Heinz Mack und Goethe: Auf den Spuren des Lichts

„Mehr Licht!“ Diese letzten Worte auf dem Sterbebett wurden dem großen Johann Wolfgang von Goethe vermutlich nur angedichtet. Aber zweifellos war das Wirken gegen die Finsternis ein Leben lang eins der großen Themen des allseits verehrten Schriftstellers und Universalgelehrten, der zweimal, 1774 und 1792, das Städtchen Düsseldorf und den Freund Jacobi mit seiner Anwesenheit beehrte.

"Taten des Lichts": Ausstellungsansicht mit Arbeiten von Heinz Mack in Düsseldorf. (© Archiv Mack / VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

„Taten des Lichts“: Ausstellungsansicht mit Arbeiten von Heinz Mack in Düsseldorf. (© Archiv Mack / VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Mehr Licht gibt es nun endlich im zuvor stark eingestaubten Düsseldorfer Goethe-Museum: frische weiße Farbe, neue Lampen, helle Vorhänge – und ein neues Konzept. Was uns Goethe heute noch zu sagen hat, wie modern er ist, will Direktor Christof Wingertszahn im Schloss Jägerhof der Welt zeigen. Eine weithin leuchtende Kunstausstellung von Heinz Mack wird das Publikum locken – mit „Taten des Lichts“.

Dem Freigeist stets verbunden

Lichtkünstler Mack, der in diesen Tagen 87 Jahre alt wird, hat als reifer Mann, ganz wie einst der nimmermüde Goethe, nichts von seiner Leidenschaft eingebüßt. Es macht ihn wütend, dass die herrschenden westlichen Kuratorencliquen ihn und sein Werk so oft ignorieren. „Die gegenwärtige Kunst geht über ihn hinweg“, sagt er und spricht von sich in der in der dritten Person.

In der Tat würdigt man Mack zwar als Mitbegründer der legendären Gruppe Zero, die 1957 eine neue Klarheit in die wirre Nachkriegskunst brachte. Doch aktuell bevorzugt man Konzept, Installation und Video, befasst sich exzessiv mit Banalitäten und den Neurosen der Gesellschaft. Mack hingegen konzentriert sich ganz auf das, was er die „interstellaren Verhältnisse“ nennt. Man kann auch sagen, er feiert ganz zeitlos die Schönheit des Universums.

Dem alten Freigeist Goethe, der nebenbei auch ein begabter Zeichner war, fühlte sich der 1931 in Hessen geborene Mack schon als Unterprimaner verbunden. Neben Kunst an der Düsseldorfer Akademie studierte er Philosophie in Köln und gab seinen sicheren Job als Lehrer auf, um den Gedanken und dem Schaffen ungehinderten Lauf zu lassen.

Weiterer Blick in die Mack-Ausstellung des Düsseldorfer Goethe-Museums. (© Archiv Mack / VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Weiterer Blick in die Mack-Ausstellung des Düsseldorfer Goethe-Museums. (© Archiv Mack / VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Seine Inspiration fand Mack am Himmel über der Wüste, in der Arktis, auf Ibiza – und zu Hause in Mönchengladbach. Und während die Kollegen den Orient weitgehend vergaßen, beachtete er auch die Farben und Muster in der islamischen Kunst, die schon viel früher als der Westen die Abstraktion gefeiert hatte. „For an oriental mirror“, einen orientalischen Spiegel, malte er 2008 flirrende Ornamente. Auch Goethe wusste die morgenländische Kultur zu schätzen und widmete ihr die Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“.

Die Freiheit denkt abstrakt

Und siehe da: Obgleich Jahrhunderte zwischen den beiden Künstlern liegen, passen sie doch auf wundersame Weise zusammen. Denn Goethe hatte nicht nur als Jüngling so zum Spaß das „Bild eines Mädchens in umgekehrten Farben“ gemalt als sei’s eine Idee von Picasso, er arbeitete auch in der Abstraktion. Wie Mack setzte der Dichter und Denker eine Kugel auf einen Würfel und betrachtete das, unerhört für seine Zeit, als sinnhafte Skulptur. Jenseits alles Gegenständlichen erforschte er das Spektrum des Lichtes, entwarf geometrische Skizzen und ließ eine Reihe von konstruktiv anmutenden Karten drucken, deren nüchterne Schwarz-Weiß-Formen, durch ein Prisma betrachtet, an den Rändern farbig erscheinen.

Mack malte 1991 nach dem Vorbild der Goetheschen Experimentalkarten große Pastelle auf Bütten. Schon viel früher hatte er sich stolz auf das inspirierende Vorbild bezogen und 1964 die Farben des Regenbogens in einem großen Pastell „for Mr. Wolfgang von Goethe“ strahlen lassen. Ordnung und Freiheit, sieht man hier, können einander vortrefflich ergänzen. Das zeigen Raster, zwischen denen es golden schimmert, Fächer überlappender Farbquadrate, ein Keil in Ultramarin, der dreidimensional aus der Fläche hervortritt, oder ein schillerndes Gitter vor den Tönen eines Sonnenuntergangs. Der Maler ist ja auch ein Bildhauer, der in viele Städte seine Himmelszeichen gesetzt hat.

Wo das Blau ewig fließt

Es ist eine Lust, in Goethes Museum den Leuchtspuren des Meisters Mack zu folgen oder auch, wie er es oft ganz sachlich nennt, seinen „Chromatischen Konstellationen“. Im ersten Stock, der von den alten Vitrinen befreit wurde, sind die Farben in Bewegung geraten – mit Hilfe einer Technik, von der Goethe nur träumen konnte. Kinetische Lichtkunst, zum Teil in früheren Jahren entworfen, erzeugt hypnotische Effekte. Da fließt ein ewiges Blau, da schwirren bunte Kreise, da pulsiert ein Sonnengelb. Ganz sicher wäre Goethe begeistert gewesen, seine Theorie so herrlich bestätigt zu sehen: „Jede Farbe also, um gesehen zu werden, muss ein Licht im Hinterhalte haben“, notierte er.

Das gilt auch für Schwarz und Weiß, zeigt Heinz Mack mit einer Serie von monumentalen Bildern, die von Licht und Dunkelheit handeln. Ein schwarzer Planet schwebt da auf einem weißen Nebel, eine Raute steht deutlich im hellen Schein, und die kreisrunde „Black Rotation“ beweist, dass Schwarz keineswegs eintönig ist, sondern in vielen Nuancen schimmern kann, ganz nahe am tiefen Blau, aus dem auf wunderbare Weise die anderen Farben der Schöpfung entstehen.

Wir spüren es, ehe wir es sehen. Und wir empfinden vor Macks Bildern mehr, als wir beschreiben können oder sollen. Bei Goethe gibt es das passende Zitat: „Des echten Künstlers Lehre schließt den Sinn auf; denn wo die Worte fehlen, spricht die Tat.“ Hingehen und ansehen!

„Taten des Lichts – Mack & Goethe“: 4. März bis 27. Mai im Goethe-Museum Düsseldorf, Schloss Jägerhof, Jacobistr. 2. Eintritt: 8 Euro. Di.-Fr. und So. 11 bis 17 Uhr, Sa. 13 bis 17 Uhr. Ein Buch zur Ausstellung erscheint demnächst im Verlag Hatje Cantz Verlag. 480 Seiten, ca. 50 Euro. Vortrags- und Begleitprogramm unter www.goethe-museum.de




Helden auf Halden

Geleucht von Otto Piene - mit Schattenwanderern. Foto: Normen Ruhrus

Geleucht von Otto Piene - mit Schattenwanderern. Foto: Normen Ruhrus

Von 18 bis 6 Uhr sollen wir Helden sein. Helden auf Halden, trotzend und wandernd und schauend. Die Haldensaga will noch einmal Kulturhauptstadt fühlen lassen – aber das Wetter sieht das anders.

Samstag, 18 Uhr. Wir haben uns die Tour A 2 von Moers nach Neukirchen-Vluyn ausgesucht, Sonnenuntergang auf Halde Rheinpreussen, Sonnenaufgang auf Halde Norddeutschland. Neun Helden auf Wanderung. Dass der Startpunkt verlegt wurde, entdecken wir nur durch Zufall. Am Startpunkt stehen statt der von uns erwarteten 20 Menschen gefühlte 200. Ein buntes Getümmel aus Outdoor-Jacken, Wanderschuhen, Thermoskannen und Isomatten. In einem Zelt bekommen wir außerdem noch einen Radioempfänger, Vitamin C-Tütchen (so hohe Dosis, dass man es nur einmal am Tag nehmen darf!), Lageplan und Regenponcho.

Zwischen den vielen Wanderwilligen gehen die Tourguides beinahe unter. Wir finden in Andreas, einem Pfadfinder, unseren. Der Arme sieht sich 71 Menschen gegenüber und sein Gesicht sagt, dass er vielleicht mit 30 gerechnet hatte. Immer, wenn er „Hallo, Hallo“ sagt, sollen wir „Hier“ rufen.

Hallo Hallo

Mit Hallo Hallo und Hier marschieren wir los. Vorbei an bestens gepflegten Vorgärten, ordentlich, geradlinig, grün, kein Schnickschnack. Autos müssen sich der Masse ergeben und auch bei Grün halten. Kinder radeln mit offenem Mund an uns vorbei, Vorhänge an Fenstern werden vorbeigeschoben, als hätte Moers so etwas noch nicht gesehen.

Kurz vor dem Haldenaufstieg macht einer von uns sein Radio an. Amy Winehouse ist tot. Wird die Wanderung nun ein Trauermarsch?

Nach einigen Metern können wir die Spitze von Otto Pienes Geleucht erkennen. 30 Meter hoch ist die Reminiszenz an eine Grubenlampe, rubinrot, wie ein Leuchtturm der Schwerindustrie.

Inne-Halden

Pause. Inne-Halden. Und warten auf den Sonnenuntergang und das Radioballett. Wir breiten Decken und Isomatten aus, ziehen an, was noch im Rucksack liegt, essen und schauen. Auf die schöne Weite, die sich vor uns auftut, Grün, Häuser, Industrie, ein Panorama, wie es vielleicht nur das Ruhrgebiet kennt. Der Wind macht uns den Genuss nicht leicht, die Finger werden eiskalt.

Radioballett bei der Haldensaga. Foto: Normen Ruhrus

Radioballett bei der Haldensaga. Foto: Normen Ruhrus

Da beginnt das Radioballett. Und wir schauen uns an, bekommen neue Namen, fragen uns, wie unser Leben mit diesem anderen Namen verlaufen wäre. Wir wiegen uns vor und zurück, drehen uns umeinander, bis das Gegenüber still zu stehen und die Welt sich zu drehen scheint. Wir legen uns auf die Wiese, halten unser Ohr an die Halde und lauschen ihrem bassigen Gemurmel, hören von ihren Schmerzen, nehmen einen Stein als Andenken auf, der nur auf uns gewartet hat, seit Anbeginn der Zeiten. „Den Leuten zugucken ist viel lustiger, als selbst mitmachen“, sagt ein Mann, der sich das Treiben der Tanzenden ansieht.

Plötzlich ist es dunkel, die Sonne ist heimlich hinter den Wolken untergegangen. Das Geleucht erstrahlt plötzlich und mit ihm am Hang rot strahlende Scheinwerfer. Wunderschön.

Wir wandern weiter. Durch stumme Siedlungen, als wären wir die einzigen Menschen. An einer Statue sollte ein Erzähler stehen, doch der hat es sich anders überlegt. Am Ort der Nachtruhe warten vier Menschen auf uns, die berichten von Märchen, Imkerei, Stadthistorie. Und die Dame, die von der Post erzählt, heißt Christel. Zwischen Zelten mit Wasser und Knäckebrot und nur einem kleinen Unterstellplatz, der längst überfüllt ist, sollen wir im schönen Schein der Öllampen ruhen. Zwei Stunden lang. Schön wäre das in einer Sommernacht, wie man sie Ende Juli erwarten würde.

Es fängt an zu regnen. Wir sehen uns aus unseren hellgrünen Ponchos an. Und wandern zurück zu unseren Autos. Halbe Helden. Und trotzdem eine wundersame Nacht.

Alle Fotos: Normen Ruhrus