Kleines Genrebild vom Bauernhof

„Ich wollt', ich wär' ein Huhn..." (Foto: Bernd Berke)

„Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn…“ (Foto: Bernd Berke)

Gar nicht so furchtbar weit von heimischen Gefilden entfernt, doch in einer anderen Welt gelegen: Zwei Wochen Urlaub auf einem Bauernhof in Ostsee-Nähe zeigen einem sehr sinnfällig, wie man sich von naturnahen Vorgängen entfremdet hat. Nicht einmal Kindern mag alles gleich gefallen.

Aufstehen! Ungefähr um 4:30 Uhr krähen lauthals drei bis vier Hähne. Schweine, Kaninchen, Esel, Enten, Rinder, Pferde und Ziegen haben jeweils ihren Platz und tragen im Laufe des langen Tages das Ihre zum allgemeinen Geräusch- und Geruchs-Aufkommen bei. Wie anders und keimfrei liest man’s meistens in den zahllosen Landleben-Magazinen.

Es gibt hier noch etliche Tiere mehr. Wie aufgeregt Hühner rennen können! Wie durchdringend Gänse kreischen können! Wie schnell und kraftvoll ein Esel zu galoppieren vermag! Auch fünf Katzen und fünf Hunde treiben mittenmang ihr Wesen. Die niedlichste, zutraulichste Katze kann auch völlig anders. Sie springt einem Vorstehhund schon mal beherzt auf den Rücken, als wollte sie ihn zureiten. Allzeit kratzbereit.

Und die Menschen? Zwei Helfer sind einander offenbar spinnefeind. „Lass mich in Ruhe, ich muss arbeiten“, raunzt die knorrige P. den öfter mal tagelang sturzbetrunkenen J. an, der in einem Wohnwagen auf dem weitläufigen Hofgelände lebt. Ein Duo, das jedes rustikal polternde Bauerntheater weit hinter sich lässt. Sie erinnern eher schon an den frühen Kroetz – oder gar an Beckett.

Dem Trunkenbold zur Mahnung: Gestern ist einer, der nahebei unter ähnlichen Bedingungen in einem Wohnwagen hauste, am exzessiven Suff gestorben. Ein Stoff wie aus einer Moritat. Die Bauersleute wollen es ihrem derzeit wenig hilfreichen Helfer eindringlich erzählen, auf dass er sich besinne. Auch so ein Narrativ. Zusatzfrage: Darf man jemanden heute noch „Knecht“ bzw. „Magd“ nennen oder ist das im politisch korrekten Sinne verpönt?

Die etwaige Anschaffung eines neuen Traktors ist ein weiteres Thema des Monats. Was bringt das alte Modell noch, was darf das neue kosten? Überhaupt wird notgedrungen hart kalkuliert. Wo gibt es günstige Gelegenheiten? Wo kann man diese oder jene Unterstützung bekommen, wie erhält man spezielle Subventionen? Welche Zimmer kann man vermieten? Wie lange muss das Hofcafé geöffnet bleiben? Auf welchen Märkten muss man präsent sein? Die partielle Missernte dieses Dürresommers verschärft die eh schon angespannte Situation noch. Der Laptop, gefüttert mit allen wichtigen Eckdaten, läuft quasi permanent heiß.

Woher kam eigentlich nochmal das Wort Kultur? Hat es denn nichts mit Kultivieren, also letztlich mit Ackerbau (aka Agrikultur) zu tun?




Flucht vor dem Drogenkartell – in die gar nicht so idyllische Provinz

Das seit Jahren vermisste Mädchen Gesa war für die meisten Bürger in dem beschaulichen Bad Iburg längst in Vergessenheit geraten, als Andreas Atlas plötzlich wieder in dem Städtchen mitten im Teutoburger Wald auftaucht. Er hatte sich einst kurz nach dem Verschwinden der damals 18-jährigen aus dem Staub gemacht. Als er nun in seine alte Heimat zurückkehrt, holt ihn die Vergangenheit wieder ein, aber nicht nur ihn, sondern auch Bekannte und Kollegen aus früheren Zeiten.

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Andreas Atlas ist die Hauptfigur in Martin Calsows neuem Krimi, der von sehr unterschiedlichen Handlungssträngen lebt und recht eigenartige Persönlichkeiten aufzubieten hat. Das fängt schon bei Atlas selbst an. Er ist ein Mann des Bundeskriminalamtes, war als verdeckter Ermittler auf das mexikanische Drogenkartell angesetzt. Ihm gelingt zwar dort der Aufstieg, aber als er auffliegt, muss der Deutsche fliehen.

Dabei möchte er sich eigentlich mit einem unterschlagenen Millionenvermögen in Südamerika ein schönes Leben machen. Doch aus Todesangst vor seinen Verfolgern sucht er lieber den Schutz der ländlichen Idylle. Dort kann indes von Wiedersehensfreude keine Rede sein, die eigene Familie fühlt sich von ihm verprellt, da er es nicht einmal für nötig befand, zur Beerdigung des Vaters zu erscheinen. Das hat auch auf seinen Ruf im Ort abgefärbt, zudem glauben die meisten Leute ohnehin, er habe sich nur rumgetrieben und sei ein Scharlatan.

Doch eine Freundin aus alten Zeiten hält zu ihm. Mit ihr gemeinsam rekonstruiert er die letzten Tage und Stunden vor Gesas Verschwinden. Dass da plötzlich noch intime Fotos auftauchen und Menschen in den Fokus geraten, die sich bis dahin als streng religiöse Gläubige ausgewiesen haben, trägt ganz erheblich zur Steigerung des Spannungsbogens bei. Calsow versteht es nicht nur, dem Krimi eine dramatische Wende zu verleihen, es gelingt ihm auch, die Charaktere mit ihren Widersprüchlichkeiten und prägenden Lebensschicksalen prägnant zu beschreiben.

So aufwühlend die Ereignisse von damals und heute auch immer sein mögen, Atlas verliert nie seine prekäre Lage aus den Augen. Was aus seinen ursprünglichen Zukunftsplänen wird, sei hier noch nicht verraten. Wohl aber soviel: Wie es mit ihm weitergeht, wird ganz wesentlich von einem autistischen Kind bestimmt.

Martin Calsow: „Atlas. Alles auf Anfang“. Grafit Verlag, 253 Seiten, 10,99 Euro.




Sexuelle Lehrjahre in der Provinz – John Updikes erotischer Bildungsroman „Landleben“ bereitet würzige Essenzen auf

Von Bernd Berke

Ach, das wird wohl ein beschauliches Buch sein. wenn es schon „Landleben“ heißt. Sanftes Dasein im Einklang mit der Natur, milde Lüftchen des Lebens. Doch wenn John Updike der Autor ist, sieht die Sache etwas anders aus.

Mit „Landleben“ (Originaltitel „Villages“) legt Updike einen mächtigen Gegenentwurf zur Erotik der Metropolen vor. Statt „Sex and the City“ und dergleichen gibt’s hier würzige Essenzen des geschlechtlichen Treibens in der amerikanischen Provinz.

Der in Kindheit und Jugend (1930er/40er Jahre) arg verklemmte Owen Mackenzie wächst etwas ärmlich aber behütet in einem Nest bei Philadelphia auf. Die bösen Großstädte liegen weit hinterm Horizont, noch ferner dröhnt der Zweite Weltkrieg. Auch Owens weitere Biographie wird von kleinen Orten bestimmt, in denen die Zumutungen der Zeit nur gedämpft ankommen. Dennoch schleicht sich existenzieller Grundschmerz in den Alltag.

Am Beginn des Romans ist der Mann bereits 70 Jahre alt und hält Rückschau. Gleich sechs von 14 Kapiteln tragen den Titel „Kleinstadt-Sex“. Einzelkind Owen entdeckt die saftigen Freuden des Lebens zögerlich, dann aber gründlich. Ausgiebig erfahren wir von seinen ersten Petting-Versuchen in Autos. Als Student in Boston (einzige Großstadt-Episode) himmelt er Phyllis an, die als mathematisch hochbegabte Professorentochter unnahbar über allem zu schweben scheint. Sie wird seine Frau, gibt ihre Karriere auf. Beide haben vier Kinder. Und Owen gründet Computerfirma, die nach der Lochkarten-Ära erste Programme austüftelt.

Seine Qualitäten sprechen sich bei den Frauen herum

In den überschaubaren Zirkeln der Kleinstadt (Gartenpartys, Kinderfeste usw.)sammelt sich allseits Ehefrust. Reihenweise drängen sich vernachlässigte Frauen an Owen heran. Typisch Provinz: Mit jeder Affäre sprechen sich seine Qualitäten hinter vorgehaltener Hand herum, was ihm wiederum neue Damen zuführt.

Er lässt nichts anbrennen, zumal er ein „Forschungsprojekt“ verfolgt: Warum lassen sich Frauen überhaupt mit Männern ein? Nun, jede gibt ihm – ganz sinnlich – ihre ureigene Antwort. Und er begreift: Man muss einander nicht einmal sonderlich mögen, um tollen Sex zu haben. Es triumphiert die Biologie, die einfache Wahrheit der Körper. Kurzum: Owen absolviert in diesem fulminanten erotischen Bildungsroman seine verspäteten Lehrjahre – erst recht, als die freimütigen 1960er sich auch in entlegenen Winkeln auswirken.

So kennt man ihn: Updike schildert sexuelle Praktiken bis zur Neige. Doch als weltweiser Romancier stellt er die kleinen Ausschweifungen in große Zusammenhänge. Der Fraß der Zeit wird spürbar, wenn die Software-Entwicklung über Owens Firma hinwegbraust, oder wenn riesige Malls die Drugstores verdrängen. Melancholie erfasst auch die erotischen Eskapaden – bis Owen mit seiner zweiten Frau Julia illusionslos das sanfte Nachglühen einstiger Begierden genießt.

Noch mehr könnte man schwelgen, wäre das Buch nicht streckenweise so staksig übersetzt. Die Sprachebenen werden mitunter geradezu lachhaft vermengt. Da widmen sich diverse Damen in klinischer Diktion der „Glans“ (Eichel) des Probanden Owen, um sogleich danach nur noch lechzend vom „Ficken“ zu stammeln…

John Updike: „Landleben“. Roman. Rowohlt-Verlag, 414 Seiten, 19,90 Euro.

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  • ZUR PERSON

Kindheit auf einer Farm

  • John Updike wurde am 18. März 1932 in Reading (Pennsylvania / USA) als einziger Sohn eines Lehrers geboren und wuchs auf einer abgelegenen Farm auf.
  • Sein erstes Buch veröffentlichte er 1958. Es war ein Gedichtband.
  • 1959 kam sein erster Roman („Das Fest am Abend“) heraus.
  • Besonders bekannte Werke: „Hasenherz“ (1960), „Bessere Verhältnisse“(1981), „Rabbit in Ruhe“ (1990) und „Such mein Angesicht“ (2002).