Soziale Miniaturen (19): Schimpf und Schande in der Republik

Es ziehen dunkle Wolken auf. (Foto: BB)

Es ziehen dunkle Wolken auf. (Foto: BB)

Es herrscht eine ungute Stimmung im Land. Zunehmend. Gereiztheit und Verbitterung schwelen oder grassieren nicht nur im Osten der Republik.

Ich rede nicht einmal von Idiotismen wie jener unsäglichen „Vogelschiss“-Rede. Zu berichten ist jedoch von zwei „zufällig“ am selben Tag aufgeschnappten Äußerungs-Fetzen auf offener Straße, reichlich laut an die direkte Umgebung gerichtet; jeweils von Männern, was nicht unbedingt etwas Spezielles besagen muss. Oder etwa doch?

1.) „Nein, ich höre n i c h t damit auf. Ich als Deutscher muss es mir nicht gefallen lassen, dass…“ (jäh aufbrausend, zu einer Begleiterin, die offenbar sanft zu widersprechen gewagt hatte)

2.) „Wir werden ja noch nicht mal mit den Flüchtlingen fertig…“ (einsames Schimpf-Solo)

(Zwischenfrage: Wie wird man mit Flüchtlingen „fertig“?)

Beim Rest des haltlosen Geredes war ich beide Male als gegenläufiger Passant schon weit genug entfernt, um nichts Genaues mehr zu vernehmen. Wahrscheinlich besser so. Sonderlich menschenfreundlich kann es nicht gewesen sein.

Jaja, is‘ klar, ich hätte sofort zivilcouragiert einschreiten sollen. Doch was hätte es bewirkt – außer vielleicht ein Handgemenge oder Schlimmeres?

Beide Herrschaften waren übrigens nicht etwa sozial auffällig im Sinne von „abgehängt“ oder sichtlich verarmt. Eher schon ziemliche Durchschnittstypen. Leute also, die von Linken kurzerhand als „besorgte Bürger“ verhöhnt werden.

Wiederum der Zufall (?) wollte es, dass ich ebenfalls dieser Tage in eine Feierlichkeit geraten bin, bei der gediegenes Bildungsbürgertum weitgehend unter sich war. Professoren, Studienrätinnen und so weiter. Doch man höre: auch dort sehr harsche Töne zur Lage der Nation, vor allem eine (offenkundig nach und nach angeschwollene) grundsätzlich entschiedene Abwehrhaltung gegen Folgen verstärkter Migration. Demnach verkommen die Schulen und überall werden christliche Kirchen zu Moscheen umgewidmet…

Es fielen dabei einschlägige Worte wie „Lügenpresse“. Und ein Neurotiker redete von Messerstechern in einer bedenklich angsterfüllten Weise, als stünde hinter jeder Ecke mindestens einer. Überdies galt es als ausgemacht, dass die Messermänner praktisch ausnahmslos Muslime sind. Wenn sie gerade mal nicht das Messer zücken, können manche von ihnen jederzeit Frauen betatschen. Einfach so. Auf offener Straße. Ungestraft. Und die Justiz? Ist letztlich machtlos. Und die Medien? Verschweigen alle Probleme. Na, und so weiter. All das klang reichlich pegidisch.

Nein, es war keineswegs eine explizit AfD-lastige Gesellschaft, die sich da versammelt hatte. Vielmehr (und das ist besonders erschreckend) überwogen eigentlich allgemein aufgeschlossene, polyglotte Menschen mit sozusagen „bunten“ Biographien, die in den oder jenen Erdteilen gelebt und dort etliche Freundschaften geschlossen hatten. Am Ende ist das Ganze wohl doch wieder eine Klassen- und keine „Rassen“-Frage.

Soll ich Euch jetzt noch erzählen, was ich andererseits neulich in der Dortmunder Nordstadt erlauscht habe? Da gingen zwei Typen mit „Migrationshintergrund“ vor mir her, die sich lautstark über Frauen aufregten – immerhin auf Deutsch. Ungefähr jede dritte Äußerung lautete „Diese Schlampen“ oder „Diese dreckigen Schlampen“. Schließlich zog der eine das zornige Fazit, keinen Einwand duldend: „Die Schlampen werden in der Hölle braten.“

Manchmal kommt es mir so vor, als sei die Parodie Wirklichkeit geworden. Hier wie da.

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Bisher in der losen Textreihe „Soziale Miniaturen“ erschienen und durch die Volltext-Suchfunktion auffindbar:

An der Kasse (1), Kontoauszug (2), Profis (3), Sandburg (4), Eheliche Lektionen (5), Im Herrenhaus (6), Herrenrunde (7), Geschlossene Abteilung (8), Pornosammler (9), Am Friedhofstor (10), Einkaufserlebnis (11), Gewaltsamer Augenblick (12), Ein Nachruf im bleibenden Zorn (13), Klassentreffen (14), Zuckfuß (15), Peinlicher Moment (16), Ich Vater. Hier. Jacke an! (17), Herrscher im Supermarkt (18)




Ein wenig Theater mit jungen Migranten – „Grubengold“ im Bochumer Prinzregenttheater

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„Grubengold“ – das Ensemble. (Foto: Sandra Schuck/Prinzregenttheater)

„Grubengold“: Das Wort lässt an die Kohle denken und an die Menschen, die sie aus der Grube holten. Im gleichnamigen Projekt des Theaterpädagogen Holger Werner indes, dessen Ergebnis nun im Bochumer Prinzregenttheater zu sehen war, ist nichts davon. Sein „Gold“ sind geflüchtete Menschen, die das Revier sozusagen in der Kohle-Nachfolge bereichern werden. Neun junge Leute aus Guinea, Irak, Syrien und Deutschland, zwischen 18 und 31 Jahre alt, haben das Stück erarbeitet, und nach einer Stunde ist schon alles vorbei.

Ein langes Gedicht

Die ersten etwa 20 Minuten gehören dem Vortrag eines dramatischen Gedichtes in arabischer Sprache, in dem, wenn das gleichzeitig stattfindende sparsame Bühnenspiel nicht täuscht, der Tod eines jungen Mannes eine zentrale Rolle spielt. Das Gedicht stammt von Yousef Ahmad Zaghmout, der es auch vorträgt. Auf dem Besetzungszettel findet sich eine deutsche Übersetzung. Mit großem Pathos geht es um den Schmerz, den Tod und vor allem um „das Lager“, das im Lager Yarmouk bei Damaskus sein reales Vorbild hat. Hier ist das Leben offenbar unerträglich, und so sehen wir im zweiten Bild ein qualliges, waberndes Gebilde aus Plastikfolie und Menschenleibern, das offenbar in (Fort-) Bewegung ist. Diese sehr beeindruckende Visualisierung von Flucht, Meer und Gefahr hat mit sparsamsten Mitteln Sylvia Fadenhaft geschaffen, die überaus kreative Bühnenbildnerin des Prinzregenttheaters.

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„Grubengold“ – wiederum das Ensemble. (Foto: Sandra Schuck/Prinzregenttheater)

Gepriesen sei Sylvia Fadenhaft

Auch die sich anschließende dritte Visualisierung trägt Sylvia Fadenhafts Handschrift: Da nämlich gilt es, die nach der turbulenten Überfahrt krumm und schief herabhängenden Stoffbahnen zu ordnen. Willkommen in Deutschland: Hier herrscht Ordnung, und das hat die jungen Migranten offenbar so sehr beeindruckt, dass sie mit der Beschreibung dieses oft doch recht sinnfreien Ordnungswahns eine putzige Dreierreihe von szenischen Deutschland-Wahrnehmungen beginnen.

Im nächsten Bild geht eine junge Frau von einem zum anderen und richtet an jeden und jede den Satz „Sprechen Sie Deutsch“, wobei nicht klar auszumachen ist, ob es sich um eine Frage oder um eine Anweisung handelt. Jedenfalls spricht keiner Deutsch, unübersehbar ist die spitzbübische Freude an Dilemma und Verweigerung. „Dodge“ vielleicht, die alte amerikanische Automarke? Aber Deutsch? No, sorry.

Fingerabdrücke

Im dritten dieser amüsanten Bilder geht es um Fingerabdrücke, die ein Kontrolleur gnadenlos von allen fordert und die zu geben offenbar als große Zumutung empfunden wird. Nachdem die Prozedur einige Male durchgeführt wurde, dreht das Ensemble den Spieß um und verlangt nun Fingerabdrücke vom Publikum, wohl, um den Zumutungscharakter herauszustreichen. Schließlich reiht es sich auf der Bühne und intoniert „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Und dann ist der Abend auch schon vorbei.

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„Grubengold“ – das Flatterband markiert die Grenze. (Foto: Sandra Schuck/Prinzregenttheater)

Seit September 2015, ist zu erfahren, wurde dieses Stück erarbeitet. Daran gemessen ist das Ergebnis dürftig. Wer im Themenfeld Migration, „Flüchtlingskrise“ usw. auf persönliche Antworten gehofft hatte, die über das immer Ähnliche der täglichen Nachrichten hinausgehen, hoffte vergebens.

Wie aus einem Förderantrag

Dabei wüsste man schon gerne, wie sich diese jungen Leute, beispielsweise in Bochum, ihre Zukunft vorstellen. Das Projekt hatte sich so etwas wohl auch vorgenommen, nämlich „die Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben in Bochum zu erlangen, Kontakte zur Bevölkerung herzustellen und zu fördern und ein Teil dieser Gesellschaft zu werden“. So jedenfalls ist es im Begleittext nachzulesen, der seinerseits klingt wie aus einem Förderantrag zitiert. Gefördert wurde das Projekt gleich aus mehreren Töpfen, unter anderem vom Familienministerium des Landes.

Nun, vielleicht erfüllt sich der eigene Anspruch in Zukunft ja noch, „Grubengold“ ist als Langzeitprojekt ausgeflaggt. In guter Erinnerung bleiben die Tanzeinlagen von zwei, drei Mitwirkenden, deren Ambitionen sicherlich über dieses Projekt hinausreichen dürften.




RebellComedy: Der harmlos coole Humor für die Kinder der Gastarbeiter

Kennen Sie RebellComedy? Nein? Dann sind Sie vermutlich über 40 und haben nur deutsche Vorfahren. RebellComedy gelingt, woran sich Kulturveranstalter in ganz Deutschland seit Jahren die Zähne ausbeißen: Sie erreichen die Kinder und Enkel der Migranten. Ihr Markenzeichen: coole Harmlosigkeit. Eine erstaunliche Erfolgsgeschichte:

»Ich liiiebe Deutschland«, sagt der junge Mann und legt dabei die Hand aufs Herz. »Ich bin keiner von diesen Typen, die sagen: Scheiße Deutschland. Wallah, Deutschland voll der Hurensohn. Neeeein! In keinem anderen Land könnte jemand wie ich 15 Minuten vor so einer Menge von Leuten stehen und einfach Blödsinn von sich geben.«

Der Mann heißt Pu: 27 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Münster, geprägt gleichermaßen durch seine iranischen Eltern und die aus den USA auch nach Westfalen importierte HipHop-Kultur. Seit seiner Jugend rappt er und kombiniert seinen schnellen Sprachwitz auf der Bühne gewinnbringend mit der Unfähigkeit, auch nur eine halbe Minute still zu stehen.

Pu ist, könnte man sagen, ein typischer Deutscher seiner Generation. Nur würde das in Deutschland kaum jemand so sagen. Wer Pu auch nur den Bruchteil einer Sekunde anschaut, hat in der Regel zuallererst dieses eine Wort im Kopf: Ausländer. Pu kennt das, natürlich. Er verdient sein Geld damit.

Foto: Mirza Odabasi

Foto: Mirza Odabasi

»Wenn ich im Iran so eine Menge Scheiße von mir gäbe, könnte ich nichts erreichen. Obwohl, doch. Wenn ich wirklich, wirklich viel Scheiße von mir gebe … könnte ich Präsident im Iran werden«, geht seine Nummer weiter.

Pu ist einer von zehn Mitgliedern der RebellComedy. Wie die anderen bastelt er an seiner Solo-Karriere, absolviert Auftritte bei »TV Total«, doch die Marke »RebellComedy« ist größer als er. Wenn sie gemeinsam auf Tour gehen – ab Mai ist es wieder soweit –, sind die Hallen meist ausverkauft. Sie haben einen Moderator dabei, der zwischen den Auftritten der Comedians überleitet, und einen DJ. Sie posten und twittern, machen Selfies mit dem Publikum und mischen sich nachher unters Volk. Ein bisschen erinnert ihre Show an Breakdance: eine große Crew, von der immer mal jemand anders im Mittelpunkt steht, während die übrigen vom Rand Respekt zollen.

Und dann steht sie da mit den Eintrittskarten in der Hand, vor dem Bahnhof Langendreer, vor der Bonner »Springmaus«, vor dem Kölner Gloria-Theater oder dem Bielefelder Theaterlabor: diese schwer erreichbare Zielgruppe junger Menschen mit Migrationshintergrund, an der sich Kulturveranstalter seit Jahren die Zähne ausbeißen. Kein noch so gut gemeintes Stück über Diskriminierung konnte sie in die Theater locken. Selbst die erste Generation der Ethno-Comedians erreichte sie kaum: Im Publikum von Kaya Yanar, Bülent Ceylan oder Fatih Cevikkollu sitzen überwiegend gebürtige Deutsche. Junge Frauen mit Kopftuch, die hat nur RebellComedy. Warum?

Usama Elyas, Mit-Gründer von  RebellComedy. Foto: Mirza Odabasi

Usama Elyas, Mit-Gründer von RebellComedy. Foto: Mirza Odabasi

Das Verrückteste an ihrer Erfolgsgeschichte ist vielleicht die Chuzpe, mit der sie sich aufmachten, die Kleinkunstbühnen der Republik zu erobern. RebellComedy startete künstlerisch unerfahren bis unprofessionell, dafür mit theoretischem Unterbau, gutem Marketing und dem aus dem HipHop geborgten Selbstbewusstsein eines Underdogs, der ganz nach oben will: Denen zeigen wir es.

Die Geschichte beginnt im beschaulichen Eschweiler und im benachbarten Aachen. Hier wachsen die Gründer der Gruppe auf: Babak Ghassim, heute RebellComedy-Regisseur, und Usama Elyas. Als Usama 13 Jahre alt war, wurde sein Vater zum wohl prominentesten Gesicht des Islam in Deutschland: Dr. Nadeem Elyas war 12 Jahre lang Vorsitzender des Zentralrates der Muslime. Ein konservativer Mann, der seine Kinder religiös erzog. Usama und Babak spielten in ihrer Jugend erfolgreich Basketball, wuchsen in die HipHop-Szene hinein. Der Freundeskreis war groß, die beiden begnadete Alleinunterhalter.

»Er war lustig«, erinnert sich auch Dieter Rehder, Usama Elyas‘ Professor für Grafikdesign an der Fachhochschule Aachen. Mehr noch erinnert sich Rehder aber daran, dass sein Student das Seminar freitags stets um 12 Uhr verließ, um zum Freitagsgebet zu gehen. Auch an Elyas’ Diplomthema erinnert sich Rehder gut: Es ging um eine Fernsehshow für StandUp-Comedy namens »Fladenbrot«. Die Comedians: allesamt junge Leute mit Migrationshintergrund, die aus ihrem Leben erzählen – davon, wie das Leben eben so ist, wenn die Eltern oder Großeltern aus dem Iran, der Türkei, Marokko stammen.

»Eher weniger« habe er an den Erfolg eines solchen Formats geglaubt, gibt Rehder zu. Usama Elyas weiß das. »Der Prof fand es schrecklich; er meinte, das sei ein Nischenprodukt. So, als würden Behinderte Witze über ihre Behinderung machen.« Doch der heute 33-Jährige ließ sich nicht beirren: »Das ist keine Nische, das ist eine ganze Generation, die hier aufwächst. Die werden morgen nicht auswandern. Ich bleibe hier! Und von mir gibt es Millionen.«

Man kann es nicht anders sagen: Er hatte recht. Und er hatte seinen besten Freund Babak, der inzwischen deutsche Sprache und Literatur studierte und Hausarbeiten über »Sprache und Humor bei StandUp-Comedy« schrieb. Heute promoviert Babak Ghassim, schreibt Film-Drehbücher und Texte für Poetry Slams.

"Pu" von Rebell Comedy. Foto: Mirza Odabasi

„Pu“ von Rebell Comedy. Foto: Mirza Odabasi

Die Idee, zusammen eine Comedyshow zu machen, war schon länger in der Welt. »Niemand, den wir kannten, schaute deutsche Comedy. Das war uns zu platt.« Im Freundeskreis dagegen ergab eine Pointe die andere, Abende wurden durchgelacht – »ganz ohne Alkohol«, so Elyas, wieder breit grinsend.

Dass Deutsche Alkohol brauchen, um locker zu werden – ein Klischee-Klassiker. Doch Klischees auf die Bühne bringen, das wollten sie gerade nicht. Das machten schon die anderen.

»Comedy für Deutsche, die endlich über Ausländer lachen dürfen, weil der Ausländer den Witz selbst macht – das ist eine andere Perspektive. Ich schäme mich fremd, wenn ich das sehe.«

Tatsächlich verstecken sich hinter dem Humor der Ethno-Comedy-Pioniere häufig Bewältigungsstrategien. Im Magazin „Der Spiegel“ verglich der Autor die Herkunft der Komiker mit dem Hängelid eines Karl Dall: Die Rolle als Witzbold helfe, mit Ausgrenzung und Ablehnung klarzukommen.

»Diejenigen Situationen veranlassen den Menschen zum Lachen oder Weinen, auf die er keine adäquate Antwort weiß, zu denen er sich nicht mehr sinnvoll verhalten kann«, schreibt der niederländische Soziologe Anton C. Zijderveld in seiner »Soziologie des Humors«. Lachen entspannt und bringt Entlastung.

Kollektive Therapie? Das weisen die Comedy-Rebellen von sich. Sie wollen nicht, dass ihre Herkunft im Vordergrund steht. Sondern? »Themen! Erzählt auf eine natürliche Art und Weise. Authentisch«, beschreibt es Usama Elyas.

Die Comedians schlüpfen nicht in Rollen, wie es etwa die Berlinerin Idil Baydar als türkische Proll-Tussi »Jilet Ayshe« tut. Sie erzählen on stage genauso, wie sie es backstage tun, und sie erzählen gut, sehr gut. Wirklich komisch sind ihre Texte eigentlich nur in Kombination mit der Performance.

Usama Elyas’ Themen auf der Bühne drehen sich häufig um die Familie. Er redet darüber, wie viel Überwindung es ihn gekostet habe, einem anderen Mann gegen dessen Willen etwas in den Hintern zu schieben – nämlich seinem Sohn ein Zäpfchen. Der Ethno-Dreh versteckt sich im Subtext, und in dem geht es um Homophobie. Elyas weiß genau, dass er bei einem überwiegend muslimischen Publikum jeden Nerv trifft. Schwule lösen bei vielen Muslimen ähnliche Reflexe aus, wie Ausländer bei vielen Deutschen: Ab- und Ausgrenzung. Man ist tolerant, aber … Homophobie und der Umgang damit sind Dauer-Themen der RebellComedians.

Humor ist eigentlich selten rebellisch. Er spiegelt und festigt die Normen und Werte einer Gruppe, die sich lachend ihrer selbst vergewissert. Wer mitlacht, gehört dazu. Das stärkt die Gemeinschaft. Viele Zielgruppen haben ihre humoristischen Helden: Männer und Frauen, Landbewohner und Großstädter, Lehrer und Schüler, Gläubige, Linke, Grüne. Die Nische für die Kinder der Migranten war noch frei – eine allerdings inhomogene Zielgruppe, von extrem konservativ bis äußerst liberal. Mit Hass-Kommentaren im Internet oder Anfeindungen hatten RebellComedy trotzdem kaum je zu tun. Das liegt auch an ihrer Harmlosigkeit. Usama Elyas redet vom Taktgefühl, das ein Comedian haben müsse, von Sympathie, die er wecken soll. Dass er »niemandem weh tun« will. Darf Satire alles? »Nein«, sagt Babak Ghassim, ohne zu zögern.

Im Publikum kommt diese Haltung an. Zum Beispiel bei Yasmin Ejjyied, 25, Gelsenkirchenerin mit marokkanischen Wurzeln. »RebellComedy machen Witze über sich selbst, nicht über andere Menschengruppen«, sagt sie. »Kaya Yanar fand ich zu aggressiv. Er hat eine Frau aus dem Publikum bloßgestellt.« Zu RebellComedy sei sie eigentlich wegen Enissa Amani gegangen, habe dann Tränen gelacht und sich gleich Tickets für die nächste Tour gesichert.

Enissa Amani, einzige weibliche Comedian bei RebellComedy. Foto: Mirza Odabasi

Enissa Amani, einzige weibliche Comedian bei RebellComedy. Foto: Mirza Odabasi

Enissa Amani, derzeit einziges weibliches Mitglied der RebellComedy, ist so ziemlich das Gegenteil der Berlinerin Idil Baydar, die die türkische »Cindy aus Marzahn« verkörpert. Amani ist schön wie ein Model. Perfekt frisiert und manikürt, in kurzem Rock und hohen Stiefeln erzählt sie mit ihrer Kleinmädchenstimme, wie sie ihrem Freund die Koffer packt, wenn er zu lange braucht für den Weg von der Arbeit nach Hause – und dass auch ihr Freund mega-eifersüchtig sei, sogar auf den Paketboten (»der Bastard«). Enissa Amani, inzwischen Kölnerin mit iranischen Wurzeln, ist das Role Model vieler junger Frauen. »Sie sieht aus wie ne Tussi. Aber Tussis werden unterschätzt!«, formuliert es Amani-Fan Yasmin Ejjyied.

Amani, Elyas, Ghassim und die anderen, sie sind die Stimme einer Generation, die in Schule und Ausbildung zwar das Gleiche gehört und gelernt hat wie die deutschen Freunde, aber häufig ganz anders erzogen wurde. Wenn Comedian Benaissa erzählt, wie er zum ersten Mal bei seiner ersten deutschen Freundin zu Hause ist, von deren Vater kumpelhaft begrüßt wird und dennoch Angst hat, jede Minute verhaftet zu werden – dann johlt das Publikum ein Johlen des Erkennens.

Schön und gut, könnte man einwenden – aber was ist nun das Rebellische an RebellComedy? Die Antwort von Babak Ghassim ist wirklich witzig – und bezeichnend. Er erfindet kurzerhand eine neue Übersetzung für »Rebell«. Das leitet sich zwar vom lateinischen »bellum«, Krieg, ab, aber »belle steckt ja auch darin, französisch für »schön«. »Wir renovieren Comedy, machen sie wieder schön«, sagt er. Es ist lustig und lehrreich, dabei zuzusehen.

(Der Beitrag erschien zuerst in der April-Ausgabe des NRW-Kulturmagazins K.West)




Migranten im Fokus und die Suche nach mehr Publikum: 2. Ruhrgebietskulturkonferenz

Wieder trafen sich die Kulturhauptstadt-Nachhaltigkeitssachwalter der Metropolkommunen, um die Zukunft einzustielen. Um die 350 Teilnehmer trafen sich auf dem Recklinghäuser Festspiel-Hügel, um über neue Strategien der interkulturellen Arbeit  zu beraten.

Veranstalter sind das NRW-Kulturministerium und der Regionalverband Ruhr (RVR). Launig und humorvoll moderiert von Thomas Laue vom Bochumer Schauspielhaus, wurde der Tag zu einem Thinktank-Marathon zur Gestaltung eines interkulturellen Projektes in der Nachfolge des Festivals „Melez“, dem einzigen Bezugspunkt, der der Kulturpolitik in der Vergangenheit aufgefallen ist. Es war ein Familientreffen all der meist alten Hasen aus der Szene, wobei aus der Freien Szene überwiegend deren Funktionäre anwesend waren. Die Kulturdezernenten waren massiv präsent, u.a. aus Dortmund, Essen, Bochum, Gelsenkirchen und Oberhausen.

Kulturkonferenz Ruhr: Blick in den Veranstaltungsraum im Ruhrfestspielhaus (Bild: RVR/Friedrich)

Kulturkonferenz Ruhr: Blick in den Veranstaltungsraum im Ruhrfestspielhaus (Bild: RVR/Friedrich)

Man will also unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger mit migrantischem Hintergrund auf die Bühnen schieben und hatte als beispielhaftes Unternehmen das Ballhauses Naunynstraße aus Berlin, vertreten von Tuncay Kulaiglu, eingeladen. Kulaiglu erzählte von der Geschichte seiner Familie erzählte und stellte klar, dass das Unternehmen „Postmigrantische Kulturpraxis“ nicht per Knopfdruck funktioniert.  Die Beispiele aus dem Ruhrgebiet bezogen sich wieder alle auf die Institutionen der Städte, die, weil eben kostspielig, sich der migrantischen Themen annehmen sollen und dies durch ein paar Projekte bereits unter Beweis gestellt hatten. Die Bochumer arbeiten mit den Renegade Theater zusammen und nähern sich auch den Streetartisten von Urbanatix. Dortmund wurde gelobt wegen seines Nordstadt-Crash-Test-Projektes, einem Kindergeburtstag in der No-Go-Area Dortmunds mit durchaus bemerkenswerten Einfällen und Szenen.

Schwierig ist es, die Massen zu locken

In einem Workshop wurde ein kleines Licht auf das Hauptproblem der Zukunft der vor allem Darstellenden Künste geleitet, der Publikumsentwicklung, hier „Audience Development“ genannt. Man braucht also insgesamt neues und mehr Publikum. Woher soll es kommen? Frau Professor Birgit Mandel stellte ihre Studie vor, die u.a. besagt, dass es schwierig sei, die nicht kulturaffine Masse zu verlocken, eine Erkenntnis, die ich bereits hatte, als ich als Fünfjähriger mit meinem Kasperle nur die Oma als Publikum erreichen konnte. Mama musste bügeln und Papa schaute die Sportschau.

Das Volk ist zu zufrieden und giert nicht nach theatraler Belehrung oder Erbauung. Kohl und Merkel haben das Land in eine Mittemäßigkeitswüste verwandelt, in der die meisten ihre Kunst und Kulturinstitute zwar gut finden, aber nicht hingehen. Es reicht, dass es sie gibt. Und die Parallel-Gesellchaften schaffen sich ihre eigenen Kulturräume durch Konzerte und andere Veranstaltungen mit Stars aus ihren Ursprungsländern.

Alle zwei Jahre ein „Festival“ als Zwischenbilanz

Aber seien wir optimistisch. Es tut sich was und wie kann man diese Entwicklungen fördern und in den medialen Fokus bringen? Man muss sie entdecken und eine Plattform schaffen. Und das wollen der RVR und die Kulturdezernenten mit Hilfe der Akteure in der Kulturbranche. Jörg Stüdemann, eloquenter Vertreter der Migrationskulturpolitik und sowohl Kämmerer als auch Kulturdezernent der Stadt Dortmund, beziffert die Fördersumme für das Unternehmen auf 1 Million und ist sich sicher, dass diese Summe zusammen kommt. Es soll kontinuierlich flächendeckend ein Netz von migrantischen Projekten entstehen. Alle zwei Jahre (Biennale) soll es dann zu einem „Showing“ kommen. Krampfhaft wird versucht, das Wort „Festival“ zu vermeiden. Das ist schon putzig, aber wenn sich alles Festival nennt, was länger als einen Tag dauert, kann man es verstehen, diesen ungeschützten Begriff zu verstecken, damit nicht wieder die medizinisch korrekt so bezeichnete „Festivalitis“ die Menschen erfasst.

Ein noch nicht besetztes Gremium soll sich eine künstlerische Leitung des Projektes ausgucken. Konzepte können eingereicht werden und dann wird der König der Migrationskultur auserwählt. Essens Dezernent Andreas Bomheuer favorisiert einen Einheimischen und stellte heraus, das die Region genügend eigene Kräfte habe, um so ein Unternehmen erfolgreich durchführen zu können. Mal sehen, was da in nächster Zeit an Namen durch die Kantinen gereicht wird.

Endich tut sich etwas – nach all den verschenkten Jahren

Ein Workshop war dazu angesetzt, für dieses FESTIVAL Vorschläge zu erarbeiten. Welche Spielorte und –formen sollen eine Rolle spielen? Diese Frage einem Kreis von Verwaltern und Nichtkünstlern zu stellen, ist doch eher fragwürdig. So stand auf einer der Karten, die man an eine Pinnwand pinnen konnte: „Aalto Theater – Musik“, „Theater – Schauspiel“. Letztlich braucht man Orte in der Region, die sich jeweils für das realisierte Projekt sinnvoll und inhaltlich eignen. Und wieder war erkennbar, dass das freie Feld der künstlerischen Betätigung auf Institute beschränkt ist – zumindest in den meisten Köpfen der Entscheider.

Doch immerhin spielt die Zukunft der Interkultur, die eigentlich längst Gegenwart ist, eine größere Rolle in der Politik als in den verschenkten Jahren zuvor. Ob allerdings eine Strategie auf Papier zu nachhaltigen Ergebnissen führen wird, ist offen. Vielfältigkeit als Dogma führt an mancher Stelle zu Einfalt und bunt ist nicht immer gleich lebendig, graue Mäuse entpuppen sich oft als Vulkane der Kreativität.

Das NRW-Kulturministerium und der Regionalverband Ruhr stellen jährlich je 2,4 Millionen Euro bereit, um die im Kulturhauptstadt-Jahr entwickelten Netzwerke, regionalen Partnerschaften und Kooperationen zu fördern und weiter zu entwickeln. Infos: www.kulturkonferenz.metropoleruhr.de