Josef Albers und Bottrop – Kunst im Weltmaßstab

Ein Künstler, der offenkundig auf Übersicht und Ordnung hielt, jedoch auf seine stille Weise passioniert war: Josef Albers auf einer Fotografie von John T. Hill. © John T. Hill

Alte Weisheit: Feste soll man feiern, wie sie fallen. In Bottrop gab und gibt es gleich mehrfachen Anlass. Hier gilt’s der Kunst!

Erstens wurde eine umfangreiche Ausstellung über den wohl berühmtesten Sohn der Ruhrgebietsstadt eröffnet: Josef Albers (1888-1976). Zweitens gibt es just einen gelungenen Erweiterungsbau zum Josef Albers Museum Quadrat, mit dem nun gleichzeitig Dauer- und Sonderschauen möglich sind. Und drittens hat sich ein kuratorisches Lebenswerk gerundet, nämlich das des langjährigen Bottroper Museumsleiters Heinz Liesbrock, der im Oktober 2022 in den wohlverdienten Ruhestand gegangen ist und die gegenwärtige Ausstellung noch verantwortet hat. Seine Nachfolgerin ist Linda Walther.

Heinz Liesbrock dürfte weltweit zu den besten Albers-Kennern gehören, auch verfügt das nunmehr deutlich erweiterte Haus auf diesem Gebiet über eine global bedeutsame Sammlung. Ein großes Konvolut verdankt Bottrop der Schenkung durch die Künstlerwitwe Anni Albers anno 1980. Daraufhin entstand 1983 das Museum. Schon 1958 hatte es eine Albers-Retrospektive in Bottrop gegeben, freilich in der örtlichen Berufsschule, weil die Stadt damals noch kein Museum besaß. Wie gut, dass sich das so grundlegend geändert hat. Bottrop hat seinen Platz auf der Landkarte der Künste.

Josef Albers: „Homage to the Square“, 1969, Öl auf Masonit (Josef Albers Museum Quadrat Bottrop – © The Josef and Anni Albers Foundation / Foto: Werner J. Hannappel; VG Bild-Kunst, Bonn 2022)

Die jetzige Ausstellung widmet sich mit rund 120 Exponaten in den acht Räumen des Neuanbaus dem nicht nur quantitativ beherrschenden Zyklus in Albers‘ Oeuvre, nämlich just den Quadraten. Unter dem generellen Titel „Homage to the Square“ (Huldigung an das Quadrat) sind von 1950 bis in Albers‘ Sterbejahr 1976 über 2000 dieser Ölgemälde entstanden. Mit Schattierungen von Grau, Weiß und Schwarz hatte es 1950 begonnen, als Albers bereits 62 Jahre alt war. In der Folge traten nach und nach die Farben hervor – und wie! Mit der prinzipiell unendlich fortsetzbaren Reihe hat Josef Albers ungemein viele Möglichkeiten der an sich eher unscheinbaren Quadratform erprobt – ebenso behutsam wie leidenschaftlich, wovon immer und immer wieder das geheimnisvoll verhaltene Leuchten, das intensive Aufglühen oder auch das sanfte Verblassen der Farben zeugen.

Lange ist der einstige Bauhaus-Lehrer Josef Albers, der 1933 vor der Nazi-Diktatur in die USA emigrierte, in erster Linie als Kunstpädagoge und Theoretiker verkannt worden. Das war er gewiss auch. Doch die Bottroper Zusammenstellung zeigt abermals, dass diese Auffassung viel zu kurz greift. Anhand der Quadrate hat Albers, als wenn es dessen noch bedurft hätte, Schritt für Schritt seine souveräne malerische Meisterschaft bewiesen. Mit strenger Disziplin, „bedachtsam und ruhig“, wie er selbst gesagt hat, erschloss er – feinstens differenzierend – auf Basis einer gleichbleibenden Grundform immer neue Farbräume. Staunenswert, wie die Farben dabei auch ungeahnte Charakteristika entfalten. Blau ist hier nicht unbedingt kühl, Rot nicht unbedingt offensiv. Wandelbarkeit waltet als Prinzip.

Bottroper Ausstellungsansicht mit Quadrat-Bildern von Josef Albers. (© Foto Laurenz Berges / VG Bild-Kunst, Bonn 2022)

Auch sollte man nicht dem Vorurteil aufsitzen, Albers habe sich mit den Quadrat-Bildern schlichtweg erschöpfend wiederholt. Genügend Zeit und Aufmerksamkeit beim Betrachten vorausgesetzt, werden Entdeckungen kaum ausbleiben: Eigentlich hat jedes Quadrat oder zumindest jede Bildergruppe andere Qualitäten, lässt Farben anders miteinander in Dialog und Interaktion treten. Allerdings können sich diese je individuellen Bilder auch zu gemeinsamer Wirkung summieren, so etwa in einem gelblich oder einem in allerlei Rottönen schimmernden Raum. Gerade in dieser Fülle an Ähnlichkeiten gilt es eben, noch genauer hinzusehen, um Übergänge und Unterschiede wahrzunehmen.

Heinz Liesbrock spricht von wechselndem Farbklima. Tatsächlich werden in jedem dieser Räume andere Valeurs und Gefühlsregungen aufgerufen. An mancher Stelle steigert und verdichtet sich dies zur Feier der Farben. Es ist freilich keine stürmische Leidenschaft, die sich da äußert, sondern innige Einfühlung. Typischer Albers-Satz zu seiner Arbeitsweise: „Ich will langsam einsinken.“ Expressive Gestik, vorübergehend auf dem Weltkunstmarkt dominant, war seine Sache nicht. Der Sohn eines Bottroper Malermeisters hielt indes viel auf solides Handwerk als Grundlage der Kunst.

Im Neubau, der sich durch eine Art Zeittunnel ans 1983 eröffnete Museum anschließt, kommen die Quadratbilder erst recht zur Geltung. Das Schweizer Architektenteam Gigon / Guyer (Annette Gigon, Mike Guyer) hat ein zweistöckiges Gehäuse mit 1400 Quadratmetern Fläche geschaffen, dass ganz unaufdringlich der ausgestellten Kunst dient. Bewusste Zurückhaltung prägt Baulichkeit und Kunstwerke gleichermaßen. Man beachte die subtile, kalkuliert gestaffelte Lichtführung, die den Werken ohne jede Effekthascherei ihren angemessenen „Auftritt“ ermöglicht. Josef Albers hat nach eigenen Worten die Stille von Ikonen im Sinn gehabt. Die Bottroper Auswahl kommt diesem Anspruch sehr nahe, nicht zuletzt mit diversen Fensterblicken in den umgebenden Stadtpark, welcher die erstrebte Ruhe zusätzlich befördert. Sonst glänzt Bottrop – gelinde gesagt – nicht gerade durchweg mit Schönheit. Hier aber wird sie Ereignis.

Grün und Architektur: Ausblick aus dem Bottroper Museum in den umgebenden Park. (Foto: Bernd Berke)

Hinzu kommt, was bisher nicht synchron möglich war. Im Bau von 1983 lässt die Dauerausstellung die bildnerische Herleitung sichtbar werden: Das Quadrat war demnach nicht plötzlich da, nicht gleichsam „in den Schoß gefallen“ oder kurzerhand willkürlich gewählt, sondern Josef Albers hat diese Form – in einer Art Inkubationszeit – allmählich quasi zur Serienreife entwickelt. Solch ein haltbares Langzeitprojekt hätte sich wohl kaum aus bloßem Zufall hervorbringen lassen.

Josef Albers hat nachhaltig wirksame Anregungen recht früh empfangen, zuvörderst in Hagen, wo er sich schon 1908 in Paul Cézannes Bild „Der Steinbruch Bibémus“ mit seinen geschichteten Farbzonen vertiefte. Damals gehörte es zur Sammlung von Karl Ernst Osthaus, nun ist es in Bottrop als Leihgabe des Essener Museums Folkwang zu sehen. Dorthin wurden nach Osthaus‘ Tod die Hagener Kunstschätze 1922 (also vor 100 Jahren) verkauft – eine bis heute aufs Hagener Museum Osthaus schmerzlich und in Essen wohltuend nachwirkende Entscheidung.

Und Albers‘ eigener Einfluss auf andere Künstler? Nach mancherlei Skepsis, die ihm zu Zeiten des gegenläufigen Abstrakten Expressionismus entgegengebracht wurde, hat er es vermocht, eine Generation von US-Künstlern für sich und seine Werke einzunehmen; beispielsweise Ad Reinhardt und Donald Judd, der sich – auch als versierter Kunstkritiker – aktiv für Albers‘ „Wiederentdeckung“ eingesetzt hat und mit einer markanten Objekt-Arbeit in dieser Ausstellung vertreten ist. Albers‘ Impulse für die Minimal Art sind ohnehin kaum zu überschätzen.

„Homage to the Square“ / „Huldigung an das Quadrat“. Josef Albers Museum Quadrat, Bottrop, Anni-Albers-Platz 1. Noch bis zum 26. Februar 2023. Katalog 64 Euro.

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Der Beitrag ist erstmals im Kulturmagazin „Westfalenspiegel“ (Münster) erschienen. 

 




Glaskunst in Leipzig: Fenster des Bottroper Bauhaus-Künstlers Josef Albers rekonstruiert

Leipzig/Bottrop. Er war zweifellos einer der einflussreichsten Bauhaus-Künstler, vor allem, weil er die Ideen dieser Weimarer und später Dessauer Bewegung in den USA verbreitete: Josef Albers, 1888 in Bottrop geboren, unterrichtete nach seiner Emigration 1933 spätere Größen wie John Cage, Robert Rauschenberg, Merce Cunningham oder Richard Serra. In Bottrop erinnert das Josef Albers Museum im Quadrat an den Künstler, der seiner Heimatstadt einen großen Teil seines Nachlasses schenkte. Derzeit ist – nur noch bis 15. Januar – dort die Ausstellung „Gotthard Graubner. Gespräch mit Josef Albers“ zu sehen.

Doch seit Dezember gibt es eines der großen Glaswerke Albers wieder sinnlich zu erleben. Dazu muss man nach Leipzig fahren. 1926 hatte Albers für den damals hochmodernen, expressionistischen Bau des Grassi-Museums Glasfenster entworfen, strenge geometrische Konstruktionen im „Thermometerstil“. Sie waren, so versichert das Grassi-Museum, die größte Flachglasarbeit eines Künstlers der Dessauer Bauhauszeit. Albers war damals bereits ein bekannter Glaskünstler. 1925 als erster Bauhaus-Absolvent zum „Meister“ berufen, hatte er bereits eine Reihe von Fenstern entworfen, daneben auch Möbel und Haushaltsgeräte.

Die Leipziger Fenster fielen dem Krieg zum Opfer und wurden später durch einfaches Fensterglas ersetzt. Doch 1996 entdeckte man im Firmenarchiv der Berliner Glasmalerei-Firma Puhl & Wagner, G. Heinersdorff – erhalten in der Berlinischen Galerie – die 1:1 Kartons und Fotografien der Entwürfe der Fenster wieder. Diese hatte die Entwürfe von Albers 1927 realisiert. Dank des Fundes war es möglich, die Komposition der Scheiben bis ins kleinste Detail nachzuvollziehen.

Die Albers-Fenster bei einbrechender Dunkelheit, vom Mittelhof aus gesehen, 2011
Die Albers-Fenster bei einbrechender Dunkelheit, vom Mittelhof aus gesehen, 2011

Vor allem gelang es auch, die ausgefeilte Technik von Albers präzise zu analysieren. So verwendete er mundgeblasenes Doppelüberfangglas. Es besteht aus einem klaren Trägerglas mit einem opaken weißen Überfang und einem grünlichgelben Farbüberfang. Der doppelte Überfang bewirkt unter anderem, dass bestimmte Partien von innen betrachtet dunkel, von außen gesehen hingegen hell erscheinen. Akzentuiert wird das Glas durch flächig aufgetragenes Schwarzlot und Silbergelb sowie horizontale und lineare Schliffe.

Unter den baugebundenen Projekten von Josef Albers kommt den 18 Fenstern im Haupttreppenhaus des Grassi-Museums eine zentrale Rolle zu, heißt es in der Mitteilung des Hauses. Ermöglicht wurde die Rekonstruktion durch das Engagement der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und der Sparkasse Leipzig. Die Ausführung der Fenster lag in der Hand des traditionsreichen Paderborner Glasmalereibetriebes Peters.

Die Mittelgruppe der Fenster in Verbindung mit der Treppenhausarchitektur, 2011, Foto: Uli Kühnle, Halle/Saale
Die Mittelgruppe der Fenster in Verbindung mit der Treppenhausarchitektur, 2011
Fotos: Uli Kühnle, Halle/Saale

Der Besuch im Grassi-Museum lohnt sich jedoch nicht nur wegen der rekonstruierten Albers-Fenster: Das Museum für Angewandte Kunst ist ebenso sehenswert wie die fabelhafte Musikinstrumenten-Sammlung. Und im Museum für Völkerkunde – ebenfalls im Grassi – lässt sich derzeit moderne Malerei aus Haiti bewundern.




Kunst aus dem Geiste der Unordnung – „Gefährdetes Gleichgewicht“ in der Bochumer „Galerie m“

Von Bernd Berke

Bochum. Häuser und Straßen zerfließen, vom Himmel regnen Bäume herab. Natur und Zivilisation werden in einen Strudel hineingerissen. 1919 malte Chaim Soutine diese in völliger Auflösung begriffene „Landschaft bei Gagnes“. Das Bild ist wie ein erster Grundakkord zur Ausstellung in der renommierten Bochumer „Galerie m“: „Gefährdetes Gleichgewicht“.

Galerist Alexander von Berswordt-Wallrabe (54) spürt in hochkarätigen Werken aus eigenen Beständen und einigen Leihgaben einem allgemeinen Muster in der Kunst dieses Jahrhunderts nach: Der Ausstellungstitel meint verlorene Balance und Verunsicherung auf allen Ebenen, in vielfältigen Formen und vor allem: Verformungen.

Erlesen schon der Auftakt: Chaim Soutine und Lovis Corinth leiten gegenständlich zum Thema hin. Auch Edvard Munch („Zwei Menschen“) gehört noch in diese Abteilung. Er malte eine Szene abgrundtiefer Fremdheit zwischen Mann und Frau, und der Franzose Auguste Chabaud zeigt in depressivem Rostrot einen gähnend leeren Hotelflur, auf dessen Treppe man gerade noch einen menschlichen Fuß verschwinden sieht. Im Wortsinne bestürzende Einsamkeit. Offenbar bleibt nur die hastige Flucht. Aber wohin?

Als werde es nie wieder Gewißheit geben

Ist man derart eingestimmt und auf unsicheres Gelände geführt worden, fällt auch das Verständnis der abstrakten Arbeiten leichter. Den Übergang markiert die „Große Meditation“ (1936) von Alexej Jawlensky, eine düstere Struktur, erst bei näherem Hinsehen als Ur-Form eines leidenden Gesichts erkennbar. Sodann Josef Albers: Er läßt 1940 mehrfach den Buchstaben „X“ übers Bildgeviert paradieren („Marching X“); ganz behutsam, aber dann doch nachhaltig verstörend ist hier jedwede Linie aus dem Lot gerückt. Gefährdetes Gleichgewicht eben.

In seiner „Struttura pulsante“ (pulsierende Struktur) variiert Gianni Colombo das Thema anno 1960 mit maschineller Hilfe: Ein Motor treibt Dutzende von Styropor-Quadern an, die sich durch eine Art Zufallsgenerator verschieben und knarzend aneinander reiben. Bevor das Kunstwerk erstmals in Betrieb gesetzt wurde, herrschte Gleichmaß. Seitdem aber bringt die Arbeit aus sich selbst immer neue Chaos-Varianten hervor – sozusagen eine fortwährende Geburt der „Unordnung“. Und nun ist es, als könne nie wieder Ruhe einkehren, als werde es nie wieder Gewißheit geben.

Auch die Zahlen halten keinen Trost bereit

Das irritierende Flimmern von Op-art-Kompositionen (Victor Vasarely, Bridget Riley) spielt die Grundidee brüchig gewordener Sicherheiten ebenso durch wie François Morellets witziges Schieflage-Experiment mit Rahmen und Hängung eines Bildes oder eine arithmetisch ausgeklügelte Bodenplastik von David Rabinovitch, die ihre Bedrohlichkeit aus dem Fundus der Mathematik erzeugt. Auch die scheinbar objektiven Zahlen bergen mithin keinen sicheren Trost mehr. Im Gegenteil.

Unübertreffliche Formfindungen jenseits jeder Beliebigkeit sind schließlich jene Skulpturen des Amerikaners Richard Serra, der in Deutschland just durch die „Galerie m“ bekannt wurde. Das „Kartenhaus“ aus mehreren Bleiplatten, ganz fragil ausbalanciert: Mahnmal einer gerade noch abgewendeten, aber stets gegenwärtigen Gefährdung. Eine tonnenschwere Stahlplatte im Innenhof, an einer Seite leicht abgesenkt, bekam den Titel „Tod“. Aus dem mächtigen Quader quillt leise, aber unabweisbar eine tiefe Trauer über Vergänglichkeit.

„Gefährdetes Gleichgewicht“. – „Galerie m“, Bochum, Nevelstraße (Haus Weitmar). Tel. 0234 / 4 39 97. Bis 10. September Mi, Fr, Sa. 17-19 Uhr und nach Vereinbarung. Katalog (Richter-Verlag, Düsseldorf) 28 DM.