Südwärts ins Klischee der 70er Jahre – Klaus Modicks Roman „Fahrtwind“

Da stößt jemand beim Sortieren seiner Bücher auf eine Lektüre, die ihn in den 1970er Jahren beeindruckt hat. Beim zerfledderten Büchlein, in dem er seinerzeit die besten Stellen mit Zigaretten-Blättchen markiert hat, handelt es sich um „Aus dem Leben eines Taugenichts“, jene berühmte Novelle des Joseph von Eichendorff aus den frühen 1820er Jahren.

Besagter Jemand erinnert sich, dass er sich damals angesprochen gefühlt hat vom Eichendorffschen dolce far niente, von herrlicher Nichtsnutzigkeit also, die auch ihm damals als Lebensmodell vorgeschwebt hat – weitaus mehr jedenfalls als die trübe Aussicht, die Klempnerfirma seines Vaters mit dem Attribut „& Sohn“ fortzuführen. Also machte er sich auf den Weg, um das süße Nichtstun zu erproben, per Anhalter (ja, das gab’s noch) ging’s südwärts.

Trampen mit Gitarre

Damit beginnen ein paar pikareske Abenteuerchen in den Freiheit verheißenden frühen Siebzigern. Der junge Ich-Erzähler, der wohl dies und jenes mit dem 1951 geborenen Autor Klaus Modick gemein haben dürfte, packt also vor allem seine Gitarre ein, trampt los und überlässt sich den Zufällen. Dabei zieht ihn allemal das Ewigweibliche hinan – oder gelegentlich auch herab.

Doch, ach, es ist nicht der junge Mann von damals, der hier frischweg berichtet, sondern ein spür- und lesbar gereifter Herr, dessen Sichtweisen mitunter etwas altväterlich anmuten. Wenn er auf Seite 17 einen schwulen „Handelsvertreter für Herrenkosmetik“ beschreibt, der ihn beim Autostopp mitnimmt und sein Knie statt der Gangschaltung tätschelt, klingt es eher nach Stammtisch der 70er, als nach Jugendaufbruch jener Zeit.

Spinatwachtel, aus dem Leim gegangen

Auf Seite 19 merken Lesende womöglich schon wieder leicht irritiert auf. Denn auch der Blick auf gewisse ältere Damen ist nicht nur ungalant, sondern so gar nicht von männlichen Selbstzweifeln angekränkelt. Zitat: „Die andere hätte ihre Mutter sein können, war im Gesicht noch einigermaßen knitterfrei oder jedenfalls knitterfrei geschminkt, in den Hüften allerdings stark aus dem Leim gegangen.“ Derlei Perspektiven und Formulierungen schmälern tatsächlich das Lesevergnügen, das sich denn auch nur streckenweise einstellt.

Der Erzähler wird also im todschicken Mercedes-Roadster aufgegabelt von einer Schönen und deren Mutter, die ihn in ein unsägliches Hippiekitsch-Kostüm zwängt und gegen Honorar für Greise in einem Luxushotel bei Wien aufspielen lässt. (Anmerkung: Greise von damals haben höchstwahrscheinlich andere Musik hören wollen). Der Erzähler bildet sich jedenfalls ein, dass die schöne Tochter nach ihm schmachtet. Doch statt dessen ist die Mutter – als „mannstolle Matrone“ und „Spinatwachtel“ tituliert – hinter ihm her. Wie unangenehm. Schon allein sprachlich. Als die schöne Tochter hingegen den Erzähler verschmäht, ist seines Bleibens nicht länger. Der wahre Süden liegt ja auch nicht bei Wien, sondern – wie immer schon seit Goethe – in Italien.

Joints und Pop und Peace

Es werden im weiteren Verlauf jede Menge Joints gedreht und geraucht, zwischendurch sind auch schon mal Psychopilze („Narrische Schwammerln“) an der Reihe. Via Namedropping kommen etliche Popsongs von damals ins Spiel – und leider auch ein paar deutsche Texte, die der Gitarrero selbst gedrechselt hat. Ansonsten halt pastos aufgetragene 70er Jahre, zuweilen arg klischeebehaftet. Was klebt auf einem VW-Bus? Der Schriftzug „Make Love not War“ natürlich, samt Pril-Blumen, Peace-Zeichen und provokanter Zunge à la Rolling Stones. Und manches mehr. Danke. Das genügt.

Auch das Thema Homosexualität wird hie und da nochmals aufgegriffen, speziell in Gestalt zweier schwuler Motorradfahrer namens Billy und Wyatt (in Wahrheit Leo und Guido, aber die amerikanischen Namen spielen halt auf „Easy Rider“ an), die noch ein paar Vertauschungs- und Verwechslungs-Rätsel bereithalten, was die Binnenspannung der Geschichte jedoch kaum wesentlich steigert. Später geistert gar ein weiterer, bis zur Parodie effeminiert dargestellter Schwuler namens – Achtung! – Detlef herum. Ich hätte gedacht, dass just diese Namenswahl in diesem Kontext eigentlich nicht mehr geht. Da hab‘ ich mich wohl getäuscht, oder?

Dann eben Natalie statt Aurelie

Fürs Finale geht die Fahrt nach Rom, wo ein Künstler mit dem verballhornten Ibsen-Namen „Peer Gynter“ die reiseführende Rolle spielt. Er nimmt den Erzähler mit zur legendären Villa Massimo, wo seit Jahrzehnten deutsche Kulturschaffende aller Sparten ihre staatlich spendierten Stipendien genießen – ein Umstand, der dem eingangs erwähnten süßen Leben sehr nahe zu kommen scheint. Auch dies eine recht schlichte Vorstellung. Wie gut jedoch, dass die kaum minder ansehnliche Schwester der vormals erwähnten Schönen auftaucht und willig ist. Natalie statt Aurelie. Was soll’s. Hauptsache knackig.

Ein Happy End für so ziemlich alle Beteiligten folgt auch noch – wie einst bei Eichendorff, bei dem es schließlich hieß „– und es war alles, alles gut!“ So lautet auch Modicks letzter Satz. Womit er etwas mit Eichendorff gemeinsam hätte.

Ganz ehrlich: Ich habe Klaus Modick öfter als stets recht soliden, verlässlichen und unterhaltsamen Autor der „gehobenen Mittelklasse“ schätzen gelernt. Diesmal bin ich etwas enttäuscht.

Klaus Modick: „Fahrtwind“. Roman. Kiepenheuer & Witsch. 208 Seiten, 20 Euro. 

 




Zutaten der Erinnerung – Klaus Modicks Roman „Klack“ zoomt die frühen 1960er heran

„Au Backe!“ – „Zieh Leine!“ – Das sagt doch heute kein Mensch mehr. Richtig. Klaus Modicks Roman „Klack“ führt uns zurück in die Jahre 1961 und 1962, also geradewegs in die Zeit zwischen Erstarrung und keimender Aufbruchshoffnung, zwischen Adenauer und Beatles.

Das Titel gebende „Klack“-Geräusch kommt von einer billigen Agfa-Clack-Kamera, die der Ich-Erzähler namens Markus damals auf der Kirmes gewonnen und mit der er fortan Szenen und Vorfälle aus seinem damaligen Alltag festgehalten hat – eigentlich nach bloßem Zufallsprinzip und gleichsam aus der Hüfte geschossen, aber dennoch, über die Jahrzehnte hinweg, selbst im Misslingen vielsagend.

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Markus steckt in der tragikomischen Klemme zwischen Kindheit und Pubertät, er wächst in einer norddeutschen Provinzfamilie auf. Die Oma hält strikt auf Anstand und Sitte, schon Grass’ „Blechtrommel“ gilt ihr als scheußliche Pornographie. Der Vater (Apotheker) faselt unentwegt vom staunenswert zähen „Iwan“, will aber ansonsten vom Krieg nichts Genaues mehr wissen. Die Mutter fügt sich in die Hausfrauenrolle. Die ältere Schwester Hanna macht offenbar heimlich ihre ersten erotischen Erfahrungen; erst recht, als ein französischer Untermieter in die Dachkammer einzieht.

Im Grunde geht’s ihnen ja schon wieder gold. Nicht nur deswegen fühlt man sich hin und wieder im Duktus an Walter Kempowski erinnert. Auch mögen germanistische Seminare sich künftig am Vergleich mit Gerhard Henschels ähnlich gestrickten Büchern („Kindheitsroman“, „Jugendroman“) abarbeiten. Hier wie dort darf man sich an Generationsgenossenschaft wohlig wärmen, wohldosierte Zeitkritik aus sicherer Entfernung inbegriffen.

Die eigentliche, recht übersichtliche Handlung kommt in Gang und Markus’ Seele in Wallung, als nebenan, ins Haus, das ohnehin als „Schandfleck“ gilt, Italiener einziehen. Sie wurden seinerzeit in der bräsigen Wohlstandsrepublik Deutschland weithin als Schwächlinge des Zweiten Weltkriegs und „Spaghettifresser“ verunglimpft. Es ist lang her, doch vielleicht gar nicht so weit weg.

In diesem Falle gibt es noch mehr Empörungsstoff: Der italienische Vater, der (was sonst?) eine Eisdiele eröffnen will, ist Kommunist und spielt Gitarre, die halbwüchsige Tochter Clarissa hängt ihren roten (!) Schlüpfer sichtbar an die Wäscheleine. Unerhört, findet Markus’ Großmutter und lässt – ausgerechnet in jener Zeit des Berliner Mauerbaus – eine hohe Trennwand zwischen beiden Grundstücken hochziehen.

Markus selbst hingegen verguckt sich bebend in die süße Clarissa. Überhaupt sagen ihm jetzt italienische Lebensart und Sangeslust in höchstem Maße zu. Doch dieses Neigung, so glaubt er, muss er in seinem Herzen verschließen.

Womit denn noch ein paar Klischees angeklungen wären.

Was noch passiert, ist insgesamt nicht allzu überraschend. Man fühlt sich zwar ganz leidlich unterhalten, aber niemals sonderlich gefordert, auch nicht durch die eingestreuten Reflexions-Partikel über den Wirklichkeitsgehalt der Fotografie und die trügerische Erinnerung.

Doch halt! Am Ende besteht der Witz der munteren Erzählung wohl gerade darin, dass so gut wie nichts geschehen ist.

Wie zum Ausgleich trägt der Oldenburger Klaus Modick (Jahrgang 1951), ein angenehm bodenständiger und „geerdeter“ Autor, in seiner Geschichte das Zeitkolorit geradezu pastos auf. Er wird nicht müde, Moden, Musiktitel, Konsumgewohnheiten oder Redensarten jener Jahre anzuhäufen, als müsse er den Zeitrahmen der Handlung eigens immer wieder beglaubigen. Zur Not steht hier immer ein Kofferradio bereit, aus dem der passende Schlager plärrt. Im Extremfall hören sich Modicks Sätze schon mal so überaus umständlich an: „Hanna, schnieke rausgeputzt mit schwarzem Dralonrolli, dreiviertellanger, eng anliegender, am Saum geschlitzter schwarzer Caprihose, schwarzen Pumps und schwarzem Popelinemantel, eilte zur Tür.“ Im Neckermann-Katalog standen wahrscheinlich auch nicht mehr Details.

Die nachrichtlichen Großereignisse kommen gleichfalls vor, sofern ihre Folgen bis in den Alltag reichen: Mauerbau im August 1961, Sturmflut im Februar 1962, Kubakrise im Oktober 1962. Und unter allem schwelt im Kalten Krieg insgeheim die Angst vor der atomaren Vernichtung des ganzen Planeten… Wie klein und nichtig war dagegen der ganze Kram, über den man sich sonst so aufgeregt hat.

Klaus Modick: „Klack“. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 223 Seiten, 17,99 Euro.




Als Brecht bei Feuchtwanger klingelte – Klaus Modicks Roman „Sunset“

Winter 1918. Der Krieg geht zu Ende, in München wird die Räterepublik ausgerufen. Das lässt auch den Schriftsteller Lion Feuchtwanger, der sich bisher eher für buddhistische Weisheiten und historische Themen interessierte, nicht kalt.

Gerade arbeitet er an seinem Theaterstück „Thomas Wendt“, einem „dramatischen Roman“ über einen Künstler, der sich zum politischen Engagement bekennt und sich in die Revolution einmischt. Da klingelt es an der Hautür und ein abgerissen wirkender junger Mann mit Stoppelbart, Schiebermütze und abgewetzter Lederjacke begehrt Einlass in die Wohnung des arrivierten Schriftstellers. Er habe ein Stück geschrieben und hoffe, dass der über beste Bühnen-Kontakten verfügende Feuchtwanger in der Lage sei, eine Aufführung zu erwirken, „weil ein Stück“, so der selbstbewusste Jungdichter, „das nicht aufgeführt wird, nichts wert ist.“

Das Drama, das der freche Dichter dem älteren Kollegen auf den Schreibtisch pfeffert, trägt den Titel „Spartakus“. Ein Geniestreich, einer, der Feuchtwanger fast das Leben kostet. Denn als die konterrevolutionären Freikorps seine Wohnung plündern und das Manuskript finden, vermuten sie, nicht ganz zu Unrecht, Feuchtwanger würde mit der Räterepublik sympathisieren. Nur durch einen Zufall entgeht Feuchtwanger dem Erschießungskommando. Aber das ist eine andere Geschichte. Eine, die vielleicht ein andermal etwas genauer erzählt und zu einer Novelle ausgeschmückt werden sollte.

In Klaus Modicks Roman „Sunset“ hat der süffisante Hinweis auf das lebensbedrohliche „Spartakus“-Manuskript eine andere Funktion: er soll zeigen, dass die Freundschaft, die in jenem Revolutionswinter zwischen Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht entstand und sich im Berlin der 20er genauso fortsetzte wie im kalifornischen Exil der 30er und 40er Jahre, von vornherein nicht frei war von bizarren Umgangsformen und kuriosen Streitereien. Wie sollte es auch anders sein, begegneten sich doch hier zwei Schriftsteller, die unterschiedlicher nicht sein konnten und doch zeitlebens miteinander aufs Innigste verbunden waren: Hier der bürgerliche Erfolgsautor, der mit seinen historischen Romanen gigantische Auflagen erzielte und selbst im Exil eine riesige Villa bewohnte. Dort der marxistische Intellektelle, der zwar stets viele Frauen um sich scharte, aber ständig am Hungertuch nagte und dessen Stücke in Amerika niemand spielen wollte. Ohne Feuchtwangers finanzielle Hilfe, das kann man ruhig einmal laut sagen, wäre Brecht in Hollywood vor die Hunde gegangen.

Klaus Modick weiß das natürlich alles. Schließlich hat er vor über 30 Jahren bei Hans-Albert Walter, den Mentor der Exil-Literatur-Forschung in Deutschland studiert und über Feuchtwangers Leben und Literatur promoviert. Durch die Romane Modicks spukt seither ein von Feuchtwanger inspirierter, historisch fundierter, von Aufklärung und Humanismus geprägter Erzählgestus. Eigentlich war es längst überfällig, dass Modick seinen Lieblingsautor zur Romanfigur macht. Ein schwieriges Unterfangen, musste er doch die sich in seinem Kopf angehäuften Fakten zu einer fiktiven Geschichte komponieren. Es ist ihm wunderbar gelungen.

Denn Modick verdichtet die Handlung auf einen einzigen Tag im August 1956: Feuchtwanger ist einer der letzten im kalifornischen Exil verbliebenen deutschen Dichter. Selbst die Kommunistenhysterie der McCarthy-Ära konnte ihn nicht vertreiben. Feuchtwanger ist allein in seiner „Villa Aurora“, es ist heiß, Gattin Marta macht auswärtige Besorgungen, die Sekretärin ist verreist. Da erreicht ihn ein von Johannes R. Becher geschicktes Telegramm aus Ost-Berlin: „Bertolt Brecht gestorben.“ Natürlich kann er der Einladung Bechers zum bereits am nächsten Tag angesetzten Staatsakt im Berliner Ensemble nicht nachkommen. Statt sich über den stalinistischen Kulturminister zu ärgern, erinnert sich Feuchtwanger lieber an seine Zeit mit Brecht. Wie er sich als väterlicher Freund und Ruhepol des jüngeren, aufbrausenden Kollegen empfand. Wie sie zusammen an Feuchtwangers „Warren Hastings“-Drama arbeiteten oder am „Spartakus“-Manuskript von Brecht, das unter dem Titel „Trommeln in der Nacht“ Bühnengeschichte schrieb.

Wenn der Tag zu Ende geht und die Sonne im Stillen Ozean versinkt, hat der von Magenkrämpfen gequälte Feuchtwanger nicht nur wichtige Stationen seiner Freundschaft mit Brecht abgeschritten, er hat auch eine Lebensbilanz gezogen. Modick hat dabei vieles frei erfunden. Aber eine gut erfundene Geschichte, das wusste niemand besser als Feuchtwanger, ist allemal besser als Langeweile in der Wirklichkeit.

Klaus Modick: „Sunset“. Roman. Eichborn Verlag, Frankfurt, 192 S., 18,95 Euro.




Der Autor als inszeniertes Phänomen – Gespräch mit Klaus Modick über seinen Roman „Bestseller“

Es ist die Satire zum Literaturbetrieb schlechthin. In seinem Roman „Bestseller“ entwirft der Autor Klaus Modick eine aberwitzige Strategie: Man nehme den Tagebuch-Fund einer Erbtante, randvoll mit unausgegorenen NS-Erinnerungen. Dann schreibe man den Stoff zur Kolportage mit Liebesdramen um – und finde eine besonders hübsche Frau, die dafür als Autorin aus der Enkelgeneration die Bühne betritt. Fertig ist der Bestseller. Wäre es wirklich so einfach? Ein Gespräch mit Modick auf der Frankfurter Buchmesse.

Frage: Wie groß ist der Wirklichkeits-Anteil an Ihrem Roman?

Klaus Modick: Ziemlich groß. So geht’s tatsächlich ab im Literaturbetrieb. Das Buch speist sich aus meinen langjährigen Erfahrungen als Autor. Der Plot ist frei erfunden, aber es hätte so ähnlich passieren können. So furchtbar stark musste ich die Satire-Schraube gar nicht anziehen.

Haben denn alle Bestseller etwas Anrüchiges?

Modick: Nein, da muss man differenzieren. Promi-Bestseller, sagen wir mal von Eva Herman oder Dieter Bohlen, das sind synthetische Bücher, geplante Seller. Meistens werden sie von Ghostwritern geschrieben, weil manche Promis keinen richtigen deutschen Satz zustande bringen. Dann aber gibt es literarisch sehr respektable Bücher, die durch glückliche Fügungen zu Bestsellern werden. Beispiel Daniel Kehlmann.

Wäre das Bestseller-Rezept in Ihren Roman denn Erfolg versprechend?

Modick: Ich glaube schon. NS-Themen haben ja einen Dauerboom. Und zur schönen Autorin: Heutzutage steht das Buch als solches ziemlich nackt da. In der Eventkultur müssen Schriftsteller möglichst telegen sein, damit sie in Talkshows landen. Wir hatten ja in Deutschland das literarische „Fräuleinwunder“, das mit Judith Hermann anfing. Das Wunder hatte oft nicht nur mit den literarischen Qualitäten dieser Damen zu tun. Sie wurden als ansehnliche Figuren durchinszeniert und gestylt.

Hätten Sie selbst gern einen richtigen Bestseller?

Modick: Ich war mal nah dran an Platz 20 auf der Spiegel-Liste. Immerhin. Nun ja, in erster Linie geht’s mir darum, dass ich schreiben kann, was ich für richtig halte. Alles andere wäre Krampf. Aber ich muss eben auch vom Schreiben leben. Also: Ein Bestseller wäre mir schon lieb. Das heißt ja nicht, dass man seine literarischen Ambitionen verrät.

In Ihrem Roman schildern Sie die Buchmesse als Jahrmarkt der Eitelkeiten…

Modick: Na, das ist sie ja auch! Früher habe ich es als peinlich empfunden, hier am Verlagsstand „ausgestellt“ zu werden. Heute löst die Messe bei mir eine Mischung aus Interesse und Abscheu aus. Interesse, weil man halt doch mit sehr vielen Leuten ins Gespräch kommt. Abscheu just wegen der versammelten Eitelkeiten. Hier wird ja ständig am Autoren-Ranking gebastalt, das ist stressig. Überhaupt ist ist es hier so unglaublich hektisch, eine ständig aufgeheizte Atmosphäre. Nach zwei Tagen fühle ich mich wie „durchgezogen“. Und wehe, man ist mit einem Buch hier, das nicht so beachtet wird. Dann kann man auch schon mal depressiv werden…

Jetzt gehen Sie auf Lesereise. Stimmen eigentlich die Klischees von wegen: Nachher stundenlang mit Veranstaltern beim Italiener sitzen müssen…?

Modick: Ja, sie stimmen. Da muss man eben durch, immer verbindlich bleiben. Ich sehe mich wie eine literarische Wanderbühne. Jeden Abend das Beste geben. Das Lesen an sich macht ja auch Spaß, aber danach wird’s manchmal quälend.

INFO

Klaus Modick ist sozusagen ein „treuer Schluffen“: Am 3. Mai 1951 in Oldenburg geboren, lebt er heute wieder bzw. immer noch dort. Studien und germanistische Gastprofessuren führten ihn allerdings zwischendurch u. a. nach Italien, Frankreich, Japan und in die USA.
Längst zählt er zu den etablierten deutschen Autoren, doch ein veritabler Bestseller ist ihm noch nicht geglückt. Er gilt als ausgesprochen unprätentiöser Schriftsteller, der großen Wert auf alltagsnahe Unterhaltsamkeit legt.
Modick gilt als alltagsnaher, unprätentiöser und meist unterhaltsamer Autor.

Der neue Roman mit dem Titel „Bestseller“ (Eichborn Verlag) hat 271 Seiten und kostet 19,90 Euro.

(Der Beitrag stand am 6. Oktober 2006 in ähnlicher Form in der „Westfälischen Rundschau“, Dortmund)