„Krimi um Timmy“ – wie „Bild“ den Überlebenskampf des Ostsee-Wals ausschlachtet

Natürlich nicht der bedauernswerte Ostsee-Wal, sondern ein gesunder Buckelwal mit Kalb im natürlichen Habitat – im November 2024 fotografiert vor der Insel Moorea (Französ. Polynesien). Wikimedia Commons / © Charles J. Sharp – sharpphotography.co.uk / Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en

„Bild“ glaubte ja schon immer, ein Gespür für die Seelenlage und die „Stimme des Volkes“ zu haben, so auch jetzt beim selbst atemlos angestachelten Drama um den in der Ostsee gestrandeten Wal, den sie „Timmy“ nennen. Inzwischen dauert die Sache vor der Insel Poel schon 22 Tage – und die Boulevard-Journaille lässt einfach nicht locker. Sie beschert der Kundschaft (mitunter im Minutentakt) ein andauerndes Wechselbad zwischen Bangen und Hoffen.

Unterdessen hat das mediale Dauerfeuer bewirkt, dass sich um den Todeskampf des Buckelwals eine wahre Hysterie mit Demonstrationen und bis hin zu Morddrohungen gegen Hilfskräfte entwickelt hat – und das in einer Zeit bedrohlicher Weltkrisen. Anders besehen: Verhandelt da womöglich eine Gesellschaft ihre Haltung zu ökologischen Fragen und zum Kreatürlichen neu? Oder wird hier besinnungslos Tierliebe ausgeschlachtet und trivialisiert? Kann sie jemand erinnern, dass einem menschlichen Wesen in letzter Zeit solche Aufmerksamkeit zuteil wurde? Und was ist eigentlich mit all den anderen Tieren, die anderswo unter teils elenden Umständen verenden? Überdies: In einer Reportage über die vielfach eigens angereisten „Wal-Fans“ in Poel zieht „Spiegel online“ das vielsagende Fazit, nicht nur der Wal sei „gestrandet“, sondern auch…

Jetzt genügt es…

Man lese und staune fassungslos – oder lasse es halt bleiben, denn man muss stark (Neudeutsch: resilient) sein, um sich den Tort anzutun. Wir dokumentieren jedenfalls eine Auswahl aus der schier endlosen „Bild“-Online-Schlagzeilen-Orgie vom Live-Ticker, Stand 21. April, 11.13 Uhr. Leporello wurde bis jetzt fortgesetzt, aber jetzt reicht es: Diesen Wahnwitz machen wir nicht länger mit. Den Rest entnehme man bitte anderen Medien.

Was bisher geschah:

„Krimi um Timmy, den Ostsee-Wal“

Wir beginnen mit neueren Schlagzeilen (Achtung, zunehmende Inflation der Ausrufezeichen!) und arbeiten uns sukzessive in den Irrsinn der vergangenen Tage vor:

Wird jetzt die Sandbank unter Timmy weggespült?

Timmy bäumt sich auf

Weitere Geräte zum Sandspülen

Timmy wird wieder nass gemacht

Fisch-Menü für Timmy

Backhaus war „bis 1.30 Uhr beim Wal“

Herzzerreißende Bilder

Nur noch eine Person beim Wal

Versucht Timmy, sich freizuschaufeln?

Nächster Helfer schmeißt hin

Bedrohung für Timmy!

Timmy sorgt für Walpatenschaften

Hawaii-Tierärztin hat hingeschmissen 

Timmy, deine Zeit wird knapp

Gurte für Timmy

„Ruhige Aktion durchrühren“

Timmy „ruht sich aus“

Sturmböen in der Bucht

Timmy bläst tapfer weiter

Wal muss Bogen schwimmen

Timmy liegt wohl auf Sandbank

Greenpeace: „Megastress für das Tier“

Timmy, was tust du?

Ostsee-Wal sitzt schon wieder fest

Peilsender schnellstmöglich

Und wieder Stillstand!

Wal hat „Orientierungsschwierigkeiten“

Weiter geht’s – aber in die Falsche Richtung!

Timmy liegt fest

Wieder Pause

Es geht weiter

„Eines meiner größten Ereignisse“

Enge Angelegenheit für Timmy

Dieser Wal macht Deutschland verrückt!

Dieser Wal macht Deutschland verrückt!

Ja, jetzt aber!

Wieder die Falsche Richtung

Aufpassen auf das Netz!

Auf dem richtigen Weg

Jetzt greift Plan B

Enger Kreis um Timmy

Mehr Boote geordert

„Ein Glücksmoment“

Timmy macht Pause, dann geht es weiter

Von links nach rechts

Boote sollen Timmy guiden

Kein Peilsender

Wal-Fans jubeln

Sehen Sie, wie der Wal schwimmt

Keine Helfer in Sicht

Timmy schwimmt!

Backhaus: Einzigartiges Ereignis in Deutschland

Backhaus: „Wir sind an Recht und Gesetz gebunden“

Die Pressekonferenz der Walhelfer

Wasserpegel steigt dramatisch

„Robin Hood“ soll Timmy in die Freiheit ziehen

Hawaii-Tierärztin bei Timmy

Timmys Reiseroute geheim

Taucher sind mit Spülarbeiten beschäftigt

Millionäre wollen Timmy um jeden Preis retten

Jetzt zeigen sie Timmy sein Abschlepp-Netz

Timmy wird beruhigt

„Reisebett“ wird zu Timmy gebracht

Timmy wieder deutlich aktiver

So soll Timmy transportiert werden

DLRG macht sich bereit

Ponton wird bereit gemacht

MediaMarkt-Gründer: „Wal antwortet Team“

Zeitplan offenbar erneut in Verzug

Band Santiano verurteilt Rettungsaktion

Baggerarbeiten an Fahrrinne laufen

Erste Wal-Visite des Tages

Erste Wal-Visite des Tages

Luftbild zeigt Timmys Pflegemaske

Polizei auf Timmy-Streife

Hier wird Timmy eingesalbt

Darum ist Timmys Rücken heute weiß

Greenpeace: Timmy würde in der Nordsee ertrinken

Tücher wieder abgenommen

Backhaus steht jetzt in der Pflicht

Weiterer Versuch, Timmys Maul zu öffnen

Tierärztin wird von Zuschauer bedrängt

„Das ist keine Todeskampf“

Immer wieder Bürokratie

Jetzt wird Timmy freigespült

Stress, Befreiungsversuche, Todeskampf? Meeresbiologe über das Verhalten des Wals

Bald entschlüsseln wir das WALphabet

Tücher werden entfernt

Pontons werden zusammengefügt

Pontons werden zu Wasser gelassen

Timmy rudert heftig mit seinen Flippern

Video! Hier wird Timmy nachgesalzen

Salzwasser-Kur für Timmy

Timmy bedeckt und benetzt

Rettung nicht genehmigt, nur geduldet

Mysteriöser Irrweg

Verzögerungbei Wahlrettung möglich

Wal in Schlauchstück verfangen 

Rettungsinsel zieht sich zurück

Der Free-Timmy-Plan

Chef-Taucher erklärt die komplizierte Aktion mit Baggern, Pumpen, Schläuchen und Planen

Immer mehr Timmy-Fans kommen

Ponton nähert sich Timmy

Mann in Schutzzone abgefangen

„Wie haben viel Energie gespürt“

Timmys Haut kann heilen

„Er kann aus diesem Gefängnis raus“

Es wird „machbar“ sein, Wale zu verstehen

Wie geht es dem Wal?

Wal im Nebel

Gunz schläft kaum noch

Tommy in Aktion: Schwanzflosse schlägt und er dreht sich

Hatte Timmy Angst?

Wal bleibt „ein schwer kranker Patient“ 

Wal-Rettung auf morgen verschoben

Helfer befeuchten Timmy mit Gießkannen

Verzögerten Juristen Tommys Rettung?

Timmys Sonnenschutz entfernt

Timmys „Rettungsboot“ bereit

Visite beim Wal

Nächster Wal in der Ostsee im Video

„Positiver Eindruck“ von Timmy

Darum wird Timmy mit Tüchern bedeckt

Rettungs-Equipment abgeladen

Timmys Rettung! Luftkissen sollen ihn anheben

Biologe hat Zweifel

Guck mal Deutschland, so geht’s!

Australier retteten Wal in wenigen Stunden

Timmys möglicher Weg zurück in den Atlantik 

Sechs Helfer bei Timmy

Polizeiboot begleitet Fähre

Timmy wird bewässert

Taucher benetzen Timmy mit Wasser 

Reaktion der CDU

Bergung ganz dicht am Wal

Es geht los!

Timmy bläst Fontänen

Plötzlich verzögert sich die Rettung …und keiner will verraten, warum

Timmy atmet relativ stabil

Wird hier Geschichte geschrieben?

Rettung, obwohl Tommy schwer krank ist?

So wollen Experten den Wal retten

Zwei Millionäre wollen Timmy retten

„Es ist ein Wunder! Er schafft das!“

Jubel am Strand über geplante Timmy-Rettung

Tiermedizinerin soll Timmy begleiten

Steinmeier spricht mit Wal-Experten

Backhaus von Wal-Fans bejubelt

So wurde der Rettungsplan genehmigt

Was kostet die Walrettung?

Bundespräsident zur Wal-Debatte

Timmy bläst und Tausende verfolgen ihn im Stream

Du guckst es doch auch! Wal Timmy im Bild-Livestream

Polizei-Schutz für Timmy

Vor Ort ist es ruhig

Timmys herzzerreißende Klagerufe

Zweiter Wal in der Ostsee aufgetaucht

Was ist gut für das Tier?

Timmy lebt

Timmy wird wieder bewässert

Woher kommt die Wut um den Wal?

Wal-Wahnsinn! Wer blickt noch durch?

Das Hin und Her zwischen Experten, Wichtigtuern und Helfern

Sicherheitszone um Timmy verstärkt

Warnung vor falschen Spendenaufrufen

Timmy gibt Lebenszeichen von sich

Wir haben Wal-Wut!

Timmy-Entscheidung verschoben!

Weitere Eilanträge machen Hoffnung

Eilantrag zurückgezogen

Timmy hat Wasser in der Lunge

Blick in Timmys trauriges Gesicht

Keine Aktionen

„Schlimmste Hölle“

Nächste Lagebesprechungen

Bagger sind weg

Heute Entscheidung

Tommy hält weiter durch

Dienstag könnte Schicksalstag werden

Blick in Timmys trauriges Gesicht – So krank ist seine Haut

Plötzlich hebelten sie den Zaun aus

Demonstranten noch am Ufer

Polizei stellt Demonstranten

Erst Demo, dann Durchbruch

Lage turbulent

Polizei schnappt Durchbrecher

Polizei verfolgt Demonstranten

Wieder Durchbruch bei Timmy

Schon wieder! Dutzende durchbrechen den Zaun bei Timmy

Bagger rollt an!

Minister: Wasser sammelt sich in Lunge

Demo für Timmy

Gericht hat Klage von Helfer angenommen

Schlauchboot soll Wal-Aktivisten stoppen

Timmy wird bewässert

Eilantrag für Timmy-Rettung bei Gericht eingegangen

Minister heute wieder bei Timmy

Timmy atmet weiter

Bundespräsident mischt sich ein (Steinmeier plant Gespräch mit Wal-Experten)

Sprengung zu grausam?

Wäre Sprengung grausamer als ein langsamer Tod?

Timmy liegt vor Insel Poel fest

Einschläfern mit Medikamenten

Kann man Timmy erschießen?

Ist Sprengung eine Erlösung?

Fähre von Polizei bewacht

Bagger startklar, warten auf Urteil

Nächster Eilantrag eingegangen

Lagebesprechung um 10 Uhr

Timmy hat sich bewegt!

Lebenszeichen von Timmy

Aktuelle Lageeinschätzung

Was passiert mit dem Kadaver?

Öffentlicher Druck

Frage nach einem zweiten Gutachten

Die Rolle von MediaMarkt-Gründer Gunz

Juristische Verantwortung

Das Bild vom „Hospiz“

Hoffnung auf Selbstrettung des Wals

Niendorf nicht mit Poel vergleichbar

Land hatte eigene Bergungs-Idee

Würde Sprengung Timmy erlösen?

Timmys aktueller Zustand

Kritik an Rettungskonzepten

Frau springt ins Wasser zu Timmy

Schwache Atmung

Voraussetzungen für Rettungsmaßnahmen

Flut an Rettungsvorschlägen

Backhaus: „Das Tier in Frieden gehen lassen“

Timmys Atmung schwächer

Wieder Demo auf Poel

Nach Durchbruch: Walwacht verstärkt

Versuch mit Wal-Gesang wirkungslos

Ministerium: Timmys Atmung schwächer

Tiefes Seufzen

Feuerwehr spielte Timmy Walgesang vor

Timmy atmet schwer

Deutliche Fontäne

Wassersprenkler ist Referenzpunkt

Timmy bewegt sich und pustet

Wie geht es mit Timmy weiter?

Frau versucht, zu Timmy zu schwimmen

Einsatzkräfte bedroht

Forderung: Timmy soll frei sein

Timmy soll singen

Feuerwehr bewässert Timmy

Konsequenzen für Zaun-Brecher?

Timmy wird weiterhin bewässert

Weiteres Lebenszeichen von Timmy

Zahlreiche Spendenaufrufe

Menschenkette für sterbenden Wal

Demonstranten laufen zu Timmy

Schutzzaun durchbrochen

Demo-Teilnehmer laufen Richtung Weitendorf

Demo für Timmy

Backhaus veröffentlicht Wal-Gutachten

200 Demonstranten in Wismar

„Wal spürt die Präsenz von uns Menschen hier“

Bayer hat bei Timmy geschlafen

Was ist los, Timmy?

Timmy kämpfte am Mittwoch

Video zeigt: Hier bewegt sich Timmy

Timmy bläst und brummt regelmäßig

Timmy wird wieder bewässert

Backhaus sprach mit Bürgern

Timmys Irrweg

Timmy bläst!

War das eine Bewegung?

Lebt Timmy noch?

Bucht noch dunkel

Minister: Fake News über Timmy in Umlauf

Christin Schaffner: „Der Wal gehört uns nicht“

Ministerium prüft Anzeigen wegen Drohungen

Minister: Keine weiteren Rettungsversuche

Schaulustige und TikToker auf Poel

Timmy zeigt deutlich Lebenszeichen

Diskussion um Bagger in Lagebesprechung

Timmy bläst weiter

Leichte Bewegungen am Donnerstagabend

Wal macht wieder Buckel-Bewegungen

Kräftige Wasserfontäne am Morgen

Timmy hat die Nacht überlebt

Insel-Bürgermeisterin schaltet sich ein

Timmy reagiert nicht auf Boote

Ideen zum Schutz von Walen




Von der Eiszeit bis zur Digitalisierung – eine umfangreiche Geschichte der Ostsee

Seltsame Wesen sollen einst an den Gestaden der heutigen Ostsee gelebt haben. Der römische Naturforscher und Universalgelehrte Gaius Plinius Secundus Maior (ca. 23-79 n. Chr) vermochte über mutmaßliche Menschen des hohen Nordens freilich nur vom Hörensagen zu schreiben: 

Man erzähle von Inseln, „auf denen Menschen mit Pferdefüßen geboren werden (…) und von anderen, auf denen die Bewohner ihre sonst nackten Körper durch ihre übergroßen Ohren völlig bedecken sollen.“

Klingt ein bisschen spekulativ, oder? Die Landstriche wurden von Süden her erst recht spät entdeckt. Dieser Umstand ließ viel Raum für Phantasien, die das gänzlich Unbekannte und Fremde zu imaginieren suchten. Erst 1539 fertigte der Schwede Olaus Magnus, Bischof von Uppsala und Kartograph, eine einigermaßen brauchbare Landkarte an, die den wirklichen Umrissen schon ähnelt.

Heute wissen wir’s etwas besser. Manche, wie der Kieler Historiker Prof. Martin Krieger (Spezialgebiet: Geschichte Nordeuropas), kennen sich so gut mit der Materie aus, dass sie ein Buch daraus machen, welches über weite Strecken als Standardwerk gelten darf und sich als vorbereitende oder begleitende Lektüre zum nächsten Ostsee-Urlaub empfiehlt: „Die Ostsee. Raum – Kultur – Geschichte“ ist eine umfassende Darstellung so gut wie aller Aspekte, die das relativ kleine Meer (es würde ungefähr zweimal in die Nordsee und rund 300 Mal in den Atlantik passen) betreffen. Manches kann freilich nicht tiefgreifend erläutert, sondern nur gestreift werden. Wie denn auch anders?

Lange unter einer Eisschicht verborgen

Zunächst die erdgeschichtliche Dimension: Als im heutigen Frankreich und Spanien schon die Höhlenmaler zugange waren, lastete auf dem späteren Ostsee-Areal noch eine dicke Eisschicht. Die nachfolgende Erderwärmung war dazumal eine günstige Entwicklung, sie ermöglichte Leben und später die dauerhafte Besiedlung des europäischen Nordostens. Die Ostsee-Anrainer hießen später Norddeutschland, Dänemark, Schweden, Polen und Baltikum sowie Finnland, auch gehörte ein Teil Russlands um St. Petersburg hinzu.

Im Vergleich zu südlichen Gefilden des Kontinents war der Nordosten stets mit ziemlicher Verspätung an der Reihe, auch die Christianisierung vollzog sich hier erst mit großer Verzögerung. Kehrseite: Die Gegenden rund um dieses oft stille, zuweilen aber auch tosend gefahrvolle Meer galten mitsamt den Bewohnern als urtümlich. Ein rätselhafter Ostsee-Fund, nämlich eine Buddha-Figur aus dem 6. Jhdt. n. Chr., scheint jedoch darauf hinzudeuten, dass es schon zu jener frühen Zeit keine völlige Isolation von aller Welt gegeben haben kann.

Als Schiffe in Heringsschwärmen steckenblieben

Und so entwirft der Kieler Professor ein historisches Ostsee-Panorama, das über die Stein-, Bronze- und Eisenzeit sowie die (auch nicht so leicht einzugrenzende) Wikingerzeit zunächst bis zur Hanse reicht. Hier halten wir kurz inne. Wir erfahren, dass es sich gar nicht um einen festgefügten Städtebund gehandelt habe, sondern eher um lose Verbindungen ohne Gründungsakt oder übergreifende Verträge. Deshalb könne man auch nicht exakt sagen, welche Stadt zu welcher Zeit dazugehört hat. Jedenfalls begann im 13. Jahrhundert der Aufstieg Lübecks, und die Hansekogge ersetzte alsbald zunehmend die alten Formen der Wikinger-Schiffe, denn in den bauchigen Koggen ließ sich erheblich mehr Ware transportieren, was den aufblühenden Handel begünstigte.

Eine vielleicht nur unwesentlich übertriebene zeitgenössische Darstellung des dänischen Geschichtsschreibers Saxo Grammaticus besagt, die Heringsschwärme seien damals so ungeheuer dicht gewesen, dass Schiffe sie kaum durchdringen konnten, manche seien buchstäblich im Fisch steckengeblieben…

Backsteingotik, Reformation und Aufklärung

Und weiter geht’s durch die Epochen: die Zeit des Deutschen Ordens (Besiedlung und Kolonisierung ostwärts), das Aufkommen der Backsteingotik, die auch im Norden furchtbar grassierende Pest, sodann die Reformation, der Dreißigjährige Krieg, der Fernhandel im Zeichen des Kolonialismus (in dem die Ostseeregion wegen der gar zum umständlichen Seewege nach Indien eher eine Nebenrolle spielte). Allerdings gab es auch dänische Sklavenhändler, die Waffen produzierten, für den Gegenwert in Afrika Sklaven kauften, die wiederum auf karibischen Inseln beim Zuckeranbau ausgebeutet wurden. Eine schreckliche Frühform der „Globalisierung“.

Großen Anteil an der Entwicklung eines Regionalbewusstseins (nicht nur rund um die Ostsee) hatte in der Aufklärung Johann Gottfried Herder, der jeder Region einen unvergleichlichen Eigenwert beimaß. Dass mit Immanuel Kant einer der größten Köpfe der Aufklärung just an der Ostsee, nämlich in Königsberg höchst sesshaft war, dürfte sich herumgesprochen haben.

1793 eröffnet mit Heiligendamm das erste Seebad

1793 beginnt eine bis heute reichende Entwicklung, die auch einen Ausgangspunkt des Buches bildet, nämlich die Entstehung der Urlaubsregion Ostsee. Im genannten Jahr eröffnete das Seebad Heiligendamm in Mecklenburg. Auch hierbei pflegte man sorgsam das Bild von der Ostsee als einer unverdorbenen und ursprünglichen Landschaft.

Allerdings ging auch die Industrialisierung nicht spurlos an der Ostsee vorbei. Kanäle und Eisenbahnbau durchschnitten die Landschaft, es wurden große Werften und andere Betriebe gegründet.

Relativ kurz abgehandelt werden die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Dazu heißt es, die Ostsee sei – mit wenigen Ausnahmen (Stichwort: Kieler Matrosenaufstand) – eher ein Nebenschauplatz gewesen. Wahrscheinlich ergibt es ja auch wenig Sinn, im Rahmen einer Gesamtschau näher auf grundstürzende Ereignisse einzugehen, für die man keine einzelnen Kapitel, sondern ganze Bücher braucht.

Weiterer Haltepunkt ist die „Wende“ um 1989, in deren Gefolge rund um die Ostsee alte, im Kalten Krieg abgeschnittene Handelswege wieder bedeutsam wurden. Man kann nur hoffen, dass das so bleibt.

Im Schlussteil, der „Bedrohungen und Chancen der Zukunft“ abwägt, geht Krieger seltsamerweise nicht auf den Klimawandel und einen womöglich ansteigenden Meeresspiegel ein, sondern – für sich schon bedrohlich genug – auf Vermüllung und Überfischung der Ostsee. Und die Chancen? Sieht Krieger vornehmlich darin, dass rund um Helsinki und Stockholm, aber auch in Dänemark und im Baltikum die Digitalisierung rasante Fortschritte mache. Deutschland wird dabei nicht eigens erwähnt…

Übrigens: Gerade angesichts der hervorragenden Druckqualität hätte man sich noch mehr prägnante Bebilderung gewünscht. Vielleicht in einer späteren Auflage?

Martin Krieger: „Die Ostsee. Raum – Kultur – Geschichte“. Reclam Verlag, 296 Seiten mit 7 Karten und 65 Abbildungen, Literaturverzeichnis und Register. Gebundene Ausgabe, Großformat (ca. 27 x 21 cm). 39 €.

 




Max Pechstein: Verlorenes Paradies

Max Pechstein "Selbstbildnis mit Hut und Pfeife", 1918 (Kunsthaus Zürich/Copyright: Pechstein - Hamburg/Tökendorf)

Max Pechstein "Selbstbildnis mit Hut und Pfeife", 1918 (Kunsthaus Zürich/Copyright: Pechstein - Hamburg/Tökendorf)

Das ursprüngliche Leben – wer hätte es nicht zuweilen im Sinn? Etliche Vor- und Wunsch-Bilder des „Zurück zur Natur“ lassen sich im deutschen Expressionismus finden, beispielsweise bei Max Pechstein (1881-1955). Ihm widmet jetzt das zwischen Ruhrgebiet und Münsterland gelegene Kunstmuseum Ahlen eine Retrospektive mit 140 Exponaten.

Sowohl finanziell (erkleckliche Versicherungssummen) als auch räumlich ist man bis an die Grenzen gegangen. Selbst in Treppenhaus-Winkeln hängen noch Bilder, entgegen einer puristischen Lehre der Präsentation. Doch man kann den Antrieb des Museumsleiters Burkhard Leismann verstehen, der auch einige Raritäten aufbietet: Dies dürfte für lange Zeit die letzte Gelegenheit zu einer weiter ausgreifenden Werkschau sein, welche auch Gebrauchskunst (Schmuck, Buchillustrationen, Speisekarten usw.) einschließt. Die jeweils verändert von Kiel und Regensburg her kommende Auswahl hat in Ahlen ihre letzte Station. Es gibt Bilder, die sozusagen auf der Strecke geblieben und nicht mehr ohne weiteres reisefähig sind, weil sonst die Farbe abbröckeln würde. Nicht wenige Pechstein-Werke sind in einem bedenklichen restauratorischen Zustand.

Max Pechstein "Die Löwenbändigerin" (um 1920), Privatsammlung (Copyright: Pechstein - Hamburg/Tökendorf)

Max Pechstein "Die Löwenbändigerin" (um 1920), Privatsammlung (Copyright: Pechstein - Hamburg/Tökendorf)

Er stammte aus sehr einfachen Verhältnissen. Doch als einziger Künstler der legendären Dresdner Vereinigung „Die Brücke“ hatte der 1881 in Zwickau geborene Pechstein (nach der Lehre als Dekorationsmaler) eine akademische Ausbildung absolviert. Kein Wunder daher, dass er sich – trotz aller Neuerungs-Sehnsucht – letztlich stärker an Traditionen gebunden fühlte als Heckel, Kirchner und Schmidt-Rottluff. Für kurze Zeit überwogen lebensreformerisch inspirierte Gemeinsamkeiten, auch bildnerisch bewegte man sich etwa von 1906 bis 1912 im thematischen Einklang. Salopp gesagt: Auf nackte Badende konnte man sich zunächst einigen.

Früher oder später mussten sie sich freilich über ihre Prinzipien entfremden. Immerhin siedelte Pechstein als erster nach Berlin über und bereitete den anderen dort Bahnen. Doch im Streit-Getümmel zwischen „Secession“, „Neuer Secession“ und „Brücke“ galt er bald als reaktionär.

Es war vielleicht auch eine Temperamentsfrage. Unbedingtes Voranstürmen, Zuspitzung und Höhenflüge waren Pechsteins Sache ersichtlich nicht, auch war ihm der Modernismus kein flammender Selbst- und Endzweck. Das beinahe schon behäbig breite Spektrum seiner Anregungen reicht vom christlichen Mittelalter über Matisse bis zur Volkskunst der Südsee. Auf den dortigen Palau-Inseln hat er 1914 eine seiner glücklichsten Phasen erlebt, bevor ihn und seine Frau Lotte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs jäh vertrieb. Tagebuch-Zitat: „Die Japaner haben mich wirklich aus dem Paradies meines Lebens gejagt, kaum, dass ich hineingesehen.“ Die dort vorgefundenen Motive eines vermeintlich zivilisationsfreien Lebens wirken lange nach – auch bei den vielfach folgenden Ostsee-Aufenthalten.

Pechsteins Zurückhaltung erweist sich gelegentlich als ästhetische Fessel. Anfänglich von Symbolismus und Jugendstil geprägt, hat er sich umsichtig, tastend, überaus behutsam durch manche Stilmöglichkeiten bewegt. Expressionistische Figuration wurde zwischendurch zur hauptsächlichen Wahl, doch eben nicht zur einzigen. Insofern ist das unspezifische Allerwelts-Ausstellungsmotto „Ein Expressionist aus Leidenschaft“ nicht gerade glücklich gewählt.

Viele grundsolide Schöpfungen sind zu finden – und einige grandiose Bilder: der melancholische „Junge mit Spielzeug“ (1916), die kühne Draufsicht bei „Badende Knaben in Brandung“ (1917), der eminent dynamische „Zirkusreiter“ und „Die Löwenbändigerin“ (beide um 1920), manche Seestücke oder die kantig vom harten sozialen Daseinskampf kündende Holzschnittreihe „Das Vater unser“ (1921). Auch zeichnerische und druckgraphische Arbeiten sind hochbeachtlich. Und die „Geierwally“ ist zwar gewiss keine Offenbarung, doch wenn man weiß, dass Pechstein sie bereits als Zwölfjähriger gemalt hat, ahnt man das immense Talent.

Spätestens in den 1930er Jahren werden Pechsteins Bildfindungen generell kraftloser. Über die Gründe ließe sich lange rätseln. Verzagtheit angesichts der politischen Zeitläufte (Werke von Pechstein wurden als „entartet“ verfemt, er blieb nur geduldet, Nolde denunzierte ihn), Isolation von wichtigen Strömungen der internationalen Kunst? Bilder wie „Kutter zur Reparatur“ (1933) verlieren sich jedenfalls in geradezu postkartenhaftem Farbkitsch. Schmerzlich zu sagen.

Das Spätwerk der 50er Jahre nähert sich (nun vor allem auch krankheitsbedingt) vollends einem Rohzustand vor jeder Gestaltung. Doch mit Ursprünglichkeit hat das nun nichts mehr zu tun, sondern mit Hinfälligkeit. Schmerzlich zu sehen.

Max Pechstein. Retrospektive. Kunstmuseum Ahlen, Museumsplatz/Weststr. 98. Vom 10. Juli bis 1. November. Di, Mi, Fr 14-18, Do 14-20, Sa/So 11-18 Uhr.

http://www.kunstmuseum-ahlen.de