„Nichts als gegeben hinnehmen“ – Der Schriftsteller Max von der Grün wäre jetzt 90

Unser Gastautor Horst Delkus aus Kamen (u. a. Ex-Wirtschaftsförderer von Unna, Bildhauer und Historiker) erinnert an den Schriftsteller Max von der Grün, der vor 90 Jahren geboren wurde und 2005 in Dortmund gestorben ist:

Er war ein Zugereister. Wie viele im Ruhrgebiet. Auch hat er im Bergbau gearbeitet, auf Zeche Königsborn in Kamen. Dann wurde er als freier Schriftsteller erfolgreich.

Er lebte in bescheidenen Reihenhäusern, erst in Kamen-Heeren, danach im äußersten Nordostzipfel von Dortmund, in Lanstrop. Im „alten Dorf“, in der Bremsstraße. Mit Kneipe um die Ecke, bei „Ötte“ in der „Alten Post“, wo sich heute ein Steakhouse befindet. Max von der Grün war in Lanstrop zuhause. „Leben im Ruhrgebiet“, schrieb er 1979 im „Spiegel“, „heißt für mich: Leben in einem Vorort.“ Soweit es seine Zeit zuließ, beteiligte er sich auch am kulturellen und gesellschaftlichen Leben in Lanstrop. Max von der Grün war ein Lanstroper, mit Abstand der berühmteste.

Der Schriftsteller Max von der Grün (© Pendragon Verlag/Jennifer von der Grün - https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AMax_von_der_Gr%C3%BCn.jpg - Lizenz:

Der Schriftsteller Max von der Grün (© Pendragon Verlag/Jennifer von der Grün – https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AMax_von_der_Gr%C3%BCn.jpg – Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

Rund 30 Bücher hat er geschrieben, zunächst vor allem über die Arbeit unter Tage: „Männer in zweifacher Nacht“ (1962) erschienen zuerst im katholischen Paulus-Verlag. Über „Irrlicht und Feuer“ (1963) sagte der damalige Vorsitzende der Bergarbeitergewerkschaft – und spätere Bundesarbeitsminister – Walter Arendt, das Buch sei „gewerkschaftsfeindlich“ und gehöre „verbrannt“…

Max von der Grün schrieb Gastarbeiterportraits über das „Leben im gelobten Land“ (1975). Und natürlich das Kinder- und Jugendbuch „Vorstadtkrokodile“ (1976). In „Späte Liebe“ (1982) geht es um eine Liebesromanze zwischen zwei älteren Menschen. Ein literarisches Denkmal für seine Mutter.

Früh vor Rechtsradikalen gewarnt

Nicht zu vergessen die autobiografischen Texte, zum Beispiel „Wie war das eigentlich? – Kindheit und Jugend im Dritten Reich“ (1979). Das Buch endet mit Sätzen, die heute geschrieben sein könnten: „Leider gibt es diese Unbelehrbaren immer noch. Ich fürchte, sie haben sich nie informiert oder sie wollen sich nicht informieren lassen. Über alte und neue rechtsradikale und neofaschistische Kräfte liest man heute beinahe wieder jeden Tag in den Zeitungen. Viele nehmen das nicht so ernst, weil es, wie sie meinen, nur eine kleine verschwindende Minderheit sei. Aber Hitler hat auch nur mit sieben Leuten angefangen.“ In „Flächenbrand“ machte Max von der Grün schon 1979 die Bewaffnung der Rechtsradikalen zum Thema.

1988 erschien das Bändchen „Das Revier. Eine Liebeserklärung.“ Darin steht die vielleicht beste Kurzfassung der Geschichte des Ruhrgebietes: “Es kamen Männer, sie teuften einen Schacht ab. Später kamen wieder Männer und bauten nahe des Schachtes ein Hüttenwerk. Um beides zu betreiben, brauchte man Menschen. Die Menschen aber brauchten Wohnungen. So entstanden um Schacht und Hütte Häuser, die man Zechensiedlung oder Werkswohnung nannte, so entstanden die Vororte und Kleinstädte, die letztlich zu Großstädten wuchsen, später wiederum wuchsen die Großstädte zu einer einzig großen Stadt zusammen…“

Immer wieder flocht von der Grün Erlebnisse und Bebachtungen aus seinem Vorort Lanstrop ein. Zum Beispiel in den Erzählungen von „Friedrich und Friedrike“ (1983): „Hinter der Siedlung `Neue Heimat`, in der sie wohnten, lag ein See, der vor mehr als zwanzig Jahren, als unter Tage noch Kohle abgebaut wurde, durch Bodensenkung entstanden war. Er war nicht allzu tief, aber so groß, daß im Winter, wenn der See zugefroren war, mehr als tausend Leute auf dem Eis Schlittschuh laufen konnten, ohne sich gegenseitig zu behindern. Der See war fischreich, ein Fischerverein pflegte und hegte ihn und setzte, wenn nötig, neue Brut aus: Forellen, Barsche und Aale.“

Max von der Grüns Werke wurden in über 20 Sprachen übersetzt. Allein in Deutschland erreichten seine Bücher eine Gesamtauflage von über 4 Millionen Exemplaren. Elf seiner Werke wurden erfolgreich von ARD und ZDF verfilmt.

Gegen jede Korruption

Die Protagonisten seiner Romane und Erzählungen waren – wie er selbst – Moralisten, Menschen mit einem aufrechten Gang. Korruption und Kumpanei von Gewerkschaft und Sozialdemokratischer Partei sind dort ebenso Thema wie Schilderungen des Lebens als Arbeitsloser in Zeiten, als noch niemand Hartz IV kannte. Max von der Grün beschrieb das Leben der Erniedrigten und Beleidigten, der vielzitierten „kleinen Leute“. Bedenkenswert sein Ausspruch: „Es gibt nicht nur den lesenden Arbeiter sondern auch den nicht-lesenden Akademiker“. Von der Grüns Motto lautete: „Nichts als gegeben hinnehmen.“

Geboren wurde Max von der Grün vor 90 Jahren, am 25. Mai 1926, als Sohn eines Schuhmachers in Bayreuth. Nach seinem Schulbesuch, einer kaufmännischen Lehre und drei Jahren in amerikanischer Kriegsgefangenschaft zog er 1951, weil arbeitslos, ins Ruhrgebiet. Von 1951 bis 1964 arbeitete er bis zu seinem Rausschmiss als Bergmann auf Zeche Königsborn II/V in Kamen-Heeren.

Er starb am 7. April 2005 im Alter von 78 Jahren an einer Herzerkrankung, an der er schon länger litt. Zu seiner Trauerfeier in der Friedenskirche kam so viel Prominenz nach Lanstrop wie nie zuvor. Auf seinen Wunsch erklang „I did it my way“ von Frank Sinatra.

Dortmunder Platz trägt seinen Namen

Der Verfasser dieser Zeilen regte 2006 an, die Lanstroper Straße in Dortmund-Lanstrop – eine Durchgangsstraße – in „Max-von-der-Grün-Straße“ umzubenennen. Begründung: „Der Schriftsteller Max von der Grün (1926 – 2005) zählt zu den bedeutendsten Bürgern der Stadt Dortmund, des Stadtbezirks Scharnhorst und vor allem des Stadtteils Lanstrop. Mit der Umbenennung der Lanstroper Straße in ,Max-von-der-Grün-Straße‘ wird nicht nur ein bedeutender Schriftsteller, Humanist und Aufklärer geehrt, sondern auch der Stadtteil Lanstrop und der Stadtbezirk Scharnhorst nachhaltig aufgewertet.“

Die Bezirksvertretung Scharnhorst (mit satter SPD-Mehrheit) lehnte dies am 5. Dezember 2006 ab – mit der Begründung, man solle lieber „eine Straße mit überörtlichem Charakter oder einen Platz im Zentrum der Stadt“ nach ihm benennen. Der Vorgang wurde an den Rat der Stadt Dortmund verwiesen. Wie zu erwarten, passierte erst einmal nichts. Fünf lange Jahre.

Nach kontroverser Diskussion um einen geeigneten Ort beschloss die Bezirksvertretung Innenstadt-West dann im November 2011, den „Platz“ zwischen Dortmunder Hauptbahnhof und Katharinentreppe – an dem die Stadt- und Landesbibliothek steht und wo sich vor vielen Jahren noch ein Teich befand – Max-von-der-Grün-Platz zu nennen. Das Straßenschild wurde am 20. Dezember 2011 von Jennifer von der Grün, der Witwe des Schriftstellers, enthüllt. Ein Denkmal für Max von der Grün war ebenfalls versprochen und angekündigt. Es steht dort bis heute nicht.




Bochum, Buddy Holly und überhaupt: Als Wolfgang Welt die Treibsätze seiner Texte zündete

So einen gibt es nur in Bochum, also wird die Geschichte immer wieder gern aufgegriffen, wenn es um Wolfgang Welt geht: Der Mann ist Nachtportier im Schauspielhaus – u n d Autor des hochmögenden Suhrkamp-Verlages, seit der berühmte Peter Handke sich vor Jahren für ihn stark gemacht hat. So. Damit hätten wir das hinter uns gebracht.

Fürsprecher Handke hat jetzt auch ein kurzes Vorwort zu Welts gesammelten (vorwiegend journalistischen) Texten der Jahre 1979 bis 2011 beigetragen.

Der Band führt vor allem in Wolfgang Welts Frühzeit zurück, als er speziell Rockmusik, dann aber auch Literatur fürs Ruhrgebiets-Szenemagazin „Marabo“ besprochen hat. Später ging’s auch in Blättern wie „Musikexpress“ zur Sache.

Man erlebt gleichsam schreiberische Fingerübungen, zunächst vielfach noch unscheinbar oder gar unbedarft, gleichwohl schon vehement meinungsfreudig, ja manchmal sogar eminent präpotent.

Ich bin beileibe weder Grönemeyer- noch Müller-Westernhagen-Fan und gewiss auch kein Anhänger von Heinz Rudolf Kunze, doch darf man diese Leute so beleidigend wie folgt abkanzeln?

„Was sich (…) Grönemeyer (…) hier geleistet hat, ist wie schon bei seinem Debüt vor zwei Jahren unter aller Sau.“

Über das Lied „Von drüben“ von Marius Müller-Westernhagen („musikalisch armseliges Würstchen“): „Dieses Stück Scheiße ist an Erbärmlichkeit nicht zu übertreffen. (…) Hoffentlich verliert Müller-Westernhagen bald seine Stimme.“

„Heinz Rudolf Kunze ist eine Null. Er selber weiß es am besten.“

Ist da etwa ein Drecksack am Werk?

Das liest sich ganz so, als wolle da jemand die Kritisierten ein für allemal „erledigen“ und weghaben. Es hat schon gewisse Drecksack-Qualitäten, oder? Eigentlich kein Wunder, dass er auch schon mal als „Aufsatz-Ayatollah“ bezeichnet worden ist. Immerhin hat sich Welt, ausweislich eines viel späteren Textes, mit Grönemeyer nicht auf ewig zerstritten.

Auch wenn er lobte und pries, erging sich Wolfgang Welt (vielsagendes Power-Autorenkürzel „WoW“) vor allem in wuchtig vorgetragenen Gefühlsurteilen, die er gar nicht großartig begründen mochte, darin fast schon einem Reich-Ranicki vergleichbar. Buddy Holly war und ist demnach der Abgott aller populären Musik. Auch eher entlegene Größen wie Phillip Goodhand-Tait oder der Schlagersänger Willy Hagara gelten ihm viel. Vom „Abschaum“ haben wir ja schon gehört. Übrigens: Auch „Rockpalast“-Macher Peter Rüchel gehört zu den Schimpfierten, wohingegen dessen zeitweiliger Mitstreiter Alan Bangs… Aber lest selbst!

Ein häufig bemühtes, wahrlich dürftiges Hauptkriterium seiner frühen Musikbesprechungen ist, dass Künstler mit über 30 zu alt seien, um richtig zu rocken. Ach, du meine Güte! Auch ahnt man zunächst nicht, dass einem jemand mit abgegriffensten Formulierungen wie „Kafka lässt grüßen“, „Ein Buch, aus dem man viel lernen kann“ oder „Beide Scheiben waren weltweite Hits“ je etwas Wissenswertes mitzuteilen haben würde. Vereinzelte sprachliche Unfälle wie diesen hätte das Buchlektorat nachträglich korrigieren sollen: „Von seinem älteren Bruder hatte er bereits zuvor einige einfache Griffe beibekommen gekriegt…“

Hässlichkeit, Melancholie und Würde des Reviers

Jetzt aber endlich das Positive! Und das ist viel mehr.

Irgendwann, zunächst beinahe unmerklich, sodann mit steigender Frequenz, macht es in den assoziativ aufgeladenen Beiträgen („Ich will jetzt schreiben, was mir einfällt“) sozusagen „Klick“. Es beginnt mit Authentizität signalisierenden Bemerkungen: „Ich gebe zu, ich kann kaum verbalisieren, was ich beim Anhören dieser Platte empfunden habe, dazu hat sie mich viel zu sehr berührt.“ Auf einmal aber findet sich ein ungeahnt neuer Ton, der einen mäandernd mitzieht, der sich ganz eigen anhört. Und dieser Sound wird kräftiger! Es klingen chaotisch bewegte Ruhrgebiets-Nächte mit. Die Sätze nehmen wilde, sehnsüchtige Lebensfahrt auf, künden aber auch immer wieder von Hässlichkeit, Melancholie und Würde des vergehenden Reviers von einst.

Dabei zeigt sich unversehens: Buddy Holly und die Wilhelmshöhe (ehemaliges Zechenviertel in Bochum, Welts engere Heimat zwischen Maloche, Fußball und Suff) sind nicht sternenweit voneinander entfernt, sind keineswegs unvereinbare Gegensätze. Ich bin bestimmt nicht der erste, der das schreibt, doch Wahrheiten darf man gelegentlich wiederholen: Bei Wolfgang Welt findet sich das Ruhrgebiet unversehens als Gelände der weltweiten Bewegung im Gefolge des Rock’n’Roll wieder. Den sinnhaltigen Kalauer von der „Welt-Literatur“ haben auch schon andere losgelassen.

Wo anfangs noch Dilettantismus spürbar war, freilich oft schon von wacher Neugier angetrieben, da zahlt sich nun außerdem die zunehmende Repertoire-Kenntnis aus. Welt wird erfahrener, urteilsfähiger, wohl auch Zug um Zug geschmackssicherer.

Es ist frappierend zu sehen, in welchem Maße und wie schnell sich dabei sein Stil zum Guten und manchmal Genialischen hin verändert. Als jemand vom selben Jahrgang, der etwa zur gleichen Zeit mit dem beruflichen Schreiben begonnen hat, muss ich ihm erst recht Bewunderung zollen. Die Treibsätze seiner besseren Texte hätte man gern auch mal gezündet. Von den Romanen („Peggy Sue“, „Der Tick“) erst gar nicht zu reden.

„It’s better to burn out…“

Einlässlich und mit Gespür für Gewichtungen hat sich Wolfgang Welt mit Kultur-Gestalte(r)n aus der Region befasst. Mit Respekt werden Max von der Grüns Roman „Flächenbrand“ oder Jürgen Lodemanns Theaterstück „Ahnsberch“ besprochen, mit freundschaftlicher Sympathie wird der Dortmunder Schriftsteller Wolfgang Körner erwähnt. Werner Streletz (Marl/Bochum), damals noch am Anfang seines literarischen Schaffens stehend, erhält sogleich das Prädikat „beachtlich“.

Dass Wolfgang Welts Lebensweg zwischenzeitlich auch in psychiatrische Behandlungen führte, könnte tatsächlich innigst mit seiner wildwüchsigen Art des Schreibens zu tun haben und den Titel der Sammlung beglaubigen: „Ich schrieb mich verrückt“. Alles hat seinen Preis. Doch wie sang jener (nicht mehr ganz junge) Rockstar: „It’s better to burn out than it is to rust…“

Neuerdings scheint Wolfgang Welt etwas ratlos und verloren um die alten Themen zu kreisen, ohne ihnen wesentlich Neues abzugewinnen. Ausdrücklich heißt es an einer Stelle, dass sein Interesse an Musik geschwunden sei. Da ist ein Feuer erloschen. Und das kann einen ziemlich traurig machen.

Wolfgang Welt: „Ich schrieb mich verrückt“. Texte 1979-2011 (Hrsg. Martin Willems). Klartext Verlag, Essen. 358 Seiten. 19,95 €

P. S.: In einem lakonischen Interview am Schluss des Bandes nennt Wolfgang Welt den Schriftsteller Hermann Lenz als Vorbild und äußert sich so zum Revier: „Weil ich illusionslos bin, was das Ruhrgebiet anbetrifft. Ich finde, es ist ein Haufen Scheiße.“

Ein weiteres Interview mit Wolfgang Welt (von www.bochumschau.de) findet sich hier.




Westfalen – das Land der wenigen Dichter

Seien wir ehrlich: Eine literarische Traditionslandschaft von hohem Rang ist Westfalen leider nicht. Zum Vergleich: Schwaben kann mit Wieland, Schiller, Hölderlin, Mörike, Hegel und etlichen anderen prunken – und wen haben „wir”?

Seit kurzem gibt es eine neue, umfangreiche Internetseite zur westfälischen Literatur – und selbst da muss man sehr intensiv suchen, um aufs Feld ganz großer Dichtung zu gelangen. Über 2000 Autoren sind verzeichnet, doch selbst Fachleute dürften die allermeisten kaum kennen.

Vielleicht liegt’s, wie Goethe gesagt hätte, am Fehlen von „Basalten und Schlössern”. In klassischen Zeiten blühte die Literatur vor allem im Umfeld des Adels. Westfälische Autorenschaft entwickelte sich hingegen vor allem in Kirchen- und Juristen-Kreisen. Vielfach lief es freilich auf Heimatdichtung mit engerem Horizont hinaus. Nach der Industrialisierung kamen entschieden linke Positionen hinzu – bis zum zeitweise wirksamen Dortmunder Werkkreis Literatur der Arbeitswelt (ab 1961).

Ein Kritiker, ein
Sozialist und ein
erschlagener Bischof

Doch in der NS-Zeit neigten manche Schriftsteller auch zu schrecklichen Blut- und Boden-Ergüssen; allen voran Josefa Berens-Totenohl, die in Meschede-Grevenstein aufwuchs.

Es ist lehrreich, auf www. literaturportal-westfalen.de die Funktion „Schauplätze” aufzurufen. Hier kann man – Ort für Ort – erfahren, wo Autoren gelebt und wo Dichtungen gespielt haben. Beispiele:

In Altena wurde 1893 Friedhelm Sieburg geboren, der als „Großkritiker” der FAZ von sich reden machte. Er war sozusagen der Reich-Ranicki der 50er und frühen 60er Jahre.

Der Romantiker Karl Leberecht Immermann hat sich über Arnsberg so geäußert: „…die Gegend um Arnsberg ist die schönste, die ich je gesehen habe…” Später wurde vor allem der von hier stammende Sozialist Wilhelm Hasenclever (1837-1889) bekannt, der für die Rechte der Arbeiter kämpfte und schrieb.

Dortmund könnte sich rühmen, dass der kürzlich verstorbene Peter Rühmkorf 1929 hier geboren wurde. Doch der große Lyriker wurde Hamburger aus Passion. Immerhin: Der Dadaist Richard Huelsenbeck (1892-1974) hat in Dortmund seine Jugend verbracht und liegt hier begraben. Nicht zu vergessen Max von der Grün („Irrlicht und Feuer”), Inbegriff engagierter Arbeiterdichtung in der Nachkriegszeit.

In Gevelsberg haben keine großen Autoren gelebt, aber hier wurde anno 1225 Engelbert I. (Kölner Erzbischof) durch den Grafen Friedrich von Isenburg ermordet. Dieser ungeheuerliche Vorfall war ein nachwirkendes literarisches Motiv – für den mittelhochdeutschen Dichter Walther von der Vogelweide wie für die Vorzeige-Westfälin Annette von Droste-Hülshoff.

Größter literarischer Sohn von Hagen war der Lyriker Ernst Meister (geboren 1911 in Haspe, gestorben 1979 in Hagen), eine prägende Gestalt deutscher Dichtung.

Das doch recht kleine Hilchenbach wächst auf der literarischen Landkarte zur veritablen Größe heran – wegen Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817). Goethe war es, der (nach einem Treffen in Elberfeld) ein Manuskript von Jung-Stilling unter dem Titel „Heinrich Stillings Jugend” herausbrachte. Der Hilchenbacher beschreibt darin das einfache, schlichte Leben Siegerländer Bauern, Eisenschmelzer und Schmiede.

Auf Schloss Cappenberg, wo der preußische Reformer Freiherr vom Stein lebte, fand sich häufig der romantisch-patriotische Dichter Ernst Moritz Arndt ein. Zudem spielt eine Ballade von Annette von Droste-Hülshoff („Die Stiftung Cappenbergs”) dort.

Unna steht in den literarischen Annalen wegen Philipp Nicolai (1556-1608), der hier ein paar Jahre Stadtpfarrer war und berühmte Kirchenlieder wie „Wachet auf, ruft uns die Stimme” schuf. Vor allem aber verdankt Unna Heinrich Heine einigen Ruhm. In „Deutschland. Ein Wintermärchen” (1841) fügte Heine die unsterblichen Zeilen: „Dicht hinter Hagen ward es Nacht . . . / Ich konnte mich erst / Zu Unna im Wirtshaus erwärmen . . .”

Einem Studiengenossen aus Westfalen schrieb Heine Verse ins Stammbuch, die auf ein literarisches Defizit der Region hindeuten könnten:

„Mein Fritz lebt im Vaterland der Schinken, / Im Zauberland, wo Schweinebohnen blühen, / Im dunklen Ofen Pumpernickel glühen, / Wo Dichtergeist erlahmt und Verse hinken . . .”

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INFO:

  • http://www.literaturportal-westfalen.de/
  • Der Netz-Auftritt steht unter Regie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und wurde maßgeblich von der Stiftung Westfalen-Initiative finanziert.
  • Angeblich gibt es für keine andere deutsche Region eine ähnliche Netz-Präsenz.
  • Man kann auf einer Zeitleiste suchen, aber auch nach Autoren- oder Orts-Alphabet („Schauplätze”).
  • Außerdem lässt sich nach Verlagen, Archiven usw. fahnden.
  • Anmerkung: Münsterland, Bielefeld/Ostwestfalen und Lippe-Detmold fallen in diesem Beitrag unter den Tisch. Einfach mal so.



Von der Grün fürchtet: Bei Luchterhand stirbt die Literatur – Dortmunder Autor zum bevorstehenden Verlagsverkauf

Von Bernd Berke

Dortmund. Der Dortmunder Schriftsteller Max von der Grün kam gestern kaum vom Telefonhörer weg. Die Ereignisse vom vergangenen Wochenende haben viel Staub aufgewirbelt: Der Luchterhand-Verlag, „in dem mein gesamtes Lebenswerk erschienen ist“(von der Grün), soll an den holländischen Kluwer-Konzern verkauft werden.

Von der Grün und weitere prominente Autoren haben gedroht, sich andere Verlage zu suchen (WR berichtete). Von der Grün gestern zur WR: „Es haben schon zwei Verlage angerufen. Namen nenn‘ ich natürlich nicht. Das ist fast so wie in der Bundesliga; da wirbt man auch bekannte Spieler ab.“ Im Falle eines Verlagswechsels könnte er sämtliche Rechte an seinen Erfolgsbüchern mitnehmen.

Doch noch hat sich Max von der Grün nicht zu einem solchen Schritt durchgerungen, denn die näheren Umstände, unter denen der Luchterhand-Verlag veräußert werden soll, liegen noch im Dunkeln. Vor allem ist noch unklar, wie es der holländische Verlagsriese, ein Spezialist für Rechtsliteratur, mit dem belletristischen Zweig des Luchterhand-Verlags halten wird. Befürchtet Max von der Grün: „Vielleicht halten die nur den wissenschaftlichen Verlag Luchterhand in Neuwied und lassen die Belletristik sterben.“ Der Verdacht liege nahe, daß die Niederländer den literarischen Teil des Verlags, der in Darmstadt angesiedelt ist, „nur als bittere Kröte beim Kauf mitgeschluckt haben“.

Selbst wenn es eine Überlebensgarantie geben sollte, so stelle sich ja immer noch die inhaltliche Frage, die natürlich eng mit der Qualitätsfrage verknüpft sei. Von der Grün: „Wer garantiert uns, daß die bisherige Linie gehalten wird?“ Er, Max von der Grün, mache sich keine Sorgen um seine Existenz. Er werde mit Sicherheit einen anderen Verlag finden. Was aber geschehe mit den am Markt weniger erfolgreichen, wenngleich wichtigen Autoren? Und wer könne denn vorhersagen, ob nicht im Verlagsbereich (rund 550 Angestellte) einige Entlassungen bevorstünden? Allerdings: Dem Luchterhand-Verlag gehe es finanziell recht gut. Verkaufsgrund sei wohl ausschließlich das hohe Alter der Verleger, die keine Erben hätten. Max von der Grün: „Daß das eines Tages auf uns zukommt, wußten wir seit Jahren.“

Daß aber das Luchterhand-Statut, welches den Autoren gewisse Mitspracherechte sicherte, so überraschend gekündigt wurde, hätten er und seine Kollegen „als brutal empfunden“. Rechtsanwälte prüften denn auch zur Zeit, ob die Kündigung in dieser Form überhaupt statthaft war. Auch dieses Statut, meint der Dortmunder Autor, könne den holländischen Käufern ein Dorn im Auge gewesen sein. Und was nun? Von der Grün: „Erst noch einmal abwarten – und am Freitag in Urlaub fahren.“




Neues Ruhrfestspiel-Ensemble will engen Kontakt zur Arbeitswelt – zu Besuch im Dortmunder Rundschau-Haus

Von Bernd Berke

Dortmund. „Es ist eine ganz neue Erfahrung, Eisenstaub, Hitze und Lärm bei Hoesch selbst zu erleben.“ So staunte, stellvertretend für seine Kollegen, ein Mitglied des neuen Ensembles der Ruhrfestspiele beim gestrigen Besuch im Rundschau-Haus. Die 29köpfige Truppe kam direkt von Betriebsbesichtigungen bei Opel/Bochum und den Dortmunder Hoesch-Werken „Westfalenhütte“ und „Phoenix“.

Beim Redaktionsbesuch diskutierten die Theaterleute mit Wirtschaftsredakteur Frank Bünte und WR-Kulturredakteur Johann Wohlgemuth. Thema: Krise und Zukunftsaussichten des Reviers.

Den Kontakt zur Arbeitswelt nimmt das neue (im Schnitt recht junge) Ensemble sehr ernst. Seit 14 Tagen knüpfte und festigte man Verbindungen zu Betriebsräten, Gewerkschaftern und Belegschaftsmitgliedern. Auch die Kumpel der bedrohten Dortmunder Zeche „Gneisenau“ und ihre streitbaren Frauen standen auf dem Besuchs-Programm der Bühnenleute. Eine „Gneisenau“-Besichtigung vor Ort scheiterte allerdings an „geologischen Schwierigkeiten“, die dort geltend gemacht wurden.

Wolfgang Lichtenstein, neuer Ensemble-Leiter: „Wir müssen immer wieder in die Betriebe gehen, damit es nicht bei einern oberflächlichen ,Sozialtourismus‘ oder einem unverbindlichen Ausflug in die Arbeitswelt bleibt.“ Da die aus allen Teilen der Bundesrepublik stammenden Ensemblemitglieder erst seit dem 15. August fest miteinander arbeiten könnten, befinde man sich noch in einem frühen Vorbereitungsstadium. Bis zur Stunde sei keine größere Festspiel-Produktion für die nächste Saison zur Bekanntgabe reif. Die Stück-Auswahl erfolge nach streng demokratischen Regeln. Lichtenstein: „Jeder kann Vorschläge machen, die dann vom gesamten Ensemble diskutiert werden.“

Ein Projekt über die 35-Stunden-Woche, das gemeinsam mit 19 Opel-Arbeitern verwirklicht werden soll, ist allerdings schon vereinbart. Ins Auge gefaßt hat man auch eine Aufführung über das Verhältnis von Arbeiterschaft und Friedensbewegung, an deren Ausformung betriebliche Friedensinitiativen mitwirken sollen. Beide Projekte werden also nicht von einzelnen Autoren betextet. Wolfgang Lichtenstein versicherte aber, daß man für künftige Vorhaben bereits in Verbindung zu Autoren wie Max von der Grün und Günter Wallraff stehe.

Beim Gespräch über die immer noch von den Krisenbranchen Kohle und Stahl dominierte Wirtschaftsstruktur des Ruhrgebiets äußerten die Darsteller, Dramaturgen und Techniker vor allem Skepsis. Sie sehen die Perspektiven offenbar eher düster. Deutliche Zweifel wurden an optimistischen Äußerungen von Bundesarbeitsminister Blüm geäußert. „Es gibt doch nur noch Krisen-Managements. Wo bleibt der wirkliche Aufbau?“, hieß es zum Beispiel. Vermißt wurden von Politikern zu entwerfende Zukunftsaussichten und „Utopien“. Besonderes Interesse zeigte das Ensemble an den mutmaßlichen Auswirkungen einer 35-Stunden-Woehe sowie am Problem der allgemeinen und der Frauen-Arbeitslosigkeit.

Allen Krisenphänomenen zum Trotz, mögen sich die Theaterleute jedoch nicht gänzlich dem Pessimismus verschreiben. Wolfgang Lichtenstein: „Wir wollen die Probleme dieser Region nicht nur bierernst darstellen.“ Humorig lautete denn auch der Arbeitstitel eines weiteren Projekts: „Mutter Kohle-Vater Stahl“.