…und immer wieder die Frage nach Wembley – Zum Tod der Dortmunder Torwart-Legende Hans Tilkowski

Große Trauer – nicht nur beim BVB: Die Torwartlegende Hans Tilkowski ist mit 84 Jahren gestorben. Aus diesem Anlass noch einmal ein (erstmals im Juli 2017 in ähnlicher Form erschienener) Beitrag des Gastautors Heinrich Peuckmann über den legendären Torhüter von Borussia Dortmund und Westfalia Herne:

Untrennbar war seine Fußballkarriere mit einem einzigen Tor verbunden. „Herr Tilkowski“, riefen ihm bis zuletzt wildfremde Menschen zu, „ich habe da mal eine Frage.“ Und noch im Umdrehen antwortete er: „Der war nicht drin!“ Hans Tilkowski und das Wembley-Tor, er wurde es einfach nicht los.

Torwart-Legende Hans Tilkowski an seinem 70. Geburtstag im Juli 2005. (Foto: Helmut S. / Redaktion "Die Kirsche" - Permission: Wikimedia Commons) - Permission: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Hans_Tilkowski.jpg&action=edit

Hans Tilkowski an seinem 70. Geburtstag im Juli 2005. (Foto: Helmut S. / Redaktion „Die Kirsche“ – Wikimedia Commons)

1966 hat dieses Tor, das keines war, das WM-Finale entschieden, die Engländer wurden  Weltmeister, Hans Tilkowski blieb die Ehre, Torhüter im Endspiel einer Fußball-Weltmeisterschaft gewesen zu sein.

Vor oder hinter der Torlinie?

Der aserbaidschanische Linienrichter Tofiq Bachramow hat die folgenreiche Entscheidung nach einem Schuss von Geoff Hurst getroffen. Tilkowski hatte den Ball noch mit den  Fingerspitzen berührt und an die Unterkante der Latte gelenkt, von wo er, da war er sich sicher, auf und nicht hinter die Torlinie tickte. Schiedsrichter Dienst aber folgte der Meinung von Bachramov und erkannte auf Tor. Es war das 3:2 für England und die Entscheidung bei dieser WM. 

Als 2009 die deutsche Fußballnationalmannschaft in einem WM-Qualifikationsspiel gegen Aserbaidschan antreten musste, sind Tilkowski und ich im Vorfeld des Spiels nach Baku gereist. Bachramow war nämlich nicht einfach nur ein Linienrichter, er war später der berühmteste Fußballfunktionär des Landes geworden, er hat den Verband nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion gegründet. Es gibt eine Briefmarke mit seinem Konterfei, nach seinem Tod wurde das Nationalstadion nach ihm benannt und überlebensgroß, in Bronze gegossen, steht sein Denkmal davor.

Eine versöhnliche Rede an den früheren Linienrichter

Der aserbaidschanische Fußballverband und Vertreter der deutschen Industrie wünschten sich vor dem Länderspiel eine versöhnliche Geste. Was lag da näher, als Hans Tilkowski einzuladen? Und wenn es um Werte wie Versöhnung oder soziales Engagement geht, war Tilkowski immer ansprechbar. Da lebte fort, was er als Kind einer Bergarbeiterfamilie in Dortmund-Husen erfahren hat, Solidarität nämlich und ein tief empfundenes Gerechtigkeitsgefühl.

Vor der versammelten Presse, vor Fernsehen, Funktionären und Regierungsvertretern hat er in Baku, unter dem Bachramow-Denkmal stehend, eine beeindruckende Rede zur Fairness im Sport gehalten. Der erste Satz stand natürlich schon beim Abflug fest: „Der Ball war nicht drin.“ Aber dann wies Tilkowski auf die völkerverbindende Funktion des Fußballs hin, der es immer wieder schaffe, Menschen zusammen zu führen und so seinen Beitrag zu leisten zu einer friedlichen Welt. Zum Schluss hob er den Kopf und  sprach das Denkmal direkt an: „Tofiq, wenn du noch leben würdest, hätten wir garantiert ein schönes Gespräch über Fairplay im Sport.“

Es begann beim Vorortverein SV Husen

Das kam gut an, Tilkowski war ein überzeugender Botschafter des deutschen Fußballs. Trotz solcher Momente, seine Karriere auf das  Wembley-Tor zu reduzieren, ist aber ebenso falsch  wie ungerecht. Beim SV Husen, dem Dortmunder Vorortverein, hat er begonnen, Fußball zu spielen. Ganz nebenbei hat er auch noch geboxt, es waren die beiden Sportarten, die Arbeiterjungen im Ruhrgebiet damals gerne ausübten. Samstags boxen, sonntags Fußball.

Der Fußball war aber doch Tilkowskis große Liebe. Nach der Zwischenstation beim SuS Kaiserau, dem Verein im Schatten der Sportschule, wo er schon als ganz junger Mann in der ersten Mannschaft spielte, wechselte er 1955 zu Westfalia Herne in die Oberliga. Fußballlegende Ernst Kuzorra hätte ihn gerne „auf Schalke“ gesehen, aber Tilkowski hatte die Sorge, an deren Stammtorwart Orzessek nicht vorbeizukommen. Und er wollte vor allem eins, nämlich spielen.

Als Sepp Herberger aufmerksam wurde

Seine Entscheidung erwies sich als goldrichtig, Trainer Fritz Langner vertraute dem jungen Torwart und Westfalia konnte, nicht zuletzt dank seiner tollen Paraden und seines noch besseren Stellungsspiels, jahrelang die Klasse halten. Schnell fiel er Bundestrainer Herberger auf, der Torhüter ohne Showeinlagen liebte, und im April 1957 war es so weit. Beim Länderspiel in Amsterdam, das 2:1 gewonnen wurde, stand der junge Hans Tilkowski zum ersten Mal im Tor der deutschen Nationalmannschaft. Auf insgesamt 39 Einsätze hat er es gebracht und war damit für einige Zeit Rekordnationaltorhüter.

1959 wurde dann zum großen Jahr von Westfalia Herne. Noch vor den Großvereinen Schalke und Borussia Dortmund wurde völlig überraschend die westdeutsche Meisterschaft gewonnen. Bei der darauf folgenden Endrunde zur Deutschen Meisterschaft fehlte den Spielern allerdings die Kraft. Fritz Langner, unsterblich mit der Trainingsanweisung „Ihr fünf spielt jetzt vier gegen drei“, hatte wohl zu hart trainieren lassen.

Funkstille mit dem Bundestrainer

In dieser Zeit stieg Tilkowski zum Stammtorhüter der Nationalmannschaft auf. Er bestritt alle Qualifikationsspiele für die WM 1962 in Chile, beim Turnier selbst aber  erlebte er eine bitterböse Überraschung. Nicht er durfte nämlich spielen, sondern der unerfahrene Wolfgang Fahrian. Vier Jahre vorher hatte Herberger Tilkowski nicht zur WM in Schweden mitgenommen, weil er zu jung sei und zu wenige Länderspiele bestritten hätte. Vier Jahre später war Fahrian noch jünger und hatte noch weniger Länderspiele als Tilkowski 1958 bestritten. Der hat mit dem Bundestrainer danach für einige Zeit kein Wort mehr gewechselt.

Eineinhalb Jahre lang herrschte Funkstille zwischen den beiden, denn Tilkowski hatte seinen Stolz und ein bisschen war er auch ein westfälischer Dickkopf. Er stand in dieser Zeit trotzdem im Blickpunkt des Fußballs. 1964, mit Einführung der Bundesliga, war er  zu Borussia Dortmund gewechselt und lieferte mit dem Verein glanzvolle Spiele im Europapokal, vor allem gegen Titelverteidiger Benfica Lissabon.

1966 Europapokalsieger mit dem BVB

Tilkowski hielt in diesen Spielen, was zu halten war und immer auch ein bisschen mehr. Sogar in eine Europaauswahl wurde er berufen. Schließlich war es Herberger, der ganz gegen seine Gewohnheit nachgab. Ob er ihn mal anrufen dürfe, hat er ihn beim Bankett nach einem Europapokalspiel gefragt. Er durfte und am Neujahrstag 1964 stand Tilkowski wieder im Tor der Nationalmannschaft. Es war aber kein guter Neueinstand, das Spiel gegen Algerien ging mit 0:2 verloren.

Mit Borussia Dortmund feierte Tilkowski weiter Erfolge. 1965 wurde die Mannschaft Pokalsieger und im Jahr darauf gewann sie als erste deutsche Mannschaft einen Europapokal, den der Pokalsieger. Nach Libudas sagenhaftem Heber aus vierzig Metern wurde Liverpool in Glasgow mit 2:1 geschlagen.

Die deutsche Meisterschaft hätte die Mannschaft  auch gewinnen können. Trainer „Fischken“ Multhaup wollte den Feiern aus dem Wege gehen und die Mannschaft für die letzten Bundesligaspiele abseits vom Trubel in aller Ruhe vorbereiten, aber das ließ sich in Dortmund, das im Freudentaumel lag,  nicht durchsetzen. Nach vielen Feiern gingen die letzten drei Spiele allesamt verloren,  1860 München überflügelte im letzten Moment die Borussia und wurde Deutscher Meister. So blieb Tilkowski, 1965 Fußballer des Jahres, der Meistertitel verwehrt.

Zwei Jahre spielte er noch bei Eintracht Frankfurt, dann begann er eine Karriere als Trainer. Werder Bremen, der 1. FC Nürnberg, auch AEK Athen waren u.a. seine Wirkungsstätten.

Soziales Engagement – vor allem für Kinder

Danach engagierte sich Tilkowski für Sozialprojekte, für das Friedensdorf in Oberhausen zum Beispiel, wo in Kriegen verwundete Kinder operiert und wieder  gesund gepflegt werden. Er sammelte Geld für Aktionen der Unicef, für leukämiekranke Kinder und vieles mehr. Eine Hauptschule in Herne ist nach ihm benannt worden. Natürlich sorgte Tilkowski dafür, dass diese  Multikulti-Schule einen Bolzplatz bekam, getreu seinem Motto, dass der Fußball über alle Unterschiede hinweg Gemeinschaft stiftet.

Außerdem war er Botschafter für den westfälischen Fußball-  und Leichtathletikverband und wies beharrlich daraufhin, dass Westfalen und das Ruhrgebiet viel zu bieten haben, auch im Sport. Er musste in dieser Eigenschaft oft in die Sportschule Kaiserau, wo er als junger Spieler unter Leitung von Dettmar Cramer seine Torwartausbildung erfuhr und wo inzwischen ein Neubau nach ihm benannt wurde. So schloss sich bei ihm, der immer wieder gerne nach Kaiserau zurückkam, der Kreis.

Auch mit über 80 noch drahtig und rege

Skandale ware Tilkowski fremd. Er war noch immer mit seiner Frau Luise, mit der er drei Kinder hat, verheiratet.

Wer diesen drahtigen, geistig regen und immer, wenn es um eine gerechte Sache ging, streitbaren Mann sah, mochte ihm das Alter von über 80 Jahren kaum abnehmen. Er müsste, so dachte man, nur seine Torwartkluft anziehen, dann könnte es wieder losgehen…




„Niepo“, „Ente“ und all die anderen: Spitzenfußballer, die nie das deutsche Nationaltrikot getragen haben

Die deutschen Nationaltrikots von 1954 bis zur WM 2018. (© Nils Römling / www.deutschlandtrikot.de) Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/

Die deutschen Nationaltrikots von 1954 bis zur WM 2018. (© Nils Römling / www.deutschlandtrikot.de) Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/

Gastautor Heinrich Peuckmann über großartige Fußballer, die den Sprung ins Nationalteam nicht geschafft haben:

Warum hat Bundestrainer „Jogi“ Löw auf Leroy Sané verzichtet? Hätte er nicht besser Julian Brandt nach Hause schicken sollen, der dieselbe Position im Team spielt? Oder hätte er beide mitnehmen und Rudy nach Hause schicken sollen? Rudy, was will er denn mit dem? Fragen über Fragen.

Dabei ist es auch interessant, nachzuforschen, welche Fußballstars es gab, die niemals Nationalspieler wurden und vor allem, aus welchen Gründen. Spieler zum Beispiel aus dem Ruhrgebiet, deren Klasse unbestritten war und die bei dem jeweiligen Bundestrainer trotzdem keine Chance bekamen.

Ob Dortmund, Schalke oder Essen – viele Könner wurden übergangen

Paul Matzkowski, überdurchschnittlich guter Spieler beim FC Schalke 04, wurde um 1940 herum zu einem Sichtungslehrgang des DFB eingeladen, den weiteren Sprung ins Nationalteam schaffte er aber nicht, weil er beim Fragebogen, der ihm vorgelegt wurde, weder die Mitgliedschaft in der NSDAP, der HJ oder Arbeitsfront ankreuzen konnte. Da schimmerte eine Einstellung auf, die den Nazis nicht passte. Erst nach dem Krieg, schon über 30 Jahre alt, kam er zu einem B-Länderspiel.

Wenn man Kenner von Borussia Dortmund fragt, welcher Spieler der beste war, der jemals das schwarzgelbe Trikot getragen hat, fällt sofort der Name Max Michallek. „Spinne“, wie er wegen seiner langen Beine genannt wurde, gehörte zu Borussias Meistermannschaft, die 1956 und 57 in gleicher Aufstellung zweimal hintereinander Deutscher Meister wurde. Er war ein Supertechniker, war Spielgestalter und Torjäger zugleich, aber für Sepp Herbergers Nationalmannschaft reichte es trotzdem nicht.

Sepp Herberger mochte eben Kaiserslautern noch lieber

Von Michalleks Klasse gab es in Deutschland nur noch einen Spieler, und das war Fritz Walter, Herbergers Lieblingsspieler, um den herum er die Nationalmannschaft aufbaute, die 1954 Weltmeister wurde. Werner Liebrich aus Fritz Walters Club Kaiserslautern wurde deshalb Mittelläufer in der WM-Elf, nicht Max Michallek aus Dortmund.

Bundestrainer Sepp Herberger im Mai 1956. (Foto: Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst / Zentralbild-Beyer Bey-Ho / Bundesarchiv Bild Nr. 183-38701-0032) Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.de

Bundestrainer Sepp Herberger im Mai 1956. (Foto: Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst / Zentralbild-Beyer Bey-Ho / Bundesarchiv Bild Nr. 183-38701-0032) Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.de

Schon zu jener Zeit wurde das als äußerst ungerecht empfunden und über alle möglichen Gründe für die Nichtbeachtung spekuliert. Lag es daran, dass Michallek als Ruhrgebietskind eben SPD wählte, während Herberger bekanntermaßen konservativ war? Oder daran, dass Max, ebenfalls typisch fürs Ruhrgebiet, abends gern sein Bierchen trank? Alles Quatsch, sagen jene Nationalspieler, die beide kannten. Herberger mochte Michallek, er ließ auch immer Grüße an ihn ausrichten, nur den 1. FC Kaiserslautern mochte er eben mehr.

Auch noch so viele Tore halfen nicht

Mittelstürmer bei Borussia war damals Alfred Niepieklo, der in den beiden gewonnenen Endspielen drei Tore schoss. In der Saison 1956/57 erzielte er 44 Treffer, davon 10 in der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft. Für die Nationalmannschaft reichte es trotzdem nicht. Herberger hatte sich auf den Stuttgarter Erwin Waldner versteift, der immer wieder eine Chance bekam und doch nie den Durchbruch schaffte.

1954 wurde das Übergehen von Niepo, wie er in Dortmund gerufen wurde, mehr als augenfällig. Da besiegte eine westdeutsche Auswahl das damals noch unabhängige Saarland mit 7:0. Vierfacher Torschütze war Niepo. Wenig später spielte Herbergers Nationalmannschaft in der Qualifikation zur WM 1954 gegen eben dieses Saarland und gewann mühevoll mit 3:1. Die gesamte Truppe schoss also weniger Tore als Niepo.

Oberschenkel vom Umfang eines alten Eichenstamms

August Gottschalk war der unbestrittene Kopf der Meistermannschaft von Rot-Weiß Essen, mit ihr wurde er 1953 Pokalsieger und 1955 Meister. Als Mittelläufer schoss er in 172 Oberligaspielen knapp 100 Tore und wurde mehrfach in die westdeutsche Auswahl berufen. Aber fast alle Spieler um ihn herum, aus der Abwehr Willi Köchling, Clemens Wintjes und Heinz Wewers, aus dem Sturm Helmut Rahn und Berni Termath, schafften den Sprung ins Nationalteam, nur nicht August Gottschalk, dessen Oberschenkel übrigens den Vergleich mit dem Stamm einer hundertjährigen Eiche nicht zu scheuen brauchten. Wenn man alte Fans auf die Essener Meistermannschaft anspricht, kommen neben Anekdoten über den WM-Helden von 1954 Helmut Rahn sofort Geschichten über den stämmigen August Gottschalk und seine Oberschenkel.

Von dem Mittelfeldspieler und Spielgestalter Dieter Bast meinte selbst der gestrenge Trainer Max Merkel, dass er garantiert 50 Länderspiele bestritten hätte, wäre er nur Spieler bei den damaligen Spitzenmannschaften Bayern München oder Borussia Mönchengladbach gewesen. Bast konnte alles. Er war ein Supertechniker, konnte ein Spiel gestalten, es langsam oder schnell machen, je nachdem, was gerade erforderlich war und torgefährlich war er noch dazu. In 400 Bundesligaspielen schoss er über 50 Tore. Aber Bast ging nicht zu den Großvereinen seiner Zeit, er spielte lieber für  Rot-Weiß Essen, den VfL Bochum und Bayer Leverkusen, wodurch er nie  Europapokalspiele bestreiten konnte und folglich nicht im Brennpunkt stand. Mit vier B-Länderspielen und 14 Einsätzen in der Olympiaauswahl durfte er sich trösten.

Betrübliche Beispiele auch aus Hamburg und Stuttgart

Für Thomas von Heesen, um den Blick mal über das Ruhrgebiet hinaus zu lenken,  gilt Ähnliches. 1983 gewann er mit dem Hamburger SV sogar den Europapokal der Landesmeister, 1982 und 83 wurde er Deutscher Meister. Auch von Heesen konnte ein Spiel gestalten, freilich stand er dabei etwas im Schatten von Felix Magath, aber er hätte wirklich mal eine Chance verdient gehabt, zumal er ebenfalls torgefährlich war. Gut 100 Tore hat er in der Bundesliga geschossen. Einmal ist er auch zu einem Länderspiel eingeladen worden, wurde aber nicht eingewechselt.

Torgefährlich war der Namensvetter, der „kleine“ Fritz Walter, der bei Waldhof Mannheim und dem VfB Stuttgart gespielt hat, auf jeden Fall. 157 Tore schoss er in knapp 350 Bundesligaspielen, also fast in jedem zweiten Spiel eines. 1992 wurde er nicht nur Meister mit dem VfB, sondern auch Torschützenkönig in der Bundesliga. Aber  er hatte das Pech, Spieler von der Klasse eines Klinsmann oder Völler vor sich zu haben, an denen der kleinere und darum weniger kopfballstarke Fritz Walter nicht vorbeikam.

Wenn man bedenkt, welche Stürmer später eine Chance bekamen (der hüftsteife Jancker, der ungefährliche Paolo Rink usw.), ist es schade, dass der kleine Fritz Walter nur ein einziges Mal, und das für sechs Einsatzminuten, berufen wurde. Acht Länderspiele für die Olympiaauswahl hat er zudem bestritten und 1988 bei der Olympiade in Seoul die Bronzemedaille gewonnen, zusammen mit den späteren Weltmeistern Klinsmann und Hässler. Was sicherlich ein Trost ist.

Der Vater von Willi Lippens konnte Deutschland nicht vergeben

Manche, die nie berufen wurden, haben sich das allerdings auch selbst verdorben. Otto Luttrop aus Altenbögge bei Hamm, der lange bei Westfalia Herne spielte und den seine Fans „Atom-Otto“ nannten, weil er aus 40 Metern aufs Tor schießen und treffen konnte, wurde von Helmut Schön 1965 zum Länderspiel gegen Italien eingeladen, erst einmal nur für die Ersatzbank, wie Schön ihm mitteilte. „Auf die Ersatzbank können Sie sich selber setzen“, hat Otto Luttrop geantwortet. Ein Fehler, wie der sturköpfige Westfale, der vor wenigen Monaten verstarb, anschließend erfuhr, denn Schön sprach ihn nie wieder an.

Willi „Ente" Lippens am 27. Dezember 1970, als er (ein einziges Mal) für die Nationalmannschaft antrat – für die niederländische. (Foto: Joost Evers / Anefo / Nederlands Nationaal Archief - Creative Comons. Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.en)

Willi „Ente“ Lippens am 27. Dezember 1970, als er (ein einziges Mal) für die Nationalmannschaft antrat – für die niederländische. (Foto: Joost Evers / Anefo / Nederlands Nationaal Archief – Creative Comons. Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.en)

Einer der besten Linksaußen, den die Bundesliga jemals hatte: Willi, genannt „Ente“ Lippens von Rot-Weiß Essen, später Borussia Dortmund, hat dummerweise auf seinen Vater gehört, als Schön ihn mehrfach bat, doch für die Nationalmannschaft zu spielen. Vater Lippens war Holländer und hat den Nazis nie verziehen, dass sie sein Heimatland überfallen hatten. Für die Bundesrepublik, das Nachfolgeland, sollte sein Sohn deshalb auf keinen Fall spielen, fand er. Auch dies war ein Fehler, wie „Ente“ heute weiß. 1974, als die Deutschen zum zweiten Mal Weltmeister wurden, wäre er dabei gewesen, auf vierzig, fünfzig Länderspiele hätte er es locker gebracht, aber da war ja der Wille seines Vaters, der im übrigens selber inkonsequent handelte. Während Sohnemann nicht für Deutschland spielen sollte, hatte er sich eine deutsche Ehefrau gesucht.

„Hau ab, du kannst ja nicht mal richtig laufen!“

So kam es zu der merkwürdigen Folge, dass der waschechte Ruhrgebietsjunge mit dem unverwechselbaren Slang („Woh, ey“) einmal für die holländische Nationalmannschaft spielte. Beim 5:1-Sieg gegen Luxemburg schoss er sogar ein Tor, aber mit den damaligen Stars Neeskens und Cruyff konnte er sich nicht verständigen. „Ente“ konnte kein Wort holländisch. So blieb es bei dem einen Einsatz.

Wer sich übrigens über seinen Spitznamen wundert, hat ihn nie spielen sehen. Willi Lippens hatte einen Gang, der einmalig war. Wie eine Ente watschelte er über den Rasen, weshalb ihn Trainer Witzler, als „Ente“ sich für einen Profivertrag bei Schwarzweiß Essen vorstellte, mit der Bemerkung wegschickte: „Hau ab, du kannst ja nicht mal richtig laufen!“ Ein Irrtum, wie die spätere Karriere zeigte.

„Ente“ hatte Humor, er trickste seine Gegenspieler nicht nur aus, er führte sie vor. Einen Trick und noch einen und einen dritten hinterher, obwohl der Weg zum Tor längst frei war. Klar, dass das Publikum ihn dafür liebte. Sein Lieblingsgegner war übrigens Berti Vogts, der schon in der Woche vorher Magenschmerzen hatte, wenn er wusste, dass er am Samstag gegen „Ente“ spielen musste. Als ihn mal ein Schiedsrichter mit den Worten ansprach: „Ich verwarne Ihnen!“, antwortete „Ente“: „Da danke ich Sie.“ Worauf er vom Platz flog. Ungerecht natürlich und überhaupt das alles nur, weil er als Ruhrgebietsjunge gutes Deutsch spricht.

So bleibt „Ente“ den Fans viel lebhafter in Erinnerung als mancher Nationalspieler, der längst vergessen ist. Was bestimmt ein Trost ist.




„Gefährliches Spiel“ – Heinrich Peuckmanns wahre Geschichten über Fußball mit schrecklichen Folgen

Ein Fußballspiel auf dem Roten Platz in Moskau? Es klingt wie eine skurrile PR-Idee für die bevorstehende WM in Russland. In Wahrheit traten dort wirklich einmal zwei Mannschaften gegeneinander an – mit brutalen Folgen.

Es kämpften damals, 1936, Dynamo Moskau und Spartak Moskau um den Sieg. Diktator Stalin sollte mal ein Fußballspiel zu sehen bekommen, deshalb ein Ort in unmittelbarer Nähe zum Kreml. Dass vier Spieler, die bekannten Brüder Starostin, wegen des Erfolgs von Spartak Jahre später in einen Gulag deportiert wurden, hat Stalins Geheimdienstchef Berija entschieden. Der war ein entschiedener Gegner der Siegerelf.

An diese Begegnung erinnert Heinrich Peuckmann in seinem Buch „Gefährliches Spiel“, das unter dem Gattungsbegriff Novelle erschienen ist.

Wie fatal das Zusammenspiel von Fußball und Politik sein kann, zeigt der in Kamen lebende Schriftsteller auch in der zweiten Novelle. Peuckmann beschreibt eine fiktive Begegnung des einstigen HSV-Stürmers und Kapitäns der deutschen Fußballnationalmannschaft in den 20er Jahren, Tull Harder, mit seinem ehemaligen Mannschaftskollegen Björn Halvorsen.

Täter und Opfer aus den Reihen des Hamburger SV

Es ist ein Treffen von Täter und Opfer, ließ sich doch Harder von der SS anheuern, wurde Kommandant in mehreren Konzentrationslagern und war damit auch für das KZ Neuengamme zuständig, in das die Nazis Halvorsen deportiert hatten. Der Norweger, der mit dem HSV mehrere Titel holte, war mit der Machtergreifung der Nazis in seine Heimat zurückgekehrt und hatte sich nach der Besetzung Norwegens durch NS-Deutschland dem Widerstand angeschlossen.

Der Autor zeichnet in Rückblenden nach, wie der beliebte Stürmer („Wenn er spielt, der Harder Tull, steht es bald drei zu Null“) sich von der SS ködern ließ, die ihn zum Helden stilisierte, als seine Karriere schon Geschichte war. Gern sang man auch gemeinsam deutschnationale Lieder, die ganz nach dem Geschmack des Spielers waren.

Auch wenn die Darstellung in dem Buch den Eindruck erweckt, als habe sich Harder eher überwältigt als freiwillig den Nazi-Schergen angeschlossen, wird er zu deren willfährigem Lakai. Halvorsen wiederum kam in Haft, zunächst in ein KZ in Norwegen. Nach der Deportation in ein deutsches Konzentrationslager erkrankte er an Typhus und litt auch nach Ende des Krieges bis zu seinem frühen Tod 1955 unter den Spätfolgen von Krankheit und Unterernährung.

Tull Harder wollte von seiner SS-Zeit nicht mehr hören

Das Aufeinandertreffen der einstigen Mannschaftskameraden vor der Kulisse des WM-Qualifikationsspieles Deutschland-Norwegen im Jahr 1953 geht unter die Haut. Die drängende Frage von Halvorsen, ob sein Teamkollege ihn denn nicht gesehen habe, damals im KZ Neuengamme, quittiert Harder mit dem Verweis, nichts mehr hören zu wollen von alledem. Das sei doch alles lange her.

Überhaupt betreibt der frühere HSV-Stürmer – Peuckmann zufolge – eine Geschichtsklitterung, die ihresgleichen sucht und kann sich darin auch bestätigt fühlen. Nachdem er von einem britischen Militärgericht als Kriegsverbrecher zu 15 Jahren Haft verurteilt wird und bereits nach fünf Jahren freikommt, wird ihm überall Lob und Ehre zuteil.

Peuckmann geht in dem Buch noch auf ein Begebenheit viele Jahre nach dem Tod von Harder ein, die auch zeigt, welch schwieriges Erbe der Umgang mit seiner Person darstellt: Als 1974 zur WM der HSV eine Broschüre drucken ließ, in der Harder als Vorbild für die Jugend präsentiert wurde (neben Uwe Seeler und Jupp Posipal, dem Weltmeister von 1954) hat der „halbe Vorstand“ des Vereins noch in letzter Minute vor der Veröffentlichung die Seite über den früheren Erfolgsstürmer herausgerissen.

Karlsruher Stürmer ins Exil getrieben

Im dritten Kapitel schildert Peuckmann das Schicksal von Gottfried Fuchs, der ein für die deutsche Nationalelf einen immer noch gültigen Rekord aufstellte, gelang es ihm doch, 1912 gegen Russland zehn Tore (Endstand: 16:0) zu erzielen. Auch darüber hinaus hatte Fuchs eine sehr ansehnliche Torbilanz. Der Stürmer des Karlsruher FV war jüdischer Abstammung, die er selbst gern mit gewisser Ironie betrachtete. Er sah sich dann aber mit dem Aufstieg der Nazis zur Flucht gezwungen und fand in Kanada eine neue Heimat.

Sepp Herberger, erster Bundestrainer im Nachkriegsdeutschland, wollte 1972 Fuchs zur Einweihung des Münchner Olympiastadions und zum Spiel Deutschland-Sowjetunion auf Kosten des DFB einladen. Doch die Spitze des Verbandes lehnte mit dem Hinweis ab, man würde einen Präzedenzfall schaffen und das sei angesichts der Finanzlage problematisch. Godfrey Fochs, wie er später hieß, erhielt diese Nachricht nicht mehr, er war kurz vorher gestorben. Herberger hatte sich damals übrigens an den DFB-Vize Hermann Neuberger gewandt, der als Verbandschef im Jahr 1978 über den Juntachef von Argentinien, das vor 40 Jahren WM-Gastgeber war, meinte: „Ich halte ihn für eine Taube. So wird er ja auch allgemein, glaube ich, gesehen.“ (Quelle: Süddeutsche Zeitung)

Peuckmanns Geschichten geben mancherlei Anlass, über die Rolle des Fußballs und seiner Akteure nachzudenken – übrigens auch mit Blick auf den aktuellen WM-Gastgeber Russland.

Heinrich Peuckmann: „Gefährliches Spiel. Fußball um Leben und Tod“. Kulturmaschinen-Verlag. 122 Seiten, 10,80 Euro.

Infos zum Verlag: https://kultur-und-politik.de