Die wackligen Bilder der Wirklichkeit – Rubenspreisträger Sigmar Polke stellt in Siegen aus

Von Bernd Berke

Siegen. Sigmar Polke, seit vielen Jahren auf den Kunstranglisten der Welt stets mit an der Spitze, stellt in Siegen aus – und hat eigens für diese Schau rund 30 neue Bilder geschaffen. Na, wenn das nichts ist!

Der 66-Jährige erhält an diesem Sonntag den 11. Rubenspreis der Stadt Siegen und fühlt sich offenbar zu tätigem Dank verpflichtet. Sonst hätte er wohl nicht in den letzten Wochen wie ein Berserker an den neuen Werken gearbeitet. Aber er ist wahrscheinlich ohnehin ein Workaholic.

Was man im Siegener Museum für Gegenwartskunst zu sehen bekommt, ist nicht leicht zu sagen. Denn just darum geht es ja bei Polke meist: um Irritationen der gewohnten Wahrnehmung, um vielfaltig überlagerte Sichtweisen. Nichts ist, wie es scheint – und nicht einmal das ist gewiss. Beispiel: Neckische Szenen mit dänischen FKK-Anhängern wirken, von Polke optisch aufbereitet, noch um einige Grade abstruser.

Mal aufgerastert, mal durchsichtig

Der Rundgang führt an etwa 80 Arbeiten (entstanden seit 1982) vorüber, die aktuellen Bilder für Siegen erhalten somit einen werkhistorischen Hintergrund. Man sieht dabei keine barschen Bruchlinien, sondern konsequente Fortführung im gleichen regen Geiste. Schicht um Schicht, prinzipiell endlos in alle Richtungen verlängerbar.

Ein Verfahren, das sich durch die gesamte Ausstellung zieht, beruht auf grobkörnigen Rasterpunkten, mit denen Polke mancherlei Motive aus der herrschenden Bilderflut gegriffen und verfremdet hat. Wer nah davor steht, sieht fast alles verschwimmen. Erst aus der Distanz schälen sich schemenhaft Figuren heraus – nie greifbar, immer flüchtig wie das Leben und Sehen selbst.

Scherz und Ironie können an jeder Ecke lauern. Vorschnelles Wissen nützt nichts. Wer Polkes Bilder deuten will, bleibt gehetzter Hase. Der Künstler wartet schon am Ende des Ackers – gleichsam als Igel, der immerzu schon eine Furche weiter ist.

Eine zweite Hauptlinie durchs Museum ergibt sich aus den transparenten Bildern. Polke hat hierzu etliche Techniken ersonnen, wie er denn überhaupt ein Tüftler vor dem Herrn ist. So zeigt er Serien, die vollends durchsichtig sind und von beiden Seiten her betrachtet werden können. Selbst größere Formate wirken da luftig. Wenn man schon einen biographischen Hinweis sucht: Sigmar Polke als junger Mann (ab 1959) in Düsseldorf eine Glasmaler-Lehre absolviert.

Neuerdings experimentiert Polke mit einer Sorte von Vexierspielen, die vage an die„Wackelbilder“ aus Kindertagen erinnern. Vor den Malgrund setzt er transparente, ganz leicht gewellte Flächen aus einer harzigen Substanz. Geht man vor den Bildern hin und her, wandeln sie sich unaufhörlich. Es sind flackernde Phantome.

Hintersinnige Tapetenmuster

Ein Mann wie Polke kann schier alles machen. Selbst wenn er Gardinen- oder Tapetenmuster aneinanderfügt, fließt kunstgeschichtlicher Hintersinn mit in die Ornamente hinein. In derlei Fällen geht es rasch um das Bild „an und für sich“; keineswegs vertrackt und verkopft, sondern sinnlich. Man darf in erlesenen Farben schwelgen.

Apropos Tradition: Seine Motive schöpft Polke oft aus dem „Pop“ verflossener Zeiten, etwa aus volkstümlichen Darstellungen des 19. Jahrhunderts. Häufig nimmt er Figuren aus Märchen oder Comics auf – oder er lässt gleich eine ganze magische Szenerie mit Zauberer und Fledermäusen irrlichtern.

Manche der brandneuen Bilder trugen bis gestern noch gar keine Titel. Der Meister denkt noch darüber nach, heißt es. Dabei wollen wir ihn bis Sonntag nicht stören.

Sigmar Polke – Ausstellung zum Rubenspreis. Museum für Gegenwartskunst. Siegen. Unteres Schloss 1. Ab Sonntag, 24. Juni (an diesem Tag Eröffnung 14 Uhr, geöffnet bis 20 Uhr), bis 16. September. Di bis So 11-18 Uhr, Do 11-20 Uhr. Eintritt 3,90 Euro. Katalog erst im August.

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ZUR PERSON

Auf der Szene seit den frühen 60er Jahren

  • Sigmar Polke wurde am 13. Februar 1941 in Oels (Schlesien) geboren. 1945 flüchtete die Familie nach Thüringen, 1953 siedelte sie aus der DDR nach West-BerIin über.
  • 1961 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf.
  • 1963 Erste Galerie-Ausstellung in Düsseldorf, unter anderem mit Gerhard Richter. Proklamation des so genannten „Kapitalistischen Realismus“.
  • 1972 erstmals Teilnahme an der documenta.
  • Ab 1977 bis 1991 Kunstprofessor in Hamburg.
  • 1978 Umzug nach Köln, wo Polke seither lebt und arbeitet.
  • 1997 Große Retrospektive in Bonn und Berlin.



Den Fallensteller kann man niemals fangen – Das irrlichternde Werk von Sigmar Polke in der Bonner Bundeskunsthalle

Von Bernd Berke

Bonn. Der Mann ist verknallt in Bilder mit Raster-Pünktchen: „Ich liebe alle Punkte, mit vielen Punkten bin ich verheiratet. Ich möchte, daß alle Punkte glücklich sind. Ich bin auch ein Punkt.“ Hier setzen wir wirklich mal einen Punkt und fragen: Redet da einer, der nicht ganz bei Verstand ist? Oh, nein. Da spricht ein irrlichternder Ironiker. Und einer der wichtigsten deutschen Gegenwartskünstler. Name: Sigmar Polke. Geboren 1941.

Bonns Bundeskunsthalle richtet ihm die bisher größte Retrospektive aus – mit rund 220 Arbeiten aus allen Schaffensphasen seit 1962, noch dazu fast lauter Großformate. Da darf man seine Augen schätzungsweise über etliche tausend Quadratmeter Kunst schweifen lassen.

Auf Polke, der sein Faible für flimmernde Raster listig mit Kurzsichtigkeit „erklärt“, könnte Bert Brechts berühmter Satz zutreffen: „In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen.“ Polke selbst hat der Schau den Titel gegeben: „Die drei Lügen der Malerei“. Bereits das dürfte eine Falle sein. Es gibt ja viel mehr Lügen – und Wahrheiten.

Schon als Gerhard Richters Mitstreiter in der losen Gruppierung „Kapitalistischer Realismus“ machte sich Polke in den 60er Jahren sowohl über die Pop-Art als auch über den Sozialistischen Realismus lustig. So ist es bis heute: Geistig rastlos, schlägt er ständig neue Haken, entwischt stets, ist schon wieder ganz woanders.

Wenn nicht einmal die Farben Bestand haben

Manchmal freut sich Polke, wenn seine Bilder allmählich schwinden. Er benutzt Materialien wie Silberjodid oder Ruß auf Glas, deren Spuren sich verwischen. Er verwendet Pigmente, die sich bei wechselnder Temperatur wie das sprichwörtliche Chamäleon verhalten. Nicht einmal der Farbwert hat also Bestand.

Festlegung auf einen Stil ist Polke sowieso ein Greuel. Und er macht keinen Unterschied zwischen erhaben und trivial. Daher kann auch alles der Inspiration dienen. Polke verbindet in ein und demselben Bild naturgetreuen Realismus und Karikatur. Er verknüpft afrikanische Plastik mit niedlichen Bambi-Figuren, er umgibt den Umriß des berühmten Dürer’schen Hasen – als sei s ein einziger Abwasch – mit den Karo-Mustern von Trockentüchern. Wie er denn überhaupt seine Bilder oft mit endlos reproduzierbaren Mustern unterlegt oder überblendet: Tapeten, Kacheln, Stoffbahnen. Und seltsam: Was auch immer er sich anverwandelt, es gerät unter seinen Händen wahrhaftig zur Kunst. Wie bei jenem Midas, dem alles zu Gold wurde, was er berührte.

Der Schamane hat s auch mit der Politik

Zuweilen gebärdet sich Polke, der in den 1970ern gelegentlich rauschhafte Farbschlieren-Bilder unter Drogeneinfluß erzeugt hat, auch schon mal als Schamane. Höhere Wesen hätten ihm befohlen, keine Blumen, sondern Flamingos zu malen, heißt es neben einem Bild, das – Flamingos zeigt. Auf Schautafeln dokumentiert Polke die Resultate „telepathischer Sitzungen“ mit Künstlern früherer Zeiten: „Absender Max Klinger – Empfänger Sigmar Polke“.

Freilich: Auch über solche Anwandlungen mokiert er sich wieder – und malt auf einmal „politische“ Bilder über Flüchtlingslager und Tropenwälder. Doch der hintersinnige Fallensteller ist erneut zugange: Während die Mysterien unterschwellige Ironie enthalten, ist in den Polit-Schinken unversehens Magie am Werk, so etwa, wenn das Raster-Bildnis des früheren US-Präsidenten Reagan dank mehrerer Kopien langsam vergeht, als sei der Mann ein Opfer des nuklearen Schreckens geworden.

Sigmar Polke. Die drei Lügen der Malerei. Bundeskunsthalle Bonn (Museumsmeile). 7. Juni bis 12. Oktober. Di und Mi 10 bis 21 Uhr, Do bis So 10-19 Uhr. Eintritt 8 DM. Katalog 78 DM.