Er war der Bariton des Wirtschaftswunders: Fred Bertelmann ist tot

Er spielte klassisches Theater (u.a. „Götz von Berlichingen“ oder „Der Widerspenstigen Zähmung“), er füllte Boulevard-Theater-Säle („Die Sonny-Boys“) oder Musical-Bühnen („Kiss me Kate“), er war jahrelang Star an der Oper in Chicago in „Showboat“, er spielte Cello, Violine und Trompete, er wollte mal Kinderarzt werden … und: Wie kaum ein anderer malte er mit seinem warmen Bariton das Lebensgefühl der 1950-er Jahre: Fred Bertelmann, der Junge aus Duisburg-Meiderich, ist am gestrigen Mittwoch mit 88 Jahren gestorben.

Screenshot aus: http://www.youtube.com/watch?v=k7uPpGXb2Po

Screenshot aus: http://www.youtube.com/watch?v=k7uPpGXb2Po

Als ich davon las, hatte ich sofort das Bild des „Lachenden Vagabunden“ vor Augen und dieses Lied im Ohr, hörte die fröhliche Melodie (eigentlich „Gambler’s Guitar“ von Jim Lowes) und Fred Bertelmanns schallenden Lachgesang, mit dem er 1957 die Hitlisten in Deutschland erklomm. Da hatte er schon ein paar Nachkriegsjahre als Musiker erfolgreich hinter sich, hatte in Schweden mit Zarah Leander musiziert, Michael Jary kennengelernt, auch seinen späteren Produzenten Nils Nobach und natürlich seinen Manager Stefan von Baranski, der seinen Weg zum Aufstieg ebnete.

Und so wurde aus dem Soldaten, der 1944 in amerikanische Gefangenschaft kam und Swing-Erfahrungen sammelte, einer der ersten deutschen Superstars, der durch seine enorme künstlerische Vielseitigkeit zwar seine Zeitgenossen faszinierte, aber schon bald auf diesen „Vagabunden“ reduziert werden sollte: Fred Bertelmann, die Wirtschaftwunder-Ikone, der Schlager-Gassenhauer-Interpret, der ein Lebensgefühl spiegelte, in dem Deutschland versuchte, sich aus dem Trümmerfeld und den Erinnerungschrecken, die der Krieg hinterlassen hatte, heraus zu pellen.

Bereits ein Jahr nach dem Erscheinen des „Lachenden Vagabunden“ wurde ein Kino-Film aus dem dürren Stoff, den Fred Bertelmann besang. Als er in Duisburg Premiere feierte, hatten die Kinder schulfrei. Sein Erfolg strahlte bis über den Atlantik, wo er bei Dean Martin und Perry Como in deren Shows auftrat. Daheim stellten sich Marika Rökk, Gerhard Wendland, Vico Torriani oder der unvergessene Hans-Joachim Kulenkampff allzu gern an seine Seite, um mit ihm angestrahlt zu werden. Und mit Ruth Kappelsberger, der ehemaligen TV-Ansagerin, bildete er ab 1966 ein skandalfreies Traumpaar der damaligen Showszene.

Noch 2005 und 2006 trat er an der Bayerischen Staatsoper im Rahmen der Münchner Opernfestspiele als Aeneas auf der Bühne des Prinzregententheaters in München auf. Fred Bertelmann war eben ein ungemein vielseitiger und viel arbeitender Musiker.

Nach dem „Vagabunden“ kamen  viele weitere Hits. Zum Beispiel: „Wenn es Nacht wird in Montana“, „In Hamburg sind die Nächte lang“, „Zwei Gitarren am Meer“, „Ein kleines Lied auf allen Wegen“, „Arrivederci Roma“, „Meine Heimat ist täglich woanders“, „Ti amo Marina“, „Schwalbenlied“, „Es wird in 100 Jahren wieder so ein Frühling sein“, „Gitarren klingen leise durch die Nacht“, „Es ist ein Herzenswunsch von mir“, „Ich wünsch‘ dir eine schöne Zeit“, „Die Mühlen“, „Mit dir möchte ich 100 Jahre werden“, „Amore mio“; etwas von all dem wiedererkannt? Und doch: Fred Bertelmanns Bild und Musik wurden stets mit dem „Vagabunden“ verbunden.

Frei sein, ungebunden durch die Welt zu streifen, individuell sein und niemandem unterworfen, lachend Obrigkeiten und Konventionen herausfordern. Das waren die Botschaften des kleinen Textes, den Fred Bertelmann sang, der die staubentsteigenden Menschen begeisterte, weil sie unterbewusst spürten, dass dies alles vor nicht allzu langer Zeit brutal unterdrückt worden war. Fred Bertelmann hat zwar nicht mir, aber meinen Eltern und ihren Zeitgenossen das Geschenk der ungetrübten Fröhlichkeit gegeben.

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„Der lachende Vagabund“: http://www.youtube.com/watch?v=k7uPpGXb2Po




Er hatte seine Konjunktur – zum Tod von Hazy Osterwald

Fast 90 Jahre alt, an Parkinson erkrankt, ging Hazy Osterwald von der Lebensbühne, ein ständiger Begleiter meiner jungen Jahre, der viel mehr konnte als „mit der Konjunktur zu gehen“, „an ihrer Uhr zu drehen“, wie er und sein Sextett im Cha-Cha-Cha-Rhythmus schlagerten.

Er war wie seine Kollegen nicht der simple Showmusiker, sondern ein erstklassiger Jazzer, hatte indes seine größten Erfolge und durch ihn und seine Musiker bestimmte Solo-Shows mit dergleichen musikalischen Skizzen einer deutschen Zeit, in der es stets vorwärts zu gehen schien. Die „Konjunktur“ durfte nur Wachstum kennen und gehorchte.

Hazy Osterwald (vorn links) im Sextett

Hazy Osterwald (vorn links) im Sextett

Solche Gassenhauer waren gut fürs Gemüt der 50-er und 60-er Jahre eines nunmehr vergangen zu nennenden Jahrhunderts. Sie waren fröhlich, zeigten aufwärts, blieben von Krisen ungeschüttelt und wurden auch noch von Schweizern gespielt und gesungen, die aus dem Heimatland der Stabilität stammten. Na, wenn die das sagen, dann stimmt es auch.

Später hörte man von Hazy und seinen Leuten kaum mehr, nur die meist monochromen Auftritte von einst wurden bei Gelegenheiten mal wiederholt. Er hatte seine Zeit, allerdings war die Zeit an sich zu eilig und zog an ihm vorüber. Doch seine Zeit hatte ihm eine ganze Menge Spaß zu verdanken.




Wenn Schalke mit Borussia singt: Franz Wittenbrinks Lieder-Revue „Männer“ in Gelsenkirchen – und bald in Dortmund

Von Bernd Berke

Gelsenkirchen/Dortmund. Zum Theater geht’s über die Autobahn A 42, Abfahrt Gelsenkirchen-Schalke. Für manchen Fan der Dortmunder Borussia ist dies fußballerisches „Feindesland“ und „verbotene Stadt“. Just die uralte Rivalität der Revierclubs prägt das musikalische Bühnenspektakel „Männer“.

Allerdings haben bei dieser Inszenierung (tribünentauglich gesprochen) die Schattenparker und Warmduscher das Sagen, denn es herrscht tendenziell Versöhnung zwischen Schwarzgelb und Blauweiß. Kleinere Rangeleien lösen sich rasch in Wohlgefallen auf. Es ist eben eine ausgewogene Produktion für zwei WM-Städte: Das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier und das Dortmunder Schauspielhaus mögen es schiedlich-friedlich. Mit einem lauen 0:0 endet denn auch ein anfänglich geschildertes Bundesliga-Match.

In Gelsenkirchen hatte das 90minütige Sangesspiel jetzt Vorab-Premiere, teilweise noch unter Probenbedingungen. Bald wird das Ganze auch in Dortmund zu sehen sein, dann wohl hoffentlich etwas ausgefeilter. Vor allem Beleuchtung und Tontechnik wären noch zu justieren.

Notdürftig auf Revier-Verhältnisse umgemodelt

Vorlage ist einer jener Liederabende des Franz Wittenbrink, notdürftig auf Ruhrgebiets-Verhältnisse umgemodelt. Und was drängt sich da heftiger auf als das ewige Derby zwischen dem BVB und Schalke 04, das hier angereichert wird mit der alten „Romeo und Julia“- bzw. „West Side“-Story. Sprich: Liebe über die Grenze verfeindeter Clans hinweg, Borussen-Fan verguckt sich in Schalke-Mädel. Diese pikante Liaison bleibt freilich eher episodisch in all dem Sängerwettstreit, der da anhebt.

Tribüne als Bühne: Hie der Schalker Block mit fünf, dort die BVB-Ecke mit vier Fans. Im munteren Wechsel schmettern die Darsteller Schlachtgesänge, vor allem aber Evergreens: lauter Einblicke in hahnenstolze, doch oft auch waidwunde Männerseelen. Man hört Kracher von Westernhagen („Sexy“), Grönemeyer („Currywurst“, „Alkohol“), Maffay („Und es war Sommer“) oder Udo Jürgens („Mit 66 Jahren“) sowie Beatles-Songs („Yesterday“, „Let it be“).

„We Will Rock You“ mit Heintje-Text

Ausflüge in deutsche Schlager-Tradition („Ich brech‘ die Herzen der stolzesten Frau’n“) wechseln mit fetzigen Rock-Einlagen („Wild Thing“). Und dass der urzeitliche Stampf-Rhythmus des „Queen“-Klassikers „We Will Rock You“ mit Heintjes „Mama“-Text gefüllt werden kann, ist wirklich verblüffend. Auswahl, Abfolge und Arrangement sind der eigenschöpferische Anteil in Wittenbrink gut geölter Wiederaufbereitungs-Anlage.

Was ist das nun? Liederabend, Nummernrevue, Musical mit Karaoke-Charme? Von allem etwas. Jedenfalls macht es Spaß. Denn Regisseur Andreas Wrosch hat im gereiften Ensemble (Schwerpunkt bei „50 plus“) die richtigen Typen versammelt. Profis sorgen fürs musikalische Gerüst, und eigens gecastete Revier-Originale geben er Aufführung authentischen Anstrich.

Alle einigen sich auf Anti-Bayern-Song

Gerade dann, wenn sich nicht alles in glatter Perfektion erschöpft, kommt die geheime Wahrheit mancher Lieder zum Vorschein. So etwa bei Willibald Zumpe (64), früher Bergmann in Dortmund-Mengede, seinerzeit im Chor der Zeche Hansemann und jetzt auf der Bühne als BVB-Altrocker zugange.

Am Schluss haben sich die Fan-Blöcke auf zwei Nenner geeinigt. Erstens darauf: Wahre Liebe kann alle Vereins-Schranken überwinden. Und zweitens auf jene güldene Parole, die sich in bierseliger Gemeinsamkeit grölen lässt: „Wir werden nie zum FC Bayern München geh’n!“

Gelsenkirchen (Musiktheater) 22. April, 15., 29. Mai. 1., 3. Juni. Tel.: 0209/40 97 200 / Dortmund (Schauspiel) 25. April, 22., 30., 31. Mai, 7. Juni. Tel.: 0231/50 27 222.

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ZUR PERSON

Häufig nachgespielt

  • Franz Wittenbrink (Jahrgang 1948) war von 1993 bis 2000 musikalischer Leiter am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.
  • Die von ihm thematisch zusammengestellten und arrangierten Lieder-Programme werden landauf landab nachgespielt, z. B. „Sekretärinnen“, „Mütter“, „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ und „Männer“ (1997 uraufgeführt).
  • Die Fassung von Gelsenkirchen/Dortmund wird musikalisch geleitet von Bill Murta und Jochen Hartmann-Hilter.



Sehnsucht nach Tralala – Zwei neue Schlager-Bücher zur Einstimmung auf den „Grand Prix“ mit Guildo Horn

Von Bernd Berke

Am nächsten Samstag gilt’s. Dann muß der „Meister“ Guildo Horn beim „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ zeigen, ob er in der Champions League des Schlagers bestehen kann. Bevor wir uns aber mit Nußecken zur Fernseh-Party rüsten, ist Besinnung ratsam. Zwei neue Bücher sagen uns, was die Schlagerwelt im Innersten zusammenhält.

Eine ganze Phalanx von Autoren hat die an kultverdächtigen Abstrusitäten so reiche Geschichte des „Grand Prix“ nachgezeichnet – von 1956 bis 1997, also bis ins „Jahr eins vor Guildo“. Unfeine Täuschung: Obwohl der Trierer, der uns alle so schrecklich lieb hat, in den Texten überhaupt nicht vorkommt, prangt sein Konterfei auf dem Titel. Man muß das Eisenzeitig schmieden…

Inhaltlich aber ist s ein gelungener Band mit schrillen Bildern und hilfreichen Siegertabellen seit Anbeginn. Der sarkastische Titel „L’Allemagne deux points“ (Deutschland zwei Punkte) deutet die Richtung an. Das eigene Nest wird freudig beschmutzt.

Die Iren vorn, die Finnen hinten

Doch auch andere Länder entgehen der Ironie nicht; beispielsweise, wenn die Daseinsfrage erwogen wird, warum Irland zuletzt auf Sieg nahezu abonniert war, während die „Grand Prix“-verrückten Finnen noch nie einen vorderen Platz ergattern konnten; vielleicht, weil sich deren Titel nur stockend nachsingen lassen?

Das Phänomen des Euro-Schlagerwettbewerbs wird von allen Seiten beleuchtet. Die oft schrulligen Eigenheiten der am großen Tralala beteiligten Nationen kommen ebenso respektlos zur Sprache wie die Psychologie eines Ralph Siegel, des bisherigen Lordsiegelbewahrers deutscher Schlager-Seligkeit. Die Wandlungen des TV-Studio-Designs seit den 50er Jahren geben ebenso Auskunft über den Zeitgeist wie die Kleidung der Stars und Sternchen. Wie etwa France Gall, Katja Ebstein oder Mary Roos sich gaben – das sind Dokumente erster Güte!

Als Historiker wagen die Autoren auch eine Epocheneinteilung. Die ganz große Zeit des „Grand Prix“ seien die Jahre von 1968 bis 1981 gewesen, als Oma, Eltern und Enkel oft noch gemeinsam mitfieberten – und manche nach dem seichten Zeug ganz süchtig wurden.

Da macht es „Ring Ring“ oder „Boom Boom“

Das Waterloo des deutschen Schlägers gab s im Jahre 1974, als die Gruppe Abba just mit dem Titel „Waterloo“ gewann, während Cindy & Bert („Sommermelodie“) auf dem letzten Rang landeten. Nur Nicole konnte 1982 (mit „Ein bißchen Frieden“) die Scharte als Siegerin auswetzen. These: Gerade weil das Lied so provinziell und bieder gewesen sei, habe man es einer Deutschen gern „abgekauft“.

Ansonsten aber hieß es meist bedauernd (oder hämisch?): „Deutschland – zwei Punkte“. Ganz klar, denn mit ausgeklügelten internationalen Titeln wie „Pump, Pump“, „Lalala“,„Ding-a-Dong“, „Ring Ring“, „Boum badaboum“, „Boom Boom“ und „Boom-Bang-ABang“ konnte man nie konkurrieren. Goldrichtig also, daß sich Guildo Horn („PiepPiep Piep“) aufs europaweit gängige Stammeln einstellt.

Italien, die Südsee und das Soziale

Ein Mann mit dem Pseudonym André Port le roi zeichnet verantwortlich für das Buch „Schlager lügen nicht“. Auch hier grinst Guildo Horn auf dem Titel, der auf gerade mal zwei Seiten als Scharlatan abgebügelt wird. Sich gierig an den Trend, hängen und dann meckern, das haben wir gerne.

Der Autor vertieft den Grundkurs aus dem „Grand Prix“-Buch. In manchmal kurzschlüssiger Weise koppelt er die bekanntesten Trailer-Zeilen ah politische Phasen der letzten Jahrzehnte. Es gibt eben die typischen Schläger der Adenauer-, Brandt-,Schmidt- oder Kohl-Ära.

Belustigt verfolgt man das stete Hin und Her zwischen rockigen Akzenten (Peter Kraus, Drafi Deutscher) und Volkstümelei, zwischen vorsichtiger Emanzipation (Gitte, Rita Pavone) und Macho-Reaktion (Günter Gabriel). Auch wechselnde Moden der Italien-, Südsee- und Sozial-Schlager (Udo Jürgens) plätschern vorüber.

Übrigens werden die Perlen deutscher Sehnsuchts-Lyrik abgedruckt, Strophe für Strophe. Da hat man was fürs Leben.

„L’Allemagne deux points – Ein Kniefall dem Grand Prix“. Ullstein. Reihe „Fun Factory“. 160 Seiten. 22,90 DM / „Schläger lügen nicht“. Klartext-Verlag, Essen. 223 S., 19,80DM.




Hossa und der tiefere Sinn – Das Buch „Schlager, die wir nie vergessen“ deutet populäres Sangesgut

Von Bernd Berke

Peter Kraus zählte zu den zaghaften Vorboten sexueller Freizügigkeit. Freddy Quinn („Junge, komm bald wieder“) formulierte, wie später nur noch Heintje („Mama“), in wenigen Zeilen die geballten Müttersorgen der Nation. Drafi Deutscher („Marmor, Stein und Eisen bricht“) stand – im Vorfeld des rebellischen Jahres 1968 – für wachsende Aufruhrstimmung. Daß sich aus prägnanten Liedern Zeitgeist pur destillieren läßt, erfährt man in dem neuen Buch „Schlager, die wir nie vergessen“. Keine Schande, wenn man beim Lesen mitsummt.

Nicht weniger als 34 Autoren, darunter Koryphäen wie Eckhard Henscheid, Robert Gernhardt und Brigitte Kronauer, machen sich – in zumeist erhellenden Kurzbeiträgen – über 57 Interpreten und deren markanteste Titel her. Die tönende Chronik der Republik beginnt mit Rudi Schurickes Schmachtfetzen „Capri-Fischer“ (Version von 1946) und reicht bis zu den Gruppen „Ideal“ und „Trio“ (ihr Singsang „Da da da“ wird als Ausdruck unbekümmerter Postmoderne gedeutet) sowie Herbert Grönemeyers „Männer“-Song von 1984.

Wer sich nur lustig machen will…

Es zeigt sich, daß ironischer Umgang mit dem Thema zwar ratsam ist, daß aber jene Autoren die ergiebigsten Beiträge liefern, die den Schlager bis zu einem gewissen Punkt halbwegs ernst nehmen. Wer sich von vornherein nur lustig machen oder kulturkritisch dozieren will, kann diesen Massenprodukten auch nicht ablauschen, was in ihnen steckt. Selbst hinter einem unscheinbaren Ausruf wie „Hossa“ (Rex Gildo in „Fiesta Mexicana“) verbirgt sich ja zuweilen tragisches Geschick.

Gelegentlich wird allzu weit ausgeholt: Johannes John nennt „Ein Bett im Kornfeld“ von Jürgen Drews (1976) einen Nachläufer der Anakreontik (idyllisch-erotische „Schäferlyrik“) des Rokoko, ja, er schlägt noch einen Haken zum mittelalterlichen Dichter Hartmann von Aue und dessen Wortschöpfung vom „Verligen“, das die Hauptbeschäftigung amourös reger Faulpelze präzis bezeichnete. In der waghalsig erreichten Zielkurve heißt es schließlich, Drews habe mit seinem Lied die alte Burschenherrlichkeit bedient und neckisches „Verbal-Petting“ betrieben. Nun ja.

Sozialpädagogisches Anliegen

Da leuchtet es schon eher ein, wenn Gus Backus („Da sprach der alte Häuptling der Indianer“, 1961) als typische Figur der Amerikanisierung und zugleich als deren bubenhafter Parodist herauspräpariert wird. Nachvollziehbar auch, daß Juliane Werding („Am Tag, als Conny Gramer starb“, 1972) dem Schlager mit „sozialpädagogischem Anliegen“ jene Bresche schlug, in die dann auch Gitte oder Udo Jürgens springen konnten. Ganz naheliegend ist es gar, das Schaffen von Nicole („Ein bißchen Frieden“, 1982) im Zusammenhang der damals erstarkten Friedensbewegung gegen die NATO-Nachrüstung zu betrachten.

Wenn der Erfolg einer Daliah Lavi („Willst du mit mir gehn?“) auch mit dem Willen zur Wiedergutmachung an den Juden erklärt wird, spürt man ein gewisses Unbehagen – vielleicht deshalb, weil etwas „dran“ ist? Freilich: Wencke Myhres „Beiß nicht gleich in jeden Apfel“, das just 1966 zu Beginn der Großen Koalition zwischen CDU und SPD herauskam, als heimliche Warnung vor dem „Sozialismus“ zu interpretieren, erfordert Phantasie. Und wer hätte gedacht, daß Peter Alexander mit „Hier ist ein Mensch“ (1970) die Fackel der ursprünglich linken Utopie vom aufrechten Gang der Gattung weiter getragen hat?

Vico Torrianis kleine Ferkelei

Eine Hoch-Zeit des deutschsprachigen Schlägers waren natürlich die 50er Jahre. Damals wurde den Wirtschaftswunder-Deutschen jede Spielart von Fernweh und Exotik angedient. Caterina Valente sang beispielsweise 1957 „Wo meine Sonne scheint“, und wenn man dem Autor Dieter Bartetzko glaubt, so lenkte der Text – die historische Stunde erkennend – ungute deutsche Eroberungs-Gelüste ganz geschickt in sozialverträgliche Reiselust um.

Wie auch in der Reklame, so traten sexuelle Rollenklischees im Schlager der 50er klar zutage. Zudem war auch das populäre Sangesgut ausgesprochen prüde und verdruckst. Desto größer die Freude nachfraglichen Enthüllens: Peter von Matt stellt klar, daß es in Vico Torrianis so harmlos klingendem „Kalkutta liegt am Ganges“ letztlich nur „um das Eine“ gegangen sei, gleichsam hinter vorgehaltener Hand sei gar von einer Erektion die verschämte Rede gewesen. Doch die kleine Ferkelei verbarg sich hinter Jux-Wortspielen. Auf ähnliche Weise entsteht übrigens auch große Dichtung.

„Schlager, die wir nie vergessen“. Verlag Reclam Leipzig. 292 Seiten. 19 DM.