Große Zerreißprobe blieb beim Autorenkongreß aus – Ansätze zur deutsch-deutschen Vergangenheitsbewältigung

Aus Lübeck berichtet Bernd Berke

Lübeck. Die große Zerreißprobe blieb aus beim ersten gesamtdeutschen Kongreß des Schriftstelleryerbandës (VS). Der alte und neue Bundesvorsitzende Uwe Friesel (Hamburg) war „sehr überrascht“, daß er und seine Vorstandskollegen bei der Tagung im Kurhaushotel zu Lübeck-Travemünde so ungeschoren davonkamen. Mit 56 von 67 möglichen Delegiertenstimmen wurde der 52jährige Friesel gestern wiedergewählt. Er trat nur unter der Bedingung nochmals an, daß der Vorsitz künftig rotiert. Begründung: Akute Arbeitsüberlastung.

Vor allem vom Berliner Landesverband hatte man heftigeren Einspruch gegen Friesel erwartet – von jenem Verband also, der der aus Leipzig stammende Autor Erich Loest pünktlich zu Kongreßbeginn via „Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt“ nachgesagt hatte, er sei womöglich von Gregor Gysis PDS gesteuert. Schließlich hatte man es an der Spree noch nicht verwunden, daß Friesel jene 23 Briefe an mutmaßlich SED-linientreue Autoren gesandt hatte, mit der Bitte, ihre Anträge auf Aufnahme in den VS doch bitte noch zurückzustellen. Einige der betroffenen ostdeutschen Autoren wähnten sich durch Gesinnungsschnüffelei und „Berufsverbot“ verfolgt. Berlins Verband setzte sich vom Bundes-VS ab und nahm 18 der 23 Beschuldigten in seinen Reihen auf.

Briefe an angeblich „linientreue“ DDR-Autoren

Bis in abstruse Details hinein waren diese Vorgänge nochmals Diskussionsgegenstand. Doch so lang man auch redete, so matt blieb die Auseinandersetzung. War es vielleicht die Einsicht, daß hinter Friesels Brief ein bitter nötiger moralischer Anstoß zur Vergangenheitsbewältigung stand – und nicht etwa der Versuch, Schriftsteller an ihrer Berufsausübung zu hindern; oder blieb nur das reinigende Gewitter aus?

Zu einer wirklichen Klärung kam es nicht, die ganze Sache soll nun an eine (schon vor Monaten angekündigte) Kommission verwiesen werden. Die wird auch zu untersuchen haben, ob Friesel tatsächlich – wie in der Debatte geargwöhnt wurde – einige von den 23 Briefen an die Falschen (sprich: nicht als SED-Denunzianten vorbelastete Autoren) gerichtet hat. Dann wären Entschuldigungen fällig.

Erasmus Schöfer: „Ich schäme mich für meinen Verrat“

Weit mehr Eindruck als der Streit um die Brief-„Affäre“ hinterließ der Kölner Schriftsteiler Erasmus Schöfer mit seinem Bekenntnis: „Ich schäme mich für meinen Verrat an mir selbst und anderen“. Er meinte jenen Irrweg vom Mainzer VS-Kongreß 1983, als man – um der lieben Friedensbewegung willen – gemeinsame Sache mit Hermann Kants DDR-Autorenverband gemacht habe. DDR-Dissidenten, so Schöfer, seien ihm schlicht unsympathisch gewesen, „weil sie meine Hoffnungen auf Sozialismus störten“. Schöfer: ..Auch dafür schäme ich mich heute.“

Etwas mehr verklausuliert betrieb auch Uwe Friesel Selbstkritik: „Schriftsteller sind immer anfällig für Utopien. Wir haben uns täuschen lassen.“ Hart ging Friesel mit Hermann Kant ins Gericht, der bis heute jede Reue vermissen lasse. So einen könne man im VS nicht brauchen.

Nachdenkliche Töne von Wolfgang Schäuble

Doch insgesamt überwog jener leise, nachdenkliche Tonfall, den Bundesinninminister Wolfgang Schäuble zum Kongreßauftakt angeschlagen hatte, als er vor jeder Selbstgerechtigkeit in Sachen Vergangenheitsbewältigung warnte und Respekt zwischen ost- und westdeutschen Autoren dringlich anmahnte. Schäubles Rede imponierte sogar Stefan Heym, der sich sonst nicht auf Höhe der Zeit zeigte. Ein weiterer Versuch mit der DDR hätte ihm allemal besser gefallen als die Vereinigung.

Heym war der einzige anwesende Autor von großem Bekanntheitsgrad. Kein Lenz oder Walser war da – beide im Gegensatz zu Grass noch VS-Mitglieder. Und auch kein Bernt Engelmann, der bei früheren Kongressen die Fäden gezogen hatte. Ihm hätte ein Bekenntnis wie das von Schöfer gut zu Gesicht gestanden. Max von der Grüns Fernbleiben war entschuldbar: er wurde am Samstag 65.

Zum Ausgleich glänzte diesmal Politprominenz. Nach Schäuble kam Björn Engholm vom SPD-Landesparteitag im Nachbarhotel herüber zu den Autoren. Er gelobte, es werde einen SPD-Kongreß zu Literaturfragen geben.




DDR-Verlage suchen neues Profil – und Günter Grass setzt Kritik an der Wiedervereinigung fort

Von Bernd Berke

Frankfurt. Günter Grass läßt nicht locker. Der prominente Schriftsteller und Gegner der deutschen Vereinigung zieht auch auf der Frankfurter Buchmesse gegen die von ihm befürchtete neudeutsche Großmächtigkeit zu Felde und attackiert dabei auch das Fernsehen, das nur durch geschickte Schaltungen und Schnittfolgen vermocht habe, den falschen Eindruck volksfestartigen Jubels am Vereinigungstag zu vermitteln.

Grass und sein Diskussionspartner Kenzaburo Oe, einer der wichtigsten japanischen Autoren, machten beim jeweils eigenen Volk expansive, aggressive und fremdenfeindliche Tendenzen aus.

In einer anderen Halle des Messegeländes hatte kurz zuvor der Wiener „Verlag für Gesellschaftskritik“ ein etwas weniger gut besuchtes Gespräch u. a. mit dem Zukunftsforscher Robert Jungk veranstaltet. Dort warf man gar die Frage auf, ob das vergrößerte Deutschland geneigt sein könnte, eines Tages Österreich zu vereinnahmen.

Deutsche Debatten allerorten auf dem Messegelände. Bei einer dritten Diskussion schalt der 1977 aus der DDR ausgebürgerte Schriftsteller Jürgen Fuchs einige westdeutsche Autoren, die über Jahre hinweg die DDR-Opposition als friedensschädigendes Randphänomen behandelt hätten.

Die Stände der DDR-Verlage im ersten Stock von Halle 5 sind derweil umlagert wie nie zuvor. Symptomatisch das Angebot des Dietz-Verlages, der zwar weiterhin die berühmten blauen Bände der Marx-Engels-Gesamtausgabe offeriert, aber auch Bücher über stalinistische Inquisition ins Programm genommen hat. Der bislang führende ostelbische Verlag „Aufbau“, inzwischen finanziell arg in die Klemme geraten, zieht sich gleichfalls nicht nur in die Gefilde der Klassik zurück, sondern hat eine experimentelle Reihe eröffnet. Die West-Auslieferung für „Aufbau“ hat Bertelsmann übernommen.

Doch der wahrhaft frische Wind kommt von zahlreichen neuen Kleinverlagen wie etwa „Edition Babelturm“ (Potsdam), „Basisdruck“ (Berlin), „Forum-Verlag“ (Leipzig) oder Tacheles (Berlin). Die meisten von ihnen sind im Umkreis oppositioneller Gruppen und Zeitschriften entstanden. Sie könnten eine wichtige Funktion für das Selbstbewußtsein der neuen Bundesländer ausüben. Insgesamt gilt für die Verlage aus der ehemaligen DDR, daß sie eine wichtige Mittlerrolle für osteuropäische Literaturen einnehmen können – wenn sie wirtschaftlich durchhalten.

Thema „Vereinigung“ natürlich auch beim Verband deutscher Schriftsteller (VS), dessen Vorsitzender Uwe Friesel auf der Buchmesse klarstellte: „Eine Vereinigung der beiden deutschen Schriftstellerverbände wird es nicht geben.“ Vielmehr werde man, um Leute mit Stasi-Vergangenheit „auszufiltern“, auf Einzelbeitritte ostdeutscher Autoren und auf die Gründung von VS-Landesverbänden in der früheren DDR setzen. Im Mai 1991 werde dann ein gesamtdeutscher Wahlkongreß des VS tagen.

Joachim Walther, stellvertretender Vorsitzender des nur halbherzig reformierten, vor dem Exitus stehenden DDR-Verbandes SV, übte bei gleicher Gelegenheit scharfe Kritik am CDU-Vize Lothar de Maizière. Der habe es nie für nötig befunden, auf besorgte Brandbriefe ostdeutscher Künstler auch nur zu antworten. Zahlreiche Ex-DDR-Autoren, so hieß es, werden sich jedenfalls nach Jobs umsehen müssen. Bislang meist ausschließlich literarisch tätig, spüren sie nun den rauhen Wind der Marktwirtschaft.

Auch im gesamtdeutschen VS wird eine Kommission weiter arbeiten, die die dunklen Seiten der Geschichte des Ost-Verbandes beleuchten soll. Die Ergebnisse sollten sich auch eimge westliche VS-Mitglieder, die nicht immer kritische Standfestigkeit gegenüber stalistischen Organisationen bewiesen haben, aufinerksam durchlesen.




VS-Kongreß mit erbitterten Grabenkämpfen – bedenkliche Fraktionsbildung in Berlin

Von Bernd Berke

Berlin. Sekunden, nachdem Wahlkommissionsleiter Josef Reding (Dortmund) verkündet hatte, daß Hans-Peter Bleuel erneut zum Vorsitzenden des Verbandes Deutscher Schriftsteiler (VS) gewählt sei, stürmte am frühen Samstagabend Berlins VS-Vorsitzender Hans Christoph Buch ans Mikrofon: „Meine Berufsehre als Schriftsteiler erlaubt es mir nicht, noch länger Mitglied in diesem Verband zu bleiben!“

Ihm auf dem Fuße folgten Hans Christian Kirsch, Vorsitzender des Landesbezirks Rheinland-Pfalz, der sein Amt zur Verfügung stellte, und Karin Struck, die in äußerster Verbitterung ihren Austritt aus dem VS erwog. Beginn einer von vielen befürchteten neuen Austrittswelle? Der Anfang vom Ende des VS?

Am gestrigen Schlußtag des Kongresses blieben alle Berliner Delegierten einschließlich Bleuels unterlegener Gegenkandidatin Anna Jonas, der Versammlung fern. Schlechter Stil, wahrlich.

Die Berliner „Rebellen“ und ihre Anhänger (im nichtstimmberechtigten Autoren-Publikum weitaus zahlreicher vertreten als unter den Delegierten) konnten die redlich, aber blaß wirkende Anna Jonas nicht gegen Bleuels stramme Fraktion durchsetzen. Nicht einmal mehr den sprichwörtlichen Fuß haben die Opponenten in der Vorstandstür, denn Ex-DDR-Autor Erich Loest lehnte es strikt ab, dem Gremium ein weiteres Mal unter Bleuels Vorsitz anzugehören.

Neben den Stellvertretern Max von der Grün und Jochen Kelter gehören dem neuen Vorstand als Beisitzer an: Gert von Paczensky, Lenelotte von Bodmer, Wolf Peter Schnetz und Angela Hoffmann – eher ein Funktionärs- als ein AutorenVorstand, sagen die Kritiker.

Bleuel wankte, aber er fiel nicht. Der Mann, dem niemand routinierte Könnerschaft in gewerkschaftlicher Kleinarbeit bestreiten kann, der aber besonders in Fragen des Ost-West-Verhältnisses nicht immer instinktsicher handelte und mit seinem bisherigen Vorstand nicht zurechtkam, saß alle Angriffe gegen seine Amtsführung aus. Auf seine Gefolgschaft, besonders aus Bayern, konnte er sich einmal mehr verlassen.

Literarischer Verein oder Gewerkschaft?

Einig waren sich wohl alle Kongreßteilnehmer in der Bestürzung über das Niveu der vorangegangenen Auseinandersetzungeii. Martin Walsers Worte von der „fraktionierten Lächerlichkeit“, von den Fraktionen, die offenbar die Phantasie völlig verdrängt hätten, bezogen sich auf die von zahlreichen Tiefschlägen begleiteten Debatten (Bleuel wurde gar Organisations-Stalinismus vorgeworfen). Auch Max von der Grün befand: Das Niveau einer Sitzung in seinem Dortmunder Vorort-Verein sei höher als das dieses Schriftsteller-Kongresses.

Zwei panische Versuche, Bleuel in letzter Minute doch noch einen literarisch hochrenommierten Integrationskandidaten entgegenzusetzen, scheiterten kläglich. Martin Walser, als Notkandidat gegen drohende Spaltungstendenzen „aus dem Hut gezaubert“, hatte zu diesem Zeitpunkt (kurz nach seiner besagten Rede) den Kongreß bereits mit unbekanntem Ziel verlassen. Und: Trotz des tosenden Beifalls, der sie zum Podium begleitete und sie wohl zu einer Kandidatur bewegen sollte, mochte sich Ingeborg Drewitz, 1984 von der Fraktion um Bleuel und Bemt Engelmann ausgebootet, nicht noch einmal derart düpieren lassen. Schließlich fand Angela Hoffmanns Versuch, eine Art „Frauenliste“ zu präsentieren („Mindestens 50 Prozent Frauen in den Vorstand!“) bei den 46 Delegierten keine Mehrheit.

Karin Struck, die neben Ingeborg Drewitz und Anna Jonas auf dieser Frauenliste hätte stehen sollen, hatte zuvor noch einmal ein Hauptthema des Kongresses zur Sprache gebracht: die nach ihrer Ansicht unter literarisch-ästhetischen Gesichtspunkten gänzlich unterbelichtete Zusammensetzung der Verbandsspitze. Sie, Karin Struck, habe nichts gegen Sachbuchautoren, aber: „Die Poesie ist das Herz der Literatur. Darum muß einPoet an die Spitze.“ Die bisher praktizierte Art von politischem Schulterschluß zerstöre jedoch jede Poesie und treibe alle sensiblen Autoren aus dem Verband. Dem hielt Bernt Engelmann entgegen: „Wir sind kein literarischer Verein, sondern eine Gewerkschaft!“

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Kommentar

Schriftstellerverband vor Austrittswelle

Schwerer Schaden

Der Verband Deutscher Schriftsteller (VS), gegründet 1969, ist „im Jahre 1 nach Böll“ in der größten Gefahr seit seinem Bestehen. Auf dem Berliner Schriftsteller-Kongreß waren weit und breit keine literarisch renommierten Kandidaten oder Kandidatinnen in Sicht, die die mühselige Kleinarbeit der längst fälligen Integration streitender Fraktionen auf sich nehmen wollten.

Unerbittlich wie nie zuvor stehen sie sich gegenüber: Hie Hans-Peter Bleuel, alter und neuer Bundesvorsifzender samt Gefolge, aus taktischen Erwägungen oft zu problematischen Kompromissen mit DDR-Sprachregelungen neirgend, dort die Sympathisanten des Berliner Landesbezirks, der – nicht zuletzt durch den Zustrom ehemaliger DDR-Autoren – in Menschenrechtsfragen sensibler geworden ist.

Da Baleuels Linie nunmehr für weitere drei Jahre das Feld überlassen bleibt, ist eine weitere Austrittswelle zu befürchten, die der Verband nicht ohne schweren Schaden verkraften wird.

In der angestrebten Medien-Gewerkschaft wird das Gewicht der rund 2400 VS-Autoren nicht nur nach ihrer relativ geringen Zahl, sondern vielleicht noch mehr nach bekannten Namen bemessen werden. Das Austritts-Alphabet reicht aber jetzt schon von Achternbusch bis Zwerenz. Und es ist noch keineswegs ausgemacht, ob Günter Grass, der wegen einer Auslandsreise dem Kongreß fernblieb, noch im VS bleiben wird. Wenn aber die Interessenvertretung der Autoren dermaßen geschwächt, ja gespalten wird, so kann-dies niemandem gleichgültig sein, , dem an der literarischen Kultur dieses Landes liegt.

                                                                                                                       Bernd Berke

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Max von der Grün: Ärger mit der Frau

(bke) Max von der Grün, bekannter Dortmunder Schriftsteller, wurde am Wochenende in Berlin zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden des Verbands Deutscher Schriftsteller (VS) gewählt (siehe auch Bericht auf Seite Kultur).

Von der Grün, der auf Drängen des NRW-Landesbezirks überraschend kandidierte und der einzige prominente Autor im neuen VS-Bundesvorstand ist, gestern in Berlin zur WR: „Jetzt werd‘ ich sicher Ärger mit meiner Frau bekommen, denn das Amt kostet sehr viel Zeit.“

Der Autor, der im Mai 60 Jahre alt wird, war von Kollegen gar gebeten worden, für den Bundesvorsitz zu kandidieren, was er jedoch ablehnte. Von der Grün: „Wenn ich in dieser Eigenschaft bei einem Ministerium hätte vorsprechen müssen, hätte ich eine Allergie bekommen.“ Von der Grün präsidierte gestern erstmals dem Bundeskongreß und hatte dabei noch kleine Probleme mit komplizierten Satzungs- und Geschäftsordnungsverfahren. Schon vor seiner Wahl hatte er allerdings gesagt: „Ich bin auch in meinem jetzigen Alter noch lernfähig.“




Wiederwahl von Bleuel kann eine Austrittswelle auslösen – Beim Schriftsteller-Kongreß in Berlin knistert es hörbar

Von Bernd Berke

Berlin. Die Berliner „Rebellen“ im Verband Deutscher Schriftsteller (VS) haben den VS-Bundesvorsitzenden Hans-Peter Bleuel offenbar aus dem Tritt gebracht. Noch immer ist nicht klar, ob Bleuel auf dem Schriftsteller-Kongreß, der gestern in Berlin begann, wieder für dieses Amt kandidiert.

Bleuel gestern zur WR: „Ich warte erst die Aussprache über die Geschäftsberichte ab.“ Diese Aussprache aber findet, vor den mit Spannung erwarteten Vorstands-Neuwahlen, erst am heutigen Samstag statt. Schon zu Kongreß-Auftakt knisterte es hörbar. Bleuel schalt in seinem Geschäftsund Tätigkeitsbericht die „selbstgefälligen Untätigkeitsberichte“ mehrerer Vorstandskollegen und griff dabei vor allem den Ex-DDR-Autor Erich Loest an, der wiederum in seinem Bericht gegen Bleuel vom Leder zog.

Bleuel beschränkte sich ansonsten darauf, seine mühselige Kleinarbeit als „bescheidener Praktiker“ in tarifpolitischen Fragen herauszustreichen, nahm aber immerhin den Berliner VS-Landesbezirk gegen Vorwürfe aus der Sowjetunion in Schutz – freilich nicht ohne einige Seitenhiebe gegen dessen Vorsitzenden Hans-Christoph Buch. Dieser wiederum zitierte in einem kurzen Grußwort „zahlreiche Nachwuchsautoren“, die dem VS erst gar nicht mehr beitreten wollten und wünschte sich – einen sprachlich mißglückten Bleuel-Satz süffisant zitierend – einen „arbeitenderen Bundesvorstand“ als den jetzigen.

Der Kongreß birgt in der Tat reichlich Zündstoff. Auf einen quasi sportlichen Nenner gebracht hieße die Paarung also Berlin gegen Bayern (samt jeweiligen Gefolge in den anderen Landesverbänden). Doch das „Heimspiel“ der Berliner „Rebellen“ (im Rathaus Schöneberg) hat ernste Hintergründe. Sollte der Münchner VS-Vorsitzende Hans-Peter Bleuel tatsächlich kandidieren und mehr Delegiertenstimmen bekommen als die Berliner Gegenkandidatin Anna Jonas, droht wohl eine weitere Austrittswelle, droht vielleicht sogar die Spaltung der Organisation. Auch für den umgekehrten Fall stehen vermutlich langwierige Querelen ins Haus.

Bereitwillig auf offizielle DDR-Positionen eingelassen

Woher aber jetzt noch die dringend benötigten Kompromisse nehmen? Die Vorstands-Unsitte, sich aus taktisch friedenspolitischen Erwägungen allzu bereitwillig auf offizielle DDR-Positionen einzulassen, hat unter dem Ex-Vorsitzenden Bernt Engelmann hohe, unter Bleuel immerhin noch sichtbare Wellen geschlagen. In letzter Zeit haben die Berliner Opponenten um Hans Christoph Buch, Anna Jonas und Günter Grass einen weiteren Schauplatz der Auseinandersetzungen eröffnet. Es dreht sich dabei um die Frage, ob der VS nur rein gewerkschaftliche Interessenvertretung oder auch eine literarische Größe zu sein habe. Die Berliner, mehrheitlich Belletristen, sehen sich von, wie sie ihn abwertend nennen, dem „Sachbuchautor“ Bleuel samt Anhang nicht repräsentiert. Hans-Christoph Buch verstieg sich gar zu dem beinahe wendeverdächtigen Geraune von dichterischen „Genies“, die endlich wieder zu Ehren kommen müßten.

Kühlere Köpfe bewahrten im Vorfeld des Kongreßes Erich Loest, der gewerkschaftliche und literarische Arbeit gleichrangig behandelt sehen will, und F. C. Delius, der das vielzitierte Böll-Wort von der nötigen „Einigkeit der Einzelgänger“ aufgriff, die jedoch keine Parteigänger werden dürften. Gemeinsam für den Erhalt und Ausbau der Rechte zu sorgen, sich aber weder eine politische noch eine literarische Linie vorschreiben zu lassen – selbst diese Formel dürfte nicht unbedingt konsensfähig sein.




Europas Autoren rücken zusammen – Thema auf der Frankfurter Buchmesse

Von Bernd Berke

Frankfurt. „Europa“ ist ein wichtiges Stichwort auf dieser 37. Frankfurter Buchmesse. In den Eröffnungsansprachen von Jack Lang und Bundesminister Bangemann spielte es eine zentrale Rolle. Gestern griff es auch Hans-Peter Bleuel, Vorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller (VS) auf einer Pressekonferenz im Rahmen der Buchmesse auf.

Europas Autoren schließen sich, so Bleuel, immer enger zusammen, um gemeinsam für ihre Rechte einzutreten. Bleuel kündigte einen „europäischen Schriftsteller-Kongreß“ für den 15. bis 19. Dezember in Bergneustadt an, an dem Vertreter von 27 westeuropäischen Verbänden teilnehmen sollen.

Abseits stehen dabei die Autoren aus osteuropäischen Ländem. Bleuel scheint hier Illusionen aufgegeben zu haben. Gespräche, die er jüngst mit Schriftstellern in Moskau geführt habe, seien „hart, zäh und stockend“ verlaufen. Vollends auf taube Ohren sei er mit der Frage nach dem Schicksal und dem Befinden von Andrej Sacharow gestoßen. Sacharow sei doch gar nicht Mitglied im sowjetischen Schriftstellerverband, beschied man den VS-Vorsitzenden kühl.

Klagen aber auch über bundesdeutsche Verhältnisse: Die neuen Medien bieten Bleuel zufolge kaum ernsthafte Arbeitsmöglichkeiten für Autoren, außerdem sei gerade hier die Honorarmoral unterentwickelt. Überhaupt sei auch die Urheberrechtsnovelle vom 1. Juli dieses Jahres unzureichend, da Behörden und gewerbliche Wirtschaft weiterhin ohne Urheber-Obolus kopieren dürften. Düstere Aussichteh auch im Rundfunkbereich, wo Kulturprogramme reihenweise gekürzt würden. Einzig und allein manche Kommunen seien mit Literaturpreisen, Literaturbüros und Förderungsmaßnahmen kulturpolitisch erfreulich aktiv.

Wenn nicht alles täuscht, müßten dieser Buchmesse gute Geschäfte folgen, sind doch alle (spöttisch sogenannten) „Großschriftsteller“ (vom Verstorbenen Heinrich Böll über Lenz, Walser, Härtling, Bernhard bis hin zu Simmel und Konsalik) mit neuen Büchern in einer Fülle vertreten wie seit langem nicht mehr. Einer ganz speziellen Welle könnte man das Etikett Kanzlerliteratur geben. Jugenderinnerungen von Helmut Kohl, sowie einige Bücher über Kohl – teils ernster, teils spöttischer Art – füllen inzwisehen ganze Regalmeter. Aber auch Neuerscheinungen über Helmut Schmidt (und von Willy Brandt) fallen auf.

Daß erstmals extra für Graphikeditionen und Kunstbuchverlage eine eigene Halle eingerichtet wurde, wirkt wie eine etwas künstliche Abtrennung vom Belletristik-Programm. Eine Rückkehr zum Mischkonzept früherer Jahre wäre für 1986 wünschenswert. Wenig Risikofreude übrigens: Mit Picasso, Miró und Chagall hört die moderne Kunst in den allermeisten Fällen schon auf.




Engelmann übt friedlichen Widerstand im Trainingscamp – Aktionen gegen Nachrüstung: Volker W. Degener rät zur Vorsicht

Von Bernd Berke

Im Westen. Verschiedene Meinungen über die ratsamste Haltung westdeutscher Autoren im „heißen Herbst“ der NATO-„Nachrüstung“ haben der Bundes- bzw. der NRW-Landesvorsitzende des Schriftstellerverbandes (VS) auf Anfrage der WR geäußert. Während Nordrhein-Westfalens VS-Vorsitzender Volker W. Degener sich „gegen jede gesetzwidrige Handlung“ im Zusammenhang mit einer Pershing-2-Stationierung wendet und auch Blockade-Aktionen dazu zählt, will sich Bundesvorsitzender Bernt Engelmann selbst an Blockaden beteiligen.

Zugleich kündigt Engelmann effektreiche „Aktionen im Verlauf der Frankfurter Buchmesse“ (11-17. Oktober) an, die sich mit der bundesweiten „Friedenswoche“ (ab 15. Oktober) überschneidet. Details werden nicht verraten, denn: „Seit den Krefelder Ereignissen sind wir vorsichtiger. Wir wollen nicht, daß Gewalttäter sich uns anschließen.“

Volker W. Degener, hauptberuflich bei der Bochumer Polizei, gibt sich zurückhaltender. Mit Engelmann sowohl einig im strikten Nein zur „Nachrüstung“ als auch in der grundsätzlichen Ablehnung gewaltsamen Widerstands, setzt er doch andere Akzente: Prominente wie Heinrich Böll und Günter Grass stellten Degener zufolge ihre Teilnahme an Blockade-Aktionen vor allem deshalb in Aussicht, „weil das sin aufsehenerregender Appell ist. Ob sie wirklich mitmachen werden, ist fraglich.“

Bernt Engelmann hingegen verweist auf den „einstimmigen Beschluß des deutschen PEN-Zentrums“, der deutlich in Richtung eines gewaltfreien Widerstands ziele und – anders als etwaige Resolutionen des der IG Druck und Papier angegliederten VS – für die Mitglieder (darunter Böll und Grass) „zumindest moralisch bindend“ sei. Degener wiederum beruft sich auf den VS-Landesverbandstag vor zwei Monaten in Hagen, der jedem Mitglied die persönliche Entscheidung freigestellt habe. Die Mehrzahl der Delegierten sei dabei deutlich von Engelmanns Position abgerückt. Degener: „Herr Engelmann kann uns nichts vorschreiben. Wir sind ein eigenständiger Landesverband“.

Bernt Engelmann hat unterdessen die rein theoretischen Vorüberlegungen hinter sich gelassen. Man wolle das friedliche Verhalten bei Blockade-Aktionen sorgfältig einüben. Er selbst werde sich in einem Camp in der Nähe eines möglichen Stationierungsortes entsprechend schulen lassen. Verstärkt arbeite man mit US-Autoren zusammen. Antiamerikanismus sei gerade nicht beabsichtigt. Seine Kollegin Ingeborg Drewitz habe jetzt in den Vereinigten Staaten sondiert und gefunden, daß dort bei vielen Schriftstellern Interesse an gemeinsamen Aktionen bestehe. Man werde für weitere Überraschungen sorgen. Engelmann: „Eines haben wir reichlicher als unsere Regierung, nämlich Phantasie!“