Triumph für die Muse des Theaters – „Das Gleichgewicht“ von Botho Strauß in Salzburg uraufgeführt

Von Bernd Berke

Salzburg. Selten dürfte ein neuerer Theatertext so sehr aufs Wort belauert worden sein. Botho Strauß, immer schon zuständig für die „neueste Stimmung im Westen“, hatte vor einigen Monaten im „Spiegel“ seinen „anschwellenden Bocksgesang“ angestimmt und dabei mit brandgefährlichen Begriffen zwischen Blut, Boden und Kampfesehre gespielt. Desto mißtrauischer lauschte man jetzt bei den Salzburger Festspielen der Uraufführung seines Stückes „Das Gleichgewicht“.

Strauß ist hier ganz auf seiner eigenen Höhe. Zwischen allerlei Phantom-Liebe und versickernden menschlichen Beziehungen entfaltet er ein weites Panorama der Verluste. Verschleiert und verspiegelt: der zauberische Bühnenraum von Karl-Ernst Herrmann. Ähnlich ätherisch wie das Doppel-Leben jener Lilly Groth (Jutta Lampe). Nach einem Jahr der Trennung auf Probe von ihrem Mann, der in Australien Ökonomie lehrte, hat sie sich offenbar in eine eingebildete Zweit-Beziehung zu dem Rockmusiker Jacques le Coeur hineingesteigert. Ein zweites Leben neben dem ersten – nur so findet sie Halt und inneres Gleichgewicht.

Diese empfindliche, jederzeit bedrohte Ökonomie des Glücks spiegelt Strauß nun auf den verschiedensten Ebenen der Gesellschaft. Das Spektrum reicht vom verwahrlosten Milieu einer S-Bahn-Unterwelt (mit Rolltreppen abwärts) über eine von Spekulanten zum Abriß freigegebene Berliner Ladenzeile bis in die Vorräume der Macht. Auch sprachlich wird das Höchste mit dem Niedersten kunstvoll verwoben und verworren. Von Slapstick und Kabarett bis zum goetheschen Tonfall reicht das Spektrum, vielfältig wie das unübersichtliche Leben selbst. Ein ungeheuer reiches Stück, Strauß‘ größte Tat seit „Groß und Klein“.

Wir werden es gewiß noch in vielen anderen Inszenierungen erleben, doch schwerlich in einer besseren als jener von Luc Bondy. Ganz gleich, ob der Text in seltenen Sekunden zu raunen, zu dröhnen oder sich allzu weit zu erheben droht  – die Regie hat ihn vor jedem Abgleiten bewahrt. Auch das ein wunderbares Gleichgewicht. Und überhaupt klingt Strauß ja im Drama, im abwägenden, gegeneinander austarierten Dialog, allemal humaner als im hochfahrenden Monolog seiner Essays.

„Der Aufstand der Reinheit“

Hier, im Theater, verzeiht man auch eine Vision wie die von der „Säuberung durch Engelsstimmen“ und vom „Aufstand der Reinheit“, der alle Drogensüchtigen aus unseren Städten vertreiben müsse. Denn solche Sätze sind eingebettet ins Geflecht von Gegenstimmen.

Und welch ein Ensemble kann Bondy aufbieten, wahrhaft festspielwürdig! Jutta Lampe als „Lilly“ in all ihrer zarten Durchsichtigkeit, Brüchigkeit, Bedrängnis – und doch stark wie eine Heldin. Der majestätisch beruhigte Christoph (Martin Benrath), ihr Ehemann mit seiner Gleichgewichts-Philosophie des buddhistisch inspirierten Bogenschießens, des rechten Moments losgelöster Anspannung von Pfeil und Sehne. Sodann die phantastische Kirsten Dene (oh, alte Bochumer Peymann-Zeit!) und Martin Schwab als benachbarte Lädcheninhaber mit ihrer seit 15 Jahren unentschiedenen Buffo-Liebe. Selbst Nebenrollen sind mit Spielmagiern wie Fritz Lichtenhahn und Hans-Peter Hallwachs besetzt.

Man möchte schwelgen. Und es befällt einen der innige Wunsch, das Theater möge aus solcher Höhe nie mehr in den faden Alltag zurückfallen. Dann hätte sich alle Diskussion um seine Bedeutung erledigt. Die Muse Thalia würde triumphieren.

Brausenden, rauschenden Beifall gab es nach annähernd vier Stunden. Im Publikum saßen, neben zahlreicher Kultur-Prominenz, auch Leute wie der Chef der Deutschen Bundesbahn. Vielleicht ist auch er, für seinen Job, auf der Suche nach dem „Gleichgewicht“…




Filmteam „belagert“ alte Burg in Lüdinghausen

Von Bernd Berke

Lüdinghausen. So eine Aufregung hat das Städtchen Liidinghausen schon lange nicht mehr erlebt. 1958 wurde dort das letzte nennenswerte Kinofilm-Team gesichtet – jetzt, volle 27 Jahre später, hat sich gleich ein ganzer Schwärm von Prominenz auf der Burg Vischering eingefunden, um dort die entscheidenden Szerien für Hans Christoph Blumenbergs neuen Streifen „Der Sommer des Samurai“ abzudrehen.

Dabei: Conny Froboess, erstmals seit den 50er Jahren („Conny und Peter machen Musik“) wieder mit Peter Kraus vor der Kamera; dazu Nadja Tiller, die auch schon seit zehn Jahren an keinem Kinoprojekt mehr mitgewirkt hat, Hans Peter Hallwachs (der „Fabian“ von Wolf Gremm) und Wojciech Pszoniak (der „Robespierre“ im „Danton“-Film Andrzej Wajdas). Auch auf der Besetzungsliste: Hannelore Hoger und Volker Lechtenbrink.

Verzweifelt hatte das 40köpfige Filmteam eine Burg gesucht, in der sich der exzentrische „Krall“, eine der Negativfiguren dieses Fantasy-Films, so richtig wild-romantisch verschanzen kann. Da der Streifen in Hamburg spielt, hielt man zunächst im norddeutschen Raum nach trutzigen Gemäuern Ausschau. Vergebens. Schließlich wurde man im Westfälischen fündig. Produzent Michael Bittins: „Burg Vischering ist genau das Richtige für uns!“

Der Festungsbau aus dem 13. Jahrhundert, auch schon mal als „Westeuropas schönste Wasserrundburg“ apostrophiert, ist nun Schauplatz des Schlußkampfes in einem Film, dessen Inhalt phantastisch anmutet: In Hamburg geht ein Phantom um, das an den Orten seiner Untaten japanische Schriftzeichen hinterläßt. Star-Reporterin Christiane Land (Conny Froboess) setzt sich auf die Fährte einer Verschwörung, deren Wurzeln bis ins japanische Mittelalter zurückreichen. Hauptbösewicht: besagter Lord Krall Wojciech Pszoniak).

Die Lüdinghauser Szenen des 110-Minuten-Films spielen hauptsächlich im Rittersaal und im Innenhof. Handzettel klärten die Bevölkerung über die neuzeitliche „Belagerung“, ihrer Burg auf. Besonders ältere Jahrgänge wurden hellhörig, als sie merkten, daß hier Stars wie Nadja Tiller agierten. Nadja Tiller ist es auch, die in einer spektakulären Szene durch eine „chemische Dampfschleuse“ in die Burg kommt. Sie ist als „Expertin für Intrigen“ Krall zu Diensten.

Blumenbergs zweiter Film (nach seinen in den Kinos glücklosen „Tausend Augen“) ist mit einem Budget von 2,2 Mio. DM ausgestattet. 637000 DM stammen  aus Kultur- und Wirtschaftsförderungsmitteln der Hansestadt Hamburg, 750000 DM vom Ko-Produzenten ZDF. Im Frühjahr ’86 soll das Werk mit 30 bis 50 Kopien in die Kinos kommen, ab 1988 ins Fernsehen.

Daß Conny Froboess und Peter Kraus (diesmal als Barkeeper) nach 25 Jahren wieder einmal vereint auf der Leinwand auftauchen, war, so jedenfalls Produzent Bittins, „nie als Werbegag gedacht“. „Conny und Peter“, seit ihrer Jugendzeit auch privat befreundet, hätten im Gegenteil .Ängste gehabt“, daß der Film ins falsche Fahrwasser geraten könne. Auf die Verleihwerbung für den Film darf man somit sehr gespannt sein…