Die Kultur umarmt den Fußball – Über die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur

Vor dem EM-Endspiel noch mal kurz innehalten – und über Fußball und Kultur nachdenken. Manche bezweifeln ja immer noch, dass es solche Querbezüge gibt. Sie haben vielleicht noch nie von Lebens- und Alltagskultur gehört. Bei der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur in Nürnberg weiß man es besser. Nachgefragt bei Günter Joschko, Projektleiter der renommierten Einrichtung.

Wie ist das beispielsweise mit der oft beschworenen Spielkultur? Hat die EM neue Erkenntnisse gebracht? Joschko: „Auch hier erleben wir Globalisierung. Stilistisch gibt es weltweit eine Tendenz zur Angleichung.” Die Champions League, so Joschko, gebe mit rasantem Vereinsfußball vor allem der englischen und spanischen Spitzenclubs die Richtung vor. Dann versuche man es überall nachzumachen. Fast schon beängstigender Trend: immer schneller, immer kombinationssicherer. Ob das stets mit Kultivierung einhergeht?

Die Zeit der neuen
Fan- und Spielertypen

Zur Akademie für Fußball-Kultur gehören im losen Verbund Menschen zahlreicher Fachrichtungen. Soziologen sind vorwiegend am gesellschaftlichen Umfeld interessiert. Germanisten untersuchen sprachliche Weiterungen des Fußballs zwischen Fan- und Reporterdeutsch – bis hin zur hohen Literatur. Musikexperten analysieren Fangesänge. Philosophen wenden ewige Grundsatzfragen aufs Kicken an. Selbst Theologen sind dabei. Eigentlich kein Wunder, ist doch der Fußball eine Quasi-Religion unserer Tage und damit sozusagen eine Glaubensfrage.

Günter Joschko hat vor allem bei der letzten WM 2006 und der jetzigen EM beobachtet, wie sich die Spaßgesellschaft formiert: „Die Zahl der erlebnishungrigen Partygänger unter den Zuschauern ist enorm gewachsen. Das sind Leute, die kaum an taktischen Finessen interessiert sind, sondern am puren Event.” Der harte Kern der Kenner hingegen bleibe auf längere Sicht ungefähr gleich groß.

Der Stadionbau habe sich dieser Entwicklung angepasst. Joschko: „Die großen Arenen bieten heute Durchschnitts-Komfort und Rundum-Versorgung für alle – selbstverständlich auch für Frauen.” Der Fußball ist also längst in der ganz breiten Mitte der Gesellschaft angekommen und dabei – so unken Kritiker – auch etwas domestiziert worden.

Das deutsche Nationalteam, so meint Joschko, vereine heute ein breiteres Spektrum von Spielertypen als je zuvor. Die Mannschaft werde mehr und mehr zum repräsentativen Abbild der Gesellschaft. Umkehrschluss: Jeder kann sich seine passende Identifikations-Figur heraussuchen, jede Klientel wird fündig.

Lustige Vögel und Verantwortungsträger

Da gebe es sympathisch unbekümmerte, „lustige Vögel” wie „Poldi” und „Schweini”; aber auch ernsthaftere, „ausgesprochen gescheite Leute” (Joschko) wie Lahm, Mertesacker oder Metzelder, die über den Rand des Sports hinausblicken und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Damit liegen sie laut Joschko auf der Linie des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, der den Verband in dieser Hinsicht entstaubt habe.

Lang genug hat’s ja in Deutschland gedauert. In Spanien etwa war Fußball schon immer auch für Feingeister ein Thema. Hierzulande sind erst in den letzten 15 Jahren etliche Literaten, Künstler und Wissenschaftler auf den Zug aufgesprungen. Joschko: „Vorher war in diesen Kreisen das Reden über Fußball verpönt. Heute ist das völlig anders. Da sind Dämme gebrochen.” Kulturschaffende umarmen den Fußball nun so innig, dass ein gewisser Sättigungsgrad erreicht zu sein scheint. Man munkelt neuerdings von Trotzreaktionen: „Es gibt offenbar erste Rückzugstendenzen”, so Joschko.

Und das konkrete EM-Geschehen? Bekanntlich ist ja „entscheidend auf’m Platz”: Das Turnier sei für fast alle Mannschaften ein Auf und Ab gewesen, sagt Günter Joschko. Heute toll gespielt, beim nächsten Mal grottig – oder umgekehrt. Joschko: „Nur die Spanier haben ihr hohes Niveau gehalten.”

Beim Tippspiel der Akademie-Mitglieder waltete übrigens Skepsis. Gerade mal 18 von 75 Teilnehmern wetteten auf einen deutschen Titelgewinn. Nein, diese Kulturmenschen aber auch! Fehlt’s da etwa immer noch an der landläufigen Euphorie?

____________________________________________

INFO ZUR AKADEMIE

  • Die in Nürnberg ansässige Deutsche Akademie für Fußball-Kultur wurde 2004 gegründet.
  • Dahinter stehen als Mitglieder Institutionen wie das Goethe-Institut, das Grimme-Institut und der Volkshochschulverband.
  • Persönliche Mitglieder sind z. B. Django Asül (Comedian), Eckhard Henscheid, Albert Ostermaier (Autoren), Guido Knopp (Historiker), Renate Künast (Politikerin), Horst-Eberhard Richter (Psychologe) und Klaus Theweleit (Philosoph) sowie zahlreiche Journalisten und Professoren aller Fachrichtungen.
  • Die Akademie verleiht einen Fußball-Kulturpreis für die besten Fußballbücher, Fußballsprüche, das beste Spiel – und für einschlägige Bildungsprojekte.



Was darf uns die Kultur denn kosten? – Debatte um die Finanzen der Kulturhauptstadt

Alter Streit, der sich immer mal wieder entzündet: Wieviel Geld sollen „wir” für Kultur ausgeben? Genügt das, was die öffentliche Hand bezahlt – oder sollten Bürger, die es sich leisten können, freiwillig etwas drauflegen? Derzeit rankt sich die Debatte um die Finanzen der Kulturhauptstadt Ruhr 2010.

Als neulich in Düsseldorf die Förderbescheide des Landes NRW fürs „Dortmunder U” (Ex-Brauereiturm, künftig Museum und Zentrum der Kreativwirtschaft) überreicht wurden, gab’s neben aller Freude auch viele kritische Stimmen, so etwa im Internetportal http://www.derwesten.de/. Grundzug so mancher Äußerungen: Lieber Straßenbau, Schulen, Kindergärten und Schwimmbäder finanzieren – oder Hartz IV aufstocken . . .

„Hände weg
von meiner
Geldbörse!”

Gegen solch dringlichen Alltagsbedarf befindet sich Kultur seit jeher in der Defensive. Stets muss sie ihre finanziellen Ansprüche gut begründen und legitimieren, was ja völlig in Ordnung ist. Doch etliche Politiker sind auf diesem Ohr fast gänzlich taub. Denn massenhaft Wählerstimmen kann man mit den schönen Künsten nicht einheimsen. Eine kurzsichtige Art der Betrachtung.

Und so erntete denn auch Essens Stadtkämmerer Marius Nieland beileibe nicht nur Beifall, als er kürzlich vorschlug, jeder Bewohner des Reviers möge aus freien Stücken je einen Euro für die Kulturhauptstadt Ruhr spenden, deren Kassen bislang eher spärlich gefüllt sind. Die Reaktionen glichen im Großen und Ganzen jenen aufs „Dortmunder U”. Motto: Hände weg von meiner Geldbörse! Ja, es ist eine schwierige Gemengelage.

Nielands Idee ist ja an und für sich sympathisch, sie könnte Phantasien beflügeln. Aber ist sie nicht auch ein Blütentraum? Selbst Amtskollegen aus anderen Revierstädten bleiben skeptisch. Wie, bitte, soll das funktionieren? Per Überweisung? Mit Sammelbüchse an der Haustür? Mit Sparschweinen, die in den Rathäusern aufgestellt werden? Und: Ein Euro ist „gefühlt” nicht gleich ein Euro. Manche nehmen ihn aus der Portokasse, andere müssen ihn sich absparen.

Zudem kalkuliert Nieland ohne weiteres mit 5,4 Millionen Bewohnern (bzw. Euro) – vom Neugeborenen bis zur Hundertjährigen; von „kulturferneren” Menschen gar nicht zu reden. Größere Familien würden demnach rein rechnerisch mehr berappen, denn pro Kopf wäre ja ein Euro fällig. Wäre das gerecht?

Schnellere und stärkere Wirkung ließe sich erzielen, wenn sich mehr potente Sponsoren aus der Wirtschaft fänden. Fritz Pleitgen und Oliver Scheytt, die Geschäftsführer der Ruhr 2010 GmbH, arbeiten daran. Man kann ihnen nur Erfolg wünschen.

Mit Steuern und Abgaben finanzieren die Bürger ohnehin schon die Kulturhaushalte. Freilich: Die gesamten Kulturausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden machen nicht einmal 0,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus – rund 8 Milliarden Euro stehen jährlich zu Buche. Man darf schon fragen, ob dies für eine Kulturnation nicht beschämend geringe Werte sind.

Doch auch da gibt’s wieder Gegenpositionen, die sich untermauern lassen: Es gibt wohl kein anderes Land auf Erden, das eine so dichte kulturelle Infrastruktur hat wie Deutschland. Ungefähr jedes siebte Opernhaus weltweit steht bei uns. Kulturschaffende haben sich vielfach an namhafte Subventionen gewöhnt. Jede Kürzungsabsicht zieht daher einen Aufschrei („Kahlschlag!”) nach sich.

An dieser Stelle folgt in Debatten rasch der Ausruf: Und das alles für eine betuchte Minderheit? Nun, das wäre zu engstirnig gedacht. Man stelle sich die Städte ohne Theater, Opern, Museen und Bibliotheken vor. Es wären öde Kommerz-Wüsten. Ausgaben für Kultur erweisen sich in aller Regel als sinnvolle Investitionen. Viele Euros fließen in die Städte und Gemeinden zurück. Es kommen mehr Touristen und Tagesgäste, die Geld ausgeben – nicht nur an der Theaterkasse. Und schließlich konkurrieren Betriebe und Behörden in allen Städten um gut ausgebildete, qualifizierte Mitarbeiter. Viele von ihnen lassen sich vor allem durch kulturelle Angebotsfülle locken.

__________________________________________________

INFO:

  • Die derzeitige Finanzlage der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet 2010:
  • Insgesamt stehen jetzt rund 52 Millionen Euro zur Verfügung. Das Geld kommt aus folgenden Quellen:
  • Der Regionalverband Ruhr (RVR) steuert 12 Millionen Euro bei.
  • Vom Land Nordrhein-Westfalen kommen 12 Millionen Euro.
  • Der Bund schießt 12 Millionen Euro zu.
  • Die Stadt Essen ist mit 6 Millionen Euro dabei.
  • Die Europäische Union (EU) stellt 1,5 Millionen Euro bereit.
  • Private Sponsorenmittel (bisher zugesagt): 8,5 Millionen Euro.
  • Was können die einzelnen Städte beitragen? Vor allem die Revier-Gemeinden, die unter Sparzwängen stehen, könnten eine Aufstockung ihrer Eigenmittel bestens gebrauchen.



Was die Kultur dem Schaf verdankt

Vreden/Münsterland. Ausstellungen kann man über alles und jedes machen, wenn man nur die richtigen Belegstücke hat. Warum also nicht mal die Schafe als Figuren der Kulturgeschichte betrachten? Aber mäh!

Das volkskundlich orientierte Hamaland-Museum im münsterländischen Örtchen Vreden (bei Borken) liegt in einer Landschaft, in der früher vielfach Schafzucht betrieben wurde. Heute beschränkt sich das Gewerbe fast nur noch auf touristische Streichelangebote.

Mit der einschlägigen Redensart „Bring dein Schäfchen ins Trockene” hatte das Museum die Bevölkerung aufgefordert, Schafe in jeder Form zeitweise zu stiften. Die versammelten Niedlichkeiten (aus Stoff, Holz, Plastik usw.) füllen nun gleich mehrere Vitrinen. Und es lässt sich nicht leugnen, dass die Tierchen es dort trocken haben.

Von der Bibel bis zum Krimi

Überhaupt die Redewendungen: Der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz (Bibelquelle Matthäus 7-15), das „schwarze Schaf” in der Familie und viele weitere werden aufgelistet. Das Schaf hat somit (auf dem Umweg über die menschliche Phantasie) auch die Sprachgeschichte mitgeprägt. Und wenn’s dann mal genug ist, soll Schäfchenzählen beim Einschlafen helfen.

Die kleine, thematisch fast schon überfrachtete Schau blättert so gut wie alles auf, woran man beim Stichwort „Schaf” denkt. Museumsleiterin Annette Menke lenkt z. B. den Blick zurück auf die Rokoko-Literatur, die sich oft in paradiesisch-galanten „Schäferspielen” erging. Auch Größen wie Wieland und Gellert haben diesem neckisch-erotischen Genre gefrönt. Von daher rührt das heute noch geläufige Wort „Schäferstündchen”. Auch ein Komponist wie Mozart hat sich von der Zeitmode anstecken lassen, so etwa mit seiner Schöpfung „Bastien und Bastienne”.

Neuere Bücher kommen in anderer Weise aufs Thema zurück: Mit „Glennkill” entstand der Schafskrimi. Katzen als Ermittler – das gab’s ja schon längst. Jetzt kombinieren auch kluge Schafe. Ausgeblendet hat man in Vreden das Kino und die köstliche TV-Kinderserie „Shaun das Schaf”, die gleichfalls alle Vorstellungen vom etwas dusseligen Tier Lügen straft. Ein Imagewandel: Das Schaf steht neuerdings deutlich besser da in der Landschaft.

Auch der Aberglaube spielt eine Rolle

Selbstverständlich spielen Schaf und Lamm (Agnus Dei – „Lamm Gottes”) eine besondere Rolle in der Bibel. Mal als Symbol für Jesus, mal als ständige Begleitung bestimmter Heiliger – oder auch als unschuldsvolles Opfertier. Gemälde beispielsweise von Grünewald gibt es in Vreden natürlich nur als Repro-Druck.

Daneben ist allerlei religiöser Devotionalienkitsch zu sehen. Da haben die Schafe keine tiefere symbolische Bedeutung mehr, sondern dienen als Staffage – am liebsten im Verein mit Kindern. Betont wird stets das Naive, Harmlos-Friedfertige und Wehrlos-Geduldige, das dieser Tierart angeblich zu eigen ist. Man kann sich so seine Gedanken machen: Bis wann ist es noch (ein Hauch von) Hochkultur, und ab wann kann man von „herabgesunkenem Kulturgut” sprechen?

Die weiteren Exponate künden denn auch vorwiegend von sachlichen „Niederungen” des Alltags. Etliche Produkte haben ja mit Schafen zu schaffen – von der Schafsmilch-Seife über Schafskäse, Lammfleisch und Lanolin (gewonnen aus Talg, verwendet als Grundstoff für Kosmetik) bis zur Wolle.

Man erfährt dabei am Rande auch unerquickliche Einzelheiten etwa über Persianerfelle, die aus Schafswolle erzeugt werden. Sie stammt von Tieren, die gezielt drei oder vier Tage nach der Geburt getötet werden. Zu diesem Zeitpunkt sollen die Locken besonders fein sein . . .

Zoologie und Zucht werden ebenfalls knapp gestreift. Und der volkstümliche Aberglaube tritt gar vielfältig hervor. Eine entgegenkommende Schafherde bringe Glück, hieß es früher. Achten Sie beim nächsten Ausflug mal drauf!

„Lammfromm oder bockbeinig – Das Schaf in der Kulturgeschichte”. Hamaland-Museum (Kreis Borken) in Vreden/Münsterland, Butenwall 4. Tel.: 02564/39 18-0. Bis 30 März. Di bis So 10-17 Uhr. http://www.hamaland-museum.de/

_______________________________________________

AM RANDE:

  • Ein Thema der Schau: der Aberglaube ums Schaf.
  • In Braunschweig hieß es einst: Wer dreimal ein Lamm in seine Schuhe hineinschnuppern lässt, wird seine Erkältung los.
  • In Böhmen lautete der Rat, man müsse morgens in aller Frühe eine Schafherde durch ein Sieb betrachten, um zu genesen.
  • Litauen: „Verrufene” Kinder sollten drei Tropfen Blut aus dem linken Ohr eines Schafes trinken . . .



Kultur zum Plaudern und zum Streiten – Spektrum von Goethe bis Punk: Erfahrungen und Eindrücke aus dem Kulturblog Westropolis

Von Bernd Berke

Manchmal reicht schon ein Bild mit provozierender Unterzeile: „Die Beatles sind langweilig“, behauptete der Westropolis-Autor Ingo Juknat kurzerhand, stellte ein Foto der Fab Four hinzu – und schon ging’s los mit teilweise empörten Kommentaren.

Juxhafter Moment mit Kasperlfiguren bei einem Westropolis-Treffen am 5. Februar 2008 im Essener Bahnhof Süd, u. a. mit dem „Revierflaneur" Manuel Hessling (hinten Mitte, mit Teufelchen), Ingo Juknat (hinten, ganz links) und Nadine Albach (vorn, 2. v. re.). (Foto: Bernd Berke)

Juxhafter Moment mit Kasperlfiguren bei einem Westropolis-Treffen am 5. Februar 2008 im Essener Bahnhof Süd, u. a. mit dem „Revierflaneur“ Manuel Hessling (hinten Mitte, mit Teufelchen), Ingo Juknat (hinten, ganz links) und Nadine Albach (vorn, 2. v. re.). (Foto: Bernd Berke)

Bei Westropolis, dem Kultur-Blog der WAZ-Mediengruppe, zu der auch die WR gehört, werden Musik, Kunst, Kino, Literatur & Co. oft zu heiß diskutierten Streitthemen. Auch als langjähriger WR-Kulturredakteur, der nun seit einigen Monaten ebenfalls bei Westropolis mitwirkt, macht man einige neue Erfahrungen.

Kulturfans sind nicht unbedingt leidenschaftliche Leserbrief-Schreiber. Im Blog (Internet-Auftritt, so etwa zwischen kollektivem Tagebuch und Plauderecke angesiedelt) ist das zuweilen ganz anders. Zwar gibt es auch hier ruhigere Stunden, doch häufig finden Beiträge sehr schnellen und deutlichen Widerhall; ganz gleich, ob Rezensionen zum aktuellen Kulturgeschehen, eher persönliche Aufzeichnungen oder veritable kleine Essays.

Im Netz wird mehr Tacheles gesprochen

Überdies wird im Netz mehr Tacheles gesprochen. Da müssen sich Autoren schon mal herbe Kritik gefallen lassen. Verbale Gegenwehr keineswegs ausgeschlossen. Doch praktisch immer wird im Widerstreit der Argumente ein Mindestmaß an Höflichkeit gewahrt. Man kennt die ungeschriebene „Net(t)iquette“ (Abart des Knigge fürs Internet). Auch Kampfhähne der Kultur wissen, wann’s genug ist. Da wird nicht unnötig nachgekartet.

Derzeit bestreiten neun ständige „Gastautoren“ und Autorinnen einen Löwenanteil der Westropolis-Beiträge, hinzu kommen etliche Kommentator(inn)en, die gelegentlich auch eigene Artikel bereitstellen. Das Spektrum steht im Zeichen eines gehörig erweiterten Kulturbegriffs, ist also breit und reicht von Goethe über Beuys bis Punk. Mindestens.

Jeder Geschmack kommt zum Zuge. Beispiele: Da gibt es ein wöchentliches, wahrhaft kniffliges Literaturrätsel vom „Revierflaneur“ Manuel Hessling, der so etwas wie eine Seele des ganzen Betriebs ist.

Auch Promi-Klatsch aus der Partyzone

Da teilt Else Buschheuer (moderiert das Magazin „Kino Royal“ im MDR-Fernsehen) neueste Eindrücke aus ihren Kino- und DVD-Sitzungen mit. Da wirft die Deutsch-Türkin Hatice Akyün (Bucherfolg: „Einmal Hans mit scharfer Sauce“) Fragen zwischen den Kulturen auf oder verbreitet zur Entspannung Promi-Klatsch und Erlebnisse aus der Partyzone.

WR-Redakteur Jürgen Overkott liefert serienweise CD-Besprechungen und Interviews. Der Autor dieser Zeilen ist mit wechselnden Themen dabei und nicht unfroh, derzeit den Kommentar-Rekord (bis gestern 364 Äußerungen zu einem Beitrag) zu halten. Wobei die Anzahl der Kommentare gewiss kein alleiniges Gütesiegel ist. Beliebt sind übrigens allerlei Hitlisten, auch negative wie etwa: „Die größten Nervensägen im deutschen Musikgeschäft“. Jeder kennt welche.

Auch bei den – meist unter erfundenen Namen antretenden – Kommentatoren ist einiges Interesse und Kulturwissen vorhanden. Ein Aufenthalt für Banausen ist Westropolis somit nicht.

Ein geradezu familiäres Gefühl

Wie im richtigen Leben: Mit der Zeit stellt sich ein geradezu familiäres Gefühl ein, wenn man die Seite betritt. Nach und nach kennt man Vorlieben, Macken und Launen vieler Mitstreiter. Der eine ist streng, die andere spontan, der dritte allzeit witzig. Aha, da hat sich ja wieder X geäußert, Y ist auch online, aber Z ist eine ganz neue Stimme im Konzert und bereichert den Zirkel.

Je mehr Meinungen und Temperamente, umso besser. Dann diskutiert es sich doppelt so schön. Wer sich dabei auf unverbindliche Positionen zurückzieht („Das ist doch letztlich alles Geschmackssache“), der hat hier keine sonderlich guten Karten. Weichspülerei wird allenfalls zur Versöhnung nach einer Diskussion akzeptiert.

Längst nicht immer geht’s bei Westropolis bierernst zu. In manchem Thread (Fachwort für „Themen-Strang“) wird auch schon mal gealbert. Oder: Eine Kultur-Debatte kann sich unter der Hand in ganz andere Bereiche wie etwa Alltag, Sport oder Kochkunst schlängeln. Speziell am Wochenende kommt es (mitten im kulturellen Wortgemenge) immer wieder zu netten kleinen Sticheleien zwischen BVB- und Schalke-Anhängern.

_______________________________________________

HINTERGRUND

Bestandteil von www.derwesten.de

  • Ein Blog (von „Weblog“) ist eine Art Online-Tagebuch eines oder mehrerer Autoren bzw. ein Gesprächskreis, der sich daran knüpft. Das Wort enthält den Bestandteil „Log“, der sich vom Seefahrer-Logbuch ableitet.
  • Die ersten Blogs tauchten um die Mitte der 1990er Jahre in Internet auf.
  • Streitfrage: Heißt es „der“ oder „das“ Blog? Der Duden lässt beides zu.
  • Westropolis ist Bestandteil von www.derwesten.de, des neuen online-Auftritts der WAZ-Mediengruppe, zu der auch die WR gehört.
  • Mehrere WR-Redakteure sind auch ständige Gastautoren bei Westropolis.
  • Westropolis ging im Februar 2007 an den Start. Seither wurden Kulturthemen aller Sparten und Güteklassen aufgegriffen.
  • Internet-Adressen: www.derwesten.de und www.westropolis.de

_______________________________________________

Nachtrag 2019:

2011 komplett gelöscht

Aus bis heute unerfindlichen Gründen hat die WAZ-Gruppe (heute Funke-Gruppe) Anfang 2011 Westropolis komplett aus dem Netz genommen – mit allen Beiträgen und zigtausend Kommentaren. Ein brachialer Akt. Und von wegen: „Das Internet vergisst nichts.“ In diesem Falle eben doch. Weil es dazu gezwungen worden ist.

Zwei der damaligen Autoren sind inzwischen – allzu früh – verstorben, nämlich die erwähnten Manuel Hessling und Ingo Juknat. Friede sei mit ihnen.

Zwei anderen Mitwirkenden, deren Namen hier gnädig verschwiegen werden sollen, ist ihr bisschen Erfolg zwischenzeitlich sehr zu Kopf gestiegen. Schade eigentlich.

 




Künstler ahnen die Katastrophe

Für die Ausstellung „1937 – Perfektion und Zerstörung” ist die Bielefelder Kunsthalle bis an die Grenzen des finanziell Machbaren gegangen. Wenn nicht mindestens 100 000 zahlende Besucher kommen, dürften (trotz erheblicher Sponsoren- und Stiftungsmittel) die künftigen Spielräume sehr eng werden.

Rund 420 Werke aus weit über 100 Museen der Welt bietet man auf, um das Umbruchsjahr 1937 im Spannungsfeld zwischen Ästhetik und Politik zu erkunden.

Es war das Jahr, in dem die NS-Machthaber die infame Ausstellung „Entartete Kunst” zeigten, mit der sie die gesamte Avantgarde diffamieren wollten. Am 19. Juli 1937 begann die schändliche Schau mit beschlagnahmten Bildern in München. Dort und an weiteren Stationen zog sie bis 1941 rund 2 Millionen (!) Besucher an. Sicherlich waren viele Verblendete darunter. Doch manche kamen auch, um ein letztes Mal große Kunst zu sehen – vor den gänzlich finsteren Zeiten.

1937 war auch das Jahr, in dem die Bombardierung der spanischen Stadt Guernica (durch die deutsche „Legion Condor”) einiges vom Schrecken des späteren Weltkrieges ahnen ließ. Picassos Guernica-Bild ist berühmt geworden, in Bielefeld sieht man Vorstudien dazu, neben weiteren malerischen Protesten gegen das Massaker. Der Weltenbrand hatte begonnen.

Die ambitionierte, dicht gehängte Schau (in der Einzelwerke bisweilen fast untergehen) beginnt freilich mit Einzelbeispielen für – Nazi-Kunst. Trefflich beschreibt Museumschef Thomas Kellein ein monströses Aktbild im heroischen Stil: „Das sind eigentlich keine Frauen, sondern Soldaten mit Brüsten.” Sinnleeres Heldenpathos verströmt auch die Skulptur „Prometheus” von Arno Breker. So sah er also aus, der damals diktatorisch verfügte bildnerische Zeitgeist. Ebenso uninspiriert wie verkrampft.

Bilder aller ernst zu nehmenden deutschen Künstler jener Zeit künden hingegen von Bedrückung, wenn nicht von apokalyptischen Visionen. Carl Hofers „Mann in den Ruinen” (1937) nimmt gar schon die Trümmerzeit vorweg. Überhaupt haben Maler wie etwa Grosz, Radziwill, Barlach oder Oelze („Erwartung”) so ziemlich alles Unheil kommen sehen. Bestürzende Belege für die seismographischen Kräfte wahrhaftiger Kunst. In Bielefeld vermeidet man es, Exilkünstler gegen „innere Emigranten” (z. B. Nolde) auszuspielen. Sie alle haben gelitten.

Die Ausstellung wartet überdies mit Querschnitten des Jahres 1937 aus verschiedenen Ländern auf. Beispiel Italien: Im Gefolge des technikgläubigen Futurismus herrschte dort fliegerische Begeisterung, verquickt mit Kriegslüsternheit. Viele Maler buhlten um die Gunst des Diktators Mussolini, sie wurden tatsächlich kaum behelligt. Die Breite der Ausdrucksmöglichkeiten blieb somit größer als in Deutschland.

Ganz anders in der Sowjetunion. Glückliche Familie begrüßt Panzer mit rotem Stern. Groteskes Flugzeug firmiert als „Schrecken der Lüfte”. Maler priesen Stalin auf ungemein peinliche Weise. Vielen hat es nichts geholfen. Sie wurden später trotzdem von Stalins Schergen umgebracht.

In den USA, wo damals zwei Millionen arbeits- und obdachlose Tramps unterwegs waren, setzte sich seinerzeit eine betont sozialkritische Malerei und Fotografie durch. Sogar ein frühes Bild des nachmaligen Tropfenbild-Künstlers Jackson Pollock bezieht realistisch Stellung.

Weitere Themen der Schau: die Politisierung des Surrealismus (Max Ernst, Magritte), die Fotografie zwischen Dokumentation und Propaganda. Schließlich der Aufbruch der Konstruktivisten – auf schmalem Grat zwischen geometrischer „Unschuld” und fataler Realitätsferne.

INFO/HINTERGRUND:

Im Vorfeld der von den Nazis erzwungenen Schau „Entartete Kunst” (1937) gab es in den Reihen der NSDAP Uneinigkeit über den kulturellen Kurs.
Propagandaminister Goebbels traute den Expressionisten zu, eine „deutsche” Kunst im NS-Sinne zu liefern.
Hitler lehnte diese Auffassung jedoch barsch ab – und setzte sich durch. Expressionistische Kunst wurde mit anderen Strömungen der Moderne verfemt und aus deutschen Museen entfernt.

Die Ausstellung: „1937. Perfektion und Zerstörung”. Bis 13. Januar 2008. Kunsthalle Bielefeld, Artur-Ladebeck-Straße 5. Täglich 11-18, Mi 11-21, Sa 10-18 Uhr. Eintritt 7 €, Katalog 32 €.




Kulturhauptstadt regiert Stadion und Autobahn

Dortmunder, jetzt müsst ihr tapfer sein: Das Mega-Ereignis „Kulturhauptstadt Ruhrgebiet” soll am 9. Januar 2010 ab 20 Uhr mit einem riesigen Fest „auf Schalke” eröffnet werden. Diese Katze (oder: diesen Tiger?) ließ „Ruhr 2010”-Geschäftsführer Fritz Pleitgen gestern aus dem Sack.

In der Dämmerung schließt sich dann wohl eine gigantische „Licht-Show” von Duisburg bis Unna an. Zuvor soll es an jenem denkwürdigen Tag eine gediegen-klassische Feier in der Essener Philharmonie geben. Gedankenspiel zum Trost fürs östliche Revier: ein gemeinsamer Auftritt aller Gospel-Chöre der Region im Dortmunder Fußball-Tempel.

Pleitgen betonte, alle Vorhaben befänden sich derzeit noch im Planungsstadium. Er will halt dem Aufsichtsrat und den finanziellen Möglichkeiten nicht vorgreifen.

Manches nimmt allerdings schon recht konkrete Gestalt an. So auch das wohl aufwändigste Unterfangen, nämlich die Vollsperrung der Autobahn A 40 zwischen Dortmund (oder gar Unna) und Duisburg für ein bislang beispielloses, (multi)kulturelles und kulinarisches Volksfest.

Gigantische Tafel aus etwa 20 000 Tapeziertischen

Man hat schon mal grob gerechnet: Bis zu 20 000 Tapeziertische sollen dann zu einer gigantischen Tafel aneinander gereiht werden. Pleitgen, der die Chefsache mit NRW-Ministerpräsident Rüttgers und Verkehrsminister Wittke aushandelt: „Eigentlich ist es nicht machbar, aber wir machen es!”

Die Sperrung soll im Hinblick auf einen Sonntag (18. oder 25. Juli 2010) erfolgen – kurz nach dem Fußball-WM-Finale in Südafrika (11. Juli). Vermutlich muss die „Blockade” am Samstagabend beginnen und bis zum frühen Montagmorgen reichen. Vieles ist zu klären: Umleitungen, Sicherheitsfragen, Reinigung der Fahrbahnen, Einnahme-Ausfälle von Anrainern (Tankstellen, LKW-Maut etc.) und so fort. Dennoch traut sich Pleitgen schon jetzt, einen bürgerfreundlichen Preis für die Tapeziertische anzupeilen: „Pro Stück könnten sie ungefähr 4,99 Euro kosten.” Jeder Tischkäufer kann dann seinen Beitrag frei gestalten.

Bislang 900 Projekt-Vorschläge eingetroffen

Pleitgen und sein Ko-Geschäftsführer Oliver Scheytt werfen die Netze der Kulturhauptstadt immer weiter aus. Unter dem frisch geschöpften Markenmotto „Ruhr 2010 – Europas neue Metropole” werden Partner aus allen Bereichen mit an Deck geholt. Das Spektrum reicht vom ADAC (wichtig für Tourismus) über Kirchen und Unis bis zum Deutschen Fußballbund. Pleitgen („Auch Sport ist Kultur”) verhandelt mit den Spitzen von DFB und UEFA. Er stellt in Aussicht, dass das Revier just 2010 hochkarätige Länderspiele und womöglich Final-Begegnungen europäischer Wettbewerbe erleben werde.

Von den Künsten war gestern auch die Rede. Etwa 900 Projekt-Vorschläge zur Kulturhauptstadt sind bislang eingetroffen. Grenzlinie: 31. Oktober 2007. Dann wird die Spreu vom Weizen gesondert, wobei durchdachte Nachzügler-Ideen auch noch Chancen haben. Pleitgen mahnt allerdings zur Eile: „Wir liegen zwar ganz gut im Rennen, doch wir bleiben unter Zeitdruck.” Leitgedanke jedenfalls: Die Kulturhauptstadt will sich in erster Linie auf vorhandene Theater, Museen, Festivals usw. stützen, die man zu vielfältigen Kooperationen anstiften möchte.

Fritz Pleitgen, der die Kulturhauptstadt auch als „nationale Aufgabe” sieht, stellte klar, dass jede der 53 beteiligten Gemeinden 2010 für je eine Woche ganz speziell im Mittelpunkt stehen kann. Mit ortstypischen, doch übergreifend wirksamen Projekten dürfen dann auch kleinere Städte glänzen. 32 Wochen des Jahres 2010 sind auf diese Weise bereits gebucht.

________________________________________________

Hochinteressant, wie sich die Anzahl der rund 900 Projekt-Vorschläge auf einzelne Städte verteilt. Von Ortsgrößen abgesehen, signalisiert die Liste, wie die Kulturhauptstadt in einzelnen Gemeinden „angekommen” ist:

Weit an der Spitze liegt Essen mit 250.
Dahinter liegen u. a. folgende Städte: Bochum (64), Dortmund (57), Mülheim (39), Gelsenkirchen (36), Duisburg (24), Oberhausen und Berlin (je 23), Köln (21), Unna (10), Witten und Hamburg (je 8), Hagen (6), Schwerte und Ennepetal (je 3), Lünen (2). Jeweils ein Vorschlag kam aus Castrop-Rauxel, Schwelm und Gevelsberg.




Jede Kulturhauptstadt lernt von den Vorläufern – Internationales Treffen mit Etat-Vergleich in Essen

Von Bernd Berke

Essen. Immer gern genommen: „Netzwerk“ und „Nachhaltigkeit“ lauten die Schlagworte, wenn etwas dauerhaft in Gang gesetzt werden soll. So auch jetzt beim Treffen der Kulturhauptstädte in Essen.

Das neu geknüpfte Netzwerk umfasst vorerst alle europäischen Kulturkapitalen der Jahre 2007 bis 2011. Wer künftig benannt wird, soll ebenfalls zum Kreis gehören und vom regelmäßigen Austausch profitieren. Auch aus etwaigen Fehlern der Vorläufer lässt sich etwas lernen.

Da wird etwa über den Umgang mit Politikern oder Sponsoren geredet – und über Visionen: Kultur soll europäische Wege noch mal anders bahnen als wirtschaftliche und politische Beziehungen.

Diesmal haben die Delegierten auch die Kulturhauptstadt-Etats miteinander verglichen. Und siehe da: Das doch recht kleine Linz (Österreich, 2009 an der Reihe) verfügt über 60 Millionen Euro öffentliches Geld. Essen und das Ruhrgebiet (2010) können nach jetzigem. Stand auf 48 Mio. Euro zurückgreifen. Sponsorenmittel nicht mitgerechnet. Apropos: Da wäre das Revier froh, wenn es die Marke von Liverpool (2008) erreichen könnte, wo aus Privatschatullen 12 Mio. Pfund (rund 17,6 Mio. Euro) fließen.

Glasgow als leuchtendes Vorbild

Beispiel für einen Lerneffekt des Essener Treffens: Stavanger (Norwegen, 2008) hat Projektvorschläge fürs Hauptstadtjahr völlig ins Belieben gestellt und gleich über 700 erhalten, darunter etlicher Unsinn. Man musste mühsam sortieren und dabei viele Leute enttäuschen. Im Revier (500 Projekt-Ideen) hat man zeitig vorgefiltert.

Parallel mit dem Ruhrgebiet treten 2010 Pécs (Ungarn) und Istanbul (Türkei) an. Einzelheiten sind noch nicht ganz spruchreif, doch das Trio will konkrete Vorhaben miteinander umsetzen, Künstleraustausch und gemeinsame Tourismus-Werbung inbegriffen.

Wohin die Reise gehen soll, skizzierte der Kulturmanager Sir Bob Scott am Beispiel Liverpool. Ab 2008 solle die Welt anders über die Stadt mit dem bislang schäbigen Image denken. Musterbeispiel: Glasgow (1990), das sein Erscheinungsbild gleichsam runderneuert hat. Im Ruhrgebiet ist man für eine solche Erfolgsgeschichte besonders hellhörig.




Lesen vor Ort in Dortmund-Hörde – Zum Welttag des Buches: Wo kleine Läden die Stellung gegen Handelsketten halten

Von Bernd Berke

Welttag des Buches – ein Tag für die Leser. Aber auch ein Tag für den Buchhandel. Auf dem Markt geht es ruppig zu: Handelsketten machen kleinen, familiengeführten Buchläden immer öfter das Leben schwer.

Viele Geschäfte sind verschwunden, andere halten die Stellung. Ein Beispiel: die alteingesessene Buchhandlung Neumann im Dortmunder Ortsteil Hörde. Die WR sprach mit den Inhabern, Heinz-Jürgen Loheide und Tochter Claudia Krommes.

Ist Dortmund-Hörde ein guter Platz, um Bücher zu verkaufen?

Heinz-Jürgen Loheide: Wir sind mit unserem Standort zufrieden. Und wir freuen uns schon auf den Phoenix-See, der ganz in der Nähe entsteht. Der Stadtteil wird dadurch bestimmt attraktiver. Dann wird sich wohl auch der Mix des Publikums zum Vorteil verändern.

Wie sieht die Entwicklung in der Großstadt Dortmund insgesamt aus?

Loheide: Ähnlich wie im ganzen Land. Es herrscht ein Verdrängungswettbewerb, der inzwischen auch kleinere Städte erfasst. Die gesamte Dortmunder Innenstadt wird mehr oder weniger durch eine einzige Buchhandlung (Mayersche mit zwei Häusern, d. Red.) abgedeckt. Reine Freude kommt dabei nicht auf. Im Sog eines Großen muss man sich anders orientieren und sich spezialisieren. Wir verkaufen vor allem Schulbücher – auch in andere Städte. Es gibt inzwischen EU-weite Ausschreibungen für Schulbücher, deshalb können und müssen wir uns auch in weiter entfernten Regionen bewerben.

Was bedeutet der „Welttag des Buches“ für Sie?

Loheide: Im Prinzip ist es immer gut, für das Buch zu werben. Aber man muss eine Menge tun, um Resonanz zu erzielen – nicht nur am „Welttag“. Wir beraten beispielsweise Schulen beim Aufbau ihrer Büchereien…

Claudia Krommes: Gelegentlich veranstalten wir auch kleine Lesungen – oder Aktionen für Kinder. Aber: Ob der „Welttag“ wirklich hilft, wage ich fast zu bezweifeln. Es gab ja kürzlich diese Meldung, dass zwei von drei Kindern zu Hause nichts vorgelesen bekommen. Ich fürchtet dass diese Einschätzung stimmt. Da sind die Eltern viel, viel mehr gefragt. Übrigens: Kinder hören gern dieselbe Geschichte mehrmals. Da muss man nicht immer gleich ein neues Buch kaufen.

Sind Bücher denn zu teuer?

Krommes: Manche glauben das, es ist aber wohl nicht richtig. Taschenbücher liegen nach wie vor meist unter der 10-Euro-Grenze, Hardcover unter der 20 Euro-Grenze. Hörbücher werden tendenziell billiger. Und es gab zuletzt viele günstige Sonderreihen, so dass die Preise sogar im Schnitt leicht gesunken sind. Was immer noch nicht allen bewusst ist: Wegen der Buchpreisbindung sind die großen Anbieter nicht günstiger als die kleinen. Gäbe es die Preisbindung nicht, so würden nur die Großen profitieren, die beim Einkauf höhere Mengenrabatte erzielen.

Wie wichtig ist die Bestsellerliste?

Krommes: Sehr viele Leute halten sich daran. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob die gekauften Bestseller immer gelesen werden. Manches dürfte nur fürs Regal sein. Aber ich will micli nicht beschweren. Auch davon leben wir ja. Entscheidend sind immer die Wünsche der Kunden.

Sellerlisten sind aber nicht der einzige Orientierungspunkt. oder?

Loheide: Nicht, weil S i e mich das fragen, sondern weil’s wahr ist: Wenn bestimmte Bücher in den regionalen Tageszeitungen erwähnt werden, merken wir das gleich am gestiegenen Interesse. Das ist für uns wichtiger als der Auftritt eines Autors in einer Fernseh-Talkshow.

________________________________________________

HINTERGRUND

Katalanischer Brauch als Ursprung

  • Der Welttag des Buches geht auf eine Initiative der weltweiten Kulturorganisation Unesco zurück.
  • Ursprung ist ein alter kaltalanischer Brauch: Am 23. April, zum Namenstag des Volksheiligen St. Georg, schenkt man sich dort seit jeher Rosen und Bücher.
  • Weitere Bedeutung des 23. April: Es ist der Todestag der berühmten Autoren Miguel de Cervantes und William Shakespeare.
  • Seit 1996 wird der Welttag des Buches auch in Deutschland gefeiert – mit zahlreichen Aktionen in Buchhandlungen, Verlagen, Schulen, Bibliotheken.
  • Nähere Informationen, auch zu einzelnen Veranstaltungen in der Region: www.welttagdesbuches.de

 




Wer die Kulturhauptstadt beflügelt – Leitende Akteure der Ruhr 2010 GmbH stellten sich erstmals gemeinsam vor

Von Bernd Berke

Essen. Allzu viel Konkretes können sie naturgemäß noch nicht verraten – die frisch berufenen Leute vom Direktorium der Kulturhauptstadt 2010. Erst ab 1. April walten sie ihrer Ämter. Doch gestern, als sie sich erstmals gemeinsam öffentlich zeigten, konnte man schon mal Atmosphäre schnuppern: Und wenn nicht alles täuscht, so riecht es nach Aufbruch.

Derzeit noch WDR-Intendant, bald schon Vorsitzender Geschäftsführer der Kulturhauptstadt-GmbH: Angesichts dieser neuen Lebenslage bekennt Fritz Pleitgen: „Ich fühle mich, als wäre ich auf einen fahrenden Zug aufgesprungen. Aber ich bin noch gelenkig.“ Er habe überdies bereits gemerkt, „dass die Chemie zwischen uns allen stimmt“ – und blickt als wohlwollender Patriarch in die Runde seiner Mitstreiter bei der Ruhr 2010 GmbH. Der zweite Geschäftsführer, Essens zuletzt etwas beiseite gerückter Kulturdezernent Oliver Scheytt, pflichtet bei: „Seit Anfang Januar bin ich ein glücklicherer Mensch.“

Dieter Gorny stößt mächtig ins Horn

Überhaupt macht sich Euphorie breit. Einmütig und mit leuchtenden Augen versichern die vier neuen Sparten-Direktor(inn)en, die gleich unterhalb der Geschäftsführer angesiedelt sind, wie leidenschaftlich sie ihre neuen Aufgaben ansteuern wollen. Die (just wie Fritz Pleitgen) in Duisburg-Meiderich geborene Deutsch-Türkin Asli Sevindim (Spezialthema: Kultur und Migration) fühlt sich in erster Linie als „Ruhri“. Aus ihrem Munde klingt es nach neuen Horizonten.

Bochums Orchesterchef Steven Sloane (zuständig für die „Stadt der Künste“) kommt direkt aus Chicago und versprüht geradezu amerikanischen Optimismus im Hinblick auf die Kulturhauptstadt Ruhrgebiet. Der Musikmanager Dieter Gorny (Fachgebiet: „Kreativwirtschaft“) trifft verspätet aus Cannes ein und stößt mächtig ins Horn: „Das Ruhrgebiet ist schon jetzt eine einzigartige Metropole. Es gibt in ganz Europa keinen besseren Ort. Deshalb wohne ich immer noch hier.“

Keine „Aufmerksamkeits-Erregungs-Anstalt“

Es scheint, als hätte die Kulturhauptstadt, die Ende 2006 ein wenig kraftlos zu dümpeln schien, gleichsam über Nacht vielfache Flügel bekommen. Man hat das Gefühl: Das jetzige Team, zu dem bald noch weitere Experten stoßen werden, könnte es tatsächlich packen. Falls das Arbeitsklima auch hinter den Kulissen entspannt und begeistert bleibt wie der gestrige Kollektiv-Auftritt vor der Presse, so muss einem darum wohl nicht bange sein.

Fritz Pleitgen („Ich komme nicht als Missionar hierher“) benennt das hehre Ziel: Das Revier müsse im Zuge des Hauptstadt-Jahres 2010 als Kulturregion weltbekannt werden. Nicht mit Getöse, sondern mit Qualität und Substanz: „Wir verstehen uns nicht als Aufmerksamkeits-Erregungs-Anstalt.“ Und: „Unser Kollegium ist keine geschlossene Gesellschaft. Wir wollen alle mitnehmen auf dem Weg nach 2010.“

A April dürften sich die Programme der Kulturhauptstadt nach und nach präziser abzeichnen. Rund 400 Projektvorschläge sind bereits vorsortiert, etwa 30 davon werden bald näher unter die Lupe genommen. Fritz Pleitgen macht Tempo: „Mitte 2008 sollen die wesentlichen Programmpunkte stehen.“

_______________________________________________________

PROFILE

Ein Team mit vielen Erfahrungen

  • Geschäftsführer derKulturhauptstadt-GmbH Ruhr 2010 sind Fritz Pleitgen und Oliver Scheytt.
  • Die vier Spartenchefs:
  • Dieter Gorny, geboren 1953 in Soest. 1985-1989 Leiter des Rockbüros NRW. 1989-1991 Geschäftsführer der Popkomm-Messe. 1993-2005 Geschäftsführer des Musiksenders Viva.
  • Steven Sloane, geboren 1958 in Los Angeles. Nach vielen Jahren in Israel ab 1988 Kapellmeister an der Oper Frankfurt. Seit 1994 Orchesterchef in Bochum. Zahlreiche Gastauftritte in aller Welt.
  • Karl-Heinz Petzinka, geboren 1956 in Bocholt. 1982 Architekt im Büro O. M. Ungers, Köln. 1994 Gründung des eigenen Architektur-Büros. Bauten: CDU-Bundesgeschäftsstelle (Berlin), Stadttor (Düsseldorf), Hauptverwaltung Deutsche Telekom.
  • Asli Sevindim, geboren 1973 in Duisburg. Moderatorin beim WDR, u. a.„Funkhaus Europa“, „Aktuelle Stunde“, „Cosmo TV“.



Erst das Chaos des Lebens, dann vielleicht die Kultur – Christoph Schlingensiefs wortreicher Auftritt im Dortmunder Konzerthaus

Von Bernd Berke

Dortmund. Konzerthaus-Chef Benedikt Stampa hat das Publikum gewarnt: Heute werde es kulturell „ans Eingemachte“ gehen. Kein leeres Versprechen. Denn der Mann, der danach die Bühne betritt, ist Christoph Schlingensief. Dieser umtriebige Aktionskünstler, Theater- und Filme-Macher („Terror 2000″) gilt vielen als „Provokateur“ und „Enfant terrible“ der Szene.

Wegen großen Andrangs war der Auftritt (in der Reihe „Lektionen zur Musikvermittlung“) vom Foyer in den großen Saal verlegt worden. Schlingensief (46), gebürtiger Oberhausener, kommt ‚rein, wirft Rucksack und Jacke achtlos hin, entert im Handstreich das Rednerpult. Eine Performance beginnt. Schlingensief spricht ohne Punkt: über Gott, Gesellschaft, Kindheit, Welt. Erst kommt das Leben mit Urängsten, Urantrieben. Dann vielleicht Kultur. Zum Schluss die blöden Kritiker.

Oft macht er den Klassenkasper, doch stellenweise erinnert er an einen sendungsbewussten Power-Prediger, freilich um Selbstironie bereichert. Schlingensief als „Maschinengewehr der Anarchie“? Mit Chaos und Taumel ist er jedenfalls per Du. „Deswegen mögen mich Leute mit Bausparvertrag nicht.“ Das Leben sei nun mal ungeordnet und rasch vergänglich. In sieben Jahren (so führt er ein Zitat von Joseph Beuys fort) könne sowieso alles zerstört sein, dann gebe es statt des Konzerthauses vielleicht wieder den Drogenstrich…

Und inhaltlich? Schwer zu sagen. Ein paar Vorlieben kristallisieren sich jedoch heraus. Alle Wege, die geradeaus führen sowie einfach belichtete Filme, Menschen und Dinge sind Schlingensief ein Graus. Schluss mit den Festlegungen! Her mit den vielfach überblendeten, undeutlichen Verhältnissen; mit dunklen Momenten zwischen den (Fîlm)-Bildern. Oder mit dem Übermaß, in dem man sich vor andrängenden Bildern nicht mehr retten kann. Hier geschehe, ob in Kunst oder Leben, das wahrhaft Spannende. Alles klar? Ach, ums bloße Vermitteln und Verstehen geht’s bei ihm ja kaum.

Sein manischer Redefluss gefällt nicht jedem. Alsbald stürzt ein erboster Herr aus dem Saal und ruft Schlingensief zu: „Machen Sie weiter mit Ihrem Geschwätz!“ So nennt er, was durch den kreativen Kopf kreist und schnell zur Zunge drängt. Dabei hat Schlingensief doch etliches erlebt und gelesen. Gewiss kein Dummkopf, sondern einer, der aus Wirrnis munter schöpft. Einer, der sich alle (Narren)-Freiheit nimmt und das wilde Denken zelebriert.

Zudem ist er ein Entertainer, begabt auch fürs spontane Impro-Theater. Wie er den Stil der Dirigenten von Bayreuth (Boulez, Thielemann) parodiert, wo er als Regisseur den „Parsifal“ in Bilderfluten getränkt hat! Auch Richard Wagner sei unsteter Chaot gewesen und somit lebensnah.

Wenn Schlingensief durch assoziative Achterbahnen saust, von Wagner auf seine eigenen Eltern, Marihuana und katholische Demut kommt, dann blitzt es zuweilen – oder läuft ins Leere. Egal. Den Spruch, er sei ein „Provokateur“, mag Schlingensief nicht mehr hören: „Wenn ich einer bin, was sind dann die Politiker?“ Für den wohlfeilen Satz gibt’s Szenenapplaus.

Schließlich noch sein kurzer Dialog mit Holger Noltze, der den Dortmunder Studiengang „Musikjournalismus“ leitet und tapfer versucht, Schlingensiefs Gedanken ein wenig zu sortieren. Zwecklos.




Heikle Debatte um die Freiheit der Kunst: Absetzung der Mozart-Oper „Idomeneo“ in Berlin – aus Angst vor islamistischen Anfeindungen

Von Bernd Berke

Ach je, es ist wieder mal so weit: Wir haben eine neue Debatte um die Freiheit der Kunst! Abermals ragt die politische Sphäre bedrohlich in die kulturelle hinein. Die Deutsche Oper in Berlin hat (wie berichtet) die Mozart-Oper „Idomeneo“ aus Furcht vor etwaigen islamistischen Anfeindungen vom Spjelplan genommen. Jetzt hagelt es Kritik an der Entscheidung.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat den Entschluss der Opern-Intendantin Kirsten Harms (50) als „verrückt“ bezeichnet: Ein solcher Schritt sei lächerlich. Regisseur Hans Neuenfels, dessen „Idomeneo“-Deutung bereits 2003 ihre (von Tumulten begleitete) Premiere erlebte, hat die Absetzung als „Hysterie“ gescholten, sein Anwalt Peter Raue legt der Intendantin den Rücktritt nahe.

„So weit ist es gekommen…“

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) spricht von übereilter „Selbstzensur“. Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) meint: „So weit ist es gekommen, dass die Freiheit der Kunst eingeschränkt wird.“ Ähnlich äußert sich Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Börnsen: „Das schadet der Freiheit der Kunst auf unserem Kontinent.“

Man wüsste gern mehr über die Entscheidungswege. Hat die Oper (z. B. angesichts des Streits um Papst-Zitate und Mohammed-Karikaturen) etwa befürchtet, dass speziell diese Mozart-Version Probleme mit sich bringt – und vorsichtshalber angefragt?

„Unkalkulierbare Risiken“

Wohl kaum. Gestern hieß es, Berlins Landeskriminalamt (LKA) habe bereits im Juli vor einer Wiederaufnahme der Oper gewarnt, es habe zuvor einen anonymen Hinweis gegeben. Der Kulturverwaltung des Berliner Senats sei sodann eine „Gefährdungsanalyse“ übermittelt worden. Nicht von konkreten Drohungen ist die Rede, aber von „unkalkulierbaren“ Risiken.

Ist es vorauseilender Gehorsam, ein „Kniefall“ gar? Intendantin Kirsten Harms hatte offenbar Hinweise auf Gefahren. Berlins Innensenator Ehrhart Körting habe ihr die Bedenken mitgeteilt, sagte Harms gestern. Körting wiederum legt Wert auf die Feststellung, er habe nicht die Absetzung der Oper gefordert.

Wowereit für offensive Linie

Da möchte man nicht mit der Opernchefin tauschen. Sie trägt Verantwortung für die Sicherheit der Darsteller und des Publikums. Berlins Kultursenator Thomas Flierl bescheinigt ihr denn auch verantwortungsvolles Handeln. Bürgermeister Klaus Wowereit kontert, Kunstfreiheit müsse „offensiv“ verteidigt werden. Leicht gesagt.

Harms betont, „vorerst“ seien nur die vier November-Aufführungen gestrichen worden. Heißt das: Rückzug vom Rückzug möglich? Jetzt, wo vielleicht „schlafende Löwen“ geweckt worden sind?

Deutungshoheit des Regisseurs

Die Freiheiten, die sich manche Regisseure gestatten, sind nicht selten verstörend, sie können mitunter Gefühle verletzen. Abgeschlagene Köpfe der großen Propheten und Religionsstifter in einer Mozart-Oper zu zeigen, das zeugt von extensiver Auslegung der Deutungshoheit eines Regisseurs. Hans Neuenfels macht geltend, er habe sich mit sämtlichen Weltreligionen auseinandersetzen und einen „Aufstand gegen die Götter“ schildern wollen.

Wohin soll das noch führen? Es wären allerlei Gruppierungen oder auch einzelne Eiferer denkbar, die Theaterspielpläne (oder z. B. Kino- und Verlagsprogramme) durchforsten. Wenn ihnen etwas missfällt, was dann? Die Deutsche Oper hat ihnen jetzt ein fatales Beispiel geliefert, dass bereits vage Bedrohungen wirksam sein können. Wo bliebe die Freiheit der Kunst, die doch wohl unverbrüchlich zum aufklärerischen Kulturerbe zählt?

_________________________________________________

HINTERGRUND

Konflikt mit den Göttern

  • Mozarts Oper „Idomeneo“ erzählt die tragische Geschichte des gleichnamigen kretischen Königs.
  • Dieser Idomeneo sieht sich – nach dem Trojanischen Krieg – vom Meeresgott Poseidon dazu gedrängt, seinen eigenen Sohn zu opfern.
  • Daraus erwächst der Konflikt zwischen Pflicht gegenüber den antiken Göttern und Treue zu den Menschen.
  • Bei Mozart endet die Sache (dem Geschmack seiner Zeit entsprechend) allerdings glimpflich.
  • Die triumphale Uraufführung war im Januar 1781 im Münchner Hoftheater.

 




Kulturhauptstadt: Keine Atempause – Rund 200 Projekte stehen schon auf den Listen, täglich kommen neue hinzu

Von Bernd Berke

Dortmund. Schon länger nichts mehr gehört zum Thema „Kulturhauptstadt Ruhrgebiet 2010″. Seit dem europäischen Jury-Entscheid vom 11. April sind einige Wochen ins Land gegangen. Doch der Schein der Ruhe trügt: Die Organisatoren hatten kaum eine Atempause. Im Gegenteil.

Kulturhauptstadt-Moderator Oliver Scheytt gestern beim Pressetermin im Dortmunder Konzerthaus: „Dass es nach dem Jury-Votum mit der Arbeit erst richtig losgeht, habe ich ja geahnt. Aber so massiv hätte ich es nicht erwartet. Wir sind voll im Geschäft.“

Die Finanzierung „steht“ weitgehend, das Gesamtvolumen soll von 2007 bis 2010 rund 78 Mio. Euro betragen. Wenn der Europäische Rat im November das Jury-Votum bestätigt (womit fest zu rechnen ist), kann noch in diesem Jahr eine Kulturhauptstadt GmbH gegründet werden, für die man dann eine künstlerische Leitung sucht. Scheytt: „Das muss jemand sein, der auch schon mal Nein sagt und Projekte ablehnt.“

Ideen gibt es wohl genug, sie müssen gewichtet und sortiert werden. Rund 200 Projekte stehen bereits auf den Listen, täglich kommen rund fünf bis zehn Vorschläge hinzu. Sie stammen zu 84 Prozent aus der Region selbst. Doch auch ein ehemaliger Zahnarzt und Hobbysegler aus Husum offerierte seine Dienste. Auf dem Bootsweg vom hohen Norden nach Istanbul (gleichfalls Kulturhauptstadt 2010) wollte er kulturelle Botschaften aus dem Revier mit an den Bosporus nehmen.

Eine ganze Garde von Kulturdezernenten und Amtsleitern des Reviers war gestern dabei, als Scheytt den Stand der Dinge erläuterte. Es wurde deutlich, dass die Städte ihre vielfältigen Aktivitäten schon jetzt eng miteinander abstimmen. Da wächst wohl zusammen, was zusammen gehört.

Auch in den Randzonen des Reviers regt sich etwas

Es gibt übergreifende Schwerpunkte (z.B. Lichtkunst, Aktionen an Wasserwegen), doch jede Kommune betont auch eigene Stärken. Beispiel: Dortmunds Dezernent Jörg Stüdemann setzt vor allem auf „Musik als verändernde Kraft“. Die Projekte sollen sich ums Brückstraßen-Viertel mit Konzerthaus, Jazzclub domicil, Chorakademie und Orchesterzentrum ranken. Zudem dürfte bildende Kunst in den Vordergrund rücken, das Spektrum soll von digitalen Arbeiten (Medienkunst in der Phoenixhalle) bis zum großen Bilder-Auftritt (Wunschprojekt „Dortmunder U“) reichen.

Regt sich auch etwas in den Randzonen des Reviers? Offenkundig schon. Unnas Kulturamtsleiter Axel Sedlack (Schwerpunkte: Lichtkunst, Krimifestival „Mord am Hellweg“, das Schaffen von Komponistinnen) versicherte, in seiner Stadt diskutiere man bereits seit zwei Jahren das Thema Kulturhauptstadt, nun beteilige sich auch gesamte Kreis Unna verstärkt.

Mehrere Kulturdezernenten (vor allem aus kleineren Gemeinden) ließen durchblicken, dass sie sich von der Kulturhauptstadt keine grandiosen neuen „Leuchttürme“, sondern eher eine Stärkung und Festigung der vorhandenen Kultur erhoffen. Und ein dichteres Netzwerk mit den anderen Städten.

Wie sieht’s mit der vielfach befürchteten Dominanz von Essen aus? Oliver Scheytt, hauptamtlich Essens Kulturdezernent, beteuert: „Ich ärgere mich immer, wenn ich die Bezeichnung ,Kulturhauptstadt Essen‘ lese.Es geht ums ganze Ruhrgebiet.“ Auswärtige können diese Gegend allerdings oft kaum verorten. So wurde gestern der Mülheimer Komiker Helge Schneider zitiert. Wenn man ihn draußen fragt, wo das Ruhrgebiet liege, sage er nur noch: „Bei Frankfurt“.

_______________________________________________________

HINTERGRUND

Markenrechte gesichert

  • Die Organisatoren der Kulturhauptstadt haben sich die Markenrechte an ihrem Ruhrgebiets-Logo gesichert. Wer es verwendet, soll möglichst zahlen. Die FIFA hat’s bei der Fußball-WM im großen Stile vorgemacht.
  • Die bisher rund 200 Projektvorschläge stammen zu 35 Prozent von Kulturschaffenden.
  • Den Löwenanteil machen Vorschläge zur „Stadt der Künste“ aus, hier rangiert die Bildende Kunst (25 Prozent) ganz vorn. Abgeschlagen: Theater mit lediglich 3 Prozent.

 




„Dortmund ist kein Vorort von Essen“ – Gespräch mit Jörg Stüdemann / Nach der Wahl des Reviers zur Europäischen Kulturhauptstadt

Von Bernd Berke

Dortmund. Gestern war „Tag eins“ nach der Wahl Essens und des Ruhrgebiets zu Europas Kulturhauptstadt 2010. Anlass genug, um mit dem Dortmunder Kulturdezernenten Jörg Stüdemann über die Lage in der Region zu sprechen.

Woran denken Sie beim Stichwort „Hauptstadt des Ruhrgebiets“?

Jörg Stüdemann: (lacht) Na, an Dortmund natürlich. Aber mal im Ernst: Eigentlich denke ich da an gar keine bestimmte Stadt. Ich habe früher in Bochum und Essen gearbeitet und habe nie eine Hauptstadt erblickt. Im Grunde gibt es hier kein Zentrum, sondern eine gesunde Rivalität zwischen den Städten,

Besteht nicht die Gefahr, dass Essen jetzt Dortmund kulturell „abhängt“?

Stüdemann: Überhaupt nicht. Gut, einige Sponsoren werden sich nun stärker in Essen engagieren. Aber das ist auch schon so ziemlich alles. Der Etat für die Kulturhauptstadt ist doch relativ bescheiden, verglichen mit unserem städtischen Kulturhaushalt.

Wohlweislich später eingestiegen

Ist Dortmund ins Thema Kulturhauptstadt nicht zu spät eingestiegen?

Stüdemann: Solange die Kulturhauptstadt mit der Idee einer auf Essen zentrierten „Ruhrstadt“ verbunden war, konnte sie in Dortmund oder Duisburg nicht viel Sympathie erzeugen. Dortmunds Größe und Tradition sprechen dagegen, sich degradieren zu lassen. Wir sind kein Vorort von Essen. Damals haben wir gedacht: Wir werden uns wohlweislich erst einmal davon distanzieren. Inzwischen verhält sich die Sache anders. Es gibt einen weiteren Grund für den späteren Einstieg. Im Gegensatz zu Essen sind wir Fußball-WM-Stadt. Das bedeutet enorm viel Arbeit und finanziellen Einsatz. Daneben war ein stärkeres Engagement für die Kulturhauptstadt nicht zu leisten.

Was trägt Dortmund zur Kulturhauptstadt bei?

Stüdemann: Es wäre unredlich zu behaupten, Dortmund werde das Zentrum des Geschehens sein. Bochum und Duisburg übrigens auch nicht. Das ist nun mal Essen. Doch wir machen eine Menge. Wir haben das multikulturelle „Melez“-Festival in Bochum organisiert und die Dortmunder „Twins“-Konferenz mit den europäischen Partnerstädten ausgerichtet.

Und in Zukunft?

Stüdemann: Es gibt drei Schwerpunkte. Erstens die Medienkunst, unter anderem in der Phoenixhalle. Zweitens das Brückstraßen-Viertel als künftige „Musik-Meile“: Konzerthaus, Orchesterzentrum, Chorakademie, das „domicil“ für Jazz und Weltmusik. Spätestens 2010 soll es außerdem ein großes Musikfest in Dortmund geben, und wir planen ein Zentrum für Musikwirtschaft – mit Tonstudios, Agenturen und dergleichen. Drittens bringen wir das Projekt „Dortmunder U“ ein.

Dieser frühere Brauereiturm steht als künftiges Museum in den Bewerbungsunterlagen zur Kulturhauptstadt, als wäre alles schon fertig. Aber es hakt doch weiter bei denLandeszuschüssen, oder?

Stüdemann: Wir gehen immer noch davon aus, dass wir dort 2010 ein großes Museum haben werden. Die Idee ist einfach toll, viele hochkarätige Fachleute aus anderen Städten sind davon angetan. Was die Landeszuschüsse betrifft: In Essen steht mit der Zeche Zollverein ein unglaublich teures Projekt, da fragt offenbar niemand nach Bau- und Folgekosten. Der dortige Umbau, der 1986 eingeleitet wurde, sollte anfangs 30 Millionen Mark kosten, inzwischen liegt man bei etwa 190 Millionen, mit steigender Tendenz. Trotzdem hat das Land dort stetig mitgefördert. Beim „Dortmunder U“ aber wird penibel nachgerechnet. Auch in Dortmund selbst werden von manchen Leuten immer nur die Schwierigkeiten aufgespürt. Jeder Krümel wird da langwierig ausgewalzt.

Das hieße also: Dortmund ist noch nicht genügend begeistert, um auch das Land für die Idee zu gewinnen?

Stüdemann: So ist es. Leider. Dabei geht es beim „Dortmunder U“ um vergleichsweise geringe 17 Millionen Euro Landesförderung. Mal so gefragt: Muss sich wirklich alles im Rheinland abspielen? Fast 80 Prozent der Landesmittel für Museumsbau sind in den letzten Jahrzehnten dorthin geflossen.

Der Dortmunder Krimi-Verleger Rutger Booß (Grafit-Verlag, d. Red.) sagt: Spätestens Jetzt, im Rahmen der Kulturhauptstadt, braucht das Revier ein Literaturhaus. Eine Option für Dortmund?

Stüdemann: Von der Tradition her schon. Dortmund wäre dafür prädestiniert. Und die Region kann ein solches Haus bestens verkraften. Aber wir haben schon zahlreiche andere „Baustellen“…

Wie wird sich die Kulturhauptstadt im Umland auswirken? Haben auch die Sauerländer etwas davon?

Stüdemann: Unbedingt! Das ist doch klar. Bei einer so großen Kampagne für die Kultur will sich keine beteiligte Stadt blamieren. Das werden die Besucher aus dem Umland merken. Nicht nur kulturell, sondern auch baulich wird sich einiges verbessern. Davon haben alle etwas. Und Nachbarstädte wie Unna mit seinem wunderbaren Lichtkunstzentrum sind ohnehin fest eingebunden.

___________________________________________________

ZUR PERSON

Mann mit „Szene“-Erfahrung

  • Jörg Stüdemann (Jahrgang 1956) ist Dortmunds städtischer Dezernent für die Bereiche Kultur, Sport und Freizeit. Sein Werdegang:
  • Von 1984 bis 1987 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum.
  • Von 1987 bist 1992 Mitarbeiter im soziokulturellen Zentrum „Zeche Carl e. V.“ in Essen. Diese Einrichtung der „Alternativ“-Szene genießt einen guten Ruf im gesamten Ruhrgebiet.
  • Ab 1992 Leiter des „Pentacon“ (Zentrum für Medienkultur) in Dresden.
  • Von 1994 bis 2000 Dezernent für Kultur, Jugend und Sport in Dresden. Aus der sächsischen Landeshauptstadt wechselte Jörg Stüdemann nach Dortmund.

 




Gemeinsam geht’s – Kommentar zur Kulturhauptstadt-Entscheidung für Revier

Von Bernd Berke

Da kann man sich sonst noch so kühl und skeptisch geben: Als Bewohner dieser Region darf man seit gestern wirklich ein wenig stolz sein. Das Ruhrgebiet“ ist Europas Kulturhauptstadt 2010. Wunderbar!

Wer hätte vor zehn Jahren so etwas zu denken gewagt? Höchstens einige phantasievolle Kulturschaffende. Die spüren Veränderungen oft lange vor den Politikern. Und sie haben auch den grundlegenden Wandel dieser Gegend früh bemerkt. Mehr noch: Die Kulturszene ist seit einiger Zeit eine große Triebkraft dieses Wandels.

Haben wir jetzt im Revier das Paradies, in dem das Geld für Kultur nur so strömen wird? Wohl kaum. Die hiesigen Städte ächzen vielfach unter Finanzlasten. Ohne Sponsoren sowie Zuwendungen von Bund und Land wird sich die Kulturhauptstadt nicht vollends entfalten können. Der frisch errungene Titel ist jedenfalls ein bärenstarkes Argument gegen mancherorts drohende Kürzungen im Kulturbereich.

Nicht wenige fürchten jetzt, dass Essen sich zur alleinigen Ruhrgebiets-Metropole aufschwingen könnte und sich die ganz großen Stücke vom leckeren Kuchen abschneidet. In dieser Hinsicht wird man, etwa in Dortmund, in Hagen und im Kreis Unna, tatsächlich wachsam sein müssen. Doch in Essen werden sie bestimmt klug sein und wissen, dass sie das anstehende Mammut-Programm gar nicht allein stemmen können. Nur gemeinsam geht’s.

Essens Kulturdezernent Oliver Scheytt dürfte denn auch nicht zu Alleingängen neigen. Er ist schon jetzt so etwas wie der „Mann des Jahres“ in der Region. Schier unermüdlich hat er die Bewerbung vorangetrieben. Er und sein kleines Team sind dabei bis an die Grenzen der menschlichen Belastbarkeit gegangen. Deshalb ist es gut, dass ihm bald eine künstlerische Leitung zur Seite stehen soll. Der Mann (oder die Frau) für diese immense Aufgabe wird noch gesucht. Eine wahrhaft spannende Personalie.

Vorgestern gab’s die bunten Werbeprospekte fürs Revier. Gestern haben wir gefeiert. Heute beginnt die wirkliche Arbeit.

 




„Eine riesige Chance für die Region“ – Reaktionen auf Brüsseler Kulturhauptstadt-Entscheidung fürs Revier / WR fragte in der Kulturszene nach

Von Rolf Pfeiffer und Bernd Berke

Dortmund. Die Entscheidung für die Europäische Kulturhauptstadt Essen/Ruhrgebiet hat in der Region große Freude ausgelöst. Doch es gibt auch ein paar skeptische Stimmen. Die WR befragte Kulturschaffende und Kulturverantwortliche.

Seite der Westfälischen Rundschau zur Kulturhauptstadt-Entscheidung fürs Ruhrgebiet. (Repro: BB)

Seite der Westfälischen Rundschau vom 12.4.2006 zur Kulturhauptstadt-Entscheidung fürs Ruhrgebiet. (Repro: BB)

„Freude, nichts als Freude!“ So beschrieb Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann seine Gefühle nach der guten Nachricht aus Brüssel. Endlich werde das Ruhrgebiet anders wahrgenommen. Stüdemann zur WR: „Jetzt werden kulturelle Vorhaben enorm befördert, es wird eine große Dynamik entstehen.“ Dortmund werde sich nach Kräften beteiligen. Einige Projekte seien längst vorbereitet.

Glücklich und erleichtert ist auch Thomas Hengstenberg, Kultur-Fachbereichsleiter beim Kreis Unna. Die Entscheidung furs Ruhrgebiet sei vor allem klimatisch wichtig. Hengstenberg hofft: Jetzt wird es viel schwerer sein, bei der regionalen Kultur den Rotstift anzusetzen.“ Die Gefahr sei jetzt, dass Essen alle großen Projekte an sich ziehe.

Lünens Kulturbüro-Leiter Werner Althoff: „Dieses Votum ist so wichtig für unsere Region.“ Eine „riesige Chance“ fürs gesamte Ruhrgebiet sieht man auch beim Schwerter Kulturbüro. Dessen stellvertretende Leiterin Heike Pohl glaubt aber, dass das große Geld auch in die großen Städte fließen werde.

Hagens 1. Bürgermeister Hans-Dieter Fischer, zugleich Vorsitzender des Kulturausschusses beim Regionalverband Ruhr: „Ich bin begeistert. Olympia haben wir verloren, Wissenschaftsstadt haben wir verloren, bei der Kultur haben wir gewonnen.“

Der Dortmunder Verleger Bodo Harenberg: „Endlich hat mal ‚was geklappt! Jetzt hat die Kultur das geschafft, was die Politik nicht zustande bringt.“ Nun müsse schleunigst das gesamte Ruhrgebiet einbezogen werden: „Die Kulturhauptstadt darf keine Essener Lokal-Feier werden.“ Dortmund habe sich bislang viel zu wenig eingebracht, es werde höchste Zeit: „Morgen muss die Arbeit beginnen!“

Der Dortmunder Filmemacher Adolf Winkelmann ist nicht weiter überrascht: „Ich finde die Entscheidung toll – und zugleich absurd.“ Denn: „Das Ruhrgebiet war doch schon immer Kulturhauptstadt, es musste gar nicht eigens dazu ernannt werden.“

Tana Schanzara, „Revier-Duse“, hatte nie Zweifel am Erfolg. „Für mich war ganz klar, dass Essen stellvertretend für das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt werden muss: Hier sind die Theater toll und knackevoll. Und das Publikum ist super.“

Tanas Chef, Bochums Theaterintendant Elmar Goerden: „Das Wort von der gewachsenen Kulturlandschaft, oft genug eine Floskel, ist hier im Ruhrgebiet an seinem einzigartigen Platz. Gibt es ein schöneres Durcheinander, Drunter und Drüber, Glück auf und ab? Also denn auf ein großes Fest-Essen!“

„Ich finde die Entscheidung ganz großartig für die Region“, sagt Dortmunds Schauspiel-Intendant Michael Gruner. „Jetzt ist die Chance gegeben, dass die Kultur mehr im Blickpunkt ist.“

„Die Entscheidung der Brüsseler Jury ist eine grandiose Bestätigung für die Region und ihre Menschen, denen es in den letzten Jahrzehnten gelungen ist, den dringend benötigten Strukturwandel voranzubringen“, befand unterdessen Christine Mielitz, Direktorin der Dortmunder Oper, mit internationalen Regie-Gastspielen zwischen Japan und Australien.

Auf Impulse, „von denen auch die Kulturszene und die Menschen in Dortmund profitieren werden“, hofft Dortmunds Konzerthaus-Intendant Benedikt Stampa. „Ich persönlich“, ergänzt er, „setze nun auf viele neue Projekte, die von den kulturellen Einrichtungen aller Ruhrgebietsstädte gemeinschaftlich getragen werden.“

Stellvertretend für die RuhrTriennale jubelt ihr Chef Jürgen Flimm: „Nun schauen wir also alle voller Freude auf das Jahr 2010 und hoffen auf kreative und unbürokratische Festspiele. Glück auf!“

Frank Hoffmann, Leiter der Ruhrfestspiele: „Ich bin regelrecht begeistert, glücklich über die Entscheidung. Ich war sicher, dass es Essen würde! Für die ganze Region ist das eine unheimlich große Chance, nach vorne zu kommen – für eine Region, die noch nicht so an einem Strang zieht, wie es sein sollte.“

Weiteres Highlight ist das Klavierfestival Ruhr. Franz Xaver Ohnesorg, der Intendant: „Das Ruhrgebiet kann sich in kultureller Hinsicht am Weltmaßstab messen. Wir müssen aber noch mehr Energie in die Vermittlungsarbeit stecken“. Dazu gebe es nun große Chancen.

„Gestern waren wir Papst, und heute sind wir Kulturhauptstadt – kein Problem Ruhrgebiet“, findet Christian Stratmann, Prinzipal des Mondpalast-Theaters in Wanne-Eickel. „Voraussetzung ist allerdings, dass wir drei ganz wichtige Dinge beachten: kommunizieren, kommunizieren, kommunizieren.“

Gefreut hat sich auch der Ruhrgebiets-Komödiant Uwe Lyko alias Herbert Knebel:„Das Revier hat’s verdient.“ Allerdings meint er auch: „Was mir auf den Senkel geht:In letzter Zeit hat sich hier eine seltsame Euphorie breit gemacht, gepaart mit einer gewissen Arroganz. Fast so, als könne einem keiner das Wasser reichen.“ Kultursparten wie die Kleinkunst würden ohnehin nicht profitieren: „Uns hat man nie gefördert.“

_______________________________________________

HINTERGRUND

Verfahren war ziemlich langwierig

  • Die Ernennung Europäischer Kulturhauptstädte geht zurück auf eine Idee der früheren griechischen Kulturministerin Melina Mercouri.
  • Nach einer bis 2019 festgelegten Länder-Reihenfolge nennen die EU-Staaten ihre Favoritenstädte.
  • Im Falle der deutschen Auswahl für 2010 gab es ein langwieriges Ausscheidungsverfahren. Zuerst ließ Essen den Revier-Mitbewerber Bochum hinter sich. Landesweit erhielt Essen dann den Vorzug vor Münster und Köln.
  • Im März 2005 setzten sich Essen und das Ruhrgebiet sowie das sächsische Görlitz bundesweit durch gegen: Braunschweig, Bremen, Halle, Karlsruhe, Kassel, Lübeck, Potsdam und Regensburg.
  • So geht’s jetzt weiter: Nach dem Jury-Entscheid spricht die Europäische Kommission eine Empfehlung aus. Schließlich verleiht der Europarat den Titel. Bisher sind die Gremien stets der Jury-Entscheidung gefolgt.

_________________________

Der Beitrag stand am 12. April 2006 in ähnlicher Form in der Westfälischen Rundschau (WR)




Heute ist der Tag der Wahrheit – Essen oder Görlitz: Entscheidung über Kulturhauptstadt 2010 wird mittags in Brüssel verkündet

Von Bernd Berke

Dortmund. Heute gilt’s! Zur Mittagszeit werden wir wissen. ob Essen und das Ruhrgebiet oder das sächsische Görlitz Europas Kulturhauptstadt 2010 werden. Um 11.30 Uhr will die EU-Jury in Brüssel ihre Entscheidung verkünden. Spannender geht’s nimmer.

Jubel und Enttäuschung werden dann so dicht beieinander liegen wie sonst im Sport. Die fußballerische „T“-Frage (Torwart Lehmann statt Kahn als Nummer eins) ist unter großem Getöse geklärt worden. Jetzt steht also die K-Frage an – „K“ wie Kulturhauptstadt. Und man möchte lieber keine Wetten auf diesen Super-Dienstag abschließen, so offen scheint der Ausgang des Rennens zu sein.

Beide Städte bzw. Regionen haben jahrelang auf die heutige Entscheidung hingearbeitet. Immense Energien und Hoffnungen sind allseits eingeflossen. Beide Bewerbungs-Teams fühlen sich bestens gerüstet und glauben jeweils, die stärkeren Argumente auf ihrer Seite zu haben. Alles andere wäre ja auch erstaunlich.

Tritt mit Görlitz ein kleiner David gegen den Goliath Ruhrgebiet an? Sollte man in der siebenköpfigen Jury mehrheitlich so denken, wäre es vielleicht ein gefühlter Vorteil für die Sachsen, denn oft liegen die Sympathien in derlei Fällen beim „Kleineren“. Ängstliche Spekulationen…

Bei der Präsentation der Programme und Projekte am 15. März in Brüssel hat die Jury den Essenern eine Frage gestellt, die hellhörig macht. Sinngemäß: Wozu braucht ihr denn noch den Titel, ihr habt doch zwischen Dortmund und Duisburg schon so viele kulturelle Highlights? Ein verquerer Gedanke, bei dem man ins Grübeln gerät. Ebenso gut könnte man Görlitz vorhalten, dass es eine so schmucke Altstadt besitzt.

Eigentlich wäre in Sachen Kulturhauptstadt wohl „der Westen“ an der Reihe. Berlin und Weimar haben den Titel getragen. Käme nun Görlitz zum Zuge, so hätte die ganze Geschichte eine ziemlich deutliche Schlagseite. Görlitz de ist ja sogar die östlichste deutsche Stadt überhaupt.

Doch wir wollen hier nicht die fatale Ost-West-Konkurrenz aufbauschen, die längst auch auf finanzpolitischem Felde herrscht. Fest steht: Beide Bewerber könnten den Geld- und Image-Gewinn sehr gut gebrauchen, der mit der Kulturhauptstadt verbunden wäre. Wenn’s nur ums Gönnen ginge, müsste der Titel brüderlich geteilt werden. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.

Aus Sicht des Ruhrgebiets könnte einem etwas bang zumute werden, wenn man sich die Konzepte ansieht. Auf den ersten Blick scheint der deutsch-polnische Brückenschlag, den Görlitz mit der Partnergemeinde Zgorzelec plant, griffiger zu sein als das vielfältige Bestreben des Reviers, das als multikulturell geprägte „Industrieregion im Wandel“ eher eine gesamteuropäische Perspektive einnimmt. Jedoch: Kann denn Vielfalt Sünde sein?

Dass man in Essen heute – unabhängig vom Ausgang – auf jeden Fall groß feiert, hat sogar schon Gerüchten Raum gegeben: Wissen die Essener vielleicht doch schon etwas?Ist etwa ein mehr oder weniger vager Hinweis aus der Jury durchgesickert? Eigentlich kaum vorstellbar. Ganz klar: Auch eine etwaige „Niederlage“ muss zünftig begangen werden. Das (Kultur)-Leben geht jedenfalls weiter.

Gewiss steht die Entscheidung seit Tagen fest, sie wird just heute bekannt gegeben. Die Juroren scheinen ihrer Sache recht sicher zu sein. Sie haben auf Informations-Reisen in die Bewerberstädte verzichtet; ganz so, als hätte es da gar keinen Klärungsbedarf‘ mehr gegeben.

________________________________________________

HINTERGRUND

Gefeiert wird auf jeden Fall

  • Diese Delegation fährt heute früh um 7.30 Uhr in Richtung Brüssel:
  • Oliver Scheytt (Kulturdezernent von Essen und „Moderator“ der Kulturhauptstadt-Bewerbung), Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (NRW-Kulturstaatssekretär), Heinz- Dieter Klink (Direktor des Regionalverbands Ruhr – RVR), Hans-Georg Küppers (Kulturdezernent von Bochum) und Jürgen Fischer (Leiter des Bewerbungsbüros).
  • Die Entscheidung über die Kulturhauptstadt wird um 11.30 Uhr in Brüssel verkündet. Im Essener Rathaus-Foyer wird das Ereignis live auf Großleinwand übertragen.
  • Gegen 17 Uhr kehrt die Delegation nach Essen zurück. Dann soll es eine Feier auf dem Kardinal-Hengsbach-Platz geben.
  • Ab 19 Uhr steigt eine Party auf der Essener Zeche Zollverein (Halle 5) – je nach Stimmungstage bis tief in die Nacht.‘



Baltische Szene: „Beneidenswert jung, vital, aufregend“ – Internationale Kulturtage mit Estland, Lettland, Litauen / Dortmund als Zentrum des Festivals

Dortmund. (bke) Den gesellschaftlichen Wandel haben sie im Zeitraffer vollzogen. Nun stellen die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen ihre Kultur in NRW vor. Zentrum dieses „Scene“-Festivals ist Dortmund.

Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann warb gestern für die vielfältigen Gastspiele des Baltikums – beinahe zum eigenen Leidwesen: Derart „jung, vital und aufregend“ sei die Kulturszene der drei Ostsee-Länder, dass man im Revier und in Westfalen geradezu neidisch werden könne.

Tatsächlich haben die Stadt und das Land NRW mit 123 Kooperations-Partnern vieles gestemmt. Erste Einzelveranstaltungen beginnen Ende April, Ausläufer des Festivals reichen bis zum September. Kernzeiten: Mai und Juni.

Besonders das musikalische Programm der Balten reizt sämtliche Geschmacksnerven. Es reicht von Klassik über Neue Musik und Jazz (Festival „europhonics“ im Dortmunder „domicil“ ab 5. Mai) bis hin zu elektronischen Experimenten und DJ-Aktionen.

Theaterspektakel in der Dortmunder Zeche Zollern II/IV: Der litauische Regisseur Gintaras Varnas bringt am 26. Mai „Das Wüste Land“ von Tankred Dorst auf die Bühne. Zuvor gibt’s am 14. Mai eine Gala im Dortmunder Opernhaus, mit Ballett und Musik aus allen baltischen Breiten.

Gewichtiges Ausstellungs-Doppel: Das Museum am Ostwall und die Phoenixhalle (früheres Hoesch-Gelände) präsentieren ab 14. Mai rund 20 baltische Medienkünstler, die mit Videos, Internet und wall und anderen Techniken Phantasieräume schaffen wollen. Die Schau heißt „mit allem rechnen“ und lässt somit Überraschungen erwarten.

Auch Film und Literatur füllen einige Seiten des üppigen Programmheftes. Andere NRW-Städte wie Münster, Duisburg, Bielefeld, Düsseldorf oder Bonn sind am Reigen beteiligt. Das Land gibt auch unter schwarzgelber Regierung weiterhin Zuschüsse.

Dortmund ist jedenfalls der Dreh- und Angelpunkt: Vor allem hier wird man erleben, wie sich die Menschen im Baltikum ihrer Identität mit kulturellen Mitteln vergewissern. Vielleicht ein dreifaches Vorbild für uns?

Infos/Programm/Tickets: Tel. 0231/50 277 10. www.scene-festival-nrw.de




Die Minute, da wir explodierten – Ein Fußball-Länderspiel zwischen religiöser Erwartung, Königsdrama und Farce

Von Bernd Berke

Dortmund. Die Kollegen der Sportredaktion haben ihre Teil getan, nun darf auch noch das Feuilleton ‚ran. Denn natürlich ist ein Fußball-Länderspiel, wie jetzt Deutschland – USA in Dortmund, letztlich auch ein geballtes Kulturereignis. Bei der WM werden wir’s sogar multi-kulturell erleben.

Man denke nur ans ganze Drumherum, an die vielen Rituale: vom eher pflichtschuldigen Absingen der Nationalhymnen bis zur permanenten chorischen Begleitung durch die Fans; von der mitunter opernhaften Arena-Situation (mit Vorläufern wie dem griechischen Amphitheater oder dem römischen Colosseum) bis hin zur sprachlichen Bewältigung des Geschehens durch Spieler, Trainer und Journalisten.

Sodann die Spielchen mit den historisch überkommenen National-Klischees („Die Amis“, „Die Urus“ usw.), stets frisch aktualisiert durch die Typengalerie der jetzigen Mannschaften.

Überdies wabert ein ständiges Krisengerede, welches Theater und Literatur seit Hunderten von Jahren begleitet – warum also nicht auch den vergleichsweise blutjungen Fußball? Vom Glauben an Mythos und Magie (wieder weiße statt rote Hemden = erhöhte Siegchance) ganz zu schweigen. Das Spektrum großer Spiele liegt denn auch irgendwo zwischen quasi-religiösen Erwartungen, Shakespeares schroffen Königsdramen und einer grotesken Farce.

In Dortmund gibt’s fürs Nationalteam offenbar kein Verlieren. 4:1 ging es bekanntlich aus, rein rechnerisch also die exakte „Wiedergutmachung“ fürs Florentiner Italien-Debakel. Lange blieb’s freilich abermals ideenlos und uninspiriert, so ganz und gar nicht künstlerisch. Schmerzlich yermisste man die Leichtigkeit des Seins, die ein Fußball-Ensemble hervorbringen kann und die Deutschlands Sache oft nicht ist, was wiederum gern mit der gesamten Befindlichkeit des Landes kurzgeschlossen wird. Fußball als Staatsaffäre, deren Akteure sich oft furchtbar ernst nehmen.

Kein Wunder, wenn die Jungs auf dem Spielfeld verkrampfen. Doch diesmal, vor allem aber der 73. Minute, „sind wir explodiert“ (O-Ton Oliver Kahn), und es gab auf einmal die gute alte Katharsis, sprich: die befreiende Reinigung vom Übel. Das waren endlich ein paar schöne, ästhetisch befriedigende Momente.

Wie sonnig geht’s doch in derlei Erfolgsfällen beim ZDF zu: „Analysen“, wie sie Franz Beckenbauer und Johannes B. Kerner liefern, brächte wohl jeder bessere Stammtisch zu- stande. Doch es ist nahezu pervers: Irgendwie giert man ja selbst masochistisch nach dem öligen Palaver von „Kaiser Franz“ oder auch nach den eher barschen Urteilen von Günter Netzer bei der ARD. Selbst ein „Literaturpapst“ wie Marcel Reich-Ranicki dürfte seine Freude daran haben. Und Harald Schmidt sowieso.

Zum Ritus gehört auch das Erscheinen des Bundestrainers, der traditionell Rede und Antwort stehen muss. Jetzt lacht er wieder, der „Klinsi“. War es etwa nicht amüsant, wie beflissen der Regisseur Klinsmann neben dem Generalintendanten (Beckenbauer) stand; wie er diesmal „die Herren Medien“ geißelte oder wie er den „Abnutzungskampf“ beschwor? Goldig auch sein Satz über die der letzten Tage vor dem Match: „Wer mich kennt, hat mich nach wie vor lächeln gesehen.“ Wahrscheinlich war’s daheim im Keller.




Sorge um Kulturtetat des Kreises Unna

Von Bernd Berke

Kreis Unna. Ist das denn denkbar: dass es auf Schloss Cappenberg (Seim) gar keine Kunstausstellungen mehr gäbe. Oder dass das ebenso schmucke Haus Opherdicke (Holzwickede) verkauft würde und der Kultur nicht zur Verfügung stünde?

„Ich halte inzwischen alles für möglich“, sagt Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD), Kulturdezernentin des Kreises Unna, im WR-Gespräch. Es gebe starke konservative Kräfte, die den Kulturetat des Kreises am liebsten „auf Null setzen“ würden. Sie befürchtet, dass in den laufenden Etatverhandlungen das Kulturbudget (jährlich 2,9 Mio. Euro) angetastet werden könnte. Die einstige Koalition von SPD und Grünen ist „geplatzt“, politische Mehrheiten müssen nun von Fall zu Fall gesucht werden. Am 7. März wird der Haushalt im Kreistag beraten.

Nicht nur die genannten Kulturstätten, die weit übers Kreisgebiet hinaus wirken, wären schlimmstenfalls gefährdet. Es geht auch um Zuschüsse für die Neue Philharmonie Westfalen (500 000 Euro). Zudem fördert der Kreis eine komplette Vorstellungsreihe im Lüner Hilpert-Theater, das Museum für Lichtkunst in Unna (47 000 Euro) und das Festival „Welttheater der Straße“ in Schwerte (Vorjahr: 25 000 Euro), zu dem Tausende pilgern.

Besonders peinlich wären Kürzungen mit Blick auf die Kulturhauptstadt-Bewerbung des Reviers, an der sich der Kreis z. B. mit dem Lichtkunst-Museum beteiligt. Warminski-Leitheußer ist als Dezernentin auch für Sozialpolitik zuständig. Kommt die studierte Juristin in Gewissens-Konflikte zwischen Sozialem und Kultur? Nein, denn: „Den Haushalt können wir nur sanieren, wenn es weniger Arbeitslose gibt. Einsparungen bei der Kultur bringen fast nichts und schaden nur“, betont sie vorsorglich.

Den Löwenanteil des Haushalts, rund 77 von 90 Mio. Euro, wendet der Kreis Unna für den Sozialbereich auf, insbesondere im Rahmen von „Hartz IV“. „Schon bei geringen Schwankungen nach oben würden die gesamten 2,9 Millionen Euro aus dem Kulturbereich nicht reichen, um hier auszugleichen.“ Kultur präge nicht nur das Image des Kreises, sondern vermittle auch Identität. Die Dezernentin: „Wir können doch nicht unsere Wurzeln kappen!“




Am Tag der Zwillings-Geburten – Im Zeichen der Kulturhauptstadt: „Twins“-Treffen mit Partnerstädten in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Zwei Kulturen auf gleichem Terrain in Dortmund – doch sie nahmen keine Notiz voneinander. Im Goldsaal der Westfalenhallen trafen sich am Samstag rund 250 Spitzenvertreter aus 102 Partnerstädten der Revier-Kommunen mit ihren Gastgebern, zumeist im feinen Zwirn und Kostüm. Gediegen ging’s beim Kultur-Kongress „Twins 2010″ zu.

Direkt nebenan gab’s die Hallenschau „Jagd & Hund“. Dort überwogen Windjacken,Lodenstoff und grüne Filzhüte. Weidmanns Heil. Hätte Borussia gegen Schalke auch noch zu Hause gespielt, wär’s mit den Fans wohl eine rustikale Begegnung der dritten Art gewesen…

Doch zurück zu den Zwillings-Geburten: „Wenn aus Europa etwas werden soll, geht es nicht ohne massive Reaktivierung von Kultur.“ Diese klare Aussage kam vom protokollarisch zweiten Mann in Staate, Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Der kulturkundige Politiker gab damit eine Losung für den Kongress der „Twins“(Zwillinge) aus. Die Wirtschaft, so Lammert, werde unseren Kontinent nicht zusammenhalten, denn sie strebe ins Globale.

Langfristige Perspektive angestrebt

„Twins“ will nicht nur den Austausch von bereits „fertiger“ Kultur in hektisch wiederbelebten Partnerschaften bewirken, sondern von Grund auf gemeinsam erdachte Projekte mit langfristiger Perspektive einleiten. Weitere neue Dimension: Nicht nur jeweils zwei, sondern möglichst viele Partnerstädte sollen multilateral zusammenarbeiten. Eine in Dortmund einmütig verabschiedete Kooperations-Erklärung aller Städte bekräftigte die vielfach spürbare Bereitschaft zum Mitmachen.

Es war schon bewegend, wie etwa die Vertreter aus Portsmouth und Vilnius (Duisburgs britische und litauische Partner) unter großem Beifall eine gemeinsame Sympathie-Erklärung fürs Ruhrgebiet und seine „Twins“-Idee abgaben. Die zur Delegation aus Oviedo (Bochums spanischer Zwilling mit Bergbau-Vergangenheit) kündigte an, sie werde daheim nun gezielt fürs Revier werben. Etliche Teilnehmer, die bislang eher die einzelnen Partnerstädte im Blick hatten, nehmen jetzt mehr von der Region wahr.

Fröhliches Flattern mit Novi Sad

Zudem haben sich erste konkrete Projekt-Ansätze ergeben, manche wurden im Goldsaal oder im Vor- und Umfeld der Konferenz frisch verabredet, wie ja überhaupt bei solchen Tagungen die Gespräche am Rande das Wichtigste sind. So will etwa Dortmund, gemeinsam mit der serbischen Partnerstadt Novi Sad, eine große Flaggen-Aktion ins fröhliche Flattern bringen: Von Künstlern kreierte Fahnenmotive sollen die Stadträume erobern. Auch über Musik und Medienkunst werde verhandelt, sagt Kulturdezernent Jörg Stüdemann.

„Twins“ ist ein Leitprojekt zur Kulturhauptstadt, finanziell steht und fällt es mit Erringung des Titels. Also wurden die internationalen Gäste (Bürgermeister, Kulturbeauftragte usw.) mit sanftem Nachdruck – aber nicht unnötig penetrant – auf die Bewerbung Essens und des Ruhrgebiets als „Europäische Kulturhauptstadt 2010″ eingestimmt.

Bewerbungs-Moderator Oliver Scheytt pries mit Engelszungen die kulturellen Vorzüge des Reviers, schränkte aber auch ein: „Wir wollen eine europäische Kulturmetropole werden. Wir sind es noch nicht ganz.“

Die sorgsam betreuten Gäste aus 20 Ländern (Italiener und Franzosen vermissten allerdings den gewohnten Wein zum Mittagessen) vernahmen ferner diverse Talkrunden, sie sahen flotte Werbefilme und lauschten einem Grußwort des NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers („Essen wäre eine hervorragende Wahl“).

Schweißtreibende Arbeit jedenfalls für die SimultanÜbersetzer in den Dolmetscher-Kabinen. Und ein geradezu weitläufiges Feeling in Dortmund.

_________________________________________________________

HINTERGRUND

Dortmunds Partnerstadt Amiens bleibt neutral

  • Die Partner-Projekte unter dem Schlagwort „Twins“ (Zwillinge) sind langfristig angelegt. Sie sollen 2007 beginnen und im Jahr 2010 gipfeln, falls das Ruhrgebiet dann Europäische Kulturhauptstadt ist.
  • Während das Revier Künstler und Vereine aus über 100 Partnerstädten aus ganz Europa ins Bewerbungs-Konzept einbinden möchte, setzt der ostsächsische Kulturhauptstadt-Konkurrent Görlitz auf bilaterale Zusammenarbeit mit der polnischen Nachbarstadt Zgorgelec.
  • Dortmunds französische Partnerstadt Amiens war am Samstag wohlweislich nicht vertreten. Sie ist auch mit Görlitz verbandelt und möchte im Kulturwettstreit lieber neutral bleiben.
  • Eine Datenbank zu internationalen Partnerschaften deutscher Städte und Gemeinden findet man im Internet unter: www.rgre.de/rgre-partnerschaften



Neue Gewichtungen in der Kulturpolitik – NRW-Staatssekretär Grosse-Brockhoff über Finanzen und Schwerpunkte

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Angesichts der prekären Haushaltslage des Landes mag man es kaum glauben. Doch NRW-Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU) ist sehr zuversichtlich, dass der Kulturetat des Landes in den nächsten fünf Jahren tatsächlich schrittweise aufs Doppelte anwächst: „Das steht schließlich im Koalitionsvertrag.“

Wie der Kulturpolitiker bei einer Gesprächsrunde mit Journalisten in Düsseldorf sagte, wappnet er sich freilich auch gegen Ressort-Neid bei den kommenden Haushaltsberatungen. Minister, die sparen müssen, könnten dann missgünstig auf die Kultur schauen; Vielleicht wird Grosse-Brockhoff die (offenbar mehrfach zugesagte) Rückendeckung von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers brauchen.

Keine Förderung mit der Gießkanne

Die Kultur sei keineswegs üppig ausgestattet, sagt der Mann aus der NRW-Staatskanzlei. Er rechnet vor, dass das Land Nordrhein-Westfalen bei den Kulturausgaben pro Kopf bisher bundesweit das Schlusslicht bilde. Auch wenn die Ausgaben der vielen größeren NRW-Städte das Gesamtbild günstiger gestalten, sei dies beschämend: „Eine Verdoppelung ist nötig.“

Was aber will er im Erfolgsfalle mit den steigenden Etatmitteln bewirken? Grosse-Brockhoff: „Es wird keine neuen ,Leuchttürme‘, aber auch keine Gießkannen-Förderung geben. Wir müssen Schwerpunkte setzen.“ Beileibe nicht jede Einrichtung könne nun ohne weiteres mit steigenden Landeszuschüssen rechnen. Immerhin: Der von Jürgen Flimm geleiteten RuhrTriennale gibt er eine Art Bestandsgarantie. Die Akzeptanz des Festivals sei mit den Jahren erheblich gestiegen.

Mehr Kulturschaffende in die Schulen

Grosse-Brockhoff will die Kulturpolitik neu sortieren und gewichten. Ein Hauptanliegen: kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen. Er möchte mit Fördermitteln erreichen, dass mehr Kulturschaffende aller Sparten in die Schulen kommen. Ihm schwebt eine Art Wettbewerb unter den Städten vor: Wer entwickelt das beste Modell, besonders für die Ganztagsschulen? Dabei sei vor allem die kreative Eigenart der Künstler gefragt – abseits von bürokratischen Richtlinien und dröger „Verschulung“.

Ein zweiter Punkt heißt „Substanzerhalt, genauer: Rettung von Archivbeständen. Grosse-Brockhoff: „Der Zerfall in den Archiven kann gestoppt werden, es fehlt bisher nur das Geld.“ Inzwischen betreffe der Schwund auch wichtige Filme und Videos, die dringend digitalisiert werden müssten.

Außerdem will der Staatssekretär das kulturelle Ehrenamt stärken. Vielen Instituten drohe über kurz oder lang ein Personalmangel, der nur durch freiwillige Dienste ausgeglichen werden könne. Wünschenswert sei eine Akademie, in der sich Helfer auf ihre Aufgaben (und auf etwaige Konflikte mit Hauptamtlichen) vorbereiten könnten.

Triennale auf Kosten der Szene finanziert?

Grosse-Brockhoff äußerte sich auch zur Bewerbung des Ruhrgebiets als „Europäische Kulturhauptstadt 2010″: Ich bin ganz energisch dafür, diese Riesenchance zu nutzen. Es wäre ein Aufbruch zu neuen Ufern“. Doch es gebe noch viel zu tun: Das Land, die Stadt Essen, die Region und die Wirtschaft sollten jetzt möglichst zügig eine Kulturhauptstadt-GmbH gründen. Überdies solle sehr bald eine namhafte künstlerische Leitung gefunden werden – eine spannende Personalfrage.

Solche konkreten Fortschritte müssten dann in Brüssel vorgezeigt und der EU-Jury schmackhaft gemacht werden. Der verbliebene Konkurrent Görlitz sei „sehr, sehr ernst zu nehmen“. Doch eigentlich sei das Ruhrgebiet geradezu prädestiniert, Europas Kulturhauptstadt zu werden.

Bei Durchsicht der letzten Landeskulturetats will Grosse-Brockhoff etwas festgestellt haben, was manche schon argwöhnten: Die RuhrTriennale, so der CDU-Politiker, sei von der vorherigen Landesregierung teilweise doch nicht mit zusätzlichem, „frischen Geld“, sondern auf Kosten der übrigen (freien) Szene finanziert worden. Eine Aussage, die noch für Debatten sorgen dürfte.

_____________________________________________________________

Zahlen und Fakten

  • Das Land NRW gibt derzeit pro Einwohner und Jahr 14,60 Euro für Kultur aus. Beim deutschen Spitzenreiter Sachsen sind es 87,50 Euro, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern liegen jeweils bei 40 Euro
  • Der reine Kulturförder-Etat des Landes NRW umfasst rund 70 Millionen Euro im Jahr.
  • Wenn es nach den jetzigen Plänen geht, soll der Etat stufenweise steigen und in fünf Jahren etwa 140 Mio. Euro betragen.
  • Kulturstaatssekretär Grosse-Brockhoff sagt, zuletzt seien die Fördermittel in manchen Bereichen deutlich gesunken. So hätten sich von 2001 bis 2005 die Aufwendungen des Landes für Bibliotheken von 6,1 auf 4,1 Millionen Euro verringert.



Neuer Schub für die Revier-Bewerbung – Gespräch mit Oliver Scheytt über den Stand der Dinge in Sachen Kulturhauptstadt 2010

Von Bernd Berke

Essen. Wie steht’s mit den Aussichten des Ruhrgebiets in der Konkurrenz um die europäische Kulturhauptstadt fürs Jahr 2010? Die WR sprach mit Oliver Scheytt, der als so genannter „Moderator“ bei der Bewerbung federführend ist.

Frage: Es gibt Klagen, dass die Bürger noch nicht so recht begeistert seien von der Kulturhauptstadt-ldee.

Oliver Scheytt: Wir haben Leute befragt. Die meisten sagen bisher: Gut und schön, aber man weiß noch nicht viel darüber. Wir sind eben noch in der Bewerbungs-Phase. Wir können nicht dauernd Wind machen. Man kann nicht ständig über ein Programm reden, das erst 2010 stattfinden soll. In Kürze wird es aber einen neuen Schub geben: Es werden einige große Werbe-Kampagnen beginnen – auch mit viel Ruhrgebiets-Prominenz. Unser dreifaches Motto lautet: Wir wollen die Region mobilisieren, Meinungsführer überzeugen und Europa gewinnen.

Was ist in den letzten Wochen geschehen?

Scheytt: Wir haben uns darauf konzentriert, weiter Ideen und Geld zu sammeln. Es gab eine Sponsoren-Konferenz mit guten Resultaten. Jetzt kann wieder eine Mobilisierungs-Phase beginnen.

Was trägt die Region rund um Dortmund bei?

Scheytt: Im nächsten Jahr sind Regionalkonferenzen geplant, auch im östlichen Ruhrgebiet. Überhaupt ist Dortmund stets mit eingebunden – nicht nur durch den Kulturdezernenten Jörg Stüdemann. Der Kreis Unna bringt gute Kontakte in die Kulturhauptstadt des letzten Jahres mit, ins französische Lille. Wichtig auch das Zentrum für Lichtkunst in Unna. Lichtkunst ist ein zentraler Faktor der Bewerbung. Projekte wie das Hagener Schumacher-Museum, das „Dortmunder U“ (Museumspläne in einer Ex-Brauerei, d. Red.) oder der Umbau des Essener Folkwang-Museums sind ebenfalls starke Argumente. Wir wollen zeigen: Das Ruhrgebiet investiert in Kultur. Immerhin sind hier zwei neue Konzerthäuser in Dortmund und Essen entstanden.

Und wo bleibt die europäische Dimension?

Scheytt: Wir haben Vertreter aus den 196 europäischen Partnerstädten der 53 Kommunen und Kreise im Ruhrgebiet für Februar 2006 nach Dortmund eingeladen. Es liegen schon über 100 Zusagen vor. Ein solches Treffen hat es noch nie gegeben.

Werden dabei auch Themen wie die jüngsten Unruhen in Frankreich diskutiert?

Scheytt: Unbedingt! Schwerpunkte unserer Bewerbung sind ja Themen wie Migration, Strukturwandel und Stadtentwicklung. Hier kann das Ruhrgebiet wertvolle Erfahrungen einbringen.

Was sagen Sie zur Mahnung des NRW-Kulturstaatssekretärs Grosse-Brockhoff, dasRevier solle sich bloß noch nicht als Sieger über den Mitbewerber Görlitz wähnen?

Scheytt: Er hat völlig recht. Es gibt keinen Grund, überheblich zu sein. Unsere Bewerbung ist sehr viel komplexer als die von Görlitz. Daher ist sie vielleicht schwerer zu vermitteln. Andererseits ziehen wir unsere Kraft gerade aus der vielfältigen, dezentralen Struktur des Ruhrgebiets.

Wann könnte die Hauptstadt-Entscheidung fallen?

Scheytt: Wir rechnen mit dem Besuch einer siebenköpfigen EU-Jury im März 2006. Inzwischen stehen auch die Namen von vier Jury-Mitgliedern fest.

Werden Sie etwa versuchen, diese Damen und Herren zu beeinflussen?

Scheytt: Nein, nein! Aber wir informieren uns natürlich genau über ihre kulturellen Vorlieben.

Und was geschieht, wenn Görlitz gewinnen sollte?

Scheytt: Allein unsere Bewerbung ist bereits ein Erfolgsprojekt fürs ganze Ruhrgebiet, sie wirkt wie ein großer Durchlauferhitzer. Die Städte agieren schon jetzt immer mehr gemeinsam. Das wird bleiben und weiter wirken.

_________________________________________________

Zur Person

Oliver Scheytt: Ein Mann mit vielen Ämtern

• Oliver Scheytt wurde 1958 in Köln geboren.

• Er hat Musik (Fach Klavier an der Essener Folkwang-Hochschule) sowie Jura studiert und ist promovierter Jurist. Seine Dissertation schrieb er über Musikschulrecht.

• Von 1986 bis 1993 war Scheytt in verschiedenen Funktionen für den Deutschen Städtetag tätig.

• Seit 1993 ist er Kulturdezernent der Stadt Essens und als solcher auch für Bildung zuständig.

• Seit 1997 ist er zudem Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, seit 1998 sitzt er im Vorstand des Kulturforums der Sozialdemokratie.




Kulturfachmann mit Hausmacht – Norbert Lammert in Merkels CDU-„Kompetenzteam“

Von Bernd Berke

Berlin/Bochum. Zunächst einmal ist es ein Signal: Dass die CDU-Chefin Angela Merkel gestern Norbert Lammert (56) als Kulturfachmann für ihr „Kompetenzteam“ benannt hat, bedeutet eben, dass die Christdemokraten das Themenfeld nicht vergessen haben.

Im Wahlprogramm hatte sich die CDU in Sachen Kultur deutlich kürzer gefasst als die anderen Parteien. Umso freudiger reagierte gestern der Deutsche Kulturrat auf die Nominierung Lammerts. Der dämpfte freilich gleich die Erwartungen: „Mehr Geld für Kunst und Kultur ist zwar wünschenswert, angesichts der dringend notwendigen Konsolidierung aber nicht seriös zu versprechen“, sagte Lammert gestern. Man müsse die Ausgaben anders gewichten als die bisherige Regierung – und zum Beispiel die Goethe-Institute stärken.

Was nach der Wahl geschieht, ist allerdings völlig offen: Ob Lammert einem etwaigen CDU-geführten Kabinett angehören wird und in welcher Funktion, das muss sich erst zeigen. Der Mann ist immerhin Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Vielleicht hat er ja Ambitionen auf die Präsidentschaft.

Als „Luftbuchung“ wird man Norbert Lammert bestimmt nicht bezeichnen können. Der in Bochum geborene, promovierte Sozialwissenschaftler hat sich immer wieder in kulturellen Debatten kundig zu Wort gemeldet, beispielsweise in Sachen Föderalismus (Kultur als Aufgäbe der Länder und/oder des Bundes?) oder Förderung der Hauptstadtkultur.

Lammert gilt mit seinem Einstieg ins Merkel-Team immerhin als Anwärter auf das eventuelle Amt eines Kulturstaatsministers. Er selbst ist auch der Gründung eines Kulturministeriums mit Kabinettsrang nicht abgeneigt. Ob es dazu kommen wird, steht aber noch dahin.

Falls Lammert einen solchen Posten bekommen sollte, könnte er – anders als seine Vorgänger – einen Trumpf ausspielen: Er verfügt über eine veritable „Hausmacht“ in seiner Partei, ist er doch seit 1996 Vorsitzender der einflussreichen CDU-Landesgruppe NRW im Bundestag. Als früherer Parlamentarischer Staatssekretär in diversen Ministerien (Bildung, Wirtschaft, Verkehr) kennt er zudem das politische Tagesgeschäft. Eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit darf man ihm sicherlich zutrauen.

Lammert wurde am 16. November 1948 in Bochum geboren und studierte ab 1969 an der Bochumer Ruhr-Universität sowie in Oxford. Schon seit 1966 ist er Mitglied der CDU. Der Vater von vier Kindern nennt auf seiner persönlichen Internet-Seite „Musik, Fußball, Literatur“ als liebste Interessengebiete. Ohne den Schlenker zum runden Leder geht’s halt im Ruhrgebiet nicht.

Das Pendlerdasein zwischen der Hauptstadt Berlin und seinem Bochumer Wahlkreis scheint Lammert zu gefallen. Zitat von seiner Homepage: „Inzwischen fühle ich mich auch in Berlin zu Hause und genieße den Wechsel zwischen den beiden schönsten deutschen Städten.“ Offenbar ein Mann mit Humor.

 




Ein Fachmann für die Kultur – Grosse-Brockhoff als NRW-Staatssekretär

Von Bernd Berke

Wenn einem Kultur am Herzen liegt, so vernimmt man die Nachrichten aus Düsseldorf mit gemischten Gefühlen: Mit dem bisherigen Düsseldorfer Kulturdezernenten Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff ist eine gewichtige Persönlichkeit für kulturelle Belange in der NRW-Landesregierung gewonnen worden. So weit, so verheißungsvoll.

Dass der Mann keinen Ministerrang einnimmt, sondern beim neuen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers in der Staatskanzlei angesiedelt wird, zeugt allerdings von Halbherzigkeit. Was hat dagegen gesprochen, die Kultur endlich wieder als eigenständiges Ressort zu etablieren?

Unter der rot-grünen Vorläufer-Regierung war Kultur in einen Gemischtwarenladen einsortiert. Michael Vesper war für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport zuständig. In solcher Gemengelage hängt eben vieles von den Personen ab. Vesper hat sich durchaus achtbar und zunehmend sachkundig um die Kultur gekümmert.

Mehr privates Geld nötig

Dieser persönliche Aspekt lässt aber auch für die Zukunft hoffen, denn Grosse-Brockhoff (55) ist ein erfahrener Mann vom Fach. Schon ab 1981 war er Kulturdezernent in Neuss, seit 1992 versieht er dieses Amt mit einiger Fortune in Düsseldorf. Die dortige Museumslandschaft etwa kann sich wahrlich sehen lassen, und auch das Theater steht recht ordentlich da.

Sparzwänge gibt’s wie überall im Lande, und so hat GrosseBrockhoff sich frühzeitig mit neuen Modellen der so genannten Public-Private-Partnership befasst, sprich: Er hat Chancen ausgelotet, wie Kulturinstitute mit der Wirtschaft kooperieren können. Die von Grosse-Brockhoff eingeleitete Zusammenarbeit des eon-Konzerns mit dem Düsseldorfer Museum kunstpalast gilt hier – bei aller möglichen Kritik im Detail – als wegweisend.

Verfahren, die mehr privates Geld in den kulturellen Bereich lenken sollen, spielen auch in der Koalitionsvereinbarung zwischen CDU und FDP eine besondere Rolle. Kein Wunder: CDU-Mitglied Grosse-Brockhoff hat im Vorfeld der Landtagswahlen an der kulturpolitischen Positionsbestimmung seiner Partei entscheidend mitgewirkt.

Nur zwei Seiten im Koalitionspapier

Dass Kultur im Koalitionspapier von CDU und FDP nur rund zwei von 60 Seiten einnimmt, ist jedoch enttäuschend. Ein neues, sponsorenfreundliches Stiftungsrecht wird da ebenso in Aussicht gestellt wie die (vor den Wahlen versprochene) mittelfristige Verdoppelung des Landes-Kulturhaushaltes, der bislang nur 0,27 Prozent des gesamten Etats ausmacht. Ausdrücklich stellen sich CDU und FDP hinter die Bewerbung des Ruhrgebiets um die „Kulturhauptstadt 2010″ und erwähnen RuhrTriennale, Klavierfestival Rühr sowie Ruhrfestspiele als „Leuchttürme“.

Manchen Rheinländer hat diese nachdrückliche Betonung des Reviers bereits misstrauisch gemacht. Gelten Köln und Düsseldorf denn gar nichts mehr? Eine absurde Frage, zumal sich jetzt der bisherige Düsseldorfer Dezernent der Sache annimmt. Anlass zur Sorge gibt allerdings die Tatsache, dass regionale Kulturpolitik ansonsten im Koalitionspapier nicht vorkommt.




Zehn Städte wollen ins große Finale – Vorentscheid um die Europäische Kulturhauptstadt

Von Bernd Berke

Die Spannung wächst: Welche zwei bis vier Bewerber um die Europäische Kulturhauptstadt 2010 wird die Jury ins Finale lassen? Seit gestern tagt die Kultusministerkonferenz in Berlin, hier soll heute das Votum verkündet werden. Die WR hat nachgeschaut, wie die zehn Kandidaten ihre Vorzüge im Internet darstellen. Verschiedene Gewichtungen fallen auf.

Fast alle Kommunen führen nicht nur ihre kulturellen Schätze, sondern auch ihr wissenschaftliches oder wirtschaftliches Potenzial ins Feld. Sie hegen vielfach die Hoffnung auf Geldsegen und neue Arbeitsplätze, falls sie das Rennen gewinnen. Zuerst aber muss investiert werden. Wir bleiben neutral und gehen streng alphabetisch vor:

Braunschweig bezieht bewusst die Region mit ein, darunter Wolfsburg mit dem Kunstmuseum und VW als Sponsor. Die Stadt rühmt sich ihrer Baudenkmäler, will zudem ihr (1960 abgerissenes) Residenzschloss neu errichten. Die Kunstakademie, das Festival „Theaterformen“ und Forschungsstätten gelten als Pluspunkte.

Bremen kann gewachsene Kultureinrichtungen vorweisen. Man empfiehlt sich außerdem mit dem bereits errungenen Titel „Stadt der Wissenschaft“, nennt Rathaus und Roland als Weltkulturerbe und plant eine weitläufige „Neuerfindung der Stadt“, sozusagen im kulturell geleiteten Laborversuch.

Historisches Erbe ist nicht alles

Essen hat im Gegensatz zu vielen Mitbewerbern keine historische Silhouette. Es ist folgerichtig, dass man sagt: Wir haben unsere Kultur nicht geerbt, sondern sie uns erarbeitet. Aalto-Oper, Philharmonie, Folkwang-Museum und Zeche Zollverein sind Flaggschiffe, Industriekultur und Einbeziehung der Migranten setzen spezielle Akzente. Die anderen Revierstädte (Ausnahme Bochum) gehen den Weg offenbar noch nicht so recht mit. Das mag sich ändern, falls Essen in die Endrunde kommt.

Görlitz ist mit 60 000 Einwohncni die kleinste Bewerberstadt, preist sich aber selbstbewusst als schönste Gemeinde Deutschlands an. Schwerpunkt ist der Brückenschlag in die polnische Nachbarkommune Zgorzelec. Dies soll der EU in Brüssel, wo 2006 die endgültige Entscheidung fallen wird, als „europäische Vision“ einleuchten.

Halle will die Neugestaltung einer Stadt, die sich in einem Schrumpfungsprozess befindet, beispielhaft vorführen. Garten-Landschaften sollen wachsen, Plattenbauten menschenwürdig umgebaut werden. Kunst soll vor allem den Flusslauf der Saale zieren.

Karlsruhe wirbt für sich als Standort der Medienkunst, vor allem aber als Sitz desBundesverfassungsgerichts und somit Stadt des Rechts. Ob diese Setzung eine kulturell orientierte Jury überzeugt, wird sich zeigen.

Kassel stellt die alle fünf Jahre hier zelebrierte Weltkunstschau documenta insZentrum (deren Konzept man „weiterdenken“ will) und möchte Dialoge der Religionen stiften. Von Migrations-Themen bis zu den Gebrüdern Grimm reicht das durchdachte Spektrum der Projekte.

Lübeck beruft sich aufs schmucke Stadtbild sowie auf „seine“ Nobelpreisträger Thomas Mann, Willy Brandt und Günter Grass. Zudem will man den Ostseeraum bis zum Baltikum ins Bewusstsein riicken. Auch hier eine weite (ost)europäische Perspektive.

Potsdam kommt gar nicht umhin, mit Schloss und Parkanlagen zu prunken. Auch die Nähe Berlins wird in die Waagschale gelegt.

Regensburg, das Spott mit Christoph Schlingensiefs Anti-Werbung und einer Brezel-Abwurfakttion auf sich zog, wirbt liebenswert bescheiden, u. d. mit Studententheater und Altstadt-Szene.

 

 

Keine leichte Aufgabe für die Jury! Bleibt zu hoffen, dass auch die ausgeschiedenen Städte ihre einmal gefassten Ideen vorantreiben werden.




Die Suchmaschine bringt es an den Tag: Durch ein paar Mausklicks kulturelle Streitfragen klären

Von Bernd Berke

Ganz entspannt im Hier und Jetzt wollen wir mal ein paar uralte Kultur-Streitfragen klären. Internet-Suchmaschinen wie etwa Google machen’s möglich. Man gibt den Namen in die Suchmaske ein, und schon weiß man, wie oft er im Netz vorkommt.

Frage eins, von ergrauten Rockfans seit Jahrzehnten diskutiert: Wer ist bedeutender, die Beatles oder die Stones? Also, bitte sehr, kein Problem, das haben wir gleich: Die „Fab Four“ sind mit imponierenden 10,1 Millionen Internet-Fundstellen verzeichnet, die Rolling Stones gerade mal mit der Hälfte: 5,12 Millionen. Und das, obwohl die englische Wort-Kombination für „rollende Steine“ auch anderweitig vorkommen könnte, so vielleicht auf alpinistischen Seiten. Egal. Die Entscheidung ist gefallen.

Zusätzliche Labsal für Beatles-Anhänger: In der Einzelwertung liegt John Lennon (2,1 Mio.) auch noch deutlich vor Mick Jagger (535 000). Yeah, yeah, yeah!

Mozart liegt nur knapp vor Beethoven

Erheblich knapper wird es schon im Bereich der klassischen Musik. Mozart ist in den Weiten und Tiefen des Netzes 6,83 Millionen Mal zu finden, Beethoven kommt auf 5,68 Millionen. Pech. Da hat ihm – bei allem Respekt – auch sein „Ta-ta-ta-taaa“ nichts genützt.

Beim Klicken wachsen (je nach Neigung) das sportliche Vergnügen oder die Lust an der Lotterie (obwohl es hier keinen Jackpot gibt). Also schnell weiter mit zwei Malern: Rembrandt (2,05 Mio.) triumphiert über Michelangelo (1,88 Mio.). Ha! Picasso haben wir übrigens bewusst ausgelassen, denn da kriegen wir alle einschlägigen Parfümsorten oder Automodelle mit auf die Rechnung.

Und wie sieht es bei den großen Dichtern aus? Nun, hier heißt der Champion zweifellos Shakespeare: Schier unglaubliche 12,6 Millionen Nennungen entfallen auf seinen wahrlich berühmten Nachnamen. Dante (5,31 Millionen) und Goethe (3,81Mio.) wirken damit verglichen wie Newcomer.

Apropos neu, und hier wird’s erstaunlich: Bei den deutschen Schauspielern ist der Jungspund Daniel Brühl (236 000) dem Haudegen Götz George (246 000) bereits ganz dicht auf den Fernsen. Wie das wohl zustande kommt? Vielleicht hat die gar nicht so unfehlbare Suchmaschine ja den Stadtnamen Brühl (bei Köln) gelegentlich mitgezählt.mitgezählt, wenn denn auch irgend ein Herr namens Daniel auf der jeweiligen Homepage erscheint.

Wenn Thomas Mann gegen Brecht antritt

Auch kulturhistorische Konfrontationen lassen sich auf diese rabiate Weise nachbereiten. Bert Brecht und Thomas Mann mochten einander bekanntlich nie leiden. Den Ziffernsieg über den Edel-Proletarier trägt nun der großbürgerliche Mann davon: 4,82 Millionen (wobei vielleicht einige Zeitgenossen denselben, wohl nicht gar so seltenen Namen tragen).

Bertolt Brecht kommt unterdessen auf schlappe 640 000. Selbst wenn man die Lesart Bert Brecht (119 000) und die (oft verwendete, aber falsche!) Schreibweise Bertold Brecht (141 000) mitzählt, reicht es hinten und vorne nicht.

Muss man wirklich eigens betonen, dass dieses Verfahren völlig kulturfern, ja geradezu barbarisch ist? Und dass die genannten Zahlen schon heute nicht mehr genau stimmen, weil das Internet sich als höchst veränderlicher „Organismus“ erweist? Muss man nicht, oder? Schließlich entscheidet in kulturellen Fragen nicht allein die „Quote“.

Aber Spaß hat’s eben doch gemacht. Und nun schauen wir uns mal eben die 12,6 Millionen Shakespeare-Fundstellen genauer an. Tschüs denn, bis in ungefähr 500 Jahren…




Was ist uns die Kultur noch wert? – eine dringliche Frage anlässlich der finanziellen Streitfälle in Dortmund und Hagen

Von Bernd Berke

Man stelle sich vor: Es ist kurz nach 20 Uhr, die Geschäfte haben nun allesamt geschlossen. Wer sorgt dafür, dass die Bürgersteige nicht gleich ganz „hochgeklappt“ werden, dass die Stadt nicht menschenleer und öde daliegt?

Gewiss: Gaststätten, Discos und wohl auch manches schummrige Etablissement. Nun ja. Doch vor allem Opern, Sprechtheater, Kinos, Konzerte oder Lesungen bringen lebhaften abendlichen Betrieb mit sich – und Museen, sofern sie gelegentlich Öffnungszeiten zu späterer Stunde anbieten, wie in echten Metropolen üblich.

In der seit Jahren laufenden Kosten-Debatte. die sich angesichts kommunaler Haushaltsnöte zuspitzt, drängt sich die Frage auf: Wozu brauchen wir Kultur, warum sollten wir sie uns auch „in Zeiten knapper Kassen“ (so die gängige Formel) leisten? Ein Thema mit vielen Aspekten und Emotionen.

Zwei gewichtige Streitfälle in unserer Region erhitzen die Gemüter und füllen Leserbriefspalten: Das Dortmunder Konzerthaus macht abermals erhöhten Zuschussbedarf geltend (morgen Thema im Stadtrat), und das für Hagen geplante Emil Schumacher-Museum droht(e) an Finanzfragen zu scheitern.

Damit die Städte lebendig bleiben

In beiden Städten spielen zwar auch politische und menschliche Klimafragen ihre Rolle doch letztlich geht’s ums Geld. Manche, die schnell fertig sind mit dem Wort, behaupten kurzum, Kindergärten oder Schwimmbäder seien wichtiger als Kultur. Es ist läppisch leicht und irrwitzig, dies gegeneinander auszuspielen. Eins wie das andere gehört zur menschlichen „Daseinsvorsorge“, wie (nicht nur) der Deutsche Kulturrat unermüdlich betont.

Das eingangs skizzierte Szenario lässt es ahnen: Wir brauchen Kultur nicht nur, um uns unseres Herkommens, unserer Werte und Aussichten zu vergewissern. Kulturgenuss gibt’s auch daheim (mit Buch oder CD), vor allem aber belebt er unmittelbar die Städte. Zudem profitieren Wirtschaftszweige davon, so etwa Gastronomie oder Hotels; ganz zu schweigen von der eigentlichen Kulturwirtschaft mit Verlagen, Galerien, Kinos, an denen etliche Arbeitsplätze hängen.

Die Sache mit den „Subventionen“

Wer wollte bestreiten, dass das vor einigen Jahren noch recht finstere Dortmunder Brückstraßen-Viertel durchs Konzerthaus erheblich vitaler und urbaner geworden ist? Davon hat beileibe nicht nur das „gehobene Bürgertum“ etwas.

Zunächst einmal ist es zweitrangig, ob öffentlich finanzierte Häuser, private Einrichtungen oder die „Freie Szene“ das Lebensgefühl steigern. Auch sind Sponsoren, denen es um die Sache geht, jederzeit willkommen. Bei ambitionierten Programmen geht es allerdings kaum ohne öffentliche „Subventionen“. Jedoch: Was gestern noch sperrig schien, ist morgen schon fast Allgemeingut. Kultur bedeutet somit auch Zukunft.

Nicht von ungefähr steht der Begriff „Subventionen“ hier in Anführungsstrichen. Denn eigentlich sind Kulturausgaben Investitionen – längst nicht nur, aber auch im wirtschaftlichen Sinn. Öffentliche Mittel sorgen dafür, dass Eintrittskarten nicht noch teurer werden. Je preiswerter die Tickets, desto breiter die möglichen Zielgruppen. Und am oberen Ende der Gehaltsskala? Nun, unsere Firmen brauchen gute Manager. Die arbeiten meist ungern in Städten, welche kulturell wenig bieten.

Pflichtaufgabe und Staatsziel

Mit landläufige „Schnäppchenjäger-Mentalität“ ist auf kulturellem Felde nichts zu bestellen. Geiz ist gar nicht geil. Umsichtige Sparsamkeit aber schon. Denn natürlich haben auch die Kulturschaffenden eine gewisse Bringschuld: Selbstgefällig gleißende, sündhaft teure Inszenierungen wirken in Zeiten, da manche auf manches verzichten müssen, mitunter obszön. Auch jene eitlen Regisseure, die mit ihrer Weltverachtung Zuschauer vertreiben, sind keine idealen Sendboten der Ästhetik.

Gern schmückt sich der Staat mit etablierter Kultur vom Beethoven-Quartett zur Feierstunde bis zum Kunstwerk in der Amtsstube. Der vormalige Bundespräsident Johannes Rau ist mit sie eben nicht ohne einige Schritte weiter gegangen, und Kulturstaatsministerin kann Christina Weiss ist ihm darin gefolgt: Wir reden von der Forderung, Kultur zur Pflichtaufgabe zu erklären, sie als Staatsziel in den Verfassungen zu verankern – damit sie eben nicht ohne weiteres weggespart werden kann.

Vielleicht lässt sich dies derzeit nicht politisch durchsetzen, doch als Denkimpuls sollte es fruchten. Wann wird man dazu ein paar klare Worte von unserem jetzigen Staatsoberhaupt Horst Köhler hören?




Kulturhauptstadt 2010: Essen tritt offiziell an – Ruhrgebiet soll jetzt an einem Strang ziehen

Von Bernd Berke

Essen/Bochum. Eigentlich ging es „nur“ darum, welche Stadt mit ihrem Briefkopf für die Revier-Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt 2010 einsteht. Dennoch lagen die Nerven der beiden Kulturdezernenten Oliver Scheytt (Essen) und Hans-Georg Küppers (Bochum) gestern ziemlich blank, als die KVR-Verbandsversammlung zur Abstimmung schritt.

Noch bevor das Resultat verkündet wurde, sah man dem Mienen- und Gebärdenspiel der „Kontrahenten“ an, wie die Sache ausgegangen war. Küppers blickte ein wenig betrübt drein und nahm tiefe Trost-Züge aus seiner Zigarette, Scheytt hingegen schwoll an vor Stolz. „Natürlich bin ich ein bisschen enttäuscht“, bekannte Küppers später: „Aber jetzt ziehen wir den Karren gemeinsam.“ Oh, friedliche Kultur! Wenn etwa Schalke die Dortmunder Borussen schlägt, gibt es danach weitaus weniger verbalen Schmusekurs.

Bochum unterlag nur knapp

Essen (z. B. mit Weltkulturerbe Zollverein, Aalto-Oper und Folkwang Museum) hat also Bochum (Schauspielhaus, Jahrhunderthalle usw.) in der Vollversammlung des Kommunalverbandes Ruhrgebiet (KVR) mit 23 zu 20 Stimmen bei einer Enthaltung knapp distanziert. Bei einem Patt wäre gelost worden.

Ganz gleich, wie das Ergebnis zustande gekommen ist (Gerüchte wollten sogar von telefonischer Einflussnahme im Vorfeld wissen): Nun möchten beide Städte, möglichst im Verbund mit dem gesamten Ruhrgebiet, an einem Strang ziehen. Zunächst gilt es, die weiteren NRW-Bewerber Köln, Münster sowie den Kreis Lippe (um Detmold) auf die Plätze zu verweisen.

Insgesamt noch 16 deutsche Kandidaten im Rennen

So geht’s jetzt weiter: Bis zum 30. Juni wird die NRW-Landesregierung, beraten von einem hochkarätigen Fachgremium, ihre Entscheidung über den Bewerber aus dem Lande fällen. Dann führt der Weg politisch weiter bergauf: Das Bundesaußenministerium ist am Zuge, es bereitet die Entscheidung des Bundesrates vor. Ist klar, welche Stadt (oder Region) deutschlandweit den Vorzug genießt, so wird der Europäische Rat der EU wohl Ende 2005 darüber befinden. Fest steht jedenfalls: 2010 ist Deutschland mit einer Kulturhauptstadt an der Reihe. Insgesamt sind derzeit noch 16 Kandidaten auf dem Parcours – von Bremen und Lübeck bis Augsburg und Potsdam. Harte Konkurrenz.

Kosten-Horizont von 48 Millionen Euro

Beim Kommunalverband Ruhrgebiet (ab 1. Oktober 2004: RVR = Regionalverband Ruhr) wertet man die gestrige Abstimmung als „historisch“. Verbandspräsident Gerd Willamowski versprach, im Erfolgsfalle werde nicht nur Essen profitieren: „Die gesamte Region wird Spielfeld der Kulturhauptstadt sein.“

Willamowski betonte, dass eine Ernennung zur Kulturhauptstadt „ein riesiges Stadtentwicklungsprojekt“ bedeute – fast so wie (dem Revier entgangene) Olympische Spiele. Essen müsste, wenn es die Palme fürs Revier erringt, für die Jahre 2007 bis 2010 eigens insgesamt 6 Millionen Büro bereitstellen. Dezernent Oliver Scheytt hält dies für machbar. Hinzu kämen rund 12 Mio. Euro vom Regionalverband, (vielleicht) ebenfalls 12 Mio. Euro vom Land, 8 Mio. Euro vom Bund und 1 Mio. Euro aus EU-Töpfen. Macht 39 Mio. Euro. Da das gesamte Projekt auf 48 Millionen taxiert wird, sollen Sponsoren etwa 9 Mio. Euro aufbringen.

______________________________________

Kommentar

Ein neues Ziel

Eitel Zuversicht herrschte gestern in Essen, weil die Kommune als „Bannerträger“ (so die Sprachregelung) für die Revier-Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2010 gewählt wurde. Von den wahrlich zahlreichen und gewichtigen Kandidaten aus anderen Landstrichen war da nur noch am Rande die Rede. Das Revier, so schien es, fasst überaus selbstbewusst ein neues, ein europäisches Ziel ins Auge. Salopp gesagt: Olympia war vorgestern, jetzt lautet die Parole eben: „Kulturhauptstadt“! Man darf sich auf spannende Debatten und eine hoffentlich faire Konkurrenz freuen.

Indem die Versammlung des Kommunalverbands Rühr (KVR) die Wahlentscheidung traf, bekam das Geschehen tatsächlich einen überörtlichen, regionalen Anstrich. Doch wir wollen nicht gleich wieder von der ominösen „Ruhrstadt“ sprechen.

Heikle Frage der Finanzierung

Es ist noch nicht heraus, wie sehr sich die anderen Gemeinden des Ruhrgebiets für die Bewerbung ins Zeug legen werden. Mit immerhin 12 Millionen Euro will der Kommunalverband (und künftige Regionalverband Ruhr) die Stadt Essen unterstützen, sollte sie sich denn bundesweit durchsetzen. Heikel wird es, wenn’s um das bei den Kommunen so knapp vorhandene Geld geht. Per Verbands-Umlage müssten auch jene Mitglieds-Städte besagte Summe mitfinanzieren, die vielleicht gar nicht viel vom Ertrag spüren würden.

Gibt es etwa „Spielverderber“?

Wenn KVR-Verbandsdirektor Gerd Willamowski schon jetzt verspricht, das gesamte Revier werde „Spielfläche“ der Kulturhauptstadt sein, so richtet sich der darin verborgene Appell weniger an die kleineren Revierstädte, sondern vorwiegend an Dortmund und Duisburg, die sich von Essen (und Bochum) ein wenig an den Rand gedrängt fühlen könnten. Hier wie dort glaubt man beim KVR noch vornehme Zurückhaltung zu spüren, was die Bewerbung angeht. Sollte es sich da etwa um „Spielverderber“ handeln?

Wohl kaum. Doch man wird aus Dortmunder, Hagener oder Duisburger Sicht gewiss fragen und sorgsam prüfen dürfen, ob die Veranstaltung die in Aussicht gestellte regionale Breitenwirkung entfaltet. In diesem Sinne: Glückwünsche nach Essen, Daumendrücken fürs Revier. Fürs ganze Revier.

                                                                                                                       Bernd Berke

 

 




Wenn der Schmerz nachlässt

Weihnachten ist bekanntlich ein Fest der frohen Botschaft, manchmal nicht nur im religiösen Sinne. Achtung, scharfkantige Überleitung: Auch NRW-Kulturminister Michael Vesper hat in den letzten Tagen und Wochen halbwegs frohe Kunde verbreitet.

Von exorbitanten, Existenz gefährdenden Kürzungen im Kulturbereich war anfangs die Rede. Überall ertönten Alarmrufe. Doch nach und nach stellte sich heraus, dass es allenthalben glimpflicher ausgehen wird. So bleiben die beiden NRW-Kultursekretariate (trotz finanzieller Opfer) nach eigenem Bekundem weiterhin „arbeitsfähig“.

Auch die Literaturbüros im Lande sehen sich vorerst auf ähnliche Weise gerettet. Und jüngst schrieb sogar (wie berichtet) Ministerpräsident Peer Steinbrück an Sebastian Heindrichs, den Intendanten des Westfälischen Landestheaters (WLT) in Castrop-Rauxel. Tenor: Es stünden Kürzungen bevor, doch die würden nicht gar so schlimm ausfallen wie ursprünglich befürchtet.

Schön, wenn der Schmerz auf diese Art etwas nachlässt Und man muss das faktische Vorgehen bewundern: Erst die fürchterlichen Instrumente zeigen, dann mit leichterem Besteck operieren Erst den ganz großen Hammer vorweisen, dann mit dem kleineren Klopfen. Anschließend sind alle dankbar für die (relativ) frohe Botschaft. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

Bernd Berke




Kultur muss jetzt Opfer bringen – Gespräch mit dem NRW-Minister Michael Vesper

Von Bernd Berke

Dortmund/Düsseldorf. In Krisenzeiten ist die Solidarität der Kulturschaffenden gefragt – quer über die Sparten hinweg, doch auch im jeweils eigenen Metier. Daran wird wohl NRW-Kulturminister Michael Vesper (Grüne) erinnern, wenn er sich am kommenden Samstag mit den Intendanten des Landes trifft.

Er will sie bewegen, ihr lieb gewordenes NRW-Theatertreffen aufzugeben, um durch diesen Verzicht den vier Landestheatern zu helfen. Das verriet der Minister der Westfälischen Rundschau (WR) am Telefon.

Verzicht auf Theatertreffen zugunsten der Landesbühnen?

Immerhin rund 120.000 Euro an Landeszuschüssen ließen sich einsparen, wenn jene alljährliche Leistungsschau der NRW-Bühnen entfiele, die viele Kritiker ohnehin für überflüssig halten. Mit dem so eingesparten Geld ließen sich die geplanten Kürzungen bei den vier Landestheatern (WLT in CastropRauxel, Detmold, Dinslaken und Neuss) ein wenig mildem.

Zur Zeit bekommen die vier Bühnen zusammen 13,8 Mio. Euro Landeszuschüsse, ab 2004 sollen es nur noch 12,0 Mio. Euro sein. Dabei müsste das WLT am meisten abspecken, denn es habe, so Vesper, bislang den höchsten Landesanteil (über 60 Prozent) am Gesamtetat – oder so herum betrachtet: Castrop-Rauxel steuert weniger bei als die anderen Gemeinden.

Sparzwänge in allen Bereichen

Vesper, von Amts wegen auch zuständig für Wohnen, Städtebau und Sport, sagte, ihm blute bisweilen das Herz, wenn er an all die nötigen Kürzungen denke. Doch bislang sei der Kulturbereich weitgehend verschont geblieben. Nun müssten Opfer gebracht werden. Auch der Zuschuss zur RuhrTriennale werde ja von 42 Mio. auf 38 Mio. Euro reduziert.

Kein Bereich werde von vornherein finanziell „auf Null gestellt“, aber die Beweislast, ob eine Ausgabe nötig ist, liege jetzt bei den kulturellen Institutionen. Jeder Anspruch müsse neu begründet werden. Vesper: „Das ist doch besser, als wenn wir mit dem Rasenmäher kürzen.“

Einschnitte auch bei Kultursekretariaten und Literaturbüros

Einschnitte drohen z. B. auch den Kultursekretariaten in Wuppertal und Gütersloh (nur noch 1,0 statt 1,5 Mio. Euro Zuschuss) sowie den fünf Literaturbüros, von denen eines in Unna angesiedelt ist. Alternative: Entweder bekommen alle fünf Büros nur noch je 80 Prozent ihres bisherigen Zuschusses, oder es wird ein Haus geschlossen (Vespers Formulierung: „…an ein anderes angegliedert“) – und die restlichen könnten vorerst mit ihrem gewohnten Etat wirtschaften. Vesper lobt in diesem Zusammenhang das Literaturbüro in Detmold: „Die haben landesweit die besten Projekte.“ Dieser Standort dürfte also ungefährdet sein.

Vom Schlimmsten verschont bleiben laut Vesper einstweilen die kommunalen Bühnen, die im Schnitt unter 5 Prozent ihrer Etats aus Landesmitteln bestreiten. Der Politiker sieht sie zudem durch das Gemeindefinanzierungsgesetz (GFG) abgesichert.

Kultur macht nicht einmal 1 Prozent des Landeshaushalts aus

Und was sagt Vesper zu bisherigen Reaktionen auf seinen Sparkurs? Nur die oft branchenübliche Alarmstimmung? Der Minister: „Da differenziere ich.“ Die Sorgen des WLT verstehe er sehr gut, manches werde noch in Gesprächen zu klären sein, wie er denn überhaupt mit allen Betroffenen reden wolle. Doch wenn der Deutsche Kulturrat vom „Todesurteil“ für manche Einrichtung spreche, so sei schon die Wortwahl geschmacklos.

Insgesamt, das weiß natürlich auch Michael Vesper, kann der NRW-Landeshaushalt nicht durch kulturelle Einsparungen genesen – und seien sie noch so rigide. Der Kulturbereich macht nicht einmal 1 Prozent des ganzen Landesetats aus.

Näheres wird man erfahren, wenn am 12. November der Doppelhaushalt 2004/05 in den Landtag eingebracht wird. Ende Januar 2004 soll das Paket verabschiedet werden. Dann werden die ganz harten Verhandlungen auf dem Kultursektor beginnen. Vesper: „Ich habe jetzt immer einen Taschenrechner dabei.




Staunenswerte Fülle – das Revier im Zeichen der Kultur

Von Bernd Berke

Der alte, eigentlich etwas abgegriffene Slogan „Ruhrgebiet – Kulturgebiet“ hat sich am Wochenende mit ungeahntem Leben erfüllt. Fast kann man schon von Angebots-Überfülle sprechen.

Die Ruhrtriennale hat begonnen, Zehntausende waren bei der „Nacht der Industriekultur“ im ganzen Revier unterwegs, die Essener Zeche Zollverein wurde offiziell zum Weltkulturerbe erklärt. Und „ganz nebenbei“ eröffnete in der Essener Villa Hügel die fulminante Schau mit Barock-Stillleben.

In wenigen Tagen wird zudem Dortmund kulturell im Blickpunkt der Republik stehen, wenn vom 13. bis 15. September das Konzerthaus feierlich eingeweiht wird.

Da verblassen sogar Berlin und München

Derlei weithin ausstrahlende Aktivitäten haben nun auch die überregionale Presse von dern Qualitäten der Regio zwischen Dortmund, Hagen und Duisburg überzeugt. In der „Süddeutschen Zeitung“ erschien ein umfänglicher Artikel, der die Triennale und das Konzerthaus mit höchsten (Vorschuss)-Lorbeeren bedachte. Eine solche Philharmonie wie Dortmund, so klagte das Blatt, habe München nicht zu bieten. Auch die Tatsache, dass bei den Berliner Philharmonikern Simon Rattle als neuer Chefdirigent anfängt, werde neben Dortmunds neuem Haus verblassen.

Wer wollte auch direkt nach diesem prallen Revierkultur-Wochenende ins Mäkeln verfallen? Freuen wir uns erst einmal über Vielfalt ,und Lebendigkeit dieser Tage.

Die täglichen „Mühen der Ebene“

Beizeiten allerdings, wenn der Kartenverkauf der Ruhrtriennale nicht noch Höhenflüge erleben sollte, wird auch über das Verhältnis von Aufwand und Ertrag zu reden sein. Schlimmstenfalls wird die NRW-Landesregierung eine gewisse Standfestigkeit brauchen, um weiterhin die hohen Festival-Zuschüsse zu rechtfertigen. Hoffen wir, dass die Triennale nur den richtigen Anschub braucht, dann zum „Selbstläufer“ wird – und die bestehenden Bühnen zu ehrgeizigen Taten beflügelt.

Bei allem Regionalstolz muss zudem an die täglichen „Mühen der Ebene“ erinnert werden: an die oft missliche Lage der städtischen Theater. In Wuppertal herrscht ein rigider Sparkurs, in Dortmund drohen eines Tages vielleicht ebenfalls herbe Einschnitte. Kultur ist eben eine Daueraufgabe, nicht nur der Glanz einiger Wochenenden.

 




„Mit Klassik allein kann man kaum Geld verdienen“ – Gespräch mit dem Dortmunder Konzerthaus-Chef Ulrich Andreas Vogt

Ulrich Andreas Vogt (50) wirkt ein wenig gestresst. Er hat wieder mit dem Rauchen angefangen. Für den Intendanten des Dortmunder Konzerthauses, das vom 13. bis 15. September feierlich eröffnet und dann manchen musikalischen Weltstar hierher führen wird, ist jetzt die ganz heiße Arbeitsphase angebrochen.

Westfälische Rundschau (WR): Wie sieht ihr Pensum im Endspurt vor der Eröffnung aus?

Ulrich Andreas Vogt: Gestern war ich um kurz nach fünf Uhr morgens im Haus, und spät abends nach elf habe ich es verlassen. Das Protokoll für die Eröffnung, für den Besuch des Bundespräsidenten steht auf der Tagesordnung. Dann die Baustelle; die Planungen für die nächste und übernächste Saison…

WR: Ihre Gemütslage?

Vogt: Aufgeregt natürlich. Meist kommt man ja auch gar nicht dazu, sich Gedanken über sich selbst zu machen. Man hangelt sich von einem Problem zum anderen.

In Westfalen fehlt noch eine richtige Konzertstätte

WR: Wie schätzen Sie die Konkurrenz im Konzertleben ein? Bochum und Essen planen Philharmonien, in Köln gibt es längst eine.

Vogt: Der Kuchen ist nur einmal zu verteilen, aber ich meine: Der Kuchen wurde noch gar nicht richtig gebacken in dieser Region. In Westfalen fehlt bisher ein richtiger Konzertsaal. Wir haben zudem ein anderes Einzugsgebiet als Köln. Bei uns sind es Sauerland, Siegerland, Münsterland, Soester Börde. Der Essener Saalbau ist als Mehrzweckhalle konzipiert. Wir konnten uns auf die Konzert-Akustik konzentrieren.

WR: Und Bochum?

Vogt: Dort wird sich das Problem der Finanzierung stellen. Ich weiß, dass wir in Dortmund einen solchen Ratsbeschluss heute nicht mehr hinkriegen würden.

WR: Im Konzerthaus wird es nicht nur „E-Musik“ geben. Welche Rolle spielen Jazz, Revue, Pop und Musical?

Vogt: Eine große. Inhaltlich wie finanziell. Wir wissen sehr wohl, dass man mit bestimmten Sparten ernster oder klassischer Musik nur sehr schwer Geld verdienen kann. Das müssen wir ausgleichen – mit unserem Roncalli-Programm, mit der Christmas Show. mit Musical-Elementen. Zur Zeit planen wir ein Weltmusik-Projekt mit dem Popsänger Sasha. Das alles ist Kunst. Wir werden keine Schundware verkaufen. Leonard Bernstein hat gesagt: „Es gibt keine E- und U-Musik, es gibt nur gute oder schlechte.“

Siebtgrößte Stadt auf Platz 147 bei den Kulturausgaben

WR: Was halten Sie Kritikern entgegen, die die 94,3 Millionen D-Mark Baukosten fürs Konzerthaus beklagen?

Vogt: Dortmund ist die siebtgrößte Stadt der Bundesrepublik. Bei den Kulturausgaben pro Kopf stehen wir auf Platz 147. Ein Vakuum! Ein Konzerthaus gehört so zur Bildung wie eine Universität. Es reicht nicht aus, nur Schulen und Krankenhäuser zu bauen. Der Umbau des Essener Saalbaus ist erheblich teurer, 140 Millionen Mark. Ich denke immer noch in Mark.

WR: Und die Folgekosten?

Vogt: Auch relativ günstig. Wieder in Mark: Pro Jahr bekommen wir 7,7 Millionen an Subventionen, davon werden 3,9 Millionen für Zinsen und Tilgung verwendet. Es bleiben weniger als 3 Millionen für den Spielbetrieb übrig.

WR: Wie viele Abonnenten haben Sie gewonnen?

Vogt: Wir sind bei 2360, davon 60 Prozent aus dem Umland bis nach Lüdenscheid und Olpe. Auf 3000 wollen wir in dieser ersten Saison noch kommen. Wir streben eine durchschnittliche Platzausnutzung von etwa 78 Prozent an. Kammermusik liegt bei 56 Prozent im Soll, anderes dürfte ausverkauft sein.

Partituren und Bilanzen lesen

WR: Welchen Einfluss wird das Konzerthaus auf das Brückstraßen-Viertel haben?

Vogt: In den nächsten Jahren wird sich das Quartier stark verändern. Aber ganz fein muss es auch wieder nicht werden. Das Flair sollte erhalten bleiben. Kürzlich haben sich 96 Anrainer in einer Anzeige bei uns für die Aufwertung des Viertels bedankt – vom „Kartoffellord“ bis hin zum Sex-Shop…

WR: Sie sind Inhaber einer großen Firma für Gebäudereinigung. Wie lässt sich das mit der Intendanz vereinbaren?

Vogt: Ich bin immer zweigleisig gefahren, ich kann sowohl Partituren als auch Bilanzen lesen. Mit 13 war ich Theater-Statist. Als ich die Firma von meinem Vater übernommen hatte, habe ich an den Wochenenden Gesangs-Unterricht in Paris genommen und war später als Sänger an der Dortmunder Oper engagiert. Irgendwann wurde das zuviel. Jetzt bin ich praktisch aus der Firma ‚raus. Sie gehört mir zwar noch, wird aber von zwei Geschäftsführern geleitet. Das Unternehmen gibt mir jedoch soziale Sicherheit: Ich könnte jederzeit zurückgehen, wenn die Politiker etwas von mir verlangen, was ich künstlerisch nicht vertreten kann.

Konzerthaus-Tickets: 01805/ 44 80 44 oder 0231/22 696 222

(Das Gespräch führte Bernd Berke)

 




Man muss die Menschen ins Theater locken – Debatte beim „Kulturwirtschaftstag“ in Dortmund

Von Bernd Berke

Derart geballte Expertenschaft in Sachen Theater und Kulturvermittlung dürfte sich in Dortmund noch nie versammelt haben: Rund 500 Fachleute aus der ganzen Republik trafen sich gestern im Opernhaus, um neue Vermarktungs-Chancen für die Bühnenkunst auszuloten. Knapp gefragt: Wie lockt man mehr Publikum ins Theater?

Offiziell hieß das Ganze „Kulturwirtschaftstag Nordrhein-Westfalen“. Theater- und Marketing-Leute machten Bekanntschaft mit der jeweils anderen Mentalität. Mag sein, dass manches Misstrauen sich im Laufe des Tages gemildert hat. Im Prinzip jedoch walten alle ihres Amtes: Theatermenschen halten die Kunst in Ehren, Vermarkter hingegen gieren nach zählbaren Erfolgen. Gegen volle Häuser aber hat wohl niemand etwas einzuwenden. Mit dem auch gestern oft zitierten Goethe („Faust“) zu reden, ist’s halt fein, „wenn sich der Strom nach unserer Bude drängt.“

Jammern helfe nicht weiter, beschied NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement zum Auftakt: „Jammernde Kranke bekommen auch keinen Besuch.“ Analyse sei gefragt. Die ökonomischen Chancen des Theaters seien bisher kaum ausgeleuchtet worden. Dabei erweise sich immer mehr, welch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor die Kultur sein könne – nicht nur die öffentlich finanzierte. Der private Sektor breite sich als belebende Konkurrenz rasant aus.

Clements Hoffnung auf die kommende Ruhr-Triennale

Rechtzeitig, so Clement, müsse man sich allerseits Gedanken über das „Publikum von morgen“ machen. Die Gesellschaft entwickle sich derart differenziert, dass man eines Tages nicht mehr ein „Theater für alle“ anbieten könne. Als Lokomotive (oder gar als Metrorapid?) der NRW-Bühnenzukunft sieht Clement bekanntlich die kommende „Ruhr-Triennale“ unter Leitung von Gerard Mortier.

Mortier sprach gleich anschließend und dämpfte die etwaige Euphorie: Wirtschaftlieher Erfolg sei eine wünschenswerte Folge von Kultur, nicht aber ihr Ziel. Kunst wiederum sei keine lässliche Freizeit-Beschäftigung, sie solle vielmehr das ganze Leben durchdringen und Freude bringen – nicht etwa bloßen Spaß. Er verstehe die „Vermittlung“ als Chefsache. Zuerst komme allerdings stets das Kunst-Ereignis, dann die Aufgabe, es den Menschen nahe zu bringen. Mortier: „Es bleibt immer eine Gratwanderung.“

Forsch ging Bernd M. Michael von der Düsseldorfer Werbeagentur Grey zur Sache. 15 Millionen Menschen seien in Deutschland für Kultur gewonnen, 50 Millionen könnten es sein. Woher er nur diese phantastische Zahl nimmt?

Angst vor dem Kommerz und „elitäres Denken“

Michael warf den Theatermachern vor, meist immer noch elitär zu denken und höchstens „handgestrickt“ zu werben. Als leuchtende Gegenbeispiele nannte er Konzerte mit Pavarotti oder Theaterauftritte von Harald Schmidt in Bochum; anz so, als könne es jeden Tag „Events“ dieser Sorte geben.

Sein provozierender Vertrag stachelte jedenfalls die Debatten des Nachmittags an. Rolf Bolwin vom Deutschen Bühnenverein stellte klar, dass schwere Kost nicht dem Kommerz geopfert werden dürfe, denn Theater habe einen gesellschaftlichen Auftrag. Nur sollte man eben auch das Schwierige besser „verkaufen“. Und da bot Marketing-Mann Michael, zugleich Vorsitzender eines Agenturen-Verbandes, unverhoffte Hilfe an. Er werde anregen, dass Berufskollegen auch mal kostenlose Werbung für Theater machen. Über Erlöse könne man später reden. Na, bitte. Immerhin ein Ansatz.




Noch ein Hut im Ring – Revier will „Kulturstadt Europas“ werden

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“ Nach diesem forschen Motto scheint man derzeit im Ruhrgebiet zu handeln. Man bewirbt sich kollektiv um alles, was nicht niet- und nagelfest ist.

Für die Olympischen Spiele des Jahres 2012 wirft man den Hut in den Ring. Nun soll die Region mit möglichst vereinten Kräften auch noch den Titel „Kulturstadt Europas“ anno 2010 holen. Wir erinnern uns: Kürzlich stand man an Ruhr und Emscher schon bereit, die „Loveparade“ kurzerhand von Berlin zu übernehmen.

Stets geht es dabei um den ganz großen Wurf, um „internationale Strahlkraft“ (NRW-Kulturminister Vesper über das künftige „RuhrTriennale“-Festival) oder am besten gleich um „Weltklasse“. Der immer etwas monströs wirkende Gedanke einer von Duisburg bis Dortmund reichenden „Ruhrstadt“, die angeblich mit Mega-Metropolen wie Berlin und New York vergleichbar wäre, dürfte häufig dahinter stecken.

Genugtuung und Skepsis

Man ist hin- und hergerissen zwischen Genugtuung und Skepsis. Wenn etwa, wie jüngst geschehen, eine Münchner Zeitung sich über Dortmunds vermeintliche Tristesse lustig macht, so war’s ja schön, dem Spott etwas entgegenzusetzen.

Doch allmählich fürchtet man um die Konzentration der Kräfte. Ist es wirklich so geschickt, immer „Hier!“ zu rufen, wenn ein Großereignis zu vergeben ist? Einfache Lebensweisheit: Wer alles will, steht nachher oft mit gänzlich leeren Händen da.

Die leidige Kostenfrage

Außerdem sollte man die Konkurrenz um die „Kulturstadt“-Ehren keinesfalls unterschätzen. Der Name Köln (Cologne) hat international erheblich mehr Klang als der jeder Revier-Kommune. Den Dom zu Köln kennen sie in ganz Europa, den in Essen wohl nicht. Dafür gibt es am Rhein nicht so viele kulturtaugliche Industriebauten und keine Triennale. Es wird also doch spannend.

Spannend könnte auch die Kostenfrage sein. Falls das Revier den Titel erringt, müssten die einzelnen Städte – weit übers übliche Maß hinaus – erhebliche Anstrengungen unternehmen, um kulturelle Bestände und Infrastrukturen auszubauen. Ob dann immer noch alle an einem Strang ziehen? Und wenn „wir“ nun Olympia bekämen und obendrein Kulturstadt Europas würden? Gar nicht auszudenken!

                                                                                                                     Bernd Berke




„Kultur im Revier gehört nicht an den Katzentisch“ – Thierse und Clement auf Zeche Zollern zum „Kulturforum der Sozialdemokratie im Ruhrgebiet“

Von Bernd Berke

Dortmund. Ein „Kulturforum der Sozialdemokratie im Ruhrgebiet“ ist am Samstag in Dortmund gegründet worden. In kulturellen Grundsatzreden skizzierten zwei hochrangige SPD-Politiker den thematischen Rahmen: Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, zugleich Bundesvorsitzender der 1983 noch von Willy Brandt angeregten Kulturforen, und NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement.

Rund 300 Teilnehmer aus Kultur, Politik und Wirtschaft hatten sich im Westfälischen Industriemuseum (Zeche Zollern II/IV) in Dortmund-Bövinghausen versammelt. Thierse ermutigte die Dortmunder, mit dem Pfund dieser musealen Einrichtung zu wuchern, denn es sei wohl das deutsche Industrieareal, welches am frühesten unter Denkmalschutz gestellt wurde. Überhaupt sei historisches Bewusstsein eine Stärke des Reviers. Den „Mythos Ruhrgebiet“ habe er sogar zu DDR-Zeiten in Thüringen wahrgenommen. Also sei es an der Zeit, auch hier ein SPD-Kulturforum ins Leben zu rufen.

Ob das Forum zum Gesprächskreis zwischen Künstlern und Politikern gerät, ob es als kulturelle Lobby, als loses „Netzwerk“ antritt oder sich völlig anders entwickelt (2002 ist ein Bundestags-Wahljahr), das alles ist noch nicht ausgemacht.

Neuer Auftrieb nach dem Ende der Ära Kohl

Thierse wünscht sich jedenfalls, dass die Debatten der Kulturforen „ins Regierungshandeln einfließen“. Nur im offenen, beiderseitig kritischen Dialog mit Kulturschaffenden könne seine Partei „auf der Höhe der Zeit“ bleiben. Gerade im Strukturwandel, bei dem das Revier vorangegangen sei, eröffne Kultur neue Denkfelder, neue Handlungsorientierung. Sie werde immer wichtiger und gehöre „nicht an den Katzentisch, sondern ins Zentrum politischer Kommunikation.“ In der Kohl-Ära hätten sich Künstler und Intellektuelle vielfach auf unverbindliche Positionen zurückgezogen, doch „seit 1998″ – so Thierse – seien Kulturfragen auch bundespolitisch wieder nach vorn gerückt.

Ministerpräsident Clement schwelgte in einer Vision des Ruhrgebiets von morgen. Die Region bekomme einen „ganz neuen Rhythmus“, auch und vor allem kulturell. Gérard Mortier werde hier mit der „Ruhr-Triennale“ gewiss „das aufregendste Signal der Erneuerung setzen“. Die öffentliche Kulturfinanzierung begreife er, Clement, ohnehin nicht als „Subvention, sondern als Investition in die Zukunft“. Vom neuen SPD-Kulturforum erwarte er, dass es eine „Plattform der Kreativität“ werde.

Das Forum wird getragen von den SPD-Bezirken Westliches Westfalen und Niederrhein. Schon daran sieht man: Revier ist nicht gleich Revier. Clement sprach über die Provinzialstraße, jene in mancher Hinsieht kaum überwindliche Grenzen zwischen westlichem und östlichem Ruhrgebiet. Und auch Dortmunds Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer setzte sich von der Idee einer übergreifenden „Ruhrstadt“ ab.




Fast wie im Revier: Aus Luxemburgs Industriewüste blüht Kultur

Von Bernd Berke

Luxemburg. Man stellt sich Luxemburg wohl ein wenig wie das Sauerland vor: sanfte Hügel, viel Grün, idyllische Dörfchen. Doch das ist nur die eine Seite: Mancherorts sieht es in dem kleinen Land so aus wie im Ruhrgebiet – ähnliche Probleme Inbegriffen. Und auch diese Parallele gibts: Wie im Revier, so entdeckt man auch in Luxemburg beim Strukturwandel die Kultur als zukunftsträchtigen Sektor.

Im aktuellen Partnerland der Ruhrfestspiele hat das Theater lange ziemlich brach gelegen. Doch jüngst stieg endlich das staatliche Kulturbudget, so dass sich allmählich auch ein Nationaltheater etablieren kann. Direktor Frank Hoffmann, der häufig in Deutschland inszeniert, schwebt ein „Europäisches Theater“ multikulturellen ZuSchnitts vor. Mit derlei Visionen kommt er Hansgünther Heyme nahe, der ja die Ruhrfestspiele zum Europäischen Festival erweitert hat. Hoffmanns Inszenierung nach Kafkas Roman „Das Schloß“ wird in Recklinghausen gastieren.

Die vorgesehene Nationaltheater-Spielstätte freilich, eine frühere Schmiede, muss noch umgebaut und mit einer Heizung versehen werden. Bei einer winterlichen Diskussionsrunde mit luxemburgischen Theaterschaffenden (die z. B. aus Frankreich, Finnland und Ostdeutschland stammen), froren hier alle Beteiligten. Doch innerlich erwärmten sie sich an günstigen Perspektiven. Die prestigeträchtige Zusammenarbeit mit den Ruhrfestspielen kommt als Impuls gerade recht.

Höchste Zeit, dass Luxemburg ein paar Francs mehr für die Künste aufbringt. Zu verdanken ist dies auch der Kulturministerin Erna Hennicot-Schoepges, von Haus aus Pianistin. Das insgesamt schwerreiche Großherzogtum, in dessen gemächlich wirkender Hauptstadt (nur 78.000 Einwohner) zahllose Bankpaläste und EU-Behörden strotzen, leistet sich übrigens Schulneubauten, von deren Palast-Charakter man in Deutschland nicht einmal zu träumen wagt.

Das gerade erwachende Luxemburger Theaterleben zeichnet sich durch zwei Be-sonderheiten aus: Es gibt keine festen Ensembles, man findet sich jeweils für bestimmte Produktionen zusammen. Zudem ist das Land (rund 400 000 Einwohner / Ausländeranteil 37 Prozent) dreisprachig. Manche Truppen spielen auf Deutsch, andere auf Französisch, wieder andere reden Letzeburgisch (eine dem Moselfränkischen verwandte Mundart). Da dürfte die Zielgruppen-Findung nicht leicht sein.

In der industriell geprägten Stadt Esch-sur-Alzette fühlt man sich an Dortmund-Hörde und das Areal des einstigen Hoesch-Werks Phoenix erinnert. Ein vom Arbed-Konzern geschlossenes Stahlwerk rostet bei Esch (Belval) majestätisch vor sich hin, ein paar Hochöfen wurden bereits nach China verkauft. Nun erfolgt – mit Hilfe von Arbed und einiger Ruhrgebiets-Firmen – der Umbau der ganzen Gegend. Dabei spielt auch Kultur eine Rolle.

Eine gigantische, 160 Meter lange Gebläsehalle auf dem filmreifen Gelände soll Schauplatz der Goldoni-Inszenierung des Ruhrfestspielchefs Hansgünther Heyme werden, die ab 13. Mai nach Recklinghausen kommt (Zeche Blumenthal/Haard). Selbst der phantasiereiche Theatermann hatte Mühe, sich das Stück „Der Diener zweier Herren“ in diesem rohen Ambiente vorzustellen. Bis zur Premiere am 1. April gibt’s noch viel zu tun, doch Heyme gefällt der wildwüchsige Ort mitsamt den „Spuren harter Arbeit“. Bisher beherrschen noch viele Füchse das Gebiet, die sich hier ihren Bezirk erobert haben – inmitten der maroden Stahl-Kolosse.

Nicht weit entfernt liegt jener vormalige, für 9 Mio. DM sanierte vormalige Schlachthof, in dem ein gleichfalls im Revier bekannter Mann sein Theaterglück sucht: Steve Karier, unter Leander Haußmann Schauspieler in Bochum, leitet die 1998 eröffnete „Kulturfabrik“, die sich (bemerkenswerte Quote) zu über 50 Prozent aus ihren Einnahmen trägt.

Das Einzugsgebiet reicht bis Lüttich, Saarbrücken und Trier. Mit jährlichen Subventionen von jetzt 750 000 DM entsteht hier ein ehrgeiziges Programm zwischen Rockmusik und Theater. Willy de Ville gastierte hier ebenso wie der ruhmreiche Regisseur Luc Bondy mit Becketts „Godot“. Der moderne Klassiker war die Ausnahme. Karier: „Sonst spielen wir kaum Stücke, die mehr als zehn Jahre alt sind. Neues Kultur-Leben blüht aus den Industrie-Ruinen…




Hannover putzt sich zur „Expo“ mit viel Kultur heraus – Viel mehr Sponsorengeld als sonst

Von Bernd Berke

Hannover. Was eine Weltausstellung ist, das hat in den 1920er Jahren Kurt Schwitters, berühmter Dadaist und allzeit guter Geist der Avantgarde in der jetzigen Expo-Stadt Hannover, genau gewusst.

Schwitters schrieb in einem erst jüngst wiederentdeckten Text: „Man schafft einfach aus aller Welt die Ausstellungsgegenstände dorthin, wo eine Weltausstellung geplant ist, die Presse (…) macht aufmerksam (…), dann wird der übliche Baldaver serviert und jeder, der auf sich hält, verlebt Ferien auf der Weltausstellung. Vormittags werden die Geschäfte erledigt, der Handel blüht, und abends wird getanzt.“

So einfach ist das also. Doch es kommt noch besser: Denn von derExpo, die eh schon ein riesiges Kulturangebot (Spannweite von Peter Maffay bis Peter Stein mit seinem kompletten „Faust“) unterbreitet, profitiert auch das sonstige Kulturangebot in Hannover ganz heftig.

Theater, Museen, bestehende Festivals, kurz alle nennenswerten Institute der Stadt, verfügen durch die Weltausstellung über mehr Sponsorengeld denn je, teils über das Drei- bis Vierfache. Das vor Jahresfrist totgesagte Festival „Theaterformen“ verdankt der Expo gar sein Überleben. Ach, wie gut könnten vergleichbar große Städte im Revier einen solchen Impuls gebrauchen!

Hannovers Kulturdezernent Harald Böhlmann verkündete gestern stolz, dass die Stadt während der Expo (1. Juni bis 31. Oktober) zusätzlich ein rund 25 Millionen DM schweres Kulturprogramm „auflegen“ könne. Im Jahr 2001 soll keineswegs der große „Absacker“ kommen, sondern man werde manches in die Zeit nach der Expo hinüber retten. Mit dem Expo-Kulturkraftakt wolle und könne man zwar nicht konkurrieren, doch man werde den bis zu 40 Millionen Besuchern, die zur Weltausstellung in die Stadt kommen, hochkarätige Ergänzungen bieten.

In der Tat, die rund anderthalb Stunden Bahnfahrt etwa ab Dortmund lohnen sich fast schon ohne „Expo“-Besuch; Die Kestner-Gesellschaft lockt mit der österreichischen „Sammlung Leopold“, die etliche Spitzenwerke von Schiele, Klimt, Kokoschka und Kubin enthält (ab 27. Mai), sowie mit einer großen Picasso-Schau zum Thema „Die Umarmung'“ (ab 29. August).

Natürlich darf der eingangs erwähnte Kurt Schwitters als „Säulenheiliger“ der Stadt nicht fehlen. Seinem Werk ist eine umfangreiche Ausstellung des Sprengel-Museums gewidmet (ab 20. August). Gerhard Merz kann nicht nur den örtlichen Kunstverein, sondern auch noch einen ehemaligen Güterbahnhof „bespielen“ – mit einer gigantischen Licht-Installation, die als flüchtiges Monument der Moderne gedacht ist.

Nur nicht kleckern: Auch Jahrhundert-Überblicke zum Design (Kestner-Museum, ab 22. Juli) und zur Fotografie (Sprengel-Museum, ab 14. Mai) befinden sich im kulturellen Füllhorn, desgleichen eine völkerkundliche Schau von Gewicht: „Jaguar und Schlange – Der Kosmos der Indianer in Mittel- und Südamerika“  (Landesmuseum, ab 23. Mai).

Das Festival „Theaterformen“ bringt u. a. Gastspiel-Produktionen der Bühnen-Heroen Peter Brook, Peter Zadek und Jan Fabre. NRW ist gleichfalls prominent vertreten: Bochums Noch-Intendant Leander Haußmann zeigt seine „Peter Pan“-Inszenierung, Pina Bausch gastiert beim Tanzfestival mit „Palermo, Palermo“ und „Kontakthof“.

Hannover gilt mitunter als größtes Provinznest der Republik. Wahrscheinlich müssen wir Von diesem Vorurteil erst einmal Abschied nehmen.

Nähere Infos: 0511/30 14 22.




Erlöst vom Streit der Welt – Essener Villa Hügel gibt Einblicke in Koreas Schatzkammern

Von Bernd Berke

Essen. Mit Schätzen aus Japan und China haben hierzulande bereits viele Ausstellungen geprunkt. Korea blieb stets im „toten Winkel“ unserer Wahrnehmung. Rare Ausnahme war 1985 eine Schau in Hildesheim und Köln. Doch die wird nun durch „Korea – Die alten Königreiche“ in der Essener Villa Hügel an Umfang und Bedeutung übertroffen.

Sicher: Kulturgeschichtliche Ausstellungen solcher Art überwältigen oft mit 500 oder mehr Exponaten. Essen gibt mit 200 Prachtstücken einen vergleichsweise konzentrierten Einblick. Doch darunter befinden sich etliche „Nationalschätze“ der Halbinsel, die noch nie außer Landes gegeben wurden. Prof. Berthold Beitz und Prof. Paul Vogt von der hochkarätigen Kulturstiftung Ruhr haben wohl nicht nur Renommée, sondern auch Überredungsgabe in die Waagschale geworfen. Sie konnten zudem auf die Erfolgsgeschichte der Villa Hügel verweisen, wo z. B. 1995 rund 250000 Menschen Kleinode aus China bewundert haben.

Das feine Lächeln des Nachdenklichen

Eingangs der Korea-Schau wird man in erhabener Stille empfangen: Der sitzende Buddha (10. Jhdt.), sichtlich weit hinaus über allen Zwist der Welt, strahlt die ganze Seelenruhe des Erlösungsweges aus. Vollkommen entspannt wirkt auch ein „Nachdenklich sitzender Miruk (Maitreya)“ (frühes 7. Jhdt.) aus vergoldeter Bronze. Sein feines Lächeln stimmt den Betrachter mild.

Bis vor wenigen Jahrzehnten hat man vielfach geglaubt, die koreanische Kunst sei eher ein Seitenzweig der chinesischen. Doch neuere Funde und Forschungen belegen die eigenständige Schöpferkraft im „Land der Morgenfrische“. Kultur kommt auch in Korea von „Kult“, sie speist sich aus religiösen Sphären. Drei Wurzeln hat die Kunst, und aus allen sprießt bis heute vielfältige Inspiration: aus dem Schamanismus, dem Buddhismus und dem Konfuzianismus.

Aus der frühen Schamanenzeit, die alle Dinge als beseelt begriff, sieht man vor allem Gerätschaften zur Beschwörung guter und böser Geister, z. B. verzierte Ritual-Rasseln und einen Steindolch (4. Jhdt. v. Chr.). Keramik-Vögel oder ein Horn in Pferdeform dienten als Behältnisse für den Opfertrank, der wohl in Trance versetzte. Auch Menschenopfer waren üblich. Zuweilen folgten Hunderte einem Herrscher in die Gruft.

Masken-Umzüge gegen das Unrecht

Prachtvoll vergoldete Kronen, Hauben, Ohrgehänge oder gar güldene Schuhsohlen sollten als funkelnde Grabbeigaben die Gunst höherer Mächte auch im Jenseits bewirken. Weltlicher verwendete man jene grotesken Holzmasken (12./13. und 19. Jhdt.), die bei gleichsam satirischen Umzügen gegen jederlei politisches und familiäres Unrecht getragen wurden. Auch Korea hatte seinen „Karneval“. Daß der Geist des Schamanismus noch sehr lange wach blieb, besagt ein buntes Gewand, das eine erst 1993 verstorbene Schamanin trug.

Eleganter und filigraner wirken jene Schöpfungen, die aus dem Buddhismus erwuchsen, der in den damaligen, bis weit ins heutige China sich erstreckenden drei Reichen (anno 668 vereinigt) nacheinander zwischen 372 und 528 n. Chr. zur Staatsreligion wurde. Die Reliquien, Buddhas sterbliche Überreste, wurden in reich dekorierten Pagoden und Schreinen aufbewahrt.

Sittenstreng und gesetzestreu

Ein monumentales Gemälde („Ritual für die hungrigen Geister“, 1759) schildert den Weg der Ahnen aus dem Jammer des bisherigen Lebens ins höhere Dasein. Steinplatten mit Tierkreiszeichen (Hase, Schwein) zeugen ebenso von überlegener Materialbeherrschung wie Keramik, etwa ein zierlicher Pinselständer in Drachenform.

Die moralische Entschiedenheit des (Neo)-Konfuzianismus bewirkt eine oft berückend schlichte formale Klarheit in der Kunst. Das Augenmerk richtet sich hier auf den ausgeprägten Ahnenkult und auf eine edle Gilde von Literaten, die als Beamte öffentlich wirkten, sich hernach aber zunehmend in die Askese zurückzogen. Hauchzarte Tuschzeichnungen vergegenwärtigen ein Treffen der Zunft, ein Literatenzimmer aus Bambus lässt uns einen Schritt weit in diese sittsame Welt eintreten.

 

Ein höfisches Zeremonialgewand (19. Jhdt.) läßt auf selbstbewußte Machtentfaltung schließen, ein königliches Edikt (776) wurde eigens in einer kostbaren Dose verwahrt. Es muß eine Zeit gewesen sein, in der Gesetze über alle Zweifel erhaben waren.

„Korea – Die alten Königreiche“. Villa Hügel, Essen. 5. Juni bis 17. Oktober. Täglich 10-19, Di 10-21 Uhr. Eintritt 12 DM, Katalog 50 DM.




Dienstlich ins Kino – morgens um zehn / Arbeitsalltag in der WR-Kulturredaktion: Zu Hochzeiten tut Auswahl not

Von Bernd Berke

Liebgewordene Vorstellung aus der Mottenkiste: Kulturredakteure haben’s gut. Den Vormittag verbringen sie als Flaneure oder sinnend im Caféhaus. Nachmittags entlocken sie ihren Federn zuweilen edel klingende, aber weitgehend nutzlose Zeilen. Abends setzen sie sich ins Theater, immerzu kostenlos – und dann verreißen sie die armen Schauspieler samt Inszenierung auch noch genüßlich. Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus.

Sicher: Die „harten“ Nachrichten überschlagen sich bei uns nicht so wie oft in anderen Ressorts. Doch besonders in den kulturellen Hoch-Zeiten des Jahres – vor allem Mai/Juni und September/Oktober – ist die WR-Kulturredaktion (Anja Luckas, Arnold Hohmann und der Verfasser dieser Zeilen) an sieben Tagen in der Woche mit derart vielen Terminangeboten gesegnet, daß strenge Auswahl nottut. Wobei reiner Termin-Journalismus ja eh nicht das Gelbe vom Ei ist.

Die Region hat immer Vorrang

Die Region hat Vorrang – so eine der wichtigsten Leitlinien. Alle Ereignisse vor Ort wahrzunehmen, wäre nicht möglich ohne den Einsatz unserer Korrespondenten, der rund 30 WR-Lokalredaktionen, der vielen freien Mitarbeiter und der Kollegen aus dem Ressort WR-Wochenend. Denn ganz gleich, ob sich etwas beispielsweise in Dortmund, Hagen, Schwerte, Lüdenscheid, Arnsberg und Siegen zuträgt – oder in Berlin, Düsseldorf und Rom: Wir verlassen uns am liebsten auf „eigene Leute“, weniger gern auf die (gleichwohl unentbehrlichen) Nachrichtenagenturen. Deren Berichte kann ja jede Zeitung bringen.

Beispiel Kino: Wir sehen die neuen Filme meist ein paar Wochen im voraus und drucken die Kritiken dann zur Startwoche. Und wir sehen die Filme nicht etwa abends, sondern morgens – oft um 10 Uhr in Düsseldorf oder Köln, wo die großen Filmverleihe ihre Presse-Aktivitäten konzentrieren.

Übrigens: Dienstlich ins Kino zu gehen, ist ganz anders, als sich dort privat einen schönen Abend mit anschließendem Klönschnack in der Kneipe zu machen – nicht nur wegen der Morgenstunde. Man schaut völlig anders hin und formuliert im Geiste schon einzelne Sätze für die Rezension.

Vormittags eine Ausstellung, abends Theater oder Lektüre

Nicht zu vergessen: Da meisten Streifen zur Pressevorschau noch gar nicht deutsch synchronisiert sind, wird das Gros der englischen und amerikanischen Filme im Originalton gezeigt. Das hält fit. Bei den französischen Produktionen laufen immerhin Untertitel.

Ein richtig erfüllter Arbeitstag, an dem die Neugier nie erlahmen sollte, kann mitunter beispielsweise so aussehen: Morgens ein Kinofilm oder die Vorbesichtigung einer Kunstausstellung, tagsüber die Seitenproduktion (wobei in der WR-Kulturredaktion auch die Fernsehseiten entstehen), abends vielleicht eine Theaterpremiere, eine TV-Kritik oder die Lektüre eines neuen Buches – für die Kulturseite, eine Buchseite oder zur Auswahl des nächsten WR-Fortsetzungsromans. Wie gut, daß Kulturredakteure ihre Leidenschaft für die Künste mit dem Beruf verknüpfen.

________________________________________________

Der Beitrag stand auf einer Sonderseite zur „Woche der Zeitung“.




Das Revier soll leuchten – Pläne der Kultur Ruhr GmbH für die nächsten Jahre

Von Bernd Berke

Dortmund. Sage niemand. daß man bei der Kultur Ruhr GmbH keine Visionen hat: „Weltmusik vor der Haustür“, „inszenierte Landmarken“, allerlei Gesamtkunstwerke und zahllose kulturelle „Vernetzungen“ – ja, das alles und mehr hatte die Gesellschaft mit beschränkter Haftung im Gepäck, als sie jetzt im Dortmunder Harenberg City-Center mitteilte, wohin – bis übers Jahr 2000 hinaus – in Sachen Revierkultur „die Reise geht“. Nach rund eineinhalb Jahren Vorarbeit hat sich ein Kern von 18 größeren Projekten herausgeschält. Doch längst nicht alle sind wirklich schon spruchreif.

Prof. Karl Ganser, Aufsichtsratsvorsitzender der Kultur Ruhr GmbH, legt Wert darauf, daß man keine teuren Stars ins Ruhrgebiet einfliege. Vielmehr sollen alle Vorhaben aus der kulturellen Substanz der Region selbst hervorgehen. Subventionierte Häuser und freie Szene arbeiteten dabei endlich einmal Hand in Hand. Kennzeichen etlicher Pläne: Die Industrielandschaft werde direkt ins künstlerische Geschehen mit einbezogen. Und „Vernetzung“ ist (wie so oft) das gängige Zauberwort.

Ein Star kommt doch: US-Künstler Richard Serra („Terminal“-Stahlplastik am Bochumer Hauptbahnhof) soll die Schurenbach-Halde zwischen Essen und Gelsenkirchen als riesige Landschafts-Skulptur gestalten. Die Halde wird nach seinen Vorgaben gepflügt und dann mit einer Walzstahlplastik gekrönt. „Erhabene Ruhe“ soll der Ort sodann vermitteln – Beispiel für „Landmarken“-Projekte.

Dortmunder „U“ – ein „Ort der Ungewißheit, des Stillstands“

Auch Dortmund bekommt etwas ab. Die hiesige „Landmarke“ ist das „Dortmunder U“, weithin sichtbarer Leucht-Buchstabe über dem früheren Gelände der Union-Brauerei. Noch weiß niemand, was mit diesem Innenstadt-Areal geschehen soll. An diesem „Ort der Ungewißheit, des Stillstands“ (Ganser) werden etwa 25 Künstler noch im Sommer 1998 womöglich zukunftsträchtige Zeichen setzen. Hintergedanke: Künftige Investoren sollen animiert werden, mit der bedeutsamen Stätte nicht nur kommerziell, sondern auch kreativ umzugehen. Ähnliche Impulse könnte der künstlerische Zugriff auf den Förderturm der ehemaligen Zeche Königsborn in Unna geben. Hier befindet man sich aber erst in der Ideenphase.

Jede Menge Festivals vor Industriekulissen

Ein weiteres Projekt trägt den neudeutschen Arbeitstitel „Connected Cities“ und soll die Revierstädte mit noch nicht näher bezeichneten Performance- und „Netzaktionen“ virtuell verknüpfen. Umfangreiche Ausstellungen im Essener Ruhrlandmuseum sowie in den Industriemuseen sind gleichfalls vorgesehen. Zur Jahrtausendwende soll hier „ein letzter Rückblick“ auf die unvergleichliche Gestalt dieser Industrieregion gerichtet werden.

Hochfliegende Pläne auch auf dem klingenden Sektor: Ein 1999/2000 anstehendes Festival „Musik-Theater Revier“ soll E-Musik und Industriekulisse auf unerhörte Weise verschmelzen: Wagner-Töne im Gasometer, Kompositionen von Edgar Varèse in einer Kokerei, geistliche Musik in alten Fabriken. Außerdem sollen Stücke für Maschinen geschrieben werden, z. B. eine Sinfonie für Sirenen…

Weitere Projekte der Kultur Ruhr GmbH (Tochter des Kommunalverbands Ruhrgebiet, des Vereins Pro Ruhrgebiet und der IBA Emscherpark) seien im Schnelldurchgang genannt: Festival mit „Weltmusik vor der Haustür“, möglichst bestritten von Revierbewohnern aus allen Ländern, „Jazz-Podium Ruhr“, „Internationales Chor-FestivaI“, „Fortissimo“ (gleichsam schwimmende Musik auf Schiffen, Rhein-Herne-Kanal), ein „Don Quichote“ als vielsprachige Euro-Theaterproduktion und „Ruhrwerk“, ein alle Künste vereinendes Bühnen-Projekt, frei nach einem Einfall von Bert Brecht.

NRW-Kulturministerin IIse Brusis war jedenfalls von der Ideenflut beeindruckt. Das alles werde dem Revier „neuen drive“ geben, befand sie.