Künftige Zentrale beim „Hellweger“ in Unna: Ruhr Nachrichten wollen ihre Dortmunder Mantel-Redaktion aufgeben

Nein, so richtig überrascht ist man von einer solchen Nachricht längst nicht mehr. Dazu ist am einst leidlich blühenden Pressestandort Dortmund (in besseren Zeiten: zwei konkurrierende Mantel- und drei Lokalredaktionen) schon zu viel Unbill geschehen.

Titelschriftzug und Werbeslogan der Ruhr Nachrichten (© RN)

Titelschriftzug und Werbeslogan der Ruhr Nachrichten (© RN)

Jetzt, rund viereinhalb Jahre nach der kompletten Schließung der Rundschau-Redaktion (WR), stehen die Zeichen nochmals auf sicherlich Kosten sparenden Umbau, anders gesagt: auf weiteren Schwund.

Wie der in aller Regel gut unterrichtete Bülend Ürük für den renommierten Kress-Report berichtet, wollen die Ruhr Nachrichten (RN) ihre Mantel-Redaktion in Dortmund auflösen und sich noch mehr aufs Lokale konzentrieren. Inzwischen greift auch der WDR das Thema auf.

Da wedelt der Schwanz mit dem Hund

Ganz ehrlich: Der RN-Mantel (also regionale und überregionale Seiten übers Lokale hinaus) war nicht mehr wirklich konkurrenzfähig, die WAZ lag – nicht zuletzt durch ihre Berliner Redaktion – mit Eigenleistungen meistens klar besser im Rennen. Die RN behalfen sich vielfach mit bloßem Agenturmaterial, das eben alle Zeitungen haben.

Ab Oktober, so heißt es im Kress-Report weiter, sollen beim deutlich kleineren RN-Partner „Hellweger Anzeiger“ auch die RN-Mantelseiten entstehen. Da wedelt sozusagen der Schwanz mit dem Hund. Und unversehens wird das kleine Unna, wo der Hellweger Anzeiger erscheint, quasi zur Pressehauptstadt des östlichen Ruhrgebiets, während Dortmund in die zweite Reihe rückt. Ob der Mantelteil dadurch an Qualität gewinnt?

Höhere Verteilungs-Mathematik

Das Ganze soll angeblich ohne Entlassungen vonstatten gehen. Von den (gerade mal) 16 RN-Mantelredakteuren sollen neun auf die Lokalredaktionen verteilt werden. Sechs weitere bleiben laut Kress-Report als überregional ausgerichtete „Content-Agentur“ (branchenüblicher Managersprech) in Dortmund. Rein rechnerisch geht das zwar nicht auf, es bliebe ein Rest von einer Redaktionskraft. Aber es wird vermutlich eine höhere mathematische oder verlegerische Wahrheit dahinter stecken; zumal ja noch drei RN-Leute in die Mantelredaktion des „Hellwegers“ wechseln sollen. Zu hoffen wäre, dass alle ihren tariflichen Status behalten.

Ausnahme für den BVB-lastigen Sportteil

Eher als Ironie könnte man diese Kress-Einschätzung verstehen: „Sportfans können sich aber beruhigen, der Mantelsport, und damit vor allem BVB-Fußball, entsteht weiterhin in Dortmund.“ Wenn man weiß, dass die Ruhr Nachrichten und der BVB eine so genannte „Medienpartnerschaft“ pflegen, die kaum kritische Berichterstattung über den Verein und seine Geschäftsführung zulässt, wird man die Aussicht nicht unbedingt bejubeln. Ex-RN-Sportredakteur Sascha Fligge ist seit einiger Zeit BVB-Pressesprecher, pardon: Mediendirektor. Eine innige Verbindung von Blatt und Ballspielverein also.

Eine vielköpfige Chefredaktion

Ein Ding für sich ist die seit 1. Juli bestehende Chefetage der Ruhr Nachrichten, die eher an Dimensionen der New York Times oder eines DAX-Unternehmens denken lässt und folglich auch mit angloamerikanischen Kürzeln daherkommt. Mit Wolfram Kiwit (CSO), Hermann Beckfeld (CCP), Jens Ostrowski (CCQ) und ab Oktober Moritz Tillmann (CDO) werden sich nicht weniger als vier Chefredakteure mit je eigenen Zuständigkeiten tummeln. Ostrowski hat übrigens als Freier Mitarbeiter der Westfälischen Rundschau (WR) begonnen und seitdem offenbar persönlich goldrichtige Wege eingeschlagen.




Alltagsnicken (5): Wir hatten doch noch telefoniert

Ich hatte gerade erst das Vermögen des schmerzfreien Gehens wieder erlangt, ich hatte den Frost des vergangenen Samstags aus meinen hinfälligen Knochen geschüttelt, ich saß verdrossen und missgelaunt – warum, das könnt Ihr ahnen – in meinem Büro, als mich ein Anruf erreichte.

Am anderen Ende der Leitung redete eine gewohnte Stimme fröhlich auf mich ein. Der Mann erläuterte mir quasi in einem Atemzug, dass er sich gerade im Krankenhaus befinde, es aber immer besser ginge, nur, dass es ihm schlecht werde, wenn er die Nachrichten über die umstrukturierende Erdrosselung der Westfälischen Rundschau lese und dass wir uns dringend baldigst zusammensetzen sollten, um gemeinsam über eine lokale Internetzeitung zu grübeln, deren Erscheinen nun umso dringlicher geboten sei.

Es war Klaus Seifert, der ehemalige Chefredakteur des Hellweger Anzeigers (HA), der Zeitung, die ab 1. Februar – nach den Visionen des Pontifex Maximus mit Namen Christian Nienhaus – in Unna und Kamen den lokalen Teil zur ganzkörperamputierten Rundschau liefern soll. Klaus Seifert, der war mal mein Chef, nachdem ich beim HA angeheuert hatte und bald darauf zur Rundschau wechselte. Wir haben stets gern zusammengearbeitet, haben bisweilen auch heftig gestritten, aber über eines hätte ich nie klagen dürfen, weil es nicht geschah: über Respektlosigkeit. Wie ich später von ihm erfuhr, galt das auch in umgekehrter Richtung.

Gestern glaubte ich nicht an ein Gerücht, das krakig durch die Stadt tentakelte, wehrte ich energisch ab und verwies darauf, dass ich doch am Montag noch mit ihm gesprochen habe, dass wir Alten noch an gemeinsamen Plänen arbeiteten. Heute musste ich feststellen, dass manches Gerücht erschütternd reale Hintergründe hat. Klaus Seifert, kaum 72 Jahre alt, ist nicht mehr am Leben. Das letzte worüber wir sprachen, war das gemeinsame Entsetzen über das Ende der WR. Er hat es kaum glauben wollen, wie zynisch kalt die Essener die Amputation durchzogen, wie wenig der Faktor Mensch zählte und fragte immer wieder nach, ob das denn wirklich so gewesen sei.

Nicht erst seit den miesen Nachrichten über die erschlagene Zukunft der WR wissen wir, wie sehr Zeitungen und ihre Macher die Kultur einer Stadt, die Atmosphäre in ihr mitbestimmen. Ein guter Freund und langjähriger Kollege, der auch als Ruheständler sich liebend gern einmischte, lebt nicht mehr. Klaus würde es mir nachsehen, dass ich bei den Gedanken an ihn beinahe automatisch diese Assoziation hatte: Bald werden noch viele andere Stimmen verstummen, weil ihr Rundschau-Sprachrohr nicht mehr existiert.

Ade, Klaus Seifert.