Schrilles Styling, graue Würste – „Kasimir und Karoline“ im Dortmunder Megastore

Ekkehard Freye Christoph Jšde Bettina Lieder

Schrilles Outfit, graue Würste (von links): Ekkehard Freye, Christoph Jšöde, Bettina Lieder (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

Die Bühne groß, die Musik laut, das Licht grell und die Figuren so unwirklich bunt und künstlich, als seien sie einem Videospiel entsprungen. Gordon Kämmerer inszeniert im Megastore „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horváth – oder das, was er noch davon übrigläßt. Doch das ist gar nicht wenig, man lasse sich durch den furiosen Anfang nicht täuschen, in dem die brave Exposition, wer mit wem und warum und so weiter ersetzt worden ist durch wütend in Richtung Publikum geschleuderte Statements.

Diese Jugend, die älter aussieht als sie ist, ist hart, weil man hart sein muß in schweren Zeiten. Und der Rummelplatz ist das Vergnügen über dem Abgrund, ganz nahe am wirtschaftlichen Absturz in die Arbeitslosigkeit. Der große inszenatorische Aufschlag, den Kämmerer hier macht und den er eindreiviertel Stunden durchhält, ist also durchaus schlüssig, weil sich so die Aktualität des Stoffs einem jüngeren Publikum auf Augenhöhe unverkrampft vermittelt.

Julia Schubert Ekkehard Freye

Julia Schubert und Ekkehard Freye sind Karoline und Kasimir (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

Damals im Opernhaus

Mit leichtem Grausen denkt man an die Düsseldorfer „Kasimir und Karoline“-Einrichtung Nurkan Erpulats, die 2013 bei den NRW-Theatertagen in Dortmund zu sehen war, übrigens wegen umfänglicher Kulisse und Drehbühnenerfordernis im Opernhaus. Ein ziemlich unerquickliches Moraltheater war das damals, das darin gipfelte, daß die Darsteller durch die Zuschauerreihen gingen und Menschen im Publikum provozierende Fragen stellten, die sich, so jedenfalls meine Erinnerung (aber was auch sonst?) um Recht und Gerechtigkeit in der Welt drehten.

Um wie vieles angenehmer ist da Kämmerers Ansatz, bei dem die trübe Moral von der Geschicht’ doch fraglos auch rüberkommt. Es wundert einen sowieso, wie wenig Denkfähigkeit viele Regisseure ihrem Publikum zutrauen, um dann finale Botschaften mit dem Bühnenholzhammer herauszuhauen. Hier gilt dies – wie gesagt – ausdrücklich nicht. Aber ich schweife ab.

Ekkehard Freye BŸhnentechniker Fanfaren-Corps 1974 Dortmund-Wickede

Ekkehard Freye – er hat wohl wirklich was am Fuß und geht an Krücken -, BüŸhnentechniker (links), Mitglieder des Fanfaren-Corps 1974 Dortmund-Wickede und das aufblasbare Festzelt (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

Groteske Figuren

Figuren also in Plastik-Outfits und mit grotesken Frisuren, die dem Theater-Kosmos eines Robert Wilson entstammen könnten (Kostüme: Josa Marx), zeigen uns die Geschichte vom arbeitslosen Chauffeur Kasimir (Ekkehard Freye) und seiner Freundin Karoline (Julia Schubert), deren zarte Beziehung den drohenden wirtschaftlichen Absturz nicht überleben wird; vom Zuschneider Schürzinger (Frank Genser), der seinem ehemaligen Chef Karoline als „leichtes Mädchen“ zuführt, um seinen Job wiederzubekommen; vom gewalttätigen Kleinkriminellen Merkl Franz (Christoph Jöde), der bei einem Einbruch geschnappt wird und von „Dem Merkl Franz seine Erna“ (Bettina Lieder), die illusionslos feststellt, daß diese Verhaftung das Ende ihrer Beziehung darstellt. Denn als Wiederholungstäter bekommt der Franz bestimmt fünf Jahre, eine Ewigkeit.

Carlos Lobo Christoph Jšde Julia Schubert Frank Genser

Spaßgesellschaft (von links): Carlos Lobo, Christoph Jöšde, Julia Schubert und Frank Genser (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

Extrem sportlich

Die fünf jungen Leute spielen extrem sportlich, tanzen, vergnügen sich im Planschbecken, sind überhaupt fast immer in Bewegung. Spaßige Elektro-Carts, mit denen sie auf der sparsam möblierten Bühne (Jana Wassong) ihre Achterbahnfahrt vorspielen (wo gibt es die eigentlich zu kaufen?), sorgen außerdem für putzige Bewegung.

Einzige größere Ausstattungsstücke sind eine Art Festzelt, das auf aufgeblasenen Beinen steht und, was man erwarten konnte, irgendwann in sich zusammenfällt, sowie etliche gleichermaßen aufgeblasene graue Riesenwürste, die im Laufe der Handlung als Spielobjekte, Liebesbetten, Verstecke und so weiter herhalten müssen und überdies natürlich an sich schon eine Art Rummelplatzsymbol sind, was in diesem Stück dann sozusagen die Würstchenbude ersetzt.

Ebenso dick aufgeblasen wie die Würste treten der Kommerzienrat Rauch (Carlos Lobo) und der Landgerichtsdirektor Speer (Max Thommes) auf, Charakterlumpen alle beide, aber durch Amt und Reichtum vor den schlechten Zeiten gut geschützt. Vielleicht sind sie ein wenig zu einseitig als Slapstick-Typen in Slapstick-Nummern abgebildet, doch haftet typischen Vertretern des Establishments ja wirklich oft etwas Groteskes an, das ist nicht zuletzt eine Frage der Perspektive.

Gute Klänge

Max Thommes zeichnet übrigens auch verantwortlich für „Komposition und Live-Musik“, und man muß sagen, daß die Verbindung von Theater, Sound und Musik recht gut gelungen ist. Wenn beispielsweise Bettina Lieder – einer der Höhepunkte des Abends – ihren wütenden Monolog über die „Wiesenbraut“ hält, dann grollt darunter ein elektronisches, waberndes Crescendo, das, wie man heute gern und meistens gedankenlos sagt, Gänsehaut erzeugt.

Bettina Lieder Frank Genser Julia Schubert Christoph Jšde Max Thommes

Es geht um die Wurst, wie man vielleicht sagen könnte. Von links: Bettina Lieder, Frank Genser, Julia Schubert, Christoph Jšöde, Max Thommes (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

Nicht unerwähnt bleiben darf natürlich das Fanfaren-Corps 1974 Dortmund-Wickede, das seinen vergnüglichen Rummelplatzauftritt hat und mit Tschingderassabum auf die Bühne marschiert. Sie dürfen sogar ein bißchen mitspielen, jedenfalls einige von ihnen. Der Auftritt des Corps wurde mit Fingerspitzengefühl implementiert, er ist heiter und stimmig, ohne peinlich zu sein (was schnell passieren kann). Und vielleicht hat das Dortmunder Theater zukünftig noch mehr Besucher aus Wickede, wäre doch schön.

Ehrgeiz entwickeln

Übrigens, kleine Randbemerkung, scheinen nicht nur Hausherr Kay Voges, sondern eben auch Regisseure wie Gordon Kämmerer immer besser mit der Raumsituation des Megastore zurechtzukommen und Ehrgeiz zu entwickeln, etwas Besonderes daraus zu machen. Nachher wollen die da gar nicht mehr weg!

Gewiß hat der sehr laute, plakative Zugriff auf den Stoff einige Schwächen dort, wo für Gespräche und Vertrautheiten Kammerspielton vorgesehen ist. Doch sei’s drum; der stringente, zupackende Stil dieser Inszenierung sorgt auch an einstmals leisen Stellen für das nötige Verständnis. Schrill und respektvoll ist dieser Horváth geraten. So etwas läßt sich nicht oft über Theaterproduktionen sagen.

  • Termine, 1., 15., 26. Oktober, 3., 11., 18. November, 26. Dezember 2016
  • Januar, 26. Februar, 5. Mai 2017
  • www.theaterdo.de



„Kasimir und Karoline“ schleichen über den Rummelplatz

Von Bernd Berke

Essen. Herrje, was konnte dieser Ödön von Horváth für herrliche, trefflich-knappe Dialoge schreiben! Wenn so einer heute fürs Fernsehen arbeiten würde… Horváths Stück „Kasimir und Karoline“ hatte jetzt in Essen Premiere. Kamen seine Qualitäten zur Geltung?

Das Stück erwischt seine Themen gleichsam im leichten Fluge und dennoch genau. Man müßte ein Wort wie „Tiefplauderei“ dafür erfinden.

Kasimir und Karoline sind ein Paar. Doch kaum wird der Chauffeur arbeitslos, wendet sich die aufstiegswillige Bürokraft leichtfertig dem Schnösel Schürzinger zu, der sie wiederum zwecks eigener Karriere seinem Chef, dem Kommerzienrat. zeitweise überläßt. Liebesbedürfnis reckt sich nach Geld, Geld kauft sich Liebedienerei. Dieser Reigen aus den 30er Jahren liegt uns nicht fern.

Doch was hat man nur in Essen – unter Regie des Niederländers Albert Lubbers – daraus gemacht? Es beginnt eigentlich verheißungsvoll: Wie auf Richard Oelzes unterschwellig apokalyptischem Gemälde „Erwartung“ steht das Bühnenpersonal anfangs da und schaut sehnsuchtsvoll einem Zeppelin nach. Dazu erklingt ein bedrohlich knarzendes Geräusch, wie denn überhaupt die Aufführung sich im Element der Töne (Musikalische Leitung: Alfons Nowacki) noch am besten hält.

Blaskapelle und Freakshow

Doch dann wird Auftritt für Auftritt ohne rechte Schattierung abgespult. Figuren stehen herum und wissen meist wenig miteinander anzufangen, nahezu jede Gruppierung hat einen schmerzlichen Stich ins Hilflose, desgleichen die Bühnenbilder (Rien Bekkers/Reinier Tweebecke) mit ihrem rührenden Aufwand.

Vor allern aber spielt man elend langsam, im schwerblütigen Schleichgang. Dabei ist man doch auf dem Rummel, sprich Münchner Oktoberfest, wo das Gefühls-Karussell ins Rotieren kommen müßte. Doch da ist kein untergründiges Rumoren, nur fader Vordergrund.

Hinzu kommt ästhetische Unempfänglichkeit für das Geflecht dieses Stückes. Es darf einfach nicht wahr sein, daß man nach der Pause für fast zehn Minuten eine bayerische Blaskapelle („D’lustigen Wendelstoana“) aufspielen läßt wie beim Musikantenstadl. Weiterer Mißgriff: jene Rummelplatz-Szene aus dem Abnormitätenkabinett, die den ganzen Irrsinn bildkräftig auf die Spitze treiben könnte. Doch hier erschrickt man nur über die Art und Weise der Behandlung, denn die Freakshow wird bruchlos dem dröhnenden Gelächter ausgeliefert. So hascht man nach Wirkung, die man anders nicht zustande bringt.

Der lediglich naiv klingende Hermann Große-Berg als Kasimir ist zudem eine Unterbesetzung der Rolle, er zieht auch Uta Krause (Karoline) nicht gerade hinan. Harald Koch als Schürzinger und Carsten Otto als Kommerzienrat entschädigen teilweise durch beherztere kleine Charakter-Studien.

Alles in allem bleibt aber unerfindlich, warum man sich gerade dieses Stück vorgenommen hat. Man muß wohl rein zufällig im Schauspielführer darauf gestoßen sein.. .