Eine schier endlose Strecke der Selbstzitate – John Irvings Roman „Straße der Wunder“

Juan Diego, dessen Mutter eine Prostituierte und dessen Vater unbekannt ist, lebt zusammen mit seiner Schwester Lupe auf einer Müllkippe in Mexiko. Der Junge rettet dort Bücher vor dem Verbrennen, bringt sich das Lesen und Schreiben selbst bei und zieht dann das große Los: Er wird von der großherzigen transsexuellen Hure Flor und ihrem schwulen Liebhaber, dem ehemaligen katholischen Priester Edward, adoptiert und mitgenommen in die USA.

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Aus dem ehemaligen Müllkippenkind wird in Iowa City, dem Dorado für „Creative Writing“ und angehende Autoren, ein weltberühmter Schriftsteller und angesehener Literaturprofessor. Allerdings ist Juan Diego frühzeitig gealtert, ist Mitte 50 und sieht aus wie Mitte 60, leidet unter Herz- und Erektionsproblemen, nimmt Betablocker und Viagra wild durcheinander. Das verschafft ihm zwar einige aufregende erotische Erfahrungen, aber auch einige körperliche Ausfälle, vor allem auf der Flugreise auf die Philippinen, die er unternimmt, um ein altes Versprechen einzulösen und den Soldatenfriedhof amerikanischer Gefallener aus dem Zweiten Weltkrieg zu besuchen.

Auf dieser wunderlichen Reise lernt er nicht nur die geisterhaften Literatur-Groupies Miriam und Dorothy kennen, die ihn zu erotischen Höchstleistungen treiben, er verfällt auch in komatöse Zustände und alpträumt sich durch sein abenteuerliches Leben.

John Irving beherrscht dieses Changieren zwischen Erlebtem und Erinnertem, zwischen Wunder und Wirklichkeit, Geist und Gosse, Kirche und Katastrophe. Hier ist er auf seinem ureigenen Terrain und schlägt mit skurrilem Humor erzählerische Salti zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Versuchung und Verlust, Tod und Trauer.

„Straße der Wunder“ ist der 14. Roman des 1942 in New Hampshire geborenen und heute im kanadischen Toronto lebenden Erfolgsautors, der für die Drehbuchadaption seines Romans „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ einen Oscar bekam.

Im neuen Roman geht es um Realität und Imagination, Wunsch und Wirklichkeit, Wunderliches und Wundersames. Denn Irving und seine Hauptfigur Juan Diego haben beide eine Obsession für das absurd Unerklärliche, den bizarren Zufall und das Neben- und Durcheinander von schnöder Wirklichkeit und schönem Schein. Eine Heiligen-Statue, die Tränen der Rührung weint, ein seltsames Mutter-Tochter-Gespann, dessen Abbild man nicht im Spiegel sehen kann, ein Mädchen, das die Gedanken anderer Menschen und sogar der Tiere lesen kann – die Liste der wundersamen Menschen und Ereignisse im Roman ist lang.

„Straße der Wunder“ ist eine Art „Meta-Roman“, Irving variiert ironisch einige seiner bekannten Themen und Topoi: Dass die Hauptfigur ein Schriftsteller ist, ein Einzelgänger, Außenseiter, Waisenkind, das kennen wir von Irving. Dass Juan Diego mehrfach aus Romanen zitiert, die der Kenner als Irving-Bücher dechiffrieren kann, ist ein neckisches Spiel.

Dominante Frauen, abwesende Väter, tragische Unfälle, Transsexualität, Aids, Glaube und Aberglaube: alles alte Irving-Themen. Wieder – wie in „Zirkuskind“ – werden wir, wenn Juan Diego sich als Hochseilartist versucht, in die Manege entführt. Die Gedanken lesende Lupe erinnert an „Owen Meany“; Transvestit Flor könnte auch im „Hotel New Hampshire“ logieren; Müllkippenarzt Dr. Vargas wäre auch in „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ gut aufgehoben; und wenn die Zirkuslöwen einem Mädchen das Genick durchbeißen und einen Dompteur zerfleischen, erinnert das an „Die vierte Hand“. Nur ein klassisches Irving-Motiv kommt nicht vor: der Bär. Kein Bär wird nieder gerungen und kein Mensch wird für einen Bären gehalten.

Und sonst? Es gibt ein paar irrlichternde, schillernde Figuren und furios ausgemalte Handlungen. Aber dass der wahre Lesegenuss sich nur dem erschließt, der auch andere, am besten alle Irving-Romane kennt, ist doch etwas hochmütig. Die Erzähl-Konstruktion vom immer wieder weg dösenden und sich schlafend auf Erinnerungsreise begebenden Schriftsteller ist auf Dauer etwas banal.

Zu viele Erlebnisse und Erinnerungen werden zu oft wiederholt. Zu oft auch werden spanische Wörter und Sätze eingestreut und (in Klammern) ins Deutsche übersetzt. Zu oft muss Schriftsteller Juan Diego sagen, was Irving schon in unzähligen Interviews gesagt hat: dass Frauen die wahren Leser und Männer Literaturmuffel sind.

Und zu oft betreibt Irving durch den Mund von Juan Diego „Journalisten-Bashing“: Journalisten sind für Irving alias Juan Diego bei Autoren-Interviews grundsätzlich schlecht vorbereitet und lesen die Romane nicht, über die sie dann kritische Artikel schreiben: nichts als gähnend langweilige Journalisten-Klischees, die den eher mittelmäßigen Roman des zunehmend zu Weitschweifigkeit und Geschwätzigkeit neigenden Irving nicht aufbessern. Ein kritischer Lektor hätte dem Roman gutgetan.

John Irving: „Straße der Wunder“. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Hans M. Herzog, Diogenes Verlag, Zürich. 777 S., 26 Euro.




Aus Komik wird Entsetzen: David Grossmans Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“

Einmal, da war der Stand-up-Comedian Dovele Grinstein noch ein Kind und verbrachte seine Ferien in einem Jugendcamp, wurde er von bösartigen Kerlen in einen Seesack gesteckt und so lange durch die Luft geworfen, bis er winselnd auf den Boden krachte.

Hilfe bekam Dovele nicht, auch nicht von seinem Schulkameraden Avishai Lazar. Denn dem ist der kleine Knirps, der gern auf den Händen läuft, um seine traurige Mutter zum Lachen zu bringen und die garstige Welt mit anderen Augen zu sehen, irgendwie peinlich.

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Avishai, der später ein berühmter Richter werden wird, hat seinen Schulfreund damals nicht nur verraten, sondern später auch ganz und gar vergessen – bis er, nach fast einem halben Jahrhundert, einen Anruf von Dovele bekommt, der Avishai bittet, in eine seiner Vorstellungen zu kommen, mit ihm zu lachen und seinen 57. Geburtstag zu feiern. Das kann ja heiter werden.

Wird es auch. Jedenfalls am Anfang, als der spindeldürre und grell geschminkte Dovele schnell ein paar knackige Witze heraushaut und das Publikum in der Hafenstadt Netanja mit erotischen Anzüglichkeiten zum Brüllen bringt.

Doch das wird sich bald ändern, und aus der kurzweiligen Blödelei wird eine grelle Publikumsbeschimpfung, eine mitleidlose Lebensbeichte und ein fataler Schicksalsbericht, bei dem die Zuschauer irgendwann fluchtartig den Raum verlassen. Wer will schon etwas von Verrat und Schuld, Vernichtung und Tod hören, wenn man sich doch abends nur ein bisschen amüsieren möchte?

Der israelische Autor David Grossman, bisher eher als sanfter Friedensapostel bekannt, hat angesichts von Verdrängen und Vergessen und der in Terrorzeiten um sich greifenden gesellschaftlichen Verrohung in seinem neuen Roman die Tonlage erheblich verschärft: Beim Lesen von „Kommt ein Pferd in die Bar“, das doch vordergründig nur vom Auftritt eines Comedian handelt, bleibt einem wahrlich das Lachen im Halse stecken. Das gilt auch für Avishai, der zum Chronisten dieser bizarren Show wird und bei seinem verratenen und zutiefst verletzten Jugendfreund Abbitte leisten muss.

Während Doveles Witzeleien immer grotesker werden und die zwischen Komik und Entsetzen schlingernde Show Fahrt aufnimmt, kramt Chronist Avishai in seinen Erinnerungen, versucht er zu begreifen, wie er, der einst so lebenslustig war, zum Menschenfeind werden konnte; versucht er zu verstehen, wie der Holocaust und seine Folgen, wie Vernichtung, Tod und die Schuldgefühle der Überlebenden die Gegenwart vergiften.

Eigentlich kann man all das, was Dovele da aus der Vergangenheit ausgräbt, und wie er sich selbst bei jeder Pointe eine schallende Ohrfeige gibt, kaum ertragen. Doch dann hat er noch eine schlimmere Geschichte parat. Die handelt davon, wie der ins Ferienlager abgeschobene kleine Junge plötzlich in einen Laster verfrachtet wird, der ihn zurück nach Jerusalem bringen soll. Während der Fahrer ihn mit Witzen ablenkt, begreift Dovele, dass es zu einer Beerdigung geht. Ein Elternteil ist gestorben. Nur wer, der Vater oder die Mutter, das sagt ihm niemand.

Und so hat Dovele das verzweifelte Gefühl, es liege an ihm, nur er könne und müsse entscheiden, wer tot ist und beerdigt werden muss – und wer weiterleben darf. Wie und ob es gelingen kann, den Schmerz der Vergangenheit zu ertragen und die Sehnsucht nach Vergebung zu stillen, davon erzählt David Grossman auf ebenso verstörende wie faszinierende Weise.

David Grossman: „Kommt ein Pferd in die Bar“. Roman. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Carl Hanser Verlag, München. 255 S., 19,90 Euro.




Das große „Irgendwie“ – zum wolkigen Stand der Dinge beim Berliner Humboldtforum

Plötzlich schrillen sie wieder, die Alarmglocken in Berlin. Eine zeitlang hatte man geglaubt, in der Stadt der gigantischen Fehlplanungen sei man doch noch in der Lage, die ganz großen Aufgaben ohne krisenhafte Begleiterscheinungen zu stemmen.

Nachdem sich beim neuen Flughafen und bei der Sanierung der Staatsoper milliardenschwere Finanz-Löcher und unbegrenzte Bau-Verzögerungen aufgetan haben, schien es, als sei bei dem in Berlins Mitte emporwachsenden Humboldtforum alles im Lot. Die vom italienischen Architekten Franco Stella entworfene Replik des ehemaligen Hohenzollern-Schlosses wächst und gedeiht, die Kosten liegen im Plan. Der für Herbst 2019 anvisierten feierlichen Eröffnung des Forums steht wohl nichts mehr im Wege.

Berliner Schloss - künftige Ansicht von der Nordwestseite her (© Stiftung Berliner Schloss - Humboldtforum / Architekt Franco Stella mit FS HUF PG)

Berliner Schloss – künftige Ansicht von der Nordwestseite her (© Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum / Architekt Franco Stella mit FS HUF PG)

Eigentlich. Denn seit Mitte Januar plötzlich der oberste Manager der Großbaustelle, Manfred Rettig, das Handtuch warf und sich in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedete, ist klar, dass es hinter den Kulissen der pseudo-barocken Schloss-Fassade gehörig kracht. Der Zeit- und Kostenplan, das wird jetzt klar, kann nur eingehalten werden, wenn sich die Begehrlichkeiten der vom britischen Museums-Impresario Neil MacGregor geführten Gründungsintendanz und die Änderungsvorschläge der zukünftigen Ausstellungsmacher in Grenzen halten.

Diffuses Sammelsurium

Bis heute weiß niemand genau, wie das Humboldtforum eigentlich bespielt werden soll und welche innenarchitektonischem Umbauten dafür noch nötig sind. Paul Spies, seit einigen Tagen Direktor des Berliner Stadtmuseums, soll im Forum eine Dependance errichten und auf einer Etage zeigen, was Berlin der Welt zu verdanken und zu geben hat. Die nur ein paar Steinwürfe entfernte Humboldt-Universität wird einige Sammlungen und Fachbibliotheken ins Forum verlagern.

Einstweilen noch eine Vision: Blick ins Foyer des Humboldtforums. (© Stiftung Berliner Schloss - Humboldtforum / Architekt Franco Stella mit FS HUF PG)

Einstweilen noch eine Vision: Blick ins Foyer des Humboldtforums. (© Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum / Architekt Franco Stella mit FS HUF PG)

In einem Veranstaltungszentrum, der „Agora“, soll ein Dialog der Weltkulturen stattfinden. Im Zentrum des Forums aber sollen die über 500.000 Artefakte stehen, die auf ihren Umzug von Berlin-Dahlem nach Mitte warten und jahrzehntelang im Ethnologische Museum und im Museum für Asiatische Kunst lagerten. Wie das alles konserviert und aufbereitet, mit welchen ästhetischen und politischen Schwerpunkten das Material dem Publikum präsentiert werden könnte, und was ein solch diffuses, vom wilhelminischen Erbe kontaminiertes Kunst-Sammelsurium im Herzen der neuen deutschen Republik zu suchen hat, darüber schweigt sich die Gründungsintendanz bisher beharrlich aus.

„Irgendwie“ soll das Ganze auch mit dem interdisziplinären Denken und abenteuerlichen Leben von Alexander und Wilhelm von Humboldt zu tun haben, und schön wäre es auch, so Neil MacGregor, wenn der Islam eine Rolle spielen könnte. Mit hämischem Blick auf das schwammige Museums-Konzept sprach „Die Zeit“ bereits vom „Palast der Verlogenheit“, und die „Frankfurter Allgemeine“ fragte entrüstet: „Baut sich hier ein Monstrum sein eigenes Labyrinth?“

Lauter unbeantwortete Fragen

Neil MacGregor, Wunschkandidat von Kanzlerin Angelika Merkel, freut sich auf einen „Container, der ein Ort sein kann für eine vollkommen neue Beziehung zwischen Deutschland und der Welt“, und schwärmt von einem neuen „Dialog der Berliner Sammlungen, der Stadt Berlin und der Weltöffentlichkeit.“ Geht´s noch ein bisschen wolkiger?

Warum all die mexikanischen Masken und indonesischen Boote, die schon in Dahlem nicht gerade ein Publikumsrenner waren, und warum all die aus dem märkischen Sand geborgenen Gegenstände, die in den Berliner Landesmuseen einstauben und vor sich hin dümpeln, im Humboldtforum plötzlich das Interesse der Kunst-Touristen wecken sollen; wie viel Geld man in die Hand nehmen muss, um die Ausstellungen vorzubereiten; welche Umbauarbeiten im doch schon fast fertigen Schloss noch anstehen, um das Forum zu einem attraktiven Kultur-Treffpunkt im Zeitalter der Unübersichtlichkeit zu machen: Auf all diese Fragen geben bisher weder Neil MacGregor noch seine beiden Kollegen aus der Gründungsintendanz (der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, sowie Kulturhistoriker Horst Bredekamp) verwertbare Hinweise.

Um die richtigen und längst überfälligen konzeptionellen Entscheidungen zu treffen, könnte es nicht schaden, sich die kurze Geschichte der „Humboldt-Box“ vor Augen zu führen. Der eigens neben die Baustelle gestellte Event-Turm ist ein Publikumsmagnet, weil man auf der oberen Plattform kulinarisch verköstigt wird und einen tollen Blick über die Mitte Berlins, die Museumsinsel, den Dom und das Brandenburger Tor hat. Hingegen liegen die Ausstellungsräume, in denen über den Wiederaufbau des Schlosses und die möglichen Aufgaben des Humboldt-Forums informiert wird, in verwaister Stille. Statt im und mit dem Humboldtforum über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der wiedervereinigten Republik in einer globalen Welt zu streiten, herrscht nur das große „Irgendwie“.




Sinfonie des Aufstands – Cate Blanchett in Julian Rosefeldts Videoprojekt „Manifesto“

Die Anzahl ihrer Oscar-Nominierungen ist groß, und zweimal schon hat Cate Blanchett die begehrte Trophäe tatsächlich erhalten.

Einmal für ihre Darstellung der Katharine Hepburn in Martin Scorseses „Aviator“, ein anderes mal für ihre Mitwirkung in Woody Allens „Blue Jasmine“. Jetzt stand sie für die Titelrolle in der Patricia-Highsmith-Verfilmung von „Carol“ ganz oben auf der Kandidaten-Liste. Für eine erneute Trophäe hat es nicht ganz gereicht.

Szene mit Cate Blanchett aus Julian Rosefeldts "Manifesto", 2014/15. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Szene mit Cate Blanchett aus Julian Rosefeldts „Manifesto“, 2014/15. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Die 1969 in Melbourne geborene Cate Blanchett gehört jedenfalls zu den ganz großen Schauspielerinnen der Gegenwart. Wie wandelbar und experimentierfreudig die australische Diva ist, die allein durch ihre Präsenz jedes Kunstprojekt adelt, zeigt sich jetzt in einer Aufsehen erregenden Video-Installation im Hamburger Bahnhof, dem Museum für Gegenwart in Berlin. „Manifesto“ heißt die filmische Choreographie des 1965 in München geborenen und heute in Berlin lebenden Julian Rosefeldt, bei der Cate Blanchett in zwölf völlig verschiedenen Rollen auftritt.

Auf unzähligen Leinwänden flimmern 10-minütige Projektionen, vermengen und vermischen, überlagern und widersprechen sich Thesen und Themen politischer und künstlerischer Manifeste.

Kaum zu glauben: Auch das ist Cate Blanchett - ebenfalls in Julian Rosefeldts "Manifesto", 2014/15. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Kaum zu glauben: Auch das ist Cate Blanchett – ebenfalls in Julian Rosefeldts „Manifesto“, 2014/15. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Gesprochen und gespielt werden die verblüffend aktuellen Text-Passagen der notorischen Weltverbesserer und Kunstzertrümmerer von Cate Blanchett: Sie kommt mal als bärtiger Penner daher, mal als schnieke Börsenmaklerin, sie ist Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage und eine tätowierte Punkerin, Puppenspielerin und Trauerrednerin, Reporterin und Lehrerin, sie ist immer wieder anders, bringt die von Julian Rosefeldt gebaute Text- und inszenierte Bild-Collage zum Klingen und demonstriert eindringlich, wie Worte zu Handlungen werden und die Welt verändern.

...und noch einmal die australische Schauspielerin Cate Blanchett - in Julian Rosefeldts "Manifesto", 2014/15. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

…und noch einmal die australische Schauspielerin Cate Blanchett – in Julian Rosefeldts „Manifesto“, 2014/15. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Ausgangspunkt allen Aufbegehrens ist das „Kommunistische Manifest“ von Marx und Engels („Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“), dann kommen all die ästhetisch aufmüpfigen Manifeste zu Wort: Filippo Tommaso Marinetti (Futurismus), Kasimir Malewitsch (Konstruktivismus), Tristan Tzara (Dadaismus), André Breton (Surrealismus), die März-Fantasien von Kurt Schwitters, Claes Oldenburgs Plädoyer für die Pop Art, Sol LeWitt und seine Vision der Konzeptkunst, Lars von Trier und sein filmisches Dogma: überall werden programmatische Statements frech kombiniert, provokativ bebildert und von Cate Blanchett zu einer Sinfonie des Aufstands orchestriert.

Das ebenso poetische wie philosophische Videoprojekt verdankt sich einem Zufall. Bei der Vernissage eines gemeinsamen Bekannten kamen Rosefeldt und Blanchett ins Plaudern, fanden Interesse aneinander, verabredeten locker eine gemeinsame Arbeit. Als Blanchett für die Dreharbeiten von „Monuments Men“ in Berlin war, ging es schnell und intensiv zur Sache. In wenigen Tagen wurde „Manifesto“ in einem „rauschhaften Zustand“ (Rosefeldt) realisiert.

„Manifesto“. Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin. Bis 10. Juli, Mo/Di/Fr 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr, Katalog 27 Euro.




Bedrohlicher Rosenkavalier – Donna Leons Opernkrimi „Endlich mein“

Die Rückkehr von Gesangs-Diva Flavia Petrelli nach Venedig gleicht einem Triumph. Das Opernhaus La Fenice ist jeden Abend ausverkauft. Tatsächlich scheint Flavia die Titelrolle der „Tosca“ auf den Leib geschneidert, und wenn sie beim dramatischen Finale sich über ihre Widersacher erhebt und selbstbewusst in den Tod flieht, sind ihr stehende Ovationen gewiss.

Doch in die Freude über die Liebe der Opernfans mischen sich neuerdings Nervosität und Angst. Eigentlich hat sie gelernt, mit Ruhm und Rummel umzugehen, auch noch zu lächeln und Autogramme schreiben, wenn sie todmüde ist und nur noch ins Bett möchte. Aber seit es jeden Abend beim Schlussapplaus gelbe Rosen regnet und ein unbekannter Verehrer ihre Garderobe in ein Blumenmeer verwandelt, ist ihr doch etwas mulmig zumute.

DonnaleonWer ist dieser namenlose „Rosenkavalier“, warum gibt er sich nicht zu erkennen und was bezweckt er mit seinen Nachstellungen, die – wenn sie sich recht entsinnt – bei ihren Auftritten in Sankt Petersburg und London begonnen haben und jetzt in Venedig geradezu ausufern?

Schon zweimal, im „Venezianischen Finale“ und in „Acqua Alta“, hat Commissario Brunetti das Vergnügen gehabt, sich um Flavia Petrelli zu kümmern und Schaden von ihr abzuwenden. Das ist lange her, aber nicht vergessen – vor allem nicht von Opern-Kennerin und Schriftstellerin Donna Leon, die verschiedene Barock-Ensembles finanziell unterstützt, als Händel-Spezialistin einen guten Ruf genießt und sich weltweit auf dem Opern-Parkett bewegt.

Wenn Donna Leon für ihren nunmehr 24. Brunetti-Krimi die lange vermisste Opern-Diva reaktiviert und zu einem Gastspiel nach Venedig einlädt, gibt es mithin nicht nur pure Wiedersehensfreude und opulente Opernfeste, sondern auch einen handfesten Kriminalfall. Denn was so harmlos mit gelben Rosen beginnt, da ist sich Brunetti gleich beim ersten Treffen mit der angespannt wirkenden Flavia ziemlich sicher, könnte böse und blutig enden.

Werden die Liebes-Bekundungen des Stalkers nicht erwidert, können sie schnell in Hass umschlagen und könnte aus dem unbekannten auch ein tödlicher Rosenkavalier werden. Oder ist der Fan, der anonym im Dunkeln agiert und bald beginnt, Flavias Bekannte als unerwünschte Nebenbuhler zu betrachten und zu attackieren, vielleicht gar eine Frau?

Nach dem einen oder anderen eher langweiligen Brunetti-Roman ist die seit vielen Jahren in Venedig lebende US-Autorin Donna Leon diesmal wieder in Hochform. Man spürt auf jeder Buchseite, welche Freude es ihr bereitet, über Schönheit und Abgründe der Opernwelt zu philosophieren. Und wie traurig es sie macht, dass Venedig zur bunten Kulisse für unaufhörliche Touristenströme geworden ist. Wo einst kleine Läden und Bars ihren morbiden Charme hatten, haben sich längst billige Ramschläden breit gemacht. Flavia Petrelli erkennt ihr geliebtes Venedig kaum wieder.

Der sympathische Melancholiker Guido Brunetti und seine – wie immer – äußerst kultivierte und belesene Gattin Paola schütteln nur noch angewidert den Kopf und verschanzen sich, natürlich bei einem guten Glas Wein und einem klugen Gespräch über Musik und Literatur, auf ihrer Dachterrasse. Doch dann muss Brunetti wieder rein ins reale Leben. Denn die Liste der Opfer wird immer länger, es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch Flavia – im wahrsten Sinne des Wortes – zu Tode geliebt wird.

Brunetti, von einigen polizeiinternen Intrigen kurzzeitig abgelenkt, braucht jetzt viel Feingefühl und – wie stets – die Hilfe der Computer-Fachfrau Signorina Elettra und seines Kollegen Vianello. Dass es schließlich zu einem spannenden Showdown in der Oper und im Bühnenbild von „Tosca“ kommt, hätte man sich eigentlich denken können.

Donna Leon: „Endlich mein.“ Commissario Brunettis vierundzwanzigster Fall. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Schmitz. Diogenes Verlag, Zürich. 307 Seiten, 24 Euro.




Wirren nach dem Wirbelsturm – Richard Ford lässt seinen Frank Bascombe wieder aufleben

Herbst 2012. Wirbelsturm Sandy zieht über die Ostküste der USA und hinterlässt eine Schneise der Zerstörung. Vor allem im sonst so idyllischen New Jersey werden schicke Sommerhäuser und teure Prachtvillen von den Naturgewalten hinweg gefegt und ganze Kleinstädte unbewohnbar. Doch ausgerechnet Frank Bascombe, der in seinem ereignisreichen Leben nicht gerade vom großen Glück verwöhnt wurde und sich als Schriftsteller, Sportreporter und Immobilienmakler mehr schlecht als recht durch gewurstelt hat, bleibt diesmal verschont.

Rechtzeitig, auf dem Höhepunkt der Immobilienblase und kurz bevor das ganze marode Bankensystem kollabierte, hat Frank für gutes Geld seine Strandvilla im (fiktiven) Örtchen Sea-Clift verkauft und sich ein anderes Haus gekauft, im Hinterland und weit genug von der Küste entfernt, um jetzt mit der ihm eigenen Mischung aus larmoyanter Melancholie und zynischem Nihilismus auf ein Amerika zu blicken, hinter dessen kaputter Fassade tiefe Verunsicherung lauert, aber auch trotziger, einfach nicht tot zu kriegender Pioniergeist haust.

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Welcome Back, Frank! Eigentlich wollte der US-amerikanische Autor Richard Ford seinen literarischen Lieblingshelden („Der Sportreporter“, „Unabhängigkeitstag“, „Die Lage des Landes“) ja in den Ruhestand schicken. Doch nach den vom Wirbelsturm Sandy angerichteten Verwüstungen konnte Ford nicht anders und musste den mittlerweile 68-jährigen Chronisten des modernen Amerika über die materiellen und emotionalen Schlachtfelder des Zeitgeistes schicken.

Entstanden sind vier Erzählungen, in denen Bascombe die Orte der Zerstörung besucht, sich mit Alter und Krankheit auseinandersetzt und – natürlich – die fragile Lage des Landes bitterböse seziert. Aus dem Wortspiel des amerikanischen Original-Titels („Let Me Be Frank With You“ – etwa: Lassen Sie mich offen mit Ihnen reden) wird in der deutschen Fassung einfach (und etwas weniger fantasievoll) „Frank“.

Einmal tröstet Frank einen Freund, dem er vor Jahren sein Haus in Sea-Clift verkauft hat und der nun fassungslos in den Ruinen herumstochert. Ein anderes Mal besucht er seine Ex-Gattin Ann, sie leidet an der Parkinson-Krankheit, und ihre superteure Senioren-Residenz kommt Frank vor wie ein bizarres Luxus-Gefängnis. Ein todgeweihter alter Bekannter macht Frank ein unerwartetes Geständnis.

Und dann ist da noch die fremde dunkelhäutige Frau, die plötzlich vor Franks Tür steht und um Einlass bittet. Als Kind hat sie hier einmal gewohnt, zu einer Zeit, als es noch eine Provokation war, dass Schwarze in einem für Weiße reservierten Viertel lebten. Frank führt die seltsam abwesende Frau durchs Haus und spürt, dass sie in den Räumen ihrer verlorenen Kindheit nach etwas Bestimmten sucht, vielleicht nach dem Echo ihrer schmerzlichen Erinnerungen, vielleicht nach Erlösung. Denn hier, in diesem unscheinbaren bürgerlichen Haus, hat sich einst eine fürchterliche Tragödie abgespielt. Nichts ist, was es scheint. Nur eines ist gewiss: der Tod. Das weiß auch Frank, der einmal sagt, das Leben sei vor allem etwas „Wimmelndes, Verwirrendes, gefolgt vom Ende.“

Mögen Frank, diesem passionierten Worte-Schmied, noch ein paar gute Jahre bleiben. Vielleicht gönnt ihm Richard Ford ja ein komisches Finale und einen würdigen Abgang. Als Leser wäre man gern dabei.

Richard Ford: „Frank“. Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Herbert. Hanser Berlin. 223 Seiten, 19,90 Euro.




Der Schmerz nach dem Terror hört niemals auf – Zeruya Shalevs erschütternder neuer Roman

Iris steht als Schulleiterin mit beiden Beinen im Leben. Sie ist eine selbstbewusste Frau, hat zwei Kinder großgezogen, und in einer eher freudlosen Ehe erträgt sie die Macken und Marotten ihres Ehemanns mit stoischem Gleichmut.

Doch hinter der Fassade lauern lange verdrängte Verletzungen und kaum erträgliche Schmerzen, deren Ursachen weit in der Vergangenheit liegen: Vor 30 Jahren, da war Iris fast noch ein Kind, hat Eitan, ihre erste große Liebe, sie von einem auf den anderen Tag verlassen. Und vor 10 Jahren wurde Iris Opfer einer Terror-Attacke, als ein Selbstmord-Attentäter sich mitten in Jerusalem in die Luft sprengte.

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Nur knapp hat Iris dieses fürchterliche Inferno aus abgetrennten Gliedmaßen und Blutlachen überlebt. Bis heute wird sie, wenn sie sich die grausamen Bilder in Erinnerung ruft, von ebenso realen wie eingebildeten Schmerzen heimgesucht. Als, auf der Suche nach Linderung ihrer Pein, in einer Klinik ausgerechnet Eitan ihr behandelnder Arzt wird, gerät Iris in einen Strudel aus Leidenschaft und Lüge, erotischer Spannung und Liebes-Verrat. Doch kann das Wunder der wieder gefundenen Liebe sie wirklich heilen?

In den Romanen der israelische Autorin Zeruya Shalev geht es immer um die Liebe, die selten zum Glück führt, sondern meistens eine Art Leidensweg darstellt: Überall emotionale Abhängigkeiten, vergiftetet Beziehungen, scheiternde Ehen. Das ist auch in dem neuen Roman „Schmerz“ nicht anders.

Neu ist, dass Shalev diesmal sich selbst und ihre eigenen Erlebnisse in den Roman mit einbezieht. Denn die Autorin, die mit „Liebesleben“, „Mann und Frau“, „Späte Familie“ zu einer der bedeutendsten Erzählerinnen der Gegenwart wurde, ist vor einigen Jahren selbst in Jerusalem Opfer eines terroristischen Anschlags geworden und überlebte das Blutbad schwer verletzt. Sie weiß also nur zu genau, was Iris, ihre Hauptfigur, durchgemacht hat und von welchen körperlichen und seelischen Schmerzen sie seitdem gepeinigt wird. Sicherlich ein Grund dafür, warum das Buch noch bedrückender und verzehrender ist als ihre bssherigen Romane.

Erzählt wird die komplexe Geschichte in einer atemlos wirkenden Gleichzeitigkeit der Ereignisse und Gedanken. Beschreibungen und Reflexionen werden eng miteinander verknüpft, endlose Satzfolgen aufgetürmt und übereinander geschichtet. Und vielleicht würde Iris ohne ihre Tochter Alma nie wieder hinausfinden aus diesem Labyrinth aus Terror-Trauma und Liebes-Sehnsucht, radikalem Schmerz und erotischer Grenzerfahrung.

Alma, von Schuldgefühlen und Identitätsproblemen heimgesucht, verfällt den Verlockungen eines Sektenführers und lässt sich als Sex-Sklavin ausbeuten. Wenn Iris ihreTochter retten will, muss sie erst mit sich selbst ins Reine kommen. Das tut weh und ist auch für den Leser nur schwer zu ertragen.

Um den Tod zu überwinden und das Leben zu feiern, hat Zeruya Shalev nach dem Terroranschlag ein kleines Kind adoptiert -und diesen Roman verfasst. Hoffentlich hat das ihren Schmerz ein wenig lindern können.

Zeruya Shalev: „Schmerz“. Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Berlin Verlag. 383 Seiten, 24 Euro.




Darf man über Untaten schweigen? Javier Marías‘ Roman „So fängt das Schlimme an“

Warum sprechen wir ständig über Dinge, die wir eigentlich gar nicht wissen können? Warum wühlen wir in Gerüchten und Lügen und präsentieren sie als vermeintliche Wahrheiten? Könnte es nicht manchmal sinnvoll sein, über mögliche Verbrechen zu schweigen und Untaten mit dem Mantel des Vergessens zuzudecken, mithin das Schlimme zu vermeiden, damit das hinter der Szenerie lauernde noch noch Schlimmere gebannt bleibt?

Mit solchen Fragen zur Psychologie des politischen und philosophischen Erkenntnisinteresses beschäftigt sich Javier Marías in seinem neuen Roman „So fängt das Schlimme an“. Schon der Titel des Buches spielt auf Shakespeare an, der einmal sagte: „Thus bad begins ans worse remains behind“.

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Das Spiel mit Shakespeare ist beim spanischen Autor, der sich mit Romanen wie „Mein Herz so weiß“ oder „Morgen in der Schlacht denk an mich“ in die Weltliteratur schrieb und eine zeitlang in Oxford lebte und lehrte, nichts Neues. Immer wieder kommt er in seinen vielschichtigen Erzähl-Variationen über die Schwierigkeit, die Wahrheit von der Lüge, die Fiktion von der Realität und das Wunschdenken von den Fakten zu unterscheiden, auf den englischen Literatur-Giganten zurück.

Diesmal gibt Marias seinem Ich-Erzähler sogar einen anspielungsreichen Namen: Denn Juan, der von heute aus auf eine Zeit zurückschaut, als er noch ein 23jähriger Film-Freak war und sich naiv in ein Gespinst aus Lug und Trug, Liebe und Hass, Leidenschaft und Tod verwickeln ließ, trägt den Nachnamen de Vere – ist also ein literarischer Nachfahre von Edward de Vere, Earl of Oxford, Abenteurer, Duellant und Dichter, den manche für den wahren Shakespeare halten. Dessen Vorname – Edward – aber trägt im Roman die Person, die für den Erzähler Juan zum Vater-Ersatz wird: Eduardo Muriel, Film-Regisseur und Ikone des spanischen Kinos, bei dem Juan als Assistent anheuert.

Wir schreiben das Jahr 1980, vor wenigen Jahren ist General Franco gestorben und die klerikal-faschistische Diktatur sang- und klanglos verschwunden. Um ohne Blutvergießen den Aufbruch in die Demokratie zu ermöglichen, wird allen Tätern und Mitläufern eine Amnestie gewährt.

In diesem Milieu des Schweigens und Verdrängens gedeihen Gerüchte, deren Wahrheitsgehalt niemand überprüfen kann. Hat Doktor Jorge van Vechten seine Karriere und seinen Reichtum wirklich nur der Tatsache zu verdanken, dass er williger Helfer der Faschisten war? Benutzt er sein Wissen über die Geheimnisse der Menschen tatsächlich, um sie zu erpressen und Frauen sexuell zu nötigen?

Juan soll das im Auftrag seines Chefs herausbekommen. Denn van Vechten ist ein Freund des Film-Regisseurs und vielleicht sogar ein Liebhaber von Muriels Gattin Beatriz. Juan wird zum Spion wider Willen: Ihm ist das Geschnüffel widerlich, und peinlich ist ihm auch, dass er sich auf eine kurze Affäre mit Hausherrin Beatriz einlässt.

Doch als Juan endlich der ganzen Wahrheit über den dubiosen Arzt und über die Ehehölle der Muriels nahekommt, gebietet ihm der Regisseur zu schweigen. Er will das Schlimme doch lieber nicht wissen, um das noch Schlimmere zu bannen.

Dass die verwickelte, von literarischen Anspielungen, filmhistorischen Hinweisen, politischen Abgründen und erotischen Vergnügungen durchwirkte Geschichte nicht gut ausgehen kann, ist klar. Doch wie Javier Marías auf ein furioses Finale zusteuert und das gefährliche Intrigen-Spiel zu einem (halbwegs) versöhnlichen Ende bringt, ist ganz großes Erzähl-Kino.

Javier Marías: „So fängt das Schlimme an“. Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. S. Fischer Verlag, Frankfurt, 638 Seiten, 24,99 Euro.




Das Elend des Authentischen: „Träumen“ – noch so ein Lebensroman von Karl Ove Knausgård

Um Karl Ove Knausgård ist ein regelrechter Hype entstanden. Sein sechsteiliger Roman-Zyklus wurde in Norwegen, einem Land von gerade einmal 5 Millionen Einwohnern, über 500.000 Mal verkauft. In Amerika und England schwärmen Kritiker in höchsten Tönen, und die Schriftstellerin Zadie Smith meinte, sie sei „süchtig“ und „brauche den nächsten Knausgard-Band wie Crack“. Jetzt ist auf Deutsch „Träumen“, der fünfte Band der literarischen Autobiografie erschienen, die im norwegischen Original den für deutsche Ohren arg befremdlichen und provokanten Titel „Min Kamp“ („Mein Kampf“) trägt.

Gerade im digitalen Zeitalter, wo Selbstdarstellung und Voyeurismus suchtartige Züge tragen und viele Menschen zwar unzählige virtuelle Freunde haben, aber kaum noch realen Kontakte pflegen, scheint ein großes Bedürfnis nach authentischer, unverstellter Wirklichkeit zu bestehen.

Knausgard

Wenn Knausgård in seinen Romanen die Leser mitnimmt in die Untiefen seines Daseins und ihnen offenbar sämtliche Erlebnisse und Gedanken, Ängste und Selbstzweifel, Siege und Niederlagen mitteilt, dann haben sie das Gefühl, sie würden am Leben des Autors teilhaben – ein typisches Beispiel von Über-Identifikation und eine große Illusion. Denn Leben und Literatur, Erinnertes und Geschriebenes, Erlebnis und Sprache sind nie identisch.

Alles, woran sich Knausgård erinnert und was er bis ins letzte Detail beschreibt, wird intellektuell und emotional bearbeitet. Aus dem Bekenntniszwang entsteht Literatur, die nicht eine reale, sondern eine künstliche Wirklichkeit spiegelt.

Onanie und andere Kleinigkeiten

In den bisherigen Romanen („Sterben“, „Lieben“, „Spielen“, „Leben“) hatte Knausgård schon fast sein ganzes Leben vermessen: In „Träumen“ geht er noch einmal zurück in die Jahre zwischen 1988 und 2002 und beschreibt, wie er mit einem Stipendium an die Literaturakademie in Bergen kommt und dort den Unterricht bei keinem Geringeren als den norwegischen Literaturstar Jon Fosse erlebt und erleidet; wie er sich in der ständig verregneten Stadt eine kleine Wohnung nimmt, mit seinem Bruder Yngve auf Sauftoren geht, sich unglücklich verliebt und mehrmals am Tag mit einem Porno-Heft auf dem Klo verschwindet, um ausführlich zu onanieren.

Sein erster Romanversuch scheitert, er schmeißt das Studium hin, versucht sich in vielen Jobs, heiratet und hat irgendwann tatsächlich einen ersten kleinen literarischen Erfolg. Doch als ihm nach einer erotischen Eskapade der Vorwurf der Vergewaltigung gemacht wird, verlässt er seine Frau, geht ins Exil nach Schweden und beginnt dort mit dem gigantischen autobiografischen Roman-Projekt, mit dem er sich endgültig frei schreiben und einen Namen machen wird.

Wo alles gleichermaßen (un)wichtig ist

Knausgård bietet den Lesern wieder genau das, was sie erhoffen und erwarten. Wer nicht genug davon bekommen kann, ein ganzes Menschenleben aufzusaugen und noch in der kleinsten Banalität nach authentischem Leben zu fahnden, kommt auch hier wieder auf seine Kosten. Wer allerdings gegen den Wirklichkeitstaumel resistent ist und dem Suchtpotenzial des Alltäglichen widersteht, wird gelangweilt sein vom ewigen Einheits-Brei eines Literatur-Quarks, bei dem alles gleich wichtig – oder eben: unwichtig – ist.

Wenn alles in einem gleichförmigen Erzählfluss mäandert und die frühzeitige Ejakulation des Autors beim Geschlechtsverkehr denselben Stellenwert hat wie seine Beschäftigung mit Paul Celans „Todesfuge“, dann sehnt man sich nach literarischer Gewichtung und poetischer Konzentration. Doch die wird man bei Knausgård, für den das Leben und das Schreiben ein permanenter Kampf sind, nicht finden.

Über den jungen Literaturstudenten lästert einmal ein Kommilitone, Knausgård sei ja wirklich ein schöner Mann, aber leider ein ganz schlechter Autor. Der ständig zwischen Versagensangst und Größenwahn schwankende Knausgard leidet bei solchen hämischen Bemerkungen wie ein Hund. Doch wo der einstige Kommilitone recht hat, hat er recht.

Karl Ove Knausgård: „Träumen“. Roman. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand Literaturverlag, München. 796 S., 24,99 Euro.




Die Kraft der Hoffnung – Aharon Appelfelds Roman „Ein Mädchen nicht von dieser Welt“

appelImmer wieder hat der große israelische Autor Aharon Appelfeld vom Holocaust erzählt und davon, wie er es schaffte, dem Wahnsinn zu entkommen.

Als Kind musste er sich in den ukrainischen Wäldern verstecken, um den Nazi-Schergen und der Vernichtungsmaschinerie zu entkommen. Jetzt kehrt der 1932 in Czernowitz geborene Appelfeld noch einmal an den Ort des Grauens zurück und erzählt, mit den Augen eines ebenso weisen wie greisen Kindes, wie es zwei Jungen und einem Mädchen gelingt, dem Tod zu entrinnen, indem sie sich im Wald verbergen, sich gegenseitig beschützen und den Glauben an das Leben und die Liebe nicht verlieren.

„Ein Mädchen nicht von dieser Welt“ liest sich wie ein Märchen über die Kraft der Hoffnung und den Zauber der Natur. Alles, was den Kindern im Wald widerfährt, ist real, doch nichts ist wirklich. Alles scheint ein böser Traum, aus dem man nur aufwachen kann, wenn man Vertrauen hat, mutig ist und Freundschaften pflegt.

Adam und Thomas werden, als die Nazis das Ghetto auflösen und die Menschen in die Vernichtungslager abtransportieren, von ihren Müttern in den Wald gebracht. Ganz auf sich allein gestellt, müssen sie lernen zu überleben. Sie bauen sich ein Nest, essen die Früchte des Waldes und versorgen Verletzte, die auf der Flucht sind und durch den Wald huschen. Sie sind noch Kinder, doch sie denken und handeln, wie es Erwachsene tun sollten: vernünftig und voller Mitgefühl und Menschlichkeit.

Auf einer Lichtung lernen sie Mina kennen. Das jüdische Mädchen wird von einem Bauern versteckt, der sie jedoch schlägt und hungern lässt. Trotzdem bringt sie den Jungen immer wieder ein paar Essensreste und hilft, wo sie nur kann. Eines Tages finden die Jungen das vom Bauern schwer misshandelte Mädchen mehr tot als lebendig und bringen es in ihr Versteck.

Der Winter kommt und der Tod ist nah. Da hofft man als Leser nur noch, dass all das, was Appelfeld ohne jeden Schnörkel und ohne jedes Psychologisieren in einer glasklaren und doch märchenhaft schönen Sprache erzählt, ein halbwegs gutes Endes nimmt.

Aharon Appelfeld: „Ein Mädchen nicht von dieser Welt.“ Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Rowohlt Berlin, 128 S., 18 Euro.




„Im großen Stil“: Abgründiger Kunstmarkt-Krimi in Wien und Berlin

Der Schlaf der Vernunft, das wusste schon Goya, gebiert Ungeheuer. Zum Beispiel einen Kunstmarkt, der seltsame Blüten treibt. Da tummeln sich dubiose Händler, notorische Fälscher und gewissenlose Gefälligkeitsgutachter, dreiste Diebe, großspurige Mäzene und milliardenschwere Sammler.

Wo Kunst zur Geldmaschine wird, sind auch Gier und Neid nicht weit. Das müssen auch die Wiener Inspektorin Anna Habel und der Berliner Kommissar Thomas Bernhardt erfahren. Nachdem fast zeitgleich ein Kunstgutachter in Wien und ein Kunsthändler in Berlin ermordet werden, versinken die beiden Polizisten in einem Sumpf aus Hass und Intrige, Geldgier und Rachsucht. Denn wo „Im großen Stil“ Kunst verkauft wird, wird nicht nur gefälscht und geklaut, gelogen und betrogen, sondern auch blutig gemordet.

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„Im großen Stil“ ist der vierte Fall für das vom Krimi-Duo Bielefeld & Hartlieb erfundene Polizei-Gespann Habel & Bernhardt, das auf wundersame Weise immer wieder zusammen arbeiten und kompliziert verschlungene Mordfälle in kulturellen Gefilden aufklären muss. Mal geht es um den Literaturzirkus („Auf der Strecke“), mal ums Theatermilieu („Nach dem Applaus“), mal um noblen Wein („Bis zur Neige“). Jetzt ist der kriminelle Kunstmarkt an der Reihe.

Wohin die hyperaktive Habel in Wien und der mufflige Bernhardt in Berlin auch kommen, überall begegnen ihnen neue Rätsel: Sind die Bilder, die sich in der Villa des toten Kunsthändlers finden, echt oder falsch? Und welche von den Gutachten, die der ermordete Kunstexperte verfasst hat, sind nichts als Lug und Trug?

Draußen ist der schönste Frühling, und sowohl der melancholische Zyniker Thomas Bernhardt als auch die zum sympathischen Chaos neigende Anna Habel würden gern ihren Gefühlen freien Lauf lassen, sich frisch verlieben, das Leben genießen. Doch diese Momente des kleinen privaten Glücks bleiben rar. Zu vertrackt und zu verschachtelt sind all die Fährten, Fäden und Finten, die entwirrt und entschlüsselt werden müssen. Was haben der ehemalige Stasi-Mann und die eitle Schauspiel-Diva, der süffisant lächelnde Mäzen, die von muskulösen Personenschützern umringte Kunsthändlerin und der charmante Bilder-Sammler mit den Morden zu tun?

Wer befürchtet haben könnte, die literarisch-kriminalistische Berlin-Wien-Verbindung nutze sich allmählich ab, wird angenehm überrascht. Mit ironischem Lokalkolorit, psychologischem Feingefühl und tiefem Einblick in Abgründe des Kunstbetriebs werden die (ehemaligen Literaturkritiker) Claus-Ulrich Bielefeld und Petra Hartlieb immer besser. Ihnen auf der abgründig-mörderischen Schnitzeljagd zu folgen, ist einfach ein großer, anspielungsreicher, spannender Spaß.

Bielefeld & Hartlieb: „Im großen Stil.“ Diogenes Verlag, Zürich, 416 Seiten, 14,90 Euro.




„Hier bin ich! Hier darf ich!“ – Wie Robert Wilson und Grönemeyer „Faust“ verjuxen

Während das Publikum noch Platz nimmt, wabern schon wilde Rock-Rhythmen und Folk-Balladen durch den Saal. Auf der Bühne posieren aufgekratzte Mimen, trällern ein Liedchen, wirbeln munter durcheinander.

Sie suchen sich und ihre Rolle, wollen auffallen und gefallen, denn „ihr wisst, auf deutschen Bühnen / probiert ein jeder, was er mag“. Goethes „Vorspiel auf dem Theater“ als chaotische Casting-Show und „Faust I und II“, die deutscheste aller deutschen Theater-Tiefbohrungen als munteres Musical. Das kann ja heiter werden.

Konfrontation: Faust (Fabian Stromberger, li.) und Mephisto (Christopher Nell). (Foto: Lucie Jansch/Berliner Ensemble)

Konfrontation: Faust (Fabian Stromberger, li.) und Mephisto (Christopher Nell). (Foto: Lucie Jansch/Berliner Ensemble)

Wird es auch. Denn der Theater-Regisseur, Möbel-Bauer und Licht-Designer Robert Wilson bolzt gut gelaunt und frei von jedes Gedankens Blässe im Berliner Ensemble die absolute Kurzversion eines überdimensional langen Textes auf die Bühne. Wofür Dichterfürst Goethe 500 Druckseiten und über 12.000 Verse benötigte und was in der legendären Expo-2000-Inszenierung von Peter Stein 14 Stunden dauerte: Bei Bob Wilson fliegt Goethes Mysterien-Ritt – vom Himmel über die Erde in die Hölle – in knappen vier Stunden dahin.

Dramaturgin Jutta Ferbers hat ganze Arbeit geleistet und mit der Axt alles weggeholzt, was nicht in Gesang und Tanz umgedeutet werden kann. Was es auf sich hat mit dem Gelehrten, der sich mit dem Teufel einlässt, warum Leidenschaft und Verstand, Genie und Wahnsinn, Versuchung und Verfehlung miteinander ringen: alles einerlei. Wer Goethes „Faust“ nicht kennt, wird ihn hier nicht finden.

Dafür aber (und das mutet paradox an, hatte doch BE-Intendant Claus Peymann jüngst wieder heftig gegen „Event“-Kultur polemisiert) bescheren Regisseur Wilson und Musiker Herbert Grönemeyer dem unterhaltungswilligen Publikum einen äußerst kurzweiligen Szenen-Reigen, bei dem deutscher Rock und kerniger Chorgesang einen faustischen Pakt eingehen und alle laut jubilieren: „Hier bin ich! Hier darf ich! Hier bin ich Mensch! Hier darf ich´s sein!“: Yeah! That´s Great! Gimme Five!

Szene mit (v. li.) Alexander Wanat, Joshua Seelenbinder, Nicolaas van Diepen, Marvin Schulze und Christopher Nell. (Foto: Lucie Jansch/Berliner Ensemble)

Szene mit (v. li.) Alexander Wanat, Joshua Seelenbinder, Nicolaas van Diepen, Marvin Schulze und Christopher Nell. (Foto: Lucie Jansch/Berliner Ensemble)

Faust gibt es gleich in vierfacher Ausführung, Grete wird verdreifacht, Valentin verdoppelt: Das macht zwar keinen Sinn, wirkt aber irgendwie dynamisch. Da kann man die Text-Happen auch noch kleiner hacken und aufteilen und zudem mehr Akteure punktgenau mit dem Scheinwerfer ausleuchten und aus dem sinnfreien Bühnen-Gemurkse ein geheimnisvolles Gemälde aus Licht und Schatten machen.

Außerdem fällt dann nicht so ins Auge, dass Bob Wilson diesmal vor allem mit Schauspiel-Schülern arbeitet und sich weder für das komplizierte Stück noch für die komplexe Sprache Goethes interessiert.

Einzig Mephisto, gespielt von Christopher Nell, gewinnt Kontur und Farbe: ein androgyner, sanft salbadernder und hinterhältig grinsender Spielleiter, der alle anderen, vielfach geklonten Menschen-Monster durchs Geschehen schubst. Mal greift Mephisto den süffisant singenden Engeln an die Brüste, mal schaut unter dem Gewand eines Bischofs ein riesiger Penis hervor.

Das soll komisch sein, ist aber doch nur bieder. So wie die Musik von Grönemeyer, die schenkelklopfend lustig und selbstironisch sein möchte, aber doch nur mit ein paar wenigen Noten und simplen Melodien auf der Stelle tritt. „Alles Vergängliche / Ist nur ein Gleichnis; / Das Unzulängliche, / Hier wird´s Ereignis“, singt der „Chorus Mysticus“ zum großen Finale. Besser hätte man die Kritik an der ziellos durchs Faust-Mysterium flatterten Inszenierung nicht formulieren können.

Berliner Ensemble, nächste Vorstellungen am 17., 18., 19., 22. Mai., 14.,15.,16. Juni, Karten unter 030/28 40 81 55.

  • „Faust I und II“ ist die zweite Zusammenarbeit des 1941 geborenen US-amerikanischen Regisseurs, Architekten und Licht-Designers Robert „Bob“ Wilson mit dem 1956 geborenen deutschen Musiker und Schauspieler Herbert Grönemeyer.
  • Wilson und Grönemeyer begegneten sich zum ersten Mal 1978 am Schauspielhaus Köln, wo Wilson sein „CIVILwarS“-Projekt inszenierte und Grönemeyer als Schauspieler und Musiker tätig war.
  • Bereits für Bob Wilsons Inszenierung von Büchners „Leonce und Lena“ (2003 am Berliner Ensemble) schrieb Grönemeyer die Songs.
  • Grönemeyer befindet sich damit in einer Tradition von bekannten Singer-Song-Writern, die für Bob Wilsons Inszenierungen Lieder schrieben: David Byrne („The Forest“, 1988), Tom Waits („The Black Rider“, 1990, „Alice“, 1992, „Woyzeck“, 2000), Lou Reed („POEtry“, 2000, „Lulu“, 2011).



Fiktion und Realität der Geschlechterrollen: Siri Hustvedts „Die gleißende Welt“

Ein Roman als fingierte Spurensuche und literarische Schnitzeljagd: Die Autorin Siri Hustvedt verkleidet sich als Herausgeberin und präsentiert Dokumente, Notizhefte, Interviews, um Leben und Werk der (fiktiven) Künstlerin Harriet Burden zu rekonstruieren.

Die 2004 verstorbene Harriet Burden hat zeitlebens mit Geschlechterrollen und Identitäten jongliert und kurz vor ihrem Tod ein entlarvendes künstlerisches Experiment gemacht: Um zu zeigen, wie frauenfeindlich die Kunstwelt ist, wie sehr die öffentliche Wahrnehmung von Kunst vom Geschlecht und der vermeintlichen Berühmtheit des Künstlers abhängt, hat sie mit Hilfe von Strohmännern ein Kunst-Projekt mit dem Titel „Maskierungen“ entworfen: Hinter den von drei männlichen Künstlern in New York ausgestellten Werken hat sich in Wahrheit Harriet Burden verborgen.

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Was hat die Künstlerin umgetrieben, wie funktionierte ihr Experiment, und was haben all die unter dem Titel „Die gleißende Welt“ veröffentlichten (fiktiven) Dokumente mit der fast vergessenen (realen) englischen Schriftstellerin, Philosophin und Herzogin von Newcastle, Margaret Cavendish, zu tun, die 1666 einen utopischen Roman über „Die gleißende Welt“ herausbrachte?

Siri Hustvedt (geboren 1955) ist eine der bedeutendsten amerikanischen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Verheiratet ist sie mit dem – nicht minder bekannten – Autor Paul Auster. Mit „Was ich liebte“ gelang ihr der Durchbruch als international anerkannte Schriftstellerin. Auch mit brillanten Essays sorgt sie immer wieder für Aufsehen: In ihrem autobiografischen Buch „Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven“ versucht sie mit Hilfe von Neurologie und Psychologie der Ursache ihres Zitterns auf die Spur zu kommen.

Ihr neuer Roman „Die gleißende Welt“ ist ein Konzert widerstreitender Stimmen und führt uns in die New Yorker Kunstwelt. Es geht um Macht und Begierde, Geld und Ruhm und darum, dass die Realität oft nicht so ist, wie wir sie gern hätten und uns mit unseren Vorurteilen zurechtzimmern.

Siri Hustvedt zieht alle Register postmoderner Erzählweisen, tut es ihrer fiktiven Heldin Harriet Burden gleich und verbirgt sich hinter immer neuen Masken: ein furioses Spiel mit Rollenklischees und ästhetischen Kategorien, utopischen Fantasien und dem alltäglichen Sexismus, der unsere Wahrnehmungen und Wünsche beherrscht. Heute wie zu Zeiten von Margaret Cavendish, die nicht wegen des Inhalts ihrer Bücher angefeindet wurde, sondern weil sie es wagte, als Frau in eine Männerwelt einzudringen.

„Alle intellektuellen und künstlerischen Unterfangen, sogar Witze, ironische Bemerkungen und Parodien“, schreibt Siri Hustvedt alias Harriet Burden, „schneiden in der Meinung der Menge besser ab, wenn die Menge weiß, dass sie hinter dem großen Werk oder dem großen Schwindel einen Schwanz und ein paar Eier ausmachen kann.“

Siri Hustvedt: „Die gleißende Welt“. Roman. Aus dem Englischen von Uli Aumüller. Rowohlt Verlag, 491 S., 22,95 Euro.




So ist es nun einmal, das Leben: „Chronik meiner Straße“ von Barbara Honigmann

Honigmann_24762_MR.inddAlle Bücher von Barbara Honigmann haben einen autobiografischen Kern. Und fast immer geht es auch um ihre spät erwachte jüdische Identität.

Genauer: Es geht um die Veränderung, die ihr Leben erfahren hat, als die Tochter eines marxistischen Intellektuellen nach jüdischem Ritus heiratete und 1984 die DDR verließ. Seitdem lebt sie in Straßburg, und ihre Wohnung liegt in einer Straße, in der Juden, Christen und Moslems mehr oder weniger friedlich nebeneinender leben, sich die Kulturen und Religionen seltsam mischen.

Es ist eine „Straße des Anfangs“. Eine Art Transitraum und Wartehalle für Emigranten und Flüchtlinge, Studenten und Sinnsuchende aller Art. Eine hässliche, baumlose Straße, ein wirres architektonisches Gemisch. Die meisten ziehen bald wieder fort, in „bessere Viertel“, doch manche bleiben für immer. So wie Barbara Honigmann, die tagein, tagaus an ihrem Schreibtisch sitzt und hinaus auf die Straße schaut, alte Bekannte und neue Mitbewohner beobachtet. Oder die Kinder von einst, die längst erwachsen sind und nun ihre in der „Straße des Anfangs“ hängen gebliebenen Eltern besuchen.

Während Barbara Honigmann an der „Chronik meiner Straße“ schreibt, lässt sie ihr eigenes Leben Revue passieren. Sie erinnert sich an Freunde, die längst verstorben sind, und Bekannte, deren Namen noch in ihrem Telefonverzeichnis stehen, die aber irgendwie aus ihrem Leben verschwunden sind. Ihre eigenen Söhne leben heute in Paris und Berlin, kommen nur noch selten bei ihrer Mutter vorbei.

Aber so ist es nun einmal, das Leben. Alles verändert sich. Sogar die eben noch so ärmliche Straße, in der sich, wie in einem Brennglas, das ganze komplizierte Dasein spiegelt, putzt sich neuerdings heraus und erlebt einen ungeahnten Aufschwung. Warum sollte Barbara Honigmann jemals woanders wohnen wollen?

Barbara Honigmann: „Chronik meiner Straße“. Hanser Verlag, München 2015, 152 S., 15,90 Euro.




Mitten ins Herz der Finsternis: Der famose Roman „Butcher’s Crossing“ von John Williams

„Seine Sprache ist wie in Stein, wie in den Fels gemeißelt. Eindringlich, zeitlos, dramatisch“, schrieb ein amerikanischer Kritiker über John Williams und seine Romane, die erst jetzt – 20 Jahre nach seinem Tod – erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht werden.

„Stoner“ stand monatelang auf den Bestseller-Listen und begeisterte das Publikum. In seinem jetzt wiederentdeckten und endlich auch in Deutschland erscheinenden Roman „Butcher´s Crossing“ erzählt der 1922 Texas geborene und 1994 in Arkansas verstorbene Autor davon, wie der Mensch die Natur und die Schöpfung zur Hölle auf Erden macht.

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Der von den Schriften des Natur-Philosophen Ralph Waldo Emerson entflammte Will Andrews möchte das einfache Leben in der freien Natur kennen lernen. Er kehrt Universität und Karriere den Rücken und macht sich im Jahr 1870 von Boston aus auf den Weg in den „wilden Westen“. Er landet in „Butcher´s Crossing“, einem kleinen Kaff in Kansas, irgendwo im Nirgendwo. Hier schließt er sich einer Gruppe von Büffel-Jägern an und gerät in ein von Strapazen und Entsagungen geprägtes Abenteuer.

Nachdem Will Andrews Hunger und Kälte und einen ganzen Winter in den verschneiten Bergen überstanden hat, kehrt er in eine Welt zurück, die sich genauso verändert hat wie er selbst.

Williams hat einen atemlos spannenden und vielschichtigen Roman geschrieben, eine Parabel über falsche Hoffnungen und wahnhafte Träume. Er nimmt den Leser mit auf eine von Blutrausch und vom Überlebenswillen geprägte Reise ins Herz der Finsternis. Grandios.

John Williams: „Butcher´s Crossing“. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben. DTV, München 2015. 365 Seiten, 21,90 Euro.




Wundersam fröhlich: Milan Kundera feiert „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“

Es schien, als sei Milan Kundera literarisch verstummt, hatte doch der Autor, der 1975 seine tschechische Heimat verließ und seitdem in Paris lebt, viele Jahre keinen Roman mehr veröffentlicht. Doch jetzt, mit 85 Jahren, meldet er sich zurück. Mit einem Roman, der mit melancholischer Heiterkeit und humorvoller Eleganz ein ironisches „Fest der Bedeutungslosigkeit“ zelebriert.

Milan Kundera zählt zu jenen Autoren, die schon deshalb zeitlos allgegenwärtig sind, weil die Titel ihrer Romane – „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ – einen philosophischen Fantasieraum aufschließen und geradezu sprichwörtlich wurden. Und weil sie beim Schreiben immer auch über die Bedingungen und Absichten des Schreibens nachdenken.

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Und so ist es auch jetzt wieder, als schaue sich Kundera beim Formulieren zu und habe unendlichen Spaß daran, mit seiner Rolle als Erzähler zu jonglieren. So lässt er einen gewissen Ramon (eine literarische Figur, die seinem Erfinder sehr ähnlich ist) die von Kundera in seinen Werken schon mehrfach variierte existenzielle Philosophie der Negation auf den Punkt bringen: „Die Bedeutungslosigkeit“, sagt Ramon, „ist die Essenz der Existenz. Sie ist überall und immer bei uns. Sie ist sogar dort gegenwärtig, wo niemand sie sehen will: in den Greueln, in den blutigen Kämpfen, im schlimmsten Unglück.“

Die List der Dialektik weiß natürlich, dass – wenn nichts wirklich von Bedeutung ist – auch der Roman, an dem Kundera mit Hilfe von Ramon gerade feilt, nichts bedeutet, nur ein Zeitvertreib ist, ein Spiel, eine Illusion. Dies zu verstehen, macht aber auch frei und fröhlich. Und so wird ihm die Bedeutungslosigkeit zugleich auch zum „Schlüssel zur Weisheit“ und zum „Schlüssel zur guten Laune.“

Ja, Kundera ist wahrhaftig gut gelaunt, lässt Hegel und Stalin, Schopenhauer und Chruschtschow aufmarschieren, um sie zu karikieren und zu unfreiwilligen Zeugen der Bedeutungslosigkeit zu machen. Ob Krieg und Katastrophen, Literatur und Kunst, alles nur trostloser Tand.

Um noch einen letzten Erzähl-Walzer zu tanzen, lässt Kundera einige Herren durch Paris flanieren: Alain beobachtet junge Frauen und sinniert über die Erotik des Bauchnabels. Ramon würde sich gern eine Chagall-Ausstellung anschauen, kapituliert aber vor der langen Museumsschlange. Charles reißt politische Witze und organisiert Cocktailpartys, auf denen Caliban, ein Schauspieler ohne Engagement, als Aushilfskellner jobbt. Schließlich D´Ardelo, der sich eine erfundene Krebserkrankung zulegt und sich über seine eigenen Lügen amüsiert.

Ach ja, ein paar Frauen huschen auch noch kurz durchs Bilder-Gestöber: Eine junge Portugiesin, die, weil sie kein Französisch beherrscht, nur nonverbal kommuniziert. Oder eine schwangere Frau, die beim Versuch, sich zu ertränken, ihren vermeintlichen Lebensretter tötet und nun mit der Schuld weiterleben muss, aber ihrem verpfuschten Leben eine ganz neue Bedeutung geben kann.

Kundera umkreist seine Figuren, begegnet ihnen kurz und entlässt sie dann wieder in das Straßenlabyrinth von Paris, in die Freiheit und zum Fest der Bedeutungslosigkeit.

Milan Kundera: „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“. Roman. Aus dem Französischen von Uli Aumüller. Hanser Verlag, München. 140 Seiten, 16,90 Euro.




Das Elend eines Kampfpiloten – James Salters Roman „Jäger“ (1957) endlich auf Deutsch

Cleve Connell ist der Anführer eines Schwarms von Kampfpiloten. Seine Aufgabe besteht darin, feindliche Maschinen abzuschießen und den eigenen Bodentruppen Schutz zu gewähren. Das hat jahrelang funktioniert.

Connell wurde in mehreren Kriegen für seinen Mut ausgezeichnet. Doch jetzt ist er in Korea stationiert. Und das Glück oder das Gespür für den Sieg kommt ihm abhanden. Immer wieder steigt er mit seiner Maschine in den Himmel auf. Doch nie bekommt er den Feind zu fassen, nie kann er nachweisen, dass er immer noch ein Ass ist, ein Held, dem Krieg Ruhm bedeutet und dem das Töten als eine Art Sport gilt. Allmählich wird er zum Gespött der Einheit und droht an seiner vermeintlichen Unfähigkeit zu zerbrechen.

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Bevor James Salter zum Schriftsteller wurde, hat er in der Air Force als Kampfpilot gedient und war er auch im Koreakrieg im Einsatz. In seinen 1957 erschienenen literarischen Erstling „The Hunters“ sind einige quälende autobiographische Erfahrungen eingeflossen. In „Jäger“, wie der jetzt (mit über 50 Jahren Verspätung) auch hierzulande herausgekommene Roman bei uns heißt, beschreibt Salter mit gnadenloser Präzision die Ambivalenz zwischen gloriosem Kampf und erbärmlicher Niederlage.

In knappen Sätzen, brillanten Formulierungen und mit lakonischer Beiläufigkeit registriert Salter, wie nahe ritualisierte Männlichkeit und pure Selbstsucht beinander liegen; wie zerstörerisch es sein kann, wenn eine auf das Töten abgerichtete menschlichen Kampfmaschine in einem Sumpf aus Konkurrenz, Neid und Verrat versinkt. Der Roman, 1958 mit Robert Mitchum und Robert Wagner verfilmt, ist kein Krieger- und kein Helden-Epos, sondern ein existenzielles Drama über den zur Freiheit – auch des Tötens – verurteilten Menschen.

Wie wichtig dem Autor sein Debüt ist, zeigt allein die Tatsache, dass er für eine amerikanische Neuausgabe (1997) den Roman noch einmal überarbeitet hat. In den USA gilt der 1925 geborene Autor, der mit „Lichtjahre“ und „Ein Spiel und ein Zeitvertreib“ international berühmt wurde, schon längst als moderner Klassiker. Manchmal hat es Jahre oder sogar Jahrzehnte gedauert, bis seine Bücher, die denen von Philip Roth, John Updike oder Richard Ford nicht nachstehen, in die deutsche Sprache übersetzt werden.

Doch als der öffentlichkeitsscheue Salter nach fast 30jährigem literarischen Schweigen sich 2013 noch einmal mit einem großen epischen Wurf zurück meldete („All That Is”/”Alles, was ist“), reagierte der hiesige Buchmarkt immerhin prompt.

James Salter: “Jäger”. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Beatrice Howeg. Berlin Verlag, 303 Seiten, 19,99 Euro.




Magische Momente mit „Magnum“ und mehr: Starker Start für C/O Berlin an neuer Stätte

Der einsame Mann, der sich auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens in todesmutiger Verzweiflung einer Panzer-Kolonne entgegenstellt und vergeblich versucht, ein Massaker zu verhindern. Che Guevara, der mit dem selbstbewussten Charme des siegreichen kubanischen Revolutionärs seine Zigarre pafft. Die lasziv auf einem U-Bahn-Luftschacht posierende Marilyn Monroe, deren Kleid im Wind flattert. Drei Momente, drei Bild-Ikonen, die sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben haben.

Fotografen der berühmten Agentur Magnum haben im richtigen Moment auf den Auslöser ihrer Kameras gedrückt und die perfekte Synthese aus Sensibilität und Technik, Form, Zufall und purer Intuition geschaffen. Doch was geschah kurz vorher, und was sah der Fotograf kurz danach?

Die Kontaktbögen der Fotografen dokumentieren den Arbeitsprozess und die Entscheidung für den einen Moment und das perfekte Bild. Normalerweise werden diese Abzüge unter Verschluss gehalten. Dass sie jetzt unter dem Titel „Magnum Contact Sheets“ im Amerika Haus, der neuen Heimstatt der Fotogalerie C/O Berlin gezeigt werden, ist ein Tabubruch und eine kleine Sensation. Die grandiose Ausstellung gibt Einblicke in die Fotowerkstatt und wirkt wie ein Blättern im künstlerischen Skizzenbuch. Doch sie ist nur eine von vier Foto-Installationen, mit der C/O Berlin ihre frisch renovierte Herberge eröffnet.

Jahrelang war die international hoch angesehene Galerie auf Wanderschaft, hatte in einer leer stehenden Gießerei und im ehemaligen Postfuhramt in Berlin-Mitte neue Talente entdeckt und Bilder legendärer Künstler wie Annie Leibovitz oder Robert Mapplethorpe gezeigt. Nachdem ein Immobilien-Investor ihre letzte temporäre Bleibe aufkaufte, um sie profitabel zu vermarkten, zog C/O Berlin weiter, verließ das angesagte Szene-Milieu und landete ausgerechnet im West-Teil der Stadt, der seit der Wende als spießige Kunst-Einöde verpönt ist.

Doch nun, so scheint es, werden in Berlin die Kunst-Karten neu gemischt. Und C/O Berlin, inzwischen eine Stiftung mit einem 21 Jahre laufenden Mietvertrag, hat dem Amerika Haus, in dem einst den Berlinern Nachhilfestunden in Demokratie erteilt wurden, neues Leben eingehaucht. Es ist der passende Ort, um die Fotos von Will McBride zu präsentieren: „Ich war verliebt in diese Stadt“, sagt der inzwischen hoch betagte Fotokünstler, der in den 1950er Jahren aus Amerika nach Berlin kam und fasziniert war vom Freiheitsgefühl in der Frontstadt. Seine Schwarz-Weiß-Bilder zeigen eindringlich, wie zwischen Ruinen und Trümmerlandschaften neues Leben erblühte und eine freche und forsche Jugend sich Freiräume erkämpfte.

Luise Schröder und Hannah Petersohn, beide Jahrgang 1962, beschäftigen sich in „Arbeit am Mythos“ mit der Zerstörung Dresdens und übermalen fotografisch die Bilder von Tod und Leid. Bei „Picture Yourself“ schließlich können Besucher in eigens installierten Fotoautomaten Bilder im Stile der Magnum-Fotografen machen. Eine neckische Spielerei. Gespannt sein darf man, ob die Euphorie des Anfangs in die Niederungen des Alltags hinüber gerettet werden kann und C/O Berlin, nur einen Steinwurf vom maroden Bahnhof Zoo entfernt, ein dauerhafter Publikumsmagnet werden kann.

Alle erwähnten Ausstellungen bis zum 16. Januar 2015. C/O Berlin im Amerika Haus, Hardenbergstraße 22-24, täglich 11-20 Uhr, weitere Infos unter www.co-berlin.org

(P.S.: Die Illustrationen wurden Mitte Januar 2015 entfernt, weil die Leihgeber und Veranstalter das Publikationsrecht auf die Dauer der Ausstellung begrenzt haben).




Geschälte Bäume – David Chipperfields „Sticks and Stones“ in der Berliner Nationalgalerie

Was für ein Kontrast: Ein Wald aus geschälten Bäumen, ein Heer aus 144 verletzt und doch standhaft wirkenden, acht Meter hohen Fichtenstämmen in einem riesigen Kasten aus Glas und Stahl.

„Sticks and Stones“ nennt der britische Star-Architekt David Chipperfield (nach dessen Plänen u. a. auch das Essener Museum Folkwang umgebaut wurde) seine beeindruckende „Intervention“, mit der er das gläserne Foyer der Berliner Nationalgalerie in einen Denk- und Erlebnisraum verwandelt und die komplizierten Wechselwirkungen von Architektur und Kunst, Material und Mensch anschaulich macht.

Eine Ansicht von David Chipperfields Installation "Sticks and Stone" in der Neuen Nationalgalerie zu Berlin. (Foto: David von Becker)

Eine Ansicht von David Chipperfields Installation „Sticks and Stone“ in der Neuen Nationalgalerie zu Berlin. (Foto: David von Becker)

Die Verwandlung der Glashalle in einen Säulenpark ist der Prolog zur Sanierung des von Mies van der Rohe entworfenen Kunsttempels, der 1968 eröffnet wurde und längst ein Klassiker der Moderne ist. Der Zahn der Zeit hat unbarmherzig genagt und den spektakulären Museumsbau, bei dem acht schlanke Stahlstützen das monumentale, nachgerade frei schwebende Dach tragen, arg in Mitleidenschaft gezogen. Ende des Jahres wird das Haus für unbestimmte Zeit geschlossen und vom Büro David Chipperfields von Grund auf für 50 Millionen Euro saniert.

Der britische Architekt David Chipperfield (links) und Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie. (Foto: David von Becker)

Der britische Architekt David Chipperfield (links) und Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie. (Foto: David von Becker)

Dass Chipperfield es kann, hat er beim behutsamen Wiederaufbau des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel bewiesen. Nicht von ungefähr leiht sich Chipperfield für seine „Intervention“ den Titel bei einem ironisch zitierten englischen Kinderreim: „Sticks and Stones (may break my bones, but words will never hurt me).“

Chipperfield verweist damit auf zwei Grundelemente der Neuen Nationalgalerie: Stütze/Säule und Stein. Denn der Bau aus Glas und Stahl ruht auf einer gigantischen Marmorplatte, und das Dach, jetzt scheinbar von den Fichtenstämmen getragen, wird in Wahrheit von acht außerhalb der Glashalle stehenden Stahlträgern in seiner schwebenden Eleganz gehalten.

Chipperfield verbindet mit seinen entrindeten, 100 Jahre alten Fichten die freie Natur mit dem technischen Kunstraum, er holt das Außen ins Innere und entwirft ein Assoziationsfeld, bei dem Vergangenheit und Gegenwart sich durchdringen.

Neue Nationalgalerie, Ansicht mit Auto, Potsdamer Straße - im Jahr 1968. (© Archiv Neue Nationalgalerie, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Foto: Reinhard Friedrich)

Neue Nationalgalerie, Ansicht mit Auto, Potsdamer Straße – im Jahr 1968. (© Archiv Neue Nationalgalerie, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Foto: Reinhard Friedrich)

Inmitten des zwischen antiker Säulenhalle und provisorischem Baustellenchaos angesiedelten Fichtenwaldes gibt es eine kleine Lichtung. Vielleicht der passende Ort, um über die Zukunft von Kunst und Architektur zu sinnieren. Oder darüber zu streiten, wie Berlin es verkraften will, dass der Kunst-Tourist demnächst gleich vor zwei verrammelten Türen stehen wird: Denn neben der Neue Nationalgalerie schließt auch das Pergamonmuseum für Jahre seine Pforten. Schlechtes Timing.

David Chipperfield: Sticks and Stones, eine Intervention. Berlin, Neue Nationalgalerie (Kulturforum, Potsdamer Str. 50). Bis 31. Dezember 2014. Geöffnet Di, Mi, Fr 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Sa, So 11-18 Uhr, Mo geschlossen.




Wie die Welt in den Kopf gekommen ist – Paul Austers „Bericht aus dem Inneren“

U1_XXX.indd„Am Anfang war alles lebendig. Die kleinsten Gegenstände waren mit pochenden Herzen ausgestattet, und selbst die Wolken hatten Namen. Steine konnten denken, und Gott war überall.“

Paul Auster gehört zu den bedeutendsten amerikanischen Gegenwartsautoren. Ob mit seiner „New-York-Trilogie“ oder seiner „Brooklyn-Revue“, mit „Der Mann im Dunkel“ oder „Sunset Park“: Immer wieder hat Auster die Möglichkeiten der postmodernen Literatur neu vermessen, furios mit Erzählweisen jongliert. Das neue Buch des 1947 geborenen und seit vielen Jahren mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheirateten Autors heißt „Bericht aus dem Inneren“.

Auster spricht von seiner Kindheit und Jugend und davon, wie es war, allmählich erwachsen und Schriftsteller zu werden. Vor einem Jahr, in seinem „Winterjournal“, ging es um eine erste, vorsichtige Lebensbilanz, um wichtige Stationen, um Todes-Erfahrungen, lebensbedrohliche Krankheiten, den allmählichen Verfall, die Nöte des Alters und um den Zufall, der so oft darüber entscheidet, ob und wie wir weiterleben dürfen.

Im „Winterjournal“ erzählte Auster die „Geschichte seines Körpers“, im „Bericht aus dem Inneren“ erzählt er jetzt die „Geschichte seiner Bewusstwerdung“: Er will herausfinden, wie die Welt ihn seinen Kopf gekommen ist und wie er sich seiner selbst und seiner Identität bewusst wurde. Er durchforstet die Gedankenwelt seiner Kindheit, erinnert sich, wie er mit acht Jahren angefangen hat, Romane zu lesen und Biografien über Baseball-Stars und historische Helden.

Immer wieder stellt sich schon beim Kind das Gefühl ein, in ein anderes Raum-Zeit-System zu gleiten, sonderbar benebelt und ausgehöhlt zu sein und das eigene Sterben zu proben. Schmerzlich kommt ihm in Kindertagen zu Bewusstsein, dass er Teil einer kaputten Familie ist, in der es zwar keinen Streit, aber permanentes Schweigen und Gleichgültigkeit gibt. Mit sieben oder acht Jahren kapiert er, dass er Jude ist, was bedeutet, abseits zu stehen und Außenseiter zu sein.

Während er dabei ist, die Bücher und Filme zu beschreiben, die ihn als Kind besonders beschäftigt und sein Bewusstsein geprägt haben, schickt ihm seine Ex-Frau, die Schriftstellerin und Übersetzerin Lydia Davis, einen dicken Packen Papier. Es sind Kopien der Briefe, die er ihr in den 1960er und 70er Jahren geschrieben hat: Sie kommen ihm wie eine Zeitkapsel vor, wie ein kostbares Geschenk und Ersatz für ein Tagebuch, das er nie geführt hat.

Mit den Briefen kann er rekonstruieren, wie er eine Zeitlang in Paris lebte, Drehbücher schrieb und von einer Karriere beim Film träumte, wie er 1968, zurück in New York, Teil der Studentenrevolte war, von der Polizei verprügelt wurde, Angst hatte, zur Armee einberufen und nach Vietnam geschickt zu werden. Und wie er dann irgendwann beschließt, sich ganz darauf zu konzentrieren, Künstler zu werden. Und Romane zu schreiben, die immer auch davon handeln, wie das Denken die Realität verändert und die Fantasie sich eine eigene Welt erschafft. Schon als Kind begreift er: „Die Welt ist in meinem Kopf.“

Paul Auster: „Bericht aus dem Inneren“. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Rowohlt Verlag, Reinbek. 289 Seiten, 19,95 Euro.




Alte Sünden, neue Schuld: Martin Walkers Krimi „Reiner Wein“

0Wenn der Schotte Martin Walker nicht gerade als politischer Journalist oder als Vorsitzender eines Think-Tanks für Topmanager im amerikanischen Washington tätig ist, gönnt er sich regelmäßig eine Auszeit im französischen Périgord. In seiner Wahlheimat labt er sich an köstlichen Weinen und wunderbaren Speisen und erweckt seinen Polizisten Bruno zum Leben.

Diesmal, bei der Lösung des sechsten kompliziert verknoteten Falls („Reiner Wein“), muss der charmante Ermittler bis in die Zeit der französischen Résistance zurückgehen. Nur wenn Bruno näheres über den (historisch belegten) legendären Eisenbahnüberfall herausbekommt, bei dem Résistance-Kämpfer im Juli 1944 die sagenhafte Summe von 2,28 Milliarden Franc (das wären heute etwa 300 Millionen Euro) erbeuteten, kann er eine aktuelle Serie von Raubüberfällen aufklären, bei denen die Ferienwohnungen der Périgord-Touristen ausgeräumt werden.

Verdrängte Geschichte trifft kriminelle Gegenwart. Dabei ist doch Sommer in Saint-Denis, und gern würde Bruno öfter mit seinem Pferd ausreiten, auf den klaren Flüssen herum paddeln, eines dieser leckeren Gerichte aus der Region kochen und ein köstliches Glas Wein mit seiner Liebsten genießen. Überhaupt denkt er jetzt immer häufiger daran, eine Familie zu gründen. Doch dann kommen dem ehemaligen Bosnien-Soldaten und passionierten Provinz-Anhänger immer wieder ein paar seltsame Mordgeschichten dazwischen. Dass diesmal darin auch Politiker und Geheimdienste verwickelt sind, macht die Sache nicht gerade leichter.

Es geht um Kunst und Kommerz, alte Sünden und neue Schulden. Doch Bruno findet den passenden Faden, den er nur noch aufwickeln muss. Und irgendwann hat er den kriminellen Knoten gelöst und schenkt uns „reinen Wein“ ein. Fazit: genau das Richtige für Krimi-Gourmets.

Martin Walker: „Reiner Wein – Der sechste Fall für Bruno, Chef de police.“ Roman. Aus dem Englischen von Michael Windgassen. Diogenes Verlag, 412 Seiten, 22,90 Euro.




Verlockungen der Bohème: Die Novelle „Später Ruhm“ aus dem Nachlass von Arthur Schnitzler

Früher einmal war Eduard Saxberger ein fescher junger Kerl und ein künstlerisch umtriebiger Dichter, der mit seinen poetischen „Wanderungen“ für Aufsehen sorgte. Doch das ist lange her. Heute ist er ein alter Mann, ein von der Welt vergessener Beamter, der in irgendeiner Wiener Behörde seit Jahrzehnten seinen Dienst leistet.

Seine einzige Freude sind die abendlichen Spaziergänge und die Besuche im Wirtshaus. Fast schon hat er vergessen, welche hochfliegenden Pläne er einst hatte und wie schön es gewesen wäre, allein vom Schreiben leben zu können. Doch dann steht plötzlich ein junger Mann vor seiner Tür, der sich als glühender Verehrer seiner frühen Verse und Mitglied des Schriftstellervereins „Die Begeisterten“ zu erkennen gibt. Geschmeichelt nimmt Saxberger zur Kenntnis, dass man ihn als Vorbild auserkoren habe und ihn einlade, an den Versammlungen und Lesungen ihres Zirkels teilzunehmen.

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Fasziniert von den hitzigen Debatten um echte und wahre Kunst, schließt sich Saxberger der literarischen Bohème an und ist angenehm berührt, als eine attraktive junge Schauspielerin seine Verse vortragen möchte. In der Hoffnung, er sei in einen kreativen Jungbrunnen gefallen, verspricht Saxberger sogar, für die geplante literarische Matinee ein paar neue Texte beizusteuern.

Doch seine Fantasie ist längst vertrocknet, und er muss schmerzlich erkennen, dass die Aussicht auf „Späten Ruhm“ ihm das Hirn vernebelt hat und die vermeintlichen Verehrer ihn nur benutzt haben, um mit seiner Hilfe die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen: Niemand aus der Garde der aufgeblasenen jungen Wilden hat in Wahrheit je die Gedichte Saxbergers gelesen.

„Später Ruhm“ ist ein süffisant-ironisches Porträt der literarischen Bohème. Mit leichter Hand entwirft Arthur Schnitzler feine psychologische Studien, in denen sich die Abgründe der morbiden Gesellschaft spiegeln. Eigentlich kaum zu verstehen, warum dieses literarische Kleinod erst jetzt, über 80 Jahre nach dem Tode des Autors, ans Tageslicht kam.

Geschrieben hat Schnitzler die Novelle 1884, kurz bevor er mit dem skandalträchtigen Theaterstück „Liebelei“ sich endgültig als Autor von Weltrang etablieren konnte. Zehn Jahre später, das zeigen die im Archiv aufgefundenen Manuskripte, hat sich Schnitzler die Novelle noch einmal vorgenommen, letzte Korrekturen angebracht und zur Veröffentlichung freigegeben. Warum es nie dazu kam, ist ein Rätsel.

An womöglich mangelnder literarischer Qualität des frühen Werkes kann es nicht gelegen haben. Denn die kleine Novelle zeigt bereits alles, was die Kunst Arthur Schnitzers ausmacht. Mit subtilen Beobachtungen und fein geschliffenen Sätzen werden seelische Ausnahmezustände und gesellschaftliche Verwerfungen eingekreist. Schön, dass die auf wundersame Weise jahrzehntelang im Nachlass des 1931 verstorben Autors vor sich hin schlummernde Novelle jetzt dem Vergessen entrissen wurde.

Arthur Schnitzler: „Später Ruhm.“ Novelle. Mit einem Nachwort von Wilhelm Hemecker und David Österle. Zsolnay Verlag, Wien 2014. 157 Seiten, 17,90 Euro.




„Paris um jeden Preis“: Kino-Komödie zum Konflikt der Kulturen

Maya stammt aus Marokko. Doch sie lebt schon 20 Jahren in Paris und ist mit ganzem Herzen Französin.

Die Sprache ihrer Heimat kann sie weder verstehen noch sprechen. Warum sollte sie auch, ist sie doch ständig mit ihren französischen Freunden unterwegs und in der Modebranche zuhause. Ihr ganzes Leben kreist um ausgefallene Stöckelschuhe und den neuesten Look. Wenn ihre Ideen für die aktuelle Kollektion ankommen, könnte sie endlich die lang erhoffte Festanstellung in einem bekannten Modezar bekommen.

Maya (Reem Kherici) muss sich unversehens in Marokko zurechtfinden. (Bild: © polyband Medien GmbH)

Maya (Reem Kherici) muss sich unversehens in Marokko zurechtfinden. (Bild: © polyband Medien GmbH)

Doch dann geschieht das für Maya völlig Unfassbare: Als sie nachts in eine Polizeikontrolle gerät, stellt sich heraus, dass ihre Aufenthaltsgenehmigung längst abgelaufen ist. Schon am nächsten Tag, da kennen die Franzosen kein Pardon, wird sie abgeschoben und sitzt im Flieger gen Marokko.

Plötzlich lebt die schicke Mode-Zicke mitten unter verschleierten Frauen, läuft sich mit ihren High-Heels auf staubigen Straßen die Füße wund und muss sich ständig die Vorwürfe ihres Vaters anhören, der meint, sie habe sich dem westlichen Satan verschrieben und führe ein lasterhaftes Leben. Fortan kreisen Mayas Gedanken nur um eines: Wie kann ich so schnell wie möglich wieder nach Paris kommen?

„Paris um jeden Preis“ ist ein ebenso flotte wie oberflächliche Komödie über alle Klischees, die wir über den Konflikt der Kulturen so gern pflegen. Ob Europäer oder Araber, Modemenschen oder Muslimbrüder, sie alle bekommen ihr satirisches Fett weg und werden durch den Kakao gezogen.

Aber richtig ans Eingemachte gehen und wehtun soll das nicht. Alles dreht sich um Reem Kherici, sie hat das Drehbuch geschrieben, führt Regie und spielt die Hauptrolle. Wahrscheinlich hatte niemand am Set den Mut ihr zu sagen, dass auch andere gelegentlich Luft zum Atmen brauchen und mehr als nur Stichwortgeber für überkandidelte Gags sein wollen.

Die um Maya alias Reem Kherici kreisenden Figuren sind mithin etwas flach und flau geraten, dafür aber immer brüllkomisch. Kaum verwunderlich, dass am Schluss alles so kommt, wie man es erwartet hat: Maya schöpft aus der ihr zunächst so fremden Heimat emotionale Kraft und kreative (Mode-)Fantasie und kehrt – rundum geläutert – auf (illegalen) Pfaden zurück in ihre Wahlheimat. Aber um jeden Preis, wer hätte das gedacht, muss sie, die das Leben und die Liebe ganz neu begriffen hat, nicht mehr in Paris leben. Geht’s noch ein wenig einfacher?

(Kinostart 22. Mai)




Der Menschenfeind und das wahre Leben: „Molière auf dem Fahrrad“

Einst war Serge Tanneur (Fabrice Luchini) ein ebenso begnadeter wie berühmter Schauspieler. Doch dann hat er der Welt Lebewohl gesagt und sich auf eine Insel im Atlantik zurückgezogen.

Aus dem einstigen Liebling der Medien ist ein muffeliger Mann geworden, der Schmeichelei und Heuchelei hasst und nach Wahrheit und Aufrichtigkeit strebt. Er ist der lebendig gewordene „Menschenfeind“ und könnte aus Molière altem Stück direkt in die Gegenwart geschmuggelt worden sein. Wenn Serge noch einmal auf die Bühne zurückkehren würde, müsste es – wen wundert´s – allein die Rolle des Menschenfeindes Alceste sein.

Filmszene mit Fabrice Luchini (li.) und Lambert Wilson. (Bild: Alamode Film)

Filmszene mit Fabrice Luchini (li.) und Lambert Wilson. (Bild: Alamode Film)

Doch als sein alter Kollege Gauthier Valence (Lambert Wilson) Serge in seiner Einsiedelei besucht und ihn zu einer Theater-Tournee mit Molières Klassiker überreden will, bietet der dem Eigenbrötler nicht den Alceste, sondern die Rolle des menschenfreundlichen Gegenspielers Philinte an. Was für ein Affront! Also genau der richtige Anlass für eine aberwitzig komische und zugleich tieftraurige Hommage an die Schauspielkunst.

In „Molière auf dem Fahrrad“ lässt Regisseur Philippe Le Guay zwei Schauspieler der Extraklasse aufeinanderprallen. Denn natürlich verhaken sich Serge und Gauthier ineinander, jeder will der bessere Schauspieler und der einzig wahre Menschenfeind sein. Doch je öfter sie bei ihren Sprechproben die Rollen tauschen und mal in die Rolle des Alceste und mal in die des Philinte schlüpfen, desto häufiger kommt ihnen das wahre Leben dazwischen.

Um Liebe und Hass geht es dabei, um Eifersucht und Zukunftsangst, um praktische Vernunft und menschliche Schwächen. Während die beiden Mimen mit Molières Versen auf den Lippen über die Insel radeln und sich manche rhetorische Schlacht liefern, zeigt ihnen die hübsche Francesca (Maya Sansa), wie schön und rätselhaft das Leben ist. Am Ende dieser Reise ins Innere der Kunst des Sprechens und Spielens bekommen alle etwas, aber eigentlich keiner das, was er gern hätte.

(Kinostart am 3. April)




Abgrund der Seele: Auch Stevensons „Schatzinsel“ liegt in neuer Übersetzung vor

Jüngst wurden einige gewichtige Neuübersetzungen aus dem Englischen vorgelegt. Kürzlich besprachen die Revierpassagen neue deutsche Fassungen von T.C. Boyles „Wassermusik“ und von Joseph Conrads „Lord Jim“. Hier geht es abermals um einen Klassiker: „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson.

Ob Mark Twain oder Marcel Proust, Henry James oder Bertolt Brecht: Sie alle haben „Die Schatzinsel“ geliebt und sich von Robert Louis Stevensons Reise in den Abgrund der Seele inspirieren lassen. Denn die Fahrt der „Hispaniola“ geht ja nicht nur zu einer exotischen Insel, sondern ins Herz der finstersten Gemeinheit, dahin, wo nur noch nackte Geldgier und purer Neid herrschen.

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Wenn die um Long John Silver versammelten Piraten vom mutigen Jim Hawkins und seinen Freunden daran gehindert werden, sich den sagenumwobenen Schatz des Käptn Flint anzueignen, geht es nicht nur um ein blutiges Abenteuer, sondern um den Verlust aller Illusionen. Überleben kann nur, wer schlau ist und vor List und Tücke nicht zurückschreckt.

Was anderswo als Weltliteratur gilt, wurde in Deutschland bisher zumeist als Jugendbuch gelesen und in gekürzter oder kindlich eingedampfter Weise übersetzt. Die Neuübersetzung von Andreas Nohl begeistert dagegen nicht nur mit großer Werktreue und vorsichtig modernisierter Wortwahl, sondern auch mit vielen Hintergrundinformationen, Worterklärungen und Erläuterungen nautischer Begriffe.

So erkennen wir endlich Stevensons Roman als das, das er immer war: ein literarischer Geniestreich und ein Meisterwerk der Moderne. Höchste Zeit, noch einmal mit all den dubiosen und verkommenen, seriösen und skurrilen Figuren in See zu stechen und die Schatzsuche noch einmal ganz neu zu beginnen. Wie recht Italo Calvino doch hatte, als er meinte: „Ich liebe Stevenson, es gibt einem das Gefühl des Fliegens.“

Robert Louis Stevenson: „Die Schatzinsel“. Roman. Neuübersetzung von Andreas Nohl. Carl Hanser Verlag, München, 384 Seiten, 27,90 Euro.




Mit Lebenslust altern und sterben – Der Film „Rosie“ kommt ins Kino

Sibylle Brunner als Rosie (Bild: Look Now! Filmverleih)

Sibylle Brunner als Rosie (Bild: Look Now! Filmverleih)

Rosie geht es gesundheitlich gar nicht gut. Trotzdem hat sie keine Lust, mit dem Trinken und Rauchen aufzuhören.

Der Rat ihrer Ärzte kann ihr gestohlen bleiben und gegen die Vorhaltungen ihrer (erwachsenen) Kinder ist sie immun. Wenn sie schon das verbitterte Gesicht ihrer schmallippigen Tochter Sophie sieht oder den besänftigenden Dackelblick ihres Sohnes Lorenz, dann wird ihr ganz anders. Rosie, obwohl bereits vom Tode gezeichnet, ist eine lebenslustige Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt und lieber sterben will als ihr viel zu großes Haus zu verkaufen und in einem Altenheim zu vegetieren. Rosie kämpft um ein Altern und Sterben in Würde.

Wie schwer das ist, das zeigt der anrührende Film von Regisseur Marcel Gisler. „Rosie“ ist ein Kammerspiel der großen Gefühle, die man nicht nach außen trägt, sondern in sich einbunkert. Ob Rosie (Sibylle Brunner), Sophie (Judith Hofmann) oder Lorenz (Fabian Krüger), sie alle schweigen beharrlich über das, was sie wirklich bewegt. Um sie zu verstehen, muss der Zuschauer zwischen den Zeilen der wenigen Worte lesen und die vom Marcel Gisler gefundenen Bildsequenzen dechiffrieren.

Das ist manchmal ziemlich anstrengend, aber meistens auch ganz schön aufregend. Wer sich darauf einlässt (und sich nicht vom Schweizer Dialekt verstören lässt), wird mit einem beeindruckenden und überraschenden Familienporträt beschenkt.

In Rosies Leben gibt es einige Geheimnisse, die nur langsam ans Tageslicht kommen. Da muss sogar Lorenz staunen. Der lebt, weit entfernt von seinem Schweizer Familienhaus, als Schriftsteller in Berlin und hat sich einen Namen gemacht als Autor schwuler Befindlichkeit. Zurück in seinem Heimatort, fühlt er sich fremd und merkt gar nicht, dass ihm dort, wenn er nur wollte, die große Liebe des Lebens begegnen könnte.

Das Leben könnte so schön sein, man muss es nur richtig anpacken und den Mut haben, seine Träume zu bewahren. Doch wovon soll man, von schuldbewussten Kindern in eine Seniorenresidenz abgeschoben, noch träumen?

(Start in ausgewählten Kinos am 27. März)




Märchenhafter Realismus: T.C. Boyles Roman „Wassermusik“ in Neuübersetzung

Boyle_24324_MR.inddMit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks veröffentlicht T. C. Boyle seit 30 Jahren in kurzen Abständen seine Romane und Erzählungen.

Bei diesem Schreibrausch des US-Autors ist sein 1982 in einem Kleinverlag erschienenes Debüt „Wassermusik“ fast in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht, wie jetzt eine Neuübersetzung belegt.

Boyle reist mit dem Afrika-Forscher Mungo Park ins Herz der Finsternis und beutet dessen Aufzeichnungen poetisch aus. Weil Mungo Park von seiner zweiten Niger-Expedition (1806) nie wieder zurückgekehrt ist, kann Boyle das im Dunkeln der Geschichte liegende Scheitern nach Belieben ausschmücken.

Ein parallel verlaufender Handlungsstrang spielt in England. Im Mittelpunkt: Ned Rise, der stets Glück im Unglück hat, sogar seine eigene Hinrichtung am Strick überlebt und im Leichenschauhaus zu neuem, frechem Leben erwacht. Ned Rise ist eine ins Groteske gewendete Oliver-Twist-Figur, ein Satiriker der sozialen Verwerfungen.

Wie es Boyle es gelingt, den (frei erfundenen) Überlebenskünstler Ned Rise und den (historisch verbürgten) Afrika-Forscher Mungo Park literarisch zusammenzubringen, das ist ganz großes Erzähl-Kino, komisch, abenteuerlich, berührend und unvergesslich. Eine wild wuchernde Geschichte, die zwischen märchenhafter „Tausend-und-einer Nacht“-Fantasie und sozialkritischem Charles-Dickens-Realismus angesiedelt ist. Großartig.

T.C. Boyle: „Wassermusik“. Roman. Neuübersetzung: Aus dem amerikanischen Wnglisch von Dirk van Gunsteren. Carl Hanser Verlag, München 2014, 576 Seiten, 24,90 Euro.




Am Rande der Sprachlosigkeit: Feridun Zaimoglus Roman „Isabel“

zaimogluDiese junge Frau ist ständig auf dem Sprung. Immer ist sie unterwegs durch den Dschungel der Großstadt. Ziellos hetzt sie von einem Szene-Lokal zum nächsten.

Nirgendwo findet sie Ruhe, Halt, Geborgenheit. Fast scheint es, als würde sie fliehen. Die Frage ist nur: wovor? Was hat sie Furchtbares erlebt, dass sie fast keinem Menschen mehr trauen mag und sich freiwillig in ein soziales Niemandsland begibt? Warum sucht sie, die doch schon als Schauspielerin und Model gearbeitet hat und in der Kulturschickeria Berlins bestens bekannt ist, die Nähe von Pennern und Flaschensammlern? Warum wohnt Isabel neuerdings in einer dieser anonymen Plattenbausiedlungen und verdient sich ein Zubrot damit, dass sie – eingesperrt in einen Keuschheitsgürtel – einem perversen Paar beim Sex zusieht?

„Isabel“, der neue Roman von Feridun Zaimoglu, stellt viele Fragen und gibt nur wenige Antworten. Der türkischstämmige Autor, der seit vielen Jahre in Deutschland lebt und mit „Kanak Sprak“ seinen größten Erfolg feierte, unternimmt eine literarische Exkursion an die Ränder der Gesellschaft, geht dorthin, wo Berlin nicht mehr sexy, sondern nur noch arm ist.

Hier gibt es keine kulturellen Verbindlichkeiten mehr, hier leben die Gestrandeten und Hoffnungslosen. Eben solche Außenseiter wie Isabel. Sie hat, wie ihr Erfinder, türkische Wurzeln. Aber das ist nicht wichtig. Denn Zaimoglu hat keinen Roman über die Ausgrenzung und Benachteiligung von Migranten geschrieben, und eigentlich hat er auch keinen Berlin-Roman verfasst. Die wuselige Großstadt ist nur Kulisse für ein literarische Spurensuche und experimentelle Versuchsanordnung: Was kann man erzählen über das Leben eines Menschen, der sich einkapselt und nicht mehr reden mag?

Und so wie Isabel nicht mehr reden mag über all die Gewalt und die Erniedrigungen, die sie erlebt hat, begibt sich auch der Erzähler auf einen Weg ins Verstummen: Seine Wörter uns seine Sätze sind bis aufs Skelett abgemagert. Die Dialoge bestehen nur noch aus Wortfetzen, die Beobachtungen und Beschreibungen gleichen Leerstellen, die der Leser selbst auffüllen muss.

Aber wollen wir das wirklich? Wollen wir uns ausmalen, auf welche Weise Isabels Freundin Juliette ums Leben kam? Oder uns vorstellen, welche Grausamkeiten wohl Marcus, der junge Soldat, im Kosovo erlebt hat? Marcus ist der einzige Mensch, der Isabels Vertrauen gewinnen kann. Denn hier haben sich zwei verwandte verlorene Seelen getroffen. Dass es für die beiden kein richtiges Happy End geben kann, haben wir uns schon gedacht. Dass die Gewalt aber immer weiter zunimmt und den Roman fast unter sich begräbt, hat uns dann doch ziemlich sprachlos gemacht.

Feridun Zaimoglu: Isabel. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 237 S., 18,99 Euro.




„Der Ruf des Kuckucks“: Joanne K. Rowlings Krimi unter Pseudonym

Seit die Britin Lula Landry zum schillernden Top-Model avanciert ist und mit ihrer geheimnisvollen Ausstrahlung die internationale Modewelt verzückt, lernt sie auch die Schattenseiten einer Berühmtheit kennen, die, je nach Lust und Laune, von den Medien gefördert oder vernichtet wird.

Jeder ihrer Schritte wird vom Boulevard beäugt, ihr Luxus-Appartement von Paparazzi umzingelt. Selbst ihr Telefon wird abgehört. Um die Medienmeute abzuschütteln, trifft Lula private Verabredungen und Vereinbarungen nur noch vom Handy einer Freundin aus. Doch es gibt immer jemanden, der eine heikle Information aufschnappt und an die Presse verkauft. Oder jemanden, der, voller Neid und Missgunst, sein eigenes erpresserisches Süppchen kocht.

Der Ruf des Kuckucks von Robert Galbraith

Als Lula eines nachts vom Balkon ihrer Wohnung in den Tod stürzt, deuten alle Indizien darauf hin, dass das notorisch misstrauische und seit Jahren in psychiatrischer Behandlung befindliche Model ihrem turbulenten Leben selbst ein Ende gesetzt hat. Nur ihr Bruder, ein reicher Anwalt, mag den Ergebnissen der polizeilichen Ermittlungen nicht glauben. Als die mediale Hysterie abgeflaut und Lulas Fall schon zu den Akten gelegt ist, engagiert er den Privatdetektiv Cormoran Strike. Dass der ehemalige Soldat, der in Afghanistan körperliche und seelische Wunden davon getragen hat, bei seiner Wahrheitssuche in einen Sumpf aus Intrigen gerät und die Welt der Schönen und Reichen als ein von Machtspielen und Medieninteressen vermintes Schlachtfeld der Eitelkeiten erlebt, verwundert kaum. Denn von der Macht der Medien und dem hoffnungslosen Versuch, sich selbst – trotz plötzlicher Berühmtheit – treu bleiben zu können, kann Joanne K. Rowling ein Lied singen.

Seit sie mit ihrer Saga um den Zauberlehrling Harry Potter in die Liga der Super-Reichen aufgestiegen ist, wird das Leben der ehemaligen Sozialhilfe-Empfängerin in der Öffentlichkeit breit getreten, wird jede private Regung, politische Äußerung und literarische Zeile mit einer Mischung aus Bewunderung, Neugier und Häme unter die Lupe genommen. Die Sehnsucht nach Anonymität muss groß gewesen sein. Vor allem, nachdem „Ein plötzlicher Todesfall“, ihr erster Roman der Nach-Potter-Ära, von der Kritik als klischeehaftes Sozial-Drama abgetan wurde.

Um ihren literarischen Wert zu testen, hat sie ihren neuen Roman, „Der Ruf des Kuckucks“, unter dem Pseudonym Robert Galbraith veröffentlicht. Dass das Versteckspiel am unaufhörlichen Geplapper der modernen Kommunikationsmedien scheitern würde, hätte sie sich eigentlich denken können. Nachdem die Nachricht über die wahre Autorschaft sich via Twitter durch die globalen Netze gefressen hatte, schoss der Roman von Robert Galbraith, der vorher zwar von der englischen Kritik gut aufgenommen, von den Käufern aber eher missachtet wurde, binnen Minuten an die Spitze der Verkaufs-Charts bei Amazon. Zu dem Zeitpunkt hatte sich der Verlag Blanvalet, der keine Ahnung hatte, welche Lizenz zum Gelddrucken man da billig erworben hatte und der dann mit einer Auflage von 300 000 an den Start ging, die deutschen Rechte bereits gesichert.

Dabei ist „Der Ruf des Kuckucks“ nicht mehr, aber auch nicht weniger, als ein klug komponierter, spannend geschriebener und stilistisch sauber gearbeiteter Krimi. Die Autorin weiß, wie man die Leser bei der Stange hält und veranstaltet eine kriminalistische Schnitzeljagd. Privatdetektiv Cormoran Strike braucht lange, um zu begreifen, dass das, was unaufmerksame Zeugen, verlogene Freunde und machtgeile Medienprofis über das Leben von Lula Landry zu wissen meinen, und dass das, was sie glauben gehört und gesehen zu haben, nur selten der Wirklichkeit entspricht. Strike, unehelicher Sohn eines ehemaligen Rockstars, muss ein gigantisches Puzzle aus Halbwahrheiten, Lügen und Manipulationen neu und richtig zusammensetzen.

Strikes kriminalistisches Denken und seine Leidensfähigkeit sind geschärft, seit er in Afghanistan bei einer Militär-Einheit war, die Verfehlungen und Verbrechen der britischen Armee aufdeckt. Bei diesem gefährlichen Dienst hat Strike den Unterschenkel eines Beines verloren. Aber das kann er im Alltag genauso gut kaschieren wie die Tatsache, dass er emotional angeschlagen ist, nachdem die Beziehung zu seiner langjährigen Freundin in die Brüche gegangen ist und er auf einer Campingliege in seinem Büro seine einsamen Nächte verbringt. Zu einem derangierten Detektiv passt, da kennt das Klischee kein Erbarmen, eine umsichtige und loyale Sekretärin: Die sympathische Robin gehört zum Stamm selbstloser Frauen, die ihrem muffligen Chef den Rücken frei halten und für ein kleines Kompliment bereit sind, Überstunden und Gefahren auf sich zu nehmen.

Irgendwann sind alle Mode-Designer und Film-Mogule, alle falschen Freunde und fiesen Feinde der schönen Toten durch die Mangel gedreht, ist das kriminelle Knäuel entwirrt und der psychopathische Mörder dingfest gemacht. Bleibt die Hoffnung, dass Robert Galbraith alias J. K. Rowling den nächsten Fall etwas gradliniger angeht. Denn eine Fortsetzung wird es bestimmt geben: Strike hat schließlich noch eine Rechnung mit seinem Vater offen, und er muss herausbekommen, ob beim Drogentod seiner Mutter nicht vielleicht doch eine Mörderhand im Spiel war.

Robert Galbraith (J.K.Rowling): „Der Ruf des Kuckucks“. Roman. Deutsch von Wulf Bergner, Christoph Köhler, Kristof Kurz. Blanvalet Verlag, München 2013, 638 S., 22,90 Euro.




Heilsbringer in der Waschmaschine – Michael Thalheimer inszeniert „Tartuffe“ an der Schaubühne

Endlich haben alle begriffen, dass der als Heilsbringer verehrte Herr Tartuffe nur ein Heuchler ist. Ein Scharlatan, der sich in religiöser Verzückung kurios verbiegen kann und sich in leidender Jesus-Pose gefällt.

All die auf die Haut tätowierten Bibelverse und das Gerede von Schuld und Erlösung können irgendwann nicht mehr vertuschen, dass Tartuffe nur ein geldgieriger Raffzahn und notgeiler Lüstling ist, der die Familie Orgon in den Ruin treiben und es mit der Frau des Hauses treiben möchte. Plötzlich beginnt die kleine Welt der Orgons ins Rutschen zu kommen. Und die Bühne, eben noch eine mit Blattgold verzierte Mönchszelle, rotiert wie eine enthemmte Waschmaschine.

Orgon (Ingo Hülsmann, li.) und Tartuffe (Lars Eidinger). (Bild: Katrin Ribbe/Schaubühne)

Orgon (Ingo Hülsmann, li.) und Tartuffe (Lars Eidinger). (Bild: Katrin Ribbe/Schaubühne)

Das Unterste wird nach oben gekehrt, die Menschen fliegen durcheinander. Nichts und niemand gibt ihnen mehr Halt. Schon gar nicht jener feist grinsende Herr Tartuffe, der – so will es Regisseur Michael Thalheimer – zum bitterbösen Ende hin nicht verhaftet wird, sondern die Familie Orgon einfach vor die Tür setzen lässt.

Michael Thalheimer, offenbar vom interneren Machtkampf mit Platzhirsch Andreas Kriegenburg am Deutschen Theater entnervt, ist als Hausregisseur an die Berliner Schaubühne gewechselt. Dort inszeniert er jetzt Molières „Tartuffe“ als, ja, als was eigentlich? Eine ausgelassene Komödie jedenfalls ist es nicht geworden. Eher eine streng formalisierte Groteske. Ein moralinsaurer Abgesang auf die Blindheit der Menschen, die sehenden Auges in ihr Unglück rennen.

Thalheimer bleibt sich, auch am neuen Theater, treu und macht das, was er immer macht: Er entkernt den Text, bis nur noch ein ein dürres Handlungsgerippe übrig bleibt, reduziert die Menschen auf stilisiert wirkende Macken und Marotten, sperrt die Figuren – mit Hilfe seines Bühnenbildners Olaf Altmann – in ein enges Gefängnis. Ob der von allen guten Geistern und jeder Vernunft verlassene Orgon (Ingo Hülsmann), ob seine um Haus und Hof fürchtende, aber einem Seitensprung nicht abgeneigte Frau Emire (Regine Zimmermann) oder der sich mit ausgeleierten Phrasen und billiger Anmache einschleimende Tartuffe (Lars Eidinger): Sie alle müssen sich durch einen kleinen Spalt in den karg möblierten Bühnen-Schrein zwängen.

Lustig ist das nicht. Genauso wenig wie die seltsamen Grimassen, Verrenkungen und Schreiattacken, von denen Tochter Marian (Luise Wolfram), ihr Verlobter Valère (Tilman Strauß) und der Gerichtsvollzieher (Urs Jucker) heimgesucht werden. Einzig Judith Engel als gelangweiltes Hausmädchen Dorine verbreitet als Unheil verkündende Kassandra eine Komik des Schreckens.

Längst bevor die falsche Fassade einstürzt, liegen alle Lügen und alle Wahrheiten offen zutage. Atmosphärische Verdichtung erzeugt allein noch die enervierende Musik: eine schauderhaft-schöne Collage aus schwer dröhnenden sakralen Orgelklängen und metallisch klirrenden Gitarrenriffs. Das bleibt noch lange im Ohr. So wie die zur rotierenden Waschmaschine werdende Bühne sich ins Theater-Gedächtnis einschreiben wird. Aber sonst? Viel Lärm um nichts.

Berlin, Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153. Nächste Aufführungen am 9. und 10. Januar 2014. Karten unter 030/890023 oder ticket@schaubuehne.de




Ausweitung der Farbzone – Werke von K.O. Götz in Berlin und Duisburg

Er ist der große Unbekannte der zeitgenössischen deutschen Kunst. Dabei ist die Bedeutung seiner künstlerischen Innovationen und sein Einfluss auf viele Kollegen kaum zu übersehen und zu überschätzen.

Als die meisten deutschen Maler in der Nachkriegszeit versuchten, die durch die Kultur-Barbarei der Nazis verursachte Abschottung zu überwinden und Anschluss an die internationale Moderne zu finden, war der am 22. Februar 1914 in Aachen geborene Karl Otto Götz schon längst Mitglied grenzüberschreitender künstlerischer Projekte. Bei den Ausstellungen der „CoBrA“-Gruppe in Lüttich war Götz vertreten, seine abstrakten und informellen Bilder setzen Maßstäbe.

Karl Otto Götz: "Giverny VII". 1988, Sammlung Ströher, Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg / © VG Bild-Kunst, Bonn / Olaf Bergmann, Witten.

Karl Otto Götz: „Giverny VII“. 1988, Sammlung Ströher, Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg / © VG Bild-Kunst, Bonn / Olaf Bergmann, Witten.

Bereits in den 1930er Jahren hatte Götz mit Luftpumpen Farbornamente gesprüht. Und ähnlich wie sein amerikanischer Bruder im Geiste, Jackson Pollock, hat Götz Ende der 1940er Jahre angefangen, die Farben auf seine am Boden liegenden Leinwände zu klecksen. Durch einen Zufall kam er beim Anrühren von Kleister für seinen kleinen Sohn auf die Idee, seine Farben auf den feuchten Kleistergrund aufzubringen, um sie dann erst mit einem Rakel-Schieber aus Gummi oder Stahl zu verwischen und schließlich mit dem Pinsel in die aufgerakelten Passagen hineinzuarbeiten. Diese Technik hat Götz nicht nur immer weiter perfektioniert, er hat sie auch als Kunstprofessor in Düsseldorf an seine Schüler – unter ihnen Sigmar Polke und Gerhard Richter – weitergegeben.

Noch heute ist der nimmermüde Erneuerer, trotz einer Augenkrankheit, die ihn nahezu erblinden ließ, fast jeden Tag in seinem Atelier in Niederbreitbach-Wolfenacker (Westerwald) anzutreffen und malt unter Mithilfe seiner Frau Rissa seine farbekstatischen Bilder. In der Berliner Neuen Nationalgalerie ist jetzt zum 100. Geburtstag eine große Werkschau zu sehen, die anschließend nach Duisburg (Museum Küppersmühle) und Wiesbaden kommt. Die Retrospektive ist eine Verbeugung vor dem Lebenswerk und belegt zugleich die Bedeutung für die Kunstgeschichte.

Karl Otto Götz bei der Arbeit in seinem Düsseldorfer Atelier, 1959 (© Foto: Siegfried Kühl)

Karl Otto Götz bei der Arbeit in seinem Düsseldorfer Atelier, 1959 (© Foto: Siegfried Kühl)

Gezeigt werden 70 Hauptwerke, an denen sich verschiedene Lebensstationen und künstlerische Entwicklungen ablesen lassen. Bilder aus den frühen Jahren sind dabei, die in ihrer figurativen und grazilen Abstraktheit und an Klee und Kandinsky erinnern. Rasterbilder wirken wie Vorläufer elektronischer und mit Computern generierter Malerei. Und dann diese Ausweitungen der Farbzonen in seinen gerakelten Bildern, die spontan, improvisiert und zufällig anmuten und doch das Ergebnis höchster Konzentration und konzeptioneller Überlegungen sind! Abzulesen ist das an den – in Glasvitrinen liegenden – Skizzen und Studien, in denen Götz Farbe und Technik festlegt und serielle Variationen der abstrakten und informellen Bilder durchspielt.

Zu den eindrucksvollsten Bildern gehört „Dantons Tod“ (1960), ein düsterer, schwarzer und roter Farbteppich, der an eine Blut-Orgie gemahnt. Einige Exponate der umfangreichen „Giverny“-Serie sind zu bestaunen, in denen Götz unter Anlehnung an Monets Licht- und Farbstudien des Gartens im französischen Ort Giverny flirrende, sonnendurchflutete Impressionen schuf.

Nicht fehlen darf auch der mit unbändiger Kraft und Euphorie auf die Leinwand geworfene Kommentar zur geglückten deutschen Einheit: „Jonction – 3.10.1990“. In solchen Bildern zeigt sich, dass der mit Farben und Formen experimentierende Götz immer auch auf zeitgeschichtliche Bezüge in den Blick nimmt. Sein Triptychon zur Ausrüstung der Bundeswehr mit atomaren Sprengköpfen spricht eine deutliche Sprache: Farb-Explosionen imaginieren eine Welt am apokalyptischen Abgrund. Da sage noch einer, abstrakte Malerei habe keine politische Botschaft.

K.O. Götz. Neue Nationalgalerie, Berlin. Bis 2. März 2014, Di, Mi, Fr 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Sa So 11-18 Uhr, Katalog 30 Euro, Eintritt 8 Euro, ermäßigt 4 Euro. Infos unter http://www.kogoetzinberlin.de

Vom 21. März bis zum 15. Juni 2014 wird die Ausstellung im Duisburger Museum Küppersmühle zu sehen sein.




Schauspielerfest in Schwarzweiß – der Kinofilm „Das Mädchen und der Künstler“

Wir schreiben das Jahr 1943: Während die Welt in Krieg und Chaos versinkt, kämpft ein greiser Künstler mit seiner nachlassenden Schaffenskraft.

Der Bildhauer (Jean Rochefort) und seine junge Muse (Aida Folche). (© Camino Filmverleih)

Der Bildhauer (Jean Rochefort) und seine junge Muse (Aida Folche). (© Camino Filmverleih)

Noch einmal möchte der 80jährige Marc Cros (Jean Rochefort) eine Skulptur schaffen, in der die ganze Schönheit des Lebens und die Erhabenheit der Kunst zum Ausdruck kommen. Seine Frau Lea (Claudia Cardinale) spürt, dass ihr Mann einen kreativen und erotischen Reiz braucht. Damit er nicht vollends in Altersdepressionen versinkt, bringt sie eine junge Frau in sein Atelier. So wird junge Katalanin Mercè (Aida Folch), die tagsüber nackt Modell sitzt und des nachts Flüchtlinge über die Pyrenäen aus dem von Nazis besetzten Frankreich nach Spanien schmuggelt, zur Muse des Bildhauers. Sie beflügelt seine Fantasien und gibt ihm noch einmal die Kraft, dem Göttlichen in der Kunst ganz nahe zu kommen.

Regisseur Fernando Trueba setzt bei seiner filmischen Meditation über das Alter und den Tod, die Kunst und den Krieg ganz auf die stillen Momente des Daseins und die Beharrlichkeit großer Bilder. Die bäuerliche Welt am Rande der Pyrenäen, der Kampf mit dem künstlerischen Material in der Bildhauerwerkstatt, der gelegentliche Einbruch der kriegerischen Realität in die scheinbare Idylle, all das wird in wohl temperierten und atmosphärisch dichten Schwarzweißbildern ausgeleuchtet. Jedes grelle Licht und jeder harte Schatten gewinnen rätselhafte Bedeutung.

„Das Mädchen und der Künstler“ ist ein Fest für große Schauspieler und ein Lehrfilm über die Kunst der kleinen Gesten und sparsamen Worte. Im faltigen Gesicht von Jean Rochefort liest man wie in einem Buch. Das altersmilde Lächeln von Claudia Cardinale erzählt davon, dass wahre Schönheit nie vergeht. Faszinierend, wie der greise Bildhauer sich noch einmal gegen den Tod stemmt und es ihm unter Aufbietung aller verbliebenen Kräfte gelingt, die betörende Schönheit von Aida Folch in einem Kunstwerk festzuhalten.

Ab 25. Dezember in ausgewählten Kinos




Der große Überdruss: Mankells nachgereichter Wallander-Krimi „Mord im Herbst“

Schon lange hat Kurt Wallander zwei, nein eigentlich drei Wünsche: ein Haus auf dem Lande, einen Hund und, er wagt es kaum zu formulieren, eine Frau, die ihn, den oft griesgrämigen Polizisten aus Ystad, liebt und ihm behilflich ist, die Tücken des Alters zu ertragen.

Seine erste Ehefrau hat ihn schon lange verlassen. Mit seiner Tochter wechselt er, obwohl sie noch immer bei ihm wohnt, kaum zwei Worte am Tag. Jetzt, wo die Herbststürme über die hügelige Landschaft von Schonen peitschen und Wallander in seinen knackenden Knochen spürt, dass der Winter seines Lebens nicht mehr fern ist, will er dringend noch einmal seinem tristen Dasein einen letzten neuen Dreh geben.

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Aber als der Kommissar hinausfährt und ein zum Verkauf stehendes Haus besichtigt, stolpert er im Garten über eine skelettierte Hand, die aus dem Boden ragt. Die sofort anrückenden Kollegen finden, als sie den Garten umgraben, die Überreste von zwei Leichen, die seit vielen Jahren dort vergraben waren. Statt Ruhe in ländlicher Idylle erwartet Wallander also doch nur wieder harte Arbeit.

Ein neuer Fall also. Hatte nicht Henning Mankell vor einigen Jahren behauptet, „Der Feind im Schatten“ sei definitiv der letzte Roman über den schwedischen Polizisten Kurt Wallander? Und waren dabei nicht, während Wallander sich im Gestrüpp einer politischen Affäre fast verlor, am Horizont die ersten Anzeichen einer Demenz erkennbar und war nicht das Abtauchen in das endgültige Vergessen nur noch eine Frage weniger Monate oder Jahre?

Für Wallander gibt es keine Rettung, daran wird sich wohl nichts ändern. Denn der Roman „Mord im Herbst“ ist chronologisch vor dem letzten Wallander-Krimi angesiedelt, spielt im Jahre 2002 und wurde bereits 2004 veröffentlicht. Allerdings bislang nur in den Niederlanden. Henning Mankell hatte den Plot eigens für eine Aktion geschrieben, bei der jeder holländische Leser, der in einem bestimmten Monat einen Kriminalroman kauft, noch ein weiteres Buch gratis dazu bekommt.

Deutsche Fernsehzuschauer werden trotzdem das Gefühl haben, die Geschichte irgendwie zu kennen: Denn der – im Gegensatz zu allen anderen Wallander-Krimis – eher schmale Roman wurde heftig geplündert und diente später der BBC als Grundlage für ein Drehbuch zu einem Film mit Kenneth Branagh in der Rolle des Kurt Wallander. Aber Vorsicht: Die TV-Version von „Ein Mord im Herbst“ hat sich nur ein paar Ideen herausgeklaubt, bei der Suche nach der Wahrheit, der Identität der Opfer und des Mörders geht der Roman ganz andere Wege. Diese Wege sind verschlungen und reichen weit in die Vergangenheit zurück. In die Zeit, als der Zweite Weltkrieg sich dem Ende zuneigte und auch in Schweden, wo viele Flüchtlinge strandeten, die nirgends registriert wurden und die gelegentlich auch auf Nimmerwiedersehen spurlos verschwanden, das reinste Chaos herrschte.

Der Fall selbst ist nicht besonders spektakulär und im Grunde durch hartnäckige Routinearbeit und staubige Archiv-Recherchen zu lösen. Die Würze und Spannung des Romans besteht diesmal eher in seiner gedanklichen Klarheit und sprachlichen Verknappung. Während Mankell sich sonst gelegentlich selbstverliebt in Details verliert und die Wallander-Romane mit falschen Fährten und zwischenmenschlichen Problemen gehörig aufplustert, konzentriert er sich hier ganz auf die spröde Gedankenwelt des muffeligen Kommissars.

Deutlich spürbar ist, dass Wallander vieler Alltäglichkeiten überdrüssig ist und bald keine Lust mehr haben wird, den Rest seines verkorksten Lebens mit Mordermittlungen zu verbringen. Am Ende des melancholischen Buches ist der Mörder zwar bekannt. Aber der Winter ist vollends nach Schonen gekommen. Ein Haus, einen Hund und eine Frau hat Wallander immer noch nicht.

Henning Mankell: „Mord im Herbst“. Ein Fall für Kurt Wallander. Mit einem Nachwort des Autors. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2013, 143 Seiten, 15,90 Euro.




Genie der Selbstzerstörung: Aus dem wilden Leben des Drummers Ginger Baker

Er ist wahrscheinlich der vielseitigste und einflussreichste Drummer der Rock-Musik.

Seine Lehrer waren Jazz-Größen wie Max Roach und Art Blakey, seine Mentoren Alexis Korner und Graham Bond. Seine musikalischen Meisterstücke hat er mit Supergruppen wie Cream und Blind Faith abgeliefert. Er hat in unzähligen Bands gespielt und mal in England oder Italien, mal in den USA, Nigeria und Südafrika gelebt. Oft ist er schon wegen seiner Drogensucht und Tabletten-Abhängigkeit für tot erklärt worden. Doch auch wenn es stiller um diesen kauzigen Weltenbummler und neugierigen Multikulti-Musiker geworden ist: Ginger Baker lebt.

Er ist noch immer angriffslustig und schlagkräftig wie eh und je. In einem Interview hat er jüngst behauptet, die Rolling Stones seien völlig unmusikalisch. Und als ihm die Fragen von Jay Bulger auf die Nerven gingen, hat er dem Regisseur kurzerhand mit seinem Gehstock verprügelt und die Nase gebrochen. „Beware of Mr. Baker“ heißt der dokumentarische Film, der jetzt in die Kinos kommt und Schlaglichter auf das abenteuerliche und ereignisreiche Leben von Ginger Baker wirft.

Exzentrisch: Schlagzeuger Ginger Baker im Januar 1970. (© NFP)

Exzentrisch: Schlagzeuger Ginger Baker im Januar 1970. (© NFP)

Jay Bulger hat den von unzähligen Abstürzen und Entziehungskuren schwer gezeichneten Musiker auf dessen Farm in Südafrika besucht und mit Fragen gelöchert. Während der zittrige Ginger Baker eher unwillig Einblicke in sein Leben gewährt und immer wieder ätzende Kritik an den meisten seiner Kollegen und Weggefährten übt, werden Fotos und Filmstücke eingespielt, Kommentare seiner Ex-Gattinnen und Kinder, Konzertmitschnitte, Reisedokumente, Hasstiraden und Liebeserklärungen von Kollegen.

Ginger Baker hat mit allen gespielt, mit seinem furiosen und variablen Spiel alle fasziniert und mit seinen Launen und Gewaltausbrüchen alle schier in den Wahnsinn getrieben: Ob Eric Clapton oder Jack Bruce, Steve Winwood, Carlos Santana oder Charlie Watts, sie alle verneigen sich vor dem Ausnahme-Drummer. Aber alle auch meiden diesen Derwisch des Schlagzeugs. Die (einmalige) Wiedervereinigung von Cream war denn auch beileibe keine Herzensangelegenheit von Eric Clapton und Jack Bruce: Es ging ganz schnöde ums liebe Geld. Ginger Baker, der stets über seine Verhältnisse lebt und ein Pferdegestüt sein eigen nennt, war wieder einmal pleite und benötigte dringend eine Finanzspritze.

Der zur Selbstzerstörung neigende Ginger Baker und der zur Selbstverleugnung fähige Regisseur Jay Bulger sind ein ideales Gespann. Während der eine meckert, stellt der andere hinterhältige Fragen. Beide ringen bis zum Nasenbruch miteinander. Das Resultat ist eine hoch spannende, musikalisch und filmisch gelungene Biografie.

(Ab 19. Dezember 2013 im Kino)

Trailer zum Film: http://www.youtube.com/watch?v=RkIiAkx4LtQ




Narr, Schamane, Anarchist: Zwiespältige Schlingensief-Werkschau in Berlin

Sein wichtigstes künstlerisches Mittel war die Provokation.

Ob er ein filmisches „Kettensägen-Massaker“ anrichtete oder mit dem Megaphon dazu aufrief, den FDP-Politiker Jürgen Möllemann zu töten; ob er die Spaßguerilla-Partei „Chance 2000“ gründete oder mit einem Fluxus-Oratorium „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ betrauerte: Immer hatten die performativen Kunst-Events des gebürtigen Dortmunders Christoph Schlingensief etwas Flüchtiges und Chaotisches, wirkten sie wie hastig improvisierte Reaktionen auf politische Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Fehlentwicklungen, Entgleisungen des Zeitgeistes.

Christoph Schlingensief: "Freakstars 3000" (2003). Von links: Christoph Schlingensief, Horst Gelonneck, Kerstin Graßmann, Mario Garzaner, Achim von Paczensky. (© Filmgalerie 451 / Foto: Thomas Aurin)

Christoph Schlingensief: „Freakstars 3000“ (2003). Von links: Christoph Schlingensief, Horst Gelonneck, Kerstin Graßmann, Mario Garzaner, Achim von Paczensky. (© Filmgalerie 451 / Foto: Thomas Aurin)

Eigentlich kaum vorstellbar, dass all die Filme und Inszenierungen, Installationen und Aktionen eine museale Form annehmen könnten. Drei Jahre nach dem frühen Krebstod von Christoph Schlingensief präsentieren die Berliner „Kunst-Werke“ eine opulente Werkschau. Das ist nur möglich, weil Schlingensief, den viele für einen anarchischen Spinner und flüchtigen Ideenproduzenten hielten, ein notorischer Sammler und penibler Archivar seiner Kunst-Entäußerungen war.

So kann man jetzt, über mehrere Stockwerke und in unzähligen Räumen und Nischen, all das sehen, hören, nacherleben, was man längst auf der Halde der Kunstgeschichte wähnte: die Wiener Bau-Container, in denen einst (in einer Big-Brother-Persiflage) Ausländer hausten und auf ihre Ausweisung warteten; der aus sowjetischem Militärschrott gebastelte, auf einer Drehbühne installierte und von den Zuschauern begehbare „Animatograph“; der Mitschnitt jener Aktion, mit der Schlingensief hunderte Arbeitslose dazu aufrief, im Wolfgangsee zu baden, damit die Flutwelle bis an die Tür des Urlaubsdomizils von Kanzler Kohl schwappen möge; die mit versteckter Kamera heimlich gedrehten Bilder seiner „Parsifal“-Inszenierung in Bayreuth.

Auf Dutzenden Fernsehgeräten laufen in Endlosschleifen Videos, überall wabern akustische Pamphlete durch die Gänge. Alles, was man bisher vielleicht nur für Ausgeburten spätpubertärer Fantasie und geschmackloser Narretei gehalten hat, gewinnt, museal aufbereitet, fein beschriftet und kunstgeschichtlich einsortiert, plötzlich einen absurd anmutenden Kunst-Charakter. Und die Person, die – seien wir ehrlich – vielen Beobachtern zu seinen Lebzeiten mitunter heftig auf die Nerven gegangen ist, wird zum Gegenstand künstlerischer Verklärung.

Spätestens in jenem Andachtsraum, in dem das Vermächtnis Schlingensiefs – das von ihm inspirierte Operndorf in Afrika – weiterwirkt, beschleicht einen das verstörende Gefühl, in einen bizarren Kunst-Gottesdienst geraten zu sein. Aber Schlingensief war kein Heiliger, kein Wegweiser und kein Künder einer besseren Welt. Er war ein Störenfried, Schamane und Anarchist. Eine Nervensäge, ein permanenter Widerspruch. Ein Gesamtkunstwerk, das nur funktioniert, verstört, verärgert, solange er selbst den Provokateur spielt, den Ton und die Richtung vorgibt.

Ja, Schlingensief fehlt. Die deutsche Kunst ist ohne ihn um vieles ärmer. Aber im Museum wirkt er seltsam fehl am Platze, ins Unwirkliche entrückt, wie ein Denkmal seiner selbst. Irgendwie harmlos.

KW „Kunst-Werke“, Auguststraße 69, 10117 Berlin. Bis 19. Januar 2014, Mi-Mo 12-19 Uhr, Do 12-21 Uhr, Di geschlossen; Eintritt 6 Euro, ermäßigt 4 Euro.
Infos: http://www.kw-berlin.de/de/




Die gnadenlose Zerstörung der Schönheit: T. C. Boyles Roman „San Miguel“

Will Waters, Veteran aus dem amerikanischem Bürgerkrieg, ist ein Eigenbrötler und hat kein Gespür für die Bedürfnisse und Sorgen seiner Familie. Dass er seine schwindsüchtige Frau Marantha ausgerechnet auf eine der öden Kanalinseln vor der Küste Kaliforniens bringt, ist ihr Todesurteil.

Will möchte auf San Miguel Schafe züchten, mit der Natur eins werden und seinem Leben einen neuen Sinn geben. Während er zupackt und alle Widrigkeiten ignoriert, setzen das garstige Klima und die monotone Einsamkeit Maranthas Gesundheit zu. Aufs Festland kehrt sie nur noch einmal zurück, um dort zu sterben. Jetzt ist es an ihrer Tochter Edith, sich gegen den tyrannischen Vater zu behaupten und der verhassten Insel endgültig zu entfliehen.

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Schon in seinem vorigen Roman („Wenn das Schlachten vorbei ist“) hatte T. C. Boyle mit seinem Schreib-Dampfer vor einer der Kanalinseln fest gemacht. Auf Anacapa hatte er Tierschützer und Ökologen bei einem tödlich verlaufenden Streit beobachtet: während die einen ausnahmslos jedes Wesen schützen wollen, sind die anderen bereit, die Rattenplage auf Anacapa mit Gift beseitigen, um alle anderen bedrohten Tierarten zu retten.

In „San Miguel“ ist T. C. Boyle noch ein bisschen weiter aufs Meer hinaus getuckert und macht die am weitesten von seinem kalifornischen Wohnort bei Santa Barbara entfernt liegende Insel zum Schauplatz einer über mehrere Generationen und viele Jahrzehnte sich dehnenden Handlung. Im Zentrum stehen die Frauen, sie sind stark und schön und eigenwillig. Und sie leiden unter ihren Männern. Das trifft auf die kränkelnde Marantha genauso zu wie auf ihre lebenshungrige Tochter Edith.

Auch später, als nach Jahrzehnten wieder ein Paar auf die Insel zieht, muss sich die Frau gegen ihren Mann behaupten. Sie heißt Elise, war einst Bibliothekarin in New York, bevor sie mit Herbie, ihrem Mann, auf San Miguel gestrandet ist. Auch Herbie ist einer dieser Männer, die in einem Krieg gekämpft, ihre seelischen Verwundungen nie überwunden haben, aber nach außen eine harmonische Fassade aufrecht erhalten. Dass sich hinter der Idylle, die das Ehepaar der von den vermeintlichen Pionieren auf San Miguel verzückten Presse vorspielen, Abgründe lauern, wundert kaum.

Basierend auf historischen Tagebüchern und überlieferten Dokumenten erzählt T. C. Boyle in einem weit gespannten Bogen eine amerikanische Saga. Sie handelt vom Kampf gegen die Unbilden der Natur und davon, dass starke Frauen die Träume schwacher Männer ausbaden müssen. Mit bitterer Ironie erzählt der Autor, wie Lebensentwürfe und -verläufe nur selten zueinander passen. Er beobachtet mit kühlem Blick seine Romanfiguren und erkundet, ob und wie sie sich in der Natur behaupten können. Denn der eigentliche Protagonist ist die Insel selbst, ihre Schönheit und Kargheit, die es zu bewahren gilt – und doch immer wieder gefährdet ist.

T. C. Boyle, der am 2. Dezember seinen 65. Geburtstag feierte, ist der Mahner und Apokalyptiker unter den amerikanischen Gegenwartsautoren. Ob in „Willkommen in Wellville“ oder „Americá“, „Ein Freund der Erde“, „Wenn das Schlachten vorbei ist“ oder jetzt in „San Miguel“: immer wieder zeigt er, wohin es führt, wenn der Mensch keine Rücksicht auf die Schöpfung nimmt, egoistisch sich selbst verwirklichen und sich die Natur untertan machen will. Überall nur Chaos und Zerstörung und an den eigenen Lügen zugrunde gehende Menschen. Dass T. C. Boyle mit einer gelassenen Heiterkeit in den Abgrund schaut und niemals ins Predigen kommt, gehört zu seinen ganz großen Stärken.

T. C. Boyle: San Miguel. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Dirk van Gunsteren. Carl Hanser Verlag, München 2013, 447 S., 22,90 Euro.

Eine gekürzte Lesung des Romans von Jan Josef Liefers it erschienen im Hörverlag München (8 CDs, 24,99 Euro).




„Nach dem Applaus“ – ein Krimi aus dem Theatermilieu in Berlin und Wien

Es ist bitterkalt. Schnee und Eis haben die Mitte Europas fest im Griff. Eigentlich möchte man sich es sich nur noch mit einem heißen Getränk und einem guten Buch in der gut geheizten Wohnung gemütlich machen. Doch dann müssen der Berliner Kommissar Thomas Bernhardt und seine Wiener Kollegin Anna Habel doch vor die Tür und hinaus ins Frostige.

In den Hauptstädten Deutschlands und Österreichs geschehen Morde, die offensichtlich enger zusammenhängen, als es auf den ersten Blick scheint. In Berlin wird eine junge Schauspielerin grausam zerstückelt, die noch vor gar nicht langer Zeit in Wien große Bühnentriumphe feierte. Und war sie nicht mit jener Frau näher befreundet, deren kopflose Leiche man in Wien auf den Gleisen eines Rangierbahnhofs findet?

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„Nach dem Applaus“ heißt der neue, nunmehr dritte „Fall für Berlin und Wien“, den das Autoren-Duo Bielefeld & Hartlieb mit liebevoll-zynischer Lust geschrieben hat. Nachdem der Berliner Literaturkritiker Claus-Ulrich Bielefeld und die Wiener Buchhändlerin Petra Hartlieb ihr unterhaltsames Spiel mit den blutigen Machenschaften unter Schriftstellern und Verlegern („Auf der Strecke“) und mit den politischen Irrungen und Wirkungen unter ehemaligen RAF-Terroristen („Bis zur Neige“) geführt haben, wagen sie diesmal einen Ausflug ins Theatermilieu. Das ist schon deshalb nicht ohne Hintersinn und Humor, weil Berlin und Wien seit jeher um die Theaterkrone im deutschsprachigen Raum kämpfen.

Natürlich war die in Berlin ermordete Schauspielerin eine Lieblings-Diva von Claus Peymann, dem ehemaligen Chef des Wiener Burgtheaters, der seit einigen Jahren das Berliner Ensemble leitet und immer wieder vollmundig verkündet, sein Theater solle Reißzahn im Hinterteil der Herrschenden sein. Peymann wird im Krimi zwar nicht direkt beim Namen genannt, aber auch so ist jedem Leser klar, wer da seine aufbrausenden Bühnenweisheiten und arroganten Kunstsentenzen von sich gibt.

Dass der Theaterdirektor ausgerechnet von einem Kommissar namens Thomas Bernhardt (mit „dt“) verhört wird, raubt dem ehemaligen Weggefährten des (fast) gleichnamigen österreichischen Schriftstellers (mit „d“) beinahe den Verstand. Auch als Kommissar Bernhardt in eine Schauspielprobe platzt, bei der „Peymann“ sich an einer Bühnenversion von Georg Büchners „Lenz“-Erzählung abarbeitet und sich – ausgerechnet! – vom prolligen Volksbühnen-Kollegen Frank Castorf ein paar Ratschläge erbittet, ist der Humorfaktor groß.

Aber bei allen komischen Seitenhieben auf die Theaterszene kommt das bizarre mörderische Treiben nicht zu kurz. Ein zum Eisklotz gefroren toter Schriftsteller im See, ein in luftiger Höhe an die Flügel eines Windrades gebundener Schauspieler, ein Kunst-Mäzen, der gern Gutes tut, aber selbst nicht ohne Makel ist: Es wird Zeit, dass Bernhardt und Habel, die nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander können, gemeinsam am komplizierte Fall bosseln.

Ob die beiden bei ihren Recherchen in Szene-Cafés oder Theater-Kantinen Station machen, immer spürt man, dass jedes Detail stimmt und jede Anspielung bis aufs I-Tüpfelchen durchdacht ist. Zwar versichern Bielfeld&Hartlieb, dass alle Personen und Ereignisse frei erfunden sind. Trotzdem ist es ein kriminalistischer Spaß, die Fantasie mit der Realität abzugleichen.

Bielefeld & Hartlieb: „Nach dem Applaus“. Kriminalroman. Diogenes Verlag, Zürich. 390 Seiten, 14,90 Euro.




Alles verlieren, um eine Zukunft zu haben – Peter Stamms Roman „Nacht ist der Tag“

Als Gillian, eine erfolgreiche Fernsehmoderatorin und attraktive Enddreißigerin, nach einem schweren Autounfall im Krankenhaus erwacht, ist ihr Leben aus den Fugen geraten. Ihr Mann ist beim Unfall ums Leben gekommen, und in ihrem Gesicht klafft ein großes, hässliches Loch.

Doch seltsamerweise kann Gillian nicht richtig um ihren Mann trauern, und dass ihre Nase abhanden gekommen ist, quittiert sie mit gleichgültigem Trotz. Die Wunder der modernen plastischen Chirurgie werden es schon wieder richten! Was sie viel mehr beunruhigt, ist das Gefühl, dass ihr ganzes Leben, ihr Job, ihre Ehe nur Lügen waren, eine bröckelnde Fassade, die jetzt endgültig zum Einsturz gekommen ist. Dieses Leben, weiß Gillian, ist nun unwiederbringlich vorbei: „Ich bin weg“.

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Aber wie soll es weitergehen? Die Bücher des Schweizer Autors Peter Stamm drehen sich stets um Lebenskrisen, immer entsteht da, wo eben noch eine Idylle war, ein tiefer Riss, den sich weder die Roman-Figuren noch der Erzähler recht erklären können. Auch im neuen Roman, „Nacht ist der Tag“, sind vermeintliche Sicherheiten nur Täuschung: alles Schminke, um der Wahrheit nicht ins Auge sehen zu müssen.

Doch was ist die Wahrheit? Das weiß auch Gillian nicht, aber sie spürt plötzlich, dass Erfolg und Anerkennung ihr nichts mehr bedeuten und sie erst alles verlieren muss, um sich wieder neu zu finden. Die Katastrophe als Chance. Das klingt arg nach billigem Ratgeber. Zum Glück aber ist Peter Stamm ein gewiefter Erzähler, der die leisen Töne liebt und sich zwar für die Psychologie seiner Figuren interessiert, aber niemals auf die Idee kommen würde, die Misere zu erklären und gültige Auswege aufzuzeigen.

Stamm ist eine Meister der Möglichkeiten, des schwebenden Vielleicht, der hingetupften Andeutungen, der verdrängten Utopien. Dazu gehört auch der Künstler Hubert Amrhein. Er hat mit seiner emotionalen Ruppigkeit und seinen eigenwilligen Fotos, auf denen nackte Menschen bei ihren alltäglichen Verrichtungen zu sehen sind, bei Gillian etwas ausgelöst. Sie sieht sich plötzlich als eine fremde, ganz andere Frau.

Die Bilder, die Amrhein von der nackten Gillian macht, tragen nicht nur eine Mitschuld am Unfall (weil ihr Mann, als er die Fotos findet, sich heillos betrinkt und sich trotzdem ans Steuer des Wagen setzt), sie führen auch dazu, dass Gillian eine obsessive Beziehung zum Künstler entwickelt. Auch nachdem sie eine neue Nase bekommen und sich ein neues Leben zugelegt hat, wird sie ihn wieder treffen. Sie sucht nach Erlösung und Freiheit und wird beides nur bekommen, wenn sie alles, was mit ihrer Vergangenheit zusammengehört, überwindet.

Am Ende dieses eindringlichen und melancholischen Buches ahnt der Leser, dass man auch ohne Happyend ein bisschen Glück finden kann.

Peter Stamm: „Nacht ist der Tag“. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main. 253 S., 19,99 Euro.




Eine schonungslose Lebensbilanz – Paul Austers „Winterjournal“

Im „Winterjournal“ zieht Paul Auster eine Bilanz seines Lebens. Der Autor, er ist jetzt Mitte 60, spürt, dass sein Körper allmählich schwächer wird. Dass all die Krankheiten, Unfälle und Panikattacken, die ihn sein ganzes Leben heimgesucht haben, nicht spurlos an ihm vorbei gegangen sind.

Es wird Zeit, ehrlich und schonungslos zurückzublicken, sich ein paar vielleicht unangenehme Wahrheiten einzugestehen und – anders als in all seinen Romanen, in denen er mit autobiografischen Facetten fintenreich spielt – sein wahres Ich zu offenbaren: „Sprich jetzt, bevor es zu spät, und hoffentlich kannst du so lange sprechen, bis nichts mehr zu sagen ist. Schließlich verrinnt die Zeit.“

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Paul Auster gehört zu den bedeutendsten amerikanischen Gegenwartsautoren. Ob mit der „New-York-Trilogie“ oder der „Brooklyn-Revue“, ob mit „Der Mann im Dunkel“ oder „Sunset Park“: Immer wieder hat Auster die Möglichkeiten der Literatur neu vermessen und furios mit Erzählweisen jongliert. Jetzt lässt der 1947 in Newark/New Jersey geborene Autor Stationen seines Lebens Revue passieren, sucht nach Fixpunkten und zentralen Motiven, die sein Leben und sein Werk geprägt haben. Er lässt Kindheit und Studienjahre, gescheiterte Liebesbeziehungen und Auslandsreisen aufleben, seine Gedanken drehen sich um Todes-Erfahrungen, gefährliche Stürze und lebensbedrohliche Krankheiten, plötzliche Herzattacken und seltsame Unfälle.

Es geht um den allmählichen Verfall, die Nöte des Alters, die Schicksalhaftigkeit des Lebens und um den Zufall, der so oft darüber entscheidet, ob und wie wir weiterleben dürfen. Auster sagt „Du“, spricht mit sich wie mit einem Fremden, sucht zugleich Nähe und Distanz zu den Geheimnissen und Abgründen seines Lebens: Das „Winterjournal“ ist keine konventionelle Autobiografie, sondern eine kunstvolle Collage aus philosophischen Betrachtungen, poetischen Impressionen und intimen Bekenntnissen, ein emotional mitreißendes, gedanklich vertracktes und literarisch subtiles Buch.

Nach der Lektüre des „Winterjournals“ liest man die Romane Austers vielleicht nicht neu und anders, aber man versteht jetzt viel besser, wie tief seine Bücher im Autobiografischen wurzeln, dass er all die Zufälle, Unfälle und Todes-Ängste, die seine Protagonisten erleiden, auch selbst erlebt hat. Aber während er das Autobiografische im Roman literarisch kunstvoll tarnt und vernebelt, entblößt er im „Winterjournal“ wirklich sein Ich: Er beschreibt sich als einen „verwundeten Menschen“ mit einem „verkrüppelten Ich“, der sich bei existenziellen Gefahren in Krankheiten flüchtet.

Auster gesteht, dass er ein „Sklave des Eros“ ist, dass er zu viel Alkohol trinkt und zu viele Zigarillos raucht: eine schonungslose Reise zu sich selbst und zugleich eine zärtliche Liebeserklärung an seine Frau, die Schriftstellerin Siri Hustvedt, mit der er jetzt schon seit 30 Jahren glücklich verheiratet ist.

Auster erinnert sich, wie er als Kind nur knapp dem Tod entkam, als ein Blitz direkt neben ihm einschlug und seinen Freund tötete; er erzählt, wie er als junger Schriftsteller in Paris herumlungert und bei einer Prostituierten landet, die Baudelaire-Gedichte auswendig rezitieren kann; er denkt daran, wie seine erste Ehe kläglich scheitert und wie er das Leben seiner zweiten Frau bei einem von ihm verschuldeten Autounfall fast aufs Spiel setzt.

Während Auster berichtet, wie oft er dem Tod schon knapp entkommen ist, haben draußen, vor seinem Haus in Brooklyn, Nebel, Schnee und Eis New York fest im Griff. Er schaut auf seinen Körper und fragt sich, „wie viele Morgen“ ihm noch bleiben, jetzt, wo er „in den Winter seines Lebens eingetreten“ ist.

Paul Auster: Winterjournal. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Rowohlt Verlag, Reineck 2013, 254 S., 19,95 Euro.
(Auch als Hörbuch: Gelesen von Burghart Klaußner. Der Audio Verlag, 6 CDs).




Lizenz zur Wiederbelebung: William Boyds James-Bond-Roman „Solo“

James Bond, und das kommt selten vor, ist ein wenig ratlos. Der Auftrag, den er von M, seinem Pfeife schmauchenden Vorgesetzten, erhalten hat, klingt dem Geheimagenten mit der Lizenz zum Töten allzu vage. Wie er es bewerkstelligen könnte, den im afrikanischen (Fantasie)-Staat Zanzarim ausgebrochenen Bürgerkrieg zu beenden, ist dem britischen Agenten ein völliges Rätsel.

Keinen Schimmer hat er, wie er die gefährlichen Frontverläufe überwinden und in die abtrünnige Region des Landes gelangen soll, um dort den einflussreichen Stammesführer und militärischen Kopf des Aufstandes zu kontaktieren und, wenn nötig, auszuschalten.

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Bond hat weder eine Waffe dabei noch Verbündete, die ihm zur Hilfe eilen könnten. Er besitzt keine Informationen über die Hintergründe des Blutvergießens und weiß nicht, welche Interessen Großbritannien in dem Konflikt vertritt. Aber gerade dann, wenn alles ziemlich verwirrend und aussichtslos erscheint, läuft 007, der Agent, der bekanntlich gern Wodka Martini (geschüttelt, nicht gerührt) trinkt, noch stets zur Hochform auf.

Gut in Form ist auch der Autor William Boyd. Das ist vonnöten. Denn wer, sechzig Jahre nach der Veröffentlichung des ersten James-Bond-Romans, von den Nachlass-Verwaltern des verstorbenen Ian Fleming auserkoren wird, die legendäre Buchreihe um einen weitere offizielle Folge zu erweitern, muss mit allen kriminalistischen Tricks und literarischen Wassern gewaschen sein. Dass William Boyd in „Solo“ mit einer gehörigen Portion Selbstironie an die Machart und die Klischees der Ian-Fleming-Thriller anknüpft und doch einen eigenen, literarisch raffinierten Ton und eine ausgeklügelte, politisch aufgeladene Story findet, ist kein geringes Verdienst.

Bond und Boyd: das passt. Denn Boyd hat einen Hang zum Fintieren. Mit einer Ausstellung und einer Biografie über den frei erfundenen Maler „Nat Tate“ hielt er viele zum Narren; in „Ruhelos“, „Einfache Gewitter“ und „Eine große Zeit“ spielte er furios mit Elementen der Spionageliteratur. Dass der in Ghana geborene Brite, der heute in London und Südfrankreich lebt, für seinen James-Bond-Roman nach Afrika zurückkehrt, liegt auf der Hand: Mit dem permanenten Chaos der postkolonialen Revolutionen kennt er sich bestens aus; auch damit, dass der von Stammesfehden geschundene Kontinent immer wieder für Stellvertreterkriege herhalten muss und zum Spielball wirtschaftlicher Interessen der Großmächte wird.

Wir schreiben das Jahr 1969: Der Mensch hat den Mond betreten, in den westlichen Metropolen rebellieren die Studenten, die Dritte Welt kämpf um ihre Freiheit, in England herrscht der Bombenterror der IRA. Und um den Hunger nach Öl – als Schmiermittel des Fortschritts – zu befriedigen, sind alle Mittel recht. Nicht einfach für den passionierten Frauenhelden und notorischen Zyniker Bond, sich in der politisch aufgeladenen Gemengelage zurechtzufinden. Um in dieser heute fast schon archaisch anmutenden, internetfreien Kampfzone Erfolg zu haben, braucht Bond viel Glück und Verstand, ein paar seltsame Zufälle und natürlich das eine oder andere willige Bond-Girl.

Boyd lacht sich geradezu ins Fäustchen, wenn er die alten Macho-Klischees aufwärmt und Bond durch ein Gewitter aus Sex und Gewalt taumeln lässt. Doch irgendwann verliert der schwer verletzte Agent den Überblick und wirft alle Regeln über Bord: Was ihm in Afrika an Verrat widerfährt, weckt Rachegefühle. Und so macht er sich auf, um – solo – ein paar offene Rechnungen zu begleichen. Einige überraschende Wendungen warten auf ihn – und die Erkenntnis, dass sich hinter schönen Fassaden oft hässliche Menschen verbergen. Das ist wahrlich nicht neu, aber immer wieder spannend.

William Boyd: „Solo“. Ein James-Bond-Roman. Aus dem Englischen von Patrizia Klobusiczky. Berlin Verlag, 365 Seiten, 19,99 Euro.

(Das Hörbuch ist bei Osterwold-Audio erschienen, als ungekürzte Lesung von Dietmar Wunder: 8 CDs, 19,99 Euro)