„Das Gute“: Michael Köhlmeiers Streifzüge durchs menschliche Dasein in 53 Kapiteln

Der Titel klingt schlicht, ja beinahe unbedarft: „Das Gute“. Beim Untertitel habe ich mich zunächst hartnäckig verlesen: „53 Zuneigungen“ lautet er korrekt, mir erschien er als „53 Zueignungen“. Hätte ja sein können, oder?

Jedenfalls verbirgt sich hinter all dem ein ungemein vielfältiges Buch, das gewiss nicht nur vom „Guten“ handelt. Michael Köhlmeier, Österreicher vom Jahrgang 1949, kommt gar manchen Phänomenen unseres Lebens und Denkens auf die Spur, spielt sich damit aber keineswegs auf, sondern lässt gerne auch mal „fünfe gerade sein“ und lieber Unentschiedenheit walten, anstatt vermeintliche Wahrheiten zurechtzubiegen. Gleichwohl gestattet er sich Sprachkritik, die zuweilen (wie er selbstkritisch anmerkt) an Wortklauberei grenzt. Doch was wäre das auch für ein Schriftsteller, der die Worte nicht beim Wort nimmt?

Lebenswege von Bismarck bis Garrincha

Kaum lässt sich bündig zusammenfassen, worum es hier so wechselvoll geht. Eigentlich um alles. Mal um die Zuversicht, den Charme oder das Gewissen. Dann beispielsweise um Zeitgeist, Gedankenfreiheit, Prahlerei, Geiz oder Intrigen. Um das Bestreben, „Forever Young“ zu sein, um den Begriff Weltanschauung, aber auch um das Wirken einzelner Menschen wie Sándor Márai, Bismarck, Elfriede Frischmann (eines der anrührendsten Kapitel überhaupt), Robespierre oder Augustinus. Ferner verfolgen wir den prägnant skizzierten Lebensweg des genialen Fußballers Garrincha oder den des nicht minder genialen Boxers Muhammad Ali.

Köhlmeier behandelt sozusagen sämtliche Wechselfälle des Menschenlebens, seien sie nun geistig, seelisch, körperlich oder metaphysisch bestimmt. Mit staunenswert leichter Hand wendet er dabei Bildungsgut (z. B. aus der griechischen Antike, aus der Bibel oder historischen Zeitläuften) um und um, bis es ins heute hinein leuchtet. Dabei geht es stets angenehm unaufgeregt zu, Vernunft und Ausgleich sind die Leitfäden der Betrachtungen.

Lauter Anregungen – nicht nur zu weiterer Lektüre

Die 53 Kapitel summieren sich beinahe zu einer kompakten Enzyklopädie. Man kann die Essenzen schwerlich in einer Rezension wiedergeben, wird sich aber eingestehen müssen, dass man bei der Lektüre jede Menge Anregungen – nicht nur zu weiterer Lektüre – bekommen hat. Wiederholt findet sich dabei das Lob des Konjunktivs („Was wäre, wenn…“), der Köhlmeier zufolge allemal die Phantasie zu beflügeln vermag. Grimmsche Märchen werden dabei ebenso befragt wie etwa Mark Twains unverwüstliche Figuren „Tom Sawyer“ und „Huckleberry Finn“, Seitenzweige führen auch schon mal stracks durch Donald Ducks Entenhausen, wie sich das Buch denn überhaupt auf allen Ebenen gleichermaßen elegant und gewinnbringend bewegt.

Was haben wir da vor uns, worin sind wir da eingetaucht? Sind es kurze Essays, philosophisch angehauchte Etüden, Berichte aus dem Schreibtischgebiet? Das und noch mehr. Nehmt es nur selbst zur Hand und stöbert – je nach Lust und Laune, ohne Zwang zur Einhaltung einer Reihenfolge. Ob man nun zuerst in Mitteilungen über Freude, Witz und Hoffnung sich ergeht oder mit Köhlmeier (und Marlene Dietrich) über Fett und Zucker nachsinnt, ist im Grunde einerlei. Man kommt jedenfalls inspirierter aus diesem Buch heraus, als man zuvor gewesen ist. Wenn das nichts Gutes ist…

Michael Köhlmeier: „Das Gute. 53 Zuneigungen“. Carl Hanser Verlag, 2026. 252 Seiten, 24 Euro.




Das Böse hat Lust auf sich selbst – Michael Köhlmeiers Roman „Die Verdorbenen“

In diesem Roman mag man sich sogleich unheimlich heimisch fühlen, sofern man mit einer ähnlichen Biographie gesegnet (gepeinigt) ist und z. B. in den 1970er Jahren studiert hat.

Der Student Johann, Michael Köhlmeiers Hauptfigur und Ich-Erzähler in „Die Verdorbenen“, verdingt sich zu jenen Zeiten in Marburg nebenher als Tutor, Kneipenhelfer, Songschreiber und Zeitungskolumnist. Aufregend ist sein Leben freilich nicht, zumal in erotischer Hinsicht ist er ein blutiger Anfänger. Überhaupt weiß er nicht, was werden soll.

Allerdings hat der (wie Autor Köhlmeier) aus Österreich stammende Johann schon mit zarten 6 Jahren auf die Zukunftsfrage seines Vaters (Feuilleton-Journalist in der Provinz, glücklich-weltoffen liiert) geantwortet, er wolle einmal im Leben einen Mann töten. Daraus leitet sich der Spannungsbogen des Romans her: Ob er es als Erwachsener tatsächlich vollziehen wird?

Dieser Johann will nun, mit knapp über 20 Jahren, Schriftsteller werden. Er fristet seine banalen, oft langweiligen Tage mit Schreibübungen auf den Spuren Tschechows und Hemingways. Auch Köhlmeier pflanzt mitunter diese knappen, lakonischen Tatsachen-Sätze mit dem „Es-ist-wie-es-ist“-Gestus. Bloß keine Illusionen, bloß keine Ideologie – und das im aufsässig linken Zeitgeist der frühen 70er. Kurzes Textbeispiel: „Das Café hatte geschlossen. Mein Rucksack stand neben der Tür. Ich hängte ihn mir über die gute Schulter. Ich wusste nicht, wie ich aussah…“

Beim Tutorium hat Johann ein scheinbar unzertrennliches Studi-Paar kennen gelernt: Tommi und Christiane, die einander seit Kindertagen zugetan sind. Zwischen den dreien herrschen bald seltsam verschrobene Anziehungs- und Abstoßungs-Kräfte, die anfangs insgeheim, doch zunehmend dringlich etwas Zerstörerisches freisetzen. Ein armseligeres Kerlchen als Tommi, der phasenweise zu Füßen von Christiane und Johann übernachtet und ansonsten emsig putzige Dinge bastelt, ward selten gesehen.

Auf zielloser Flucht vor sich selbst trampt (70er Jahre!) Johann bis Ostende, wo er brutal überfallen wird und sich ebenso brachial wehrt. Zurück in Marburg, findet er den erstochenen Tommi vor. Sollte etwa Christiane…? Bezeichnendes Zitat: „Das Böse hat Lust auf sich selbst, darum kommt es nicht selten zweimal und gleich schnell hintereinander.“ Sage niemand, wir hätten in diesen Zeiten keinen Anlass, über „das Böse an sich“ nachzusinnen.

Gleichsam tonlos, wie Christiane immer zu reden pflegt, klingt der Roman aus. Aus vierzigjähriger Distanz zum vorher geschilderten Geschehen, ein halbes Leben mit Ehen, Kindern und Trennungen später, trifft Johann noch einmal auf Christiane. Wie wichtig ist es denn wohl noch, ob sie in all der Zwischenzeit aneinander gedacht haben?

Michael Köhlmeier: „Die Verdorbenen“. Roman. Hanser. 158 Seiten. 23 Euro.