Das Leben der Maler: „Kunst sehen“ von Julian Barnes

Durchs Coronavirus sind bekanntlich nicht nur alle Bühnenkünste stillgelegt, auch die Museen und Bildungseinrichtungen sind geschlossen. Uns bleiben aber – mehr denn je! – die Bücher. Daher an dieser Stelle nun öfter dieser oder jener Lesehinweis.

Julian Barnes befasst sich in seinem neuen Buch mit Kunst und – vor allem – mit den Künstlern. Der spannendste Text seines Bandes „Kunst sehen“ handelt von Théodore Géricault und seinem Gemälde „Das Floß der Medusa“. Er leitet (nach einem Vorwort) diesen Band ein und trägt hier den Titel „Aus Katastrophen Kunst machen“. Barnes-Leser kennen ihn bereits als Bestandteil des Romans „Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln“. Dieser Auszug besteht auch für sich genommen, unabhängig vom Roman. In der Beschreibung des Bildes und seiner vielfältigen Beweggründe scheint nach und nach die gesamte Conditio humana auf. Ein großartiges Stück, das ein großartiges Gemälde aufschlüsselt, aber natürlich nicht völlig „erklären“ kann (was auch gar nicht der Anspruch ist)!

Ein wahrhaft furioser Text, der so gar nicht wichtigtuerisch oder gravitätisch daherkommt. Julian Barnes hat ja auch schon im Vorwort bekannt, dass er im Alter von 12 Jahren noch ein wahrhaftiger Banause gewesen sei, ohne jeden bildungsbürgerlichen Hintergrund, folglich auch ohne Dünkel. Erst ganz allmählich habe er sich den Künsten genähert, anfangs gleichsam von den Rändern her, als einsamer Besucher in eher schäbigen französischen Provinzmuseen. Vielleicht auch von daher sein angenehm unaufgeregter, unaufdringlicher „Plauderton“, der freilich auch ein angelsächsisches Erbteil sein mag.

Nun ist auch der Rest des Buches mancher Ehren wert. Und doch schien mir, als hätte ich mit den ersten Beiträgen schon das Allerbeste gelesen. Die weiteren Kapitel des Sammelbandes sind vorwiegend zuerst in Zeitungsbeilagen und Zeitschriften der Edelsorte erschienen – beispielsweise „Modern Painters“, „Times Literary Supplement“ oder „New York Review of Books“. Sie behandeln Werke und Werkabschnitte von Delacroix, Courbet, Manet, Cézanne, Degas, Redon, Bonnard, Vallotton, Magritte und anderen. Der Schwerpunkt liegt also eindeutig auf der französischen Kunst und dort wiederum auf der der Klassischen Moderne.

Man lernt auf jeden Fall einiges hinzu. Um nur wenige Stichpunkte zu nennen: Man erfährt vom erstaunlich krassen Gegensatz eines ausgesprochen ruhigen Lebens und einer exzessiven Kunstausübung bei Delacroix. Courbet wird als monströser Selbstvermarkter plastisch dargestellt, der neben sich allenfalls noch Victor Hugo gelten ließ. Odilon Redon hingegen, ein Vorläufer des Surrealismus, sei (entgegen allen Klischees und den Gepflogenheiten der Bohème) ein glücklich verheirateter Mann gewesen…

Man ahnt vielleicht schon den möglichen Schwachpunkt: Julian Barnes konzentriert sich oft gar nicht mehr so sehr auf die Werke, sondern auf deren Urheber; speziell darauf, wie so ein Künstlerleben verlaufen kann, ja, was eine Künstlerexistenz recht eigentlich ausmacht – wobei er natürlich auch sein eigenes Dasein als Schriftsteller stets mitbedenkt. Und so gerät er vielfach in Versuchung, beim Biographischen, ja mitunter auch beim Anekdotischen zu verharren.

Keine vollkommen ungetrübte Empfehlung also. Aber doch ein Buch, mit dem man gewiss keine kostbare Lebenszeit verschwendet.

Julian Barnes: „Kunst sehen“. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger und Thomas Bodmer. Kiepenheuer & Witsch. 352 Seiten, 25 Euro.

 




Ballonfahrt, Boheme und untröstliche Trauer: Julian Barnes‘ Buch „Lebensstufen“

Der Name der ebenso ruhmreichen wie exzentrischen Schauspielerin Sarah Bernhardt ist Kultursinnigen ja bereits öfter begegnet. Aber wer hat schon von den Herren Burnaby und Tournachon gehört?

Um ein Rätsel gleich zu lösen: Es handelt sich um zwei passionierte Pioniere des Ballonfahrens nach 1860. Noch viel schöner klingt freilich die Bezeichnung Aeronauten. Da spürt man mehr als nur einen Hauch von Zukunft und großem Versprechen.

9783462047271Mit dieser Zeit vormals ungeahnter, allerdings stets gefährdeter Freiheit in luftiger Höhe beginnt Julian Barnes sein Buch „Lebensstufen“, das später in andere Gefilde driften wird.

Am kulturgeschichtlichen Horizont jener Jahre leuchten große Namen auf: Jules Verne, George Sand, Victor Hugo, Odilon Redon und Nadar (alias Felix Tournachon), der nicht nur die frühesten Luftfotografien anfertigte, sondern auch unvergleichliche Porträts der eingangs erwähnten Sarah Bernhardt aufnahm.

Zeit der ungeahnten Freiheit

Da hängt also manches mit manchem zusammen, die Aeronauten etwa mit der Fotografie und den Bohemiens der Zeit, die sich ebenfalls ungeahnte Freiheiten nehmen und gleichsam Gott herausfordern. Das erste von drei Kapiteln trägt denn auch den Titel „Die Sünde der Höhe“…

Der Maler Odilon Redon hatte damals auch schon die Vision einer allmächtigen Überwachung aus den Lüften, als er ein bedrohliches Auge am Himmel schweben ließ. Ein Bild, wie für uns Heutige geschaffen.

Kommen zwei Menschen zusammen, so geschieht oft nichts Nennenswertes, zuweilen aber ändert sich das Gefüge der Welt und man darf die beiden eigentlich nie mehr trennen – so eine Denkfigur von Julian Barnes. Im zweiten Kapitel („Auf ebenen Bahnen“) schildert er die kurze, sehr ungleiche und glücklose Liebesgeschichte zwischen Colonel Fred Burnaby und der Männersammlerin Sarah Bernhardt.

Plötzliche Erschütterung

Damit wären wir also schon im weiten Reich des Zwischenmenschlichen angelangt. Doch geradezu schockhaft beginnt der dritte Teil, welcher da heißt: „Der Verlust der Tiefe“.

Barnes, der bislang über Historisches geläufig und unterhaltsam zu plaudern schien, nimmt auf einmal eine ganz andere Haltung zu den Lesern und somit zur Welt ein: Sein Buch, das zuvor in geschichtlicher Ferne zu schweben schien, allerdings nach und nach dringlicher wurde, ist nun noch weitaus unmittelbarer, ungleich erschütternder. Barnes spricht davon, wie er sich seit dem unendlich schmerzlichen Tod seiner Frau Pat Kavanagh am Leben gehalten hat. Seither gibt es keine „ebenen Bahnen“ mehr…

Julian Barnes war 30 Jahre mit seiner Frau zusammen, von seinen frühen Dreißigern bis ins 63. Lebensjahr. Sie wurde 2008 geradewegs aus dem Leben gerissen, zwischen Diagnose und Tod sind nur 37 Tage verstrichen. Der Autor berichtet von teilweise unbegreiflich läppischen oder fühllosen Reaktion der Mitwelt, auch von Freunden, die es daher nicht mehr sind. Dabei hätte er doch auch sie als verlässliche Zeugen des eigenen (Weiter)-Lebens gebraucht.

Vom Schwinden jeder Gewissheit

Rückbezogen wird der unfassbare Tod auf die vorherigen Ballonfahrt-Episoden. Vom Verlust der Höhen- und Tiefendimension im Dasein ist die übertragene und buchstäbliche Rede, vom Schwinden aller gewohnten Muster und des Sinns, also auch von Selbstmordgedanken.

Eine direkte Notwendigkeit, dies alles mit den frühen Ballonfahrten zu verknüpfen, erschließt sich nicht unbedingt sofort. Doch vielleicht ist gerade dies ein verzweifelter Akt der Sinnfindung und der Konstruktion eines neuen Zusammenhangs, eines Lebensrahmens. Eventuell verbirgt sich da irgendwo eine Art Gleichung, die aufgeht und neue Wege weist.

Julian Barnes erwägt die Möglichkeiten, mit dem Tod des geliebten Menschen – nein, nicht „fertig“ zu werden, aber ihn zu ertragen und trotz allem Quellen der Linderung zu finden, ob nun in der ungeheuren Gefühlshöhe mancher Opern (Glucks „Orpheus und Eurydike“), im Traum oder sonstwo. Oder gar in der Banalität des Sports im Fernsehen. Egal. Jeder Strohhalm wird ergriffen. Doch wer wagt es, von Trost zu reden?

Sex, Liebe und Leid

Die im Titel genannten „Lebensstufen“ (im Original „Levels of Life“) entsprechen laut Barnes den Wendekreisen der Biographie: Zuerst geht es darum, wer schon Sex hatte und wer nicht. Dann geht es um die Erfahrung der Liebe, schließlich um die Erfahrung des Leids.

Tiefen und Untiefen dieses Leids möglichst genau auszuloten – wenn das keine lebenswichtige Aufgabe ist! Und wer weiß: Vielleicht erfasst den Ballonfahrer oder auch den Leidenden ja doch eine Brise, die ihn in andere Breiten trägt?

Julian Barnes: „Lebensstufen“. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 143 Seiten. 16,99 €.




„Darüber reden“: Julian Barnes schickt drei Menschen auf den Markt der Liebe

Von Bernd Berke

Ein Mann heiratet. Dann spannt ihm sein bester Freund die Frau aus und ehelicht sie seinerseits. Kein weltbewegendes Geschehen, wenn man es kühl betrachtet.

Doch kann ein solcher Vorgang bekanntlich die größten Bestürzungen auslösen. Dann wird man vielleicht fieberhaft dies tun: „Darüber reden“. So heißt das neue Buch von Julian Barnes, einem Autor, der seit „Flauberts Papagei“ und „Eine Geschichte der Welt in zehneinhalb Kapiteln“ auch bei uns immer stärker beachtet wird.

Auf 263 Seiten breitet Barnes die Liebeswehen seiner Figuren aus. Alles in direkter Rede, so als sprächen die handelnden/erleidenden Personen den Leser direkt an, als bäten sie ihn um „objektive“ Zeugenschaft und Beistand. Oder wenden sie sich gar an eine Art „höhere Instanz“, die ein Urteil sprechen soll? Jedenfalls fühlt man sich sofort aufgenommen in den kleinen Kreis, man wird sogleich ins Vertrauen gezogen.

Barnes weiß eben sehr, ja beinahe zu gut, wie man Leser ködert. Er schreibt hinreißend, überrollt einen geradezu mit seinem Stil, der gleichsam perlt und prickelt. Da erzählt einer ebenso „süffig“ wie etwa John Irving.

Die drei Hauptpersonen: Stuart, ein stocksteifer Bankmensch; sein Freund Oliver, genialischer Hallodri – und das Objekt ihrer gemeinsamen Begierde, die Gemälde-Restauratorin Gillian. Barnes deutet an: So wie Gillian verborgene Schichten alter Bilder sichtbar macht, so kehrt die Liebe nach und nach immer andere Schichten der Persönlichkeit hervor.

Alle drei reden ganz verschieden und wandelbar. Stuart wirkt zunächst tapsig und naiv, dann kommen seine unterdrückte Wut und sogar Durchtriebenheit zum Vorschein. Oliver steigert sich eingangs in selbstverliebte Sprachräusche, wird aber kleinlaut, als er sich in Gillian verliebt. Und Gillian redet am Anfang ganz knapp und nüchtern, bevor sie sich zunehmend erhitzt.

Der Leser weiß immer etwas mehr als dieses Trio (zumal weitere Personen ihn mit Zusatzinformationen versorgen) und kann mit einer Mischung aus Besorgnis und Vergnügen ihre seelischen Irrungen und Wirrungen verfolgen: Drei Helden des Alltags, gesegnet und gepeinigt mit dem ganzen Plunder des menschlichen Innenlebens. Auch wenn rings die Computer blinken und alles voraus“ berechnen – in der Liebe ist ja bisweilen jede(r) hilflos wie ein Kind.

Ein Buch ohne „Moral“. Zwar dreht es sich auch um solche Fragen: Was kann die Ehe heute noch bedeuten? Ist wirkliche Liebe zu dritt oder viert möglich? Wie steht es mit dem Verhältnis von Liebe, Sex und Geld? Doch das ganze Geschehen „dreht“ sich halt wie ein Karussell, spielerisch und bunt. Wenn man denn schon Essenzen aus diesem Buch ziehen will, so könnten sie etwa so lauten: Weder gegen die Liebe noch gegen ihren Verlust vermag man etwas.

Endlos könnte man eben „darüber reden“, wie sie einen gnadenlos erwischt und verläßt. Zu Zeiten hitzig – und doch im Grunde tief ernüchtert. Denn offenbar folgen ja all unsere‘ Gefühle nur den grausamen Konkurrenz-Gesetzen eines Marktes…

Staunenswert die Übersetzung. Hier hat man den nicht gar so häufigen Fall, daß ein fremdsprachig verfaßtes Buch so frisch klingt, als sei es gleich auf Deutsch geschrieben worden.

Julian Barnes: „Darüber reden“. Aus dem Englischen von Gertrude Krueger. Haffmans Verlag. 263 Seiten. 36 DM.