Die weichen Früchte des Zorns – Karikaturen von Marie Marcks in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Ihre erste Karikatur hat sie in einer Schulstunde angefertigt – ein Zerrbild des Lehrers, der stets in SA-Uniform zum Unterricht erschien. Die Sache flog auf. Marie Marcks mußte bekennen. Doch der Pauker reagierte andere als befürchtet: „Darf ich die Zeichnung behalten?“ fragte er fast kleinlaut. Für einen Moment vergaß er, daß er Nazi war.

Marie Marçks (72) ist heute längst eine der bekanntesten Karikaturistinnen der Republik. Die zitierte Geschichte hat sie gestern im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte erzählt. Dort ist nun ihre bislang größte Einzelausstellung mit rund 300 Bildern zu sehen.

Kurz nachdem Krieg hat sie sich noch am damals übermächtigen Vorbild Saul Steinberg orientiert. Damals waren ihre Arbeiten noch etwas starr. Später kam die Kehrtwende, vielleicht angeregt vom poetischen Franzosen Sempé. Ihren seither typischen Zeichenstrich erkennt man sogleich, er ist von zahllosen Zeitungsabdrucken her vertraut: Die Figuren sind immer leicht verwackelt und verwabbelt. Wimmelig wirkt auch die Spruchblasen-Schrift. Sieht so aus, als wolle Marie Marcks die Gedanken ein klein wenig aufschütteln.

Menschenfreundlicher Zartsinn

Dem Fehlen scharfer Konturen entspricht menschenfreundlicher Zartsinn. Selbst wenn Marie Marcks sich Zorn-Themen wie dem Aufkeimen rechtsradikaler Gedankensaat widmet, verhärtet sich ihr Gestus kaum. Überhaupt setzt sie ihre Pointen sanft, nicht schneidend oder schlagend. Weiches Wasser bricht den Stein. Ist das „frauenspezifisch“? Jedenfalls ist es sympathisch. Und es schließt gelegentliche Bitternis nicht aus, etwa wenn eine Rentnerin nach entbehrungsreichem Frauenleben samt Rollstuhl brutal in den Orkus gestoßen wird. Sie hat ja ihren Dienst an der Männerwelt getan …

Marie Marcks hat oft Themen entdeckt, die erst später im Schwange waren. Schon seit Beginn der 70er Jahre geißelt sie die schleichende bzw. rasende Umweltvernichtung. Auch in Sachen Gleichberechtigung hat sie zur zeichnerischen Vorhut gehört. Doch es ist kein biestiger Feminismus, der sich da Ausdruck verschafft. Eher könnte man von einem behutsam-ironischen Zurechtrücken zementierter Geschlechter-Verhältnisse sprechen. Da zieht z.B. plötzlich mal die Frau den verblüfften Mann aus und säuselt: „Wie schön du bist!“ So macht man Machos kirre. Oder eine trinkfeste Dame ruft fröhlich „Prost, die Herren!“ – jene aber liegen längst beduselt unterm Tisch.

Fünf Kinder hat Marie Marcks großgezogen. Dabei hat sie auch ihre Themen aufgespürt. Denn weil sie genau hinsah, konnte sie im Familienalltag das wirklich Politische früher entdecken als Leute, die nur auf Tagesschau und Parteienwesen achten.

Marie Marcks: „Prost, die Herren!“ – Zeichnungen/Karikaturen. Dortmund, Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Hansastraße. Bis 30. Okt., Di. bis So. 10-17 Uhr. Eintritt 4 DM, Buch 29.80 DM.




„Bestenliste der Übertreibungen“ – Karikaturen aus fünf Jahrhunderten in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Ob sie Luther heißen, Napoleon oder Franz Josef Strauß – die Großkopfeten hatten und haben eines gemeinsam: als Zielscheibe für Karikaturisten zu dienen, als Gegenstand von „Kampf-Bildern“. Ein Querschnitt durch fünf Jahrhunderte verzerrender Darstellung ist ab heute (bis 12. März) im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte zu sehen.

Die Ausstellung von 260 Karikaturen und artverwandten Darstellungen, in enger Zusammenarbeit mit dem Wilhelm-Busch-Museum in Hannover und zwei weiteren Instituten entstanden, sollte nicht zur Illustration einer „ewigen Bestenliste“ geraten. Unter der Hand ist sie dann doch so etwas geworden, denn nahezu alle bedeutenden Karikaturisten sind hier mit Originalblättern vertreten – von Annibale Carracci, einem der „Erfinder“ der Porträtkarikatur im Italien der Renaissancezeit, über Berühmtheiten wie Goya, Daumier und Saul Steinberg, bis hin zu den gegenwärtigen Schrittmachern der Zunft, wie etwa F.K. Waechter und Gerhard Seyfried.

Museumschef Dr. Gerhard Langemeyer spricht von einer „argumentierenden Ausstellung“. Tatsächlich hat man die (gewiß nicht knapp bemessenen) Schauwerte einer systematischen Annäherung untergeordnet und das Thema schrittweise verfolgt: Demonstriert werden zunächst die verschiedenen Methoden zeichnerischer Übertreibung und Vereinfachung. Es folgen Porträtkarikaturen und sodann „komponierte Bildsatiren“, bei denen sich seit der Barockzeit allmählich ein Motivkanon herausgeschält hat. Beispiel: „Schandzüge“, bei denen mißliebige Personen dem erzürnten Volk vorgeführt werden, sind schon seit Jahrhunderten geläufig – ein Traditionsfundus, aus dem heute noch zitierend und verfremdend geschöpft werden kann.

Sogenannte „Gesellschafts-Satiren“ beschließen den Ausstellungsreigen. Im Brennpunkt ätzender Darstellung stehen hier zum einen Modetorheiten verschiedener Epochen. zum anderen das Erscheinungsbild von Frauen unter dem Motto „Die häßliche Schöne“. Interessant übrigens, daß die weibliche Hälfte der Menschheit zwar oft karikiert wurde, aber nur selten eine ihrer Vertreterinnen selbst zur Feder griff. Ein Manko, dem auch diese Ausstellung nichts entgegenzusetzen vermag.

Zum Prachtexemplar ist der Katalog (38 DM) geraten, der unter anderem Werner Hofmanns 1957 verfaßten Standardaufsatz über Karikaturen, der in Buchform lange vergriffen war, nur unwesentlich gekürzt wiedergibt. Des weiteren wird jedes Exponat einzeln erläutert, was sich besonders bei Zeichnungen älteren Datums als notwendig erweist.




„Ereignis-Karikaturen“: Geschichte in spöttischen Bildern

Von Bernd Berke

Münster. Eine Wildsau mit preußischer Pickelhaube steckt in der Falle, auf der „Verdun“ steht. Bismarck geht von Bord eines Schiffs, spielt Schach gegen den Papst. Napoleon trifft am Rande des Schlachtfelds ein Skelett.

360 sinnfällige Beispiele dafür, wie Zeichner zwischen 1600 und 1930 komplizierte politische und gesellschaftliche Vorfälle mit variiert wiederkehrenden Ausdrucksmitteln karikieren, sind ab Sonntag im Münsteraner Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte zu sehen. „Ereignis-Karikatur“ heißt die Ausstellung.

Die bissig-oppositionellen, in nationalen Hurrah-Zeiten oft aber auch offiziös-propagandistischen Drucke stammen zu zwei Dritteln aus dem Fundus des Landesmuseums. Leihgaben kamen unter anderem vom Dortmunder Institut für Zeitungsforschung. Besonders interessant für Revierbewohner: Spottbilder aus der Zeit des „Ruhrkampfs“.

Die Vorbereitung dauerte zwei Jahre. Damit die große Zeitspanne einigermaßen repräsentativ erfaßt werden konnte, mußten tausende von Karikaturen gesichtet werden. Da die Akzente überdies auf Regional-, National- und Kontinental-Historie liegen, hatte man ein weites Feld zu beackern.

Dennoch mutet die getroffene Auswahl nicht zufällig an. Grundforme(l)n dessen, was immer wieder aus spitzen Federn floß, werden erkennbar. Etwa die „Axt am Baum der Freiheit“: Nicht nur Innenminister Zimmermann setzt sie in neuesten Karikaturen an. Dieses Motiv war schon im 17. Jahrhundert geläufig. Epochenübergreifendes Bildmuster auch: Einzelpersonen werden stellvertretend für im Krieg unterlegene Heere verhauen oder bekommen Kanonen zum Frühstück serviert. Übrigens: Spruchblasen – Urelement der späteren Comics – tauchten seit dem 17. Jahrhundert vermehrt auf.

Der Besucher muß viel Zeit mitbringen. Die Beleuchtung (vorschriftshalber matte 50 Lux) ist schwach, die Zeichnungen erfordern indessen genaues Hinsehen. Das Landesmuseum leistet jedoch dreifache Hilfestellung zum besseren Verständnis: Im Katalog (35 DM) wird der historische Hintergrund jedes einzelnen Exponats dargestellt. Eine Diaschau in den Ausstellungsräumen vertieft das Gesehene (man sollte sie erst zum Schluß anschauen, sonst verblaßt die Wirkung der teilweise sehr kleinen Original-Drucke). Schließlich findet sich unter jedem Bild eine Kurz-Erläuterung.

Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte (Münster, Domplatz 2): „Ereignis-Karikatur“. Geschichte in Spottbildern 1600-1930. Bis 13. November.