Ich habe keine Lust mehr auf Turnier-Fußball

Nein, wenn es so läuft, habe ich keine Lust mehr auf diese großen Turniere des Fußballs.

Da sind wir uns sicherlich weitgehend einig: Bis auf ganz wenige Ausnahmen, war diese monströs aufgeblähte EM eine flächendeckende Enttäuschung. Die Chose mit den Isländern war hübsch, tröstet aber kaum.

Im Moment der Verletzung: Cristiano Ronaldo (Portugal). (ARD-Fernsehbild/Screenshot)

Im Moment der Verletzung: Cristiano Ronaldo (Portugal). (ARD-Fernsehbild/Screenshot)

Und wie schäbig ging es noch im heutigen Finale zu! Als hätten sie’s erst einmal nur darauf angelegt, säbelten die Franzosen gleich Christiano Ronaldo dermaßen ruppig nieder, dass er kurz danach unter Tränen aufgeben musste. Es war leider einer der größten, weil bleibenden Momente dieser Europameisterschaft.

Ich war bislang kein Ronaldo-Fan. Aber heute habe ich wirklich mit ihm gefühlt – und von Stund’ und Sekund’ an gehofft, dass die Portugiesen trotz aller Widrigkeiten gewinnen sollten. Und tatsächlich. Sie haben es geschafft.

Kein Wort mehr über die fortwährende Langeweile in der Vorrunde, die überwiegende Ödnis selbst noch in den allermeisten K.-o.-Partien. Der Zauber dieses Sports kam nur äußerst selten zur Geltung.

Vom Finale bleiben (neben Ronaldo) vielleicht nur die flatternden Motten in Erinnerung. Eine setzte sich, wenn ich’s richtig gesehen habe, für einen Moment sogar auf Ronaldos weinendes Auge. Das hatte denn doch nahezu mythische Qualität. Und dann noch der finale Jubel…

Aber nun mal Hand aufs Herz: Wer freut sich wirklich aufs nächste WM-Turnier 2018 in Russland oder gar auf 2022 in Katar? Da ist von vornherein der Wurm drin, um das Mindeste zu sagen. Die schon im Ansatz spürbare Idiotie der nächsten EM (anno 2020 mit 24 Teams, auszutragen in 13 ! Ländern) steht dem kaum nach.

Jetzt ist man zunächst dankbar für eine fußballfreie Zeit. Durchatmen. Der Kopf muss frei werden.

Es bleiben uns einstweilen oder auch auf längere Dauer wohl nur die nationalen Ligen, meinethalben auch die spanische, die englische und die italienische. Schade, dass die Bundesliga erst am 26. August wieder startet. Aber sei’s drum. Diesmal verspricht selbst die zweite Liga (schon ab 5. August) einige Spannung – mit Clubs wie Stuttgart, Hannover, Kaiserslautern, Nürnberg, St. Pauli, 1860 München usw.

In der Bundesliga interessiert mich beileibe nicht nur der gründlich umgekrempelte BVB; nein, ich möchte auch wissen, wie sich Werder und der HSV schlagen, was die Neulinge RB Leipzig und Freiburg anrichten. Na, zugegeben: Selbst Schalke ist einem nicht völlig schnurz.




Die Vernunft des Herzens – Neu im Kino: „Erklärt Pereira“

Von Bernd Berke

Ja, das waren noch Zeiten, ganz ohne Handy, Fax und Computer: Da saß der Kulturredakteur Pereira – fern von aller Hektik – in seiner gemütlichen Zeitungsstube und hämmerte, wenn die lnspiration ihn überkam, auf einer uralten Schreibmaschine erlesene Feuilletons aufs Papier. Doch ringsherum im Lande herrschten schlimme Zustände.

Die Szene spielt nämlich 1938 in Lissabon. Aus Italien, Spanien und vor allem Deutschland dröhnt faschistisches Getöse herüber. Portugal selbst windet sich im Griff der Salazar-Diktatur. Wenn Pereira (Marcello Mastroiannis vorletzte Rolle) zum Caféhaus flaniert, um literweise süße Limonade zu trinken, flüstert ihm der Kellner neueste Nachrichten aus dem Polizeistaat zu: Hier ist jemand ohne Haftbefehl festgenommen, dort jemand zusammengeschlagen worden.

„Warum steht nichts davon in eurer Zeitung?“ fragt der Ober. Pereira schaut unbehaglich drein, zuckt aber mit den Achseln. Der grundanständige Mann will sich in derlei garstig-politische Fragen nicht einmischen, ihn kümmern nur seine Kulturseite – und der Gedanke an den Tod: Abends bespricht der kranke und einsame Witwer die Dinge seines zur Neige gehenden Lebens mit dem Foto seiner verstorbenen Frau…

Roberto Faenzas Film „Erklärt Pereira“ (nach dem Roman von Antonio Tabucchi) treibt seine friedvolle Titelfigur in Gewissensnöte: Eines Tages tauchen der junge Italiener Rossi und dessen kommunistische Freundin in Pereiras Leben auf. Der Redakteur sucht einen Mitarbeiter für Nachrufe auf Kulturgrößen. Er glaubt, Rosi werde solche Beiträge „auf Vorrat“ schreiben. Doch dieser Rossi hält sich nicht an die Vorgabe, Kultur müsse politisch neutral bleiben, sondern läßt in seinen Nachrufen – wie er es pathetisch nennt – die „Vernunft des Herzens“ sprechen: Dem Kommunisten Wladimir Majakowski flicht er posthume Lorbeerkränze, Gabriele d’Annunzio brandmarkt er als Faschistenknecht.

Bruchlos verläuft der linke Lernprozeß

„Das kann man doch nicht drucken!“ stöhnt Pereira. Trotzdem zahlt er dem jungen Mann laufend Vorschüsse. Bald stellt er fest, daß dieses Geld für den Kampf gegen Francos Truppen im spanischen Bürgerkrieg bestimmt ist. Dann fleht Rossi ihn an, einen verfolgten Genossen zu verstecken. Pereira macht s möglich – und er riskiert später noch mehr.

Der Film, der an diesem Donnerstag in ausgewählten Städten (u.a. Dortmund) startet, könnte gut und gern aus den den 70er Jahren stammen, so folgerichtig und beinahe bruchlos verläuft der linke Lernprozeß. Marcello Mastroianni als Hauptdarsteller überspielt jedoch souverän jeden Anflug naiver sozialistischer Legendenbildung und hält seine Figur in wundervoller Schwebe.

Am Schluß plaziert dieser Pereira durch eine List eine flammende Anklage gegen den Terror des Salazar-Regimes auf Seite eins „seiner“ Zeitung. Bevor das Blatt morgens erscheint, packt der nunmehr couragierte Journalist seine geringe Habe und bricht auf. Irgendwohin. Diesen zukunftsfrohen Blick eines Mannes, der plötzlich gar nicht mehr hinfällig wirkt, den muß man einfach gesehen haben. Es ist ein Blick, in dem die Hoffnung aufbessere Zeiten jeden Todesschrecken überwunden hat.




Der Blick aufs Meer und auf die Moderne – Portugiesische Malerei in der Frankfurter Schirn

Von Bernd Berke

Frankfurt. Wie finden künstlerischen Strömungen ihren Weg bis zum Rande des Kontinents? Dieser Frage widmet sich in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle die Ausstellung „Portugals Moderne – Kunst in der Zeit Fernando Pessoas“.

In Portugal, soeben als Länderschwerpunkt der Frankfurter Buchmesse in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit gerückt, haben sich Literaten wie Künstler wohl immer ein wenig vom übrigen Europa isoliert gefühlt. Der Blick des Landes ging stets vor allem aufs und übers Meer hinaus, nach Südamerika und Afrika.

Derweil entfaltete sich zu Beginn unseres Jahrhunderts in den Zentren Paris und Berlin die vielgestaltige Moderne, Und so bildeten just jene portugiesischen Künstler die Avantgarde, die sich in diesen beiden Metropolen umgetan hatten. Der Weltdichter Fernando Pessoa stand nicht nur literarisch im Zentrum, sondern beflügelte – durch seine Mitarbeit an Kunstzeitschriften – auch die bildnerischen Kräfte. Diese äußerten sich erstmals auf humoristischen und karikaturistischen Blättern entschieden im Geiste der Moderne. Gleichsam eine verspätete Geburt der Avantgarde aus dem filz. Sarkastischer Humor bewirkt Verzerrung und Fragmentierung des Sichtbaren. Daraus ergibt sich manche Zersplitterungs-Perspektive moderner Kunstrichtungen.

Sarkastischer Humor und Elend des Krieges

Aber nicht nur die Groteske, sondern auch der tiefe Schrecken des Jahrhunderts steht am Beginn dieser Entwicklung. Der Erste Weltkrieg: Christiano Cruz‘ Bild „Toter Soldat“ (um 1915) abstrahiert den Gefallenen zum universell gültigen Mahnmal.

Die Ausstellung gleicht einem Rundgang durch die zahllosen „-Ismen“ der ersten Jahrhunderthälfte. Kubismus, Futurismus, Dadaismus, Surrealismus – all das wurde, jeweils mit gewisser Verzögerung, auch in Portugal aufgegriffen.

Bernardo Marques wirft einen bösen Blick auf die halbfeine Gesellschaft in der Theaterloge – als wär’s ein Bild von George Grosz. Bei vielen kubistischen Bildern hat natürlich Picasso Pate gestanden. Immer wieder diese Vergewisserungen, daß man zum geistigen Kreis Europas zählt. Auch die Bilder eines Jorge Barradas aus der eleganten Welt des Luxus und der Moden, die sich am Pariser Chic orientieren, gehören in diesen Zusammenhang.

Der Diktator ließ die Künstler gnädig gewähren

Hier und, da, gewinnt man freilich den Eindruck, daß hier eben doch beflissene Nachzügler am Werke waren. Doch dann nimmt man die Spektren einer anderen Farbpalette wahr. Das Licht des Südens…

Und das Werk einiger Künstler gewinnt denn doch eigenständige Kontur auf gesamteuropäischen Niveau: Mario Eloys geheimnisvolle Szenarien der Nacktheit und der Angst bleiben ebenso im Gedächtnis wie die subtilen Bilder der Maria Helena Vieira da Silva, etwa jenes Selbstporträt (1932) als kleines Mädchen auf einer himmelwärts führenden Strickleiter.

Das diktatorische Regime Antonio Salazars (EinparteienStaat ab 1933) war geschickt genug, eine gebändigte Moderne gleichsam als Staatskunst zuzulassen. Die Künstler durften „modern“ bleiben, aber in Maßen…

„Portugals Moderne – Kunst in der Zeit Fernando Pessoas“. Schirn-Kunsthalle. Frankfurt. Bis 30. November. Tägl. außer Mo 10-19Uhr, Mi/Do10-22Uhr. Eintritt 10 DM, Katalog 48 DM.