Ein riesiger Teddy als Lockmittel – „Sommer bei Nacht“, Jan Costin Wagners Krimi um Kindesentführungen

Die Mutter hat ihren fünfjährigen Sohn auf dem Flohmarkt in einer Grundschule nur für ein paar Minuten aus den Augen gelassen, da ist er schon spurlos verschwunden.

Zeugen wollen gesehen haben, dass er einen großen Teddy in den Armen hielt und mit einem Mann weggegangen ist. Aber mehr bringen weder die Mutter, die voller Angst mit der Suche beginnt, als auch die gleich eingeschaltete Polizei zunächst nicht in Erfahrung.

Der Leser ist da den Mitwirkenden schon ein Stück voraus, lernt er den Kindesentführer doch schon gleich am Anfang des Buches kennen. Jan Costin Wagner erzählt die Tat nämlich zunächst aus der Perspektive des Kidnappers. Der Spannung tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil. Denn was dieser Mann nun wirklich mit seinem Opfer vorhat und um welchen Typ von Täter es sich hier handelt, das sind Fragen, auf die es erst nach und nach Antworten gibt.

Geschickt schafft es Autor, den Eindruck zu erwecken, dass es nicht lange brauchen werde, um den Täter hinter Schloss und Riegel zu bringen. Denn beispielsweise stößt die Polizei recht bald auf zwei ähnlich gelagerte Fälle. Das eine Mal verschwand ein Flüchtlingsjunge aus Eritrea, das andere Mal blieb es zum Glück nur beim Versuch, ein Kind zum Mitgehen zu überreden. Als Lockmittel diente stets ein riesiger Teddy, sodass die Polizei hofft, über die Verkäufer solcher außergewöhnlichen Stofftiere weiterzukommen.

Spannung durch ständige Perspektivenwechsel

Doch ein schneller Fahndungserfolg bleibt aus. Stattdessen leiden die Familien der Opfer nicht nur unter dem Verlust ihrer Kinder, was schon schlimm genug ist, sie haben auch das Gefühl, versagt zu haben. Darüber kommt es in der Ehe der Eltern von Jannis, des Entführungsopfers auf dem Flohmarkt, fast zum Zerwürfnis.

Das Bild, das der Autor von den beiden ermittelnden Kommissaren Ben Neven und Christian Sandner zeichnet, ist sehr kontrastreich. So sehr sie auch mit großer Akribie recherchieren und um Aufklärung bemüht sind, ebenso stark scheinen sie auch mit privaten Problemen behaftet zu sein, die ihren Blick auf die Ereignisse auch trüben könnten. Mit Szenen aus dem Intimleben von Neven nährt der Verfasser zudem einen Verdacht, der, wenn er sich bewahrheiten sollte, der gesamten Handlung noch eine ganze neue Wendung geben könnte.

Überraschende Momente sind es ohnehin, die den Verlauf des Krimis prägen. Ohne zu viel zu verraten, lässt sich festhalten, dass der Kidnapper, den man als Hauptverantwortlichen ansieht, später noch einmal in einem anderen Licht erscheint. Zudem setzt der Autor sehr wirkungsvoll Spannungselemente ein, um die Leser im Unklaren zu lassen, ob die Eltern ihre Kinder je lebend wiedersehen werden.

Weil Jan Costin Wagner das Geschehen nicht an einem Stück erzählt, sondern immer wieder die Perspektive wechselt und aus Sicht der einzelnen Charaktere schreibt, bleibt die Frage nach dem Ausgang offen – bis zum Schluss.

Jan Costin Wagner: „Sommer bei Nacht“. Galiani Berlin, 320 Seiten, 20 Euro.




Diese hilflosen Menschen – Jan Costin Wagners Kurzgeschichtenband „Sonnenspiegelung“

SonnenspiegelungEin Flugzeug, das plötzlich vom Radar verschwindet und die Daheimgebliebenen ratlos zurücklässt. Der plötzliche Herztod eines glücklichen Familienvaters, der Frau und Kinder paralysiert zurücklässt. Verwaiste Kinder, verwaiste Eltern, eine Tochter auf Rachefeldzug, ein Ehemann kurz vor dem Amoklauf. In seiner ersten Anthologie „Sonnenspiegelung“ zeigt Jan Costin Wagner Menschen in Extremsituationen.

Acht ganz unterschiedliche Geschichten, so unterschiedlich wie das Leben selbst und der Tonfall, in dem sie geschrieben sind, nehmen den Leser mit in Abgründe, die er – vielleicht – kennt, sich aber ungern eingesteht.

Es sind sorgfältig komponierte Geschichten, in denen Wagner mit wenigen Worten dichte Szenarien zu erschaffen vermag. Dialoge sind selten und wenn, dann sehr knapp gehalten, was die Hilflosigkeit, die Ohnmacht der Protagonisten nur umso eindringlicher vermittelt.

Der Autor beschreibt den Alltag, die Situationen und auch die Gefühle der Menschen distanziert, aber seine Position ist die eines mitfühlenden Beobachters, der weiß, dass er nicht eingreifen kann, nicht eingreifen darf. Aktuelle Geschehnisse wie die des verschwundenen Flugzeugs oder die Finanzkrise bilden allenfalls einen Hintergrund, eine Wertung dieser Umstände jedoch wird nicht gegeben. Erzählt wird ohne Pathos und Larmoyanz von den kleinen, oft so unbeachtet bleibenden Schicksalen hinter den Katastrophen; von Menschen, die um sich und ihre zwischenmenschlichen Beziehungen kämpfen (müssen).

Mal besteht die Erzählung aus vielen kurzen Absätzen, die jeweils eine kurze Sequenz aus der Sicht eines Beteiligten erzählen, mal sind es nur wenige Seiten, die aus der Sicht nur eines Beteiligten berichten, aber dennoch alle Seiten beleuchten. Immer aber erschließt sich der Zusammenhang erst ganz zum Schluß einer Erzählung, manchmal ergibt auch erst der letzte Satz das gesamte Puzzle.

Besonders beeindruckende Kaleidoskope gelingen dabei in der Titelgeschichte „Sonnenspiegelung“, in der sich weniger die Sonne denn das schlechte Gewissen eines Familienvaters spiegelt, der durch einen unerklärlichen Stalker so aus der Fassung gebracht wird, dass er für die aufkommende diffuse Beunruhigung einen hohen Preis bezahlt.

Ein anderes Mal – in der kurzen Geschichte „An einem anderen Ort“ gerät die Pointe jedoch zu effektheischend und hinterlässt ein äußerst schales Gefühl. Warum es diese Geschichte, die eher eine kurze Studie ist, unbedingt gebraucht hat, erschließt sich im Gesamtzusammenhang der ansonsten sehr berührenden, teils verstörenden Erzählungen nicht.

Allen Erzählungen gemein ist, dass sie Momentaufnahmen sind, keine in sich geschlossenen Geschichten. Die entscheidende Handlung hat vorher begonnen, man kann sie sich nur aus dem Zusammenhang erschließen. Ein geschicktes Stilmittel, mit dem der Autor sich jederzeit die ungeteilte Aufmerksamkeit des neugierigen Lesers sichert. Auch ein richtiges Ende gibt es nie. Insofern könnte man auch jede der acht Erzählungen als Studie bezeichnen.

Es sind wohl auch weniger die Geschichten an sich, die Wagner interessieren. Womit er sich beschäftigt, sind die Reaktionen, die Gefühle der Menschen in Ausnahmesituationen, die für unverrückbar gehaltene Grenzen verschieben. Wie gehen sie mit ihrer Angst um, mit der Angst vor Verlust, oft auch der Angst vor Kontrollverlust? Der Erzähler beobachtet die Menschen bei ihrem verzweifelten, manchmal vergeblichen Versuch, Kontrolle zurückzugewinnen und zeigt so die Fragilität und Gefährdung unserer Existenz.

„Sonnenspiegelung“ ist ein Buch, welches einen länger begleitet. Es ist unmöglich, die Geschichten hintereinander weg zu lesen. Jede der acht Erzählungen steht für sich und berührt auf eine andere Weise. Jede Geschichte wirkt lange nach und man muss sie eine Weile mit sich nehmen, bevor man bereit für eine neue ist.

Jan Costin Wagner wurde bekannt mit in Finnland spielenden Kriminalromanen um den melancholischen Kommissar Kimmo Joentaa, die bereits in 14 Sprachen übersetzt wurden. „Sonnenspiegelung“ ist sein erster Kurzgeschichten-Band.

Jan Costin Wagner: „Sonnenspiegelung“. Verlag Galiani Berlin, 192 Seiten, € 18,99.