Witten erwägt Bilderverkäufe zur Baufinanzierung

Witten. Bahnt sich in Dortmunds Nachbargemeinde Witten ein Kulturskandal an? Es gibt offenbar Überlegungen bei der Stadt, einige Bilder aus dem Besitz des Märkischen Museums zu verkaufen, um Geld für den Neubau eines „Wissenszentrums“ zu beschaffen.

Derlei Verkäufe aus Beständen öffentlicher Museen sind verpönt. Sie gelten allenfalls als tragbar, wenn Sammelschwerpunkte behutsam begradigt werden sollen, keineswegs aber als Hilfsmittel zur Baufinanzierung. Vor Jahren gab es heftige Aufregung, als das Hagener Osthaus-Museum sich (aus ganz anderen Gründen) von einzelnen Werken trennte.

Jetzt also scheint’s Ärger in Witten zu geben. Eine neu begründete Kunstinitiative will bei den Plänen der Stadt ein gewichtiges Wörtchen mitreden. Rund 600 Unterschriften gegen die angeblich drohenden Bilderverkäufe (vorwiegend unterzeichneten Künstler, Professoren und Studenten) hat dieser Zusammenschluss fachkundiger Bürger bereits gesammelt.

Einer der Köpfe der Initiative ist Prof. Volker Lehnert, der in Witten wohnt und stellvertretender Leiter der Stuttgarter Kunstakademie ist. Er sagt: „Ein Bilderverkauf, um Beton zu finanzieren, wäre entweder heillos naiv oder perfide.“

Lehnert und seine Mitstreiter, darunter auch Wittens früherer Kulturdezernent Gert Buhren, furchten nicht nur einen Bilderverkauf. Das künftige Wissenszentrum soll Museum, Stadtbücherei und Stadtarchiv quasi unter einem Dach zusammenfassen. Dabei könnte, wenn es nach einer Machbarkeitsstudie geht, der Museumsanbau von 1988 komplett wegfallen, sprich: Die Ausstellungsfläche würde erheblich schrumpfen und sich nur noch auf den Altbau beschränken. Weitere Kritikpunkte der Initiative: Es gebe kein tragfähiges Museumskonzept, und es stehe nicht-einmal fest, ob der demnächst frei werdende Posten der Museumsleitung wieder ordentlich besetzt werde.

Das Wissenszentrum, sinnigerweise als Wittener Projekt für die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 angemeldet, dürfte die unter Sparzwängen stehende Stadt rund 5 bis 7 Millionen Euro kosten – Geld, das erst einmal aufgebracht werden muss, eben eventuell auch durch besagte Bilderverkäufe. Unter anderem ist von einem Werk Emil Noldes die Rede. Kein Pappenstiel also.

Die Stadt möchte nun die Wogen glätten. Stadtsprecher Jochen Kompernaß erschien gestern zur eilends einberufenen Pressekonferenz der Kunstinititaive und beteuerte, es sei noch gar nichts entschieden. Man befinde sich beim Projekt „Wissenszentrum“ mitten in den Vorüberlegungen, und es werde öffentliche Anhörungen geben. Auf die weitere Entwicklung darf man gespannt sein.




Die „Neuen Wilden“ von Familie Berg

Bochum. So umfangreich haben die Sammler ihre eigenen Schätze noch nie beisammen gesehen: Die Eheleute Christine und Hans Berg füllen mit Teilen ihrer beachtlichen Kunst-Kollektion jetzt alle Etagen des Bochumer Museums.

Die Bergs hatten früher in Herne ein Familien-Unternehmen, das Röhren für Pipelines fabrizierte. In diesem Betrieb stellten sie alsbald Kunst aus – was vor über 30 Jahren noch nicht gang und gäbe war. Als die Firma im Mannesmann-Konzern (bzw. „Europipe“) aufging, zogen sie sich allmählich aus den Tagesgeschäften zurück. Heute leben sie komfortabel in der Schweiz (Luzern) und Italien.

Nicht so sehr mit kunsthistorischer Beratung haben sie ihre Sammlung aufgebaut, sondern eher spontan, persönlichen Vorlieben folgend – und fast immer einvernehmlich. Spekulationen auf steigende Werte hätten dabei keine Rolle gespielt, versichert Hans Berg. Er nennt einen anderen Beweggrund: „Ich habe eine Gegenwelt zur Wirtschaft gesucht.“ Eine Sphäre jenseits der Sachzwänge also.

Und tatsächlich: Nach den ersten Erwerbungen fingen die Bergs bald Feuer und knüpften Kontakte zu Künstlern – vor allem zu jenen, die in den frühen 80er Jahren im Umkreis der so genannten „Neuen Wilden“ die Szene beherrschten. Man irrte irgendwo in zeitgeschichtlichen Untiefen zwischen dem bleiernen deutschen Terrorherbst und den Vorboten der deutschen Vereinigung umher. Die Atmosphäre: Etliche Nachtseiten mit dem einen oder anderen (Neon)-Licht-schein. Und viel Archaisches, das in die Gegenwart ragte.

Inzwischen ist es weitaus stiller um K. H. Hödicke, Helmut Middendorf oder den gebürtigen Dortmunder Norbert Tadeusz geworden, so dass die Bochumer Präsentation einer Wieder-Entdeckung gleichkommt. Besonders eine Raumfolge mit Großformaten beschert diesen Malern einen grandiosen Auftritt – mit so exquisiten Bildern wie etwa Hödickes „Schrott“ (1976), einem geisterhaften Trio verrosteter Automobile. Middendorf s Berliner „Großstadteingeborene“ (1980) sind geradezu vollgesogen mit dem Zeitgeist von damals. Tadeusz‘ wüste Fleischbeschauen (egal, ob beim Metzger oder als Frauenakt) rücken dem Betrachter immer noch verstörend zuleibe. Den Kontakt zu Tadeusz bekam das Sammlerehepaar übrigens nach dessen Werkschau im Dortmunder Ostwall-Museum.

Auch Einzelstücke der klassischen Moderne (Nolde, Macke) und der informellen Nachkriegskunst (Emil Schumacher, Bernard Schultze) finden sich in der Auswahl. Hans Berg: „Wir hätten gern noch viel mehr gezeigt.“ Doch Bochums Museumschef Hans Günter Golinski hat ihn davon überzeugt, dass die Ausstellungsräume nicht „überladen“ werden dürften. In der Tat: Auch so gibt es reichlich zu sehen. Und vielleicht ist das Ganze ja fürs Bochumer Museum eine Option auf die Zukunft? Wer weiß.

Man kann in dieser Schau farblichen oder energetischen „Grundklängen“ nachspüren, die sich mitunter quer durch die Sammlung ziehen. Nur ein Beispiel: Es ist, als werde das magische Leuchten auf Noldes Bildern von Gotthard Graubners subtilen Farbkissen beantwortet. Bestimmt kein bloßer Zufall, denn: Wo mit Leidenschaft gesammelt wird, ergeben sich solche Zusammenhänge.

Deutsche Malerei aus der Sammlung Berg. Museum Bochum, Kortumstraße. Bis 6. Januar 2008. Geöffnet Di-So 10-17, Mi 10-20 Uhr. Eintritt 3 Euro, Katalog 20 Euro.

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  • Die Sammlung Berg umfasst rund 300 künstlerische Arbeiten. In der Ausstellung im Museum Bochum sind davon rund 130 zu sehen.
  • Auch persönliche Erinnerungen verbinden sich mit den Werken. Bei vielen Bildern haben die Sammler den Entstehungsprozess beobachten können.
  • In einem zerklüfteten „Saurier“-Bild von Bernard Schultze versteckten die Kinder gar einst Ostereier – nahezu unauffindbar. Das robuste Werk nahm dabei keinen Schaden.
  • Der Maler Bernd Finkeldei hat 1995 gleich die ganze Familie Berg nach fotorealistischer Manier großformatig verewigt.
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(Der Artikel stand am 13. Dezember 2007 in der „Westfälischen Rundschau“)




Der Onkel Bumba aus Kalumba tanzt nur Rumba

Essen. Schlager, Schmachtfetzen, Swing und höherer Blödsinn – aus solchen Quellen schöpften die „Comedian Harmonists“ in den 1920er Jahren ihre unvergleichlich Sangeskünste. Jetzt greift das Essener Schauspiel im Grillo-Theater auf die intelligente Erfolgsmischung zurück.

Franz Wittenbrink (Musik-Arrangements) und Gottfried Greiffenhagen (Texte) haben bereits 1997 das Stück um die berühmte Gesangsgruppe kreiert, das seither seine Runden durch deutsche Theater zieht. Auch in Dortmund war’s schon mal zu sehen.

Just 1997 war auch das Jahr, in dem Joseph Vilsmaiers famos besetzter Film über die „Comedian Harmonists“ herauskam und Maßstäbe setzte. Man hat diesen Film auch im Sinn, wenn sie nun in Essen die Geschichte des A-cappella-Ensembles erzählen -von entbehrungsreichen Gründungstagen über glanzvolle Erfolge bis zur erzwungenen Auflösung unter dem NS-Regime im Jahr 1934. Die Nazis verfemten die Musik der „Comedian Harmonists“ als „entartet“, weil drei der sechs Gruppenmitglieder jüdischer Herkunft waren. Es war einer von zahllosen Akten der NS-Kulturvernichtung. Diese Wunden verheilen nicht.

Gegen besagte Kino-Erinnerungen käme das Theater nur unter vehementer Aufbietung all seiner spezifischen Mittel an. Doch in Essen dauert’s schon mal rund 40 Minuten (eine gefühlte Ewigkeit), bis der erste vollständige Song erklingt. Bis dahin sieht und hört man die Genese der Gruppe nach einer Zeitungsannonce (sogar Johannes Heesters sang – vergebens – vor). Man erlebt mühsame Proben, absichtliches Falschsingen. Dazu köcheln Konflikte der 1928 noch im Werden begriffenen Gruppe. Hie unbezahltes Üben bis tief in die Nacht; da der Traum, der US-Formation „Revelers“ nachzueifern, sie sogar zu übertreffen.

Das Sechser-Ensemble ist eine Mixtur aus Essener Sprechtheater-Schauspielern und Gästen. Die unterschiedlichen Charaktere sind passend ausgewählt (neudeutsch: gecastet), sie decken ungefähr das tatsächliche Spektrum ab. Auch bekommt diese sympathische Truppe das Liedgut erstaunlich gut hin. Doch ebenso verblüffend ist stellenweise die holprige Darstellung. War’s Lampenfieber? Vielleicht gibt sich das in den Tagen und Wochen nach der Premiere.

Regisseur Gil Mehmert setzt die Lieder mit wechselndem Geschick in Szene, am besten gelingt die Umsetzung beim „Onkel Bumba“ (der reimgerecht nur Rumba in Kalumba tanzt). Überhaupt bricht irgendwann das Eis, wenn endlich launige Klassiker wie „Schöne Isabella von Kastilien“, „Mein kleiner grüner Kaktus“, „Wochenend und Sonnenschein“ und „Veronika, der Lenz ist da“ geschmettert oder gesäuselt werden. Da geht das Publikum frohsinnig mit.

Wenn schließlich die Gruppe sich unter diktatorischem Druck spaltet, gewinnt das sonst kitschverdächtige Lied „Irgendwo auf der Welt (gibt’s ein kleines bisschen Glück)“ die ungeahnte Qualität eines utopischen Gegenentwurfs zu den schrecklichen Verhältnissen. Stoff zum Heulen.

Termine: 7., 15., 16., 26., 31. Dezember; 12., 25. Januar. Karten: 0201/8122-200.

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(Der Beitrag stand am 6. Dezember 2007 in ähnlicher Form in der „Westfälischen Rundschau“)




Kreis Unna: Millionen fürs Haus der Moderne gesucht

Unna/Holzwickede. Es ist offenbar ein großes Rad, an dem der Kreis Unna dreht: Um die hochkarätige Wiesbadener Kunstsammlung Brabant in ein künftiges „Haus der Moderne“ einzubringen, müssen zuvor 10 Millionen Euro Spenden gesammelt werden.

„Eine Vision mit großen Chancen“ nannte gestern die Kulturdezernentin des Kreises Unna, Gabriele Warminski-Leitheußer, das Projekt. In der Tat: Der Sammler Frank Brabant (69) hat seine eindeutige Zusage gegeben. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass seine Bilderschätze beim Kreis Unna in guten Händen sind. Alles Vertrauenssache. Unna erhält somit den Vorzug etwa vor dem Landesmuseum in Schwerin (Brabants Geburtsstadt) und diversen Häusern in Süddeutschland.

Der Sammler ist als Kaufmann tätig und erwirbt seit rund 45 Jahren Bilder. Das allererste Werk, einen Holzschnitt für damals 300 Mark, müsste er noch auf Raten finanzieren. Brabant übt zwar keinen zeitlichen Druck aus. Aber eins ist klar: Allein mit öffentlichem Geld ist das Vorhaben nicht zu stemmen. Die finanziellen Fakten: Der museumstaugliche Umbau des historischen Hauses Opherdicke (in Holzwickede) dürfte rund 5 Millionen Euro kosten. Beim Kreis Unna hofft man, 80 Prozent dieser Summe durch Zuschüsse des Landes NRW aufzubringen. In diesem Falle müsste der Kreis selbst also rund 1 Million Euro ausgeben.

Damit nicht genug. Wenn die Sammlung erst einmal im Haus Opherdicke untergebracht ist, fallen Betriebskosten von cirka 500 000 Euro pro Jahr an. Plan der Kulturdezernentin: Es soll eine Stiftung gegründet und mit 10 Millionen Euro Kapital ausgestattet werden. Aus den Erträgen könnte man die laufenden Kosten bestreiten. Hierfür wären, wie gesagt, namhafte Spenden nötig. Warminski-Leitheußer: „Wir werden jetzt ,Klinken putzen‘ gehen.“ Sprich: für gut‘ Wetter bei möglichen privaten Geldgebern sorgen.

Und wenn das alles klappt? Dann würde sich der Kreis Unna in einer ganz anderen Liga wiederfinden. Man könnte mit teilweise hochrangigen Gemälden und Graphik (z. B. von Beckmann, Chagall, Feininger, Kandinsky, Klee, Marc, Nolde, Picasso und Warhol) locken. Einige Kostproben der 450 Stücke umfassenden Kollektion waren 2006 auf Schloss Cappenberg zu sehen. 25 000 Besucher interessierten sich für den Querschnitt, dessen Qualität Verhandlungen mit dem
Sammler in Gang brachte.

Günstiger Umstand: NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers hat sich die Schau seinerzeit persönlich angesehen. Am Donnerstag dieser Woche gibt es in Düsseldorf Gespräche von Vertretern des Kreises Unna mit NRW-Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff. Dabei sollen Bedingungen für etwaige Landeszuschüsse zum Umbau des Hauses Opherdicke erörtert werden.

Thomas Hengstenberg, Fachbereichsleiter für Kultur und Medien beim Kreis Unna, hat bereits erste Studien zur Umsetzung erstellt. Das idyllisch gelegene, denkmalgeschützte Haus Opherdicke bietet reichlich Platz und eine recht gute Verkehrsanbindung. Bereits im Umkreis von nur 25 Kilometern leben etwa 2 Millionen Mensschen 5,6 Millionen wohnen im Radius von 50 Kilometern.

Die Sammlung, derzeit mehr schlecht als recht in Brabants Dachwohnung untergebracht (bis in den Sanitärbereich hinein), soll in Holzwickede durch Zukäufe ergänzt werden. Man will nicht das ganze Konvolut auf einmal zeigen, sondern thematische Wechselausstellungen arrangieren. Damit die Kollektion vernünftig erschlossen werden kann, sollen Kunsthistoriker der regionalen Hochschulen Zugang für Forschungen erhalten.

Übrigens: Die Eröffnung des „Hauses der Moderne“ würde der Kreis gerne 2010 feiern – im Jahr der Kulturhauptstadt.

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(Der Beitrag stand am 27. November 2007 in ähnlicher Form in der „Westfälischen Rundschau“)




Thomas Virnich: Keine Angst vor dem Teufel

Schwerte. Erstaunlich windschief wirkt dieser „Doppeldom“. Auch scheint die phantasievoll nachempfundene Kölner Kathedrale zu zerfließen wie Kerzenwachs. Doch dem fragilen Skulpturen-Bauwerk ist auch freudige Beweglichkeit eigen; ganz so, als könnte es alle wechselnden Zeiten überstehen.

Die Arbeit ist jetzt in der Katholischen Akademie in Schwerte zu sehen und stammt vom documenta-erprobten Bildhauer Thomas Virnich (Jahrgang 1957). Die teilweise noch nie öffentlich gezeigten Plastiken fügen sich bestens in die Schwerter Ausstellungs-Reihe „Transzendenz im Augenschein“. Deren weltoffene Zielsetzung, abseits von verkrampften Kirchenkunst-Debatten: Nicht fromme Auftragswerke sollen hier zum Zuge kommen, sondern freie, autonome Schöpfungen, die allerdings im weitesten Sinne auch auf „Jenseitiges“ verweisen können.

Gern zeigt Virnich die ganze Erde im Modell, das Kleine findet dabei furchtlos Platz im großen Ganzen. So hat er einen allseits brüchigen Globus ersonnen und mit fröhlichen Narren bevölkert („Spiel-Welt“). Ein anderer Erdball hängt von der Decke herab und lässt verwirrend viele Teilansichten seines Atelier-Anwesens in Mönchengladbach, eines alten Schulgebäudes, erkennen („Meine Schule – ein Planet“). Eisenstücke vom Schrottplatz, durch ungeheure Kräfte verformt, geraten zu Sinnbildern für Mann und Frau. Ein Monumentalbau wie das Colosseum gibt Gelegenheit zum hintersinnigen Formenspiel zwischen Kern und Schale.

Manchmal ist Virnich ganz dicht dran an religiösen Themen. Der Petersdom ist bei ihm freilich von Pappe, er „klebt“ als stark verfremdeter Modellbausatz an der Wand. Ein kleines Bronze-„Teufelchen“ kommt derweil als harmloser Kobold daher. Auch hier also kein Grund zu Angst und Furcht. Doch gebrannte Keramik lässt nur noch die Negativ-Form des gekreuzigten Christus erkennen – als schmerzliche Leerstelle, als pure Abwesenheit. Welche Sehnsucht sich daran knüpft, ist Glaubenssache.

Katholische Akademie Schwerte, Bergerhofweg 24. Vom 18. November bis 13. Januar. Mo-Sa 10-18, So 10-13 Uhr.

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(Der Beitrag ist am 17. November 2007 in der „Westfälischen Rundschau“ erschienen)




Kultur zum Plaudern und zum Streiten – Spektrum von Goethe bis Punk: Erfahrungen und Eindrücke aus dem Kulturblog Westropolis

Von Bernd Berke

Manchmal reicht schon ein Bild mit provozierender Unterzeile: „Die Beatles sind langweilig“, behauptete der Westropolis-Autor Ingo Juknat kurzerhand, stellte ein Foto der Fab Four hinzu – und schon ging’s los mit teilweise empörten Kommentaren.

Juxhafter Moment mit Kasperlfiguren bei einem Westropolis-Treffen am 5. Februar 2008 im Essener Bahnhof Süd, u. a. mit dem „Revierflaneur" Manuel Hessling (hinten Mitte, mit Teufelchen), Ingo Juknat (hinten, ganz links) und Nadine Albach (vorn, 2. v. re.). (Foto: Bernd Berke)

Juxhafter Moment mit Kasperlfiguren bei einem Westropolis-Treffen am 5. Februar 2008 im Essener Bahnhof Süd, u. a. mit dem „Revierflaneur“ Manuel Hessling (hinten Mitte, mit Teufelchen), Ingo Juknat (hinten, ganz links) und Nadine Albach (vorn, 2. v. re.). (Foto: Bernd Berke)

Bei Westropolis, dem Kultur-Blog der WAZ-Mediengruppe, zu der auch die WR gehört, werden Musik, Kunst, Kino, Literatur & Co. oft zu heiß diskutierten Streitthemen. Auch als langjähriger WR-Kulturredakteur, der nun seit einigen Monaten ebenfalls bei Westropolis mitwirkt, macht man einige neue Erfahrungen.

Kulturfans sind nicht unbedingt leidenschaftliche Leserbrief-Schreiber. Im Blog (Internet-Auftritt, so etwa zwischen kollektivem Tagebuch und Plauderecke angesiedelt) ist das zuweilen ganz anders. Zwar gibt es auch hier ruhigere Stunden, doch häufig finden Beiträge sehr schnellen und deutlichen Widerhall; ganz gleich, ob Rezensionen zum aktuellen Kulturgeschehen, eher persönliche Aufzeichnungen oder veritable kleine Essays.

Im Netz wird mehr Tacheles gesprochen

Überdies wird im Netz mehr Tacheles gesprochen. Da müssen sich Autoren schon mal herbe Kritik gefallen lassen. Verbale Gegenwehr keineswegs ausgeschlossen. Doch praktisch immer wird im Widerstreit der Argumente ein Mindestmaß an Höflichkeit gewahrt. Man kennt die ungeschriebene „Net(t)iquette“ (Abart des Knigge fürs Internet). Auch Kampfhähne der Kultur wissen, wann’s genug ist. Da wird nicht unnötig nachgekartet.

Derzeit bestreiten neun ständige „Gastautoren“ und Autorinnen einen Löwenanteil der Westropolis-Beiträge, hinzu kommen etliche Kommentator(inn)en, die gelegentlich auch eigene Artikel bereitstellen. Das Spektrum steht im Zeichen eines gehörig erweiterten Kulturbegriffs, ist also breit und reicht von Goethe über Beuys bis Punk. Mindestens.

Jeder Geschmack kommt zum Zuge. Beispiele: Da gibt es ein wöchentliches, wahrhaft kniffliges Literaturrätsel vom „Revierflaneur“ Manuel Hessling, der so etwas wie eine Seele des ganzen Betriebs ist.

Auch Promi-Klatsch aus der Partyzone

Da teilt Else Buschheuer (moderiert das Magazin „Kino Royal“ im MDR-Fernsehen) neueste Eindrücke aus ihren Kino- und DVD-Sitzungen mit. Da wirft die Deutsch-Türkin Hatice Akyün (Bucherfolg: „Einmal Hans mit scharfer Sauce“) Fragen zwischen den Kulturen auf oder verbreitet zur Entspannung Promi-Klatsch und Erlebnisse aus der Partyzone.

WR-Redakteur Jürgen Overkott liefert serienweise CD-Besprechungen und Interviews. Der Autor dieser Zeilen ist mit wechselnden Themen dabei und nicht unfroh, derzeit den Kommentar-Rekord (bis gestern 364 Äußerungen zu einem Beitrag) zu halten. Wobei die Anzahl der Kommentare gewiss kein alleiniges Gütesiegel ist. Beliebt sind übrigens allerlei Hitlisten, auch negative wie etwa: „Die größten Nervensägen im deutschen Musikgeschäft“. Jeder kennt welche.

Auch bei den – meist unter erfundenen Namen antretenden – Kommentatoren ist einiges Interesse und Kulturwissen vorhanden. Ein Aufenthalt für Banausen ist Westropolis somit nicht.

Ein geradezu familiäres Gefühl

Wie im richtigen Leben: Mit der Zeit stellt sich ein geradezu familiäres Gefühl ein, wenn man die Seite betritt. Nach und nach kennt man Vorlieben, Macken und Launen vieler Mitstreiter. Der eine ist streng, die andere spontan, der dritte allzeit witzig. Aha, da hat sich ja wieder X geäußert, Y ist auch online, aber Z ist eine ganz neue Stimme im Konzert und bereichert den Zirkel.

Je mehr Meinungen und Temperamente, umso besser. Dann diskutiert es sich doppelt so schön. Wer sich dabei auf unverbindliche Positionen zurückzieht („Das ist doch letztlich alles Geschmackssache“), der hat hier keine sonderlich guten Karten. Weichspülerei wird allenfalls zur Versöhnung nach einer Diskussion akzeptiert.

Längst nicht immer geht’s bei Westropolis bierernst zu. In manchem Thread (Fachwort für „Themen-Strang“) wird auch schon mal gealbert. Oder: Eine Kultur-Debatte kann sich unter der Hand in ganz andere Bereiche wie etwa Alltag, Sport oder Kochkunst schlängeln. Speziell am Wochenende kommt es (mitten im kulturellen Wortgemenge) immer wieder zu netten kleinen Sticheleien zwischen BVB- und Schalke-Anhängern.

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HINTERGRUND

Bestandteil von www.derwesten.de

  • Ein Blog (von „Weblog“) ist eine Art Online-Tagebuch eines oder mehrerer Autoren bzw. ein Gesprächskreis, der sich daran knüpft. Das Wort enthält den Bestandteil „Log“, der sich vom Seefahrer-Logbuch ableitet.
  • Die ersten Blogs tauchten um die Mitte der 1990er Jahre in Internet auf.
  • Streitfrage: Heißt es „der“ oder „das“ Blog? Der Duden lässt beides zu.
  • Westropolis ist Bestandteil von www.derwesten.de, des neuen online-Auftritts der WAZ-Mediengruppe, zu der auch die WR gehört.
  • Mehrere WR-Redakteure sind auch ständige Gastautoren bei Westropolis.
  • Westropolis ging im Februar 2007 an den Start. Seither wurden Kulturthemen aller Sparten und Güteklassen aufgegriffen.
  • Internet-Adressen: www.derwesten.de und www.westropolis.de

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Nachtrag 2019:

2011 komplett gelöscht

Aus bis heute unerfindlichen Gründen hat die WAZ-Gruppe (heute Funke-Gruppe) Anfang 2011 Westropolis komplett aus dem Netz genommen – mit allen Beiträgen und zigtausend Kommentaren. Ein brachialer Akt. Und von wegen: „Das Internet vergisst nichts.“ In diesem Falle eben doch. Weil es dazu gezwungen worden ist.

Zwei der damaligen Autoren sind inzwischen – allzu früh – verstorben, nämlich die erwähnten Manuel Hessling und Ingo Juknat. Friede sei mit ihnen.

Zwei anderen Mitwirkenden, deren Namen hier gnädig verschwiegen werden sollen, ist ihr bisschen Erfolg zwischenzeitlich sehr zu Kopf gestiegen. Schade eigentlich.

 




Kulturhauptstadt regiert Stadion und Autobahn

Dortmunder, jetzt müsst ihr tapfer sein: Das Mega-Ereignis „Kulturhauptstadt Ruhrgebiet” soll am 9. Januar 2010 ab 20 Uhr mit einem riesigen Fest „auf Schalke” eröffnet werden. Diese Katze (oder: diesen Tiger?) ließ „Ruhr 2010”-Geschäftsführer Fritz Pleitgen gestern aus dem Sack.

In der Dämmerung schließt sich dann wohl eine gigantische „Licht-Show” von Duisburg bis Unna an. Zuvor soll es an jenem denkwürdigen Tag eine gediegen-klassische Feier in der Essener Philharmonie geben. Gedankenspiel zum Trost fürs östliche Revier: ein gemeinsamer Auftritt aller Gospel-Chöre der Region im Dortmunder Fußball-Tempel.

Pleitgen betonte, alle Vorhaben befänden sich derzeit noch im Planungsstadium. Er will halt dem Aufsichtsrat und den finanziellen Möglichkeiten nicht vorgreifen.

Manches nimmt allerdings schon recht konkrete Gestalt an. So auch das wohl aufwändigste Unterfangen, nämlich die Vollsperrung der Autobahn A 40 zwischen Dortmund (oder gar Unna) und Duisburg für ein bislang beispielloses, (multi)kulturelles und kulinarisches Volksfest.

Gigantische Tafel aus etwa 20 000 Tapeziertischen

Man hat schon mal grob gerechnet: Bis zu 20 000 Tapeziertische sollen dann zu einer gigantischen Tafel aneinander gereiht werden. Pleitgen, der die Chefsache mit NRW-Ministerpräsident Rüttgers und Verkehrsminister Wittke aushandelt: „Eigentlich ist es nicht machbar, aber wir machen es!”

Die Sperrung soll im Hinblick auf einen Sonntag (18. oder 25. Juli 2010) erfolgen – kurz nach dem Fußball-WM-Finale in Südafrika (11. Juli). Vermutlich muss die „Blockade” am Samstagabend beginnen und bis zum frühen Montagmorgen reichen. Vieles ist zu klären: Umleitungen, Sicherheitsfragen, Reinigung der Fahrbahnen, Einnahme-Ausfälle von Anrainern (Tankstellen, LKW-Maut etc.) und so fort. Dennoch traut sich Pleitgen schon jetzt, einen bürgerfreundlichen Preis für die Tapeziertische anzupeilen: „Pro Stück könnten sie ungefähr 4,99 Euro kosten.” Jeder Tischkäufer kann dann seinen Beitrag frei gestalten.

Bislang 900 Projekt-Vorschläge eingetroffen

Pleitgen und sein Ko-Geschäftsführer Oliver Scheytt werfen die Netze der Kulturhauptstadt immer weiter aus. Unter dem frisch geschöpften Markenmotto „Ruhr 2010 – Europas neue Metropole” werden Partner aus allen Bereichen mit an Deck geholt. Das Spektrum reicht vom ADAC (wichtig für Tourismus) über Kirchen und Unis bis zum Deutschen Fußballbund. Pleitgen („Auch Sport ist Kultur”) verhandelt mit den Spitzen von DFB und UEFA. Er stellt in Aussicht, dass das Revier just 2010 hochkarätige Länderspiele und womöglich Final-Begegnungen europäischer Wettbewerbe erleben werde.

Von den Künsten war gestern auch die Rede. Etwa 900 Projekt-Vorschläge zur Kulturhauptstadt sind bislang eingetroffen. Grenzlinie: 31. Oktober 2007. Dann wird die Spreu vom Weizen gesondert, wobei durchdachte Nachzügler-Ideen auch noch Chancen haben. Pleitgen mahnt allerdings zur Eile: „Wir liegen zwar ganz gut im Rennen, doch wir bleiben unter Zeitdruck.” Leitgedanke jedenfalls: Die Kulturhauptstadt will sich in erster Linie auf vorhandene Theater, Museen, Festivals usw. stützen, die man zu vielfältigen Kooperationen anstiften möchte.

Fritz Pleitgen, der die Kulturhauptstadt auch als „nationale Aufgabe” sieht, stellte klar, dass jede der 53 beteiligten Gemeinden 2010 für je eine Woche ganz speziell im Mittelpunkt stehen kann. Mit ortstypischen, doch übergreifend wirksamen Projekten dürfen dann auch kleinere Städte glänzen. 32 Wochen des Jahres 2010 sind auf diese Weise bereits gebucht.

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Hochinteressant, wie sich die Anzahl der rund 900 Projekt-Vorschläge auf einzelne Städte verteilt. Von Ortsgrößen abgesehen, signalisiert die Liste, wie die Kulturhauptstadt in einzelnen Gemeinden „angekommen” ist:

Weit an der Spitze liegt Essen mit 250.
Dahinter liegen u. a. folgende Städte: Bochum (64), Dortmund (57), Mülheim (39), Gelsenkirchen (36), Duisburg (24), Oberhausen und Berlin (je 23), Köln (21), Unna (10), Witten und Hamburg (je 8), Hagen (6), Schwerte und Ennepetal (je 3), Lünen (2). Jeweils ein Vorschlag kam aus Castrop-Rauxel, Schwelm und Gevelsberg.




Jede Kulturhauptstadt lernt von den Vorläufern – Internationales Treffen mit Etat-Vergleich in Essen

Von Bernd Berke

Essen. Immer gern genommen: „Netzwerk“ und „Nachhaltigkeit“ lauten die Schlagworte, wenn etwas dauerhaft in Gang gesetzt werden soll. So auch jetzt beim Treffen der Kulturhauptstädte in Essen.

Das neu geknüpfte Netzwerk umfasst vorerst alle europäischen Kulturkapitalen der Jahre 2007 bis 2011. Wer künftig benannt wird, soll ebenfalls zum Kreis gehören und vom regelmäßigen Austausch profitieren. Auch aus etwaigen Fehlern der Vorläufer lässt sich etwas lernen.

Da wird etwa über den Umgang mit Politikern oder Sponsoren geredet – und über Visionen: Kultur soll europäische Wege noch mal anders bahnen als wirtschaftliche und politische Beziehungen.

Diesmal haben die Delegierten auch die Kulturhauptstadt-Etats miteinander verglichen. Und siehe da: Das doch recht kleine Linz (Österreich, 2009 an der Reihe) verfügt über 60 Millionen Euro öffentliches Geld. Essen und das Ruhrgebiet (2010) können nach jetzigem. Stand auf 48 Mio. Euro zurückgreifen. Sponsorenmittel nicht mitgerechnet. Apropos: Da wäre das Revier froh, wenn es die Marke von Liverpool (2008) erreichen könnte, wo aus Privatschatullen 12 Mio. Pfund (rund 17,6 Mio. Euro) fließen.

Glasgow als leuchtendes Vorbild

Beispiel für einen Lerneffekt des Essener Treffens: Stavanger (Norwegen, 2008) hat Projektvorschläge fürs Hauptstadtjahr völlig ins Belieben gestellt und gleich über 700 erhalten, darunter etlicher Unsinn. Man musste mühsam sortieren und dabei viele Leute enttäuschen. Im Revier (500 Projekt-Ideen) hat man zeitig vorgefiltert.

Parallel mit dem Ruhrgebiet treten 2010 Pécs (Ungarn) und Istanbul (Türkei) an. Einzelheiten sind noch nicht ganz spruchreif, doch das Trio will konkrete Vorhaben miteinander umsetzen, Künstleraustausch und gemeinsame Tourismus-Werbung inbegriffen.

Wohin die Reise gehen soll, skizzierte der Kulturmanager Sir Bob Scott am Beispiel Liverpool. Ab 2008 solle die Welt anders über die Stadt mit dem bislang schäbigen Image denken. Musterbeispiel: Glasgow (1990), das sein Erscheinungsbild gleichsam runderneuert hat. Im Ruhrgebiet ist man für eine solche Erfolgsgeschichte besonders hellhörig.




Lesen vor Ort in Dortmund-Hörde – Zum Welttag des Buches: Wo kleine Läden die Stellung gegen Handelsketten halten

Von Bernd Berke

Welttag des Buches – ein Tag für die Leser. Aber auch ein Tag für den Buchhandel. Auf dem Markt geht es ruppig zu: Handelsketten machen kleinen, familiengeführten Buchläden immer öfter das Leben schwer.

Viele Geschäfte sind verschwunden, andere halten die Stellung. Ein Beispiel: die alteingesessene Buchhandlung Neumann im Dortmunder Ortsteil Hörde. Die WR sprach mit den Inhabern, Heinz-Jürgen Loheide und Tochter Claudia Krommes.

Ist Dortmund-Hörde ein guter Platz, um Bücher zu verkaufen?

Heinz-Jürgen Loheide: Wir sind mit unserem Standort zufrieden. Und wir freuen uns schon auf den Phoenix-See, der ganz in der Nähe entsteht. Der Stadtteil wird dadurch bestimmt attraktiver. Dann wird sich wohl auch der Mix des Publikums zum Vorteil verändern.

Wie sieht die Entwicklung in der Großstadt Dortmund insgesamt aus?

Loheide: Ähnlich wie im ganzen Land. Es herrscht ein Verdrängungswettbewerb, der inzwischen auch kleinere Städte erfasst. Die gesamte Dortmunder Innenstadt wird mehr oder weniger durch eine einzige Buchhandlung (Mayersche mit zwei Häusern, d. Red.) abgedeckt. Reine Freude kommt dabei nicht auf. Im Sog eines Großen muss man sich anders orientieren und sich spezialisieren. Wir verkaufen vor allem Schulbücher – auch in andere Städte. Es gibt inzwischen EU-weite Ausschreibungen für Schulbücher, deshalb können und müssen wir uns auch in weiter entfernten Regionen bewerben.

Was bedeutet der „Welttag des Buches“ für Sie?

Loheide: Im Prinzip ist es immer gut, für das Buch zu werben. Aber man muss eine Menge tun, um Resonanz zu erzielen – nicht nur am „Welttag“. Wir beraten beispielsweise Schulen beim Aufbau ihrer Büchereien…

Claudia Krommes: Gelegentlich veranstalten wir auch kleine Lesungen – oder Aktionen für Kinder. Aber: Ob der „Welttag“ wirklich hilft, wage ich fast zu bezweifeln. Es gab ja kürzlich diese Meldung, dass zwei von drei Kindern zu Hause nichts vorgelesen bekommen. Ich fürchtet dass diese Einschätzung stimmt. Da sind die Eltern viel, viel mehr gefragt. Übrigens: Kinder hören gern dieselbe Geschichte mehrmals. Da muss man nicht immer gleich ein neues Buch kaufen.

Sind Bücher denn zu teuer?

Krommes: Manche glauben das, es ist aber wohl nicht richtig. Taschenbücher liegen nach wie vor meist unter der 10-Euro-Grenze, Hardcover unter der 20 Euro-Grenze. Hörbücher werden tendenziell billiger. Und es gab zuletzt viele günstige Sonderreihen, so dass die Preise sogar im Schnitt leicht gesunken sind. Was immer noch nicht allen bewusst ist: Wegen der Buchpreisbindung sind die großen Anbieter nicht günstiger als die kleinen. Gäbe es die Preisbindung nicht, so würden nur die Großen profitieren, die beim Einkauf höhere Mengenrabatte erzielen.

Wie wichtig ist die Bestsellerliste?

Krommes: Sehr viele Leute halten sich daran. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob die gekauften Bestseller immer gelesen werden. Manches dürfte nur fürs Regal sein. Aber ich will micli nicht beschweren. Auch davon leben wir ja. Entscheidend sind immer die Wünsche der Kunden.

Sellerlisten sind aber nicht der einzige Orientierungspunkt. oder?

Loheide: Nicht, weil S i e mich das fragen, sondern weil’s wahr ist: Wenn bestimmte Bücher in den regionalen Tageszeitungen erwähnt werden, merken wir das gleich am gestiegenen Interesse. Das ist für uns wichtiger als der Auftritt eines Autors in einer Fernseh-Talkshow.

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HINTERGRUND

Katalanischer Brauch als Ursprung

  • Der Welttag des Buches geht auf eine Initiative der weltweiten Kulturorganisation Unesco zurück.
  • Ursprung ist ein alter kaltalanischer Brauch: Am 23. April, zum Namenstag des Volksheiligen St. Georg, schenkt man sich dort seit jeher Rosen und Bücher.
  • Weitere Bedeutung des 23. April: Es ist der Todestag der berühmten Autoren Miguel de Cervantes und William Shakespeare.
  • Seit 1996 wird der Welttag des Buches auch in Deutschland gefeiert – mit zahlreichen Aktionen in Buchhandlungen, Verlagen, Schulen, Bibliotheken.
  • Nähere Informationen, auch zu einzelnen Veranstaltungen in der Region: www.welttagdesbuches.de

 




Wer die Kulturhauptstadt beflügelt – Leitende Akteure der Ruhr 2010 GmbH stellten sich erstmals gemeinsam vor

Von Bernd Berke

Essen. Allzu viel Konkretes können sie naturgemäß noch nicht verraten – die frisch berufenen Leute vom Direktorium der Kulturhauptstadt 2010. Erst ab 1. April walten sie ihrer Ämter. Doch gestern, als sie sich erstmals gemeinsam öffentlich zeigten, konnte man schon mal Atmosphäre schnuppern: Und wenn nicht alles täuscht, so riecht es nach Aufbruch.

Derzeit noch WDR-Intendant, bald schon Vorsitzender Geschäftsführer der Kulturhauptstadt-GmbH: Angesichts dieser neuen Lebenslage bekennt Fritz Pleitgen: „Ich fühle mich, als wäre ich auf einen fahrenden Zug aufgesprungen. Aber ich bin noch gelenkig.“ Er habe überdies bereits gemerkt, „dass die Chemie zwischen uns allen stimmt“ – und blickt als wohlwollender Patriarch in die Runde seiner Mitstreiter bei der Ruhr 2010 GmbH. Der zweite Geschäftsführer, Essens zuletzt etwas beiseite gerückter Kulturdezernent Oliver Scheytt, pflichtet bei: „Seit Anfang Januar bin ich ein glücklicherer Mensch.“

Dieter Gorny stößt mächtig ins Horn

Überhaupt macht sich Euphorie breit. Einmütig und mit leuchtenden Augen versichern die vier neuen Sparten-Direktor(inn)en, die gleich unterhalb der Geschäftsführer angesiedelt sind, wie leidenschaftlich sie ihre neuen Aufgaben ansteuern wollen. Die (just wie Fritz Pleitgen) in Duisburg-Meiderich geborene Deutsch-Türkin Asli Sevindim (Spezialthema: Kultur und Migration) fühlt sich in erster Linie als „Ruhri“. Aus ihrem Munde klingt es nach neuen Horizonten.

Bochums Orchesterchef Steven Sloane (zuständig für die „Stadt der Künste“) kommt direkt aus Chicago und versprüht geradezu amerikanischen Optimismus im Hinblick auf die Kulturhauptstadt Ruhrgebiet. Der Musikmanager Dieter Gorny (Fachgebiet: „Kreativwirtschaft“) trifft verspätet aus Cannes ein und stößt mächtig ins Horn: „Das Ruhrgebiet ist schon jetzt eine einzigartige Metropole. Es gibt in ganz Europa keinen besseren Ort. Deshalb wohne ich immer noch hier.“

Keine „Aufmerksamkeits-Erregungs-Anstalt“

Es scheint, als hätte die Kulturhauptstadt, die Ende 2006 ein wenig kraftlos zu dümpeln schien, gleichsam über Nacht vielfache Flügel bekommen. Man hat das Gefühl: Das jetzige Team, zu dem bald noch weitere Experten stoßen werden, könnte es tatsächlich packen. Falls das Arbeitsklima auch hinter den Kulissen entspannt und begeistert bleibt wie der gestrige Kollektiv-Auftritt vor der Presse, so muss einem darum wohl nicht bange sein.

Fritz Pleitgen („Ich komme nicht als Missionar hierher“) benennt das hehre Ziel: Das Revier müsse im Zuge des Hauptstadt-Jahres 2010 als Kulturregion weltbekannt werden. Nicht mit Getöse, sondern mit Qualität und Substanz: „Wir verstehen uns nicht als Aufmerksamkeits-Erregungs-Anstalt.“ Und: „Unser Kollegium ist keine geschlossene Gesellschaft. Wir wollen alle mitnehmen auf dem Weg nach 2010.“

A April dürften sich die Programme der Kulturhauptstadt nach und nach präziser abzeichnen. Rund 400 Projektvorschläge sind bereits vorsortiert, etwa 30 davon werden bald näher unter die Lupe genommen. Fritz Pleitgen macht Tempo: „Mitte 2008 sollen die wesentlichen Programmpunkte stehen.“

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PROFILE

Ein Team mit vielen Erfahrungen

  • Geschäftsführer derKulturhauptstadt-GmbH Ruhr 2010 sind Fritz Pleitgen und Oliver Scheytt.
  • Die vier Spartenchefs:
  • Dieter Gorny, geboren 1953 in Soest. 1985-1989 Leiter des Rockbüros NRW. 1989-1991 Geschäftsführer der Popkomm-Messe. 1993-2005 Geschäftsführer des Musiksenders Viva.
  • Steven Sloane, geboren 1958 in Los Angeles. Nach vielen Jahren in Israel ab 1988 Kapellmeister an der Oper Frankfurt. Seit 1994 Orchesterchef in Bochum. Zahlreiche Gastauftritte in aller Welt.
  • Karl-Heinz Petzinka, geboren 1956 in Bocholt. 1982 Architekt im Büro O. M. Ungers, Köln. 1994 Gründung des eigenen Architektur-Büros. Bauten: CDU-Bundesgeschäftsstelle (Berlin), Stadttor (Düsseldorf), Hauptverwaltung Deutsche Telekom.
  • Asli Sevindim, geboren 1973 in Duisburg. Moderatorin beim WDR, u. a.„Funkhaus Europa“, „Aktuelle Stunde“, „Cosmo TV“.



„…dann wird 2010 ein strahlendes Jahr“ – Fritz Pleitgen über seine neue Kulturhauptstadt-Aufgabe

Von Bernd Berke

Dortmund. Der noch amtierende WDR-lntendant Fritz Pleitgen will als künftiger Kopf der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet für ein nachhaltiges Ereignis sorgen, dessen Wirkung weit über das Jahr 2010 hinaus reicht. Das sagte er gestern der WR.

Er soll sein neues Amt als Vorsitzender Geschäftsführer der Ruhr 2010 GmbH am 1. April antreten. Bis dahin, so Pleitgen, warte noch viel Arbeit beim Sender: „Ich kann nach 44 Jahren beim WDR nicht einfach fluchtartig davonlaufen, sondern muss meine vielen Verpflichtungen ordentlich zu Ende bringen.“

Zwischenzeitlich werde er sich aber auch schon in Sachen Kulturhauptstadt auf dem Laufenden halten und einarbeiten – im engen Kontakt mit Oliver Scheytt, dem zweiten Geschäftsführer und Essener Kulturdezernenten. Scheytt habe sehr gute Vorarbeit geleistet.

Pleitgen verriet, er sei schon Mitte 2006 gebeten worden, den Posten bei der Kulturhauptstadt zu übernehmen. Damals habe er noch nein gesagt, weil er andere Lebensplane gehabt habe: „Ich wollte Bücher schreiben und Filme machen.“ Doch kurz vor Weihnachten hätten NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und Werner Müller (Initiativkreis Ruhrgebiet) ihn nochmals „bearbeitet“. Pleitgen versichert: Jetzt wächst die Freude auf die neue Aufgabe von Tag zu Tag. Ich werde mit Entschlossenheit ans Werk gehen.“

Konkrete Pläne für die Kulturhauptstadt würden sich mit der Zeit ergeben: „Wollte ich jetzt schon mehr sagen, wäre das unseriös.“ Fest stehe, dass das Ruhrgebiet ein außergewöhnlich vielfältiges und starkes kulturelles Potenzial besitze. Pleitgen: „Mir gefällt der Gedanke, dass man sich an Paris und London messen will.“ Wesentlich sei, dass alle an einem Strang ziehen. „Dann wird 2010 ein strahlendes Jahr.“

Der gebürtige Duisburger fühlt sich dem Ruhrgebiet eng verbunden: „Ich stamme von hier. Deswegen sind mir die Belange des Reviers natürlich nicht gleichgültig.“ Als Intendant des WDR (Pleitgen: „Der Sender ist größter Kulturfaktor im Lande“) habe er die Kulturhauptstadt bereits nachdrücklich unterstützt.

Im übrigen, so Pleitgen, sei er schon zu seinen Zeiten als ARD-Korrespondent „nie nur ein politischer Journalist“ gewesen, sondern habe stets kulturelle Themen aufgegriffen. Er sei ein Liebhaber guter Literatur, lasse sich „gern von Musik gewinnen“ und gehe mit Freuden ins Theater. Für spezielle Fachfragen werde er im Kulturhauptstadt-Team viele Experten vorfinden.

Am 15. Januar (19 Uhr) hält Fritz Pleitgen im Dortmunder Konzerthaus einen Vortrag in der Reihe „Lektionen zur Musikvermittlung“.




Neuer Schub für die Kulturhauptstadt – Sogar Oliver Scheytt wird von Fritz Pleitgens Berufung überrascht

Von Bernd Berke

Essen/Dortmund. Die Nachricht kam gestern wahrlich überraschend: Fritz Pleitgen, derzeit noch Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR), wird Vorsitzender Geschäftsführer der Ruhr 2010 GmbH und damit praktisch Chef der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet.

Sogar Oliver Scheytt, bislang alleiniger Geschäftsführer der Kulturhauptstadt-GmbH, hat bis Mitte dieser Woche nichts davon gewusst. Er hadert aber keineswegs mit der neuen Personalie. Im Gegenteil. Scheytt gestern zur WR: „Ich finde die Lösung ganz toll!“

Eine Initiative zu dem Schritt ist offenbar von RAG-Konzernchef Werner Müller ausgegangen, der als Aufsichtsratsvorsitzender der Ruhr 2010 GmbH fungiert. Die Idee, Fritz Pleitgen einzubinden, soll ursprünglich allerdings Bundestagspräsident Norbert Lammert gehabt haben. Der Bochumer gilt als intimer Kenner der Ruhrgebietskultur. An den seit einiger Zeit sehr diskret geführten Verhandlungen mit Pleitgen war schließlich auch NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers entscheidend beteiligt. Er verkündete gestern mit Essens Oberbürgermeister Wolfgang Reiniger den neuen Stand der Dinge.

Abschied vom Sender früher als geplant

Fritz Pleitgens Vertrag als WDR-Intendant reicht bis zum 30. Juni dieses Jahres. Bei der Ruhr 2010 GmbH soll er indes bereits am 1. April 2007 die Amtsgeschäfte aufnehmen. Der WDR-Rundfunkrat müsste einer vorzeitigen Vertragsauflösung zustimmen, so dass Pleitgens designierte Nachfolgerin Monika Piel entsprechend früher als WDR-Intendantin antreten würde. Sie sagte, Pleitgens Berufung sei „für ihn wie für den WDR höchst ehrenvoll.“

Es heißt, dass Pleitgen nicht ganz leichten Herzens zugesagt habe, sich der Aufgabe im Ruhrgebiet zu widmen. WDR-Sprecherin Gudrun Hindersin: „Eigentlich hatte er, eine andere Lebensplanung Er wollte frei sein von täglichen Verpflichtungen, wollte Filme machen, ein Buch schreiben.“ Jetzt aber werde er sich mit ganzer Kraft der neuen Herausforderung stellen.

Wie könnte die Aufgaben-Verteilung zwischen Fritz Pleitgen und Oliver Scheytt künftig aussehen? Scheytt: „Wir haben uns jetzt ausführlich unterhalten und haben vereinbart, dass wir erst einmal alles gemeinsam machen.“ Der prominente Pleitgen werde sicherlich die großen repräsentativen Aufgaben übernehmen und etwa für Medien und Marketing zuständig sein. Scheytt selbst versteht sich als eine Art „Generalsekretär“ für die Programmarbeit der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet. Darin, dass Pleitgen ihm faktisch vorgesetzt wäre, sieht Scheytt kein Problem und scherzt: „Der Ältere hat den Vortritt.“

Jetzt bald Leitung für die Sparten benennen

Jetzt, so Scheytt weiter, könne man endlich ein schlagkräftiges Team für die Kulturhauptstadt bilden und bald Leiter(innen) für die einzelnen Sparten (beispielsweise Theater, Musik, Städtebau, Migration) benennen. „Nun geht es voran“, freut sich der Essener Kulturdezernent.

Überhaupt herrschte gestern allgemeine Freude über die veränderte Lage. Dortmunds Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer, zugleich Vorstandsvorsitzender beim Regionalverband Ruhr (RVR), zur WR: „Fritz Pleitgen kennt Land und Leute im Revier. Er ist ein großer Moderator und Kommunikator. Also ist es eine sehr gute Entscheidung. Pleitgen und Scheytt seien „ein optimales Team“.

Langemeyer verweist darauf, dass am 22. Januar noch Aufsichtsrat und Gesellschafter der Ruhr 2010 GmbH die Ernennung Pleitgens offiziell bestätigen müssen. Die Zustimmung gilt aber als sicher.

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ZUR PERSON

„Kind des Reviers“

  • Fritz Pleitgen ist sozusagen ein „Kind des Reviers“: Er wurde am 21. März 1938 in Duisburg geboren. Später lebte er zeitweise mit seiner Familie in Essen.
  • Seit 1995 ist Pleitgen Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR). Er war seinerzeit Nachfolger von Friedrich Nowottny. Pleitgens Nachfolgerin Monika Piel wird ihr Amt vermutlich zum 1. April 2007 antreten.
  • Erste journalistische Sporen verdiente sich Pleitgen bereits mit 14 Jahren als freier Mitarbeiter einer Lokalzeitung in Bielefeld.
  • Von 1970 bis 1977 war Pleitgen ARD-Auslandskorrespondent in Moskau.
  • Ab 1977 wurde er Korrespondent in Ost-Berlin, ab 1982 in Washington.

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KOMMENTAR:

Pleitgen als Kopf der Kulturhauptstadt

Befreiende Wirkung

Von Bernd Berke

Auf den ersten Blick verblüfft diese Entscheidung: Der scheidende WDR-Intendant Fritz Pleitgen soll oberster Kopf der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhrgebiet weiden.

Skeptiker mögen einwenden, dass Pleitgen kein Spezialist für Kultur sei. Aber ist das denn erforderlich? Man kann ihm jedenfalls schwerlich „Kulturferne“ vorwerfen, er sympathisiert mit den schönen Künsten – und mit der Region. Zum Team der Kulturhauptstadt 2010 werden überdies viele Fachleute gehören, die ihm beratend zur Seite stehen.

Pleitgen ist ja auch in ‚ erster Linie als Manager gefragt, der einen „großen Betrieb“ wie die Kulturhauptstadt bewegen und wirksam repräsentieren kann. Dass er dazu in der Lage ist, hat er beim WDR wahrlich längst bewiesen.

Der überraschende Besetzungs-Coup könnte sich durchaus als „Befreiungsschlag“ erweisen. Über Monate hatte sich das zähe Ringen um die Geschäftsführung hingezogen. Vor allem geisterte dabei der Name des US-Regisseurs Peter Sellars durch die Medien.

Die Revierstädte wollten sich indes keinen Glanz von außen aufdrängen lassen. Dieser Streit dürfte sich nun erledigt haben. Und damit kann endlich die harte Detailarbeit am Profil der Kulturhauptstadt beginnen.




Bei Luther fängt es an: Die kostbaren Bücher von Dortmund / Uni-Bibliothek zeigt erstmals ihre erstaunlichen Schätze

Von Bernd Berke

Dortmund. Wer hätte gedacht, dass in Dortmund solche Bücherschätze verwahrt werden: beispielsweise eine Ausgabe von Martin Luthers saftigen „Tischreden“ aus dem Jahr 1568.

Unter dem edlen lateinischen Titel „rara sunt cara“ (Seltenes ist teuer) zeigt die Dortmunder Uni-Bibliothek fetzt erstmals öffentlich einige ihrer Kostbarkeiten.

Moment! Die Dortmunder Uni ist doch erst 1968 gegründet worden. Auf welche Weise ist sie zu derart alten Büchern gekommen, wie man sie eher in Oxford oder Heidelberg erwarten würde?

Nun, früher gab’s einen speziellen Etat zur nachträglichen Anschaffung solcher Bestände. Außerdem haben inzwischen aufgelöste Institute (wie etwa die frühere, in den 1920er Jahren gegründete Pädagogische Hochschule) der Dortmunder Uni ihre Besitztümer vermacht.

Insgesamt umfasst die Raritäten-Abteilung heute rund 1000 Bände. Auch Handschriften (so etwa von Altkanzler Willy Brandt) werden hier sorgsam betreut.

Eins der jetzt unter schützendem Vitrinenglas präsentierten Bücher ist sogar noch ein Jahr älter als das erwähnte, jüngst prachtvoll restaurierte Luther-Werk. Der Katechismus aus dem Jahr 1567 hat allerdings sichtlich unter den Zeitläuften gelitten und wäre wohl fällig zur Aufarbeitung. Bibliotheksdirektorin Marlene Nagelsmeier-Linke beruhigt: „Im Vergleich zu anderen Universitäten ist unser Etat für Restaurierungen noch ganz passabel.“

Man sieht in der kleinen Ausstellung auch schmucke Raritäten aus etwas jüngerer Vergangenheit: Ein Bändchen mit Schriften des Romantikers Novalis (gedruckt 1815); einen Berufsratgeber („Was willst du werden?“) von anno 1840; Upton Sinclairs Roman „The Jungle“ (Ausgabe von 1906). Oder die erste deutsche Patentschrift (1877), die sich auf die Herstellung von roter Ultramarinfarbe bezieht. Auch die Technik hat ihre Historie.

All diese Werke vermitteln jedenfalls ein Gefühl für die althergebrachte Würde von Büchern. Und das dürfte auch die tiefere Absicht sein, die die Bibliothek zu dieser Schau bewogen hat. Angesichts finanzieller Probleme und vielfaltiger digitaler Konkurrenz kann man für herkömmliche Bücher wohl gar nicht genug die Trommel rühren.

„rara sunt cara – Seltenes ist teuer“. Universitätsbibliothek Dortmund (Vogelpothsweg 76), am Hörsaal E 5. Bis zum 19. Januar 2007. Öffnungszeiten der Bibtiothek: Mo bis Mi und Fr 8-20, Do 8-22, Sa 9-16 Uhr.

 




Die ganze Vielfalt des Landes – Mediathek von WAZ-Mediengruppe und WDR startet im September / Bücher, CDs und Filme über NRW

Von Bernd Berke

Essen. „Wir in Nordrhein-Westfalen. Unsere gesammelten Werke“. So heißt eine neue Edition mit allmonatlich erscheinenden Büchern, DVDs und CDs, die Anfang September startet.

Starke Partner sind im Boot: Die WAZ-Mediengruppe, zu der auch die Westfälische Rundschau gehört, arbeitet bei diesem großen Projekt mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) zusammen. Dritter im Bunde ist der Essener Klartext-Verlag. Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ-Gruppe, und WDR-Intendant Fritz Pleitgen stellten die gemeinsame Edition gestern im Design-Zentrum der Essener Zeche Zollverein vor.

Auf vorwiegend unterhaltsame Weise soll die Reihe das Landesbewusstsein in NRW stärken – passend zum bevorstehenden 60. „Geburtstag“ unseres Bindestrich-Bundeslandes. Dabei kommen alle Lebensbereiche in Betracht: Geschichte, Politik, Wirtschaft, Kultur, Natur und Sport, aber auch der ganz normale Alltag in der Region.

Das breite Spektrum der neuen Reihe reicht vom Schimanski-Krimi bis zur Reden-Sammlung des langjährigen NRW-„Landesvaters“ Johannes Rau, vom regional getönten Kabarett auf CD oder DVD bis zum nostalgischen Film über Revier-Fußball. Alle Titel erscheinen zu günstigen Vorzugspreisen. Wer abonniert, genießt Zusatz-Rabatt. Monatlich kommen im Wochenrhythmus vier Titel heraus.

Man kann hier viele Entdeckungen machen, denn einige wichtige Werke waren seit längerer Zeit vergriffen. Sie erleben in der „Mediathek“ eine ersehnte Neuauflage. Andere Bücher, Platten oder Filme sollen eigens entstehen. Über die Qualität wacht ein hochkarätiges Experten-Kuratorium. Im weiteren Verlauf der langfristig angelegten Edition können auch WR-Leser Wunschtitel vorschlagen.

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Seite Das Land und die Region:

Die Bürger des Landes können sich mit den Büchern, Filmen und Platten der neuen „Mediathek“ im Lauf der Zeit eine NRW-Sammlung zulegen, die ihresgleichen sucht. Wenn man allein bedenkt, welche regionalen Filmschätze in den Archiven des WDR schlummern…

WDR-Intendant Fritz Pleitgen zeigte sich gestern in Essen sehr angetan: „Selten hatte ich so wenig Zweifel an einem Projekt wie an diesem.“ Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ-Gruppe, betonte den wachsenden Wert der Region, die den Geist der Mediathek präge: „In einer Welt der Traditionsbrüche, des schnellen Neuen, eisiger Globalisierung und undurchsichtiger europäischer Anpassungsprozesse hat die Verwurzelung und damit soziale Stabilisierung im Lokalen und Regionalen zunehmend große Bedeutung.“ Das hiesige Landesbewusstsein sei niemals provinziell, sondern stets weltoffen und tolerant.

In diesem Sinne geht’s im September los mit der Mediathek der WAZ-Mediengruppe, zu der auch die WR gehört, und des WDR. Das Leitmotto des ersten Monats heißt „Land in Sicht“: Die DVD-Scheibe „NRW – der Anfang“ führt mit rarem Bildmaterial zurück in die Gründerzeit des Landes. Die Städte an Rhein und Rühr liegen in Kriegstrümmern. Doch schon bald regen sich die Kräfte, die diese Region wieder aufbauen wollen.

Die Chose mit Rheinländern und Westfalen

Lust auf Zukunft weckt sodann das gleichnamige Buch mit den gesammelten Reden des unvergessenen „Landesvaters“ und Bundespräsidenten Johannes Rau. Natürlich spielt auch dabei das „Wir-Gefühl“ in unserem Land eine zentrale Rolle.

Gemeinsames „Wir-Gefühl“? Nun ja. „Der Westfale ist der natürliche Feind des Rheinländers.“ So lautet ein scherzhaftes Credo des Kölner Kabarettisten Jürgen Becker (WDR-„Mitternachtsspitzen“). Auf der September-CD macht er die Probe. Hier trifft er auf einen ganz sturen Westfalen: Rüdiger Hoffmann, den Meister der verbalen Langsamkeit. Das Fazit der beiden so unterschiedlichen Landsleute liegt zwischen Aufstöhnen und Umarmung: „Es ist furchtbar, aber es geht.“ Nämlich die Chose mit Westfalen und Rheinländern. Halbwegs. Irgendwie. Und mit viel Gelächter.

Markante Wiederentdeckungen

„Schönes NRW“ heißt die vierte Neuerscheinung, die das September-Programm abrundet. Dieser Reiseführer zu den historischen Stadt- und Ortskernen macht mit zahlreichen Farbfotos, Karten und Infos Appetit auf Erkundungsreisen durchs Land.

Die vier Starttitel dienen als Einführung ins NRW-Thema, sie sind eine gewichtige Basis der Edition. In den folgenden Monaten geht es vielfach spielerischer zu. Beispiel: der Oktober mit markanten Wiederentdeckungen. Da lock die DVD mit Raubein „Schimanski“ („Tatort: Schwarzes Wochenende“ von 1985). Als literarisches Kleinod folgt Irmgard Keuns Roman-Satire „Nach Mitternacht“, die im Köln der Nazizeit spielt. Die CD „Ruhrtour“ versammelt Hörbilder aus 50 Jahren zu einem akustischen Porträt der industriellen Kernlandschaft von NRW. Außerdem erscheint ein besonderes Geschichtsbuch mit demokratischen Lehrbeispielen. Hier erfährt man, wie die Menschen an Rhein und Ruhr ihre Geschicke erfolgreich selbst in die Hand nehmen.

Später folgen z. B. „Maus“-Geschichten für Kinder, Fußballfilme, Kochbücher, Texte des gebürtigen Düsseldorfers Heinrich Heine, diverse Ruhrgebiets-Romane und die Historie von Unternehmen wie Krupp. Nach und nach also: die ganze Vielfalt des Landes.

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INFO

Leserläden, Buchhandel und Internet

  • Offizieller Starttermin der neuen Mediathek ist Montag, 4, September.
  • Die Edition mit monatlich vier Titeln (jede Woche einer) umfasst im Medienmix literarische Texte, Sachbücher, CDs und DVDs – durchweg mit Bezug zum Land NRW.
  • Es wird mehrere Bezugsquellen geben: Leserläden der WAZ-Mediengruppe (also auch der Westfälischen Rundschau), normaler Buchhandel und Internet. Die Homepage wird in Kürze freigeschaltet.
  • Die Titel der Reihe könneu entweder einzeln oder im besonders günstigen Abo-Paket (monatlich vier Titel für insgesamt 21,90 Euro) erworben werden. Für WR-Abonnenten erfolgt die Lieferung frei Haus.
  • Einzelpreis pro Buch 7,95 Euro, für jede DVD oder CD 8,50 Euro.



Flimm: „Wir sind noch befreundet“: Nach Rollen-Absage erhebt Veronica Ferres Vorwürfe, doch Triennale-Chef bleibt gelassen

Von Bernd Berke

Zuerst hatte sich die Schauspielerin Veronica Ferres gar nicht weiter zu ihrer Rollen-Absage an die RuhrTriennale äußern wollen. Grund: Sie sei mit Triennale-Chef Jürgen Flimm befreundet. Jetzt freilich erhebt sie im Interview mit der Frankfurter  Allgemeinen Zeitung (FAZ, gestrige Ausgabe) recht bittere Vorwürfe gegen Flimm. Der wiederum empfiehlt im Gespräch mit der WR, die Sache niedriger zu hängen.

Flimm habe ihr die Triennale-Produktion „Courasche oder Gott lass nach“ als Chance zu einer großen Charakterrolle schmackhaft gemacht, so Ferres in dem FAZ-Interview. Der Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino sollte ihr das Stück eigens „auf den Leib“ schreiben. Im Juni habe sie die bis dahin fertigen Passagen des Dramas gelesen, dessen (einzige) Hauptfigur eine alternde Hure ist. Sie sei erschrocken und enttäuscht gewesen.

„Es geht ums ,Ficken’…“

Veronica Ferres zur FAZ über ihren Schock: „Um es deutlich zu sagen: Es geht ums ,Ficken‘, es geht seitenlang um Sperma…“ Die Absprachen mit Flimm seien seinerzeit in eine ganz andere Richtung gegangen. Ferres wörtlich: „Ich komme mir ein wenig vor wie die Figur im Stück – die Männer bestimmen: Friß oder stirb, du mußt die Beine breit machen.“

Wenn solche Aussagen im Raum stehen, sollte man denn doch die „andere Seite“ hören. Die WR erreichte Jürgen Flimm gestern telefonisch in Salzburg. Flimm: „Das Stück war doch noch nicht einmal fertig. Veronica hat den dritten Akt überhaupt noch nicht gekannt. Sie wusste gar nicht, wie sich die Figur am Ende entwickelt. Sie war viel zu ungeduldig mit ihrer Absage. Aber bitte: Sie hat natürlich das Recht zu einem solchen Schritt.“

Keinerlei Anlass für Rechtshändel also, zumal sich die Verluste für die Triennale in engen Grenzen hielten. Flimm: „Wir reden hier gerade mal über sechs von etwa 100 Triennale-Vorstellungen.“ Und man habe die Produktion ja frühzeitig stoppen können.

Der Text war noch gar nicht fertig

Jedenfalls, so Flimm, hätte es durchaus Möglichkeiten gegeben, den Text hie und da noch zu ändern: „Das ist theaterüblich. Ein Autor liefert die Textvorlage, dann geht es an die weitere Arbeit.“ Besonders den ersten Akt habe er selbst „sehr gut“ gefunden, ein paar Stellen hätten aber auch für seine Begriffe etwas zu deftig geklungen. Genazino wäre allerdings bereit gewesen, das Eine oder Andere zu streichen. Außerdem, so Flimm: „Ich könnte Sätze aus Becketts ,Warten auf Godot‘ zitieren, da käme einem das Stück ganz obszön vor. Oder nehmen Sie Shakespeares ,Titus Andronicus‘, da geht es richtig zur Sache…“

Was sagt Flimm zu Ferres‘ Vermutung, die RuhrTriennale hätte ihre Popularität als Verkaufsmagnet einsetzen wollen? Der Triennale-Chef: „Das stimmt überhaupt nicht. Da könnte ich jetzt eine halbe Stunde lang erzählen. Aber ich lasse es lieber.“

Ferres behauptet auch, man habe ihr anwaltlich verboten, öffentlich aus dem Genazino-Stück zu zitieren. Flimm: „Auch nicht richtig. Es ist gar nicht nötig. Hier greift schon das bloße Urheberrecht, solange ein Autor seinen Text noch nicht freigegeben hat.“ Die FAZ zitiert Veronica Ferres schließlich mit dem Satz: „Flimm hat mir geschrieben, daß es keinerlei Berührungspunkte mehr geben wird in unserem Leben.“ Jürgen Flimm zur WR: „Unsinn! Ich möchte mal wissen, woher sie das hat. Ich sehe es so, dass wir immer noch miteinander befreundet sind.“

Vielleicht wär’s Zeit für eine Aussprache zwischen den beiden? Flimm: „Die wird es wohl geben. Wir werden uns irgendwann mal im Café zusammensetzen und reden.“ Wahrscheinlich dann, wenn über die Angelegenheit ein wenig Gras gewachsen ist.

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HINTERGRUND

Ersatz für „Courasche“ wird gesucht

  • Nach der Absage von Veronica Ferres hat Triennale-Chef Jürgen Flimm die Duisburger „Courasche“-Produktion gestoppt. Es wird ein Ersatzstück gesucht.
  • Flimm hatte Ferres die Rolle Ende 2005 offeriert.
  • Wilhelm Genazino, Autor des strittigen Stücks, wurde 1943 geboren. Er war u. a. Redakteur beim legendären Satireblatt „Pardon“, ist seit 1971 freier Schriftsteller und bekam 2004 den Büchner-Preis. Genazino schrieb u. a. „Abschaffel“ (Trilogie, 1977), „Das Licht brennt ein Loch in den Tag“ (1996) und „Die Liebesblödigkeit“ (2005).
  • Der Barockdichter Grimmelshausen lieferte den „Courasche“-Stoff, den auch Bert Brecht nutzte.



„Die Chance darf man nicht verspielen“: Architekt Eckhard Gerber im Gespräch – nicht nur über Museumspläne fürs „Dortmunder U“

Von Bernd Berke

Dortmund. Die Pläne für ein großes Kunstmuseum im früheren Brauereiturm „Dortmunder U“ scheinen vorerst gescheitert zu sein. Jetzt will auch die Dortmunder SPD-Fraktion das Projekt aus Finanzgründen zumindest auf Eis legen. Auch über diese neue Entwicklung sprach die WR mit dem Dortmunder Architekten Prof. Eckhard Gerber, dessen Planungen zum Umbau des Turms weit vorangeschritten sind.

KUlturseite der WEstfälischen Rundschau vom 14.7.2006 – Bild: Architekt Prof. Eckhard Gerber mit seinem Modell des „Dortmunder U". (Foto: Bodo Goeke)

Kulturseite der Westfälischen Rundschau (WR) vom 14.7.2006 – Auf dem Bild: Architekt Prof. Eckhard Gerber mit seinem Modell des „Dortmunder U“. (WR-Foto: Bodo Goeke)

Was nun? Ist das Museums-Projekt etwa vom Tisch?

Eckhard Gerber: Ich denke nicht. Klar ist doch: Der „U-Turm“ steht. Es muss etwas mit ihm passieren. Das Museum wäre die beste Lösung. Die Zeit wird es wohl bringen, die Sache muss reifen. Die politische Diskussion darüber hat sich geradezu tragisch entwickelt. Das „U“ wäre doch eine ganz große Chance, ein auffälliges Bild von Dortmund in die Welt zu transportieren. Damit könnte man das Image der Stadt ruckartig verbessern. Eine Stadt wie Dortmund kann und muss so etwas wirtschaftlich verkraften.

Das sehen einige Politiker anders. Ihnen erscheinen Umbau und Folgekosten schlichtweg als zu teuer.

Gerber: Nun, jede Stadt versucht, ihr Image aufzupolieren. In Hamburg wird die Elbphilharmonie gebaut – für 160 Millionen Euro, davon wird etwa die Hälfte aus privatem Geld bestritten. Auch das „Dortmunder U“ müsste zu einer Gemeinschaftsaufgabe der Bürger und der Wirtschaft werden. Die Stadt kann es auch ohne Fördermittel des Landes schaffen, es ist eine Frage der Prioritäten. Das „U“ kostet 35 bis 38 Millionen Euro. Höhere Zahlen sind einfach aus der Luft gegriffen.

Und die Folgekosten?

Gerber: Auch die wird man stemmen können. Das Museum wäre das Dortmunder Highlight zur Kulturhauptstadt Europas 2010. Eine große Chance, die nicht verspielt werden darf.  Nur mit diesem Projekt könnte Dortmund, die siebtgrößte Stadt Deutschlands, seine Position z. B. gegenüber Essen behaupten und über den Fußball hinaus internationale Aufmerksamkeit erreichen. Andernfalls würden wir im provinziellen Schlaf versinken.

Dortmunds CDU und FDP hatten bereits einen Bürgerentscheid gegen die Museumspläne angesteuert.

Gerber: Die Sache darf nicht zum politischen Ränkespiel werden. Man muss den Bürgern vermitteln, dass das Museum im „U“ notwendig ist, um unser Bild in der Welt neu zu formulieren.

Der Dortmunder Fall hat Hintergründe. Jährlich gibt es neue Besucherrekorde beim, „Tag der Architektur“. Zugleich verschärft sich der Wettbewerb der Städte um Wahrzeichen. Ist Baukunst bedeutsamer geworden?

Gerber: Es gibt zwei wichtige Aspekte, die Architektur ausmachen. Zum einen die Bedeutung von Architektur als Imageträger, zum anderen Architektur als uns ständig umgebender Lebensraum: Wir leben stets in und mit Architektur. Sie kann uns motivieren, aber auch traurig machen.

Wie verhält es sich mit der Städte-Konkurrenz?

Gerber: Architektur war immer schon ein Träger von einprägsamen Bildern. Eine Stadt verkörpert sich als „Bild“. Bei Paris denkt man gleich an den Eiffelturm, bei Köln an den Dom, bei Sydney an die Oper, bei Bilbao neuerdings an das GuggenheimMuseum von Frank Gehry. Ein solches Bild von Dortmund gibt es nicht – bestenfalls mit der Westfalenhalle: Auswärtige sehen die Stadt zuerst immer noch als einen Ruhrpott-Ort der Zechen und Stahlwerke. Doch dieser Stadt ist längst ein Ort von High Tech, Dienstleistung, Kultur und viel Grün. Die Wirtschaft muss fähige Menschen in die Städte holen. Dabei ist Kultur ein wichtiger Faktor.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Ruhrgebiets?

Gerber: Die Region hat mit dem Niedergang von Kohle und Stahl eine enorme Entwicklung durchgemacht. Die neuen Universitäten waren treibende Kräfte. Trotzdem: Die Revierstädte sind noch zu unscheinbar. Eine Ausnahme wäre Essen mit der Zeche Zollverein, die ursprünglich abgerissen werden sollte. Heute ist sie ein international bekanntes Bild der Stadt, ein Ort der Kultur. Die neue Nutzung alter Industriegebäude stiftet neue Identitäten.

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HINTERGRUND

Es bleibt die Kostenfrage

  • Eckhard Gerber hat u. a. entworfen: Harenberg City-Center und RWE Tower (Dortmund), Stadthalle (Hagen), Marktplatzbereich der Neuen Mitte (Bergkamen, 1993), Neue Messe (Karlsruhe), King Fahad Nationalbibliothek (Riad/Saudi-Arabien).
  • Gerbers Museums-Entwurf fürs „Dortmunder U“ wird von der Stadtspitze favorisiert.
  • Das „U“ sollte nicht nur die Sammlungen des Ostwall-Museums (inklusive Depot) aufnehmen, sondern auch Medienkunst sowie Werke des 19. Jahrhunderts aus der Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz („Kleine Nationalgalerie“).
  • Bleibt die Kostenfrage: Zum „Dortmunder U“ strebten CDU und FDP letztlich einen Bürgerentscheid gegen die Museumspläne an, für den mindestens 90 000 Stimmen erforderlich wären.
  • Jetzt hat sich auch die SPD-Fraktion festgelegt: Ohne Fördermittel des Landes NRW könne Dortmund das Museum nicht finanzieren, heißt es.
  • Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann, Befürworter des Museums, zur WR: „Da ist eine ungute Konflikt-Dynamik entstanden.“

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KOMMENTAR

Eine Hängepartie

Der Umbau des Dortmunder „U“-Turms zum Museum steht in allen Prospekten zur Revier-Bewerbung als Kulturhauptstadt 2010 – als sei er schon fertig. Mag sein, dass auch dieses ehrgeizige Projekt der Jury in Brüssel imponiert hat.

Bei aller Sympathie für kulturelle Visionen kann man die prekäre Finanzlage der Stadt nicht übersehen. Ohne Fördergeld des Landes und private Mittel dürfte das Großvorhaben kaum zu schultern sein. Beide Geldquellen sind noch nicht aufgetan. Man kann nur hoffen, dass sich dies ändert. Eine Hängepartie. Also Zeit für eine Denkpause.

Natürlich ist der Architekt Eckhard Gerber in diesem Falle auch „Partei“. Ganz klar, dass er das Wort fürs „U“-Museum ergreift. Doch hat der Mann Unrecht?

Eine solche Chance, bundesweit auf sich aufmerksam zu machen, kommt wohl so schnell nicht wieder. Und ein Fußball-Museum als „Ersatz“, von dem manche schon reden? Tja, das würde prima zum althergebrachten Dortmunder Image passen.

                                                                                                                               Bernd Berke

 




Kulturhauptstadt: Keine Atempause – Rund 200 Projekte stehen schon auf den Listen, täglich kommen neue hinzu

Von Bernd Berke

Dortmund. Schon länger nichts mehr gehört zum Thema „Kulturhauptstadt Ruhrgebiet 2010″. Seit dem europäischen Jury-Entscheid vom 11. April sind einige Wochen ins Land gegangen. Doch der Schein der Ruhe trügt: Die Organisatoren hatten kaum eine Atempause. Im Gegenteil.

Kulturhauptstadt-Moderator Oliver Scheytt gestern beim Pressetermin im Dortmunder Konzerthaus: „Dass es nach dem Jury-Votum mit der Arbeit erst richtig losgeht, habe ich ja geahnt. Aber so massiv hätte ich es nicht erwartet. Wir sind voll im Geschäft.“

Die Finanzierung „steht“ weitgehend, das Gesamtvolumen soll von 2007 bis 2010 rund 78 Mio. Euro betragen. Wenn der Europäische Rat im November das Jury-Votum bestätigt (womit fest zu rechnen ist), kann noch in diesem Jahr eine Kulturhauptstadt GmbH gegründet werden, für die man dann eine künstlerische Leitung sucht. Scheytt: „Das muss jemand sein, der auch schon mal Nein sagt und Projekte ablehnt.“

Ideen gibt es wohl genug, sie müssen gewichtet und sortiert werden. Rund 200 Projekte stehen bereits auf den Listen, täglich kommen rund fünf bis zehn Vorschläge hinzu. Sie stammen zu 84 Prozent aus der Region selbst. Doch auch ein ehemaliger Zahnarzt und Hobbysegler aus Husum offerierte seine Dienste. Auf dem Bootsweg vom hohen Norden nach Istanbul (gleichfalls Kulturhauptstadt 2010) wollte er kulturelle Botschaften aus dem Revier mit an den Bosporus nehmen.

Eine ganze Garde von Kulturdezernenten und Amtsleitern des Reviers war gestern dabei, als Scheytt den Stand der Dinge erläuterte. Es wurde deutlich, dass die Städte ihre vielfältigen Aktivitäten schon jetzt eng miteinander abstimmen. Da wächst wohl zusammen, was zusammen gehört.

Auch in den Randzonen des Reviers regt sich etwas

Es gibt übergreifende Schwerpunkte (z.B. Lichtkunst, Aktionen an Wasserwegen), doch jede Kommune betont auch eigene Stärken. Beispiel: Dortmunds Dezernent Jörg Stüdemann setzt vor allem auf „Musik als verändernde Kraft“. Die Projekte sollen sich ums Brückstraßen-Viertel mit Konzerthaus, Jazzclub domicil, Chorakademie und Orchesterzentrum ranken. Zudem dürfte bildende Kunst in den Vordergrund rücken, das Spektrum soll von digitalen Arbeiten (Medienkunst in der Phoenixhalle) bis zum großen Bilder-Auftritt (Wunschprojekt „Dortmunder U“) reichen.

Regt sich auch etwas in den Randzonen des Reviers? Offenkundig schon. Unnas Kulturamtsleiter Axel Sedlack (Schwerpunkte: Lichtkunst, Krimifestival „Mord am Hellweg“, das Schaffen von Komponistinnen) versicherte, in seiner Stadt diskutiere man bereits seit zwei Jahren das Thema Kulturhauptstadt, nun beteilige sich auch gesamte Kreis Unna verstärkt.

Mehrere Kulturdezernenten (vor allem aus kleineren Gemeinden) ließen durchblicken, dass sie sich von der Kulturhauptstadt keine grandiosen neuen „Leuchttürme“, sondern eher eine Stärkung und Festigung der vorhandenen Kultur erhoffen. Und ein dichteres Netzwerk mit den anderen Städten.

Wie sieht’s mit der vielfach befürchteten Dominanz von Essen aus? Oliver Scheytt, hauptamtlich Essens Kulturdezernent, beteuert: „Ich ärgere mich immer, wenn ich die Bezeichnung ,Kulturhauptstadt Essen‘ lese.Es geht ums ganze Ruhrgebiet.“ Auswärtige können diese Gegend allerdings oft kaum verorten. So wurde gestern der Mülheimer Komiker Helge Schneider zitiert. Wenn man ihn draußen fragt, wo das Ruhrgebiet liege, sage er nur noch: „Bei Frankfurt“.

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HINTERGRUND

Markenrechte gesichert

  • Die Organisatoren der Kulturhauptstadt haben sich die Markenrechte an ihrem Ruhrgebiets-Logo gesichert. Wer es verwendet, soll möglichst zahlen. Die FIFA hat’s bei der Fußball-WM im großen Stile vorgemacht.
  • Die bisher rund 200 Projektvorschläge stammen zu 35 Prozent von Kulturschaffenden.
  • Den Löwenanteil machen Vorschläge zur „Stadt der Künste“ aus, hier rangiert die Bildende Kunst (25 Prozent) ganz vorn. Abgeschlagen: Theater mit lediglich 3 Prozent.

 




Wenn Schalke mit Borussia singt: Franz Wittenbrinks Lieder-Revue „Männer“ in Gelsenkirchen – und bald in Dortmund

Von Bernd Berke

Gelsenkirchen/Dortmund. Zum Theater geht’s über die Autobahn A 42, Abfahrt Gelsenkirchen-Schalke. Für manchen Fan der Dortmunder Borussia ist dies fußballerisches „Feindesland“ und „verbotene Stadt“. Just die uralte Rivalität der Revierclubs prägt das musikalische Bühnenspektakel „Männer“.

Allerdings haben bei dieser Inszenierung (tribünentauglich gesprochen) die Schattenparker und Warmduscher das Sagen, denn es herrscht tendenziell Versöhnung zwischen Schwarzgelb und Blauweiß. Kleinere Rangeleien lösen sich rasch in Wohlgefallen auf. Es ist eben eine ausgewogene Produktion für zwei WM-Städte: Das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier und das Dortmunder Schauspielhaus mögen es schiedlich-friedlich. Mit einem lauen 0:0 endet denn auch ein anfänglich geschildertes Bundesliga-Match.

In Gelsenkirchen hatte das 90minütige Sangesspiel jetzt Vorab-Premiere, teilweise noch unter Probenbedingungen. Bald wird das Ganze auch in Dortmund zu sehen sein, dann wohl hoffentlich etwas ausgefeilter. Vor allem Beleuchtung und Tontechnik wären noch zu justieren.

Notdürftig auf Revier-Verhältnisse umgemodelt

Vorlage ist einer jener Liederabende des Franz Wittenbrink, notdürftig auf Ruhrgebiets-Verhältnisse umgemodelt. Und was drängt sich da heftiger auf als das ewige Derby zwischen dem BVB und Schalke 04, das hier angereichert wird mit der alten „Romeo und Julia“- bzw. „West Side“-Story. Sprich: Liebe über die Grenze verfeindeter Clans hinweg, Borussen-Fan verguckt sich in Schalke-Mädel. Diese pikante Liaison bleibt freilich eher episodisch in all dem Sängerwettstreit, der da anhebt.

Tribüne als Bühne: Hie der Schalker Block mit fünf, dort die BVB-Ecke mit vier Fans. Im munteren Wechsel schmettern die Darsteller Schlachtgesänge, vor allem aber Evergreens: lauter Einblicke in hahnenstolze, doch oft auch waidwunde Männerseelen. Man hört Kracher von Westernhagen („Sexy“), Grönemeyer („Currywurst“, „Alkohol“), Maffay („Und es war Sommer“) oder Udo Jürgens („Mit 66 Jahren“) sowie Beatles-Songs („Yesterday“, „Let it be“).

„We Will Rock You“ mit Heintje-Text

Ausflüge in deutsche Schlager-Tradition („Ich brech‘ die Herzen der stolzesten Frau’n“) wechseln mit fetzigen Rock-Einlagen („Wild Thing“). Und dass der urzeitliche Stampf-Rhythmus des „Queen“-Klassikers „We Will Rock You“ mit Heintjes „Mama“-Text gefüllt werden kann, ist wirklich verblüffend. Auswahl, Abfolge und Arrangement sind der eigenschöpferische Anteil in Wittenbrink gut geölter Wiederaufbereitungs-Anlage.

Was ist das nun? Liederabend, Nummernrevue, Musical mit Karaoke-Charme? Von allem etwas. Jedenfalls macht es Spaß. Denn Regisseur Andreas Wrosch hat im gereiften Ensemble (Schwerpunkt bei „50 plus“) die richtigen Typen versammelt. Profis sorgen fürs musikalische Gerüst, und eigens gecastete Revier-Originale geben er Aufführung authentischen Anstrich.

Alle einigen sich auf Anti-Bayern-Song

Gerade dann, wenn sich nicht alles in glatter Perfektion erschöpft, kommt die geheime Wahrheit mancher Lieder zum Vorschein. So etwa bei Willibald Zumpe (64), früher Bergmann in Dortmund-Mengede, seinerzeit im Chor der Zeche Hansemann und jetzt auf der Bühne als BVB-Altrocker zugange.

Am Schluss haben sich die Fan-Blöcke auf zwei Nenner geeinigt. Erstens darauf: Wahre Liebe kann alle Vereins-Schranken überwinden. Und zweitens auf jene güldene Parole, die sich in bierseliger Gemeinsamkeit grölen lässt: „Wir werden nie zum FC Bayern München geh’n!“

Gelsenkirchen (Musiktheater) 22. April, 15., 29. Mai. 1., 3. Juni. Tel.: 0209/40 97 200 / Dortmund (Schauspiel) 25. April, 22., 30., 31. Mai, 7. Juni. Tel.: 0231/50 27 222.

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ZUR PERSON

Häufig nachgespielt

  • Franz Wittenbrink (Jahrgang 1948) war von 1993 bis 2000 musikalischer Leiter am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.
  • Die von ihm thematisch zusammengestellten und arrangierten Lieder-Programme werden landauf landab nachgespielt, z. B. „Sekretärinnen“, „Mütter“, „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ und „Männer“ (1997 uraufgeführt).
  • Die Fassung von Gelsenkirchen/Dortmund wird musikalisch geleitet von Bill Murta und Jochen Hartmann-Hilter.



„Dortmund ist kein Vorort von Essen“ – Gespräch mit Jörg Stüdemann / Nach der Wahl des Reviers zur Europäischen Kulturhauptstadt

Von Bernd Berke

Dortmund. Gestern war „Tag eins“ nach der Wahl Essens und des Ruhrgebiets zu Europas Kulturhauptstadt 2010. Anlass genug, um mit dem Dortmunder Kulturdezernenten Jörg Stüdemann über die Lage in der Region zu sprechen.

Woran denken Sie beim Stichwort „Hauptstadt des Ruhrgebiets“?

Jörg Stüdemann: (lacht) Na, an Dortmund natürlich. Aber mal im Ernst: Eigentlich denke ich da an gar keine bestimmte Stadt. Ich habe früher in Bochum und Essen gearbeitet und habe nie eine Hauptstadt erblickt. Im Grunde gibt es hier kein Zentrum, sondern eine gesunde Rivalität zwischen den Städten,

Besteht nicht die Gefahr, dass Essen jetzt Dortmund kulturell „abhängt“?

Stüdemann: Überhaupt nicht. Gut, einige Sponsoren werden sich nun stärker in Essen engagieren. Aber das ist auch schon so ziemlich alles. Der Etat für die Kulturhauptstadt ist doch relativ bescheiden, verglichen mit unserem städtischen Kulturhaushalt.

Wohlweislich später eingestiegen

Ist Dortmund ins Thema Kulturhauptstadt nicht zu spät eingestiegen?

Stüdemann: Solange die Kulturhauptstadt mit der Idee einer auf Essen zentrierten „Ruhrstadt“ verbunden war, konnte sie in Dortmund oder Duisburg nicht viel Sympathie erzeugen. Dortmunds Größe und Tradition sprechen dagegen, sich degradieren zu lassen. Wir sind kein Vorort von Essen. Damals haben wir gedacht: Wir werden uns wohlweislich erst einmal davon distanzieren. Inzwischen verhält sich die Sache anders. Es gibt einen weiteren Grund für den späteren Einstieg. Im Gegensatz zu Essen sind wir Fußball-WM-Stadt. Das bedeutet enorm viel Arbeit und finanziellen Einsatz. Daneben war ein stärkeres Engagement für die Kulturhauptstadt nicht zu leisten.

Was trägt Dortmund zur Kulturhauptstadt bei?

Stüdemann: Es wäre unredlich zu behaupten, Dortmund werde das Zentrum des Geschehens sein. Bochum und Duisburg übrigens auch nicht. Das ist nun mal Essen. Doch wir machen eine Menge. Wir haben das multikulturelle „Melez“-Festival in Bochum organisiert und die Dortmunder „Twins“-Konferenz mit den europäischen Partnerstädten ausgerichtet.

Und in Zukunft?

Stüdemann: Es gibt drei Schwerpunkte. Erstens die Medienkunst, unter anderem in der Phoenixhalle. Zweitens das Brückstraßen-Viertel als künftige „Musik-Meile“: Konzerthaus, Orchesterzentrum, Chorakademie, das „domicil“ für Jazz und Weltmusik. Spätestens 2010 soll es außerdem ein großes Musikfest in Dortmund geben, und wir planen ein Zentrum für Musikwirtschaft – mit Tonstudios, Agenturen und dergleichen. Drittens bringen wir das Projekt „Dortmunder U“ ein.

Dieser frühere Brauereiturm steht als künftiges Museum in den Bewerbungsunterlagen zur Kulturhauptstadt, als wäre alles schon fertig. Aber es hakt doch weiter bei denLandeszuschüssen, oder?

Stüdemann: Wir gehen immer noch davon aus, dass wir dort 2010 ein großes Museum haben werden. Die Idee ist einfach toll, viele hochkarätige Fachleute aus anderen Städten sind davon angetan. Was die Landeszuschüsse betrifft: In Essen steht mit der Zeche Zollverein ein unglaublich teures Projekt, da fragt offenbar niemand nach Bau- und Folgekosten. Der dortige Umbau, der 1986 eingeleitet wurde, sollte anfangs 30 Millionen Mark kosten, inzwischen liegt man bei etwa 190 Millionen, mit steigender Tendenz. Trotzdem hat das Land dort stetig mitgefördert. Beim „Dortmunder U“ aber wird penibel nachgerechnet. Auch in Dortmund selbst werden von manchen Leuten immer nur die Schwierigkeiten aufgespürt. Jeder Krümel wird da langwierig ausgewalzt.

Das hieße also: Dortmund ist noch nicht genügend begeistert, um auch das Land für die Idee zu gewinnen?

Stüdemann: So ist es. Leider. Dabei geht es beim „Dortmunder U“ um vergleichsweise geringe 17 Millionen Euro Landesförderung. Mal so gefragt: Muss sich wirklich alles im Rheinland abspielen? Fast 80 Prozent der Landesmittel für Museumsbau sind in den letzten Jahrzehnten dorthin geflossen.

Der Dortmunder Krimi-Verleger Rutger Booß (Grafit-Verlag, d. Red.) sagt: Spätestens Jetzt, im Rahmen der Kulturhauptstadt, braucht das Revier ein Literaturhaus. Eine Option für Dortmund?

Stüdemann: Von der Tradition her schon. Dortmund wäre dafür prädestiniert. Und die Region kann ein solches Haus bestens verkraften. Aber wir haben schon zahlreiche andere „Baustellen“…

Wie wird sich die Kulturhauptstadt im Umland auswirken? Haben auch die Sauerländer etwas davon?

Stüdemann: Unbedingt! Das ist doch klar. Bei einer so großen Kampagne für die Kultur will sich keine beteiligte Stadt blamieren. Das werden die Besucher aus dem Umland merken. Nicht nur kulturell, sondern auch baulich wird sich einiges verbessern. Davon haben alle etwas. Und Nachbarstädte wie Unna mit seinem wunderbaren Lichtkunstzentrum sind ohnehin fest eingebunden.

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ZUR PERSON

Mann mit „Szene“-Erfahrung

  • Jörg Stüdemann (Jahrgang 1956) ist Dortmunds städtischer Dezernent für die Bereiche Kultur, Sport und Freizeit. Sein Werdegang:
  • Von 1984 bis 1987 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum.
  • Von 1987 bist 1992 Mitarbeiter im soziokulturellen Zentrum „Zeche Carl e. V.“ in Essen. Diese Einrichtung der „Alternativ“-Szene genießt einen guten Ruf im gesamten Ruhrgebiet.
  • Ab 1992 Leiter des „Pentacon“ (Zentrum für Medienkultur) in Dresden.
  • Von 1994 bis 2000 Dezernent für Kultur, Jugend und Sport in Dresden. Aus der sächsischen Landeshauptstadt wechselte Jörg Stüdemann nach Dortmund.

 




Gemeinsam geht’s – Kommentar zur Kulturhauptstadt-Entscheidung für Revier

Von Bernd Berke

Da kann man sich sonst noch so kühl und skeptisch geben: Als Bewohner dieser Region darf man seit gestern wirklich ein wenig stolz sein. Das Ruhrgebiet“ ist Europas Kulturhauptstadt 2010. Wunderbar!

Wer hätte vor zehn Jahren so etwas zu denken gewagt? Höchstens einige phantasievolle Kulturschaffende. Die spüren Veränderungen oft lange vor den Politikern. Und sie haben auch den grundlegenden Wandel dieser Gegend früh bemerkt. Mehr noch: Die Kulturszene ist seit einiger Zeit eine große Triebkraft dieses Wandels.

Haben wir jetzt im Revier das Paradies, in dem das Geld für Kultur nur so strömen wird? Wohl kaum. Die hiesigen Städte ächzen vielfach unter Finanzlasten. Ohne Sponsoren sowie Zuwendungen von Bund und Land wird sich die Kulturhauptstadt nicht vollends entfalten können. Der frisch errungene Titel ist jedenfalls ein bärenstarkes Argument gegen mancherorts drohende Kürzungen im Kulturbereich.

Nicht wenige fürchten jetzt, dass Essen sich zur alleinigen Ruhrgebiets-Metropole aufschwingen könnte und sich die ganz großen Stücke vom leckeren Kuchen abschneidet. In dieser Hinsicht wird man, etwa in Dortmund, in Hagen und im Kreis Unna, tatsächlich wachsam sein müssen. Doch in Essen werden sie bestimmt klug sein und wissen, dass sie das anstehende Mammut-Programm gar nicht allein stemmen können. Nur gemeinsam geht’s.

Essens Kulturdezernent Oliver Scheytt dürfte denn auch nicht zu Alleingängen neigen. Er ist schon jetzt so etwas wie der „Mann des Jahres“ in der Region. Schier unermüdlich hat er die Bewerbung vorangetrieben. Er und sein kleines Team sind dabei bis an die Grenzen der menschlichen Belastbarkeit gegangen. Deshalb ist es gut, dass ihm bald eine künstlerische Leitung zur Seite stehen soll. Der Mann (oder die Frau) für diese immense Aufgabe wird noch gesucht. Eine wahrhaft spannende Personalie.

Vorgestern gab’s die bunten Werbeprospekte fürs Revier. Gestern haben wir gefeiert. Heute beginnt die wirkliche Arbeit.

 




„Eine riesige Chance für die Region“ – Reaktionen auf Brüsseler Kulturhauptstadt-Entscheidung fürs Revier / WR fragte in der Kulturszene nach

Von Rolf Pfeiffer und Bernd Berke

Dortmund. Die Entscheidung für die Europäische Kulturhauptstadt Essen/Ruhrgebiet hat in der Region große Freude ausgelöst. Doch es gibt auch ein paar skeptische Stimmen. Die WR befragte Kulturschaffende und Kulturverantwortliche.

Seite der Westfälischen Rundschau zur Kulturhauptstadt-Entscheidung fürs Ruhrgebiet. (Repro: BB)

Seite der Westfälischen Rundschau vom 12.4.2006 zur Kulturhauptstadt-Entscheidung fürs Ruhrgebiet. (Repro: BB)

„Freude, nichts als Freude!“ So beschrieb Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann seine Gefühle nach der guten Nachricht aus Brüssel. Endlich werde das Ruhrgebiet anders wahrgenommen. Stüdemann zur WR: „Jetzt werden kulturelle Vorhaben enorm befördert, es wird eine große Dynamik entstehen.“ Dortmund werde sich nach Kräften beteiligen. Einige Projekte seien längst vorbereitet.

Glücklich und erleichtert ist auch Thomas Hengstenberg, Kultur-Fachbereichsleiter beim Kreis Unna. Die Entscheidung furs Ruhrgebiet sei vor allem klimatisch wichtig. Hengstenberg hofft: Jetzt wird es viel schwerer sein, bei der regionalen Kultur den Rotstift anzusetzen.“ Die Gefahr sei jetzt, dass Essen alle großen Projekte an sich ziehe.

Lünens Kulturbüro-Leiter Werner Althoff: „Dieses Votum ist so wichtig für unsere Region.“ Eine „riesige Chance“ fürs gesamte Ruhrgebiet sieht man auch beim Schwerter Kulturbüro. Dessen stellvertretende Leiterin Heike Pohl glaubt aber, dass das große Geld auch in die großen Städte fließen werde.

Hagens 1. Bürgermeister Hans-Dieter Fischer, zugleich Vorsitzender des Kulturausschusses beim Regionalverband Ruhr: „Ich bin begeistert. Olympia haben wir verloren, Wissenschaftsstadt haben wir verloren, bei der Kultur haben wir gewonnen.“

Der Dortmunder Verleger Bodo Harenberg: „Endlich hat mal ‚was geklappt! Jetzt hat die Kultur das geschafft, was die Politik nicht zustande bringt.“ Nun müsse schleunigst das gesamte Ruhrgebiet einbezogen werden: „Die Kulturhauptstadt darf keine Essener Lokal-Feier werden.“ Dortmund habe sich bislang viel zu wenig eingebracht, es werde höchste Zeit: „Morgen muss die Arbeit beginnen!“

Der Dortmunder Filmemacher Adolf Winkelmann ist nicht weiter überrascht: „Ich finde die Entscheidung toll – und zugleich absurd.“ Denn: „Das Ruhrgebiet war doch schon immer Kulturhauptstadt, es musste gar nicht eigens dazu ernannt werden.“

Tana Schanzara, „Revier-Duse“, hatte nie Zweifel am Erfolg. „Für mich war ganz klar, dass Essen stellvertretend für das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt werden muss: Hier sind die Theater toll und knackevoll. Und das Publikum ist super.“

Tanas Chef, Bochums Theaterintendant Elmar Goerden: „Das Wort von der gewachsenen Kulturlandschaft, oft genug eine Floskel, ist hier im Ruhrgebiet an seinem einzigartigen Platz. Gibt es ein schöneres Durcheinander, Drunter und Drüber, Glück auf und ab? Also denn auf ein großes Fest-Essen!“

„Ich finde die Entscheidung ganz großartig für die Region“, sagt Dortmunds Schauspiel-Intendant Michael Gruner. „Jetzt ist die Chance gegeben, dass die Kultur mehr im Blickpunkt ist.“

„Die Entscheidung der Brüsseler Jury ist eine grandiose Bestätigung für die Region und ihre Menschen, denen es in den letzten Jahrzehnten gelungen ist, den dringend benötigten Strukturwandel voranzubringen“, befand unterdessen Christine Mielitz, Direktorin der Dortmunder Oper, mit internationalen Regie-Gastspielen zwischen Japan und Australien.

Auf Impulse, „von denen auch die Kulturszene und die Menschen in Dortmund profitieren werden“, hofft Dortmunds Konzerthaus-Intendant Benedikt Stampa. „Ich persönlich“, ergänzt er, „setze nun auf viele neue Projekte, die von den kulturellen Einrichtungen aller Ruhrgebietsstädte gemeinschaftlich getragen werden.“

Stellvertretend für die RuhrTriennale jubelt ihr Chef Jürgen Flimm: „Nun schauen wir also alle voller Freude auf das Jahr 2010 und hoffen auf kreative und unbürokratische Festspiele. Glück auf!“

Frank Hoffmann, Leiter der Ruhrfestspiele: „Ich bin regelrecht begeistert, glücklich über die Entscheidung. Ich war sicher, dass es Essen würde! Für die ganze Region ist das eine unheimlich große Chance, nach vorne zu kommen – für eine Region, die noch nicht so an einem Strang zieht, wie es sein sollte.“

Weiteres Highlight ist das Klavierfestival Ruhr. Franz Xaver Ohnesorg, der Intendant: „Das Ruhrgebiet kann sich in kultureller Hinsicht am Weltmaßstab messen. Wir müssen aber noch mehr Energie in die Vermittlungsarbeit stecken“. Dazu gebe es nun große Chancen.

„Gestern waren wir Papst, und heute sind wir Kulturhauptstadt – kein Problem Ruhrgebiet“, findet Christian Stratmann, Prinzipal des Mondpalast-Theaters in Wanne-Eickel. „Voraussetzung ist allerdings, dass wir drei ganz wichtige Dinge beachten: kommunizieren, kommunizieren, kommunizieren.“

Gefreut hat sich auch der Ruhrgebiets-Komödiant Uwe Lyko alias Herbert Knebel:„Das Revier hat’s verdient.“ Allerdings meint er auch: „Was mir auf den Senkel geht:In letzter Zeit hat sich hier eine seltsame Euphorie breit gemacht, gepaart mit einer gewissen Arroganz. Fast so, als könne einem keiner das Wasser reichen.“ Kultursparten wie die Kleinkunst würden ohnehin nicht profitieren: „Uns hat man nie gefördert.“

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HINTERGRUND

Verfahren war ziemlich langwierig

  • Die Ernennung Europäischer Kulturhauptstädte geht zurück auf eine Idee der früheren griechischen Kulturministerin Melina Mercouri.
  • Nach einer bis 2019 festgelegten Länder-Reihenfolge nennen die EU-Staaten ihre Favoritenstädte.
  • Im Falle der deutschen Auswahl für 2010 gab es ein langwieriges Ausscheidungsverfahren. Zuerst ließ Essen den Revier-Mitbewerber Bochum hinter sich. Landesweit erhielt Essen dann den Vorzug vor Münster und Köln.
  • Im März 2005 setzten sich Essen und das Ruhrgebiet sowie das sächsische Görlitz bundesweit durch gegen: Braunschweig, Bremen, Halle, Karlsruhe, Kassel, Lübeck, Potsdam und Regensburg.
  • So geht’s jetzt weiter: Nach dem Jury-Entscheid spricht die Europäische Kommission eine Empfehlung aus. Schließlich verleiht der Europarat den Titel. Bisher sind die Gremien stets der Jury-Entscheidung gefolgt.

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Der Beitrag stand am 12. April 2006 in ähnlicher Form in der Westfälischen Rundschau (WR)




Heute ist der Tag der Wahrheit – Essen oder Görlitz: Entscheidung über Kulturhauptstadt 2010 wird mittags in Brüssel verkündet

Von Bernd Berke

Dortmund. Heute gilt’s! Zur Mittagszeit werden wir wissen. ob Essen und das Ruhrgebiet oder das sächsische Görlitz Europas Kulturhauptstadt 2010 werden. Um 11.30 Uhr will die EU-Jury in Brüssel ihre Entscheidung verkünden. Spannender geht’s nimmer.

Jubel und Enttäuschung werden dann so dicht beieinander liegen wie sonst im Sport. Die fußballerische „T“-Frage (Torwart Lehmann statt Kahn als Nummer eins) ist unter großem Getöse geklärt worden. Jetzt steht also die K-Frage an – „K“ wie Kulturhauptstadt. Und man möchte lieber keine Wetten auf diesen Super-Dienstag abschließen, so offen scheint der Ausgang des Rennens zu sein.

Beide Städte bzw. Regionen haben jahrelang auf die heutige Entscheidung hingearbeitet. Immense Energien und Hoffnungen sind allseits eingeflossen. Beide Bewerbungs-Teams fühlen sich bestens gerüstet und glauben jeweils, die stärkeren Argumente auf ihrer Seite zu haben. Alles andere wäre ja auch erstaunlich.

Tritt mit Görlitz ein kleiner David gegen den Goliath Ruhrgebiet an? Sollte man in der siebenköpfigen Jury mehrheitlich so denken, wäre es vielleicht ein gefühlter Vorteil für die Sachsen, denn oft liegen die Sympathien in derlei Fällen beim „Kleineren“. Ängstliche Spekulationen…

Bei der Präsentation der Programme und Projekte am 15. März in Brüssel hat die Jury den Essenern eine Frage gestellt, die hellhörig macht. Sinngemäß: Wozu braucht ihr denn noch den Titel, ihr habt doch zwischen Dortmund und Duisburg schon so viele kulturelle Highlights? Ein verquerer Gedanke, bei dem man ins Grübeln gerät. Ebenso gut könnte man Görlitz vorhalten, dass es eine so schmucke Altstadt besitzt.

Eigentlich wäre in Sachen Kulturhauptstadt wohl „der Westen“ an der Reihe. Berlin und Weimar haben den Titel getragen. Käme nun Görlitz zum Zuge, so hätte die ganze Geschichte eine ziemlich deutliche Schlagseite. Görlitz de ist ja sogar die östlichste deutsche Stadt überhaupt.

Doch wir wollen hier nicht die fatale Ost-West-Konkurrenz aufbauschen, die längst auch auf finanzpolitischem Felde herrscht. Fest steht: Beide Bewerber könnten den Geld- und Image-Gewinn sehr gut gebrauchen, der mit der Kulturhauptstadt verbunden wäre. Wenn’s nur ums Gönnen ginge, müsste der Titel brüderlich geteilt werden. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.

Aus Sicht des Ruhrgebiets könnte einem etwas bang zumute werden, wenn man sich die Konzepte ansieht. Auf den ersten Blick scheint der deutsch-polnische Brückenschlag, den Görlitz mit der Partnergemeinde Zgorzelec plant, griffiger zu sein als das vielfältige Bestreben des Reviers, das als multikulturell geprägte „Industrieregion im Wandel“ eher eine gesamteuropäische Perspektive einnimmt. Jedoch: Kann denn Vielfalt Sünde sein?

Dass man in Essen heute – unabhängig vom Ausgang – auf jeden Fall groß feiert, hat sogar schon Gerüchten Raum gegeben: Wissen die Essener vielleicht doch schon etwas?Ist etwa ein mehr oder weniger vager Hinweis aus der Jury durchgesickert? Eigentlich kaum vorstellbar. Ganz klar: Auch eine etwaige „Niederlage“ muss zünftig begangen werden. Das (Kultur)-Leben geht jedenfalls weiter.

Gewiss steht die Entscheidung seit Tagen fest, sie wird just heute bekannt gegeben. Die Juroren scheinen ihrer Sache recht sicher zu sein. Sie haben auf Informations-Reisen in die Bewerberstädte verzichtet; ganz so, als hätte es da gar keinen Klärungsbedarf‘ mehr gegeben.

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HINTERGRUND

Gefeiert wird auf jeden Fall

  • Diese Delegation fährt heute früh um 7.30 Uhr in Richtung Brüssel:
  • Oliver Scheytt (Kulturdezernent von Essen und „Moderator“ der Kulturhauptstadt-Bewerbung), Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (NRW-Kulturstaatssekretär), Heinz- Dieter Klink (Direktor des Regionalverbands Ruhr – RVR), Hans-Georg Küppers (Kulturdezernent von Bochum) und Jürgen Fischer (Leiter des Bewerbungsbüros).
  • Die Entscheidung über die Kulturhauptstadt wird um 11.30 Uhr in Brüssel verkündet. Im Essener Rathaus-Foyer wird das Ereignis live auf Großleinwand übertragen.
  • Gegen 17 Uhr kehrt die Delegation nach Essen zurück. Dann soll es eine Feier auf dem Kardinal-Hengsbach-Platz geben.
  • Ab 19 Uhr steigt eine Party auf der Essener Zeche Zollverein (Halle 5) – je nach Stimmungstage bis tief in die Nacht.‘



Dortmunder „U“: Der Turm, die Stadt und die Kunst – Gespräch mit Kurt Wettengl, dem Direktor des Ostwall-Museums

Dortmund. Die Museumslandschaft Dortmunds steht vor einem folgenschweren Umbruch. Das traditionsreiche Ostwall-Museum soll etwa 2009 oder 2010 in den ehemaligen Brauereiturm „Dortmunder U“ umziehen. Ein Architektenwettbewerb zum Umbau läuft. Bereits im Mai soll eine Jury die besten Entwürfe auswählen, dann muss der Stadtrat über das Großprojekt entscheiden. Ein Gespräch mit Ostwall-Direktor Dr. Kurt Wettengl.

Frage: Sie waren jahrelang in Frankfurt am Main tätig. Damit verglichen ist doch die Dortmunder Museumsszene etwas dürftig, oder?

Kurt Wettengl: Die beiden Städte sind halt sehr unterschiedlich. Es gibt in Frankfurt etwa zehn städtische Museen, die viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die sich aber auch gegenseitig Konkurrenz machen. In Dortmund liegen die Dinge klarer: Hier gibt es das historische Museum an der Hansastraße, das naturkundliche Museum und eben das Ostwall-Museum für Kunst, dazu ein paar kleinere Spezialmuseen. Damit sind die wesentlichen Bereiche abgedeckt.

Warum brauchen wir trotzdem das „Dortmunder U“?

Wettengl: Dort hätten wir viel mehr Platz für die Ostwall-Sammlung. Ungefähr 5200 Quadratmeter statt etwa 1600 am jetzigen Standort. Man könnte dann manches aus den Depots hervorholen, beispielsweise Video-Installationen.

Ist denn der fensterlose Brauereiturm als Ausstellungsort für Kunst geeignet?

Wettengl: Ich hab mir die Situation angesehen. Die großen Räume sind im Prinzip sehr gut geeignet. Es kommt natürlich auf die Umbaupläne der Architekten an. Auch darauf, wie das Gelände erschlossen wird. Die Beleuchtung wird nicht ganz einfach sein. Aber wenn alles gelingt, wäre das Haus ein Anziehungspunkt fürs gesamte Ruhrgebiet. Mindestens.

Was geschieht nach einem Umzug mit dem bisherigen Ostwall-Gebäude?

Wettengl: Die Ratsmehrheit hat bereits beschlossen, dass das „U“ Vorrang genießt und dass man die konkurrierende Idee eines Ausbaus am bisherigen Standort nicht weiter verfolgt. Was aus dem jetzigen Haus wird, weiß ich nicht. Das ist eine politische Frage.

Wäre denn ein Verkauf oder gar ein Abriss tatsächlich denkbar? Würde das nicht zu Protesten weit über Dortmund hinaus führen?

Wettengl: Nun, das Gebäude hat eine Geschichte, es ist ein Ort der Erinnerung. Viele Kunstfreunde hängen einfach daran – auch emotional. Das Haus ist nicht zuletzt ein Symbol für den demokratischen Aufbruch in der Nachkriegszeit. Es wäre schon gut, wenn es weiterhin kulturell genutzt würde.

Es gibt Stimmen, die sagen, das Haus könne zu einem „Museum der Sammler“ umgewidmet werden, zu einem Platz für mäzenatische Leihgaben oder Schenkungen.

Wettengl: Mh, davon höre ich jetzt zum ersten Mal. Aber wenn der Beschluss fürs „U“ gefasst ist, wird man sich schon Gedanken machen.

Ist eigentlich noch die Idee lebendig, dass die großen Museen der Region ihre Bestände zeitweise austauschen oder zu einer großen Schau zusammenlegen?

Wettengl: Der Gedanke lebt immer mal wieder auf, ist aber zur Zeit etwas eingeschlafen. Falls Essen und das Ruhrgebiet Europäische Kulturhauptstadt 2010 werden, könnte die Idee zu einem gemeinsamen starken Auftritt allerdings wieder befördert werden.

Woher kommen eigentlich Ihre Besucher am Ostwall?

Wettengl: Manchmal aus Düsseldorf oder Köln. Meistens aber aus Dortmund selbst und aus der näheren Umgebung: Münsterland, Sauerland, Kreis Unna. Mit dem „Dortmunder U“, das sehr nah am Hauptbahnhof liegt, würde sich das Einzugsgebiet wohl erheblich vergrößern.

Wird Ihnen die Fußball-WM mehr Besucher bringen? Oder sind das ganz verschiedene Zielgruppen?

Wettengl: Ich glaube schon, dass auch wir davon profitieren werden. Viele Gäste kommen nicht nur wegen des Fußballs nach Deutschland. Sie wollen auch die WM-Städte und ihre Kultur kennen lernen. Neulich war schon ein Fernsehteam aus dem Teilnehmerland Trinidad-Tobago bei uns im Museum. Wir werden ab 8. Juni einen „WM-Erfrischungspavillon“ haben: eine Ausstellung über Kioske im Revier, unter anderem mit selbst kommentierter Live-Übertragung vom Spiel Brasilien – Japan aus dem Dortmunder Stadion.

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HINTERGRUND

Ein Umzug ins „U“ wird nicht billig

  • Dr. Kurt Wettengl ist seit rund einem Jahr Chef des Dortmunder Museums am Ostwall.
  • Das markante, 1926/27 errichtete „Dortmunder U“ war früher das Gär- und Lagerhaus der Union-Brauerei.
  • Insgesamt könnte der U-Turm auf sechs Geschossen 11000 Quadratmeter Museumsfläche bieten.
  • Neben den Ostwall-Beständen, die um 2010 hierher umziehen sollen, gäbe es noch reichlich Platz für bisher nicht gezeigte Video-Installationen der Ostwall-Sammlung, für die „Kleine Nationalgalerie“ (Kunst des 19. Jahrhunderts / Leihgaben aus Berlin), ein Kindermuseum und Depots.
  • Die Umbaukosten sollen rund 34 Millionen Euro betragen, der Innenausbau dürfte weitere 3 Mio. Euro kosten. Später werden laufende Betriebskosten anfallen.
  • Die Stadt Dortmund hofft auf Zuschüsse vom Land – in Höhe von mindestens 50 Prozent der Baukosten. Bisher gibt es noch keine Zusage aus Düsseldorf.

(Der Beitrag stand in ähnlicher Form am 4. April 2006 in der „Westfälischen Rundschau“, Dortmund)




Auch Bochum will ein Konzerthaus bauen – Finanzielle Vorbehalte / „Konkurrenz“ reagiert gelassen

Von Bernd Berke

Bochum. Auch Bochum möchte ein Konzerthaus bauen – für 21,4 Mio. Euro. Dies hat gestern der städtische Kulturausschuss im Grundsatz bekräftigt.

Allerdings wurde auf die im November 2006 anstehenden Haushaltsberatungen verwiesen. Falls das Projekt dann bejaht wird: Würde eine neue Konkurrenz für die Philharmonien in Dortmund und Essen drohen?

Die WR fragte nach und vernahm betont gelassene Stimmen. Dortmunds Konzerthaus-Chef Benedikt Stampa findet den Vorgang undramatisch und sagt sogar: „Das wäre eine Supersache. Die Bochumer Symphoniker hätten es verdient.“

Bisher muss das Orchester (Leitung: Steven Sloane) zwischen diversen Bochumer Spielstätten „tingeln“. Mit dem Neubau neben der Jahrhunderthalle bekäme es endlich eine feste Bleibe. Das Bochumer Haus mit rund 1100 Plätzen (Dortmund: fast 1600, Essen: 1800) würde zudem in einer anderen Liga spielen, meint Stampa: „Da dürfte es keine großen Publikums-Bewegungen geben.“

Ähnlich unaufgeregt sind die Erwartungen bei der Essener Philharmonie. Und Prof. Franz Xaver Ohnesorg, Chef des Klavierfestivals Ruhr, findet: „Die Entscheidung wäre längst überfällig. Wenn man es intelligent anfängt und eigene Profile findet, so ergänzen sich die Häuser.“

Bochums Kulturdezernent Hans-Georg Küppers stellt klar: „Wir wollen kein Konzerthaus im eigentlichen Sinne, sondern in erster Linie eine feste Spielstätte für unsere Symphoniker.“ Gewiss könne es auch Fremdveranstaltungen geben, doch eher im Jazz- oder Kammermusik-Bereich.

Hat es im Vorfeld Absprachen zwischen den Revier-Kommunen gegeben, die sich gemeinsam anschicken, Europäische Kulturhauptstadt 2010 zu werden? Offenbar ja. Mit seinen Dezernenten-Kollegen Jörg Stüdemann (Dortmund) und Oliver Scheytt (Essen) ziehe er auch in der Angelegenheit „an einem Strang – und zwar in dieselbe Richtung“, versichert Bochums Küppers. Auch mit den Chefs der Philharmonien in Essen und Dortmund herrsche Einvernehmen.

Das Problem ist Bochums prekäre Haushaltslage. Das Konzerthaus soll von der Stadt-Tochter „Entwicklungsgesellschaft Ruhr“ gebaut werden. Ab 2009 würden jährlich 1,3 Mio. Euro Mietkosten zu Lasten der Stadt anfallen. Spätestens bis dahin, so Küppers, müsse man den Etat so weit konsolidieren, dass sich Bochum diese Ausgabe erlauben kann. Unter solchen Vorbehalten wurde denn auch gestern im Kulturausschuss beraten. Denn die Bezirksregierung in Arnsberg überwacht die Bochumer Haushaltsführung genau.

 




Die Liebe zur alten Maschinenhalle: Marie Zimmermann stellt sich als künftige Intendantin der RuhrTriennale vor

Von Bernd Berke

Düsseldorf. So etwas fällt heutzutage richtig auf: Marie Zimmermann (50), die künftige Chefin des Kulturfestivals RuhrTriennale, ist passionierte Kettenraucherin. Als sie sich gestern in Düsseldorf der Presse vorstellte, zündete sie sich etliche Glimmstengel an.Viel Rauch um nichts?

Im Gegenteil: Man ahnt, dass sie einiges bewegen könnte im Revier. Sie kommt nicht mit fertigen Weltbildern oder dröhnenden Gewissheiten daher, sondern entwickelt neue Einsichten offenbar im behutsamen Dialog. Überdies scheint sie eine gute Zuhörerin zu sein und (gesellschaftspolitisch akzentuiert) über die Grenzen der Kulturszene weit hinaus zu denken. Weitere Basis-Qualifikation für die Region: Auch mit Fußball kennt sie sich aus. Na, bitte.

Von Wien ins Revier

Sie steht vor einer großen Herausforderung: Von 2008 bis ins erhoffte Kulturhauptstadt-Jahr 2010 soll sie die Geschicke der Triennale leiten. Über größere Zeiträume mag sie noch nicht nachdenken. Man wird sehen. Im Frühjahr 2007 will sie von Wien, wo sie derzeit den Schauspielbereich der Wiener Festwochen leitet, ins Ruhrgebiet ziehen.

Spekulationen, Marie Zimmermann werde die Intendanz einer etwaigen Europäischen Kulturhauptstadt Essen/Ruhrgebiet gleich mit übernehmen, erübrigen sich. Im Fall des Falles werde die Triennale zur „Hauptstadt“ wesentliche Beiträge leisten. Doch die langjährige Theaterdramaturgin, die nicht selbst Regie führt, stellt auch klar: „Hier muss ein präziser Kreidestrich gezogen werden.“ Sprich: Sie steht für eine klare Abgrenzung der Kompetenzen. Erst müsse jede Institution für sich wirken, dann kämen Gemeinsamkeiten. Dies gelte auch fürs Verhältnis zu den Ruhrfestspielen.

Die besondere Melodie der Region

Die Spielstätten der Triennale, zumeist frühere Industrie-Bauten, haben es ihr schon jetzt angetan. Einige dieser Orte hätten eine geradezu majestätische Aura. Spezielle Liebe auf den ersten Blick: die Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck.

„Ich bin eine enthusiastische Regionalistin“, bekennt Zimmermann. Sie werde sich im Revier auf „sucherische Heimatkunde“ verlegen, sich ausgiebig umsehen. Sie nehme das Ruhrgebiet als „lebendige, teilweise auch bedrängte“ Gegend wahr. Die besondere „Melodie“ der Region solle künftige Triennale-Produktionen prägen. Und dann zitiert sie eine Buchweisheit, die auch auf hiesige Breiten anwendbar sein könnte: „Die Desillusionierung ist die haltbarste Form der Erkenntnis.“ Vom Aufbruch reden wir später einmal.

Auch die Freie Szene einbeziehen

Natürlich ist es noch zu früh, um konkrete Einzelheiten zu nennen. Doch will sie erstmals auch der Bildenden Kunst Auftritte bei der Triennale verschaffen – vielleicht in kreativer Verknüpfung mit Theater und/oder Musik.

Obwohl sie keine direkte Erfahrung mit Musiktheater hat, möchte sie diese Sparte weiter pflegen. Sie verlässt sich dabei keineswegs auf frühe hausmusikalische Praxis (als Jüngste von sechs Geschwistern), sondern vor allem auf fachkundige Berater. Gut möglich, dass Marie Zimmermann Projekte aus der „Freien Szene“ rekrutiert, hohes Niveau vorausgesetzt. Sie ist bekannt für Aufgeschlossenheit in diese Richtung.

Doch das Festival (Etat: 38 Millionen Euro pro Dreijahres-Turnus) könne keinen Ausgleich für jede finanziell gebeutelte Truppe schaffen: „Die RuhrTriennale ist nicht das Bankhaus der Szene, und bin nicht die Schnittmenge aus Mutter Teresa und dem Weihnachtsmann.“

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HINTERGRUND

Erfahrung mit anderen Theaterfestivals

  • Die RuhrTriennale wurde 2002 gegründet.
  • Ein Festivaldurchgang umfasst je drei Spielzeiten.
  • Bisherige Intendanten:. Gérard Mortier (2002-2004) und Jürgen Flimm (2005-2007).
  • Die künftige Triennale-Chefin Marie Zimmermann wurde 1955 in Simmerath (bei Aachen) geboren.
  • Sie studierte Germanistik, Philosophie und Soziologie, war freie Journalistin.
  • Über die Leitung einer Pressestelle (Stadtwerke Aachen) kam sie als Pressesprecherin zur Landesbühne Esslingen – Beginn ihrer Theaterlaufbahn.
  • Sie hat u. a. die Festivals „Theaterformen“ (Hannover/Braunschweig) und „Theater der Welt“ (Stuttgart) geleitet.

 




Sorge um Kulturtetat des Kreises Unna

Von Bernd Berke

Kreis Unna. Ist das denn denkbar: dass es auf Schloss Cappenberg (Seim) gar keine Kunstausstellungen mehr gäbe. Oder dass das ebenso schmucke Haus Opherdicke (Holzwickede) verkauft würde und der Kultur nicht zur Verfügung stünde?

„Ich halte inzwischen alles für möglich“, sagt Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD), Kulturdezernentin des Kreises Unna, im WR-Gespräch. Es gebe starke konservative Kräfte, die den Kulturetat des Kreises am liebsten „auf Null setzen“ würden. Sie befürchtet, dass in den laufenden Etatverhandlungen das Kulturbudget (jährlich 2,9 Mio. Euro) angetastet werden könnte. Die einstige Koalition von SPD und Grünen ist „geplatzt“, politische Mehrheiten müssen nun von Fall zu Fall gesucht werden. Am 7. März wird der Haushalt im Kreistag beraten.

Nicht nur die genannten Kulturstätten, die weit übers Kreisgebiet hinaus wirken, wären schlimmstenfalls gefährdet. Es geht auch um Zuschüsse für die Neue Philharmonie Westfalen (500 000 Euro). Zudem fördert der Kreis eine komplette Vorstellungsreihe im Lüner Hilpert-Theater, das Museum für Lichtkunst in Unna (47 000 Euro) und das Festival „Welttheater der Straße“ in Schwerte (Vorjahr: 25 000 Euro), zu dem Tausende pilgern.

Besonders peinlich wären Kürzungen mit Blick auf die Kulturhauptstadt-Bewerbung des Reviers, an der sich der Kreis z. B. mit dem Lichtkunst-Museum beteiligt. Warminski-Leitheußer ist als Dezernentin auch für Sozialpolitik zuständig. Kommt die studierte Juristin in Gewissens-Konflikte zwischen Sozialem und Kultur? Nein, denn: „Den Haushalt können wir nur sanieren, wenn es weniger Arbeitslose gibt. Einsparungen bei der Kultur bringen fast nichts und schaden nur“, betont sie vorsorglich.

Den Löwenanteil des Haushalts, rund 77 von 90 Mio. Euro, wendet der Kreis Unna für den Sozialbereich auf, insbesondere im Rahmen von „Hartz IV“. „Schon bei geringen Schwankungen nach oben würden die gesamten 2,9 Millionen Euro aus dem Kulturbereich nicht reichen, um hier auszugleichen.“ Kultur präge nicht nur das Image des Kreises, sondern vermittle auch Identität. Die Dezernentin: „Wir können doch nicht unsere Wurzeln kappen!“




Am Tag der Zwillings-Geburten – Im Zeichen der Kulturhauptstadt: „Twins“-Treffen mit Partnerstädten in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Zwei Kulturen auf gleichem Terrain in Dortmund – doch sie nahmen keine Notiz voneinander. Im Goldsaal der Westfalenhallen trafen sich am Samstag rund 250 Spitzenvertreter aus 102 Partnerstädten der Revier-Kommunen mit ihren Gastgebern, zumeist im feinen Zwirn und Kostüm. Gediegen ging’s beim Kultur-Kongress „Twins 2010″ zu.

Direkt nebenan gab’s die Hallenschau „Jagd & Hund“. Dort überwogen Windjacken,Lodenstoff und grüne Filzhüte. Weidmanns Heil. Hätte Borussia gegen Schalke auch noch zu Hause gespielt, wär’s mit den Fans wohl eine rustikale Begegnung der dritten Art gewesen…

Doch zurück zu den Zwillings-Geburten: „Wenn aus Europa etwas werden soll, geht es nicht ohne massive Reaktivierung von Kultur.“ Diese klare Aussage kam vom protokollarisch zweiten Mann in Staate, Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Der kulturkundige Politiker gab damit eine Losung für den Kongress der „Twins“(Zwillinge) aus. Die Wirtschaft, so Lammert, werde unseren Kontinent nicht zusammenhalten, denn sie strebe ins Globale.

Langfristige Perspektive angestrebt

„Twins“ will nicht nur den Austausch von bereits „fertiger“ Kultur in hektisch wiederbelebten Partnerschaften bewirken, sondern von Grund auf gemeinsam erdachte Projekte mit langfristiger Perspektive einleiten. Weitere neue Dimension: Nicht nur jeweils zwei, sondern möglichst viele Partnerstädte sollen multilateral zusammenarbeiten. Eine in Dortmund einmütig verabschiedete Kooperations-Erklärung aller Städte bekräftigte die vielfach spürbare Bereitschaft zum Mitmachen.

Es war schon bewegend, wie etwa die Vertreter aus Portsmouth und Vilnius (Duisburgs britische und litauische Partner) unter großem Beifall eine gemeinsame Sympathie-Erklärung fürs Ruhrgebiet und seine „Twins“-Idee abgaben. Die zur Delegation aus Oviedo (Bochums spanischer Zwilling mit Bergbau-Vergangenheit) kündigte an, sie werde daheim nun gezielt fürs Revier werben. Etliche Teilnehmer, die bislang eher die einzelnen Partnerstädte im Blick hatten, nehmen jetzt mehr von der Region wahr.

Fröhliches Flattern mit Novi Sad

Zudem haben sich erste konkrete Projekt-Ansätze ergeben, manche wurden im Goldsaal oder im Vor- und Umfeld der Konferenz frisch verabredet, wie ja überhaupt bei solchen Tagungen die Gespräche am Rande das Wichtigste sind. So will etwa Dortmund, gemeinsam mit der serbischen Partnerstadt Novi Sad, eine große Flaggen-Aktion ins fröhliche Flattern bringen: Von Künstlern kreierte Fahnenmotive sollen die Stadträume erobern. Auch über Musik und Medienkunst werde verhandelt, sagt Kulturdezernent Jörg Stüdemann.

„Twins“ ist ein Leitprojekt zur Kulturhauptstadt, finanziell steht und fällt es mit Erringung des Titels. Also wurden die internationalen Gäste (Bürgermeister, Kulturbeauftragte usw.) mit sanftem Nachdruck – aber nicht unnötig penetrant – auf die Bewerbung Essens und des Ruhrgebiets als „Europäische Kulturhauptstadt 2010″ eingestimmt.

Bewerbungs-Moderator Oliver Scheytt pries mit Engelszungen die kulturellen Vorzüge des Reviers, schränkte aber auch ein: „Wir wollen eine europäische Kulturmetropole werden. Wir sind es noch nicht ganz.“

Die sorgsam betreuten Gäste aus 20 Ländern (Italiener und Franzosen vermissten allerdings den gewohnten Wein zum Mittagessen) vernahmen ferner diverse Talkrunden, sie sahen flotte Werbefilme und lauschten einem Grußwort des NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers („Essen wäre eine hervorragende Wahl“).

Schweißtreibende Arbeit jedenfalls für die SimultanÜbersetzer in den Dolmetscher-Kabinen. Und ein geradezu weitläufiges Feeling in Dortmund.

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HINTERGRUND

Dortmunds Partnerstadt Amiens bleibt neutral

  • Die Partner-Projekte unter dem Schlagwort „Twins“ (Zwillinge) sind langfristig angelegt. Sie sollen 2007 beginnen und im Jahr 2010 gipfeln, falls das Ruhrgebiet dann Europäische Kulturhauptstadt ist.
  • Während das Revier Künstler und Vereine aus über 100 Partnerstädten aus ganz Europa ins Bewerbungs-Konzept einbinden möchte, setzt der ostsächsische Kulturhauptstadt-Konkurrent Görlitz auf bilaterale Zusammenarbeit mit der polnischen Nachbarstadt Zgorgelec.
  • Dortmunds französische Partnerstadt Amiens war am Samstag wohlweislich nicht vertreten. Sie ist auch mit Görlitz verbandelt und möchte im Kulturwettstreit lieber neutral bleiben.
  • Eine Datenbank zu internationalen Partnerschaften deutscher Städte und Gemeinden findet man im Internet unter: www.rgre.de/rgre-partnerschaften



„Bloß nicht in Schönheit sterben“ – Interview mit Konzerthaus-Chef Benedikt Stampa über Programme und Perspektiven

Von Bernd Berke

Dortmund. Auch das Dortmunder Konzerthaus kommt nicht an der Fußball-WM vorbei. Direkt vor dem Auftakt des sportlichen Großereignisses wird die einschlägige brasilianische Tanzproduktion „Maracana“ in der Westfälischen Philharmonie gastieren. Doch nicht nur darüber sprach die WR mit Konzerthaus-Chef Benedikt Stampa (40).

Frage: Konzerthaus und Kicken – wie geht das zusammen?

Benedikt Stampa: Berechtigte Frage. Ich bin Fußballfan, und ich bin Kulturfan. Aber im Prinzip bin ich kein großer Freund der Verbindung zwischen Kultur und Fußball.

Warum nicht?

Stampa: Es passt oft nicht. Es funktioniert bestenfalls auf einer höheren Gedanken-Ebene. Die musikalischen Versuche schlagen meistens fehl. Auch gibt es kaum einen authentischen Fußball-Spielfilm. Die Schauspieler sind fast immer schlechte Fußballer und umgekehrt. Am besten geht es wohl gerade im Tanztheater-Bereich. Hier spielt Athletik ohnehin eine große Rolle. Und der Fußball hat ja seine spezielle Choreographie, die allerdings auch vom Zufall bestimmt wird.

Wie muss man sich „Maracana“ vorstellen?

Stampa: Die Hamburger Premiere sehe ich selbst erst am Donnerstag. Fest steht: 16 Tänzerinnen und Tänzer sind dabei. Die Musik ist eine Mischung aus Samba, HipHop und Funk. Der Rasen wird zu sehen sein – in Form einer grünen Wand. Es wird ein „Spiel“ geben, mit Fouls und Fallrückziehern. Als ich hörte, dass diese Produktion entsteht, dachte ich gleich: Die müssen wir nach Dortmund holen. Schließlich spielen die brasilianischen Fußballer ja auch hier. Das wird ein Highlight: Drei Tage vor der WM, wenn die Spannung auf dem Siedepunkt ist, geht es los. Die Tanztruppe gastiert vom 6. bis zum 8. Juni bei uns. Dann werden auch viele Journalisten aus aller Welt hier sein…

Wir freuen uns drauf. Mal was anderes: Wie sehen die aktuellen Auslastungszahlen im Konzerthaus aus?

Stampa: Nun, das Haus hat die Gründungsphase mit einigen – auch schmerzlichen – Erfahrungen hinter sich. Die Zahlen haben sich stabilisiert und beginnen allmählich zu steigen. Wir liegen jetzt alles in allem bei 63 Prozent Auslastung. Wir wissen, dass etwa50 Prozent der Besucher aus Dortmund selbst kommen – ein guter Wert. Aber wir strahlen auch weit in den Kreis Unna, ins Sauerland und Münsterland aus. Wichtig ist die gute Mischung aus Abonnements und freiem Verkauf.

Manche Musikfreunde beklagen, dass Sie zu wenig Kammermusik anbieten.

Stampa: Wir werden auf diesem Feld künftig mehr machen – im wirtschaftlich vernünftigen Rahmen. Kammermusik ist ja die Grundlage des sinfonischen Schaffens.

Trügt der Eindruck, oder haben Sie das Programm in letzter Zeit popularisiert?

Stampa: Wenn man ihn richtig versteht, kann ich am Begriff „populär“ nichts Nachteiliges finden. Wir haben einen Bildungsanspruch, aber wir wollen nicht „in Schönheit sterben“. Übrigens bietet ein Dirigent wie Christian Thielemann, der gerade zweimal mit den Münchner Philharmonikern bei uns gastiert und unter anderem Brahms gespielt hat, auch eine Art Mainstream. Aber eben auf höchstem Niveau. Und es gibt natürlich eine Untergrenze.

Wo liegt die denn? Wen würden Sie nicht einladen?

Stampa (lacht): Das werde ich Ihnen nicht konkret sagen. Aber schau’n Sie einfach mal, wer nicht bei uns auftritt…

Sie haben lange in Hamburg gearbeitet und sind jetzt seit Herbst 2005 in Dortmund tätig. Wie unterscheidet sich das westfälische Publikum vom hanseatischen?

Stampa: Das Publikum in Dortmund ist wesentlich neugieriger, es geht mehr mit. Das hat mir auch Christian Thielemann bestätigt. In Hamburg gibt es eine alte, ehrwürdige Musiktradition. Viele Leute haben dort schon vieles gehört und sind vielleicht ein wenig saturiert.

Ihre bislang schönsten Dortmunder Konzert-Erlebnisse?

Stampa: Es gab einige. Die erwähnten Thielemann-Auftritte gehören unbedingt dazu. Aber natürlich auch das Gastspiel von Anna Netrebko.

Wird sie irgendwann erneut nach Dortmund kommen?

Stampa: Ich habe ihr gesagt, dass alle Türen offen stehen. Eigentlich singt sie am liebsten in Konzerthäusern. Die Frage ist nur, ob sie künftig zu Auftritten in großen Stadien und Arenen gedrängt wird.

Konkurrieren Sie mit Dortmunds Oper ums Publikum?

Stampa: Wohl weniger. Die Last des kulturellen Lebens einer Stadt kann nicht nur auf einem einzigen Haus ruhen. Wenn es gut läuft, ziehen wir uns gegenseitig hoch.

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HINTERGRUND

„Fußballer sind die besten Tänzer der Welt“

  • Die brasialianische Tanzproduktion „Maracana“ ist benannt nach dem weltgrößten Fußballstadion in Rio de Janeiro (Fassungsvermögen heute etwa 120 000 Zuschauer).
  • Die Auftrags-Produktion, offizieller Beitrag zum FIFA WM-Kulturprogramm, hat just heute in Hamburg Weltpremiere und gastiert vom 6. bis 8. Juni im Dortmunder Konzerthaus. Einziger weiterer Spielort in NRW ist Köln (ab 9. Februar).
  • Die renommierte Choreographin Deborah Colker (43) aus Brasilien ist nicht nur ausgebildete Tänzerin, sondern auch Pianistin und überdies Diplom-Psychologin.
  • Ausgiebig studierte sie für ihr Tanzstück die Bewegungsabläufe im realen Fußball. Ihr Eindruck: „Fußballer sind die besten Tänzer der Welt.“

 

 

 




„Den Ruhrpott muss man lieben“ – Gespräch mit der Schauspielerin Tana Schanzara

Von Bernd Berke und Rolf Pfeiffer

Bochum. Man kann es bei aller Diskretion nicht ganz verschweigen: Tana Schanzara, die große Dame des Theaters im Ruhrgebiet, feiert nächsten Montag ihren 80. Geburtstag. Die WR hat sie – mitten in der Probenarbeit – in ihrer Bochumer Theater-Garderobe besucht. Der kleine Raum ist gefüllt mit Maskottchen und Erinnerungsstücken an ihre lange Laufbahn. Zur Begrüßung bietet Tana uns erst mal ein Piccolo-Fläschchen Sekt an.

WR: Ihre Garderobe sieht ja aus wie eine kleine Bühne. Viele Dinge – und so schön bunt.

Tana Schanzara: Ja, ich schmeiß nie was weg. Da schenken einem die Leute nette Sachen und sagen Toi-Toi-Toi! Das muss man doch aufheben. Bei manchen Kollegen sieht’s dagegen steril aus. Wie in der Klinik.

Wie viele Rollen haben Sie wohl schon gespielt?

Tana Schanzara: Och. weiß ich gar nicht! Reichlich.

In Bochum haben Sie praktisch alle Nachkriegs-lntendanten kennen gelernt.

Tana Schanzara: Ja, außer Saladin Schmitt. Eigentlich mocht‘ ich sie alle gern, auch Matthias Hartmann. 1954 kam ich aus Gelsenkirchen als Gastschauspielerin nach Bochum – mit Jürgen von Manger. Wir fuhren mit dem Bus. Auf diesen Strecken Manger seine Tegtmeier-Geschichten erfunden. Was haben wir gelacht!

Wie hat alles begonnen?

Tana Schanzara: Meine Eltern waren am Theater, beide als Sänger. Als ich in Kiel geboren wurde, gab meine Mutter ihren Beruf auf. Eine schwere Hypothek für mich. Übrigens war ich eine ziemlich schwere Geburt. Meine Mutter hat drei Tage lang geschrien wie am Spieß. Ich hab‘ selbst nie ein Kind haben wollen.

Sie gelten als die Ruhrgebiets-Figur schlechthin.

Tana Schanzara: Ja, weil ich so lange hier bin. Claus Peymanns Chefdramaturg Uwe Jens Jensen hat oft mit mir geblödelt. Irgendwann hat er gesagt: Du musst ein Solostück haben. Die Songtexte, so richtige Ruhrsongs, hab‘ ich mir selbst geschrieben und bin damit auch getingelt. Das brachte schön Geld. Jensen hat dann kleine Stücke drumherum verfasst. Die Sachen liefen dann wie Bolle. Und die Kritiken: Überragend wär‘ ich gewesen! So ‚was liest man doch gern. Dann kamen noch Film und Fernsehen.

Sie stehen fürs Revier, obwohl Sie in Kiel geboren sind.

Tana Schanzara: Als ich drei Jahre alt war, zogen meine Eltern von Kiel nach Dortmund, in die Leipziger Straße. Da bin ich aufgewachsen und habe auch früh Ballett-Unterricht genommen. Also bin ich eigentlich „von hier“.

Haben Sie eigentlich immer noch Lampenfieber?

Tana Schanzara: Aaach! Natürlich. Wer sagt, er hat keins, der lügt.

Was ist denn das Spezielle am Ruhrgebiet?

Tana Schanzara: Naja, ich habe mal so ein Lied gemacht (singt): „Wenn der ganze Ruhrpott eine Stadt war, wär’n wir wie New York so groß…Mit unsren schönenEcken müssen wir uns nicht verstecken.“ So isset doch!

Dann finden Sie es sicher auch gut, dass sich Essen und das Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt Europas beworben haben.

Tana Schanzara: Ja, das würde mich sehr freuen. Und wenn schon, dann muss der ganze Ruhrpott Kulturhauptstadt werden. Essen alleine bringt es nich‘. Die sollen es werden und den Titel annehmen – aber bitte für uns alle.

Was halten Sie von jüngeren Comedy-Leuten im Revier?

Tana Schanzara: Wennse von hier sind, könnses machen. Aber manche sprechen die Sprache gar nicht richtig. Das ist dann schlecht. Auch ein Herbert Knebel hat letztlich von Manger gelernt. Der Manger war ja aus Hagen, der hat alles erfunden, und er hat die Sprache der Gegend einfach geliebt. Übrigens will mir Hape Kerkeling – er is‘ ja aus Recklinghausen – bald einen neuen Liederabend schreiben, er hat’s versprochen. Leider hat er so wenig Zeit. Aber ich könnte ja auch mal Helge Schneider fragen…

Hatten Sie eigentlich jemals einen Misserfolg?

Tana Schanzara: Ich tu immer mein Bestes, und bisher hat’s immer geklappt.

Fällt es Ihnen leicht, die Texte zu lernen?

Tana Schanzara: Da hat man ja Routine. Doch wenn man trotzdem mal einen „Hänger“ hat, ist es heute schwierig. Früher saß die Souffleuse in einem Kasten. Das Publikum hörte fast nichts, wenn sie einem zuflüsterte. Der Kasten war den Bühnenbildnern aber im Weg. Jetzt sitzt die Souffleuse irgendwo, wo sie keine Sau auf der Bühne hört. Wenn jetzt was schiefgeht, schreit sie von ganz hinten her oder aus der ersten Zuschauerreihe. Alle hören es, nur die Schauspieler nicht.

Was machen Sie an Ihrem Geburtstag?

Tana Schanzara: Ich wollte ja schon abhauen. Aber das geht wohl nicht. Ich mag die Zahl gar nicht, die ich da erreiche. Nun ja. Jetzt muss ich wohl gleich zur Probe. So geht’s eben: Hart aber grausam.

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ZUR PERSON

„Perle vom Pott“ kam in Kiel zur Welt

  • Am 19.12.1925 wird Konstanze Schwanzara (Taufname) in Kiel geboren.
  • Nach dem Abitur nimmt sie Schauspielunterricht in Köln. Bevor sie 1956 als festes Ensemblemitglied nach Bochum kommt, hat sie Engagements in Bonn, Köln, Mannheim, Oldenburg und Gelsenkirchen.
  • Film und Fernsehen (kleine Auswahl): „Jede Menge Kohle“ (1981, von Adolf Winkelmann, „Willi und die Windsors“ (1996) und „Die Oma ist tot“ (1997), beide von Hape Kerkeling, „Jazzclub“ (2004, von Helge Schneider).
  • Heute hat in Bochum der neue Liederabend mit Tana Schanzara Premiere:„A Kiss is just a Kiss“.
  • „Vatta, aufstehn!“ war in den 70er Jahren Tanas größter Hit.
  • Kosenamen: „Perle vom Pott“, „Ruhrpott-Duse“.



Neuer Schub für die Revier-Bewerbung – Gespräch mit Oliver Scheytt über den Stand der Dinge in Sachen Kulturhauptstadt 2010

Von Bernd Berke

Essen. Wie steht’s mit den Aussichten des Ruhrgebiets in der Konkurrenz um die europäische Kulturhauptstadt fürs Jahr 2010? Die WR sprach mit Oliver Scheytt, der als so genannter „Moderator“ bei der Bewerbung federführend ist.

Frage: Es gibt Klagen, dass die Bürger noch nicht so recht begeistert seien von der Kulturhauptstadt-ldee.

Oliver Scheytt: Wir haben Leute befragt. Die meisten sagen bisher: Gut und schön, aber man weiß noch nicht viel darüber. Wir sind eben noch in der Bewerbungs-Phase. Wir können nicht dauernd Wind machen. Man kann nicht ständig über ein Programm reden, das erst 2010 stattfinden soll. In Kürze wird es aber einen neuen Schub geben: Es werden einige große Werbe-Kampagnen beginnen – auch mit viel Ruhrgebiets-Prominenz. Unser dreifaches Motto lautet: Wir wollen die Region mobilisieren, Meinungsführer überzeugen und Europa gewinnen.

Was ist in den letzten Wochen geschehen?

Scheytt: Wir haben uns darauf konzentriert, weiter Ideen und Geld zu sammeln. Es gab eine Sponsoren-Konferenz mit guten Resultaten. Jetzt kann wieder eine Mobilisierungs-Phase beginnen.

Was trägt die Region rund um Dortmund bei?

Scheytt: Im nächsten Jahr sind Regionalkonferenzen geplant, auch im östlichen Ruhrgebiet. Überhaupt ist Dortmund stets mit eingebunden – nicht nur durch den Kulturdezernenten Jörg Stüdemann. Der Kreis Unna bringt gute Kontakte in die Kulturhauptstadt des letzten Jahres mit, ins französische Lille. Wichtig auch das Zentrum für Lichtkunst in Unna. Lichtkunst ist ein zentraler Faktor der Bewerbung. Projekte wie das Hagener Schumacher-Museum, das „Dortmunder U“ (Museumspläne in einer Ex-Brauerei, d. Red.) oder der Umbau des Essener Folkwang-Museums sind ebenfalls starke Argumente. Wir wollen zeigen: Das Ruhrgebiet investiert in Kultur. Immerhin sind hier zwei neue Konzerthäuser in Dortmund und Essen entstanden.

Und wo bleibt die europäische Dimension?

Scheytt: Wir haben Vertreter aus den 196 europäischen Partnerstädten der 53 Kommunen und Kreise im Ruhrgebiet für Februar 2006 nach Dortmund eingeladen. Es liegen schon über 100 Zusagen vor. Ein solches Treffen hat es noch nie gegeben.

Werden dabei auch Themen wie die jüngsten Unruhen in Frankreich diskutiert?

Scheytt: Unbedingt! Schwerpunkte unserer Bewerbung sind ja Themen wie Migration, Strukturwandel und Stadtentwicklung. Hier kann das Ruhrgebiet wertvolle Erfahrungen einbringen.

Was sagen Sie zur Mahnung des NRW-Kulturstaatssekretärs Grosse-Brockhoff, dasRevier solle sich bloß noch nicht als Sieger über den Mitbewerber Görlitz wähnen?

Scheytt: Er hat völlig recht. Es gibt keinen Grund, überheblich zu sein. Unsere Bewerbung ist sehr viel komplexer als die von Görlitz. Daher ist sie vielleicht schwerer zu vermitteln. Andererseits ziehen wir unsere Kraft gerade aus der vielfältigen, dezentralen Struktur des Ruhrgebiets.

Wann könnte die Hauptstadt-Entscheidung fallen?

Scheytt: Wir rechnen mit dem Besuch einer siebenköpfigen EU-Jury im März 2006. Inzwischen stehen auch die Namen von vier Jury-Mitgliedern fest.

Werden Sie etwa versuchen, diese Damen und Herren zu beeinflussen?

Scheytt: Nein, nein! Aber wir informieren uns natürlich genau über ihre kulturellen Vorlieben.

Und was geschieht, wenn Görlitz gewinnen sollte?

Scheytt: Allein unsere Bewerbung ist bereits ein Erfolgsprojekt fürs ganze Ruhrgebiet, sie wirkt wie ein großer Durchlauferhitzer. Die Städte agieren schon jetzt immer mehr gemeinsam. Das wird bleiben und weiter wirken.

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Zur Person

Oliver Scheytt: Ein Mann mit vielen Ämtern

• Oliver Scheytt wurde 1958 in Köln geboren.

• Er hat Musik (Fach Klavier an der Essener Folkwang-Hochschule) sowie Jura studiert und ist promovierter Jurist. Seine Dissertation schrieb er über Musikschulrecht.

• Von 1986 bis 1993 war Scheytt in verschiedenen Funktionen für den Deutschen Städtetag tätig.

• Seit 1993 ist er Kulturdezernent der Stadt Essens und als solcher auch für Bildung zuständig.

• Seit 1997 ist er zudem Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, seit 1998 sitzt er im Vorstand des Kulturforums der Sozialdemokratie.




In der Dauer liegt die Kraft – Dortmunds neuer Konzerthaus-Chef Benedikt Stampa ab heute im Amt

Von Bernd Berke

Dortmund. Heute ist sein offizieller Dienstantritt: Benedikt Stampa (39) bestimmt ab sofort die Geschicke des Dortmunder Konzerthauses. Und er stellt sich auf eine langfristige Arbeit in Westfalen ein: „Ich bin kein Job-Hopper“, versicherte er gestern.

In Hamburg, wo er bislang Chef der altehrwürdigen Laeisz-Musikhalle gewesen ist, habe er ein gewachsenes, stabiles Musikleben vorgefunden.Das im Herbst 2002 eröffnete Dortmunder Konzerthaus sei hingegen noch relativ jung, spiele aber national schon in der ersten Liga mit. Die Akustik sei jedenfalls besser als in Hamburg.

Benedikt Stampa, der vorerst einen Fünfjahresvertrag hat und seit zwei Monaten in der Dortmunder Gartenstadt („sehr urban“) wohnt: „Hier ist das Konzertpublikum so neugierig und aufgeschlossen, wie ich es noch nirgendwo sonst erlebt habe.“ Überhaupt befinde sich „diese vitalisierte Stadt“ spürbar im Aufbruch zu neuen Ufern.

Stampa, der sich „mit Geduld und Visionen“ für seine neue Aufgabe rüstet, möchte ein beständiges, musikfreundliches Milieu rund um das Konzerthaus schaffen. Mögliches Motto: In der Dauer liegt die Kraft. Zudem will der neue Intendant besonders mittelständische Unternehmen aus der Region als Sponsoren gewinnen. „So kann man die Einrichtung am besten in der Stadt verankern.“

Jetzt in die Szene der Stadt eintauchen

Das Konzerthaus-Programm der laufenden Saison hat noch der Interims-Intendant Albrecht Döderlein geplant. Stampa gefällt’s: „Um den Auftritt von Anna Netrebko beneiden uns viele.“

Was er selbst anders und womöglich besser machen will? „Abwarten! Es ist noch zu früh, um darüber zu reden.“ Immerhin lässt er durchblicken, dass es bei ihm keine „Residenz-Künstler“ mehr geben wird, die (nur) für je eine Saison ans Haus gebunden werden. Er strebt größere Kontinuität an und dürfte dabei auch experimentelle Neue Musik einbeziehen.

Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann betonte, es gebe von der Stadt keine „Quoten-Vorgabe“ in Sachen Platzauslastung. Doch das erhöhte Jahresbudget (4,9 Millionen Euro inklusive Zinslasten – Stampa dankbar: „Ein Luxus“) müsse eingehalten werden. Fast 600.000 Euro kommen übrigens von Sponsoren.

Ganz ohne Fußball geht die Chose nicht

In die Dortmunder Kulturszene, die er noch nicht so genau kennt, will Benedikt Stampa jetzt „eintauchen“. Am Samstag steht ein Besuch der „Räuber“-Premiere im Schauspielhaus an. Dass es in der Stadt ein reges Jazzleben gibt, ist ihm schon aufgefallen. Vielleicht auch ein Ansatzpunkt für künftige Konzerthaus-Veranstaltungen?

Angst vor dem Wettbewerb mit anderen Konzertstätten hat Stampa nicht. Selbst wenn in Bochum und Münster neue Häuser entstehen sollten, gilt die Losung: „Konkurrenz wirkt belebend.“

Dem sportlichen Wesenskern der Stadt zollt auch der (in Emsdetten aufgewachsene) neue Konzerthaus-Chef Tribut. Stampa ekannt sich als Anhänger von Borussia Dortmund und war (beim 2:1Sieg gegen Köln) auch schon im Westfalenstadion.

Dezernent Stüdemann überreichte Stampa denn auch zum Einstand zwei schwarzgelbe BVB-Trikots mit der Nummer 1 – für den 2,03 Meter großen Intendanten (Stampa: „Ungefähr wie Jan Koller“) und für seinen vierjährigen Sohn. Mal schauen, wie druckvoll Stampa jetzt seine Chancen nutzt.




Kulturmensch und Journalist: Johann Wohlgemuth gestorben

Er war ein Kulturmensch und Journalist aus der guten alten Garde: Johann Wohlgemuth, langjähriger Leiter der WR-Kulturredaktion, ist mit 73 Jahren gestorben.

Vor allem die Bühnenlandschaft der Region verdankt ihm sehr viel. Als in den 1980er Jahren das Dortmunder Theater in seiner Existenz bedroht war, stritt er höchst fachkundig und mit Erfolg für den Erhalt des Hauses.

Bei aller kulturellen Weltoffenheit war Johann Wohlgemuth doch zutiefst in Dortmund und hier besonders im Ortsteil Mengede verwurzelt. So hat er denn auch in den ganz großen Zeiten des Bochumer Schauspiels (unter Peymann und Zadek) die anderen Bühnen nie gering geachtet. Das galt natürlich vor allem für Dortmund. Aber auch das Westfälische Landestheater in Castrop-Rauxel lag ihm speziell am Herzen.

Schroffe „Verrisse“ waren überhaupt nicht seine Sache. Dazu liebte er die Menschen am Theater viel zu sehr; vor allem die Schauspieler, die er vor allzu rigorosem „Regietheater“ in Schutz nahm. Und er wusste bis in die Verästelungen Bescheid: So konnte er einem etwa auch haarklein erläutern, welche Rechtsfolgen der Erwerb einer Eintrittskarte nach sich zieht.

Ab 1961 arbeitete der studierte Theaterwissenschaftler als Redakteur für die Westfälische Rundschau. Hier hatte er zuvor das journalistische Handwerk von Grund auf gelernt. Von 1970 bis 1992 zeichnete er für den WR-Kulturteil verantwortlich, zeitweise leitete er auch die Wochenendbeilage.

Freunde und Kollegen nannten ihn nur „Johnny“. Der charmante Plauderer pflegte handfeste und bodenständige Hobbys. Mit Kochkünsten kannte er sich ebenso aus wie mit Tennis oder dem Angelsport. Und seine Leidenschaft für Land und Leute in Schweden war schwerlich zu übertreffen.

Als er in den Ruhestand ging, hatte er endlich mehr Zeit für die Oper und den Besuch großer Ausstellungen – bis hinunter nach Italien.

Jetzt muss man bei jedem erhebenden Kulturereignis denken, dass Johnny“ es nicht mehr erleben kann. Wir werden ihn vermissen.

Bernd Berke

 




Kulturfachmann mit Hausmacht – Norbert Lammert in Merkels CDU-„Kompetenzteam“

Von Bernd Berke

Berlin/Bochum. Zunächst einmal ist es ein Signal: Dass die CDU-Chefin Angela Merkel gestern Norbert Lammert (56) als Kulturfachmann für ihr „Kompetenzteam“ benannt hat, bedeutet eben, dass die Christdemokraten das Themenfeld nicht vergessen haben.

Im Wahlprogramm hatte sich die CDU in Sachen Kultur deutlich kürzer gefasst als die anderen Parteien. Umso freudiger reagierte gestern der Deutsche Kulturrat auf die Nominierung Lammerts. Der dämpfte freilich gleich die Erwartungen: „Mehr Geld für Kunst und Kultur ist zwar wünschenswert, angesichts der dringend notwendigen Konsolidierung aber nicht seriös zu versprechen“, sagte Lammert gestern. Man müsse die Ausgaben anders gewichten als die bisherige Regierung – und zum Beispiel die Goethe-Institute stärken.

Was nach der Wahl geschieht, ist allerdings völlig offen: Ob Lammert einem etwaigen CDU-geführten Kabinett angehören wird und in welcher Funktion, das muss sich erst zeigen. Der Mann ist immerhin Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Vielleicht hat er ja Ambitionen auf die Präsidentschaft.

Als „Luftbuchung“ wird man Norbert Lammert bestimmt nicht bezeichnen können. Der in Bochum geborene, promovierte Sozialwissenschaftler hat sich immer wieder in kulturellen Debatten kundig zu Wort gemeldet, beispielsweise in Sachen Föderalismus (Kultur als Aufgäbe der Länder und/oder des Bundes?) oder Förderung der Hauptstadtkultur.

Lammert gilt mit seinem Einstieg ins Merkel-Team immerhin als Anwärter auf das eventuelle Amt eines Kulturstaatsministers. Er selbst ist auch der Gründung eines Kulturministeriums mit Kabinettsrang nicht abgeneigt. Ob es dazu kommen wird, steht aber noch dahin.

Falls Lammert einen solchen Posten bekommen sollte, könnte er – anders als seine Vorgänger – einen Trumpf ausspielen: Er verfügt über eine veritable „Hausmacht“ in seiner Partei, ist er doch seit 1996 Vorsitzender der einflussreichen CDU-Landesgruppe NRW im Bundestag. Als früherer Parlamentarischer Staatssekretär in diversen Ministerien (Bildung, Wirtschaft, Verkehr) kennt er zudem das politische Tagesgeschäft. Eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit darf man ihm sicherlich zutrauen.

Lammert wurde am 16. November 1948 in Bochum geboren und studierte ab 1969 an der Bochumer Ruhr-Universität sowie in Oxford. Schon seit 1966 ist er Mitglied der CDU. Der Vater von vier Kindern nennt auf seiner persönlichen Internet-Seite „Musik, Fußball, Literatur“ als liebste Interessengebiete. Ohne den Schlenker zum runden Leder geht’s halt im Ruhrgebiet nicht.

Das Pendlerdasein zwischen der Hauptstadt Berlin und seinem Bochumer Wahlkreis scheint Lammert zu gefallen. Zitat von seiner Homepage: „Inzwischen fühle ich mich auch in Berlin zu Hause und genieße den Wechsel zwischen den beiden schönsten deutschen Städten.“ Offenbar ein Mann mit Humor.

 




Adolf Muschg: „Ich bin mit mir selbst nicht identisch“

Der Schweizer Adolf Muschg (71) zählt zu den führenden Köpfen der deutschsprachigen Literatur. Der Büchner-Preisträger ist auch kulturpolitisch einflussreich: Er war Mitglied der Jury, die das Ruhrgebiet bei der Vorauswahl zur Kulturhauptstadt 2010 bereist hat. Und er ist Präsident der hochkarätigen Berliner Akademie der Künste. Eine Gespräch mit Adolf Muschg im Dortmunder Harenberg City-Center – vor einer Lesung aus seinem bei Suhrkamp erschienenen neuen Roman „Eikan, du bist spät“.

Frage: In Ihrem Roman geht es um einen Cellisten, seine Lebens- und vor allem Frauen-Krise. Was hat Sie an dem Thema gereizt?

Adolf Muschg: Das Cello ist von allen Streichinstrumenten das mit dem größten Körper-Engagement. Musik als spirituelles Prinzip – und zugleich das Sinnlichste, was es gibt. Ein interessanter Widerspruch. Außerdem wollte ich mir ein Gebiet erobern, das mit eher fern liegt, ich habe nur als kleiner Junge ein wenig Klavier gespielt. Es läuft hinaus auf das Motiv der Wiederholung, was die Frauengeschichten angeht. Das Wiederholungsmotiv ist im Grunde ein uraltes in der Liebe, man denke nur an Tristan und Isolde. Unser Leben besteht aus Wiederholungen – und wir alle haben den Anspruch, einmalig zu sein.

Ihr Cellist Andreas Leuchter wird aus all seinen Frauen nicht klug…

Muschg (lacht): Das gehört zum Wenigen, was ihn mir sympathisch macht…

Kann ein Mann denn aus Frauen im Wortsinne klug werden?

Muschg: Nein. Aber man könnte im Umgang mit ihnen ein bisschen weiser werden. Doch auch das würde nichts helfen. Ich glaube: Das Verhältnis zwischen Mann und Frau ist nicht dazu geschaffen, „vernünftig“ zu sein – obwohl es ohne Vernunft auch wieder nicht auszuhalten ist. Schon die Erfindung der Zweigeschlechtlichkeit ist ja eine große Kühnheit der Natur, davor hat sie sich mit Kopien und Zellteilungen begnügt.

Leuchter versäumt seine große Liebe…

Muschg: Das ist ein Verdacht, der Männer häufig beschleicht: „Ich bin etwas schuldig geblieben.“ Man kann sich auf triviale Formeln einigen: Die Chemie hat nicht gestimmt. Aber in der Liebe steckt ganz wesentlich eine massive Überforderung der Beteiligten.

Sie kommen in Ihren Büchern immer wieder auf Japan als das ganz Andere, Fremde zurück, so auch diesmal. Die zweite Hälfte des Romans spielt dort.

Muschg: Der erste Impuls liegt ganz lange zurück. Meine Halbschwester, 30 Jahre älter als ich, war Hauslehrerin bei einer schweizerisch-japanischen Familie. Als sie zurückkam, hat sie ein Kinderbuch geschrieben – es war das allererste Buch, das ich in meinem Leben gelesen habe. In dem Buch kam mein eigenes Elternhaus vor, und eines in Kyoto. Japan steht für das Fremde, man hat es sozusagen auch in sich, denn Identität ist nichts Festes, ich bin mit mir selbst nicht identisch. Ich bin überhaupt allergisch gegen das Wort Identität, weil damit auch politisch so viel Schindluder getrieben werden kann. Was ist eine schweizerische, was eine deutsche Identität? Oder eine europäische Identität? Europa hat sich immer wieder verändern lassen: die Germanen durch das Christentum, das Christentum durch die Aufklärung. Europäisch ist die Fähigkeit, sich fremde Dinge produktiv anzuverwandeln.

Von Europa zum Ruhrgebiet. Welchen Eindruck haben Sie bei Ihrer Jury-Reise in Sachen „Kulturhauptstadt“ gewonnen?

Muschg: Ich hatte vorher keine Ahnung, dass das Ruhrgebiet mein Favorit werden würde. Hier erscheint Kultur als fundamentaler Sachverhalt. Dieses ganze Gebiet hat sich neu erfinden müssen. Es ist ein erstaunlich waches Stück Deutschland. Die Menschen waren hier unglaublich erfinderisch. Kultur bedeutet ja nicht nur Theater oder Oper, sondern was man aus sich selber macht! Was das Ruhrgebiet jetzt zu stemmen versucht, das muss auch in Nordfrankreich oder in englischen Industriestädten geschehen. Man wünscht dem Ruhrgebiet so sehr, dass es gelingt. Da ertappe ich mich fast bei einer Art Liebesverhältnis.

Würde sich für die Akademie der Künste bei einem Regierungswechsel etwas ändern? Bundeskanzler Schröder hat Sie ja neulich zur „Einmischung“ in die Politik aufgefordert.

Muschg: Ja, dazu werden wir oft aufgefordert – bis wir es dann tun! Grundsätzlich wird sich wohl nicht viel ändern. Wir müssen weiterhin deutlich machen, dass Kunst kein Luxus, sondern Lebensmittel ist. Was mich am meisten beunruhigt, ist der zunehmende Druck des Marktes auf die Kultur. Da geht es oft nur noch um Neuheiten, Saisonartikel, Events. Übrigens fährt man als Künstler unter der CDU nicht schlechter. SPD-Regierungen sind nicht unbedingt kulturfreundlich. Aber die jetzige Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die ja parteilos ist, die würden wir schon sehr vermissen.

(Der Beitrag stand am 25. Juni 2005 in ähnlicher Form in der „Westfälischen Rundschau“, Dortmund)




Elmar Goerden: „Man muss die Texte ernst nehmen“ – Gespräch mit dem neuen Bochumer Theaterchef

Bochum. Mit der nächsten Spielzeit tritt er als neuer Intendant Matthias Hartmanns Nachfolge in Bochum an: Was darf das Theaterpublikum von Elmar Goerden (42) und seinem neu formierten Ensemble erwarten? Ein Gespräch mit Goerden im Bochumer Rathaus, wo sein „Vorbereitungs-Büro“ die neue Saison plant.

Elmar Goerden beim Interview (Bild: Bernd Berke/WR)

Elmar Goerden beim Interview (Bild: Bernd Berke/WR)

Sie kommen gerade aus den Proben. An welchem Stück arbeiten Sie denn?

Elmar Goerden: An Goethes „Iphigenie“. Das wird Mitte Oktober eine wesentliche Säule des Eröffnungsprogramms sein. Wir werden dann in 14 Tagen fünf oder sechs Premieren auf die Bühne bringen, drei davon gleich am ersten Wochenende. Selbstverständlich werden wir auch Gegenwartsautoren spielen – unter anderem von Botho Strauß, Peter Handke und Sarah Kane.

Welche Konturen hat das neue Ensemble? Und welche Darsteller aus Hartmanns Team gehören weiter dazu?

Goerden: Zunächst einmal: Ich halte das Ensemble für eine der größten Errungenschaften des deutschen Theaters. Ich bin ein Liebhaber des festen Ensembles, das zusammenwächst. Es kommen Schauspieler aus Wien, Berlin, München und Hamburg. Einige bleiben Bochum aber auch erhalten: Margit Carstensen, Veronika Bayer, Lena Schwarz, Jele Brückner, Maja Beckmann, Ernst Stötzner, Manfred Böll, Martin Rentzsch – und natürlich die Seele des Hauses, Tana Schanzara. Sie ist ja ein unglaubliches Geschöpf, für das man nur danken kann. Ganz selten, dass man so etwas noch findet…

Wer kommt neu hinzu?

Goerden: Stellvertretend für ein starkes Ensemble: Zum Beispiel Imogen Kogge von der Berliner Schaubühne, aus Wien die Nestroy-Preisträgerin Ulli Maier, vom Burgtheater Agnes Riegl, Henning Hartmann haben wir Peymann „abgeluchst“. Cornelia Froboess wird hier spielen, Catrin Striebeck, Michael von Au – und einige andere.

Haben Sie Angst vor den Erwartungen in Bochum? Die jetzigen Zuschauerzahlen sind ja kaum noch zu steigern.

Goerden: Das verstehe ich eher als Ansporn.

Spüren Sie eine Konkurrenz mit Bühnen in den Nachbarstädten?

Goerden: Nein. Warum auch? Es ist nicht meine Art, ängstlich nach nebenan zu schielen. Jeder macht das Theater, das er machen muss. Wir brauchen sicherlich ein eigenes Profil. Und das Bochumer Schauspiel wird ein Gesicht haben, das man erkennt. Ich gönne Nachbarn wie Dortmund und Essen jeden Erfolg. Es ist doch schön, dass es in dieser Region eine so hohe Reibungsdichte künstlerischer Impulse gibt. In München habe ich fast in einer Diaspora gearbeitet. Da gibt es Theater-Reichtum in der Stadt, aber ringsum praktisch nichts. Als gebürtiger Niederrheiner fühle ich mich überhaupt im Ruhrgebiet zuhause. Hier versteh’ ich die Leute auch besser.

Kein Problem, wenn in drei Städten dasselbe Shakespeare-Stück herauskommt?

Goerden: Stören würd’s mich nur, wenn alle drei Inszenierungen gleich wären. Übrigens braucht man ja eine bestimmte Situation im Ensemble, wenn man gewisse Stücke spielen will. Wenn Sie keinen Hamlet haben, können Sie keinen „Hamlet“ machen. Entscheidend ist: Welche Stoffe binden wir an welche Leute? Wer passt wozu? Da ist es wichtig, dass man Menschen hat, die hier bleiben wollen. Deshalb werden wir auch einige Regisseure fest ans Haus binden, zum Beispiel Tina Lanik und Jan Bosse.

Wie schätzen Sie das Publikum in Bochum ein?

Goerden: Hier gibt es eine allgemeine Gründüberzeugung, dass Theater ein Mittelpunkt der Stadt ist. Das Publikum ist ausgesprochen offen, manchmal kann es sich geradezu leidenschaftlich an eine Aufführung „verschenken“ – und es ist sehr strapazierfähig.

Sind denn Strapazen zu erwarten?

Goerden: Nun, wenn wir mit Goethes „Iphigenie“ beginnen, dann kommt das nicht von ungefähr, sondern es ist bereits eine Art „Notenschlüssel“. Ein solches Stück ist kein Steinbruch, aus dem man sich nach Gutdünken bedienen kann. Man muss die Texte ernst nehmen, man muss sich fragen: Was geht in ihnen um? Und n i c h t gleich bei auf ersten Probe sagen: Was soll das m i r? Was kommt m i r davon nahe? Dann würden die Inszenierungen sehr schmal werden, die Sprache würde verarmen. Wir wollen keine allseits bekömmlichen 60-Minuten-Versionen anbieten, keine Fernsehformate.

Also geht es im Prinzip werktreu zu?

Goerden: Die Texte müssen sich entfalten, sie brauchen ihren besonderen Hallraum. Nicht, weil wir Antiquitäten-Fans sind, sondern weil wir glauben, dass darin etwas aufgehoben ist, was uns heute fehlt: Schicksale und Gefühlskräfte von einer Größe, wie es sie so nicht mehr gibt. Man kann ein Wort wie „Ach“ von Goethe kurzerhand streichen. Man kann sich aber auch fragen, ob es nicht ein besonderer Herzenslaut ist. Es handelt sich dabei keineswegs um „Werktreue“, wie sie Bundespräsident Horst Köhler kürzlich angemahnt hat. Die Werke einfach so zu lassen, wie sie sind, das wäre nur die Abwicklung von Reclam-Heften. Ich will die Stücke vor das Licht der Zeit halten, in der wir leben. „Zeitlose“ Klassiker gibt es gar nicht.

Da darf man sich wohl auf ziemlich lange Theaterabende einrichten?

Goerden: Nicht unbedingt. Ich betrachte Theater nicht als strenges Exerzitium. Es geht mir nicht darum, den Leuten zu vermitteln: Haha, ihr lebt so in den Tag hinein, jetzt zeigen wir euch mal, wo der Hammer hängt. Demonstrative Belehrung von der Bühne herab ist langweilig.

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ZUR PERSON:

Elmar Goerden wurde am 29. März 1963 in Viersen/Niederrhein geboren.
Schon als Jugendlicher trampte er öfter zum Bochumer Schauspielhaus. Nach Claus Peymanns Aufführung der „Hermannsschlacht“ von Kleist stand der Berufswunsch des damals 15-Jährigen fest: Theaterregisseur! Zwischenzeitlich wäre Goerden allerdings fast Fußballprofi geworden. Das Zeug dazu hätte er wohl ebenfalls gehabt.
Goerden studierte Kunstgeschichte, Anglistik und Theaterwissenschaft in Köln, Edinburgh, Birmingham und New York. Von 1991-1994 arbeitete er als Regieassistent für die Berliner Schaubühne am Lehniner Platz. Seine Lehrmeister dort waren u. a. Andrea Breth, Luc Bondy, Robert Wilson und Peter Stein.
Ab 1996 war Goerden Hausregisseur am Stuttgarter Schauspielhaus. 2001 ging er als Regisseur und Oberspielleiter zum Residenztheater in München.

(Der Beitrag stand in ähnlicher Form am 28. Mai 2005 in der „Westfälischen Rundschau“, Dortmund. Das Gespräch führten die Kulturredakteure Bernd Berke und Arnold Hohmann).




Das Konzerthaus an die Spitze führen – Benedikt Stampa vom Dortmunder Rat zum neuen Intendanten gewählt

Von Bernd Berke

Dortmund. Es ist vollbracht: Gestern wurde Benedikt Stampa (39) im Dortmunder Stadtrat mit großer Mehrheit als neuer Konzerthaus-lntendant gewählt – und zwar im ersten Wahlgang.

Die FDP und einzelne CDU-Abgeordnete übten Stimmenthaltung. Doch SPD und Grüne stimmten einmütig für den Mann, der bislang die Hamburger Laeisz-Musikhalle geleitet hat.

Auftamen also in Dortmund. Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer freute sich, dass der neue Intendant in „extrem kurzer Zeit“ gefunden worden sei. Stampa sei der ideale Kandidat. Er könne das Konzerthaus in die „Champions League“ führen, wobei er aber finanzielles Augenmaß beweisen müsse.

Stampa selbst, just nach dem Ratsentscheid noch auf Stippvisite im Konzerthaus und dann eilends ins Rathaus zurückgekehrt, formuliert da noch etwas vorsichtiger. Das Haus gehöre mindestens an die deutsche, in etwa zehn Jahren vielleicht auch an die europäische Spitze.

Ein veritables „Dickschiff“

Was hat ihn bewogen, aus der Hansestadt nach Dortmund zu kommen? Stampa: „Dass das Konzerthaus hier eine ganz zentrale Rolle spielt. Das ist mir erst jetzt richtig bewusst geworden.“ So wichtig sei offenbar die Westfälische Philharmonie in der Stadt, dass er sich schon fast so gefragt fühle wie ein neuer BVB-Trainer. Und dann fällt ihm doch ein Begriff aus seinem bisherigen hanseatischen Wirkungskreis ein: Das Dortmunder Konzerthaus sei gewiss ein „Dickschiff“.

Der im münsterländischen Emsdetten geborene Stampa weiß, dass er mit Werbemaßnahmen fürs Konzerthaus auch ins weite westfälische Umland gehen muss. Er habe in Hamburg ähnliche Erfahrungen gesammelt: „Da reichte unser Einzugsgebiet auch bis hinauf nach Lübeck.“

Der neue Intendant will möglichst im September seine Arbeit in Dortmund aufnehmen, die Planung für die nächste Saison (Start: 15. September 2005) obliegt also noch weitgehend dem Interims-Chef Albrecht Döderlein. Stampa mag jetzt noch nichts über eigene Schwerpunkte sagen. Jawohl, er habe ein Lieblingsprojekt, aber auch davon werde später zu berichten sein.

Vertragsdauer noch nicht geklärt

Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann dankte seiner Hamburger Amtskollegin Karin von Welck. Sie lasse Stampa schweren Herzens, doch ohne Komplikationen ziehen. Apropos: Wie man hört, wird’s jetzt an der Elbe ähnlich hektisch wie zuvor in Dortmund. Bereits Anfang Mai soll dort Stampas Nachfolger vorgestellt werden.

Wie lange Stampas Dortmunder Vertrag währt, wurde gestern noch nicht verraten. Jörg Stüdemann: „Wir verhandeln noch darüber und werden uns an bühnenüblichen Gepflogenheiten orientieren.“ Mithin darf man wohl von einem Vertrag für etwa fünf Jahre mit Verlängerungs-Option ausgehen.

Vom Mitte Januar zurückgetretenen und dann gekündigten Vorgänger Ulrich Andreas Vogt war nur noch indirekt die Rede. Stüdemann mag’s sportlich: Seinerzeit habe „der Reiter in vollem Lauf das Pferd verlassen“. Um im Bild zu bleiben: Jetzt sattelt mit Stampa ein neuer Jockey. Mit seinen 2,03 Metern Körpergröße ist er freilich für den Turf-Beruf viel zu stattlich.

 




Zehn Städte wollen ins große Finale – Vorentscheid um die Europäische Kulturhauptstadt

Von Bernd Berke

Die Spannung wächst: Welche zwei bis vier Bewerber um die Europäische Kulturhauptstadt 2010 wird die Jury ins Finale lassen? Seit gestern tagt die Kultusministerkonferenz in Berlin, hier soll heute das Votum verkündet werden. Die WR hat nachgeschaut, wie die zehn Kandidaten ihre Vorzüge im Internet darstellen. Verschiedene Gewichtungen fallen auf.

Fast alle Kommunen führen nicht nur ihre kulturellen Schätze, sondern auch ihr wissenschaftliches oder wirtschaftliches Potenzial ins Feld. Sie hegen vielfach die Hoffnung auf Geldsegen und neue Arbeitsplätze, falls sie das Rennen gewinnen. Zuerst aber muss investiert werden. Wir bleiben neutral und gehen streng alphabetisch vor:

Braunschweig bezieht bewusst die Region mit ein, darunter Wolfsburg mit dem Kunstmuseum und VW als Sponsor. Die Stadt rühmt sich ihrer Baudenkmäler, will zudem ihr (1960 abgerissenes) Residenzschloss neu errichten. Die Kunstakademie, das Festival „Theaterformen“ und Forschungsstätten gelten als Pluspunkte.

Bremen kann gewachsene Kultureinrichtungen vorweisen. Man empfiehlt sich außerdem mit dem bereits errungenen Titel „Stadt der Wissenschaft“, nennt Rathaus und Roland als Weltkulturerbe und plant eine weitläufige „Neuerfindung der Stadt“, sozusagen im kulturell geleiteten Laborversuch.

Historisches Erbe ist nicht alles

Essen hat im Gegensatz zu vielen Mitbewerbern keine historische Silhouette. Es ist folgerichtig, dass man sagt: Wir haben unsere Kultur nicht geerbt, sondern sie uns erarbeitet. Aalto-Oper, Philharmonie, Folkwang-Museum und Zeche Zollverein sind Flaggschiffe, Industriekultur und Einbeziehung der Migranten setzen spezielle Akzente. Die anderen Revierstädte (Ausnahme Bochum) gehen den Weg offenbar noch nicht so recht mit. Das mag sich ändern, falls Essen in die Endrunde kommt.

Görlitz ist mit 60 000 Einwohncni die kleinste Bewerberstadt, preist sich aber selbstbewusst als schönste Gemeinde Deutschlands an. Schwerpunkt ist der Brückenschlag in die polnische Nachbarkommune Zgorzelec. Dies soll der EU in Brüssel, wo 2006 die endgültige Entscheidung fallen wird, als „europäische Vision“ einleuchten.

Halle will die Neugestaltung einer Stadt, die sich in einem Schrumpfungsprozess befindet, beispielhaft vorführen. Garten-Landschaften sollen wachsen, Plattenbauten menschenwürdig umgebaut werden. Kunst soll vor allem den Flusslauf der Saale zieren.

Karlsruhe wirbt für sich als Standort der Medienkunst, vor allem aber als Sitz desBundesverfassungsgerichts und somit Stadt des Rechts. Ob diese Setzung eine kulturell orientierte Jury überzeugt, wird sich zeigen.

Kassel stellt die alle fünf Jahre hier zelebrierte Weltkunstschau documenta insZentrum (deren Konzept man „weiterdenken“ will) und möchte Dialoge der Religionen stiften. Von Migrations-Themen bis zu den Gebrüdern Grimm reicht das durchdachte Spektrum der Projekte.

Lübeck beruft sich aufs schmucke Stadtbild sowie auf „seine“ Nobelpreisträger Thomas Mann, Willy Brandt und Günter Grass. Zudem will man den Ostseeraum bis zum Baltikum ins Bewusstsein riicken. Auch hier eine weite (ost)europäische Perspektive.

Potsdam kommt gar nicht umhin, mit Schloss und Parkanlagen zu prunken. Auch die Nähe Berlins wird in die Waagschale gelegt.

Regensburg, das Spott mit Christoph Schlingensiefs Anti-Werbung und einer Brezel-Abwurfakttion auf sich zog, wirbt liebenswert bescheiden, u. d. mit Studententheater und Altstadt-Szene.

 

 

Keine leichte Aufgabe für die Jury! Bleibt zu hoffen, dass auch die ausgeschiedenen Städte ihre einmal gefassten Ideen vorantreiben werden.




Günstige Umstände – Dortmunds neuer Konzerthaus-Intendant Benedikt Stampa

Wenn nicht alles täuscht, hat Dortmund seinen neuen Konzerthaus-Intendanten gefunden: Benedikt Stampa aus Hamburg ist ein Mann, der sich besonders mit Marketing-Strategien und der Pflege von Sponsoren auskennt. Das . kann dem gebeutelten Konzerthaus wohl nur zugute kommen. Allerdings: Es gibt in Westfalen leider kein so breites und spendables Bürgertum wie an der Elbe. Aber vielleicht kann Stampa auch jene Finanzhelfer „bekehren“, die schon abspringen wollten.

In Dortmund gilt der noch recht junge Kulturmanager als Wunschkandidat. Freilich verantwortet er in der Hamburger Laeisz-Musikhalle ein anders gelagertes Programm – mit vielen „eingekauften“ Gastspielen von der Klassik bis zu Peter Maffay. Er wird sich in Dortmund umstellen müssen, denn für Pop-Konzerte taugt Westfalens Philharmonie nur sehr bedingt.

Der „Neue“ für Dortmund hat in Hamburg gleichwohl Profil gewonnen. Skeptische (oder missgünstige?) Hanseaten sagen dem beredsamen Stampa gar „Profilsucht“ nach. Vielleicht ist ihm die Entscheidung für Dortmund leichter gefallen, weil man ihm in Hamburg bedeutet hat, dass er nicht die geplante „Elbphilharmonie“ leiten soll.

Jedenfalls findet er nun in Dortmund relativ günstige Bedingungen vor. Das Haus wird schuldenfrei gestellt und bekommt einen deutlich höheren Programm-Etat. Außerdem dürfte Benedikt Stampas Vergütung in Dortmund spürbar über der seines Vorgängers Ulrich Andreas Vogt liegen. Die Umstände des Wechsels mag man noch immer bedauern. Doch nun sollte man dem neuen Chef eine glückliche Hand wünschen.

                                                                                                            Bernd Berke

 




Mit starrem Blick nach vorn – zur weiterhin unübersichtlichen Lage beim Dortmunder Konzerthaus

Von Bernd Berke

Dortmund. Man kann es fast mit Händen greifen: Bei den Konzerthaus-Besuchern in Dortmund herrscht derzeit vielfach traurige Stimmung, es drücken die Zukunftssorgen. Seit der Entlassung bzw. „sofortigen Freistellung“ des Intendanten Ulrich Andreas Vogt (der bis 31. Juli weiter seine Bezüge erhält) gibt’s vorwiegend Molltöne an der der Brückstraße. Doch offenbar regen sich Gegenkräfte.

Abwartende Anspannung – so etwa könnte man die Gemütslage der Konzerthaus-Mitarbeiter umschreiben, einer spricht sogar von „Duldungsstarre“; wobei niemand im Hause namentlich zitiert werden möchte, weil öffentliche Äußerungen mit dem neuen Interims-Intendanten Albrecht Döderlein abgestimmt werden sollen.

Döderlein selbst, hauptamtlich Geschäftsführer des Dortmunder Theaters, wünscht sich nun vor allem „Ruhe für unsere Arbeit.“ Es gelte, „Status und die Aufgliedemng“ des Konzerthauses neu zu definieren, ohne das Niveau zu senken. Zur Auslastung (diverse Gerüchte pendeln zwischen 50 und 70 Prozent) mag er noch nichts verraten, man ermittle die Zahlen gerade. Das mit den 50 Prozent sei Unsinn. Die Auslastung liege im Schnitt höher, sie sei aber gegen Ende 2004 stetig gesunken.

Ein ungenannter Konzerthaus-Mitarbeiter zur WR: „Unser Image ist durch die Vorgänge in den letzten Tagen und Wochen schwer beschädigt worden.“ Es frage sich, ob man da noch einen hochkarätigen Nachfolger für Vogt finden könne.

Erste Sponsoren sind abgesprungen

Unterdessen scheint sich die ohnehin schon prekäre finanzielle Lage des Hauses zu verschärfen, sind doch schon Sponsoren abgesprungen, darunter Prof. Michael Hoffmann, der zugleich erzürnt vom Vorsitz der Theater- und Konzertfreunde Dortmund zurücktrat und die Stadtspitzen für die jetzige missliche Lage verantwortlich machte. Insgesamt steuern Sponsoren rund 600.000 Euro jährlich für Aktivitäten im Konzerthaus bei. Kein Pappenstiel.

Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann (SPD) ist betrübt über den Rückzug Hoffmanns, der als Kulturförderer „unglaublich viel geleistet“ habe. Aber, so Stüdemann zur WR: „Die Suche nach einem Nachfolger für Herrn Vogt ist gar nicht so schwierig.“ Bis März will er fündig geworden sein. Er sei in den letzten Tagen kaum in Dortmund gewesen, sondern landauf landab auf Intendanten-Suche unterwegs – in welchen Städten wohl? Einige Interessenten hätten sich aus eigenem Antrieb gemeldet. Stüdemanns Folgerung: „Das Konzerthaus wird bundesweit immer noch hoch geschätzt.“

Gutachten voller Binsenweisheiten

Zwischenzeitlich erregte ein Gutachten die Gemüter, das dem bisherigen Konzerthaus-Management Versäumnisse vorhielt. So habe es zu viele Eigenveranstaltungen gegeben, und finanzielle Warnsignale seien übersehen oder gar ignoriert worden. Weder über den Urheber noch die Kosten dieser im städtischen Auftrag erstellten Studie will sich Stüdemann äußern. Derlei Diskretion sei branchenüblich, so der Dezernent, der versichert: „Es war kein Freund von mir, wie schon gemutmaßt wurde. Ich kannte ihn allerdings, denn er ist aus der Branche.“

Doch diese Studie ist wohl kein tauglicher Leitfaden fürs Kommende. Döderlein: „Es stehen praktisch nur Binsen-Weisheiten darin. Außerdem enthält das Papier erhebliche Rechenfehler. Das ist wohl mit der heißen Nadel gestrickt worden und kann nicht viel gekostet haben.“ Jörg Stüdemann lässt unterdessen wissen, dass gleich vier weitere Gutachten zu verschiedenen Aspekten der Konzerthaus-Zukunft vorliegen…

Ein absurdes Gedankenspiel

Matthias Nowicki, Verwaltungsleiter des Konzerthauses, macht mit einem Gedankenspiel die Absurdität der Lage deutlich: Selbst wenn das Haus sofort geschlossen würde, fielen Kosten fast in Höhe der laufenden städtischen Zuschüsse an.

Denn von den jährlich 3,9 Mio. Euro müssten in jedem Falle Zinslästen (1,2 Mio.) und Abschreibungen (1,5 Mio.) abgezogen werden, also insgesamt bereits 2,7 Mio. Euro, die nicht in die künstlerische Produktion fließen, aber halt gezahlt werden müssen. Hinzu kämen weiterhin Heiz-, Strom- und Wartungskosten, wolle man das Gebäude nicht verkommen lassen.

Eigentlich kein Wunder, dass die Stadt Ende 2004 zusätzliche Subventionen in Höhe von (offiziell) 1,4 Mio. Euro nachreichen musste, um die drohende Insolvenz des Konzerthauses zu vermeiden. Man fragt sich, wie der Konzerthaus-Betrieb überhaupt je ohne solche Defizite hätte laufen sollen. Und man rätselt, warum sich die Stadt und Vogt auf solche Bedingungen verständigen konnten.

 




Ungewisse Zukunft – Dortmunds Konzerthaus-Intendant Vogt kündigt

Kommentar

Die Nachricht kam wahrhaftig überraschend: Dortmunds Konzerthaus-Intendant Ulrich Andreas Vogt hat gestern seinen Vertrag zum 31. Juli 2005 gekündigt.

War es eine Art Kurzschlusshandlung, war er schlichtweg von Debatten um seine Arbeit; genervt? Oder hat Vogt etwa andere Pläne, über die er noch nicht öffentlich sprechen mag? Sind es nur Gerüchte, dass es ihn zu den Salzburger Festspielen ziehe?

Gewiss: In der Stadt hatte es mancherlei Kritik gegeben – nicht einmal so sehr an Vogts engagierter Amtsführung, sondern am zählbaren Resultat. Mit nur rund 70 Prozent Platzausnutzung geriet die „Westfälische Philharmonie“ finanziell ins Schlingern und meldete erhöhten Zuschussbedarf an. Bis Ende dieses Monats sollte Vogt ein neues, tragfähiges Konzept zur Steigerung der Einnahmen vorlegen. Was daraus wird, ist jetzt fraglich.

Nachfolger-Suche braucht Zeit

Stehen wir nun schon vor den ersten Trümmern des kulturellen „Leuchtturms“? Nein, so weit ist es denn doch noch nicht! Letzten Endes ist wohl jeder „ersetzbar“, auch ein so sachkundiger Seiteneinsteiger wie Vogt, der ja noch eine große Reinigungsfirma betreibt. Doch man möchte am liebsten gar nicht darüber nachdenken, was nun geschehen wird. Bis ein kompetenter Nachfolger gefunden ist, dürfte einige Zeit ins Westfalenland gehen. Bis sich der oder die „Neue“ auch noch eingearbeitet und mit den regionalen Verhältnissen vertraut gemacht hat, wird es noch etwas länger dauern.

Ein politischer Kern des Konflikts

Man sollte sorgsam darauf achten, dass Vogt in seiner verbleibenden Amtszeit die Bedingungen für einen halbwegs gleitenden Übergang schafft. Innig zu hoffen bleibt, dass das musikalische Programm nicht unter den Turbulenzen leidet.

Es müssen schon gewichtige Gründe gewesen sein, die Vogt zu seinem Schritt bewogen haben. Gerade in den letzten Tagen und Wochen hatte sich eine politische Bereitschaft bei SPD und CDU abgezeichnet, das Konzerthaus höher zu bezuschussen. Freilich sitzt seit kurzem an der Spitze des Aufsichtsgremiums eine umtriebige Politikerin der Grünen, die das ganze Projekt stets skeptisch bis ablehnend betrachtet hat. Gut möglich, dass in dieser Personalie ein Kern des Konflikts liegt.

                                                                                                                 Bernd Berke