifend umdrehen. Weitere Begründung überflüssig. Ist ja `ne Diktatur.

Die MP3-Stöpselei, der vollverkabelt einher tapernde Passant? Selbstverständlich streng verboten. Das Zeug ist samt Zubehör bei den Sammelstellen abzugeben.

Strikt unterbunden wird überhaupt das Geschrei um angebliche „Must-haves“ und vermeintlich unverzichtbare Marken. In stinkreichen Vierteln von Frankfurt/Main, so heißt es, werden Schüler gemobbt, die nicht das neueste iPhone, sondern nur ein gewöhnliches Handy bei sich tragen. Für derlei Drangsalierung betrüge das Strafmaß in der „gütigen Diktatur“ fünf Jahre Computerspielverbot nebst Bücherlesezwang und Sozialdienst.

Schließlich das tägliche Alarm- und Sirenengeheul der medialen Hypes: Ab in den Orkus, Deckel drauf. Ruhe im Karton!

Nun mögen manche einwenden, hier werde dem Leben jegliche Farbe und Freude ausgetrieben, man lande so geradewegs im eisgrauen Kommunismus altbekannter Prägung. Wartet nur, bis es erst richtig anfängt, bis Geld und Besitz gänzlich abgeschafft werden und das Paradies auf Erden befohlen wird!

Danke für die Aufmerksamkeit.




Keiner weiß, wo das Handy gerade klingelt – Hellmuth Karaseks listiges Buch über Mobiltelefone

Von Bernd Berke

Das Buch war fällig. Denn keine technische Errungenschaft hat den Alltag zuletzt so erobert wie das Mobiltelefon, sprich: das Handy. Also sollten wir die menschlichen und kulturellen Folgen des Gebrauchs bedenken. Genau das hat Hellmuth Karasek („Das Literarische Quartett“) getan.

„Hand in Handy“ heißt sein neues Buch. Der Titel klingt mit fortschreitender Lektüre gar nicht mehr rätselhaft. Karasek schildert besonders die Konsequenzen, die das mobile, ja tendenziell ortlose Gequatsche für unser Liebesleben hat. Statt wie früher Hand in Hand miteinander zu gehen, treffen viele Leute jetzt lieber – Hand in Handy – fernmündliche, möglichst unverbindliche Verabredungen (neudeutsch: Dates).

Das Fremdgehen wird leicht gemacht

Die Kunst des Fremdgehens hat laut Karasek mit dem Aufkommen des Handys (in Deutschland seit 1992) einen ungeahnten Schub erlebt. Denn nun kann niemand mehr wissen, wo der angerufene Partner sich mit seinem grenzenlos transportablen Handy befindet, weil man ja überall unter derselben Nummer erreicht wird. Beispiel: Vielleicht ist er gar nicht bei der Tagung in X, sondern bei dieser Schlampe inY…?

Welches Mißtrauen daraus erwächst, beschreibt Karasek in der Leidensgeschichte eines Berliner Ehepaares. Sie finden jedenfalls nicht zu der Haltung, die der Autor empfiehlt: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“.

Karasek entgeht auch nicht, daß gerade das Handy sehr einsam machen kann, zumal wenn es an eine Mobilbox (Anrufbeantworter) gekoppelt ist. Gerade wer theoretisch allzeit und überall erreichbar ist, wird gehörig ins Grübeln kommen, wenn ihn nur ganz wenige erreichen wollen…

Wohin mit dem ganzen Gefühl?

Teilweise arg komische Beobachtungen auf Flughäfen und in Messehallen gehören natürlich zum Thema. Wenn ganze Heerscharen von Leuten mit Nadelstreifen, Schlips und Attachékoffer wie auf geheimes Kommando zu ihren Handys greifen, um irgendwem zu erzählen, daß sie „gleich losfliegen werden“, so hat das einen Ballett-Effekt mit Slapstick-Qualität. Dieselben Leute schalten die Geräte zwar während des Fluges murrend ab (weil’s aus guten Gründen verboten ist, die Piloten-Frequenzen zu stören), aber spätestens dann wieder ein, wenn sie am Ankunftsort im Taxi sitzen: „Bin jetzt gelandet.“ Daran knüpft Karasek eine These, die man unbesehen glauben darf: daß die Gesprächs-Inhalte um so banaler werden, je weiter die Telefontechnik sich entwickelt.

Viele dynamisch-flexible Herrschaften übersehen zudem, so findet Karasek, daß sich persönliche „Wichtigkeit“ längst nicht mehr mit einem Handy beweisen läßt. Inzwischen sind die kleinen Apparate millionenfach verbreitetes Gemeingut. So viele Entscheidungsträger kann’s ja wohl gar nicht geben…

Und noch eins: Beim Handy kann man keinen Hörer mehr aufknallen, sondern nur noch den Knopf fürs Gesprächsende drücken. Auch solche Kleinigkeiten zeitigen sozial bedeutsame Folgen. Wohin mit dem Frust, den man früher mit einem beherzten Kracher-auf die Telefongabel loswerden konnte? Soll man etwa das liebgewordene Handy vor die Wand werfen?

Hellmuth Karasek: „Hand in Handy“. Verlag Hoffmann und Campe. 159 Seiten, 28 DM.