Dortmund im Zwiespalt: Revier, Westfalen oder beides?

Die WESTFALENhalle bei Nacht, aus einem fahrenden Auto heraus aufgenommen im März 2008. (Foto: Bernd Berke)

Tja, Westfalen. Gut und schön. Aber wohin wendet man sich heimatlich, wenn einen das Leben nach Dortmund verschlagen hat?

Die Stadt nennt sich seit Jahrzehnten „Westfalenmetropole“ (und wetteifert dabei mit dem kleineren, aber doch wohl feineren Münster), reklamiert aber auch – mit nicht weniger Recht – für sich, die größte Gemeinde des Ruhrgebiets zu sein. Zumindest nach Einwohnerzahl gerechnet, lässt die Stadt auch (das beinahe schon rheinische) Essen hinter sich.

Sicher, Westfalen hat eindeutig die längere Tradition und hat just 2025 gar das 1250. Jubiläum gefeiert, die Datierung des Namens ist durch historische Zeugnisse unzweifelhaft belegt. Das Ruhrgebiet ist hingegen erst im 19. Jahrhundert entstanden. Wollte man sich also auf Althergebrachtes beziehen, müsste Westfalen zur Wiege erkoren werden. Damit gehen sozusagen ländlich-sittliche Assoziationen einher, ein zu großen Teilen bäuerlich geprägter Lebenswandel wäre die ursprüngliche Grundlage.

Mit dem Revier verhält es sich gründlich anders. Hier, in diesem Schmelztiegel aus so vielen Herkünften, zählt denn doch eher das städtische Treiben, wobei die vielen Vororte oft ländlich oder vollends gestaltlos zersiedelt anmuten. Dortmund ist freilich, sehr lange vor Kohle, Stahl, Bier und Fußball, Hansestadt und Freie Reichsstadt gewesen, an Tradition den anderen westfälischen Landstrichen jedenfalls ebenbürtig. Als „Throtmanni“ wurde es schriftlich bereits zwischen 880 und 884 erwähnt. Das wäre dann auch rund 1145 Jahre her. Kaum zu glauben, wenn man sich heute durch die Stadt bewegt, die im Weltkrieg so zerstört wurde wie kaum eine andere.

Torjubel im WESTFALENstadion, Aufnahme aus dem März 2012. (Foto: Bernd Berke)

Der Zwiespalt hat sich beispielsweise auch in den Titeln der örtlichen Dortmunder Zeitungen manifestiert. Da trat eben die Westfälische Rundschau gegen die Ruhrnachrichten an. Anders gewendet und in die Nachbarschaft geblickt: Bochum hat sein Ruhrstadion, Dortmund sein (kommerzhalber anders beschriftetes) Westfalenstadion und die Westfalenhalle.

„Ruhrpottkind, auf Kohle geboren“,

so lautet eine vielfach verwendete, lakonisch klingende, doch fast schon pathetische Selbstkennzeichnung, die manche Leute als Tattoo mehr oder weniger unauslöschlich mit sich herumtragen. Vor allem aus Kindertagen weiß ich, was das auch bedeutet. Ruß und Rauch überall, in gewisser Verdünnung bis hinein in die etwas betuchteren Stadtteile. Zuweilen Atemnot und stets schnellstens ergraute weiße Wäsche, was einen als Kind allerdings weniger betrübt. Na, und so weiter. Ginge es nur ums bessere Image, so müsste sich Dortmund flugs zur westfälischen Kapitale erklären.

Seit den rußigen Zeiten hat es so manchen Strukturwandel gegeben, so dass Dortmund heute mit großen Versicherungen und Software-Firmen längst nicht mehr spezifisch regional geprägt ist – weder sonderlich westfälisch noch reviertypisch. Über Jahrzehnte hatten wir Dortmunder mit Bewohnern Duisburgs oder Gelsenkirchens sicherlich mehr gemeinsam als etwa mit Bielefeld oder Siegen. Heute spielen die Unterschiede keine solche Rolle mehr.

Der Florianturm im WESTFALENpark, aufgenommen im Januar 2014. (Foto: Bernd Berke)

Als ich mich irgendwann etwas mehr für meine Vorfahren interessiert habe, habe ich durch Recherchen genauer herausgefunden, dass ein wesentlicher Familienzweig aus Beckum stammte, also einer urwestfälischen Gegend. Andere Äste und Zweige des Stammbaums führten nach Thüringen, aber das lassen wir hier mal beiseite.

Hat man nur lange genug in Westfalen gelebt, so berühren Heinrich Heines berühmte Zeilen über Westfalens Bewohner als „sentimentale Eichen“ tatsächlich noch heute einen Nerv; sogar dann, wenn man selbst nicht gerade als Eiche verwurzelt ist. Woran mag es wohl liegen? Sehnt man sich doch noch nach einer solchen Identifikation? Ganz ehrlich: Mich persönlich spricht Heines Dichtung mehr an als die proletarische Prosa eines Max von der Grün. Mit der Bergmannskultur konnte meine Generation nicht mehr so viel anfangen.

Vielleicht muss der doppelte Einfluss aus Westfalen und dem „Pott“ ja gar nicht so widersprüchlich sein. Möglicherweise hat er sich in der alten Zuspitzung erledigt. Wir sind doch, eigentlich von jeher und erst recht heute, ganz andere, vielfältigere Mischungsverhältnisse gewohnt. Dortmunds Bürgerinnen und Bürger stammen aus rund 180 Nationen. Und wenn nun gerade deshalb eine Neigung zum Heimatlichen aufkäme? Aber wenn die auch andere Wurzeln gleichwertig gelten ließe? So viele Konjunktive…

_________________________________

Der Beitrag stand, anders illustriert, ursprünglich in der allerletzten Ausgabe des Kultur- und Gesellschafts-Magazins WESTFALENSPIEGEL, das zum Jahresende 2025 leider eingestellt worden ist.




Fiktion und Realität der Geschlechterrollen: Siri Hustvedts „Die gleißende Welt“

Ein Roman als fingierte Spurensuche und literarische Schnitzeljagd: Die Autorin Siri Hustvedt verkleidet sich als Herausgeberin und präsentiert Dokumente, Notizhefte, Interviews, um Leben und Werk der (fiktiven) Künstlerin Harriet Burden zu rekonstruieren.

Die 2004 verstorbene Harriet Burden hat zeitlebens mit Geschlechterrollen und Identitäten jongliert und kurz vor ihrem Tod ein entlarvendes künstlerisches Experiment gemacht: Um zu zeigen, wie frauenfeindlich die Kunstwelt ist, wie sehr die öffentliche Wahrnehmung von Kunst vom Geschlecht und der vermeintlichen Berühmtheit des Künstlers abhängt, hat sie mit Hilfe von Strohmännern ein Kunst-Projekt mit dem Titel „Maskierungen“ entworfen: Hinter den von drei männlichen Künstlern in New York ausgestellten Werken hat sich in Wahrheit Harriet Burden verborgen.

51+AGDv395L._SY344_BO1,204,203,200_

Was hat die Künstlerin umgetrieben, wie funktionierte ihr Experiment, und was haben all die unter dem Titel „Die gleißende Welt“ veröffentlichten (fiktiven) Dokumente mit der fast vergessenen (realen) englischen Schriftstellerin, Philosophin und Herzogin von Newcastle, Margaret Cavendish, zu tun, die 1666 einen utopischen Roman über „Die gleißende Welt“ herausbrachte?

Siri Hustvedt (geboren 1955) ist eine der bedeutendsten amerikanischen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Verheiratet ist sie mit dem – nicht minder bekannten – Autor Paul Auster. Mit „Was ich liebte“ gelang ihr der Durchbruch als international anerkannte Schriftstellerin. Auch mit brillanten Essays sorgt sie immer wieder für Aufsehen: In ihrem autobiografischen Buch „Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven“ versucht sie mit Hilfe von Neurologie und Psychologie der Ursache ihres Zitterns auf die Spur zu kommen.

Ihr neuer Roman „Die gleißende Welt“ ist ein Konzert widerstreitender Stimmen und führt uns in die New Yorker Kunstwelt. Es geht um Macht und Begierde, Geld und Ruhm und darum, dass die Realität oft nicht so ist, wie wir sie gern hätten und uns mit unseren Vorurteilen zurechtzimmern.

Siri Hustvedt zieht alle Register postmoderner Erzählweisen, tut es ihrer fiktiven Heldin Harriet Burden gleich und verbirgt sich hinter immer neuen Masken: ein furioses Spiel mit Rollenklischees und ästhetischen Kategorien, utopischen Fantasien und dem alltäglichen Sexismus, der unsere Wahrnehmungen und Wünsche beherrscht. Heute wie zu Zeiten von Margaret Cavendish, die nicht wegen des Inhalts ihrer Bücher angefeindet wurde, sondern weil sie es wagte, als Frau in eine Männerwelt einzudringen.

„Alle intellektuellen und künstlerischen Unterfangen, sogar Witze, ironische Bemerkungen und Parodien“, schreibt Siri Hustvedt alias Harriet Burden, „schneiden in der Meinung der Menge besser ab, wenn die Menge weiß, dass sie hinter dem großen Werk oder dem großen Schwindel einen Schwanz und ein paar Eier ausmachen kann.“

Siri Hustvedt: „Die gleißende Welt“. Roman. Aus dem Englischen von Uli Aumüller. Rowohlt Verlag, 491 S., 22,95 Euro.




Das verlorene Gesicht – Düsseldorfer Ausstellung „Ich ist etwas Anderes“ entwirft Visionen vom Ende der Identität

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Mit der menschlichen Identität, den fest gefügten Selbstbildern ist es mehr allzu weit her. Jedenfalls lautet so die Diagnose in der avancierten Kunst, die ja als Seismograph des Künftigen gilt. Unter Zersplitterungen, Verletzungen und Verformungen winden sich da die Restbestände des „Ich“.

Die Schau „Ich ist etwas Anderes“ erstreckt sich über die gesamte Fläche der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW. Mit Werken seit etwa 1970 und vielen klingenden Namen (Beuys, Warhol, Bruce Nauman usw.) rührt sie ans bedrohte Menschenbild, an den Realitäts-Schwund in Zeiten virtueller Netze und gentechnischer Manipulationen. Es ist eine Ausstellung, über deren Befunde man erschrickt und die überdies in die Wahrnehmung des Betrachters eingreift, so dass man von Selbst-Erfahrung im Museum sprechen kann.

Die Furien des Verschwindens

Grandios schon der Auftakt: Da schreit einem in grellem Rot das altarförmige „Triptychon“ (1983) des Francis Bacon entgegen, Schmerzensbild eines gänzlich isolierten, in sich verschraubten Körpers – geradezu eine masochistische Weihestätte des Ich-Verlustes.

Weitere Furien des Verschwindens: Maria Lassnig malt tief in die psychische Befindlichkeit dringende Selbstporträts. Der geschundene Frauenkörper löst sich auf in tier- und maschinenförmige Phantasmagorien, in monströse Ausgeburten des Selbst. Arnulf Rainer überpinselt mit heftig-aggressiven Strichen das eigene Antlitz, als sei es ohnehin nicht mehr gültig.

Während der Einzelmensch derart seine Konturen verliert, sammeln die Objekte gespenstische Kräfte. Christian Boltanski hat mit dem Sach-Inventar aus dem Leben einer verstorbenen alten Dame einen Raum gefüllt. Vom Bett bis zum Bügeleisen, von derSchallplatte bis zur Haarspange findet sich alltägliches Gebrauchsgut wieder. Daraus erwächst eine frappierend deutliche biographische Erzählung. Ist der Mensch verstummt, beginnen die Dinge zu sprechen.

Eine Frau ohne Augen, aber mit zwei Mündern

In ausgeklügelten Installationen, die oftmals den Betrachter (z. B. durch Verspiegelung oder lauernde Kameras) mit Psycho-Effekten fordernd einbeziehen, erlebt man alle denkbaren Stadien der Zersetzung und der Neu-Montage des Menschenbildes.

Doch es gibt auch Kabinette, die gleichsam Meditationsräume eröffnen, wie denn überhaupt die Schau an jedem zweiten Samstag mit Yoga-Übungen inmitten der Kunst spirituell flankiert werden soll. Andy Warhol und Jürgen Klauke dokumentieren mit Fotoserien Geschlechts-Umwandlungen, das zeitweilige Spiel mit sexueller Identität. Die Bosnierin Danika Dakic greift das Thema kultureller Identitäts-Spaltung auf. Ihr Videofilm zeigt eine Frau ohne Augen, aber mit zwei Mündern, die in verschiedenen Sprachen reden.

Monster aus der Zukunft

Rosemarie Trockel vergegenwärtigt die partielle Ich-Aufgabe in der Hinwendung zu einem Idol: Ihre Schwester schwärmte seinerzeit für Brigitte Bardot. Die Norwegerin Vibeke Tandberg hat sich eine Zwillingsfigur ausgedacht, dargestellt von ihr selbst und per Computer täuschend echt in Fotos einmontiert: Eine Frau ist zwei Schwestern…

Schließlich gelangt man in jenen Raum, in dem einem Kinder-Skulpturen sozusagen als geklonte Monster einer entmenschten Zukunft begegnen. Es ist, als wäre man in einen Horrorfilm geraten. Hernach ist man froh, draußen sein – aber auch froh, dass man drinnen gewesen ist.

„Ich ist etwas Anderes“. Kunstsammlung NRW, Düsseldorf. Bis 18. Juni. Tägl. außer Mo 10-20 Uhr. Eintritt 12 DM, Katalog 49,80 DM.

 




50 Künstler wollen Grenzen im Revier aufheben

Von Bernd Berke

Im Westen. Die Ruhr solle wohl nicht umgeleitet werden, aber sonst sei eigentlich „alles denkbar“. Thomas Rother, einer der Anreger des großangelegten Revier-Projekts „Grenzüberschreitung“, will den Spielraum der Phantasie nicht vorzeitig einengen und hofft auch auf Vorschläge aus der Bevölkerung.

So wurden denn beim gestrigen Künstlertreffen auf dem Gelände der stillgelegten Zeche Carl in Essen-Altenessen gerade die ersten Umrisse des Vorhabens deutlich. In den „Grauzonen des Reviers“, da wo eine Stadt in die andere übergeht, wollen ungefähr 50 Künstler aus dem ganzen Ruhrgebiet (u.a. aus Dortmund, Lünen, Selm und Bergkamen) „Grenzen überschreiten“ – Grenzen sowohl zwischen den Revierstädten als auch Grenzen in der Kunst.

Unterstützt werden sie vom Kommunalverand Ruhrgebiet und dem Verein pro Ruhrgebiet, der Spenden für die einzelnen Aktionen locker machen und bei rechtlichen Problemen helfen will. Vor allem Fragen baurechtlicher Art könnten sich stellen. Um nämlich die als künstlich empfundenen Revier-Grenzziehungen bewußt zu machen, will man sie eventuell sogar mit echten Brücken überwinden.

Eine der Zielsetzungen: Dem Revier, nachdem es die gemeinsame, identitätsstiftende Präsenz der Bergwerke verloren hat, ein neues, überörtliches Selbstbewußtsein zu verschaffen. Dabei soll, wie es hieß, die „Kaputtheit“ der Gegend, die ja auch ihre schönen Seiten habe, nicht unterschlagen werden.

„Spielerisch“ will man sich etwa auch mit unterirdischen Vernetzungen der Revierstädte (Bergwerksschächte, Kanalsystem) oder mit besonders sinnfälligen Grenzverläufen (z.B. trennende Jägerzäune zwischen Ortseingangsschildern) auseinandersetzen und damit „den Stadtplanern Anstöße geben“.