Sonne, Café au lait…

Die Sonne scheint. Man redet über die Schwizz, den See

und Entscheidungen.

Die Menschen scheinen angesichts der Fülle von

Sonnenschein überrascht. Einige schauen noch immer mies gelaunt.

Andere vergnügen sich im Eiscafé.

Oh bella Italia,und das in Siegen.

Ein Disput mit “Maaaama!”

Die Dame keift in ihr Handy, als ob sie bis Rom rufen müsste.

Die ganze Straße darf zuhören.

“Wann machst du mir endlich meine Nägel?”

Das Krakeelen dieser italienischen Prinzessin ersetzt fast eine Kreuzigung.

“Und du muss mir die Spitzen noch schneiden!”

Es ist noch früh am Tag, zu früh für solche Auftritte.

Also wechselt man das Café, denn es war angedacht zu lesen.

Aber ein Zitat blieb doch hängen:

“Ihre Welt ist faszinierend und berauscht sie,

und durch ihre despotische Reduzierung funktioniert sie auch…”

(Viviane Forrester in “Terror der Ökonomie”)

Die kleinen und die großen Despoten.

Beide produzieren Trümmerlandschaften, hinterlassen Verunsicherung und Leere.

Von der Ruhestörung bis hin zum Desaster…

© 2012 Text / Foto: Stefan Dernbach

Weitere Texte auch unter: http://cafegaenger.wordpress.com/




Georg Stefan Troller: „Tagebuch mit Menschen“

„Tagebuch mit Menschen“ –

unvergessen ein Artikel in einem der deutschen Eliteblätter – sei es nun
FAZ oder SZ oder, oder … zum „Buch der Tagebücher“,
also zum Tagebuch überhaupt.

Wofür braucht der Leser ein Tagebuch,
wofür möchte er darin lesen?

Private Schnulzenschau, oder darf es doch etwas mehr sein?

Dann irgendwie glitt der Autor ab in einen Rundumschlag,
warum auch immer.
Ach, diese Tagebücher, diese Rotzerei, dieses ewige Zurschaustellen.

An der Stelle mochte ich dem Journalisten nicht mehr folgen,
war er wohl Opfer seiner angedachten, phantasierten,
verinnerlichten Vorstellung von Objektivität geworden.

Vielleicht hatte er auch für jenen Artikel, dem das „Buch der Tagebücher“
zugrunde lag, sich mit einer Auswahl beschäftigen müssen,
die ihn einfach nicht begeisterte.

Vielleicht war er aber auch ein nicht begeisterungsfähiger Mensch?

Diesen Eindruck kann man häufig bei Journalisten antreffen.
Warum das so ist, bleibt zunächst dahin gestellt.

Ich erinnerte mich an das „Tagebuch mit Menschen“ – also
Georg Stefan Trollers Buch „Personenbeschreibung“ –
welches man durchaus als Sternstunde des deutschsprachigen
Journalismus bezeichnen kann und es auch tun sollte.

So wohltuend sich abhebend von journalistischer Überheblichkeit,
von den alltäglich niedergeschriebenen Gedankenfürzen
bis hin zu intellektuellen Akrobatiken,
denen kaum ein Mensch noch folgen kann, noch will,
außer der Journalist selbst,
der einen hohen Wert auf Selbstbefriedigung legt.

Bei Troller ticken die Uhren anders, weil sie in seinem Leben
schon immer anders getickt haben,
als es der Mainstream hergibt, verlangt, predigt und feiert.

Aufgrund biografischer Erfahrungen mit deutscher Überheblichkeit
und Arroganz, ihnen gegenüber kritisch eingestellt und sich dennoch dem
deutschsprachigem Raum heimatlich verbunden gefühlt,
hatte er, hat er Vergleichswerte, die der gemeine Journalist
so in der Regel nicht hat.
Und das merkt man beim Lesen…

Hier also – in seinen Personenbeschreibungen zu finden –
eine Art Zusammenfließen von subjektiven und objektiven
Wahrnehmungen, die miteinander auf vielfältige Art und Weise
verbunden werden,
also eben nicht jene gern praktizierte Aufspaltung
zwischen Individualität und scheinbar objektivierbaren Fakten,
die der Darstellung komplizierter, komplexer Vorgänge nicht würdig ist.

Da der Durchschnittsjournalismus,​ der bis in höchsten Etagen reicht,
mit einer zweifelhaften Geistes- und Fingerfertigkeit solche Probleme
im Handumdrehen erledigt, ist die Lektüre von Georg Stefan Troller
eine wohltuende Abwechslung, kurativ, aber eben keine leichte Kost.
Dennoch nie unterschlagend, mit einer guten Prise Humor versehen,
inklusive Selbstironie, eine erhellende wie erheiternde Reise
durch ein reichhaltiges Leben.

So musste man eben entdecken wollen,
dann würde man auch entdecken…

Und an manchen Stellen dieser Reise würde man einfach
nur schweigen, weil das Dargestellte es so verlangt.

Aber dieser Forderung nachzukommen, erscheint in heutigen Zeiten
ungefähr so unmöglich, wie die Abschaffung des Privatfernsehens,
sofern es sich nicht selbst abschafft,
indem es immer mehr Verrückte produziert,
die eben nicht ihre Klappe halten können,
sondern sich berufen fühlen und vor allem berufen werden,
sich öffentlich – und das alltäglich – auszukotzen,
ohne kurativen Wert.

So dann auch die Frage an die vermeintlich Intellektuellen gestellt,
was sie gedenken zu tun,
angesichts dieser Lage, die man ohne zu übertreiben als
dramatisch bezeichnen darf, aber eben auf eine andere Art als
schon bekannt.

Man müsste also hineingehen ins Desaster, was nie schön ist.
Aber genau da gehört der Journalist hin,
wenn er oder sie – Aussagekraft entwickeln möchte.
An dieser Wegkreuzung kann sich kein Journalist vorbeimogeln,
ohne Schaden zu nehmen und Schaden zu verursachen.

Foto / Text: Stefan Dernbach ( LiteraTour )

http://www.stefandernbach.​kulturserver-nrw.de/




Morgen-Notiz aus der Provinz

Nein, ich zweifel nicht daran,

dass heute Freitag ist.

Man sagt, es ist Freitag und wer reibt sich heute

nicht alles die Hände…

Manchmal werden sie auch gefaltet.

Oh, gesegneter Freitag !

Oh, heiliges Wochenende!

Ach, ändert sich denn wirklich etwas?

Wer ändert sich denn schon?

Immer wird verlangt, die anderen sollten sich ändern.

Von sich selbst nimmt man in dieser Sache lieber Abstand.

Da betreibt man gerne Denkmalpflege…

Mit den letzten Ruinen gehen sie hausieren…

und merken es nicht einmal…

Verschanzt hinter ihrem eigenen Gedankengut,

welches alles andere als gut ist.

Es sind Brocken und mit diesen Brocken –

brocken sie einem was ein,

wenn man sie lässt…

Manchmal sollte man besser Abstand halten,

sonst werfen sie einem einfach die Brocken,

nicht einmal vor, sondern auf die Füße.

Sie meinen, das ginge völlig in Ordnung.

Warum das so ist, man kann es sich fragen

oder es auch lassen….

Aber das ist leichter gesagt als getan.

Sie rennen einem ja hinterher oder kreuzen den Weg,

der fortan dornenreich wird.

Ach, hätte man sie doch nie getroffen, denkt man manchmal.

Aber hatten sie sich nicht aufgedrängt?

Oh, diese alltäglichen Verführer des Alltags

mit ihren freundlichen Gesten und Attitüden.

Nein, was sind sie freundlich.

Sie sind so freundlich wie eine Puderdose.

Bloß nicht reinblasen…

 




Schlimme Nachrichten dringen bis in den Elfenbeinturm – Zwischen Prosa und Lyrik: Sarah Kirschs Tagebuch „Das simple Leben“

Von Bernd Berke

„Das simple Leben“ nennt Sarah Kirsch ihr neues Buch. Doch dieses Dasein ist ganz und gar nicht einfach.

Das Leben der Dichterin spielt sich, unterbrochen von gelegentlichen Lesereisen, ganz bewußt in Klausur ab. Aus ihrem Prosa-Tagebuch mit lyrischem Grundton erfährt man, wie sie sich in ihr Werk versponnen hat, sich am stürmischen Nordseestrand, wo er noch nicht von Touristen erobert ist, verschließen will vor der Welt. Dort geht sie – ein nur scheinbares Idyll – mit ein paar getreuen Menschen, mit Schafen und Bobtail, Katz‘ und Esel um, läßt sie sich beim Anblick der Wolkenspiele in lyrische Stimmungen treiben.

Ganz ohne Ironie spricht sie von „meinem Elfenbeinturm“ und mokiert sich über die Alltags-Spießer ringsum. Doch derlei Anflüge von Hochmut können bei ihr entsetzlich rasch umschlagen, auch in akute Depression. Häufig erwähnt sie die (Seelen-)Wetterlage: „Herrschte das feinste Selbstmörder-Wetter wie ich es liebe“.

Suche nach rettenden Momenten

Die Gedanken sind unfrei. Sie werden überfallen und gefangen von den Nachrichten des Tages, die die friedliche Abgeschiedenheit immer wieder schmerzhaft aufreißen: Da sind die langfristigen Nachwirkungen von Tschernobyl, die Kriege am Golf und auf dem Balkan, Enthüllungen über Untaten der Stasi, das ganze deutsch-deutsche Getöse, die allseits geschundene Natur. Alltägliche Apokalypse.

Die Schreibende fühlt sich diesem schlimmen Weltgetriebe hilflos ausgeliefert. Sie sucht Rettung, indem sie das Private unter die Lupe nimmt und die große Politik gleichsam im umgedrehten Fernglas betrachtet. Dann erscheint beides gleich groß. Doch auch das Dichten im einsamen Gehäuse fällt zur Last: „Meingott es wird auch immer schwerer. Man erhascht ein Splitterchen vor alles versinkt.“

Articul und Akwareller

Sarah Kirsch bleibt, auch wenn sie ein Prosa-Tagebuch wie dieses schreibt, Lyrikerin. Die Wortfolge – freischwçbend ohne Satzzeichen – nähert sich jener von Gedichten, auch Zwischentitel deuten auf solche Herkunft. Und die hauchzarten Gefühlswerte ließen sich manchmal wohl überhaupt besser in Einzelzeilen gießen als in epischen Text.

Ein Besuch im elend verfallenden Greifswald löst Tränen aus. Ein übriges tun die seinerzeit (als sie gegen Biermanns Ausbürgerung sich auflehnte und fortging aus dem Osten) über Sarah Kirsch angelegten Stasi-Akten, die sich für sie jetzt lesen wie ein Schundroman. Gegen solch finstere Realität stellt Sarah Kirsch verzweifelt ihre eigene kleine Welt wie ein Märchen, in dem die Dinge etwas andere, zauberische Namen haben: Sie schreibt einen „Articul“, malt „Akwareller“, fährt auf eine „Insul“, trinkt jede Menge „Koffie“ – und macht sich auf solch beinahe sprachmagische Weise empfänglich und durchlässig etwa für die Geisterstimmen von im Meer Ertrunkenen. Spökenkiekerei?

Es bleibt der schwachen Menschin nur, der Natur im Kleinen ein wenig aufzuhelfen. „Schafe drehn“ heißt eine der letzten Zwischen-Überschriften: Einige Tiere sind in matschige Kuhlen geraten und können sich nicht mehr aus eigener Kraft aufrichten. Hier kann sie beistehen. Sonst scheint alles vergebens, wie ein Anrennen gegen Windmühlenflügel oder Vulkane. Letzter Satz des Buches, bedrohlich genug: „Der Ätna speit“.

Sarah Kirsch: „Das simple Leben“. Deutsche Verlagsanstalt (DVA), Stuttgart. 100 Seiten. 26 DM.