Familienfreuden XXIX: Ohren bohren

Nix einfacher als Ohrlochstechen. (Bild: Albach)

„Ohrlochen stechen GRATIS!“, stand in verschnörkelten Lettern auf roséfarbenem Grund am Eingang des Modeschmuck-Ladens, an dem ich vorbeieilte. Ohrlöcher stechen? Gratis? Das klingt ja vertrauenerweckend, dachte ich bei mir und musste grinsen. Es gab eine Zeit, da hätte Fi ihre Füße in den Boden gerammt und versucht, mich in den Laden zu zerren.

Fi gehört wahrlich nicht zu den Kindern, die, kaum dass sie einen geraden Satz herausbringen konnten, schon nach Löchern in den Ohren verlangten. Und auch ich betrachtete Babys, bei denen nicht nur ihr Lächeln, sondern auch Schmucksteine strahlten, eher mit Argwohn. Als die Grundschulzeit sich aber dem Ende näherte, drehte der Wind. Als hätte jemand den Schmuckschalter umgeworfen, gab es für Fi plötzlich kaum einen dringenderen Wunsch als jenen, ihre Ohren durchbohren zu lassen. Sicherlich wirkte die Tatsache, dass all die Freundinnen ringsum vorlegten, wie ein Brandbeschleuniger. Plötzlich blinkten und glitzerten an den kleinen Lauschern Blumen, Sterne oder Einhörner um die Wette.

Ohrringe? Jetzt schon?

Anfangs bäumte sich noch ein klein wenig Gegenwehr in mir auf. Ohrringe? Jetzt schon? Dann aber schlich sich meine eigene Geschmeide-Geschichte in mein Gedächtnis zurück, die wohl auch schon in der Grundschule begonnen hatte – und ich stimmte zu.

Bei mir damals hatte einfach der Juwelier ein Gerät angesetzt, das einem großen Tacker verdächtig ähnelte und ohne viel Federlesens dem Schmerz in ihrer Zierlichkeit entgegengesetzte, kleine Sternchen in meine Ohrläppchen geschossen. Heute, lernte ich, soll das hygienisch nicht mehr der letzte Schrei sein. Und somit hatte Fiona wenige Tage später gemeinsam mit einer Freundin einen Termin – im Piercing-Studio.

Ich muss gestehen: In ein solches hatte ich selbst noch nie einen Fuß gesetzt. Zu der Zeit, als es gerade schwer in Mode war, alle sich anbietenden Körperteile (und auch die anderen) durchstechen zu lassen, kam für mich allein ein Stecker in der Nase in Frage. Und den redeten meine Eltern mir mit Verweis auf meine heftigen Allergien erfolgreich aus. Also auch für mich: Premiere!

Grinsende Totenköpfe allüberall

Als wir den Laden betraten, war klar, dass kleine Kinder nicht die durchschnittliche Klientel darstellten: Ein Totenkopf grinste uns vom Empfangstresen entgegen, seine kleineren Geschwister grüßten von diversen Schmuckstücken. In den Glasvitrinen reihten sich Rosen, Kreuze, Pistolen und allerlei Kinkerlitzchen, die auch Jack Sparrow gut zu Gesicht gestanden hätten. In der Kategorie „Was Kunden vor ihnen interessiert hat“ zeigte eine Galerie an der Wand, dass Tiger, Schmetterlinge, Krieger und Skelette auf diversen Körperteilen unter den Top Ten waren.

Weitere Motive schlängelten sich auf den Armen der jungen Frau, die uns fröhlich mitteilte, dass Martin, der Piercer, gerade noch mit dem Durchbohren anderer Kundschaft beschäftigt war. Beeindruckt setzten wir uns auf knatschende Ledersofas und warteten. Ein weiterer Totenkopf auf dem Couchtisch leistete uns zähnebleckend Gesellschaft. Die Aufregung wuchs. „Wenn Ihr 18 seid, kann ich Euch ja ein Tattoo stechen“, flachste die Mitarbeiterin in Richtung Fi und ihrer Freundin.

Wir konnten das Thema nicht weiter vertiefen, weil Martin plötzlich vor uns stand. Lange weiße Haare, weißer Bart, rundliche Statur, kurze Hose, Hawaiihemd, Turnschuhe. Martin sah aus, wie der coole Bruder des Weihnachtsmannes, der statt Geschenken lieber Nadeln sprechen ließ.

„Dann wollen wir mal!“, sagte er und klatschte in die Hände. Fi quetschte meine Hand. Die Aufregung wuchs weiter.

Die Stunde der Wahrheit

Der Piercing-Raum war im Vergleich zum Entrée überraschend klinisch und nüchtern. Martin setzte sich auf einen Rollhocker und erklärte, munter rollend, mit sonorer Stimme, was nun geschehen würde. Bei ihm klang das so einfach wie Einkaufen. Die Aufregung wuchs trotzdem weiter.

Martin spürte wohl, dass der entscheidende Moment noch nicht gekommen war. Er zog den letzten Trumpf zur Vorab-Beruhigung: eine Kiste, in der winzige Steinchen glitzerten. Schmuckauswahl. „Aurora borealis, das Polarlicht. Gute Entscheidung“, brummte Martin, als Fi und ihre Freundin einstimmig auf den gleichen Stein zeigten.

Die Stunde der Wahrheit. Martin klatschte erneut in die Hände. „So Mädels! Wer von Euch will zuerst?“ „Ich!“, rief Fi (für mich) überraschend. „Prima!“ Als wir uns gemeinsam auf die „Behandlungs“-Liege setzten, war die Durchblutung meiner Hand inzwischen arg gefährdet.

Die Möglichkeit eines Einhorns

Martin aber machte eine der erstaunlichsten Transformationen durch, der ich je beiwohnen durfte. Dieser doch recht gestandene Mann von eher derbem Humor und zupackender Art redete nun ganz sanft. Erzählte von seinen Töchtern. Seiner Frau. Seinen Plänen für den Abend. Schließlich sogar von dem letzten Barbie-Film, den er mit seinen Kindern gesehen hatte. Hätte Martin sich in ein Einhorn mit bunter Mähne verwandelt, es hätte mich auch nicht überrascht. Schließlich nickte Fi. Martin griff zur Nadel. „Oh Gott! Ist die groß!“, dachte ich und hätte jetzt beinahe umgekehrt Fionas Hand zerquetscht. Martin zögerte nicht lang. Ein Stich. Zwei. „Das war’s“, sagte er. „Ehrlich?“, fragte Fiona überrascht. Und ich atmete wieder aus.

Einige Zeit später glitzerte es endlich in insgesamt vier kleinen Ohren. Auch Martin war erleichtert. Ungerührt hatte er seinen Feierabend mindestens um eine halbe Stunde nach hinten geschoben. Intuitiv wusste er wohl genau: das Stechen der ersten Ohrlöcher ist ein Ereignis, das sich in das persönliche Erinnerungs-Tagebuch brennt. Vielleicht war ja etwas dran an der Verwandtschaft zu Santa Claus.

Persönliche Polarlichter

Für das Erinnerungsfoto platzierte er sich zwischen den Mädels. Alle drei setzten einen ultracoolen Gesichtsausdruck auf, als hätte es nie etwas einfacheres gegeben, als diesen Termin, die Hände vor der Brust verschränkt. An den Ohren strahlte weithin: das Polarlicht. Und das passt ja irgendwie zum Weihnachtsmann.




Familienfreuden XXVIII: Adieu, Grundschule!

Ein Hoch auf die Grundschule! (Bild: Albach)

Morgen ist es vorbei, vier Jahre Grundschule – ade. Eine kleine Ära im Leben von Fi endet.

Ich frage mich jetzt schon, wie viele Packungen Taschentücher ich mitnehmen soll. Und ob ich am besten eine Sonnenbrille aufsetze, damit es nicht ganz so offensichtlich ist, dass ich Rotz und Wasser heule. Fis Grundschule ist nämlich in Sachen Abschied das, was Steven Spielberg für das Kino ist: ein Meister der Inszenierung. Als die Grundschule startete, sind die Erstklässler:innen durch bunte Blumenbögen in das Schulgebäude eingezogen. Morgen – man ahnt es – ziehen sie durch eben jene Bögen wieder aus. Der Kreis schließt sich, die Symbolik passt. Pech, wenn man da nah am Wasser gebaut ist.

Die beste Lehrerin, die man sich wünschen kann

Es ist der Abschied von einem wichtigen Abschnitt in Fis Leben. Und es ist der Abschied, von der ganz subjektiv besten Lehrerin, die man sich wünschen kann. Das hat sich schon am allerersten Tag gezeigt, als Fi mit dieser großen Neuerung kämpfte. Kaum sah ihre Lehrerin Fis Tränen, drückte sie ihr kurzerhand ihren Schlüssel in die Hand. „Auf den musst Du jetzt aufpassen. Den vertraue ich nicht jedem an, Und wo der ist, da bin ich nicht weit“, sagte sie. Eine geniale Lösung. Ein „Du bist stark!“ und „Ich bin für Dich da“ in einer Geste. Fi erinnert sich bis heute daran.

Ein schräges Klassenzimmer

Als die Corona-Pandemie begann, hatten wir als Eltern unsere liebe Not, an diese besondere Beziehung anzuknüpfen. Als Mama und Papa sind wir ja etabliert. Aber Lehrerin und Lehrer? Not so much. Nicht falsch verstehen: Fi hat ihre Sache hervorragend gemeistert, aufmerksam alle Online-Stunden besucht, beflissen ihre Aufgaben erledigt und als es zurück in die Präsenz ging, ohne Wissenslücken weitermachen können. Und trotzdem war mein Geduldsfaden eher dünn gestrickt bei der Jonglage zwischen Arbeit und Erklärungsversuchen von Multiplikation & Co. – während Fi sich wahrscheinlich fragte, in welches schräge Klassenzimmer sie da geraten war.

Die Grundschule war, zumindest in unserem Fall, ein Nest und ich hätte Fi gegönnt, dessen Wärme vier Jahre ganz unbeschwert zu genießen, ohne einen nicht im Curriculum vorgesehenen Schnellkurs in Virenkunde, Hygiene und sich ständig ändernden Vorschriften.

Aber ich bin unendlich dankbar, dass Fi dieses Nest gespürt hat und sich in dessen Schutz schnell entwickeln konnte.

Die Schauspielschule ruft

Bei der Abschiedsfeier hat die ganze Klasse ein Theaterstück aufgeführt, eine rasante Revue über ihre Schulzeit. Fi stand dort auf der Bühne, in der ersten Reihe und fragte laut in den Saal: „Wolltet ihr nicht noch meine Geschichte zur Klassenfahrt hören?“, um dann mit sicherer Stimme von Limbotänzen, Treibsand-Spielen und nassen Socken zu erzählen. Ob wir sie schon in der Schauspielschule angemeldet hätten, fragten uns andere Eltern hinterher.

Ein Hoch

Gestern schickte eine Mutter von Fis Freundin ein Video von der Einschulung. Darauf sind sie zu sehen, die bunten Bögen und Fi, wie sie durch sie hindurch in die Schule läuft. Sie schaut sich unsicher um, da steht ihre Lehrerin schon wieder neben ihr, sagt „Da bin ich wieder!“ und nimmt ihre Hand.

Bei dem Abschiedsfest legte Fi ihre Hände auf die Schultern ihrer Freundinnen, auf der Bühne. „Ein Hoch auf uns!“ schallte aus den Lautsprechern. Alle sangen laut mit.

Ein Hoch auf die Grundschule – und danke für diese Zeit!




„Daran muss man sich erst einmal gewöhnen!“ – die Corona-Krise aus Sicht einer Zehnjährigen

Als Gastautorin schreibt die zehnjährige Stella Berke über ihre Erfahrung mit der „Corona-Krise“. Hier der authentische, unkorrigierte Text:

Das Virus und ein weinendes Emoticon… (Schnellskizze: Stella B.)

Ich bin Stella, 10 Jahre alt. Ich beschäftige mich heute mit dem Thema: „Was hat der Corona-Virus für uns Kinder für Folgen?“

Diese Frage kommt hauptsächlich auf das Kind und seine Persönlichkeit an. Nehmen wir an, wir haben ein Kind, das eigentlich jeden Tag draußen spielt, Freunde besucht und umherzieht. Für so eines ist diese Fase eher schwer hinzunehmen. Würde nun auch noch die Ausgangssperre festgelegt, wäre es eine ganz schwierige Situation. Denn all die Möglichkeiten, all der Spaß wäre vorbei. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen!

Für ein eher ruhiges, älteres Kind wäre es leichter einzusehen. So eines hat in den meisten Fällen ein Handy und kann so Kontakt zu Freunden haben. Ich dagegen vermisse meine Freunde sehr. Ja, ich kann sie anrufen, aber spielen gegen anrufen ist doch noch etwas anderes. Wir machen es so, dass wir uns jeden Tag einen kleinen Brief schicken. Und dazu gibt es noch eine Seite mit Rätseln und Aufgaben.

Wie ist es für uns Kinder mit der Schule? Meine Freunde und ich machen uns viele Gedanken über die Schule: Was passiert, wenn wir die nächste Arbeit schreiben? Wann müssen wir wieder in die Schule? Werden wir alle versetzt? All das sind noch ungeklärte, offene Fragen. Denn im Moment weiß keiner, wie es weiter geht, und wann es weiter geht.

Der Text im Faksimile, Nachname auf Wunsch der Autorin retuschiert.




Familienfreuden XXVI: Sozialismus beim Tornisterkauf

Wer geht hier mit wem spazieren? (Zeichnung: Albach)

Kinder zu haben, hat manchmal etwas vom real existierenden Sozialismus: Besser, man hat einen Fünf-Jahres Plan. Beispiel: Wir haben einen Tornister gekauft.

Ein bisschen hatte mich die Zeit der Schwangerschaft ja schon gewarnt. Dort hatte ich gelernt: Es gibt Menschen, die haben sich ihr ganzes Leben auf ein Kind vorbereitet. Kaum war der Strich auf dem Schwangerschaftstest zu erkennen, buchten sie schon Schwangerschaftsyoga -/- schwimmen /-gymnastik, luden ihre Hebamme zum Tee ein und parkten den Kinderwagen in der Garage. Ich gehöre nicht zu dieser Spezies und nahm, was übrig blieb.

Entsprechend war ich sensibilisiert, als sich eine wichtige Etappe für unsere Tochter ankündigte: der Schulbesuch. Durch Zufall bekam ich ein konspiratives Gespräch zwischen zwei Kindergartenmüttern mit, in dem Informationen zum Tornisterkauf gehandelt wurden wie Hehlerware. „Im November gibt es die Vorjahresware günstiger…“ wisperte die eine. „Ich muss auf jeden Fall schnell einen Termin machen“, die andere.

Es ist kein Zuckerschlecken

Immerhin wusste ich schon von meinem Patenkind: Tornister kaufen ist kein Zuckerschlecken. Besser, man checkt vorher mal den Kontostand, bevor man die preismäßig durchaus mit Designer-Handtaschen vergleichbare Ware zu erstehen gedenkt. Und ein Termin, bei dem geguckt wird, ob der zu meiner Schulzeit noch liebevoll als „Tonne“ verunkte Transportbehälter ansatzweise ergonomisch wertvoll ist, leuchtete mir auch so ein. Aber dass man hier schon wieder einen Zeitplan wie seinerzeit bei einer Trabbi-Lieferung in der DDR auf dem Schirm haben musste…

Ein Wesen mit eigenem Geschmack

Ich ergab mich in unser Schicksal und machte einen Termin in dem von den wispernden Müttern favorisierten Laden. Dort wurde ich schon mal zackig gebrieft: „Wir Erwachsenen gucken, ob der Tornister passt. Aber ihre Tochter sucht das Design aus. Sie haben ihr Kind zu einem Wesen mit eigenem Geschmack erzogen – da müssen sie durch“, warnte mich der Verkäufer vor. Vermutlich eingedenk 1000er erlebter Streitgespräche über augenkrebserzeugende Tornister, an die sich kleine Kinder verzweifelt klammerten, während ihre Eltern versuchten, sie in die Ecke mit den einfarbigen, pädagogisch wertvollen Varianten zu zerren.

Pink mit Pferden

Ich seufzte. Als ich Fi gefragt hatte, wie ihr Tornister aussehen soll, hatte sie gesagt: „Pink! Am besten mit Pferden oder Schmetterlingen.“ Normen und ich nahmen uns fest vor, uns trotzdem rauszuhalten.

Fiona wiederum hielt sich an unsere Absprache: Gleichmütig schaute sie sich Tornister mit Dinosauriern, Fußballern oder Robotern an. Sie wusste, ihre Stunde würde noch kommen. Normen und ich waren derweil überwältigt. Vage erinnerten wir uns noch unsere schlichten „Amigo“-Tornister – eine Marke, die längst ausgestorben ist. Jetzt erblickten wir Regale voll unterschiedlichster Modelle; im Lager gäbe es insgesamt 500, erklärte der Verkäufer. Ich sagte alle Termine für den Nachmittag ab.

Fiona, verschnürt

Der Verkäufer indes zückte einen Schmöker von Umberto Eco’schem Ausmaß und verstaute ihn in dem ersten Testmodell. Er verschnürte Fiona. Ließ sie los. Und sie – fiel fast hinten rüber. Mit Mühe wuchtete sie sich nach vorn, um das Gleichgewicht zu halten, und wankte los. In Gedanken meldete ich sie schon im Fitnessstudio an, um die für die Einschulung anscheinend notwendigen Muskeln aufzubauen.

Und so ging es weiter: Entweder, die Tornister schnürten ihr den Hals ab – oder sie gingen mit Fi spazieren, nicht umgekehrt. Ich fühlte mich wie bei der Suche nach meinem Hochzeitskleid: damals hatte ich auch gedacht, es gäbe einfach nicht das richtige für mich.

Der Lichtblick

Dann aber der Lichtblick: ein Tornister passte wie angegossen. Es war der mit den auffälligsten Designs. Der Verkäufer baute nun die in Frage kommenden Varianten vor uns auf. Als er ein Modell in Pink mit leuchtenden Glitzersternen und wiehernden Einhörnern platzierte, schien unser Schicksal besiegelt. Ich schluckte. Das Teil hatte sogar feine roséfarbene Zierschleifen. Für mich ein Albtraum. Ich würde trotzdem glücklich lächeln, nahm ich mir vor – und zwar die ganze Grundschulzeit hindurch.

Dann aber geschah etwas, was mich an die durchschlagende Wirkung von Stoßgebeten glauben lässt. Fiona schritt die Reihe der Tornister ab, schaute sich das Rosa-Rüschenmonster an. Und ging weiter. Sie blieb vor einem blaugewellten Modell mit Delphinen stehen. „Den will ich!“, sagte sie. „Der passt super zu mir. Ich schwimme doch so gern!“

Ich atmete aus. Wir nickten. Und freuten uns. Sogar ganz ehrlich.




Die Schulzeit als Geisterbahn – ein paar skizzenhafte Erinnerungen

Vor wenigen Tagen hat unser Gastautor Heinrich Peuckmann an dieser Stelle einige prägende Begegnungen aus seiner Schulzeit skizziert. Lauter kultivierte Lehrer haben sich demnach in Kamen und Unna die Klinke in die Hand gegeben. Das klang – wenigstens im Rückblick – alles sehr zielgerichtet und schicksalhaft vorherbestimmt; ganz so, als hätte es gar nicht anders kommen können, als dass Peuckmann selbst zum Lehrer und Schriftsteller wurde.

Nur als Beispiel fotografiert: ein altehrwürdiges Lehrinstitut - im Osten der Republik. (Foto: Bernd Berke)

Nur als Beispiel fotografiert: eine altehrwürdige Lehrstätte – weit im Osten der Republik; also keineswegs das im Revier liegende Institut, von dem im Text die Rede ist. (Foto: Bernd Berke)

Heinrich Peuckmann hat offenbar großes Glück gehabt. Ich glaube, dass nicht viele aus unserer Generation so gut und günstig über ihre Schuljahre sprechen können. Meistenteils war es doch ein Kreuz mit der Penne. Wir reden hier übrigens vornehmlich von den 60er Jahren. Die Grundschule und ein späteres Gymnasium in Bonn lasse ich mal beiseite, damit es halbwegs übersichtlich bleibt.

Angebliches „Elite-Gymnasium“

In medias res: Unser Institut galt innerhalb Dortmunds als „Elite-Gymnasium“. Zumindest sahen die Herrschaften des Lehrkörpers sich selbst gern so. Das Einzugsgebiet erstreckte sich bis weit in den schon damals „feineren“ Süden der Stadt. Koedukation war leider noch ein Fremdwort, also muss man es so sagen: Da gab’s schon einige Söhnchen aus begüterten Familien.

Mit solch einem gediegenen Hintergrund konnten ich (und etliche andere) nicht dienen. Ich bin im seinerzeit kleinbürgerlichen Kreuzviertel aufgewachsen, das erst sehr viel später schick und studentisch alternativ wurde. Meine Mutter war unter den Eltern der ganzen Klasse die einzige Frau, die arbeiten ging – ein Umstand, über den manche Lehrer die Nasen gerümpft haben. So beschränkt waren die Zeiten.

Wissensvermittlung Nebensache

Bert Brecht war es wohl, der sinngemäß geschrieben hat, Aufgabe eines Lehrers sei nicht so sehr die Wissensvermittlung. Vielmehr müsse sich der Pädagoge vor der Klasse möglichst schrankenlos ausleben, auf dass die Schüler verschiedene Menschentypen bis auf den Grund kennen lernten. In diesem Befund waltet Weisheit, die unter gewandelten Vorzeichen vielleicht heute noch gilt.

Anders als bei Heinrich Peuckmann, saßen bei uns neben- oder hauptberufliche Schriftsteller schon mal gleich gar nicht im Kollegium. Die Deutschlehrer mochten sich daheim in stillen Stunden von Herzen für Schiller, Hölderlin oder Rilke begeistern, wirklich gespürt haben wir derlei Leidenschaft nur in sehr seltenen Momenten. Wenn überhaupt.

Ach, Hubertus…

Eine recht junge Lehrerin, gerade dem Referendariat entronnen, besprach mit uns immerhin auch Lyrik von Enzensberger und Celan oder seinerzeit virulente Romane von Grass und Max Frisch. Damals beileibe keine Selbstverständlichkeit.

Freilich blieb auch sie der rein textimmanenten Interpretation jener Jahre verhaftet. Wenn wir über Klassenarbeiten brüteten, las sie am Pult geradezu demonstrativ die stocksolide und erzkonservative Frankfurter Allgemeine Zeitung, mutmaßlich vor allem Feuilleton-Riemen von Friedrich Sieburg oder Benno von Wiese. Ihr persönlicher Primus war ein Mitschüler mit Adelsnamen, welchen sie geradezu andächtig hauchte. Ach, Hubertus…

Als Geschichtslehrerin ließ sie am liebsten allerlei Jahreszahlen auswendig lernen. Gern hielt sie sich in frühen Epochen auf, weit von der garstigen Zeitgeschichte entfernt.

Käuze und Sonderlinge

Um schöne Nebensachen nur kurz zu streifen: Die Musiklehrer lebten auf ihrem eigenen Stern, sie waren vergleichsweise in Ordnung. Einer versuchte gar kurz, die Beatles zu thematisieren. Doch er drang damit nicht zu uns durch. Auf dem Gebiet mochten wir uns erst recht nicht von der Schule einfangen lassen.

Die beiden Bio-Lehrer waren eher groteske Käuze, irgendwie rührend in ihr Fachgebiet vernarrt. Harmlos also. Aber auch nicht allzu lehrreich. Später kam Chemie hinzu – bei einem veritablen Schleifer. Von Physik wollen wir schweigen und allenfalls andeutungsweise das Bild von der schiefen Ebene bemühen. Der Französischlehrer war eine Witzfigur, von keinerlei subtilem Geist angekränkelt.

Ostpreußische Orte suchen

Andere aber waren schlimmer. Ein froschhafter Fettmops von Mathepauker, der uns aus unerfindlichen Gründen auch in Sport quälen und trimmen durfte, krähte gern mal Sprüche wie „Häää, wer nich Schwimm‘-kann-kann-auch-keine-Mattmattik!“ Tatsächlich hatten die schlechten Schwimmer in Mathe von vornherein schlechtere Karten bei ihm. Erklären konnte er eh nix, nur abfragen und Urteile fällen. Danach suchte uns ein notorischer Säufer heim, der (im Krieg?) seinen Daumen verloren hatte und trotzdem gerade mit den Fingern jener Hand unverdrossen zählen wollte. Das Kichern zu vermeiden, glich einer Herkulesaufgabe.

Doch andere waren schlimmer. In Erdkunde hatten wir zunächst einen üblen Revanchisten, der aus Ostpreußen stammte, uns folglich immer wieder an der Landkarte der Ostgebiete strammstehen und Orte suchen ließ. Wehe, wenn man sie nicht fand… Wie? Ach ja, natürlich hat er uns vorgemacht, wie es im Schützengraben gewesen ist, als es gegen den Iwan ging. Ratatatata.

Mit der Faust ins Gesicht

Doch andere waren noch schlimmer: Der Lateinlehrer, ein Schmierlapp, der sich elend leutselig geben konnte und seinen Lieblingsschülern sogar schon mal zärtlich über den Kopf strich, konnte andererseits brutal mit der Faust zuschlagen – mitten ins Gesicht. Wenn man daran denkt, spürt man heute noch ein knotiges Unwohlsein in der Magengegend – und könnte ihm seinerseits die Fresse polieren. Warum soll ich’s vornehmer sagen? Und der Kerl hat nebenher auch noch katholische Religion gegeben. Ausgerechnet.

Gewaltausübung durch Lehrer war damals bei einigen Gestalten überhaupt an der Tagesordnung, heute müssten sich die Herren dafür hochnotpeinlich verantworten. Selbst ein Kunstlehrer (!) hatte eine üble Methode, uns heftig an den Ohren zu ziehen und selbige schmerzhaft zu zwirbeln. Möge er in Hieronymus Boschs Welten getriezt werden.

„Tack, tack, tack“ – „Werd‘ doch Friseur“

Ins Englische wurden wir gerade mal leidlich eingeführt – von einem drahtigen Schönling, der zu Zeiten der ersten Bond-Filme wie 007 Sean Connery aussah. Drum war auch der Sportunterricht seine eigentliche Domäne. Wollte er, dass wir uns beeilen, hackte er im militärischen Rhythmus mit seinem Schlüsselbund auf den Lehrertisch und rief dazu „Tack-Tack-Tack!“ In der Mittelstufe kam dann ein richtiger Englischlehrer, der über seinen Vorläufer mitleidig lächelte und sein geballtes promoviertes Wissen auf uns losließ. Er nötigte denn doch Respekt (und Furcht) ab, dachte zudem ausgesprochen elitär. Wer schlecht abschnitt, dem riet er unumwunden: „Werd‘ doch Friseur!“

Schäbige Rache der Pubertierenden

Nach all dem war es eigentlich kein Wunder, dass wir uns als Pubertierende für erlittene Unbill gerächt haben – bei den schwachen Figuren. So haben wir einen schwer zuckerkranken Erdkunde-Lehrer, der körperlich nur noch ein bedauernswerter Hänfling auf spindeldürren Beinchen war, bis zur Weißglut gereizt. Für diese feige Infamie schäme ich mich bis heute. Und nicht nur mir geht es so.

Noch immer frage ich mich, worauf eine solche Schullaufbahn (nein: Geisterbahn) eigentlich hinauslaufen sollte. Gewiss, wir haben ein paar Fakten, Formeln und Vokabeln gelernt. Doch von all dem Stoff konnte man später im Beruf ca. 95 Prozent getrost vergessen. „Non scholae, sed vitae discimus“ (Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir) war einer der lächerlichsten Sätze, die uns je untergekommen sind.




„Opi paddelt nach Panama“ – Komik und Poesie aus dem Grundschul-Übungsheft

Vor mir liegt ein Schreibschrift-Übungsheft für die 1. Klasse der Grundschule. Das heißt, man kann das viel gewichtiger sagen; so, wie es die Ruhrgebietszeitung WAZ gern tut, wenn sie betonen will, wie nah sie an den aufregenden Dingen dran ist: „Das Schreibschrift-Lehrbuch liegt den Revierpassagen vor…“ Klingt immer so, als hätte man sich Dokumente unter größten Recherche-Mühen besorgt. Aber ich schweife ab.

Mir geht’s eigentlich um die Poesie, die unversehens aus dem Umstand erwächst, dass man bestimmte Buchstabenfolgen eng zueinander zwingen muss, um taugliche Beispielsätze zu generieren. Sodann muss man nur alles hübsch aus dem eh nur losen linguistischen Kontext reißen, dann wird’s ziemlich komisch.

"Füchse fressen Frikadellen." - Manchmal ziehen sie aber auch arglose Hasen vor - wie hier bei Ikea in Dortmund. (Foto: Bernd Berke)

„Füchse fressen Frikadellen.“ Manchmal ziehen sie aber auch arglose Hasen vor – wie hier bei Ikea in Dortmund. (Foto: Bernd Berke)

Fügungen wie „Omi turnt an einem Ast“ und „Opi paddelt nach Panama“ klingen zwar wenig wahrscheinlich, haben aber noch eine gewisse Rest-Plausibilität für sich. Hoffentlich hat Opi keine Briefkastenfirma.

Bei „Lilo malt neun Läuse“ beginnt schon das weite Reich des Absurden und Surrealen, dessen Abglanz den Kindern gleichsam nebenher aus der Ferne gezeigt wird, wenn auch sicherlich nicht willentlich.

Angesichts der rätselhaften Aussage „Alis Laster rollt im Leim“ mögen korrekte Geister Diskriminierung wittern, doch es ist eine unschuldige Sprachübung, die nicht über ihren unmittelbaren Lernzweck hinaus weist. Obwohl Veganer den Lehrsatz „Wer will eine Wurst?“ wahrscheinlich auch als Affront betrachten. Tja, wer weiß. Später findet man ja auch noch die provokante Behauptung „Geier fressen kein Gemüse.“

„Hummeln heiraten nie.“ – „Lurche lachen nicht.“ – „Acht Chinesen tauchen.“ Das sind Feststellungen, die einfach keinen Widerspruch dulden. Es ist, wie es ist. Knallharter Realismus.

Je weiter die Übungen fortschreiten, umso mehr höherer Nonsens ist zu finden. „Mein Name ist Ente.“ – „Ich habe einen Rüssel.“ – „Ich bin ein Hosenknopf.“ – „Füchse fressen Frikadellen.“ – „Auf dem Zeh ist Zimt.“ – „Eine Nixe sitzt im Taxi.“ Nicht schlecht, wie?

Sogar die Abfalltonnen fangen an zu sprechen. Eine von ihnen sagt: „In mir ist der Müll.“ Da habe ich an Samuel Beckett denken müssen.

Aber was ist das? „Bernd bürstet seine Beine.“ Kann ich nicht bestätigen. Wirklich nicht. Nur zwei Seiten später: „Ich bin ein Brot.“ Schon wieder so eine Anspielung auf meinen Vornamen. Was soll das? Freilich bekommen auch andere ihren Spott ab: „Klara küsst einen Kobold.“

Für solche kleinen Ausrutscher entschädigen allerdings die wahrhaft dichterischen Sätze. Mal filigran: „Frankas Finken flöten fein.“ Oder vollends gewaltig: „Wale weinen in der Wüste.“

Wenn das nicht erhaben ist, dann weiß ich auch nicht.

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Alle zitierten Satzbeispiele aus: „Schreibschrift. Das Selbstlernheft in VA“. Jandorf Verlag, Brühl (8. Auflage, 2015)
(Im Schulbürokratendeutsch heißt die Schreibschrift offiziell VA = vereinfachte Ausgangsschrift).




Die Sache mit dem Schulspartag

Vor einigen Tagen hat Stefan Laurin bei den „Ruhrbaronen“ über das Bochumer Privatunternehmen Cheersmed berichtet, das mit (nach seiner Ansicht) zweifelhaften Bewegungsprogrammen in etliche NRW-Schulen vordringt und dort kräftig Werbung machen darf. Da sind kritische Nachfragen schon mal angebracht; auch wenn man weiß, dass Laurin sich liebend gern an allem abarbeitet, was esoterisch oder anthroposophisch anmutet.

Auf den ersten Blick weniger anrüchig ist jener lang geübte Brauch, nach dem die Sparkasse Dortmund in den Schulen der Stadt zum „Schulspartag“ aufruft, als wäre dies just eine Veranstaltung der Schulen oder wenigstens eine gemeinsame Aktion von Sparkasse und jeweiliger Schule. Auch könnte man meinen, der Schulspartag sei eine höchst offizielle Institution wie etwa der Weltspartag.

Ausschnitt aus dem Handzettel der Sparkasse Dortmund. (Repro: BB)

Ausschnitt aus dem Handzettel der Sparkasse Dortmund. (Repro: BB)

Unter der Überschrift „Unser Schulspartag“ (wer ist wohl mit „unser“ gemeint?) werden also von der Sparkasse Handzettel und Spardosen verteilt, verbunden mit der Aufforderung: „Liebe Eltern! Der **. September ist ein Schulspartag in der *****-Schule. Bitte geben Sie Ihrem Kind an diesem Tag die Schulspardose mit in die Schule.“

Es folgen Angaben darüber, wie man dem Kind ruckzuck ein Sparbuch bei der Sparkasse einrichtet, dessen Grundstock sich möglichst in der Spardose befinden sollte. „Danke für die Mithilfe und auf eine schöne Schulsparaktion – Ihr Schulsparteam“. Und wieder klingt all das so, als wären auch Schulleitung und Kollegium am Spartag quasi beteiligt.

Am besagten Schulspartag entsteht denn auch ein – von den Sparkassen-Leuten geschickt genutzter – sanfter Gruppendruck von ganz allein, sollten einzelne Kinder in der Klasse sich etwa nicht oder nicht sofort beteiligen. Ach, du machst nicht mit?

Nun ist die Sparkasse ein vergleichsweise seriöses, öffentlich-rechtliches Unternehmen mit (noch) ziemlich vielen Filialen in der Stadt und ausgeprägten Förderprogrammen, ohne die beispielsweise manche Kulturveranstaltung darben müsste. Freilich befinden sich die Sparkassen auch im kommerziellen Wettbewerb mit anderen Instituten und versuchen, mit dem Schulsparen frühzeitig einen Fuß in die Türen der Elternhäuser zu bekommen.

Man setzt dabei auf emotionale Bindung. Ist erst ein Sparkonto eröffnet, bedeutet dies meist eine Perspektive auf Jahrzehnte hinaus, wenn nicht fürs Leben. Dann bleibt man der Bank eben treu, die man schon als Kind gekannt hat. Man hängt geradezu daran.

Bei mir hat’s seinerzeit übrigens auch nachhaltig funkioniert. Auch ich habe mein erstes Sparkassen-Sparbuch aus Kinderzeiten bis heute aufbewahrt. Und jetzt ratet mal, wo ich noch heute mein Konto habe.




Kochen vs. Theater 40:2

Jeglichen Tag liest man in der Zeitung von Phänomenen, die sich beispielsweise binnen Jahresfrist um 1,8 Prozent gesteigert haben. Donnerlittchen!

Und dann knüpfen die Redaktionen schwerwiegende Überlegungen an diese Entwicklung, denn sie ziehen stets gern die „Immer mehr“-Nummer durch. Auch wenn’s nur schmale 1,8 Prozentpunkte sind. Andernfalls gäb’s ja manchmal wenig zu schreiben. Irgendwie muss man ja für Panik sorgen, für Exaltation und dampfenden Betrieb. „Welchen Aufreger haben wir denn heute?“

Werden Kinder, die heute die Theater-AG verschmähen, später z. B. ins Bochumer Schauspielhaus (Bild) gehen? (Foto: Bernd Berke)

Der Kulturpessimist fragt: Werden Kinder, die heute die Theater-AG verschmähen, später z. B. ins Bochumer Schauspielhaus gehen? (Foto: Bernd Berke)

Nun aber die grazile Überleitung zu einem wirklich exorbitanten Zahlenverhältnis. Als es jetzt in einer Dortmunder Grundschule daran ging, sich für bestimmte nachmittägliche Arbeitsgemeinschaften zu entscheiden, haben gleich rund 40 Kinder (bzw. ihre Eltern) die „Koch-AG“ gewählt – und nur ganze zwei die „Theater-AG“.

Welche Bewandtnis es wohl damit hat?

Man kann sich in wildwüchsigen Mutmaßungen ergehen. Wird das Wort „Theater“ schon so selbstverständlich mit diffiziler Hochkultur assoziiert, dass die Vielen lieber nicht nähertreten mögen? Erinnert es sogleich an Streit und Hader („Jetzt mach’ hier kein Theater!“)? Hat hier der reine Nützlichkeits-Aspekt überwogen, der zunächst einmal fürs Kochen sprechen mag? Hat gar der schnöde Elternwunsch obsiegt, die Kleinen sollten öfter in der Küche helfen? Haben die zahllosen Kochshows im Fernsehen die Wahl beeinflusst?

Dabei hat man doch immer gedacht, dass Kinder sich gerne verkleiden und Rollenspiele lieben.

Die Folge des auffälligen Votums ist jedenfalls eine Aufstockung auf zwei Koch-AGs – und die Streichung der Theatergruppe. Sollen wir nun das alte Lied vom Kulturverfall anstimmen? Gemach! Nicht von ungefähr spricht man auch von Kochkultur. Aber man stutzt dennoch.

Um die Leser(innen) zu schonen, belassen wir es bei diesem kurzen Beitrag. Es gibt freilich Leute, die mit diesem Thema ein ganzes Feuilleton zu füllen vermöchten. Um es mal stilblütenhaft zu wenden: Hierbei könnte man den Klammeraffen des Kulturpessimismus reichlich Zucker der Zukunftsangst geben. Hehe, gut gesagt, wie?




Jekami, Jeki, JeKits – Yeah, Yeah, Yeah!

HAI - heran ans Instrument... (Foto: Bernd Berke)

HAI – heran ans Instrument… (Foto: Bernd Berke)

Um es vorweg zu sagen: Die Sache an sich ist gut und richtig. Dass Kinder sich zunächst spielerisch und später ausgiebig mit Musikinstrumenten befassen, kann man eigentlich nur begrüßen.

Doch schon die bürokratische Abkürzung für das entsprechende Maßnahmenbündel („Jeki“ = Jedem Kind ein Instrument) ist von gelinder Komik der unfreiwilligen Sorte. Da war selbst das gute alte „Jekami“ (Jede(r) kann mitmachen) noch etwas stimmiger.

Freilich lassen sich solche Schöpfungen immer noch unterbieten. Und so wird das schulische Angebot ab 2015/16 schwungvoll umbenannt. Man möchte nicht wissen, wie viele rotgrüne Köpfe da geraucht und wie viele wichtige Gremiensitzungen dieserhalb stattgefunden haben. Ob vielleicht gar selbsternannte Sprachdesigner für derlei lachhafte Ideen Geld kassiert haben? Als der Berg gekreißt hatte, gebar er jedenfalls diese Maus:

„JeKits“

O weh, da schrillen – sofern man noch bei Trost ist – alle sprachlichen Alarmglocken, denn nicht einmal das Pseudo-Englische wird hier richtig bedient; geschweige denn, dass da ein Anklang ans Deutsche zu erahnen wäre.

Und nun dürfen wir dreimal raten, für welchen Klartext dieses „JeKits“ wohl stehen mag. Na, selbstverständlich für:

„Jedem Kind Instrumente, Tanzen, Singen“.

Was haben Sie denn gedacht?

Aber mal ehrlich. Was will man schon aus einem NRW-Ministerium erwarten, das für den Gemischtwarenladen „Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport“ zuständig ist und das sich abgekürzt allen Ernstes „mfkjks“ nennt?

Das kann noch deutlich flotter werden. Statt MFKJKS könnte man doch auch ………….. oder …………… sagen und schreiben.

(Ideen bitte eintragen und unfrankiert nach Düsseldorf schicken)




Zum Tod des Englischlehrers

Natürlich kündet es vom Nahen des eigenen Todes, wenn immer mehr Menschen sterben, die man gekannt hat. Und wieder ist einer dahin…

Es ist schon fast ein halbes Jahr her. Durch einen Schulfreund habe ich es erst jetzt erfahren.

Er war unser Englischlehrer im Gymnasium, genauer: ab der Mittelstufe. Vorher hatten wir einen, der hauptsächlich Sport gab und Englisch nur nebenher betrieb. Eigentlich ein Witz.

Dieser aber war vergleichsweise ein Geistesriese. Trug einen Doktortitel. Hat nach und nach ein paar Bücher zur Textinterpretation verfasst. Man munkelte gar, dass er von mehreren Universitäten umworben werde. Er aber blieb bis zur Pensionierung an dieser Schule. Ein Heros der Selbstbescheidung?

Relikt schwerer Schulstunden: Die ersten Seiten von Shakespeares "Macbeth" mit Randnotizen. (Foto: Bernd Berke)

Relikt schwerer Schulstunden: Die ersten Seiten von Shakespeares „Macbeth“ mit Randnotizen. (Foto: Bernd Berke)

Wenn mich die Erinnerung nicht trügt, ging zudem die Saga, er habe als Student in einem britischen Bergwerk geschuftet, um sich über Wasser zu halten. Niemand hat das je überprüft. Wie denn auch?

Im Unterricht hat er mit einem ausgeklügelten Karteikarten-System gearbeitet, das man penibel nachzuvollziehen hatte, widrigenfalls man sich auf erlesene Psycho-Qualen gefasst machen musste. Er litt unter einem speziellen Ordnungswahn. Alles musste einsortiert und kategorisiert werden. Sonderlich kreativ war er wohl nicht.

Wenn er die Klasse betrat, haben zuweilen schwere Stunden begonnen. Wer Fragen nicht beantworten konnte, musste stehen bleiben, die für diesmal Glücklicheren saßen dann schon. Und grinsten. Oder atmeten leis auf.

Für seine Schärfe haben wir uns an anderen, schwächeren Lehrern schadlos gehalten. Da haben wir uns was getraut. Es waren die Jahre, als Autoritäten ganz allmählich bröckelten und in denen manche von uns mit der Mao-„Bibel“ kokettierten, also mit den Sprüchlein des nächsten Massenmörders.

Alltagstaugliche Sprache haben wir beim besagten Lehrer nicht gelernt, nur hochliterarischen Zergliederungs-Jargon. Über viele, viele Wochen (wenn nicht Monate) hat er uns auf Shakespeares „Macbeth“ getrimmt. Später, an einer anderen Schule, in einer anderen Stadt, habe ich sehr davon profitiert. Zufällig wurde auch dort wieder „Macbeth“ – nun ja – „durchgenommen“. Und ich hatte noch all meine Notizen. Wie ich da unverdient glänzen konnte!

Auch hat er uns allerdings mit einigen wunderschönen Gedichten in englischer Sprache bekannt gemacht. Manche Verse klingen bis heute nach, beispielsweise „In a Station of the Metro“ von Ezra Pound:

The apparition oft these faces in the crowd;
Petals on a wet, black bough.

Er hat solche Zeilen mit uns interpretatorisch beinahe zu Tode geritten. Und doch war er – verglichen mit sonstigen Knallchargen des Schulbetriebs – einer, der Bleibendes vermittelt hat und den man schwerlich vergessen wird.

Der Freund, der mir die Todesnachricht überbrachte, hat sich in einen fortwährenden Hass gegen jenen Lehrer gesteigert. Ein anderer zollt ihm bis heute Respekt. Es gehört zu unserer nostalgischen Folklore, diese Kontroverse immer mal wieder neu zu zelebrieren. Sie wird ewig unentschieden bleiben.




Als Prügel für Kinder zum Alltag gehörten

Über evangelische Pfarrhaushalte ist schon so manches geschrieben worden. Der Schriftsteller Tilman Röhrig (Jahrgang 1945) kann seine besondere Geschichte aus solch einer Familie erzählen, die doch in den Grundzügen zugleich furchtbar zeittypisch anmutet: Er ist als Kind von seinem Vater windelweich geprügelt worden. Immer und immer wieder. Oft aus nichtigen Anlässen. Willkürlich. Manchmal nur, weil die Stiefmutter es eben so wollte. Eine Realität wie aus dem bösen Märchen.

Röhrigs erschütternder Bericht vom höllisch gottgleich strafenden Vater stand im Zentrum eines bewegenden Dokumentarfilms von Erika Fehse, den die ARD aus unerfindlichen Gründen am Montag erst um 23.30 Uhr ausgestrahlt hat. Warum nur?

Angstfrei oder gar glücklich wirken diese Schulkinder von 1952 nicht. Aber vermutlich ist keine Gewalt angewendet worden, weil ja eine Kamera zugegen war. So etwas nennt man dann "Symbolfoto". (© WDR/akg-images)

Angstfrei oder gar glücklich wirken diese Schulkinder von 1952 nicht. Aber vermutlich ist keine Gewalt angewendet worden, weil ja eine Kamera zugegen war. So etwas nennt man dann „Symbolfoto“. (© WDR/akg-images)

Das Thema von „Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie…“ interessiert sicherlich sehr viele Leute, vor allem aus den älteren Generationen. Sie kennen beispielsweise noch solche bedrohlichen mütterlichen Sätze: „Warte nur, bis dein Vater heute Abend nach Hause kommt…“ Dann setzte es was. Und die Angst hatte sich schon den ganzen Tag über angestaut.

Vielfach ging es – etwa hinter der biederen Fassade des neu erbauten Einfamilienhauses – mit Ledergürtel, Teppichklopfer oder gar Reitpeitsche auf den blanken Hintern. Wie viel verdrehte Sexualität da wohl dem Treibstoff der Gewalt beigemischt war?

Nicht nur Tilman Röhrig, sondern auch einige andere Prügelopfer kamen in dem Film zu Wort. Einige von ihnen sind spürbar hart geworden, die Züge dauerhaft erstarrt, sie können wahrscheinlich nicht einmal mehr weinen. Bei anderen lässt die aufblitzende Erinnerung Dämme der Selbstbeherrschung brechen. Es ist wirklich zum Heulen. Heute noch. Für alle verbleibende Zeit.

Erinnert sich an schreckliche Prügel in der Kindheit: Schriftsteller Tilman Röhrig. (© WDR/doc.station GmbH)

Erinnert sich an schreckliche Prügel in der Kindheit: Schriftsteller Tilman Röhrig. (© WDR/doc.station GmbH)

Gewiss, es waren extreme Fälle darunter, in denen über viele Jahre hinweg Prügel und Schläge sozusagen die hauptsächliche elterliche Zuwendung waren. Doch wie schrecklich „normal“ körperliche Züchtigung damals generell gewesen ist! Auch ich kann mich noch gut erinnern, dass Eltern gern einen Pakt mit den Lehrern eingingen. Motto: „Wenn er nicht spurt, dann hauen Sie ihm ruhig mal eine runter…“ Rituelle Ergänzung aus dem unguten Zeitgeist: Eine Ohrfeige hat noch keinem geschadet.

In unserer damals noch so genannten Volksschule musste man bei „Verfehlungen“ vor die Klasse hintreten, die Hände mit der Innenseite nach oben drehen, vorstrecken – und bekam es dann nach Kräften mit einem schweren Holzlineal auf die Finger. Wie das brannte! Welch eine Demütigung das war… Und wie man es den Lehrern von damals am liebsten noch nachträglich heimzahlen möchte!

Auch auf dem Gymnasium gab es im Kollegium noch kriegsgewohnte Schlägertypen, die auch schon mal mit der Faust mitten ins Gesicht langten. Schmerzhaft zwirbelndes Ohrenlangziehen war bei diesen asozialen Kerlen das Mindeste.

Zurück zur TV-Doku, die einen folglich ziemlich mitnahm, weil sie auch eigene Erfahrungen aufrief: Bei kleinen Exkursen zeigte sich, dass die Wurzeln der tagtäglichen Nachkriegs-Gewalt nicht nur in die NS-Zeit zurückreichen, sondern tief in die preußische Geschichte von „Zucht und Ordnung“. Überdies erfuhr man, dass auch in der DDR der Rohrstock noch häufig niedersauste – entgegen allen offiziellen Verlautbarungen über den „neuen Menschen“ im Realsozialismus.

In der Bonner Republik wurde die Prügelstrafe in Schulen erst 1973 bundesweit verboten, ein ausdrückliches Recht auf gewaltfreie Erziehung ist erst seit dem Jahr 2000 gesetzlich verbrieft. Doch auch das entspricht leider nicht der Wirklichkeit. Auch heute noch werde jedes dritte Kind geschlagen, hieß es – ohne weiteren Beleg und Quellenangabe – am Schluss der Dokumentation. Doch wer will da um Prozentanteile streiten? Jeder Schlag, ja schon jedes Ausholen ist zu viel.




Der Lehrerausflug – ein kleines Drama in mehreren Akten

Es gibt Tage im Leben einer Lehrkraft, da wünscht sie (die auch ein Er sein kann) sich nichts sehnlicher, als einmal einer ganz normalen Berufsgruppe anzugehören, findet unsere Gastautorin Matta Schimanski:

Ach, wäre ich doch Bäckerin geworden – oder meinetwegen Vermessungsingenieurin. Nein, es sind nicht die Schüler, sondern die Lehrkräfte selbst, die hie und da diesen Wunsch entstehen lassen. Zur Erhellung dieser Behauptung möchte ich unseren letzten Kollegiumsausflug schildern; ich finde, geneigte Leserschaft, da müssen Sie jetzt einfach mal durch. Ich musste es auch.

Erst mal eine Prügelei schlichten

Es war an einem Donnerstagmorgen. Für einen Lehrerausflug gibt es selbstverständlich nicht frei; erst die Arbeit, dann das Vergnügen, wie schon weiland mein Opa selig gerne verkündete. Also begann der Schultag wie üblich.

Ist die U-Bahn schon weg? Kommt noch eine nach? (Foto: Bernd Berke)

Ist die U-Bahn schon weg? Kommt noch eine nach? (Foto: Bernd Berke)

Nach vier Stunden Unterricht und der Auflösung einer mittleren Schülerprügelei begaben sich alle Kollegen, die sich zu dieser mehrstündigen Veranstaltung in der Lage fühlten, also 30 an der Zahl, zum …er Bahnhof, um dort die Regionalbahn nach Köln zu besteigen. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt traf das Orga-Team (bestehend aus einer weiteren Lehrerin und mir) der eine oder andere vorwurfsvolle Blick: „Es ist kalt!“ Nun ja, ich gebe zu, das war ein Schwachpunkt in der Planung.

„Die sind ja lauter als ihre Schüler“

Im zweistöckigen Zug teilten wir uns auf in Untensitzer und Obensitzer. Ich gehörte zu Letzteren, bereute meine Wahl aber bald, denn auch die Kollegen mit den besonders gut trainierten Stimmorganen saßen da. Als wir endlich in Köln ausstiegen, war die Erleichterung in den Gesichtern der Mitreisenden nicht zu übersehen, und ich hörte noch, wie eine Dame hinter mir zu ihrer Nebensitzerin sagte: „Die sind ja lauter als ihre Schüler!“ Peinlich, peinlich! Aber wenigstens hatte noch keiner eine Flasche Bier geöffnet (was sich ändern sollte).

Zuerst war eine Führung durch Kölns römische Unterwelt angesagt, die auch ganz gut ablief; nur vereinzelt gab einer den Besserwisser, und die meisten hörten auch zu. Aber danach ging ’s dann richtig los.

Wir hatten nicht verraten, wo es hingehen sollte, was schon im Vorfeld zu Irritationen und Gemecker bis hin zu Boykott-Ankündigungen geführt hatte, denn meine Mitstreiterin und ich sind ganz offensichtlich nicht vertrauenswürdig (wobei mir schleierhaft ist, was die anderen sich so vorgestellt haben).

Eine Frage der Pünktlichkeit

Nach einer halben Stunde „Freizeit“ war nun also Treffen auf der Domplatte und Weiterfahrt zur Überraschung verabredet. Nur, dass die Kollegen nicht kamen. Jedenfalls nicht alle. Die letzten drei – sonst Verfechter absoluter Pünktlichkeit – kamen 10 Minuten zu spät: Sie hatten noch im Café gesessen, mit ausgezeichnetem Blick auf den Treffpunkt und die sich dort im Nieselregen versammelnde Gruppe, die inzwischen wieder völlig durchfroren war. Die U-Bahn Nr. 18, die wir hätten nehmen müssen, war weg. Na ja, die nächste folgte bald, und wir hatten mit ein bisschen „Luft“ geplant, kamen also nur 7 Minuten zu spät zum gebuchten „Dinner in the Dark“.

„Im Dunkeln essen – das mach‘ ich nicht!“

Als wir unter großem Hallo (Jahahaa – die Überraschung!) das Restaurant betraten, schnauzte mich ein Kollege an: „Im Dunkeln essen – das mach‘ ich nicht! Dann fahre ich lieber wieder nach Hause!“ Sprach’s und verließ das Etablissement. Ich rannte gleich hinter ihm her und versicherte ihm, man müsse nicht unbedingt ins Dunkle gehen, man könne auch im hellen Gastraum bleiben. Dann schnell wieder rein und den Wirt gefragt, ob ich da nicht zu viel versprochen hatte. Hatte ich glücklicherweise nicht, also wieder raus und den Kollegen beschworen, doch wieder reinzukommen, was er dann auch tat. Und es fanden sich drei Damen, denen das Ganze ebenfalls nicht geheuer war und die mit ihm im Hellen blieben. Puh!

Handys aus – oder doch nicht?

Das Essen war ganz OK, und alles war so zubereitet, dass man es ohne Schwierigkeiten (jedenfalls ohne größere) auch ohne zu sehen zu sich nehmen konnte, also – wir haben nur geringfügig herumgesaut. Glauben wir zumindest. Es war tatsächlich stockdunkel, absolut schwarz. Der Kellner („Arthur“), der wohl blind ist, bediente uns souverän. Wer aufs Klo musste oder zu trinken nachbestellen wollte, musste ihn immer rufen, alleine aufstehen war tabu. Hätte man auch gar nicht gewollt, man wäre ja völlig orientierungslos gewesen.

Handys mussten aus sein, auch wegen der Display-Beleuchtung, wie in der Schule – und wie dort hielten sich nicht alle dran. Es ist erstaunlich, dass vor allem die Kollegen, die bei Schülern vehement auf unbedingte Einhaltung der Regeln pochen, das selbst nicht schaffen. Aber das war nur einmal ganz kurz. Ehrlich!

Die Witze, die der Kellner schon kennt

Jedenfalls war Arthur beinahe freundlich, und das Menü – man hatte die Wahl zwischen Rind, Geflügel, Fisch oder vegan – war beinahe heiß. Und nur eine Kollegin hatte ein Problem damit, sich etwas in den Mund zu stecken, das sie nicht sah. Alle anderen hatten Spaß und machten die üblichen Witze, über die Arthur schon lange nicht mehr lachen kann.

Als wir nach dem Essen auf die Straße kamen, regnete es richtig. Egal – die Bahn war ja nicht weit weg. Nur: Sie kam nicht. Wir standen im Regen, es wehte ein wilder Wind, man fror. Die Bahn kam immer noch nicht. Einer huschte schnell über die Straße zur Bude an der Ecke und holte ein paar Flaschen Bier – Fortsetzung des im Restaurant begonnenen Gelages.

„Wo gehen wir hin?“ – „Weiß nicht“

Auf einer Anzeigentafel erschien die Nachricht, dass die Strecke durch ein Auto auf den Gleisen blockiert sei und man auf Ersatzbahn oder -bus umsteigen solle. Man konnte in der Ferne auch das Blaulicht sehen. Also zogen wir durch den Regen über die große Kreuzung zum Bus, ach nee, lieber zu der anderen Bahn, ach nee – ja, wo sind die denn jetzt? Die einen waren hierhin, die anderen dorthin geeilt. „Wo gehen wir denn hin?“ „Weiß nicht.“ „Wer kennt sich denn aus?“ „Weiß nicht.“ „Wer hat denn gesagt …?“ „Weiß nicht.“ „Schluss – wir steigen jetzt hier in diese Ersatzbahn, hol‘ mal die anderen, die sind da an der Bushaltestelle.“ „OK.“

Schließlich saßen alle in der Ersatzbahn, allein sie fuhr nicht. Nach 10 Minuten hieß es: „Die 18 fährt wieder, steht auf der Tafel.“ Gut, alle wieder raus, rüber zur 18, die tatsächlich fuhr – uns vor der Nase weg! Wir waren nass, wir froren. „Na, dann nehmen wir eben die nächste.“ Aber sie kam nicht. Erneut blinkte in der Ferne ein Blaulicht. Nun wollten sich vier ausklinken, ein Taxi nehmen und auf eigene Faust zurückfahren; der Nicht-im-Dunkeln-essen-Woller war natürlich darunter. Da sie keine fünfte Person für ihr Gruppenticket fanden, blieben sie doch bei uns, mehr als missmutig.

Nur noch hysterisches Gelächter

„So, jetzt gehen wir zum Bus!“ Gesagt, getan, nur dass der Bus gerade abfuhr, als wir über die Kreuzung trabten. „Dann nehmen wir jetzt doch die Ersatzbahn, die steht ja noch da!“ Neues Bier an neuer Bude beschafft, dann zurückgeeilt, Leib und Leben beim Überqueren der belebten Straße riskiert, nur um die Ersatzbahn gerade abfahren zu sehen. Wir waren nass, wir froren, wir wollten ZURÜCK ZUM HAUPTBAHNHOF! Unser einziger Trost war, dass die SchönerTagTickets (!) bis 3 Uhr morgens des Folgetages gelten … Inzwischen hatten wir das Stadium erreicht, in dem man nur noch hysterisch über alles lacht. Wir müssen einen etwas befremdlichen Eindruck gemacht haben.

Irgendwo – irgendwie – irgendwann

Zu guter Letzt sind wir einfach in irgendeine Bahn gestiegen in der Hoffnung, sie werde schon irgendwohin fahren, und irgendwie würden wir irgendwann den Hauptbahnhof erreichen. Und so war es dann auch. Die freundliche Fahrerin erklärte uns, wo wir umsteigen mussten (und neues Bier holen konnten), und kaum waren wir losgefahren, kippte eine der Kolleginnen um. Super! War ja bis dahin ziemlich langweilig gewesen.

P.S.: Natürlich kamen wir am Ende mehr oder weniger wohlbehalten zurück nach …, zwei Stunden später als geplant, aber ohne größere Blessuren, und der wackeligen Kollegin ging ’s auch wieder besser.

Etliche waren ja sehr zufrieden mit der Veranstaltung, aber andere wieder nicht; einige hatten schon vorher an allem rumgemeckert. Wir fahren zu früh, wir fahren zu spät, wir fahren zu lang, wir fahren zu teuer, wir fahren ins Unbekannte (wie bedrohlich!) – ein bunter Strauß an qualifizierten Kritikäußerungen, ein Feuerwerk der guten Laune! Der nächste Lehrerausflug, das schwöre ich, wird von anderen organisiert!




Schuljahre mit Schweinepünktchen

Es ist schon ein paar Tage her, wir müssen etwa elf Jahre alt gewesen sein. Sextaner oder Quintaner, wie das damals hieß. Unser ziemlich langer Schulweg führte am altehrwürdigen Dortmunder Stadion Rote Erde („Kampfbahn“) vorbei – zum Max-Planck-Gymnasium an der Ardeystraße.

Auf den Rückwegen ins Kreuzviertel gab es ein Ritual, das Klaus (mein alter Freund seit Grundschultagen, der Himmel hab’ ihn selig) und ich sehr ernst genommen haben, als wären wir beim Statistischen Bundesamt. Ich rede von dem, was wir liebevoll „Schweinepünktchen“ nannten!

(Foto: Bernd Berke)

(Foto: Bernd Berke)

Ihr fragt, was das denn gewesen sei? Ich will es euch sagen.

Durchaus gewissenhaft

Nicht völlig unparteiisch, jedoch durchaus gewissenhaft führten wir eine Liste der Lehrer, die sich tagsüber bei uns besonders unbeliebt gemacht hatten. Lebhaft debattierten wir über die Punktvergabe und kürten so – bestens begründet, wie wir fanden – das Schwein des Tages, addierten die ermittelten Werte zur Wahl des Schweins der Woche und riefen schließlich feierlich auch ein Schwein des Monats und des Jahres aus. Irgendwie musste man ja den Schulfrust bewältigen.

Ich kann mich natürlich nicht mehr Wort für Wort erinnern. In den besten Momenten müssen es allerdings veritable Rezensionen der aktuellen Lehrerauftritte gewesen sein, Theaterkritiken mithin, insofern auch kleine Vorübungen fürs wahre Leben, vermutlich nachhaltiger als so manche Deutschstunde. Und so mancher Befund hätte vielleicht als Grundlage eines Gutachtens für den Schulrat dienen können. Schon Bert Brecht hat geschrieben, die wahre Aufgabe eines Lehrers sei nicht die Stoffvermittlung, sondern die, sich vor den Schülern auszuleben. Wir haben es erlitten.

Pädagogisches Symposium

Hin und wieder schlossen sich Mitschüler unserer Debatte an, mit denen wir einen Teil des Weges gemeinsam hatten. Dann wurde es geradezu ein Symposium über Aspekte der Pädagogik und Psychologie; unter besonderer Berücksichtigung des Schülerinteresses, versteht sich.

Es war eine Zeit, in der man es noch nicht gewagt hat, einem Lehrer mit offener Kritik entgegenzutreten. Auch standen damals die allermeisten Eltern – ganz anders als heute – im Konfliktfalle prinzipiell auf Seiten der Lehrer. Man musste sich anders behelfen, musste gleichsam sublimieren.

Warum ich mich gerade jetzt daran erinnere? In letzter Zeit habe ich bei diversen Anlässen erwogen, die Schweinepünktchen unverzüglich wieder einzuführen. Derzeit führt unangefochten ein Notar die Liste an, über den ich natürlich keine weiteren Andeutungen machen will. Er möge allerdings schleunigst zur Hölle fahren. Seine vielen Pünktchen darf er mitnehmen.




Rätsel der Pyramide – Umstrittene Abi-Klausur in Mathe wird nicht wiederholt

Soeben kam es über den Ticker. Die umstrittene Klausur für den Grundkurs Mathematik der diesjährigen Abiturientia wird nicht wiederholt.

NRW-Bildungsministerin Löhrmann sieht keinen Grund für eine Wiederholung oder ein Noten-Upgrade. Die Hoffnung stirbt zwar zuletzt, aber wir hatten es nicht anders erwartet. Warum auch? Schon die gestrige Abwesenheit der Ministerin, als wütende Schüler vor ihrem Ministerium demonstrierten und ihre später nachgeschobene schmallippige Erklärung, man werde die Argumente der Schüler prüfen lassen, ließen nichts anderes erahnen. Passt ja. Es ging ja nur um ein paar Chancen für so manchen, einen Numerus Clausus zu schaffen, es ging ja – zugespitzt formuliert – nur um die Zukunft unserer Kinder.

Keine Erleichterung für den Jahrgang 2013 – im Gegenteil

Von vorne. Die schriftlichen Klausuren im Abi Doppeljahrgang 2013 sind absolviert. Ich war ja klammheimlich immer davon ausgegangen, dass der Jahrgang 2013 „geschont“ wird und man es ihnen leichter machen würde als den Jahrgängen davor. Schließlich ist es das erste Jahr, in dem auch Schüler nach nur 8 Jahren Gymnasium (G8) zur Reifeprüfung antreten und die Politik mit einem guten Notendurchschnitt beweisen könnte, dass G8 leichterdings machbar ist. Damit habe ich weit gefehlt. Sehr weit gefehlt. Gut, dass ich diese irrige Annahme vorher schön für mich behalten habe. Denn leichter ist hier gar nichts in diesem Jahr.

Vorherrschender Tenor in der mir bekannten Schülerschaft vom ersten Tag an: Die Klausuren sind schwerer als in den letzten Jahren, schwerer und umfangreicher. Zugegeben, jeder Jahrgang empfindet subjektiv seine Prüfungen als „die schwersten von allen je dagewesenen und allen, die noch kommen werden“. Zur umfangreicheren Aufgabenstellung lässt sich natürlich auch sagen: Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Wenn eine Aufgabenstellung umfangreich und dezidiert ist, läuft man nicht so schnell Gefahr, in eine falsche Richtung abzudriften. Lassen wir dieses allgemeine Gefühl also unkommentiert.

Tangential zur Horizontalen verlaufende Gerade in der Rampe des BMX-Fahrers

Dann gab es ja noch die umstrittene Mathematik-Klausur. Mein Sohn und einige seiner Freunde haben diese auch geschrieben. Ihr Gefühl ist – vorsichtig ausgedrückt – mies. Die Pyramide, die eigentlich ein regelmäßiger Polyeder/Tetraeder ist, gab ihnen etliche Rätsel auf. Vor allem die Ebene mit drei Unbekannten, deren Fläche ausgerechnet werden musste. Keiner aus dem Grundkurs hat das gekonnt. Die Schüler des Leistungskurses allerdings schon. Bei denen kam das aber nicht dran. Noch schlimmer war die tangential zur Horizontalen verlaufende Gerade in der Rampe des BMX-Fahrers. Ausgebaggert werden sollte auch noch was an dieser Rampe. Dumm nur, dass das keiner berechnen konnte, weil die Formel fehlte. Und selbst wenn man vorher diese Formel hätte lernen wollen, im Tafelwerk Mathematik hätte man sie auch nicht gefunden. Die Formel bei dieser Zeitvorgabe selbst zu entwickeln hätte im übrigen auch die Leistungskurs-Schüler überfordert.

Rampe des BMX-FahrersPyramide des Grauens

 
Die Mathe-Klausur strotzte nur so von Spezialfällen, so hatte es das in den vergangenen Jahren in der Tat noch nie gegeben. Vom Oktaeder des Grauens 2008 mal abgesehen. Zudem war die Klausur in der vorgegebenen Zeit nicht zu schaffen. Mein Sohn hat eine Aufgabe, für die es 18 von 100 Punkte gab, für sich selbst zurückgestellt und hatte am Schluß noch max. 5 Minuten Zeit, diese in Angriff zu nehmen. Viele andere Schüler haben eine Aufgabe, für die es 50 von 100 Punkten gab, nicht. Und soweit reicht das Rechenvermögen auf jeden Fall, um zu wissen, bei welcher Note man damit gelandet ist. Mein Sohn hat mir erklärt: Für jede Klausur gibt es drei Gebiete, die egal in welchem Fach, berücksichtigt werden müssen. 1. Re-Organsisation: die Wiedergabe des Gelernten. 2. Transfer: Übertragung des Gelernten auf gestellte Aufgaben. 3. Eigenständiges Denken: in Mathe z.B. die Entwicklung von Formeln, die nicht gegeben sind. Für Punkt 3 hat die Zeit einfach nicht gereicht.

Die Wut richtet sich nicht gegen die Lehrer

Mich macht das Ganze auf der einen Seite traurig, aber auch noch wütender als ich vorher schon war. Ich kann auch rechnen und ich weiß, wenn nicht wenigstens eine 1 vor dem Komma steht, dann war es das mit dem Studienplatz. Ich erinnere an die Benchmark: 1,2 für Germanistik in Bochum in diesem Jahr. Die Wut der Schüler. die sich in sozialen Netzwerken und bei der gestrigen Demonstration entlud, ist berechtigt und verständlich. Die Wut richtet sich übrigens in keiner Weise gegen die Lehrer. Dort ist die Meinung einhellig: Die Lehrer haben in den vergangenen Jahren viel Einsatz gezeigt und getan, was sie konnten, um das eigentlich Unmögliche zu ermöglichen. Wir haben nachgezählt: Wenn man für alle Spezialfälle, die der Lehrplan vorsieht, auch nur eine einzige Stunde veranschlagen würde, wäre man gerade so damit durchgekommen. In G9 wohlgemerkt. Moderne pädagogische Gesichtspunkte wie „Inhalte selbst erarbeiten“ hätte man da allerdings nicht berücksichtigen können, mit der Brachialmethode „Nicht verstehen, einfach lernen“ wäre es vielleicht gegangen.

Von der Bildungspolitik im Stich gelassen

Mittlerweile dürfte auch dem letzten der diesjährigen Abiturienten klargeworden sein, dass sie der im Stich gelassene Jahrgang sind. Jahrelang hat man hier fahrlässig zusammengezimmerte Experimente auf dem Rücken unserer Kinder gefahren, nun sieht man das dicke Ende in Form von überfüllten Unis nahen. Und als Konsequenz stellt man Aufgaben, die kaum lösbar sind, um damit zu „sieben“ und den Notenschnitt möglichst zu drücken? Echt gute Idee. Unglaublich motivierend. So löst man das Bildungsproblem. Bundesländer dieser Nation, schaut auf NRW. Das Bundesland der einfachen Lösungen. Wenn auch nicht in Mathe.

Wir schauen jetzt nach vorne, hoffen das Beste und wünschen dem BVB heute abend mehr Glück, als es unsere Abiturienten mit der Mathe-Klausur hatten…

(Die von mir abfotografierten Skizzen zu den Aufgaben hat mein Sohn nach der Klausur aus dem Gedächtnis gezeichnet, um mir zu erklären, was so schwierig war. Ich habe überhaupt nichts verstanden, das gebe ich ehrlich zu. Fragen dazu kann ich nicht beantworten, aber gerne an den Schöpfer der Skizze weiterleiten.)




Nach der Mottowoche ist vor dem „Konklave“: Abi 2013 auf der Zielgeraden

SherlockHolmesundArielleWenn einem am frühen Morgen in der Küche Bonnie und Clyde begegnen und Sherlock Holmes seine Liebe zu Meerjungfrauen entdeckt, dann ist Mottowoche der Abiturientia.

Die Woche vor den Osterferien ist für die Abiturienten die letzte reguläre Schulwoche vor den Prüfungen. Grund genug zum Feiern. Das Ende der „richtigen“ Schulzeit, das Zulassungszeugnis und überhaupt – man hat es überlebt. Das Gemurkse und Gemauschel rund um G8 und G9. Jeder Tag steht unter einem anderen Motto, allseits beliebt sind die Helden der Kindheit und die Zeitreise. Durch die Stadt flattern Elfen, latschen Cowboys, dazu Micky Mäuse, Ernies und Berts, dazu erstaunlich viele Heidis.

In manchen Städten, so war zu lesen und hören, ist die Sache aus dem Ruder gelaufen. Von Bengalos war die Rede, von Verletzten und erheblichen Sachschäden an den Schulen. In Recklinghausen blieb es im Großen und Ganzen im Rahmen des Vorgegebenen. Der Schulhof des Petrinums Recklinghausen konkurriert mit der Palmkirmes, vor dem Marie-Curie-Gymnasium ruhen ermattete Pyjamaträger auf einem Matratzenlager.

Man kann die Jugendlichen auch ein bißchen verstehen. Die Erleichterung, es bis hierhin geschafft zu haben, ist deutlich spürbar. Die Verunsicherung und die Angst vor dem, was kommen wird, aber auch. Ein bißchen ist es wie ein verfrühter Tanz auf dem Vulkan. Nichts ist geregelt für den zu erwartenden Ansturm des Doppeljahrgangs, im Landtag greift die Opposition (formerly known as mit heißer Nadel schnellstrickende G8-Erfinder) die Landesregierung an, die Unis wären überlaufen, die Messlatte für die Zulassungsbeschränkung müsse noch einmal höher gelegt werden.Joker Für so manchen unter den Schülern der blanke Horror. Die Frage, wo man einen Joker herbekommt, ist nicht unberechtigt.

Statt Osterferien ist jetzt Pauken angesagt. Die Klausurtage haben begonnen – oder wie man derzeit (von römischen Wahlgängen inspiriert) gerne sagt: Man begibt sich ins Konklave. Mit der Außenwelt wolle man nur noch durch Rauchzeichen kommunizieren. Schwarzer Rauch bedeutet: Koffein-Nachschub erwünscht, weißer symbolisiert das Verlangen nach zuckriger Nervennahrung. Na denn, Glückauf den Abiturienten, gute Nerven den Müttern und Vätern.




Verschärfte Startbedingungen – für den Abitur-Jahrgang 2013 wird es eng

Ich wusste es. Ich wusste es. Ich wusste es. Hab ich es nicht immer gesagt? Hab ich. 2013 wird der Numerus clausus verschärft. Der doppelte Abitur-Jahrgang lässt grüßen. 1,2 für Germanistik in Bochum. Das ist der Richtwert, Stand der Gerüchte, die durch ruhrische Schulen wabern. Da schon von einigen Medien offiziell aufgegriffen, darf ich mich wohl auch offiziell empören. Ich wiederhole: 1,2 für Germanistik in Bochum. Ja, nee iss klar.

Man hat es ja auch nicht kommen sehen. Ist so wie mit Weihnachten. Kommt immer völlig überraschend. Haben etwa Schulen rechtzeitig informiert und ihre Bedenken im Ministerium angemeldet? Haben Eltern schon frühzeitig gewarnt, Initiativen gegründet, Unterschriften gesammelt? Haben sie? Ja, verdammt. Das haben sie. War da was?

Es wird eine Lösung gefunden werden. Ich seh und hör sie noch alle vor mir. Die gesammelten Schulminister(innen) der letzten 13 Jahre. Wie sie geschwurbelt versichern, dass man das Problem des doppelten Abi-Jahrgangs 2013 nicht unterschätzen werde, für Lösungen werde gesorgt. Am Allerwertesten wurde gesorgt. Nix iss. Numerus clausus wird hochgesetzt. That’s it. Fertig. Lehrstellen sind übrigens so früh wie selten alle vergeben. Dies als kleine Info am Rande für die, die eine Umorientierung in Erwägung ziehen sollten. Braucht Ihr nicht.

Unser Ältester begann im Jahr 2000 seine Schulkarriere, gehört also zu den Letzten, die noch nach 9 Jahren Gymnasium (kurz G9) zur Reifeprüfung antreten. Gemeinsam mit der Stufe, die erstmals nach 8 Jahren Gymnasium (kurz G8) ihr Abitur macht. So alles gut geht, werden wir im nächsten Jahr eine Abi-Feier haben, bei der noch nicht mal alle Eltern in die Aula passen. Patchwork-Familienstiefväter und Mütter müssen draussen bleiben. Omas und Opas sowieso. Von Geschwistern gar nicht zu reden. Das ist in dem Fall aber auch nicht so schlimm. Die haben sowieso keine Zeit, die hängen nämlich im G8-System und haben bestimmt noch Unterricht. Wie unser Jüngster. Dieser orientiert sich derzeit in der Orientierungsstufe. In erster Linie an wahnwitzigen Stundenplänen. Täglich bis mindestens 16:00 Uhr, Dienstag sogar bis 18:30 Uhr. Aber er hat noch Glück. Seit diesem Jahr gibt es endlich eine Mensa. Wird aber nicht genutzt. Weil ziemlich teuer. Und die meisten Eltern müssen ja sparen. Es warten Studiengebühren. Wenn das so weiter geht, wahrscheinlich sogar im Ausland. Gut, dass wenigstens der Jüngste einen Platz im stark nachgefragten Niederländisch-Kurs bekommen hat. Ich fand Maastricht ja immer schon schön.

Seit der Älteste im Jahr der Jahrhundertwende seine Schulkarriere begann, haben wir unzählige Reformen und Reförmchen mitgemacht. Alle mit der heißen Nadel gestrickt, alle unausgegoren, angefangen mit der gleitenden Grundschuleinführung, weiter über Grundschule ohne Noten bis nun zum Gedöns um G8/G9.

Ich betone übrigens ausdrücklich, ich klage in diesem Punkt nicht über die Schulen. Die haben getan, was sie konnten und stimmen in mein Klagelied mit ein. Ich erinnere mich an Schuljahre ohne Bücher, weil diese noch nicht an G8 angepasst waren, an Lehrer, die Stunden um Stunden am Kopierer verbrachten, um Unterrichtsmaterial zu haben. Ich freue mich, dass mir die diversen Lücken im Unterrichtsplan Raum lassen, um meinen Kindern Brecht und Böll nahezubringen. Und fein, dass ich Zeitzeugin bin, dann kann ich glatt noch was zur Wiedervereinigung vermitteln, bis dahin werden wir es im Umterricht wohl nämlich nicht mehr schaffen. Ich erinnere mich genau an Elternabende, in denen das Ministerium ausrichten ließ, für den Abi-Jahrgang 2013 würden die Stufen getrennt bleiben und entsprechend des Wissensstandes unterrichtet werden. War da nicht mal was? Ging nicht. Ach so. Ja dann. Gut, dass die Schule reagiert und für die G8er, die nächstes Jahr ran müssen, Förderunterricht einplant. Das können die Eltern nämlich nicht auch noch leisten. Die gehen schließlich arbeiten. Es warten Studiengebühren. Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber so ist das. Endlos könnte ich mich aufregen, endlos.

(Die Autorin beherbergt und kümmert sich um einen, der 2013 nach 13 Jahren Schule Abi macht; um eine, die 2013 nach 12 Jahren Schule Abi macht und einen, der 2015 nach 12 Jahren Schule macht. Zufrieden ist keiner der drei. Ich darf mich also aufregen.)




Soziale Miniaturen (14): Klassentreffen

Vergangene Zeit... (Foto: Bernd Berke)

Vergangene Zeit… (Foto: Bernd Berke)

Kürzlich nach Jahrzehnten ein Klassentreffen gehabt. Vorher ein etwas mulmiges Gefühl: Wie würde das werden? Allgemeines Protzen mit Erfolgen, Titeln, Besitztümern? Herumreichen diverser Segelyacht-Fotos (selbstredend via iPhone) oder anderer Trophäen? Das angeblich übliche „Mein Haus, meine Frau, mein Sonstwas“…

Doch nein! Praktisch nichts von alledem. Fast möchte man von Milde und Weisheit reden, hie und da vermischt mit ein wenig Übermut der Sorte, die Demut keineswegs ausschließt. Es scheint, als wären wir in einem Alter angelangt, wo (wieder) andere Werte in den Vordergrund rücken. Wo sich etwaige Anmaßungen abgeschliffen haben. Wo sich das mehr oder weniger verbissene Konkurrieren zum großen Teil erledigt hat. Denn aus allen (jedenfalls aus denen, die zum Treffen erschienen sind) ist ja „etwas geworden“, man hat im Leben das eine oder andere bewirken können, wenn auch wohl nichts Weltbewegendes. Doch nun geht der Blick allmählich in andere Gefilde. Man muss das nicht näher erläutern, es steht ja allen bevor.

Ganz früh hatte man einigermaßen vergleichbare Sorgen, dann driftete es auseinander. Jeder suchte seinen Platz in der Welt einzunehmen und zu festigen. Jeder auf seine Weise, auf seinem Gebiet. Jeder, so gut er eben konnte. Manche auf verschlungenen Wegen, andere geradeaus draufzu. Und man weiß nicht, was besser ist. Im Bestreben war man einander wohl doch wieder ähnlich. Was ehedem nicht so zu ahnen war: Diese Jahrgänge haben wahre Arbeitstiere hervorgebracht, die sich für eine Aufgabe geradezu aufopfern können. Zwischen Selbstverwirklichung und Selbstbetäubung ist der Grat oft schmal.

Nun herrscht auch wieder das Gefühl vor, ein und derselben Generation anzugehören. Noch dazu sind wir bis heute geprägt durch eben jenes Gymnasium, durch ganz bestimmte Lehrer(innen) und Mitschüler. So wird jetzt gleich wieder ein gemeinsamer Generalbass hörbar. Das war ja – neben dem und jenem Stoff – überhaupt ein Hauptzweck schulischer Bemühungen; dass man einige Grundtypen des Menschlichen in Nahsicht erleben konnte. Seinerzeit lebten sich Lehrer, sofern nicht angreifbar schwach, noch ziemlich schrankenlos vor den Klassen aus. Allen weiteren Erfahrungen zum Trotz: Im Hintergrund hat es – über alle Jahre hinweg – noch ein paar innere Instanzen und Haltungen gegeben, die sich aus jener Zeit herleiten.

Die anderen hatten sich vor zehn, fünfzehn Jahren zum letzten Mal gesehen. Bei mir war’s wegen eines damaligen Schulwechsels erheblich länger her. Eine weite Zeitreise also. Im Grunde schockierend, wenigstens frappierend. Gesichter von damals, verwandelt von all der Zwischenzeit und rauhen Wirklichkeit. Das Klassenfoto aus alten Tagen durfte man nicht zu eingehend betrachten, sonst hätte einen Zeitweh erfasst.




Soziale Miniaturen (4): Sandburg

Ein zweijähriges Mädchen am Inselstrand. Selbstvergessenes Spiel. Die Eltern müssen nur zuschauen.

Da erscheinen zwei Gymnasialklassen (man bemerkt sofort den Mittelschichts-Habitus), sechstes und siebtes Schuljahr. Die Phase, in der es zu „knistern“ beginnt. Mindestens.

Zunächst die Mädchen. Eine von ihnen kümmert sich sogleich rührend um das Kleinkind, baut eine Sandburg mit ihm. Ganz aus freien Stücken. Ganz geduldig. Die anderen schauen interessiert hin, freilich mehr oder weniger verstohlen; manche vielleicht auch mit dem Vorbehalt, ob das denn „cool genug“ sei. Die eine, sozusagen Pionierin, macht unverdrossen weiter – und bricht alsbald den Bann. Ein ums andere Mädchen schließt sich dem Spiel an, bis schließlich ein ganzer Kreis beisammen ist, alle um das Kleinkind geschart, das beglückt lacht.

Von der so vereinten Mädchengruppe werden nun auch die Jungen angelockt, die mit lässigen Gebärden herbeischlendern, einige großspurige Gesten des Burgenbaus vollführen, ein paar Sprüche klopfen und sich dann rasch wieder zurückziehen. Bis auf weiteres.

Sieht aus, als würde vieles so bleiben.




Keine Angst vorm Sagen! Synonymitis bei Pixi

Da wird gezwitschert, geklappert und gelacht.

Pixi und seine Freunde wollen ein Frühlingsfest feiern und müssen dazu nur noch den winterschlafenden Bären wecken, was mit Hilfe eines duftenden Blumenstraußes auch gelingt. Soweit der Plot von „Pixi und der Frühling“, erschienen im Carlsen-Verlag. Auf dem Umschlag des kleinen quadratischen Büchleins aus der Pixi-Serie glitzert der Frühlingshimmel glitzerfolienblau, so wie es Kleinkinder lieben. Und innen glitzern die Verben, so wie es Grundschul- und Deutschlehrerinnen lieben. Bloß nicht zu häufig „sagen“ schreiben! Am besten ganz vermeiden! Auf den 23 Seiten ist die Sagen-Synonymitis ausgebrochen: Es wird nicht gesprochen und nichts gesagt, sondern gerufen, gelacht, gekichert, gestaunt und gestrahlt. Mitunter auch gemurmelt, gezwitschert und geniest.

Hier die komplette Aufstellung:

… rief Hase Langbein
… nickte Pixi
… fragte Langbein
… lachte die alte Eule
… lachte Pixi
… gähnte der Igel
… rief Pixi
… jubelten sie
… klapperte der Storch
… lachte Pixi
… wollte Pixi wissen
… zwitscherte eine Schwalbe
… kicherte Hase Langbein
… schlug Pixi vor
… kicherte Pixi
… riefen die Freunde
… strahlte Pixi
… murmelte Umbärto
… lachte Pixi
… fragte Umbärto
… nieste er
… staunte Umbärto
… rief Pixie

Und jetzt kommt die gute Frage: Was ist so schlimm daran? Dafür muss ich ein wenig ausholen.

Es war irgendwann in der Sekundarstufe 1, vielleicht aber auch schon in der Grundschule. Wir sollten einen Aufsatz schreiben. (Obwohl ich immer gern geschrieben habe – bei dem Wort „Aufsatz“ gruselt es mich noch heute.) Passenderweise lautete das Thema „Gruselgeschichte“. Damit die Phantasie bloß nicht mit uns durchging, waren im Schulbuch Wörter und Wendungen vorgegeben, die man zur Herstellung eines ordentlich gruseligen Schulaufsatzes verwenden konnte und auch sollte: Signalwörter wie „plötzlich“ gehörten dazu, aber auch so originelle Vergleiche, Beschreibungen und Metaphern wie „die Haare stehen zu Berge“, „eine Gänsehaut bekommen“ oder „das Blut gefriert in den Adern“. Die Leistung bestand nun nur noch darin, eine halbwegs sinnvolle Reihenfolge für die Textbausteine zu finden. Und so durften die Lehrer 20 gleich lautende Texte lesen, in denen fortwährend der Atem stockte und die Protagonisten stocksteif und bleich wurden.

Sprachliche Originalität wird Schülern mit solchen Übungen systematisch ausgetrieben, die Entwicklung eines eigenen Stils unterdrückt. Stattdessen lernen sie, nach Schema F zu texten, und genau das tun sie auch weiterhin in der schriftlichen Kommunikation. Ihr Leben lang werden diese Schüler glauben, beim Schreiben einen Stil zu imitieren, eine Norm erfüllen zu müssen, was dann zu den bekannten Stilblüten und grauenvollen Satzkonstruktionen führt, die stets entstehen, wenn jemand eben nicht in seiner Sprache schreibt.

Hier glitzert es nicht nur außen: Gute-Laune-Buch aus der Pixi-Reihe.

Hier glitzert es nicht nur außen: Gute-Laune-Buch aus der Pixi-Reihe.

Und was hat das nun mit dem kichernd-nickend-lachend-sprechenden Pixi zu tun? Mit solchen Verben, auch das lernt man in der Schule, gewinnen Geschichten an Lebendigkeit und Farbe. Ein „A“ für „Ausdruck“ malen Lehrer an den Rand, wenn zwei Mal hintereinander etwas einfach nur gesagt wird. „Sagen“ ist nichtssagend, „rufen“ schon besser, „kichern“ grenzgenial. Die Wahrheit aber ist: Texte, in denen großzügig Sagen-Vermeidungsverben eingestreut wurden, wirken lächerlich. Die Absicht, den Text auf diese aufgesetzte Art lebendig zu machen, wird so überdeutlich, dass man sich für den Autor – in diesem Fall eine Autorin – beinah fremdschämen will.

Und ja: Das gilt auch für Kinderbücher. Wieso muss man Kinder mit ausgelutschten Formulierungen behelligen, wieso greift man bei ihnen zur billigsten Methode, Texte aufzupeppen? Wieso kann Pixi nicht erst etwas sagen und anschließend lachen, wenn er schon 23 Seiten lang lachen muss? Kichern und sprechen, das geht sowieso nicht gleichzeitig.

Kinder, die viele Sprachbilder und Wendungen der Erwachsenen übernehmen, nennt man oft „altklug“. Und bei altklugen Kindern, mal ehrlich, da läuft es mir eiskalt den Rücken herunter.