„Theater hassen“ – eine ziemlich ziellose Reise in die Zukunft der Bühnenkunst

Dieser Autor bemüht sich emsig um Zeitgeist-Sprech. Jan Küveler (Jahrgang 1979), seines Zeichens Feuilletonist und Theaterkritiker der „Welt“, beliebt über Shakespeare und dessen Zeit so zu extemporieren: „Draußen auf den Weltmeeren wurde die Globalisierung erfunden, das ´Globe Theatre‘ war ihr Social-Media-Hub.“ Ahoi!

Doch wir wollen nicht schon gleich zu Beginn polemisch werden und nur noch schnell erwähnen, dass Jan Küveler laut Klappentext mit einer Arbeit über jugendliche Romanhelden promovierte, die sich der Reife verweigern.

9783608501605-cover-lKüveler also umkreist in seinem Buch mit dem finster entschlossenen Titel „Theater hassen“ den nach seiner Ansicht vielfach beklagenswerten Zustand der Bühnenkunst; ein Thema also, über das sich im Prinzip schon die antiken Griechen echauffiert haben.

Im Geisterhaus toter Avantgarden

Der Verfasser wähnt sich in einem Geisterhaus toter Avantgarden, auf nachrichtlicher Ebene sei allein schon das ewige Intendanten-Karussell furchtbar öde. Beim Berliner Theatertreffen kreise alles um immer ähnlich gelagerte Positionen, Projekte und Performer.

So manchen Unmut kann man nur zu gut nachvollziehen. Der Mann schreibt sich in einen solchen Zorn hinein, dass ihm auch die hoch gehandelte, sorgsam an den Texten arbeitende Regisseurin Andrea Breth nur mehr als einfältig arrogant gilt. Gleichzeitig preist er die Verrisse seines (heute arg vermissten) Ex-Kollegen Gerhard Stadelmaier von der FAZ, der freilich den hier leichthin abgetanen Luc Bondy und just Andrea Breth am allerhöchsten geschätzt hat.

Vorbild „Monaco Franze“

Als man sich schon bang fragt, ob Küveler irgendwann einmal halbwegs abgekühlt argumentieren wird, empfiehlt er eine distanzierte, unprätentiöse und uneitle Haltung zum Theater, wie sie einst der legendäre „Monaco Franze“ vorgemacht hat, als der in Helmut Dietls famoser Fernsehreihe die versammelten Opern-Schnösel von München düpierte.

Nun, das mag erst einmal angehen, doch wird es gewiss nicht alle Gebrechen des Theaters kurieren, von dem Küveler (immer noch) meint, es sei zu feierlich und werde oft für Träger von Zylinderhüten gemacht. Nanu? Das mag gelegentlich noch im Wiener Burgtheater der Fall (gewesen) sein, aber sonst doch wohl gar nicht mehr.

Dabei kennt Küveler doch seine brachialen Pappenheimer, jene Regisseure, die stets auf schrankenlose Selbstverwirklichung und „Skandale“ aus sind, welche sich aber längst erledigt haben.

Die Freuden der Langeweile

Er erregt sich noch königlich über Elfriede Jelineks unaufhörliches Besserwisserinnen-Theater (bis hin zu „Die Schutzbefohlenen“), das keinerlei Überraschungen mehr bereithalte, sowie über Elaborate der „Gießener Schule“ um Michael Thalheimer und René Pollesch, die auch nur noch nerve.

Aufgeregten Projekten, die nur zum Schein die Zuschauer einbezögen, in Wahrheit aber auf deren Passivität setzten, sei allemal Langeweile vorzuziehen, die wenigstens stille Kontemplation ermögliche. Also, Leute, beschwert euch bloß  nicht mehr über endlos erscheinende Theaterabende, sondern sitzt eure Kultur gefälligst ab und nutzt die unverhoffte Chance zur Trance.

Damit hätten wir also schon einige, in sehr verschiedene Richtungen zielende  Ablehnungen beisammen. Ja, was aber dann? Was dürfen wir hoffen? Was sollen wir ersehnen? Selbstverständlich läuft auch dieses Buch in seinem vermeintlichen Theaterhass darauf hinaus, dass es letztlich nur auf ein anderes Theater erpicht ist. Dieser Topos einer fortwährenden Hassliebe ist gleichfalls altbekannt. Doch wohin geht die Reise?

Kronzeuge Ersan Mondtag

Zum Kronzeugen bestellt Küveler den Theatermacher Ersan Mondtag, der ausgiebig als Prophet einer Art Meta-Theater – gern mit Laiendarstellern und zeichenhaften Masken – zu Wort kommt und sich dabei reichlich autoritär gebärdet. Da erklingt so manche Hohlformel (Dekonstruktion war gestern, jetzt muss wieder konstruiert werden), wobei am Horizont ein Theater aufscheinen möge, in dem wieder „alles möglich“ sein solle. Schauspielkunst herkömmlicher Prägung ist dabei übrigens überhaupt nicht gefragt, sie stört eher.

Sodann benennt Küveler drei angeblich allesamt erhellende Provokationen der neueren Theatergeschichte – ins Werk gesetzt von Hans Neuenfels (1966 in Trier, ach Gottchen!), von Rainer Werner Fassbinder („Der Müll, die Stadt und der Tod“) und vom fast nur dadurch bekannt gewordenen Schauspieler Thomas Lawinky, der den schon erwähnten Rezensenten Stadelmaier auf offener Szene verhöhnte und ihm den Notizblock entriss. Wer hätte gedacht, dass eine solche Handlungsweise noch einmal als vorbildlich durchgeht?

Bloß nicht feige sein…

Das ist also mal eine hübsche Ahnengalerie fürs kommende Theater. Küvelers Zwischenfazit lautet, Theater dürfe nicht feige sein und solle Tabus brechen. Moment mal. Hatten wir das nicht schon seit ein paar Jahrzehnten? Immer mal wieder, immer wüster und verzweifelter?

Vermeintlich rasant und doch nur halbstark geht’s in die Schlusskurven. Gepriesen werden die „Akzelerationisten“ der Bühne, die quasi gehörig aufdrehen und es den „Spaßbremsen“ im Gefolge der Frankfurter Schule mal so richtig zeigen. Wow, dann müssten die Bühnen wohl schleunigst tiefergelegt werden. Angewidert von den gängigen Moden, wendet sich Küveler nunmehr dem nächsten Hype zu.

Die Heilsbringer kommen

Der gute alte Textzerbröseler Frank Castorf darf dabei gleichfalls Pate stehen, außerdem vor allem Leute wie der Norweger Vegard Vinge und Ina Müller, die an Castorfs Volksbühne derart hirnmarternd, radikal und monströs zugange sind, dass es selbst dem von Chaos gestählten Chef manchmal zu viel wird.

Die Zumutung ist dabei offenbar zentrales Programm. Hört sich nicht so an, als könnte dies dem deutschen Stadttheater aufhelfen. Im Gegenteil: Endlose Proben, oft ohne bühnenreifes Resultat, sind dort nicht so gern gesehen. Derlei Kleinigkeiten erwähnt Küveler in seinem Buch kaum, er beschwört nur raunend die Namen der Heilsbringer Vinge oder Antú Romero Nunes, ohne die Verheißungen zu konkretisieren. Und ums gewöhnliche Stadttheater ist es Küveler wohl gar nicht zu tun.

Natürlich gibt es, zumal in der Hauptstadt, eine eventgeile Theater-Schickeria, die auch Hervorbringungen à la Vinge noch kritiklos goutiert. Mal abgesehen von diversen Fäkal-Aktionen, ließen Vinge und Müller einst vor Publikum ungerührt bis 5000 zählen und haben damit laut Küveler (produktive?) Wut erzeugt. Die Zukunft des Theaters käme somit aus der Weißglut, womit Theaterhass endlich, endlich sinnerfüllt wäre. Ja, Donnerschlag und Sakrament…!

Jan Küveler: „Theater hassen. Eine dramatische Beziehung“. Tropen Verlag (Klett-Cotta). 160 Seiten. 12 €.

 




Skandalgeschrei in der Theaterwelt – Attacke des Schauspielers Lawinky auf den Kritiker Stadelmaier

Von Bernd Berke

Das Skandalgeschrei hallt seit Tagen durch die Lande: Der Schauspieler Thomas Lawinky (vorher außerhalb Frankfurts kaum bekannt) hat sich – wie berichtet – zur körperlichen Attacke auf den Kritiker Gerhard Stadelmaier hinreißen lassen.

Nun werden, beispielsweise vom Berliner Ex-Kultursenator Christoph Stölzl, Forderungen laut, das Theater müsse nach diesem Vorfall generell über sein Selbstverständnis nachdenken. Nanu? Wird diese Angelegenheit nicht allzu hoch gehängt? Oder dreht es sich hier ums Ganze der Kunst- bzw. Pressefreiheit?

Stadelmaier und „seine“ Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) sehen den Journalismus gleichsam in seinen Grundfesten erschüttert, weil der Kritiker von einem Schauspieler beschimpft und hart bedrängt worden ist. Es geht ihnen offenbar ums Prinzip.

Welche Provokation ist demnächst dran?

Ist tatsächlich die Pressefreiheit bedroht, wenn einem Rezensenten der Notizblock entrissen (und höhnisch wieder ausgehändigt) wird? Genau genommen, ist Stadelmaier an der Ausübung seines Berufs gehindert worden. Doch er hat seine verständliehe Empörung mittlerweile auch über die Maßen „ausgeschlachtet“.

Die Entlassung des Schauspielers Lawinky – nach FAZ-Intervention bei CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth – hat einen Beigeschmack, so berechtigt sie in der Sache sein mag. Ganz so, als sei hier eine Hierarchie von Macht und Einfluss ausgespielt worden. Theatermacher, u. a. Jürgen Flimm (Chef der RuhrTriennale), forderten gestern in Offenen Briefen eine Rücknahme der Kündigung.

Aktionstheater mit Einbeziehung der Zuschauer ist ein alter Hut, der gelegentlich wieder hervorgezaubert wird. Gelegentlich war einem selbst schon mulmig zumute, wenn wildes theatralisches Geschehen bedrohlich nahe zu Leibe gerückt ist. Wie würde man wohl auf eine Grenzüberschreitung reagieren?

Provokationen mit Unmengen von Blut, Urin und Sperma auf der Bühne haben sich längst erschöpft. Stadelmaier sieht derlei brachiales Regietheater, das kaum noch auf Stücktexte, sondern auf unmittelbare Lebens- und Ekel-Gefühle aus sei, als strukturelle Ursache der Lawinky-Attacke. Sie wäre demnach nur ein weiterer Tabubruch. Was kommt als nächstes?

Die Zumutungen der Kritik und des Theaters

Es zeugt aber wohl von konservativer Theater-Auffassung, wenn jemand meint, alles solle sich immer hübsch folgenlos oben auf der Bühne abspielen – ohne jeden direkten Berührungspunkt zum Zuschauer. Auch eine Generationenfrage: Jüngere Theaterfans können sich mit unvorhergesehenen Handlungen gewiss leichter abfinden als das ältere Abo-Publikum und in Ehren gereifte Kritiker.

Manche Theaterleute begleichen jetzt offene Rechnungen mit Stadelmaier, der als „Großkritiker“ schlechthin gilund mit Verrissen nîcht zimperlich ist. Auch und gerade das Frankfurter Schauspiel hat er nicht geschont: Claus Peymann, der ewige „Provo“, bot Lawinky allen Ernstes einen festen Job bei beim „Berliner Ensemble“ an und ermunterte ihn zu weiteren spontanen Übergriffen. Für eine schräge Schlagzeile tut dieser Intendant manches.

Stadelmaier, so Peymann, sei ein „Theaterkaputtschreiber“. Hallo, Herr Peymann! Erstens gibt’s in diesem Lande etliche Theaterkaputt-Inszenierer. Und zweitens könnten sich jetzt frustrierte Darsteller fürs Berliner Ensemble empfehlen wollen, indem sie Kritikern etwa Ohrfeigen verpassen. Na, danke! Es scheint, als könnten einige Theatermacher mit Kritik gar nicht mehr souverän und gelassen umgehen. Und manche Kritiker nicht mehr mit den oft heftigen Zumutungen des Theaters.

 

 

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ZUR PERSON

Ein Kritiker, den viele fürchten

  • Gerhard Stadelmaier gilt als anspruchsvoller, strenger (und brillanter) Kritiker. Besonders gefürchtet sind seine manchmal verächtlichen Kurz-Verrisse.
  • Seit 1989 zeichnet der gebürtige Stuttgarter bei der FAZ für den Theater-Bereich.
  • Seit 2003 ist er auch Professor für Theaterkritik in Frankfurt.
  • Kontrahent Thomas Lawinky hat seit gestern einen neuen Vertrag beim Berliner Gorki-Theater unter Armin Petras.