„Spätlese“ zum 90. von Loriot: Eine Fülle bisher unbekannter Zeichnungen

Ach, um den Humor deutscher Bauart ist es nicht eben blendend bestellt, seit prägende Gestalten wie Robert Gernhardt und Loriot gestorben sind. Umso inniger sollte man der beiden und einiger anderer gedenken.

Es hat sich herumgesprochen: Loriot (1923-2011) wäre just heute 90 Jahre alt geworden. Gern geben Verlage zu solchen Anlässen Bücher aus dem Nachlass heraus, möglichst mit bislang unbeannten Schöpfungen. Ganz in diesem Sinne möchte Diogenes, dass wir nun eine „Spätlese“ des begnadeten Vicco von Bülow verkosten. Die Verlagswerbung scheut dabei den marktschreierischen Begriff „Sensation“ nicht.

Das Wort „Spätlese“ bezieht sich auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung, weniger auf die Entstehung der bisher nicht publizierten Blätter, rund 400 an der Zahl. Ein anfänglicher Schwerpunkt liegt gar auf Zeichnungen und Cartoons der 50er und frühen 60er Jahre.

Loriot

Das Etikett „unveröffentlicht“ ist nicht durchweg ein Qualitätssiegel. Anfangs wurden vereinzelte Einfälle von Illustrierten wie „Stern, „Quick“ und „Weltbild“ noch abgelehnt – öfter freilich auch, weil die Redakteure den eigentlichen Witz verkannt haben.

Sehr schnell zeigt sich jedoch, dass die anfänglichen Fingerübungen zügig in einen eigenen, unverwechselbaren Stil übergehen. Der typische Loriot-Duktus entwickelt sich, der szenische Phantasie freisetzt und mit herrlich trockenem Understatement daherkommt. In einem Atemzuge wird da die Realität bemäntelt und enthüllt.

Wie man hier sehen kann, dienten Loriot häufig unscheinbare, insgeheim groteske Zeitungsmeldungen und Kleinanzeigen als Anstöße. Da schlägt er manchen Funken scheinbar aus dem schieren Nichts. Unvergleichlich, wie der Humorist Freundlichkeit und Abgründigkeit verbindet. Nur ein Beispiel: Die geradezu diskret erscheinende Straßenbahn-Zeichnung „Nicht mit dem Führer sprechen“ holt Hitler gruselig in die Gegenwart.

Zeitdiagnostisch für die Wirtschaftswunder-Republik sind jene Szenen aus der Arbeitswelt, die von Drill und starrer Disziplin künden und damit das Militärische in den Alltag bringen. Weitere Themenfelder muss Loriot nicht lange suche, sie drängen sich geradezu auf: Das Verhältnis zwischen Firmen und Kunden, Gebrauchtwagenkauf, Restaurantbesuche, Massentourismus, Jagd, Bahnfahren und Fliegerei sind auch ihm nahezu unerschöpfliche Quellen. Doch er findet zumeist einen eigenen Dreh, der ihn von der Masse der bloßen „Witzzeichner“ abhebt.

Geradezu nostalgisch mutet aus heutiger Sicht an, wie Loriot die damals gängigen Telefon-Ansagedienste aufgreift. Beispielsweise den Dienst mit Kochrezepten. Leider hat die Platte einen Sprung und verkündet immer wieder denselben Schritt. Und also schlägt der Koch daheim ein ums andere Ei entzwei.

„Große Deutsche“ als Knollennasenfiguren sind ein weiteres Kapitel, man bestaune Goethe, Nietzsche, Wagner, Thomas Mann, die der Bildungsbürger Loriot in den 90er Jahren auf etwas andere Weise zeigt. Leider ist die Reihe unvollendet geblieben. Eine Liste zeigt, wen Loriot noch porträtieren wollte – übrigens neben all den Berühmtheiten auch einen unbekannten „Herrn Schultze“.

Weitere Abschnitte des gewichtigen Bandes (fast 2,5 Kilo) widmen sich Möpsen (sozusagen in allen Lebenslagen) oder auch Zueignungen aus Anlass von Geburtstagen und anderen Feierlichkeiten. So hat Loriot liebvolle kleine Hommagen etwa an „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein, den Kritiker Joachim Kaiser, Tagesschau-Sprecher Karl-Heinz Köpcke oder den Kollegen Robert Gernhardt verfertigt. Doch auch sein Briefträger bekam zum Ruhestand eine Widmung.

Die wohl größte Überraschung aber sind die „Nachtschattengewächse“ im Schlusskapitel. Diese ins Horrible reichenden Visionen sind ganz offenkundig in schlaflosen Nächten entstanden. Die oft kubistisch getürmt erscheinenden Alpträume haben mancherlei Quellen. Hier spukt Hitler ebenfalls, doch auch die eigenen Figuren haben Loriot in gespenstischer Verwandlung heimgesucht.

Nun muss doch noch getadelt werden. So interessant das ausgebreitete Material sein mag, so nachlässig wird es präsentiert. Ich rede nicht von der Drucktechnik, dem guten Papier und überhaupt von der imposanten Physis des Bandes, sondern davon, dass bis auf eine läppisch kurze Vorbemerkung und ein paar nichtssagende Zwischentexte keinerlei Würdigung oder Einordnung dieser unbekannten Werkkomplexe gibt.

Es scheint ganz so, als hätte sich die Arbeit der drei Herausgeber (darunter Loriots Tochter Susanne von Bülow) weitgehend auf Beschaffung, Sichtung, Auswahl und Sortierung beschränkt. Jammerschade!

Loriot: „Spätlese“. Rund 400 bisher unbekannte Arbeiten aus dem Nachlass. Hrsg: Susanne von Bülow, Peter Geyer, OA Krimmel. Diogenes Verlag, Zürich. 374 Seiten. 39,90 Euro.

Gleichfalls unter dem Titel „Spätlese“ steht die Loriot-Ausstellung, die bis zum 12. Januar 2014 im Literaturhaus München gastiert (danach ab 25.1.2014 bis 21.4.2014 Galerie Stihl, Waiblingen, und von 4.5.2014 bis 16.8.2014 im Wilhelm Busch Museum in Hannover)




Als Gernhardt die traurigen Tropen sah

Wird Robert Gernhardt (1937-2006) jetzt das posthume Schicksal gewisser Rockstars zuteil? Wird man fortan jede klitzekleine Notiz oder Skizze publizieren, die er je zu Papier gebracht hat?

Es gibt tatsächlich ein paar banale, nichtssagende Abschnitte in seinen Reisenotizen „Hinter der Kurve“, die einen solchen Argwohn nahelegen könnten, etwa diesen Absatz: „Die Thai können in der Tat kein ‚R’ aussprechen: ‚You have loom foltyfoul’ oder ‚Hello, Mistel! Der Thai liebt Inschriften und versteht es nicht, Karten zu lesen.“ Ach so.

Gernhardt selbst hätte für eine solche Buchausgabe bestimmt strenger ausgewählt, er hätte mehr verworfen, als sich die Herausgeberin Kristina Maidt-Zinke getraut hat. Offenbar mochte sie keine Gernhardt-Sätze antasten. Auch musste der Band ja einen ordentlichen Umfang erreichen. Und so fanden auch ein paar schwächere Passagen Einlass.

Robert Gernhardts Erdenwallen habe ich bislang immer hauptsächlich in und um Frankfurt am Main bzw. in der Toskana verortet. Welchen Lesern war schon bewusst, dass dieser begnadete Schriftsteller und Maler auch Kanada, die USA, Jamaica, Brasilien, Indonesien, Thailand, Südafrika und Botswana bereist hat? Um nur die außereuropäischen Destinationen zu nennen. Somit wird es also doch wieder interessant: Was hat einer wie Gernhardt aus fernen Ländern zu berichten?

Das Buch beginnt freilich in Europa – und dort mit Gernhardts Geburtsstadt Reval (Estland). Alsbald erfahren wir, warum Reisen trotz allem immer noch bildet und ermuntert: „(…) weil der durch lange Seßhaftigkeit bereits schwerfällig Gewordene sich auf einmal wieder als Möglichkeitswesen begreift…“

Man ahnt es schon: Gernhardt sucht, wenn überhaupt, dann eher widerstrebend die touristisch überlaufenen Sehenswürdigkeiten auf und beobachtet statt dessen lieber Tierwelt, Landschaft oder den Alltag der Menschen, soweit man dies als Fremder überhaupt vermag.

Doch gerade an entlegenen Orten erfasst ihn das touristische Weh und Ach. Grundmuster: Der Westler beute quasi mit jedem Blick die „Dritte Welt“ aus, im Gegenzug werde er übers Ohr gehauen, wo es nur geht.

Unentwegt reflektiert Gernhardt seine Rolle als Reisender. Seit den 50er Jahren, als er nach Italien und Griechenland aufgebrochen war, zählte er zu jenen, die Gelände erkundet haben, das später Mengen oder gar Massen anzog. Auf diese Weise blieb nichts mehr „unberührt“. Doch auch Kritik an allzu wohlfeiler Tourismus-Kritik gehört hier zum Lieferumfang. Ständige Zerknirschung bringt eben auch keinen sonderlichen Ertrag. Also wird der „sensible Tourist“ seinerseits zur komischen Figur.

Und überhaupt. Versäumt man nicht eh immer das Beste, weil man ein prinzipiell Zuspätgekommener ist? „Je länger man lebt, häufen sich solche Geschichten, in denen einem das Gefühl vermittelt wird, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein: Berliner Künstlerbälle direkt nach dem Krieg…Bali vor 1970…Die Welt vor der Revolution 1789…“

Auf europäischen Pfaden durchstreift der Augen- und Sinnenmensch Gernhardt natürlich auch die wichtigen Museen. Dabei ist ihm ein von Vermeer, Frans Hals oder Velázquez gemaltes Detail im Zweifelsfalle lieber als eine noch so triumphale „Siegesallee der Moderne“. In der National Gallery zu London hält er fest: „All diese Konzeptmaler, die kein gescheites Handwerk mehr erlernt oder es über Bord geworfen hatten, um ihre Persönlichkeit zu verwirklichen (…) Van Goghs rohe Farben, Cézannes Unfähigkeit, nackte Weiber zu zeichnen bzw. sie so zu gruppieren, daß aus dem Sujet nicht eine unsägliche Arsch- und Ballonparade wird – welch ein Niedergang!“ Ein couragiertes Urteil, fürwahr. Es mündet in den Stoßseufzer: „Schade, daß es so enden mußte. Daß nicht Manets Fackel weitergetragen wurde, sondern Cézannes fragwürdiger Kienspan…“

Dann also weit, weit hinaus; dorthin, wo museale Kultur so gut wie keine Bedeutung hat. In Indonesien verspürt Gernhardt Momente wahrer Fremdheit und buchstäblicher Exotik, was ihn bei aller Faszination nicht hindert, auch solche nüchternen Feststellungen zu treffen: „Das Meer schlägt hier mit tödlicher Gleichmäßigkeit an den Strand – eigentlich ein dämliches Geräusch.“ Die über allem schwebende große Gleichgültigkeit, die fließenden Geschlechter- und Körpergrenzen werden ihm zu Signaturen einer gänzlich anderen Welt. Er spricht von düsteren, traurigen Tropen. Zugleich sieht er einen schmerzlich grellen Kontrast zwischen den schönen, anmutigen Einheimischen und überwiegend hässlichen Besuchern aus reichen Ländern.

Gernhardt standen bekanntlich nicht nur die Feinheiten sprachlicher Beschreibung zu Gebote. Die eingestreuten Illustrationen belegen abermals seine zweite Begabung. In schwungvoller zeichnerischer Linienführung erfasst er das Wesenhafte eben auf andere, unmittelbar einleuchtende Art.

In Thailand beschleicht ihn der schon fast ketzerische Gedanke, was ihn eigentlich diese ganze buddhistische Kultur anginge? Dann aber der Zwiespalt: „Und doch könnte er den Moment nicht ertragen (…), in welchem ihm einer sagt: Du warst in Bangkok und hast den Smaragd-Buddha nicht gesehen?“ Ferner geht ihm das Klischee auf den Geist, in Bangkok herrsche chaotischer Verkehr und mittendrin stünden immer Tempel. Doch genau darin bestehe ja „das spezifisch Bangkokische“ (…) Wahnsinnsverkehr und Mittendrintempel“. Es ist vertrackt.

In Botswana fällt ihm auf, wie sehr das Fernsehen mit seinen Tierfilmen die Wahrnehmung geprägt hat. Europäer oder Nordamerikaner wollen folglich “nicht lediglich Tiere sehen, sondern Tiere in Ausnahmesituationen. Wie sie gezeugt, geboren, getötet oder gefressen werden. Bzw.: Wie sie kämpfen oder spielen.“ Die Wirklichkeit bei der Jeep-Safari sieht dann meistens etwas stumpfer aus: „Da stehen die Tiere rum, gucken, fressen.“

Robert Gernhardt: „Hinter der Kurve. Reisen 1978-2005“. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main. 302 Seiten. 19,99 €




Die schwebende Komik des Bernd Pfarr

Der leider so früh verstorbene Bernd Pfarr (1958-2004) war ein unvergleichlicher Cartoonist, Zeichner und Maler. Kaum auszudenken, welche Figuren und Szenen er noch hätte erschaffen können, wenn ihm mehr Jahre geblieben wären.

Seine Bilder führen in ungeahnte Vorstellungsräume, sie sind nicht einfach nur hochkomisch, sondern heben mit allem Inventar gleichsam sachte ab vom Boden der Verhältnisse, öffnen unversehens Türen in eine andere Wirklichkeit. Ach, es ist verteufelt schwer, diese wunderbar schrägen, immer auch geheimnisvoll schwebenden Bilder mit Worten zu erfassen. Pfarrs zutiefst merkwürdige Figur „Sondermann“ zählt jedenfalls zu den grotesken Legenden neuerer Zeitrechnung.

Wer, wenn nicht solche erhabenen Könner wie Pfarr, der überdies auch ein höchst feinsinniger Texter gewesen ist, gehörte in eine Buchreihe mit dem Obertitel „Meister der komischen Kunst“? Der Band über Bernd Pfarr erscheint hier neben ähnlich aufgemachten Einblicken ins Oeuvre von Robert Gernhardt, F. K. Waechter, Chlodwig Poth, Marie Marcks und anderen Großkalibern. Die Namen lassen es ahnen: Die „Neue Frankfurter Schule“ des parodistischen Humors, welche sich vornehmlich um die Zeitschriften „Pardon“ und „Titanic“ gruppierte, macht längst einen bildnerischen Kernbestand der Komik im deutschsprachigen Raum aus, der sicherlich auch den internationalen Vergleich nicht scheuen muss. Die „Frankfurter“ und ihr Umfeld prägen somit auch diese Reihe des Münchner Kunstmann-Verlags.

Das 2010 begonnene verlegerische Projekt (Herausgeber ist der Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher WP Fahrenberg) hat durchaus verdienstvolle Ansätze, sucht es doch die Erinnerung an Künstler wachzuhalten, die sonst womöglich verblassen könnte. Auswahl und Präsentation sind jeweils ordentlich, wenn auch nicht berauschend. Denn viele Cartoons würden durch größere Formate erheblich gewinnen, ja, manche verlangen gar gebieterisch nach mehr Platz, als ihnen hier zugestanden wird.

Handelsübliche Cartoonbände sind nun mal nicht von ungefähr deutlich größer als die Titel dieser Reihe. Mit knapp über 100 Seiten lassen sich zudem manche Lebenswerke nur recht knapp skizzieren. Auch im Falle Bernd Pfarrs langt es – neben Kostproben aus dem Schaffen – nur für ein paar kleine Beigaben: einen kurzen, klugen Aufsatz von Patrick Bahners (der „Mäuerchen“ als zentrales Motiv in Pfarrs Werk benennt), ein paar biographische und bibliographische Daten sowie eine Handvoll Fotos aus Pfarrs Leben. Das weckt Appetit, stillt ihn aber nicht.

Es ist anzunehmen, dass man bei Kunstmann einigermaßen vorsichtig kalkulieren musste und sich eben nicht getraut hat, mit voluminösen Großformaten auf den Markt zu gehen. Man kann das nachvollziehen, es ist sicher vernünftig. Schade ist es trotzdem.

Meister der komischen Kunst: Bernd Pfarr. Kunstmann Verlag, München. 112 Seiten im Format 23,4 x 18 cm. 16 Euro.




Wein, Weib und funkelnder Witz – „Denken wir uns“: Die letzten Erzählungen des verstorbenen Robert Gernhardt

Von Bernd Berke

Die meisten Rockgruppen machen es so: Am Beginn eines Albums stehen eingängige Titel. Robert Gernhardt (1937-2006) verfährt in seinem letzten Erzählband anders: Er stellt die vertrackteste Geschichte nach vorn. Danach wird alles leichter.

Sämtliche Erzählungen beginnen rituell mit den selben Worten: „Denken wir uns…“ Das klingt fast so traulich wie „Es war einmal“. Der Erzähler denkt sich vielerlei: den Kinderkarneval des Jahres 1944 mit ärmlichem Kostümwettstreit, den Lesesaal einer toskanischen Abtei, Delft im 17. Jahrhundert, das Weltgericht, ein junges Paar auf Bildungsreise – und das bittersüße Leben überhaupt.

Da hat ein erfahrener, seiner Wirkungen sicherer Autor noch einmal reiche Ernte gehalten und seinen Weltkreis ein letztes Mal ausgeschritten – mal munter, mal melancholisch; zwischen den Gravitationspunkten Wein und Weib, Hessen und Italien, zwischen Glück, Glanz, Ruhm und deren üblen Gegenkräften.

Tradition der fröhlichen Tafelrunde

Gernhardt belebt hier vielfach eine alte, im besten Sinne volkstümliche Erzähltradition, nämlich die einer Tafelrunde. Sprich: Ein paar Leute sitzen in der Kneipe und tischen im edlen Wettstreit Hörenswertes auf. Tendenz: feuchtfröhlich, doch auch von Weisheit durchtränkt. Lustvolle Leichtigkeit triumphiert dabei immer mal wieder über bloße Bildungshuberei. Beispielhaft wird’s in jener Episode, die uns ein närrisch verliebtes Paar im Leonardo-Museum zeigt.

Geschichten seien Gefäße für den flüchtigen Lebensstoff, heißt es an einer Stelle. Sie gehen selten bruchlos auf, auch fehlt mitunter die Pointe. Mit diesem Befund jongliert Gernhardt allerdings so, dass die Pointenlosigkeit eben doch mit Witz funkelt.

Auch etwas gröbere Mittel wendet Gernhardt feinsinnig dosiert an: Die bestürzende Wehklage des greisen mittelalterlichen Dichters Walther von der Vogelweide („Oweh, wohin sind entschwunden alle meine Jahre?“) steht im säurehaltig komischen Kontrast zu den haltlosen Aufmunterungen eines Senioren-Animateurs. Wie hohl klingen da all die sozialpädagogischen Sprüchlein!

Weil’s so schön ist, noch ein Beispiel: Überirdisch still ist es auf den Gemälden des Jan Vermeer. Gernhardt stellt sich vor, wie der Lärm des Tages in die Stube des Künstlers gedrungen sein mag. Vermeers Frau möchte putzen und stürmt samt Kinderschar herein. Töchterchen Saskia will gleich Papas Terpentin austrinken, und überhaupt geht’s hoch her.

Schluss mit dem Krach. Sie mögen ruhen in Frieden. Vermeer – und Gernhardt.

Robert Gernhardt: „Denken wir uns“. Verlag S. Fischer, 238 S., 18,90 €.

 




Gemischte Gefühle beim Abschied von sämtlichen Dingen: „Später Spagat“ – die letzten Gedichte von Robert Gernhardt

Von Bernd Berke

Robert Gernhardt ist kein purer Spaßvogel gewesen. Der kürzlich an Krebs verstorbene Dichter hat zuletzt immer öfter auch tieftraurige Töne anstimmen müssen. Wenn einer reihenweise Chemotherapien erduldet, steht jeglicher Humor auf existenzieller Probe.

Mit den erschütternden „K-Gedichten“ hatte Gernhardt bereits 2003 einige Bezirke der drei großen „K“-Fragen durchschritten: Krankheit, Krieg und Komik. Jetzt liegt seine letzte Lyrik unter dem Titel „Später Spagat“ vor. Manche Zeile scheint schon von verzweifelter Entkräftung zu zeugen, doch viele Verse sind zum Heulen gut.

Gewiss: Der Hang zur Komik und die Freude an Wein und Weib regen sich noch, doch es wächst und wächst die unmittelbare Angst vor dem Sterben. Aus diesem Spagat zwischen „Standbein‘ und „Spielbein“ (so heißen die beiden Hauptteile des neuen Bandes) ergeben sich immer wieder andere Mischverhältnisse. Mal überwiegt dunkle Furcht, dann wieder grimmig lachlustiger Trotz oder unbändige Unsinnslaune. Häufig durchdringen die Gemütszustände einander, bis hin zum Aufglühen der Gegensätze. In einigen Passagen scheint es so, als könne eine überaus gelungene sprachliche Form sogar den Schrecken des Todes mildern.

Freilich erinnert irgendwann alles ans nahende Ende, nach und nach wird’s ein Abschied von sämtlichen Dingen: Sowohl das Vergehen als auch das Aufblühen der Natur in seiner geliebten Toscana gerinnen hier zu Mahnzeichen der Vergänglichkeit. Der kundige Traditionalist Gernhardt greift derlei Gedankengut auch schon mal in passend barocken Fügungen nach Art eines Paul Gerhardt auf – wie er denn überhaupt den Formenvorrat zwischen Choral und Sonett bedient (zuweilen auch lustvoll zerfasern lässt), dass es gelegentlich noch mal richtig rauscht.

„Durch die Landschaft meiner Niederlagen…“

Mit Gott, an den er wohl nicht hat glauben können, hat der sterbenskranke Gernhardt gehadert. Zornesruf zum (leeren?) Firmament hinauf: „Der sich das erdachte, war furchtbar / Sein Denken ging einzig darauf, daß die Menschheit voll Furcht war…“

Womöglich aufkeimendes Selbstmitleid bekämpft Gernhardt mit bitteren Scherzen:

„Nach dem Befund: / `s liegt Darmkrebs vor‘ / leckt keiner sich die Finger. / Auch Lebermetastasen sind / nicht grad der Riesenbringer…“

Angesichts des Todes befällt selbst den schöpferischen Gernhardt das Gefühl, im Leben fast nichts vollbracht zu haben: „Durch die Landschaft meiner Nîederlagen / gehe ich in meinen alten Tagen.“ Und dann rechtet er streng mit sich selbst: Als Maler und Zeichner habe er nie die volle Wirklichkeit des Lichts und der Farben bannen können. Herrje, was sollen wir alle da einst sagen?

Im „Spielbein“-Teil erprobt Gernhardt noch einmal mit geradezu kindlicher Freude Formen wie den Schüttelreim, der bis in absurde Wortschöpfungen getrieben wird: „Was seh ich, Weib? Ein Tränlein quillt? / Das trocknet, eh das Quänlein trillt.“

Dann aber wieder der Schatten des Todes – und dieses genial einfache Gedacht für künftige Lesebücher:

„Ich bin viel krank. / Ich lieg viel wach. / Ich hab viel Furcht. / Ich denk viel nach. /

Tu nur viel klug! / Bringt nicht viel ein. / Warst einst viel groß. / Bist jetzt viel klein.

War einst viel Glück. / Ist jetzt viel Not. / Bist jetzt viel schwach. / Wirst bald viel tot.“

Robert Gernhardt: „Später Spagat“. Gedichte. S. Fischer Verlag. 121 Seiten, 14,90 €.




Im Lachen liegt die tiefste Weisheit – Klassiker mit Breitenwirkung: Zum Tod des großen Humoristen und Dichters Robert Gernhardt

Von Bernd Berke

Mag sein, dass er dem Schnitter ganz zuletzt noch ins Gesicht gelächelt hat. Doch welche Tröstung man sich auch vorstellt: Die Nachricht vom Tode Robert Gernhardts macht wohl alle seine Leser zutiefst traurig. Mit ihm verlieren wir den vielleicht wirksamsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart Seine Anhängerschaft reicht weit über die üblichen literarischen Gemeinden und Zirkel hinaus.

Es ist überhaupt kein Frevel am klassischen Erbe, wenn man Gernhardt in einem Atemzuge etwa mit Lichtenberg, Jean Paul oder Kurt Tucholsky nennt. Auch er gehörte zu den ganz großen Humoristen und Wortmeistern.

Szene vor Jahren am Schaufenster einer Dortmunder Buchhandlung: Ein paar Leute besahen sich die Auslagen, sie entdeckten Gernhardts Buch „Über alles“ nebst seiner gesammelten Lyrik. Nun ging’s aber hurtig zur Sache. Jeder kannte diverse Gernhardt-Zeilen und gab sie zum besten. Manchmal klang’s derb-lustig („Der Kragenbär, der holt sich munter / einen nach dem anderen ‚runter“), dann wieder äußerst feinsinnig. Und die Gruppe war durch die Verse derart animiert, dass die Fußgängerzone ein klein wenig „vibrierte. Da sage einer, Literatur könne nichts ausrichten.

Zwischen herrlichen Kalauern und lachender Weisheit, Drastik und Feingeist, die er unnachahmlich zu verknüpfen wusste, war Gernhardt nichts Menschliches, Komisches, Sprachliches fremd.

Das Elend mit den Rezensenten

Seine prägnanten Sinnsprüche zieren nicht nur etliche Anthologien, sie sind auch bereichernd ins verbale Volksvermögen eingeflossen. Vor allem ihm verdanken wir es, dass höherer Nonsens ungeahnte Breitenwirkung erzielen konnte. Selbst die Kinofilme eines Otto Waalkes wurden aus Gernhardts solider Ideen- und Wortmanufaktur beliefert.

Bei ihm stimmte stets der Tonfall des Geschriebenen, und viele Menschen haben das gespürt. Dass dieser ungemein sympathische, vielfach begabte Maler, Zeichner, Cartoonist und Dichter 68 Jahre alt war, wollte man irgendwie nicht wahrhaben, so frisch und hell war sein Geist. Und war es denn wirklich schon so lange her, dass Gernhardt (mit F. K. Waechter und F. W. Bernstein) reimend und zeichnend die legendären „Pardon“-Seiten „Welt im Spiegel“ („WimS“) schuf?

Nun ja. Das war tatsächlich zwischen 1964 und 1976, liegt also ein Stück des Weges zurück. Doch es ist noch gegenwärtig. Denn damals wurde der vordem meist biedere deutsche Nachkriegs-Humor auf eine neue Stufe gehoben. Diese Großtat der „Neuen Frankfurter Schule“ fruchtet bis heute. Ohne Loriot, Heinz Erhardt und eben Gernhardt& Co. wären ein Max Goldt oder Harry Rowohlt so nicht denkbar. Ohne den Mitgründer Gernhardt gäb’s wohl auch kein Satireblatt „Titanic“. Die Fackel wird also gottlob weiter getragen.

Tradition als Wegweiser und Widerstand

Schon gegen Ende der 60er Jahre; als der 1937 in Reval (heute Tallinn/Estland) geborene Robert Gernhardt noch unter dem Pseudonym „Lützel Jeman“ (Mittelhochdeutsch für: „Kaum jemand“) arbeitete, hätte man ahnen können, dass er keineswegs nur Scherze machen wollte. Da reifte ein eminent formbewusster Autor heran, der die Tradition als „Wegweiser und Widerstand“ begriff.

Doch die erste (undotierte) Jury-Auszeichnung bekam er erst mit 50 Jahren. Bis die Feuilletons sein Schaffen priesen, dauerte es elend lang. Erst seit Mitte der 80er, als sein Erzählband „Kippfigur“ erschien, gilt er hochmögenden Rezensenten als würdig. Zuletzt umwehte ihn gar eine Aura von Unantastbarkeit. Die erschütternden Gedichte über seine Herz- und Krebskrankheit dürften zu solcher Ehrfurcht beigetragen haben.

Auch als Kritiker war er eine Instanz. Manches gravitätische Werk hat er als puren Humbug entlarvt, doch hat er auch verborgene Pflänzchen ans Licht gezogen. Dichterische Hervorbringungen (etwa von Wolf Biermann) sezierte er so triftig und erhellend, dass ihm bestenfalls ein Enzensberger ebenbürtig war. Wie sonst nur noch Peter Rühmkorf, hat Gernhardt bewiesen, dass Gedicht und Reim sich auch heute nicht „beißen“ müssen. Willkürlich gehackter Zeilen-Salat eines krampfhaften Modernismus war ihm suspekt. In dem Band „Klappaltar“ hat er mit parodistischen Mitteln Goethe, Heine und Brecht auf ihre Substanz überprüft – und zwar „auf Augenhöhe“.

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GERNHARDT-ZITATE

Wie es der Wal treibt

  • Lyrische Kostproben:
  • „Dein Leben ist dir nur geliehn – / du sollst nicht daraus Vorteil ziehn, /Du sollst es ganz dem Andren weihn – / und der kannst nicht du selber sein. / Der Andre, das bin ich, mein Lieber – / nu komm schon mit den Kohlen rüber.“
  • „Paulus schrieb an die Apatschen: / ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.“ (im Gedicht „Weil’s so schön war“ im Band „Wörtersee“).
  • „Wenn einer eine Chemo macht / dann kann er was erzählen / und seine Umwelt Tag und Nacht / mit Selbsterlittnem quälen.“ (im Band „Die K-Gedichte“).
  • „Der Wal vollzieht den Liebesakt / zumeist im Wasser. Und stets nackt“‚ Gedicht“Animalerotica“, Band „Besternte Ernte“.
  • Die Basis sprach zum Überbau: Du bist~ja heut schon wieder blau! /Da sprach der Überbau zur Basis: Was is? (ïm Gedichtband „Besternte Ernte“).



Der Krebs und der Krieg – Robert Gernhardts erschütternde „K-Gedichte“

Von Bernd Berke

Robert Gernhardts „K-Gedichte“ sind ein erschütterndes Buch. Vor allem dann, wenn man weiß, wie der Autor bisher geschrieben hat. Denn Gernhardt hatte bislang eigentlich noch jedem Thema tröstende Komik abgewonnen oder notfalls abgerungen. Nun aber geht es an die Reserven des Lebens.

Gewiss: Schon 1996 hatte Gernhardt, Kopf der „Neuen Frankfurter Schule“ des parodistischen Humors, Moll-Töne anstimmen müssen. Seinerzeit war er ernstlich herzkrank und musste sich einem Eingriff unterziehen. Schon die daraus geronnenen „Herzgedichte“ führten Klage gegen körperliche Unbill.

Jetzt kommt es noch schmerzlicher. Gernhardt ist an Krebs erkrankt und durch die Vorhölle langwieriger Chemotherapien gegangen. Töricht wäre es zu sagen, man konnte sein Leiden in ganzer Tragweite mitempfinden. Wer solches nicht am eigenen Leibe erlitten hat, bleibt weit außen vor.

Doch Gernhardts „K-Gedichte“ nehmen einen ziemlich mit. Das „K“ steht in diesem Band für Krebs und Krieg, nur sehr bedingt für eine Komik der Hinfälligkeit. In Teil eins geht es um die Krankheit, in Teil zwei um den Krieg im Irak.

Kampf um den Körper, wuchernde Schlachten

Dabei verschränken sich mitunter die Bereiche: Der Kampf gegen den drohenden körperlichen Verfall gleicht einem furchtbaren Krieg, die Schlachten im Nahen Osten wiederum wuchern wie ein Geschwür, doch eben nicht naturwüchsig, sondern willentlich von Menschen herbeigeführt. Das Gedicht „5. Mal. Beginn der Chemo“ blendet beides ineinander:

„Krebskrieger fängt sein Tagwerk an: / Auf denn, Chemie! Heut heißt es: Ran!

Krebskriegerweiß, daß unterliegt, /wer Krebs nur kriegt und nicht bekriegt.

Krebskrieger muß aufs Ganze gehn. / Er stellt die Frage: Wer packt wen?

Packt Mann den Krebs? Packt Krebs den Mann? / Krebskrieger fängt sein Kriegswerk an.“

Da lauert schon Resignation, sie überwiegt aber noch nicht. An anderer Stelle heißt es allerdings:

„Dürrer werden, matter werden / Abschied nehmen von der Erden, / nach und nach – zuerst vom Kiez. / dann vom Heim, dann vom Hospiz, / dann, zum Sterben durchgewunken…“

Man könnte einwenden, der Reim mindere die Wirkung. Doch bei Gernhardt ist just das Gegenteil der Fall. Derlei Abgründe, nahezu heiter vorgetragen etwa im Tonfall eines Wilhelm Busch (letztlich aber immer in Gernhardts ureigener Melodie), klaffen umso tiefer. Zuweilen erinnern die Verse an barocke Vergänglichkeits-Lyrik.

Das Tröstliche herbeizitiert

Zur Abwehr des Schrecklichen beschwört Gernhardt einiges herauf – die Schönheit Italiens, die Freuden des Lebens; auch Hund und Katze, die keine leutseligen Genesungswünsche absondern, sondern trostreich da sind. Doch all das schmeckt schal, so lange der Krebs nicht „besiegt“ ist. So mündet der Zyklus in einen dringlichen Appell, zur Krebsvorsorge-Untersuchung zu gehen – Zeilen, die in jeder Arztpraxis hängen könnten.

Die Kriegs-Gedichte, gehalten in der altehrwürdigen Form des Sonetts, sind wohl eine nur allzu verständliche Anstrengung, sich nicht allein aufs persönliche Leiden zurückwerfen zu lassen. Mit Furor wird das Amerika von George W. Bush als kriegstreiberisch gebrandmarkt, worüber sich reden lässt. Problematisch wird es, wenn Gernhardt das Geschehen in die NS-Nachbarschaft rückt („Sternbanner hoch! Kampfhelme gut verschlossen! / USA marschiern mit heißem Jünglingstritt…). Das ist denn doch eine ziemlich verwegene Zuspitzung.

Robert Gernhardt: „Die K-Gedichte“. S. Fischer Verlag. 102 Seiten. 14 Euro.




Vom Kalauer zur Lebensweisheit – Der Dichter, Maler und Zeichner Robert Gernhardt wird 65 Jahre alt

Von Bernd Berke

Es ist überhaupt kein Frevel am klassischen Erbe, wenn man den Schriftsteller Robert Gernhardt in einem Atemzuge etwa mit Lichtenberg, Jean Paul oder Kurt Tucholksy nennt. Auch er gehört zu den ganz großen Humoristen und bildmächtigen Wortkünstlern unserer Literatur.

Zwischen Kalauer und Weisheit, Drastik und Feinsinn, die er so unnachahmlich zu verknüpfen weiß, ist Gernhardt nichts Menschliches, Tierisches und Sprachliches fremd. Seine prägnanten Sinn-Sprüche zieren nicht nur Anthologien, sondern sind auch ins verbale Volksvermögen eingeflossen. Höherer Nonsens mit Breitenwirkung: Die Kinofilme des Otto Waalkes wurden gleichfalls aus der Gernhardtschen Wortmanufaktur beliefert. Wo und wie auch immer: Bei Gernhardt stimmt der „Sound“ des Geschriebenen, und viele Menschen spüren das.

Der deutsche Nachkriegs-Humor auf einer neuen Stufe

Dass dieser ungemein sympathische, vielfach begabte Maler, Zeichner und Dichter morgen 65 Jahre alt wird, möchte man am liebsten nicht wahrhaben. Ist es denn wirklich schon so lange her, dass Gernhardt – im Verein mit F. K. Waechter und F. W. Bernstein –  dichtend und zeichnend die legendären „Pardon“-Seiten „Welt im Spiegel“ („WimS“) schuf? Nun ja, das war zwischen 1964 und 1976, liegt also ein Stück des Weges zurück. Doch es ist noch gegenwärtig, denn damals wurde der deutsche Nachkriegs-Humor auf eine lang vermisste neue Stufe gehievt. Diese Großtat fruchtet bis heute. Ohne Loriot, Heinz Erhardt oder eben Gernhardt & Co. („Neue Frankfurter Schule“) wäre beispielsweise ein Max Goldt kaum denkbar. Die Fackel wird also gottlob weiter getragen.

Die Feuilletons würdigten ihn erst recht spät

Schon gegen Ende der 60er Jahre, als Gernhardt noch unter dem Pseudonym „Lützel Jeman“ (Mittelhochdeutsch für „Kaum jemand“) arbeitete, hätte man ahnen können, dass da ein eminent sprach- und formbewusster Autor heranreifte, der die literarische Tradition gleichermaßen als „Wegweiser und Widerstand“ begriff. Doch die erste (noch dazu undotierte) Jury-Auszeichnung bekam Gernhardt erst mit 50 Jahren. Bis die Feuilletons sein Wirken priesen, dauerte es elend lang. Erst seit Mitte der 80er, als der Erzählband „Kippfigur“ erschien, gilt er auch hochmögenden Rezensenten als würdiger Gesprächsstoff.

Apropos: Auch als Kritiker ist Gernhardt selbst längst eine Instanz. Manches sich ernst gerierende Werk hat er als puren Humbug entlarvt, doch auch manches verborgene Pflänzchen hat er gehegt. Zumal mit dem lyrischen „Handwerk“ innig vertraut, seziert er dichterische Hervorbringungen (etwa von Wolf Biermann) so triftig und erhellend, dass ihm dabei allenfalls ein Enzensberger das Wasser reichen kann. Wann endlich erscheinen seine gesammelten Rezensionen als Buch?

Reime sind keinesfalls verpönt

Wie sonst nur noch Peter Rühmkorf, hat Gernhardt immer wieder bewiesen, dass Gedicht und Reim sich auch heute keinesfalls „beißen“ müssen. Der willkürlich gehackte Zeilensalat eines krampfhaften Modernismus ist ihm ebenso ein Gräuel wie alles volltönend Verblasene. In dem Band „Klappaltar“ hat er, parodistisch grundsolide gerüstet, Goethe, Heine und Brecht auf ihre bleibende Substanz hin überprüft – und zwar jeweils so ziemlich „auf Augenhöhe“.

Doch lassen wir den Autor zum Schluss selbst sprechen, liebe Gemeinde. Das folgende Gedicht, das in zunächst weihevollem Ton denn doch entschlossen zur Sache kommt, heißt „Vom Leben“:

„Dein Leben ist dir nur geliehn – / du sollst nicht daraus Vorteil ziehn.

Du sollst es ganz dem Andren weihn – / und der kannst nicht du selber sein.

Der Andre, das bin ich, mein Lieber – / nu komm schon mit den Kohlen rüber“.




Gernhardt, Waechter, Bernstein – das Dreikönigstreffen des höheren Sinns und Unsinns in Menden

Von Bernd Berke

Menden. Man beachte den Unterschied: Es war kein Event, es war ein Ereignis. Der vor rund dreieinhalb Jahrzehnten geschmiedete Dreierbund des parodistischen Nonsens erneuerte sich am Samstag glorreich im Kinocenter Menden: Robert Gernhardt. F. K. Waechter und F. W. Bernstein waren da – gleichsam das Dreikönigstreffen des feinfühligen Humors.

Die Briten hatten „Monty Python“, unsereins hatte Loriot und diese drei: Zur Mitte der 60er-Jahre war’s, als das unvergleichliche Trio die „Welt im Spiegel“ (WimS) schuf, jene legendären Seiten für höheren Sinn und Unsinn, die dem Satiremagazin „Pardon“ beigeheftet waren. Als so genannte „Neue Frankfurter Schule“ haben sie gewiss den Humor des sensibleren Teils der 68er-Generation mitgeprägt.

Drei einflussreiche Pioniere des geistvollen, oft das Philosophische streifenden Ulks also. Gernhardt gilt längst auch der hochmögenden Literaturkritik als feste Größe, Waechter machte seinen weiteren Weg nicht zuletzt als Kinderbuch- und Theaterautor.

Wie schön, dass ihre Bruderschaft noch besteht. Und wie gut, dass sie ins sauerländische Menden fanden, wo der rührige Verein „Katastrophen Kultur e.V.“ ihnen allerdings weder das Theater Scaramouche (wegen angeblicher Einsturzgefahr geschlossen) noch das Theater am Ziegelbrand anbieten konnte. Also zog man ins Kinocenter. Und der große Saal war derart ausverkauft…

Es geht um „Mann und Maus, Mensch und Frau“

Gernhardt gab die globale Leitlinie vor: Um „Mann und Maus, Mensch und Frau“ werde es in den Texten aus 35 Jahren gehen. Sogar der „Page Herbert“, eine Figur aus den Anfangsjahren, hatte nochmals einen absurd-frechen Auftritt antiautoritären Zuschnitts: Wiederum dürfte er seinem zornigen König den Kauz ins Gesicht werfen und siedende Fettmasse hinterdrein gießen („…und das heiße Schmalz / zischt dir an den Hals^).

Oder dies: Die Viktor-Schlawenz-Gesellschaft will Leben und Werk dieses Mannes fördern. Doch leider gibt es nirgendwo einen, der so heißt. Tja. Die Goethe-Gesellschaft hatte eben unverschämtes Glück: Da lebte einer dieses Namens, der sogar Meisterwerke schrieb. Oder das: Ein selbsternannter Experte behauptet, die Zentralgestalt der Kunstgeschichte sei ja wohl die Bisamratte. Gewiss doch. Etwa bei Rembrandt, dem alten „Bisamratten-Pinsler“.

Oh, ihr tiefen Wonnen der Albernheit! Allerlei hintersinnige Dichtungen und Dramolette wurden mit verteilten Rollen gelesen. Sündiger Sex und seliger Suff bilden das Gerüst, um das sich ausgefeilte Reime ranken. Gar oft ist auch der Tod zu Gast, der alte Sensenmann. Doch selbst ihm wird Hohn und Spott zuteil.

Ältere Texte erklären sich aus der Reibung an überkommener Sexual-„Moral“ der 50er- und frühen 60er-Jahre. Damals waren es befreiende Akte, inzwischen sind sie mit Würde gealtert. Nicht Patina haben sie angesetzt, wohl aber Jahresringe. Ganz so wie F.K. Waechter, der immer noch die gleiche (inzwischen schlohweiße) Freak-Frisur trägt wie „damals“; ganz so wie Bernstein, der vielleicht Skurrilste, Verschrobenste von den Dreien (was einiges heißen will). Mag sein, dass es ihnen ergeht wie Bob Dylan, dem die Fans immer wieder die Songs aus den 60ern abverlangen. Sie lassen sich keinerlei Routine anmerken. Im Gegenteil. Hut ab!




Zum Schluß bleibt noch die Altersmilde – Robert Gernhardts „Lichte Gedichte“

Von Bernd Berke

„Ist der Mensch nicht mehr im Bilde, / bleibt ihm noch die Altersmilde.“ Klingt fast nach Wilhelm Busch, ist aber von Robert Gernhardt.

Der Dichter (Jahrgang 1937), in den 60er Jahren Mitbegründer der „Neuen Frankfurter Schule“ subtil-parodistischen Humors, gilt längst als einer der wichtigen deutschen Schriftsteller dieser Zeit. In seinem neuen Lyrikband geht es denn auch um die allzeit großen Themen der Literatur – Liebe, Tod und Vergänglichkeit. Gernhardts nach wie vor sprungbereiter Witz hat eine tiefere Grundierung erhalten als ehedem.

Acht Kapitel hat das Buch. Es beginnt mit Lust- und Liebesdingen sowie elegischen Bemerkungen zur (schwindenden) Natur. Kunstsinnige Betrachtungen, Reise-und Alltags-Impressionen schließen sich an. Auch sportliche Momente eines Boris Becker, die erhabene Häßlichkeit eines Recklinghäuser Hotels oder das montägliche Unbehagen im fast menschenleeren Möbelhaus werden besungen.

Die Schlußteile („endlich“, „herzlich“) aber handeln vom nahenden Alter und vom Tode: „Das Leben ist ein Fenster / in dem du kurz erscheinst.“ Unmittelbarer Anlaß war eine Bypass-Operation, der sich Gernhardt unterziehen mußte. Aus dem lyrischen Tagebuch des Krankenhaus-Aufenthaltes: „So nach und nach bleiben / ich und mein Körper / allein.“

Hier bereitet der Reim keine Pein

Robert Gernhardt orientiert sich an alten Traditionen der Gattung. Er zählt zu den ganz wenigen Gegenwartsautoren, deren Gedichte sich reimen und sich dennoch nicht verstaubt anhören. Im virtuosen Spiel mit Sprachebenen läßt Gernhardt etwa den hohen Ton in kalkulierte Kalauer abstürzen und somit anders nachhallen: menschlicher, herzensnäher. So gewinnt er der Überlieferung unverhoffte Töne ab. Und man merkt, daß dieser Autor auch Maler ist, so fein unterscheidet er Farben und Licht in ihren Nuancen.

Das „Klinik-Lied“ geht so: „So lieg ich hier / und denke mir / mein Teil zu manchen Dingen: / Nicht alles muß gelingen / Du mußt’s nicht immer bringen. / Du mußt nicht immer siegen. / Nur laß dir eins beibiegen: / Beim Aufdernaseliegen / gib bitte nicht den Heitern – / versag nicht auch beim Scheitern.“ Ein sprachliches Kleinod, in seiner bewußt hergestellten Holprigkeit auch rhythmisch durchdacht. Es schöpft aus dem Verzagen eine weise Gelassenheit.

Resignation schleicht sich nicht nur in den persönlichen Bereich. Auch der Zustand der Welt ist beklagenswert: „Kaum atmest du wegen der Eichen auf / da gehn schon die ersten Kastanien drauf / Natur.. . / Kaum erholt sich dein Land von der Trockenheit / da macht sich bereits wieder Hochwasser breit / Natur“.

…doch nichts im Portemonnaie

Und der Kulturbetrieb? Hurtig wechselnde Moden, Dichternamen als schnellverderbliche Handels-Ware: „Eine Zeitlang war Peter Handke das Thema / Dann war auf einmal Durs Grünbein das Thema / Im Grunde war keiner der beiden das Thema / Das Thema war immer: Erfolg.“ Selbst der wird oft schäbig vergütet. Gernhardt entwirft den Beschwerdebrief des verschuldeten Picasso an den Kunsthändler Kahnweiler: „Erst hab ich blau in blau gemalt / Sie haben äußerst mau gezahlt. / Dann hab ich s mit Rosé versucht / doch nichts im Portemonnaie verbucht. / Nun wären also Kuben dran – / Sie schaffen nicht mal Tuben ran…“

Zum Menschentrost gibt es gottlob die Dinge, die keinen Überdruß dulden. Beispiels^ weise das – freilich auch schmerzliche – Liebes-Begehren („Freundinnen im Speisewagen“) oder die schöne Dauer des Beisammenseins: „Schneiden und Scheiden“ zeigt das stets bedrohte, aber unbedingt bewahrenswerte Idyll eines Paares beim gemeinsamen Pflaumenschneiden:
„Man kann beim Entkernen Gefühle erleben, / die schlichtweg erheben. / Zum Beispiel das, nicht allein zu sein / Dann das Gefühl, zu zwein zu sein. / Sowie die Gewißheit: Was immer ihr tut – es wird gut…“ Da vernimmt man eine fast volksliedhafte Einfachheit (nicht Naivität!), die schlichtweg berührt.

Robert Gernhardt: „Lichte Gedichte“. Haffmans Verlag. 263 Seiten. 36 DM.




Jeder Dichter braucht seine eigene Legende – Gespräch mit Robert Gernhardt auf der Buchmesse

Von Bernd Berke

Frankfurt. Robert Gernhardt (57), früher von der Kritik eher als Satiriker, Parodist und erlesener Humorist behandelt, gehört seit ein paar Jahren im öffentlichen Urteil einer höheren Gewichtsklasse an und wird endlich als der ernsthafte Dichter wahrgenommen, der er (auch) ist. Ein Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse, wo sein neuer Band „Wege zu Ruhm“ (Haffmans) vorgestellt wird.

Fühlen Sie sich wohl mit Ihrem gestiegenen Ansehen bei der Kritik?

Robert Gernhardt: Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich nicht fest zugeordnet werden kann. Ich nehme mir nach wie vor die Freiheit, auch mal einen Band mit Bilderwitzen zu veröffentlichen. Die Freiheit hat nicht jeder.

Wenn ein Peter Handke zum Beispiel plötzlich Witze zeichnen würde…

Gernhardt: Ich glaube, das würde das Handke-Bild doch sehr verstören. Obwohl man als Literat immer noch mehr Möglichkeiten hat. In der Bildenden Kunst sind die Zuordnungen noch viel strenger.

In Ihren nicht durchweg ernst gemeinten Ratschlägen für angehende Schriftsteller in „Wege zu Ruhm“ haben Sie an alles gedacht, auch an die Wahl des richtigen Pseudonyms. Nach dem Klangvorbild von „Pablo Picasso“ wird z. B. scherzhaft „Igor lncasso“ erwogen, was ja schon auf erwartete Einnahmen hindeutet.

Gernhardt: Im Grunde würde ich von diesem Namen abraten. Der Künstler sollte eigentlich stets den Bedürftigen raushängen. Der Leser will in der Regel keinen satten Künstler. Zwei Sachen machen ja den Ruhm aus: das Werk und die Legende. Bei der Frage nach dem Werk habe ich mich an Georg Christoph Lichtenberg gehalten, der es in zwei Worte gefaßt hat: „Laßt’s laufen.“ Goethe hat auch seinen „Werther“ laufen lassen – und der läuft bis heute. Mein Buch handelt mehr von der Legende.

Sie empfehlen sogar, sich frühzeitig die richtige, also legendenträchtige Todesart auszusuchen.

Gernhardt: Richtig. Man stirbt besser nicht auf den Champs Elysées bei Gewitter, durch einen herabstürzenden Ast erschlagen, denn das ist Ödön von Horváth schon passiert. Es wäre also ein Plagiat. Das Lesepublikum will immer neue Legenden von Außenseiter-Künstlern.

Was passiert denn einem jungen Menschen, der Ihr Buch rundweg für bare Münze nimmt?

Gernhardt: Nun, er kann sich schon einiges zu Herzen nehmen. Zum Beispiel sollte er zusehen, daß er ausgefallene Berufe betreibt. Leichenwäscher, Nachtportier oder dergleichen.

Haben Sie so was mal gemacht?

Gernhardt: Das ist nicht so doll bei mir. Ich hab‘ mal am Tiefbau gearbeitet. Sie treffen da einen wunden Punkt. Ich sollte tatsächlich meine eigene Legende noch mal überprüfen. Einer Journalistin hab‘ ich mal untergejubelt, ich sei bei der Fremdenlegion gewesen, und sie hat’s geschrieben. Das wäre vielleicht ein Baustein für eine Legende gewesen. Oder auch, wenn man im Knast das Schreiben anfängt – wie Jean Genet.

Aber Sie werden doch der Legende zuliebe nicht in den Knast wandern wollen?

Gernhardt: Nein, nein. Aber wenn man schon mal drin ist, sollte man es nutzen. Auf jeden Fall „kommt“ Knast bei der landläufigen Kritik besser als Hauptseminar und Fortbildungskurse.

Den vielbeschworenen „großen Roman zur deutschen Einheit“ dürfen wir von Ihnen wohl nicht erwarten?

Gernhardt: Oh, nein! Den hat doch der Grass gerade geschrieben. Wenn ich eine Rolle habe im Restaurant zur deutschen Literatur, dann nicht am Fenster, sondern am Nebentisch oder im Bistro. Jawohl, ich gehöre zur „Bistro-Bande“.




Lachend die Zeichen der Zeit erkennen – Dicker Sammelband des vielseitigen Robert Gernhardt

Von Bernd Berke

Welcher deutsche Gegenwartsautor ist vielseitiger als Robert Gernhardt? Der 57jährige hat etliches auf Lager – von der Satire und dem niveauvollen Nonsens bis zum beachtlichen Roman; von der trefflichen Zeitkritik bis zum raffiniert gereimten Gedicht.

Mehr noch: Ohne Gernhardts Texte wäre Otto Waalkes nicht halb so gut gewesen. Und er ist einer der besten Cartoon-Zeichner. Wen wundert’s, daß der Vielfältige jetzt mit einem üppigen Sammelband zum Klassiker erhoben wird. Der Titel („Über alles“) weist schon auf Gernhardts kreative Bandbreite hin.

Seit seinen Anfängen beim Satire-Blatt „Pardon“ (frühe 60er Jahre), wo er mit F. K. Waechter und F. W. Bernstein „Welt im Spiegel“ schuf, jene legendäre Beilage für den  höheren Blödsinn, zählt Gernhardt zu den produktivsten Grenzgängern zwischen Ernst und Scherz, zwischen Sinn und Widersinn. Das ist – gerade in deutschen Landen – ein Vorzug sondergleichen.

Jenseits der gängigen Meinungen

Im Sammelband kann man genußvoll nachlesen, welch ein versierter Stilist dieser Mitbegründer der „Neuen Frankfurter Schule“ ist. Er läßt sich keine wolkigen Formulierungen durchgehen. Gerade indem Gernhardt seine kleinen Künstler-Eitelkeiten offen ausspricht, vermeidet er selbstgerechten Zungenschlag. Derlei stete Wachsamkeit macht auch den Zeitbeobachter aus, der sich schwerlich von gängigen Meinungen beirren läßt.

Im Rückblick ist es frappierend, wie behutsam und differenziert er z. B. 1982 eine Reise in die DDR beschrieben hat. Darin steckt schon das Unbehagen an der innerdeutschen Fremdheit, mit der wir uns heute plagen. Und Prägnanteres ist – zumal in dieser unterhaltsamen Kürze – auch über die deutschen „Fifties“ kaum geschrieben worden als Gernhardts mal eben neun Buchseiten langer Beitrag „Die geile Welt der 50er Jahre“.

Die neue Art der Geistes-Schnüffelei

Gernhardt geißelt nicht nur konservative Widersacher, sondern auch linke Auswüchse: Hinter manchen Spiegel gehören seine Texte über die Stellvertreter-Empörung, die im Namen von Minderheiten alle Geistesprodukte einschließlich Satire auf politische Korrektheit abklopft und dabei jedes Maß verliert. Verständlicher Seufzer: Da sei man mühsam der autoritären Schnüffelei der 50er Jahre entronnen und falle einer neuen, sich fortschrittlich gebenden Inquisition anheim, die einem gar noch die Mülltonnen inspiziert, um nachzusehen, ob man auch ja sortenrein gesondert hat.

Apropos Müll: Auch das ewig „betroffene“ Gewühle im Abraum der Psyche geht Gernhardt auf den Geist: „Daß Beziehungen problematisch waren, lag in ihrer Natur begründet, sie zusätzlich noch zu problematisieren war ungefähr so sinnvoll wie – ach, ihm fiel gar kein Vergleich für diesen Unfug ein … Die Panzerknacker problematisierten ihre Brüche doch auch nicht“.

Straßen, in denen Kanzler Kohl aufwuchs

Aufgelockert durch Zeichnungen und allerlei Gedichte (irgendeine Doktorarbeit wird gewiß mal seine lyrische Verwandtschaft zu Peter Rühmkorf nachweisen), werden mit Leichtigkeit, die bekanntlich so schwer zu erzielen ist, Grundfragen abgehandelt: Die Kapitel heißen „Kunst und Leben“, „Mensch und Tier“, „Mann und Frau“, „Wort und Bild“, „Zeit und Raum“, „Gott und die Welt“, „Spaßmacher und Ernstmacher“.

Gernhardt schlägt Funken aus unscheinbaren Dokumenten. So gewinnt er etwa den Unterwäsche-Seiten von Versandhauskatalogen eine kleine Nonsens-,,Philosophie“ der Geschlechter ab. Beim Gang durch die Straßen, in denen Kanzler Kohl aufwuchs, erspürt Gernhardt mehr vom Gepräge dieses Politikers als mancher Groß-Essayist. Oder er entlarvt Zeitgeist-Hanseln wie den Psycho-Autor Wilfried Wieck („Männer lassen lieben“) durch Vergleich mit dem großen christlichen Bekenner Augustinus. Da sieht Wieck ganz alt aus. Und der Leser hat abermals die doppelte Portion bekommen: Lachen und Erkenntnis auf einen Streich.

Robert Gernhardt: „Über alles“. Ein Lese- und Bilderbuch. Haffmans-Verlag, Zürich. 479 Seiten, 44 DM.