Pikante Pirouetten, Pandas und Teufelsbrigaden – Ruhrtriennale präsentiert ein schräges Security-Ballett in Gladbeck

Szene aus „No President..." (Foto: Heinrich Brinkmöller-Becker / Ruhrtriennale)

Szene aus „No President…“ (Foto: Heinrich Brinkmöller-Becker / Ruhrtriennale)

Es kommt nicht häufig vor, dass Off-off-Theaterproduktion bei großen Festivals gezeigt werden. Die RuhrTriennale präsentiert jetzt das Natural Theatre of Oklahoma, bekannt für seine diversen theatralen Ausflüge in neue Welten und verstörende Ideen.

Die Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck („in the middle of nowhere“) bietet der amerikanischen Compagnie, die hier in Europa hin und wieder auf großen Festivals zu sehen war, Gelegenheit, eine Erzählung mit Balletteusen in Turnhosen, Tutus und anderen komischen Kostümierungen zu zeigen.

140 Minuten konfrontieren sie uns mit einer abstrusen Geschichte (Titel: „No President. A story ballet of enlightenment in two immoral acts“) um einen Sicherheitsservice, der sich aus ehemaligen Schauspielern und Tänzern zusammensetzt, um einen Vorhang zu bewachen.

Die Übertitelung in Deutsch ist hilfreich, denn es geht schnell und turbulent zu. Slapstick und Stummfilm-Anmutungen, manchmal ironisch angelehnt an zeitgenössischen Tanz, begleitet von der Nussknacker-Musik, bebildern den Text des Sprechers, der einen unglaublichen Job macht.

Im Nebel der Ungewissheit

Auf der Suche nach aktuellen Bezügen zum Weltgeschehen, habe ich nach einger Zeit aufgegeben, zu wild und schräg sind die Ideen, die hier inszeniert wurden. Das Ensemble besteht aus amerikanischen Performern und Mitgliedern des Düsseldorfer Schauspielhauses, das diese Produktion koproduziert hat. Es geht u.a. um das „gefährliche Lebensmittel“ Cheeto, eine Art Chipssorte, um russo-chinesiche Oligarchen, um Prä-Aufführungsrituale, um flüchtige, desorientierte Pandas, Ballettbanditen, pikante Pirouetten, private Teufelsbrigaden, Masturbationszubehör.

„Das Regieren ist eine Form der darstellenden Kunst“, heißt es einmal. Es geht um Macht, Liebe und Wahnsinn. Schön und lustig; dennoch fehlt hier der Moment des Innehaltens. Wenn am Ende doch die Vorhänge – es sind drei – aufgehen, dann bewegen sich die beiden Hauptakteure, Georgie und Mikey, im Nebel der Ungewissheit. So geht es auch mir. Es bleibt ein Eindruck von Tohuwabohu.

Weitere Aufführung am 20. September. Nähere Infos hier




Wo die legendären Alben lebendig werden: Dortmund lockt mit „The Pink Floyd Exhibition“

Blick in die Dortmunder „Pink Floyd"-Ausstellung: Der schreckliche Lehrer bricht durch die Mauer, die dem ungleich größeren Exemplar aus der Konzertreihe „The Wall" nachempfunden ist. (Foto: Bernd Berke)

Blick in die Dortmunder „Pink Floyd“-Ausstellung: Der schreckliche Lehrer durchbricht die Mauer, die dem ungleich größeren Exemplar aus der Konzertreihe „The Wall“ von 1981 nachempfunden ist. (Foto: Bernd Berke)

Ein berühmter Song von Pink Floyd trifft hier und jetzt besonders zu: „Wish You Were Here“, eh schon eine der eingängigsten Schöpfungen der 1965 gegründeten britischen Kultband. Ja, man wünscht sie sich zurück, am liebsten gleich und genau hierher: die alten Zeiten, die eigene Jugend, all die verheißungsvollen Aufbrüche der damaligen Pop- und Rockmusik.

Tatsächlich wird einem jetzt in Dortmund dabei aufgeholfen: „The Pink Floyd Exhibition“ mit dem britisch-sarkastischen Untertitel „Their Mortal Remains“ (Ihre sterblichen Überreste) erweist sich als durchaus anregendes Unterfangen, das so manche Phase und manchen Moment der über 50-jährigen Band-Historie überraschend lebendig werden lässt. Auch jüngeren Besuchern dürfte sich bei der Zeitreise hoch droben auf der sechsten Ebene des „Dortmunder U“ der eine oder andere Zugang zum Werk der Supergruppe eröffnen.

Dritte Station nach London und Rom

Die Abfolge der Ausstellungsstationen klingt geradezu märchenhaft: erst London (Victoria and Albert Museum), dann Rom, jetzt Dortmund. Schon einmal hat Dortmund ziemlich zentral im „Pink Floyd“-Universum gelegen: 1981 gab es in der Westfalenhalle gleich sieben Aufführungen der gigantischen Show „The Wall“. Ansonsten stemmten damals nur Los Angeles, New York und London die ungemein aufwendige Konzertserie.

Schier endlos gespiegelt: das ohnehin schon vielschichtige Cover des „Pink Floyd"-Albums „Ummagumma". (Foto: Bernd Berke)

Schier endlos und überlebensgroß gespiegelt: das irritierende Cover des „Pink Floyd“-Albums „Ummagumma“. (Foto: Bernd Berke)

Auch an diesen Mythos, an den sich etwas ältere Dortmunder noch heute mit leuchtenden Augen erinnern, konnte „U“-Direktor Edwin Jacobs anknüpfen, als er Aubrey Powell (Gestalter vieler legendärer „Pink Floyd“-Plattencover) von einem lohnenden Gastspiel der Schau in Dortmund überzeugte. Powell fungiert denn auch auch Ko-Kurator der Ausstellung. Und wer, wenn nicht er, könnte den Geist der Cover (und somit auch der Musik) gleichsam wieder einfangen und staunenswert neu aufleben lassen?

Auf einmal erhebt sich die Mauer

Hier und da steht man beim Rundgang ganz plötzlich inmitten altbekannter Szenarien; da wird etwa das ohnehin schon rätselhaft vielschichtige Cover von „Ummagumma“ beiderseits endlos gespiegelt. Am spektakulärsten ist jedoch der Effekt, wenn sich auf einmal ein nachempfundenes Stück der Mauer aus den „Wall“-Konzerten vor einem erhebt – mitsamt dem grässlichen Lehrer und dem erbärmlich leidenden Schüler.

Ganz klar: Da erinnern sich Kenner natürlich sogleich an die – zugegeben – auch etwas wohlfeile Zeile „We don’t need no education“ (Wir brauchen keine Erziehung) und den Schlachtruf „Hey! Teachers! Leave them kids alone“ (Ey, Lehrer, lasst die Kinder in Ruhe). Überhaupt ist die Verschränkung von Sound und Bildern in dieser Ausstellung streckenweise besonders stimmig gelungen. Eins hebt das andere hervor, hebt es auf eine neue Stufe.

Die Musiker als Ingenieure und Tüftler

Wer sich entsprechend Zeit nimmt, kann gut und gerne zwei bis drei Stunden durch diese Ausstellung streifen, die eine labyrinthische, abgedunkelt höhlenartige Anmutung hat – fast wie so ein Underground-Club seligen oder auch erschröcklichen Angedenkens.

Reichlich Exponate: Eine von vielen Vitrinen in der Dortmunder „Pink Floyd"-Schau. (Foto: Bernd Berke)

Reichlich Exponate: Eine von vielen gut gefüllten Vitrinen in der Dortmunder „Pink Floyd“-Schau. (Foto: Bernd Berke)

Ziemlich getreulich chronologisch, sozusagen Album für Album (siehe Anhang), kann man hier voranschreiten – von den psychedelischen Anfängen durch alle (über)ambitionierten Klangexperimente und bombastischen Aufgipfelungen von quasi wagnerianischen Gesamtkunstwerk-Ausmaßen, die freilich bei dieser Band mit den Jahren nicht immer mit überbordendem Erfindungsreichtum einher gingen. Dass und wie „Pink Floyd“ auch Anschluss an die Avantgarde der E-Musik suchte, hat längst nicht alle Kritiker gleichermaßen überzeugen können.

Nicht ohne fliegendes Schwein

Die Mannen von Pink Floyd, so zeigt sich hier abermals, waren nicht zuletzt kreative Ingenieure und ehrgeizige Soundtüftler, die stets das jeweils neueste elektronische Equipment bis an die Grenzen austesteten. Zahlreiche Gerätschaften sieht man hier, die heute liebenswert altmodisch und reichlich verwittert aussehen, die zu ihrer Zeit aber der letzte Schrei und State of the Art waren – vom heute vorsintflutlich wirkenden „Azimuth Co-ordinator“ bis zum frühen Synthesizer.

Ein Markenzeichen der Band: schwebendes Schwein im Rolltreppenhaus des „Dortmunder U". (Foto: Bernd Berke)

Ein Markenzeichen der Band: schwebendes Schwein im Rolltreppenhaus des „Dortmunder U“. (Foto: Bernd Berke)

Ansonsten sieht man einen vielfältigen medialen Mix aus Fotografien, Filmausschnitten, Plakaten, Bühnenskizzen, Briefen und weiteren Objekten. Hie und da sind es eher bloße Devotionalien, doch manch ein Stück gibt auch näheren Aufschluss. Und ja: Das fliegende Schwein hat selbstverständlich auch seine gebührenden Auftritte, und zwar erstmals schon ganz unten überm Foyer.

Der Gentleman Nick Mason gab sich die Ehre 

Offenbar hat man sehr zeitig und vorausschauend begriffen, dass es zur sich immer mehr entfaltenden Band-Geschichte jede Menge aufhebenswerte Gegenstände gibt. So gehören denn auch zahlreiche Gitarren zu den Exponaten, aber auch ein im Stile des japanischen Malers Hokusai verziertes Schlagzeug oder gar hübsch aufgefächerte gebrauchte Drumsticks von Nick Mason und ein halb zerfetztes Schlagfell, das er offenbar etwas wuchtiger traktiert hat.

Hübsch aufgefächert: Drumsticks des Schlagzeugers Nick Mason. (Foto: Bernd Berke)

Hübsch aufgefächert: Drumsticks des Schlagzeugers Nick Mason. (Foto: Bernd Berke)

Dabei hat sich dieser Nick Mason, der mitten aus der aktuellen Tournee heraus als einziges Band-Mitglied zur Ausstellung nach Dortmund kam, in der Gruppe musikalisch zumeist vornehm im Hintergrund gehalten, jedoch dem großen Ganzen ein höchst solides rhythmisches Gerüst und Fundament verliehen. Er macht übrigens den sehr angenehmen Eindruck eines feinsinnigen, mit Ironie gesegneten britischen Gentleman. Indeed!

Wechselvolle Bandgeschichte

Die Alphatiere der Gruppe, Roger Waters und David Gilmour, sind – nach allem, was man so hören und lesen kann – hingegen ganz andere, mächtig auftrumpfende Kaliber. Roger Waters, der seit etlichen Jahren im Sinne der dubiosen Organisation BDS für einen rigiden Boykott gegen Israel eintritt, wehrt sich übrigens in einem just heute veröffentlichten Interview der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ-Magazin) nochmals gegen den oft erhobenen Vorwurf des Antisemitismus‘. An dieser Stelle genug davon.

Die wechselvolle, oft sehr turbulente Bandgeschichte, die anfangs Syd Barrett früh in den Drogenwahn trieb und später in mancherlei persönliche und juristische Grabenkämpfe mündete, wollen wir hier auch nicht im Detail nachbeten. Teile kann man sich in der Ausstellung erschließen, anderes wird man füglich nachlesen können. Vom optischen und akustischen Genuss des finalen Konzertfilms sollte man sich jedenfalls nicht abhalten lassen.

Von links: Aubrey Powell (häufig Cover-Gestalter für „Pink Floyd" und Kurator der Dortmunder Schau), Dortmunds OB Ullrich Sierau, „Pink Floyd"-Drummer Nick Mason,, Edwin Jacobs (Chef des Dortmunder „U") und Jörg Stüdemann, Dortmunder Stadtkämmerer und Kulturdezernent. (Foto: Bernd Berke)

Von links: Aubrey Powell (häufig Cover-Gestalter für „Pink Floyd“ und Ko-Kurator der Dortmunder Schau), Dortmunds OB Ullrich Sierau, „Pink Floyd“-Drummer Nick Mason, Edwin Jacobs (Chef des Dortmunder „U“) und Jörg Stüdemann, Dortmunder Stadtkämmerer und Kulturdezernent. (Foto: Bernd Berke)

Ob die Schau doch noch eine oder mehrere weitere Stationen ansteuern wird, steht dahin. Gespräche laufen offenbar. Man könnte den Verdacht haben, dass die USA noch an die Reihe kommen werden.

Dortmund aber hat die Exklusivität in ganz West- und Mitteleuropa für sich. Die Besucherzahl könnte und sollte deshalb weit oberhalb der 100.000er-Marke liegen. Viele Gäste werden wohl vor allem aus den Niederlanden, aus Belgien, der Schweiz und Österreich anreisen – und wer weiß, woher sonst noch. Wie schön, wenn die Stadt mal außerhalb der Fußball-Zusammenhänge dermaßen viele Leute anlockt.

„The PINK FLOYD Exhibition. Their Mortal Remains“. Ausstellung im „Dortmunder U“, 6. Ebene, Leonie-Reygers-Terrasse. Tel. 0231 / 50-247 23. www.dortmunder-u.de

15. September 2018 bis 10. Februar 2019. Geänderte Öffnungszeiten: Mo-Mi 10-18, Do/Fr 10-20 Uhr, Sa/So 10-22 Uhr. Letzter Einlass jeweils eine Stunde vor Schließung.

Tickets gibt es im Vorverkauf über die Firma Eventim, die sonst vor allem Konzertkarten anbietet. Die ungewöhnlichen Preise: Normal 29,76 Euro, ermäßigt 23,16 Euro. www.eventim.de Bestell-Hotline 01806 / 57 00 70.

Durch den Rundgang geleitet wird man übrigens von hochmodernen Audioguides, die jeweils die passenden Sounds zu den gerade besehenen Ausstellungsstücken liefern – ganz gleich, wie und in welcher Richtung man sich bewegt.

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Die wichtigsten Alben von Pink Floyd“

The Piper at the Gates of Dawn (1967)
A Saucerful of Secrets (1968)
Ummagumma (1969)
Atom Heart Mother (1970)
Meddle (1971)
The Dark Side of the Moon (1973)
Wish You Were Here (1975)
Animals (1977)
The Wall (1979)
The Final Cut (1983)
A Momentary Lapse of Reason (1987)
The Division Bell (1994)




Der enteignete Flüchtling oder: Wie Helfer sich selbst helfen

Von wegen: Der Flüchtling, Geflüchtete, Migrant nimmt „den Deutschen“ die Arbeit weg! Theaterpädagogen, Erwachsenenbildner, Sprachlehrer, Bittsteller aller Art sowie Kulturpolitiker und Ministerien haben beim Geldbeschaffen und -ausgeben seit Längerem die „Flüchtlingsarbeit“ entdeckt. So hält man gekonnt sich selbst und seine Institution über Wasser oder in der Presse.

Ilija Trojanow signiert sein Buch „Nach der Flucht“ – Literaturhaus Dortmund, Herbst 2017.
Foto: Jörg Briese

Projekte & „Maßnahmen“

Clevere Kultur-/Bildungsinstitutionen produzieren unentwegt Projekte & „Maßnahmen“, in deren subventioniertem Rahmen sesshafte Deutsche gestrandete Boatpeople fürsorglich betreuen. Der Flüchtling als aufzupäppelndes Mündel erzählt dann beim Integrations-Coaching, auf der Bühne oder im Video seine Geschichte, erregt kurzfristig Mitleid – das zu nichts führt.

Anästhesie statt Aufwachen

Welch öde Fassadenmalerei: Weder die Künstlerin noch der Pharmaziestudent aus Aleppo werden sich je geglückt zur Sprache bringen, indem sie sich auf ihr Flüchtlingsdasein reduzieren (lassen).

Und nach der „Maßnahme“? Der syrische Zahnarzt wird in die Altenpflege gedrängt, die IT-Fachfrau zum Caritas-Praktikum. Nur die Träger der „Integrations“-Projekte selbst haben allerdings eine Zukunft: Mein lukrativer Flüchtling komme, mein Wille geschehe. „Flüchtlingsindustrie“ heißt das obszön. Interkulturelles Lernen sieht sicher anders aus.

Da bleibt’s  doch komfortabler bei der Mär, die Einwanderer nähmen uns jene Arbeit weg, die wir eh nicht mehr machen wollten. Doch wehe uns! Eines Tages vielleicht treffen wir in Pflegeheimen mit Deutschlandfahnen in den Fenstern auf arabische, nordafrikanische, afghanische Pflegekräfte – und dürfen froh sein, wenn sie uns mit der Bettpfanne (inklusive Notdurft) keins überziehen.




Düsseldorfer K21: Parkett saniert, Kunst neu sortiert

Türen neu, Parkett saniert, Technik repariert: Die Handwerker waren fleißig im Düsseldorfer K21, dem zeitgenössischen Teil der Kunstsammlung NRW.

Wiedereröffnung des K21 in Düsseldorf: Installations-Ansicht mit Werken von Jeff Wall und Rosemarie Trockel. (Foto: Achim Kukulies / © Kunstsammlung NRW)

Wiedereröffnung des K21 in Düsseldorf: Installations-Ansicht mit Werken von Jeff Wall und Rosemarie Trockel. (Foto: Achim Kukulies / © Kunstsammlung NRW)

Auch die beliebte Kletterinstallation „in orbit“ von Tomás Saraceno – Abenteuerspielplatz für Schöngeister – musste gewartet werden. Drei Wochen blieb das alte Ständehaus hinterm Schwanenspiegel geschlossen. Direktorin Susanne Gaensheimer nutzte die Zeit, um ein festes Team zu installieren und die Kunst frisch aufzumischen. Die Sammlungsräume sehen mal wieder anders aus, ein Besuch lohnt sich.

Eintritt frei heißt es im ersten Stock. Das ist allerdings nicht so sensationell, denn es gibt wenig zu entdecken außer Sammelkartons und Alt-Videos aus dem Archiv der legendären Düsseldorfer Avantgarde-Galerie Fischer. In einem rot ausgelegten und schräg bestuhlten Veranstaltungsraum mit dem Titel „Salon21“ darf der Besucher sich ausruhen oder lesen. Das machen wir aber lieber später bei einem Kaffee in der neu und praktisch möblierten Museumsbar Pardo’s, wo nur das Blubberblasen-Muster der Tapete noch darauf hinweist, dass das Ganze mal eine Rauminstallation von Jorge Pardo war.

Dicke Hosen mit Holzwolle

Wer mehr erleben will, zahlt zwölf Euro und steigt empor in den zweiten Stock, auch „Bel Étage“ genannt. Hier gibt es bis Januar eine kleine Sonderausstellung jener amerikanischen Konzeptkünstlerin, die sich das männliche Pseudonym Lutz Bacher zugelegt hat und ihre eigene Identität schon seit den 1970er-Jahren erfolgreich verbirgt. Die Szene schweigt sich aus, denn das Geheimnis gehört zur Show, die in diesem Fall nach einem Song von Tina Turner benannt ist: „What’s Love Got to Do With It“.

Was Liebe damit zu tun hat? Keine Ahnung. Wie die junge Kuratorin Beatrice Hilke erklärt, ist Bachers Werk sehr heterogen, also uneinheitlich. Durchgängig sei nur ihr „Interesse an Strategien der Aneignung“. Soll heißen: Lutz Bacher benutzt Vorgefundenes und macht es nicht ohne Witz zu ihrer Kunst: Konsumartikel, Handy-Videos, Notizzettel zum Beispiel. Die vergrößerte und verzerrte Unterschrift von Donald Trump hat sie zu einer Art Wandfries ausdrucken lassen. Drei Säle sind damit bestückt – und mit Holzwolle und Glitzerfolienstreifen ausgestreut. Was an den Schuhen kleben bleibt, kann weg. Stehen bleiben sollen 21 mit „Las Vegas“ bedruckte und mit Holzwolle ausgestopfte Schlafanzughosen („Vegas Pants“). Dicke Hosen ohne Inhalt. Verstehe.

Von draußen dröhnt Orgelgebraus: Bachs Toccata in d-Moll, von Lutz Bacher bei einem Konzert in New York mit dem Smartphone aufgenommen, samt Nebengeräuschen. Beherzt geklaut, wird der Klassiker nun als eigenes Soundwerk im Treppenhaus von K21 präsentiert: „Music in the Castle of Heaven“, Musik im Himmelsschloss. Jedenfalls nicht zu überhören.

Großer Geist im Treppenhaus

So beschallt döst keiner, der weitergeht zu den Sammlungsräumen. Zehn von 13 Mini-Ausstellungen wurden neu gestaltet. Dabei sind skurrile Kombinationen entstanden wie Rosemarie Trockels dunkle Wollbilder „My Phantasy“, ein aus der Wand ragendes Wachsbein mit Socken und Herrenschuh von Robert Gober und Jeff Walls Leuchtfotografie von zwei Mädchen am unheimlichen „Abfluss“ im Wald. Überhaupt gibt es von Wall, dem Meister der irritierenden Bilderzählung, einige interessante Arbeiten im K21. Schön, sie wiederzusehen.

Im Treppenhaus steht jetzt einer von Thomas Schüttes „Großen Geistern“ aus Gussstahl und bewacht den Eingang zum dritten Stock. Schüttes große „Bronze-Frau“ von 2001 liegt still in ihrer zerstückelten Pracht vor drei Regalen mit kleinen „Ceramic Sketches“. In einer anderen Raumfolge weist eine geschunden aussehende Gipsfigur des tabulosen amerikanischen Performers Paul McCarthy den Weg zu einem Video von Marina Abramović, die sich 1975 unter dem Motto „Art is beautiful“ (Kunst ist schön) die Haare bis weit über die Schmerzgrenze mit stählernem Gerät gekämmt und gebürstet hatte. „Einige Werke in diesen Räumen könnten möglicherweise verstörend wirken“, heißt der Warnhinweis an der Tür.

Magisches Schattenspiel

Jugendfrei sind hingegen die liebevollen Installationen von Hans-Peter Feldmann, der mit allerlei sich drehendem Trödelkram ein magisches „Schattenspiel“ geschaffen hat. Vier große Frauenköpfe, die Feldmann nach berühmten Bildnissen hat kopieren lassen, amüsieren den Betrachter mit ihren unerklärlichen Blicken. Weiterhin wurden sachliche Fotografien des Becher-Schülers Thomas Ruff kombiniert mit den für uns rätselhaften Bilderfunden von Akram Zaatari von der Arab Image Foundation, der die Direktorin Gaensheimer im letzten Herbst eine Ausstellung gewidmet hatte. Für den westlichen Blick ebenso fremd, aber faszinierend sind die „Cabaret Crusade“-Trickfilme des ägyptischen Künstlers Wael Shawky. Mit zauberhaften, gläsern wirkenden Marionetten vor surrealen Kulissen erzählt Shawky die Geschichte der Kreuzzüge aus arabischer Sicht.

Das ist originell, aber man weiß nicht, ob das Publikum davon so gebannt sein wird wie das „Audience“ auf Thomas Struths gleichnamiger Serie von Großfotografien, die im Flur hängen. Eine Sonderausstellung der angesagten chinesischen Multimedia-Künstlerin Cao Fei soll im Herbst für Spannung sorgen.

Info: Nach Sanierungs- und Umbauarbeiten ist das K21 in Düsseldorf an der Ständehausstraße 1 jetzt wieder für das Publikum geöffnet: Di.-Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa./So. 11 bis 18 Uhr. Neben neu sortierten Sammlungsräumen ist im zweiten Stock eine Ausstellung der US-Konzeptkünstlerin Lutz Bacher zu sehen: „What’s Love Got to Do With It“ (bis 6. Januar). Eintritt: 12 Euro. www.kunstsammlung.de




Es bleiben lauter ungelöste Rätsel: Michael Ondaatjes ziellos mäandernder Roman „Kriegslicht“

Plötzlich sind das blutige Schlachten, der Bombenhagel und das allgegenwärtige Sterben vorbei. Keine Nächte mehr im Schutzbunker. Kein Umherirren mehr im schummrigen Dämmerlicht des Krieges. Jetzt könnte es beginnen, das richtige Leben.

Jetzt könnten der 14jährige Nathaniel und seine 16jährige Schwester Rachel ihre Freiheit genießen, Freundschaften schließen, die Liebe kennenlernen. Doch daraus wird nichts werden. Das weiß der Leser schon mit dem ersten Satz, mit dem Michael Ondaatje seinen neuen Roman „Kriegslicht“ eröffnet. Ein Satz wie ein dunkles Geheimnis, ein grausames Menetekel, ein unabwendbarer Schicksalsschlag, der alles ändern und das Leben der beiden Jugendlichen fortan bestimmen wird: „Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.“

Ich-Erzähler Nathaniel wird später versuchen, sich in diese seltsame Zeit der Ungewissheiten hineinzuversetzen, in der die Eltern plötzlich verschwunden waren und das Vertrauen in die Welt der Erwachsenen erschüttert wurde. Immer wieder wird er sich fragen, wohin seine Eltern gegangen sind, warum sie ihre Fürsorgepflicht aufgaben und ihre Kinder mysteriösen Figuren überließen, die geheimnisvolle Existenzen führten, Rennhunde vom Kontinent nach England schmuggelten, wilde Partys feierten und kuriose Tarnnamen führten.

Sind die Eltern skrupellose Spione gewesen?

Irgendwann wird Nathaniel Geheimdienstunterlagen entdecken, aus denen hervorgeht, dass seine Eltern wahrscheinlich Agenten und Spione waren und vor Mord und Verrat nicht zurückschreckten: „Meine Sünden sind vielfältig“, wird Rose, die Mutter Nathaniels, die wie aus dem Nichts wieder auftaucht, sich aufs Land zurückzieht und dort auf ihren Mörder wartet, später einmal auf die insistierenden Fragen ihres Sohnes antworten.

Nichts genaues weiß man nicht, der Krieg ist längst vorbei, doch alle Geschehnisse und alle Einbildungen, alle Rätsel und alle Realien bleiben im Verborgenen, werden umkreist und mit immer wieder neuen Erinnerungen und Erfindungen zu einem unlösbaren Puzzle aus Fragmenten und Fakten.

Warum turnen lebensmüde Studenten nachts über die Dächer Londons? Wer sind, woher kommen und wohin gehen jene dubiosen Gestalten, der „Falter“ und der „Boxer“, die sich um die beiden verwaisten Kinder kümmern und dann plötzlich ins Vergessen abtauchen? Was hat Rose als Agentin in Italien erlebt und warum wurde sie fast zu Tode gefoltert? Wieso erinnert Nathaniel die Jugend als großes Abenteuer, während seine Schwester Rachel am Verlassensein zerbricht und sich von der Familie löst? Und was ist aus Nathaniels Vater geworden, der nie wieder aus dem Schatten der Vergangenheit ins Licht der Gegenwart tritt?

Nie wieder das Niveau von „Der englische Patient“ erreicht

Gerade eben hat Michael Ondaatje für seinen 1992 veröffentlichten und genial verfilmten „Der englische Patient“ den „Golden Booker“ bekommen, nach Meinung der Briten ist das der beste Roman, der jemals den „Booker-Preis“ bekommen hat. Zu Recht. Denn „Der englische Patient“ handelt, von einem furios mit unzähligen Handlungsfäden und verknäuelten Figurenkonstellationen traumwandlerisch jonglierenden Autor verfasst, von den ganz großen Fragen, Liebe und Tod, Verrat und Krieg, Schuld und Sühne. Ein Roman, der wie ein genialer Fels aus der Brandung der ihn umgegebenen literarischen Mittelmäßigkeit herausragt.

Doch seien wir ehrlich: Weder mit „Anils Geist“ (2000), „Divisadero“ (2007) oder „Katzentisch“ (2012) hat Ondaatje jemals wieder das literarische Niveau des „englischen Patienten“ erreicht. Die Erwartungen an das „Kriegslicht“ waren dennoch hoch. Und die Enttäuschung ist nun umso größer. Denn es ist, man mag es kaum laut sagen, ein misslungener Roman. Ondaatje hangelt sich von einem Einfall zum nächsten, lässt Ideen und Personen kurz aufscheinen und wieder verschwinden, mäandert durch seine Geschichten und Geheimnisse wie Nathaniel auf nächtlichen Bootstouren über die dunklen Kanäle Londons.

Eine Erzählkunst, die sich selbst genügt

Ondaatje kann sich nicht entscheiden, was er uns erzählen und wohin er uns führen will. Kein einziges der vielen Rätsel wird gelöst, alles verschwimmt im Nebel einer Erzählkunst, die sich selbst genügt und keine Lust hat, sich dem Leser mitzuteilen. Ondaatje stellt seinem Roman ein geheimnisvoll-rätselhaftes Zitat voraus: „Die meisten großen Schlachten werden in den Falten von Landkarten ausgetragen.“ Wer das gesagt hat und was es bedeuten könnte, das verrät uns der Schriftsteller leider nicht.

Michael Ondaatje: „Kriegslicht“. Roman. Aus dem Englischen von Anna Leube. Carl Hanser Verlag, München. 320 Seiten, 24 Euro.




„Das Floß der Medusa“ – 50 Jahre danach: Hans Werner Henzes Oratorium von 1968 bei der Ruhrtriennale

Szenenbild aus der besprochenen Henze-Aufführung (Foto: Ursula Kaufmann/Ruhrtriennale)

Théodore Géricaults Gemälde „Das Floß der Medusa“ (1819) hängt im Pariser Louvre: Zuletzt ist es mir zweimal kurz hintereinander begegnet.

Einmal in einer Video-Arbeit von Marcel Odenbach in der Ausstellung „Entfesselte Natur“ in der Kunsthalle Hamburg: Er filmte Geflüchtete, die übers Mittelmeer nach Europa gekommen sind, im Louvre beim Betrachten des monumentalen Schiffbruch-Dramas. Und nun war es das „Aufmacher Bild“ von Hans Werner Henzes gleichnamigem Oratorium, das bei der Ruhrtriennale aufgeführt wurde. Kein Zufall, denn die Flucht übers Mittelmeer beschäftigt, schockiert und klagt Europa an.

So gewinnt Henzes klassenkämpferisches Werk von 1968 eine neue Aktualität und erweist sich beinahe als zeitlos. Denn das Libretto von Ernst Schnabel macht noch immer deutlich: Es geht um die „vielzahligen“ Armen, die nichts zu sagen haben und die den Interessen der Reichen und Mächtigen geopfert werden.

Gläsernes Wasserbecken als zentrales Bühnenelement

Im konkreten Fall retten sich die Offiziere, Priester und reichen Kaufleute nach dem Schiffbruch der Fregatte Medusa auf ihrem Weg in den Senegal in die Beiboote, während alle anderen auf einem grobgezimmerten Floß einfach ihrem Schicksal überlassen werden. Von 150 überleben nur 15 die Strapazen auf See bei glühender Sonne. Hunger und Durst führen zu Kannibalismus und Gewalt.

Sorgfältig und dezent in Szene gesetzt haben Henzes Musik Kornél Mundruczó und Márton Ágh (Bühne), die Musikalische Leitung lag bei Steven Sloane, der die Bochumer Symphoniker sowie die jungen und erwachsenen Sänger von Chorwerk Ruhr und der Züricher Singakademie zu einem packenden emotionalen Zusammenspiel vereinte.

Zentrales Bühnenelement ist ein gläsernes Wasserbecken, durch das der Sprecher Tilo Werner mit hochgekrempelten Hosen watet, indem er uns das ganze Ausmaß der Katastrophe auf dem Schiff nach und nach erzählerisch entfaltet. Durch die Spiegelungen an Wänden und Decken hat man als Zuschauer das Gefühl, in einem Aquarium zu sitzen – allerdings in einem mörderischen.

Klage und Anklage aus dem Reich der Toten

Nach und nach wechseln immer mehr Choristen von der linken Seite (die Lebenden) auf die rechte (in das Reich der Toten). Sie klagen durch die Sprache der Musik. Doch sie klagen auch an, denn es ist nicht nur Verzweiflung, die aus ihnen singt, sondern auch Wut. Zorn auf diejenigen, die sie verlassen haben, die sie in diese Situation gebrachten haben, die sie selbst zu Gemeinen gegenüber ihren Mitleidenden werden lässt. Hier zündet der revolutionäre Impetus, den man Henze 1968 vorwarf, auch heute wieder.

Umgekehrt behalten vielleicht auch Henzes damalige Kritiker aus dem linken Lager recht, die die Uraufführung als bourgeoise Kulturveranstaltung verurteilten. Dass mit dem Bewusstwerden der Missstände durch die künstlerische Darbietung hat zwar wieder einmal gut geklappt, allein: geändert hat sich dadurch noch nichts. Dafür sind nun die Politiker zuständig…oder?
www.ruhrtriennale.de

 




Wenig mehr als „Copy and paste“: lit.COLOGNE, lit.COLOGNE SPEZIAL und lit.RUHR

Tiger oder Turtle: lit.RUHR auf dem richtigen Irrweg. Foto: Herholz

Selbstlob stinkt, heißt es, und zudem erweckt es den Verdacht, als wäre solches Eigenlob nicht ganz berechtigt und wollte etwas schöner reden, als es tatsächlich ist.
Ob Thomas Kufen, Essens Oberbürgermeister, genau das vergaß, als er kürzlich bei der Programmvorstellung der lit.RUHR eben diese vollmundig so anpries: „‚Wir sind nicht die kleine Schwester der Lit.COLOGNE, sondern eine eigenständige Persönlichkeit.‘ Zu verdanken sei dies ‚den Machern der Lit.Ruhr‘.“

Aber so etwas Artiges muss man vor den Medien wohl deklamieren, vor allem im Beisein der Vertreter jener fünf Ruhrgebietsstiftungen, die die lit.RUHR der Macher aus Köln jedes Jahr mit 500.000 € sponsern.

Ist der Ruf erst propagiert, lebt sich’s gänzlich ungeniert?

Wahr aber dürfte vielmehr sein, dass auf der lit.COLOGNE (März), lit.COLOGNE SPEZIAL und der lit.RUHR (beide im Oktober) allerlei Schauspielprominenz und einige Literatur-‚Stars‘ zeitversetzt oder parallel gern mehrfach – darf man das sagen? – verwurstet werden. Nur überlebensgroße Literaten und Medienstars wie Rushdie oder Ondaatje kommen allein nach Köln und nicht auch ins Ruhrgebiet. Man muss Prioritäten setzen: Köln hat sie eben, jene Sender, Kritiker und Verlage, die im Ruhrgebiet fehlen – darunter einen WDR, der für die lit.COLOGNE per Radio und TV das Dauer-Schaufenster ins Bundesweite ausstaffiert.

Vorhölle des Eventrecyclings

Wer aktuell die beiden Programme der lit.COLOGNE SPEZIAL und der lit.RUHR vergleicht, beginnt sich schnell zu langweilen. Da findet man am 11.10. auf Zeche Zollverein und am 12.10.18 in Köln die „Laugh-Letters – die lustigsten Briefe der Weltliteratur“– jeweils mit Anna Thalbach, Bela B. und Micky Beisenherz. Martin Walser ist am 10.10. im WDR-Funkhaus Köln zu Gast, der WDR schneidet‘s sicher mit; Walser kommt aber auch am 11.10. nach Essen. Mit „Der Hundertjährige kehrt zurück“ sind Jonas Jonasson und Jan-Gregor Kremp am 12.10. in Essen und am 13.10. in der Stadthalle Köln-Mülheim. Auch Robert Seethaler, Timur Vermes oder Christian Berkel kann man an aufeinanderfolgenden Tagen sowohl in Köln als auch im Ruhrgebiet sehen und hören. Frank Schätzing, sowieso Dauergast der frühjährlichen lit.COLOGNE, kommt nun am 14. Oktober auch in die Essener Lichtburg. Iris Berben, letztes Jahr schon Stargast bei der Eröffnungsgala der lit.RUHR, trifft diesmal am 14. Oktober Anke Engelke auf Zollverein.

A.L. Kennedy & Gabriele von Arnim mit Spaß, Dortmund, November 2017
Foto: Jörg Briese

A.L. Kennedy liest am 11.10. abends in Stratmanns Theater, zuvor morgens bei der lit.kid.RUHR, auch die ein Ableger und in vielerlei Hinsicht austauschbar mit der lit.kid der lit.COLOGNE. Kennedy war zudem – wie sehr viele andere – bereits einmal (oder mehrfach) im Revier zu Gast; Kennedy zuletzt im November 2017 als Gast des Literaturbüros Ruhr im Literaturhaus Dortmund.

Ruhris Resterampe?

Programmabende aber zeitversetzt dreist von der lit.COLOGNE  aus dem März 2018 ins Programm der lit.RUHR des Oktobers 2018 abgekupfert zu sehen, das tut doch ein bisschen sehr weh. Hannelore Hoger und Mechthild Großmann z. B. gaben in Köln am 14.3.18 zum Parkettpreis von 34,50 € das Programm „Die Hölle auf Erden. Zum Brüllen komisch“ (Konzept: Julian Pörksen). Nun gastieren sie am 11.10. unter dem Titel „Mechthild Großmann und Hannelore Hoger nehmen uns mit in den achten Höllenkreis des Humors“ (Konzept: Julian Pörksen) im Ringlokschuppen Ruhr.
Immerhin, da kommt man an der Abendkasse schon für 27 € rein und darf teuflisch gespannt sein.




Junge Frau, ganz auf sich gestellt: Wuppertal würdigt das künstlerische Werk von Paula Modersohn-Becker

Paula Modersohn-Becker: „Kopf eines kleinen Mädchens mit Strohhut" (1904). Öl auf Leinwand (© Kunst- und Museumsverein im Von der Heydt-Museum Wuppertal)

Paula Modersohn-Becker: „Kopf eines kleinen Mädchens mit Strohhut“ (1904). Öl auf Leinwand (© Kunst- und Museumsverein im Von der Heydt-Museum Wuppertal)

Man muss es sich immer wieder vor Augen halten: All die Bilder der Paula Modersohn-Becker (1876-1907) stammen von einer sehr jungen Frau. Schon recht früh zeigt ihr Werk alle Anzeichen von Reife.

Mit ungefähr 20 begann sie vorsichtig tastend ihren künstlerischen Weg. Anfangs malte sie noch sichtlich unbeholfen. Aber dann! In wenigen Jahren hat sie das Ihre gefunden. Schon mit 31 Jahren ist sie gestorben und hat bis dahin nach ihrer eigensinnigen, sanft beharrlichen Art eine gewisse Vollendung erreicht. Ihre besten Bilder erstrahlen vor Innigkeit, sie sind von manchmal geradezu bestürzender Wahrhaftigkeit. Eher unscheinbaren Motiven wie Kinderbildnissen oder einfachen armen Leuten verleiht  sie etwas beispielhaft Monumentales, aber ganz und gar nichts Auftrumpfendes.

Spannungsfeld zwischen Worpswede und Paris

Als sie zwölf Jahre alt war, zog die Familie (der Vater war preußischer Bahn-Baurat) mit sieben Kindern von Dresden nach Bremen. Doch zwei andere, denkbar gegensätzliche Orte sind entscheidend für ihren künstlerischen Werdegang gewesen, den jetzt das Wuppertaler Von der Heydt-Museum in den Blick nimmt: das bei Bremen gelegene Dörfchen Worpswede mit seiner kleinen Künstlerkolonie, den vielen schlanken Birken, dem Teufelsmoor – und das leuchtende Paris! In der Silvesternacht 1899/1900 reist sie erstmals an diese Stätte ihrer Sehnsucht. Sie kehrt mehrmals dorthin zurück, manchmal für einige Monate.

Paula Modersohn-Becker: „Alte Armenhäuslerin", um 1905. Öl auf Leinwand (Von der Heydt-Museum Wuppertal)

Paula Modersohn-Becker: „Alte Armenhäuslerin“, um 1905. Öl auf Leinwand (Von der Heydt-Museum Wuppertal)

Zahllose Ausstellungen der damals avantgardistischen Künstler und Kunstströmungen (u. a. Cézanne, Gauguin, Van Gogh, Nabis, Fauves) sieht sie dort, sie studiert an der Académie Calarossi, lernt später den leidenschaftlich bewunderten Bildhauer Auguste Rodin kennen – durch Vermittlung des Dichters Rainer Maria Rilke, der zu jener Zeit Rodins Privatsekretär ist. Nach vorherigen Lehrjahren in Berlin, wo sie Einflüsse von Arnold Böcklin und Walter Leistikow aufnimmt, entfaltet sie an der Seine nach und nach ihr Talent.

Exemplarischer Lebenslauf

Eigentlich wird Paula die kleine Welt von Worpswede nun zu eng. Und doch kehrt sie immer wieder dorthin zurück. Ein Zwiespalt. Auch sonst sammelt sie Widersprüche: Eigentlich sehnt sie sich nach einem üblichen Familienleben, doch durch ihr Werk und ihr künstlerisches Streben emanzipiert sie sich zunehmend, ohne zur Feministin zu werden.

Sie heiratet den Maler Otto Modersohn, aber nach ein paar unerfüllten Jahren will sie sich von ihm trennen. Es kommt jedoch zu einer Art Versöhnung und sie, die immer Kinder haben wollte, wird endlich schwanger. Unfassbare Tragik: 18 Tage nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde stirbt Paula an einer Embolie. Ein als exemplarisch empfundener weiblicher Lebenslauf um 1900, der – mit erfinderischen Zutaten – vor zwei Jahren auch fürs Kino taugte, als Christian Schwochows Film „Paula“ mit Carla Juri in der Titelrolle herauskam.

Übrigens: Es hat sich eingebürgert, sie lediglich Paula zu nennen – ohne den etwas sperrigen Doppelnamen. Bei welchem männlichen Künstler verfahren wir ebenso? Sagen wir nur „Max“ zu Ernst oder Beckmann? Sagen wir bloß Pablo oder Salvador?

Zu Lebzeiten rundweg unterschätzt

Zurück ins Museum. Nach Bremen besitzt Wuppertal das zweitgrößte Konvolut an Werken Paula Modersohn-Beckers, immerhin 22 Gemälde umfassend. Sie bilden den Kern der Schau, die zuerst fürs Rijksmuseum Twenthe in Enschede (Niederlande) zusammengestellt wurde und nun quasi als „Re-Import“ in Wuppertal zu sehen ist, wo Beate Eickhoff als Kuratorin wirkt. Paula Modersohn-Beckers Schaffen wird (mit aufschlussreichen Seitenblicken auf einige Zeitgenossen) anhand von etwa 80 Arbeiten weitgehend chronologisch aufgeblättert, so dass man das zu ihrer Zeit weithin unbeachtete Aufblühen ihrer Fähigkeiten nachvollziehen kann.

Paula Modersohn-Becker: „Sitzender Mädchenakt mit Blumenvasen", um 1907. Öl auf Leinwand (Von der Heydt-Museum, Wuppertal)

Paula Modersohn-Becker: „Sitzender Mädchenakt mit Blumenvasen“, um 1907. Öl auf Leinwand (Von der Heydt-Museum, Wuppertal)

Zu Lebzeiten hat sie nur ganz selten ausgestellt, sie wurde in Abhandlungen über Worpswede kaum je erwähnt, auch hat sie so gut wie keine Bilder verkauft. Wenn überhaupt einmal ein männlicher Kritiker über sie schrieb, ging es gleich recht ruppig und verletzend zu. Folglich glaubte sie zunächst nicht an sich selbst, sie war aber gottlob hartnäckig. Viele ihrer Bilder blieben unsigniert und trugen nur eine Jahreszahl.

„Hände wie Löffel…“

Selbst ihr Mann Otto Modersohn ahnte zwar ihre Begabung, mäkelte aber auch über ihren Malstil, und zwar wortwörtlich derart anmaßend: „Sie haßt das conventionelle und fällt nun in d. Fehler alles lieber eckig, häßlich, bizarr, hölzern zu machen. Die Farbe ist famos, aber die Form? Der Ausdruck! Hände wie Löffel, Nasen wie Kolben, Münder wie Wunden, Ausdruck wie Cretins…“ Außerdem sei sie auch noch – wie man heute sagen würde – beratungsresistent.

Paula Modersohn-Becker: „Sitzende Mutter mit Kind auf dem Schoß", 1906. Öl auf Pappe (Von der Heydt-Museum Wuppertal)

Paula Modersohn-Becker: „Sitzende Mutter mit Kind auf dem Schoß“, 1906. Öl auf Pappe (Von der Heydt-Museum Wuppertal)

Richtig ist, dass sie einem Ideal der Einfachheit frönte: „Es brennt in mir ein Verlangen, in Einfachheit groß zu werden.“  Insbesondere als Porträtistin wollte sie wahre, ungeschönte Menschen zeigen. Eine Frau mit grotesk langer Nase wird zu allem Überfluss im unvorteilhaften Profil dargestellt. Das Gegenteil von gefälliger Auftragskunst. Wenn das nicht authentisch ist…

„Die roten Rosen waren nie so rot…“

Auch der hochmögende Rilke erkannte ihr Wesen wohl erst recht spät, doch umso inbrünstiger. In Gedanken an sie schrieb er ein Gedicht, das so beginnt: „Die roten Rosen waren nie so rot / als an dem Abend, der umregnet war. / Ich dachte lange an dein sanftes Haar… / Die roten Rosen waren nie so rot.“  Manche Kunstfreunde, die es gerne menscheln sehen, spekulieren bis heute, ob Rilke nicht die bessere Wahl für Paula Becker gewesen wäre. Ach, wie müßig ist das!

Während die schöpferischen Herren in Worpswede (Otto Modersohn, Heinrich Vogeler, Fritz Mackensen u. a.) die Akademien verabscheuten und sich möglichst nur noch schwärmerisch in freier Natur ergehen mochten, erstrebte Paula gerade umgekehrt eine akademische Ausbildung, die ihr damals jedoch weitgehend verwehrt blieb. Private Institute standen ihr allenfalls offen, keine staatlichen. Vielleicht hat sie ihre Anlagen gerade deswegen umso eigenständiger entwickeln können. Sie war ganz auf sich gestellt. Schmerzliche Verheißung der Freiheit!

Ungeheuerliche Aktdarstellung mit Kind

Die Heimattümelei der allzeit in Worpswede verbliebenen Männer, die sich geradewegs stur weigerten, Einflüsse aus Frankreich aufzunehmen, machte sie später anfällig für nationalistische oder noch schlimmere Versuchungen. Geradezu revolutionär muten hingegen die „späten“ Bilder von Paula an: Wenn sie sich etwa selbst als Akt mit Kind darstellt (damals eine Ungeheuerlichkeit) oder wenn ihr aparte Mädchendarstellungen im deutlichen Gefolge des exotischen Gauguin gelingen, so wagt man kaum sich vorzustellen, was aus ihr noch hätte werden können.

Paula Modersohn-Becker auf der Veranda ihres Hauses, 1901 (Ausschnitt) (Foto: Atelier Schaub, Hamburg / Paula-Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen)

Paula Modersohn-Becker auf der Veranda ihres Hauses, 1901 (Ausschnitt) (Foto: Atelier Schaub, Hamburg / Paula-Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen)

Auzfgrund ihrer jeweils allerneuesten Kunst-Erfahrungen in Paris ließ Paula Modersohn-Becker alsbald impressionistische Anwandlungen hinter sich. Courbet sagte ihr mehr als Monet. Sie hat nicht bloß die Natur nachgeahmt, sondern sich draußen ins Gras gelegt, die Augen geschlossen, sozusagen „innere Bilder“ aufgerufen und diese Bilder schließlich flächig konstruiert, in kühnen Perspektiven zugespitzt oder stilisiert. So darf sie bereits als eine Vorläuferin des Expressionismus gelten. Bei etlichen Besuchen im Pariser Louvre wurde sie überdies auf altjapanische Kunst und auf altägyptische Totenbilder von erhabener Einfachheit aufmerksam. Auch solche Spuren, welche die Wuppertaler Ausstellung getreulich nachzeichnet, finden sich in ihrem Oeuvre.

Riesiger Nachlass – nachlässig behandelt

So wenig Anerkennung war der Lebenden insgesamt zuteil geworden, dass man überrascht war, als sich etwa 700 vielfach beachtliche Gemälde und rund 1000 Zeichnungen in ihrem Nachlass fanden, der – das Wortspiel sei erlaubt – leider recht nachlässig behandelt wurde. Zudem ging hernach vieles im Gefolge der schandbaren Nazi-Ausstellungsaktion „Entartete Kunst“ verloren, anderes wurde im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs zerstört.

Und wie kam es, dass gerade in Wuppertal viele Bilder von ihr vorhanden sind? Nun, letztlich ist es dem vielfach in Bremen wirkenden Künstler Bernhard Hoetger (aus Hörde stammend, heute ein Stadtteil von Dortmund) zu verdanken, der den eigentlichen Gründervater des heutigen Museums, den Wuppertaler Bankier August von der Heydt, recht früh auf Paula Modersohn-Beckers Schaffen hinwies. So konnte es auch nicht ausbleiben, dass im nahen Hagen Karl Ernst Osthaus von ihrem Wirken erfuhr. Es waren Zeiten und Kreise, in denen Region keineswegs „Provinz“ bedeuten musste.

„Paula Modersohn-Becker. Zwischen Worpswede und Paris“. 9. September 2018 (Eröffnung ab 11:30 Uhr) bis zum 6. Januar 2019 im Von der Heydt-Museum, Turmhof 8, Wuppertal. Geöffnet Di-So 11-18, Do 11-20 Uhr. Eintritt 12 €, ermäßigt 10€, Katalog 20 €.

Weitere Informationen: http://vdh.netgate1.net/

 

 

 

 




Begrenzt verfügbar: Wie Dortmund seine Besucher enttäuscht

„Dortmunder U": Auf der Dachterrasse gibt's nicht mal einen Kaffee. (Foto: Bernd Berke)

„Dortmunder U“: Auf der Dachterrasse gibt’s nicht mal einen Kaffee. (Foto: Bernd Berke)

Reisender, kommst du nach Dortmund, so mach dich auf herbe Enttäuschungen gefasst. Und zwar gerade an gewissen Stätten, die der Alteingesessene seinen Gästen von außerhalb eigentlich gerne zeigen möchte. Eigentlich.

Da wäre zum Beispiel der 1959 als Bundesgartenschau eröffnete Westfalenpark. Herrje, wie war man damals stolz auf dieses relativ weitläufige Grün, als der Pott wirklich noch kochte und ungemein rußte. Und heute? Kann man nie sicher sein, dass die paar Hauptattraktionen des Parks zugänglich oder nutzbar sind. Lange, lange Zeit konnte man nicht mit dem Aufzug auf den Florianturm (ein Hauptwahrzeichen der Stadt) fahren, um vom prinzipiell drehbaren Restaurant oder von einer Plattform aus die tatsächlich phänomenale Fernsicht auf Stadt und Land zu genießen.

Ein weiteres Wahrzeichen der Stadt: der Florianturm im Westfalenpark. (Foto: Bernd Berke)

Weiteres Wahrzeichen der Stadt, auch nicht immer zugänglich: Florianturm im Westfalenpark. (Foto: Bernd Berke)

Schlimmer noch: Die Gastronomie zu Füßen des Turms war zuweilen eine schiere Katastrophe, für die man sich bei seinen Gästen entschuldigen musste (obwohl man ja nichts dafür konnte). Und das mächtige Sonnensegel, unter dem früher Konzerte gegeben wurden? Bereits seit 2012 eine für Besucher gesperrte, baulich marode Schadstelle. Immerhin scheint hier nach beiläufig sechs Jahren Abhilfe in Sicht zu sein.

Es herrscht ein starres Schema

Kurze Impression vom letzten Sonntag, vom Wetter her ein geradezu idealer Tag für den Westfalenpark, auf den man auch mal flexibel reagieren müsste, was die Personalplanung angeht. Doch nein, es herrscht allzeit ein starres Schema. Die Seilbahn-Gondeln fahren – wie so oft – gar nicht, das Park-Bimmelbähnchen macht ebenso vor 18 Uhr Schluss wie der Bootsverleih. Peinlich, peinlich. Der 2. September lag zwar nach den Sommerferien, müsste aber doch noch zur Hauptsaison zählen; zumal, wenn die Witterung so einladend ist. Aber hier gelten rigoros begrenzte, servicefeindliche Arbeitszeiten. Obwohl die Kräfte, die da zugegen sind, wohl vielfach nur aushilfsweise arbeiten. Auskünfte simpelster Art können sie jedenfalls oft nicht erteilen.

Seit etlichen Jahren nicht mehr zu sehen: imposantes Sauriermodell im Naturkundemuseum. (Foto vom Januar 2011: Bernd Berke)

Seit etlichen Jahren nicht mehr zu sehen: imposante Sauriermodelle im Naturkundemuseum. (Foto vom Januar 2011: Bernd Berke)

Dann eben ins Naturkundemuseum? Von wegen! Das einst besucherstärkste Museum der Kommune wird seit etlichen Jahren umgebaut. Und umgebaut. Und umgebaut… Im September 2014 wurde das Haus geschlossen, 2016 wollte man es wieder öffnen. Haha, guter Scherz. Zahlreiche Planungs- und Baupannen führten zu Verzögerungen und entsprechenden Kostensteigerungen. Jetzt geht die Rede, dass es im September 2019 also nun aber wirklich so weit sein soll, dass… Warten wir’s ab.

Oh nein, jetzt bitte keine billigen Vergleichs-Scherze über die „Fertigstellung“ des Berliner Flughafens BER am Sankt-Nimmerleinstag. Und bitte auch keine hämischen Anspielungen auf den Slogan „Dortmund überrascht. Dich.“ Der stimmt halt nicht immer so, wie er gedacht war.

Gekonnte Touristen-Abschreckung

Angesichts solcher Flops mögen vielleicht manche erwägen, ihren auswärtigen Besuch dann eben zum Kultur- und Kreativzentrum „Dortmunder U“ zu lotsen, wo man von der Dachterrasse wirklich interessante Blick-Perspektiven auf die gesamte (Innen)-Stadt erhaschen kann. Doch ach, dort fordert eine schnarrende Lautsprecherstimme dringlich dazu auf, den Ausguck spätestens um 18 Uhr zu verlassen. Auch vorher heißt es schon: bitte Thermoskanne, Bütterken oder dergleichen mitbringen. Denn Gastronomie gibt es dort oben nicht. Welch eine Touristen-Abschreckungsmaßnahme, bundesweit vermutlich einzigartig! Immerhin ein Superlativ, wenn auch nicht allzu werbetauglich.

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P.S.: Der Wahrheit die Ehre: Ein paar andere Anziehungspunkte bleiben natürlich noch übrig – Westfalenstadion mit Stadion Rote Erde, Westfalenhalle, Botanischer Garten Rombergpark, Zoo, Industriemuseum Zeche Zollern, Museum Ostwall im Dortmunder U, Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Konzerthaus, Oper und Schauspielhaus, Pferderennbahn, Phoenixsee, Hohensyburg, diverse Wasserschlösser und weitere Sehenswürdigkeiten, die nicht in dieser kurzen Aufzählung vorkommen. Oder hakt es da auch irgendwo?




Leise Lieder von Abschied und Vergehen – Marthalers „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“ bei der Ruhrtriennale

Ein leerer Raum mit schrägen Oberlichtern, im Hintergrund ein Personenaufzug und eine hohe Flügeltür: Das könnte ein Museum sein oder eine leergezogene Fabrikhalle, auf jeden Fall ein uneingeschränkt funktionaler Ort. Hier wirkt der Mann im grauen Hausmeisterkittel, schiebt Rollwagen herein mit undefinierbarer folienverhüllter Fracht.

Was wird das werden? Mit der Antwort kann es dauern, wie stets in den Stücken Christoph Marthalers, denen viel Gemächlichkeit eigen ist. Dieses heißt „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“ und war jetzt im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier (MiR) als funkelndes kleines Programmglanzlicht der Ruhrtriennale zu sehen.

Letzte Arbeit für die Berliner Volksbühne

„Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“ war Marthalers letzte Arbeit an der Berliner Volksbühne. Mit dem Ausscheiden des Intendanten Frank Castorf endete auch die lange währende Kooperation, die 1993 mit „Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab!“ ihren seinerzeit stark beachteten Anfang hatte. „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“ ist deshalb ein Stück der Rückschau geworden, die einen natürlich schwermütig stimmen kann, auf der Bühne wie im Zuschauerraum.

Doch sie leben noch

Doch die gut verpackten Figuren leben noch, wenn man sie nur lässt! Und nichts anderes tut der Mann im grauen Kittel, als sie in des Wortes wörtlichem Sinn aus Folie und Holzkiste auszupacken und auf die Bühne zu stellen.

Dann bewegen sie sich, dann singen sie, dann spielen sie gar auf Klavier und Cembalo. Und unerwartet sportlich sind einige von ihnen, Damen zumal, und keineswegs ohne erotischen Reiz. Wenn das ganze kulminiert, formieren sich die Weggepackten gar zu einer Art erotisch-lüsterner Laokoon-Gruppe auf dem Rollwägelchen, und jeder möchte dabei sein. Dem Kittelmann wird das zu viel, er packt ein, rollt hinaus, die Erinnerungen kommen zurück ins Magazin. Doch die Personen kehren wieder.

Alles schon einmal gebraucht

Für Bühne und Kostüme griff Marthalers großartige Ausstatterin Anna Viebrock auf den Fundus zurück, verwendete also nur Dinge, die in seinen früheren Produktionen schon einmal eingesetzt waren. Und vielleicht sind auch alle Lieder dort schon einmal gesungen worden, die im weiteren Verlauf des Abends zu hören sind, wer will das so genau wissen? Händel, Satie, Mahler und Schubert nennt der blaue Programmzettel, der in Orange noch ungleich mehr, mit Bach beginnend und mit Wagner endend.

Eher gehaucht als gesungen

Musik – und da vor allem Gesang – findet in Marthalers Theater aber nicht als schmetternde Nummernrevue statt, sondern ist fein und leise in den Gang des scheinbar Bedeutungslosen hineingesetzt, das „Handlung“ zu nennen einem manchmal widerstrebt.

Leise, sehr leise erklingen viele Lieder, und viele werden auch nie lauter. Der feine Ton macht sie nur noch eindrücklicher, und manchmal erzählt er geradezu Geschichte – etwa, wenn „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“ kaum wahrnehmbar, eher gehaucht als gesungen, erklingt. Ja, die donnernde Revolution ist ausgeblieben, an der Volksbühne und anderswo, und vielleicht ist es sogar gut so.

Wenn dieser vorwiegend a cappella vorgetragene Gesang in der zweiten Stückhälfte nicht so schön wäre, so filigran und sanft, dann könnte man schon trübsinnig werden ob der Inhalte, mitleiden etwa mit dem jungen Mann, dessen Freundin „In einem kühlen Grunde“ (Text von Eichendorff) die Beziehung beendet hat und der nun am liebsten tot wäre. Oder, im Kirchenlied, verzweifeln an der Aussichtslosigkeit der eigenen gottlosen Existenz.

Düsternis und Heiterkeit

Die Musikauswahl, man kann es nicht anders sagen, kreist sehr um Trennung, Verlust, Abschied, Niedergang, was nach einem Vierteljahrhundert kreativer Arbeit an der Berliner Volksbühne nicht verwundern kann. Auch das Schlussbild ist kein Trost. Alle, die auf der Bühne sind, müssen ihre Schuhe abgeben, Symbole für Leben, Beweglichkeit, Erdung, ein düsterer finaler Akt.

Heiterkeit wiederum erregten manche Personenzeichnungen – alte Männer im clownesken Altmänner-Outfit mit Hosenträgern und Pantoffeln, füllige Damen in neckischer Pose; Marthaler weiß souverän mit der Spannung zwischen ernst und lustig zu spielen, um das Bühnengeschehen dramatisch zu überhöhen. Bei ihm ist gemächlich nicht das Gegenteil von kurzweilig, eher im Gegenteil.

In der großen Halle

Wenige Tage zuvor konnten Triennale-Besucher in der Bochumer Jahrhunderthalle, ebenfalls von Marthaler inszeniert, das symphonische Fragment „Universe, Incomplete“ von Charles Ives erleben, eine theatralische Materialschlacht (siehe dazu auch Martin Schrahns ausführliche Rezension in den Revierpassagen). Der Schweizer Theatermacher kann beides, große Halle wie kleine Theaterbühne. Aber dem typischen Schaffen dieses feinnervigen Musikerzählers begegnet man sicherlich eher in Produktionen wie, eben, „Bekannte Gefühle…“.

Was wird aus der Intendantin?

Wo werden wir zukünftig dieses in seiner Art einmalige Gesangstheater erleben können? Der Stuhl von Stefanie Carp, die seit vielen Jahren Marthalers kongeniale Dramaturgin und außerdem derzeit Triennale-Intendantin ist, wackelt. Sollte sie gehen, geht Marthaler – vermutlich – auch. „Froh schlägt das Herz im Reisekittel, vorausgesetzt, man hat die Mittel“, zitiert ein Mitspieler in einer der heitereren Passagen des Stücks Wilhelm Busch. Angesichts der politischen Entwicklung ist das ein geradezu seherischer Aphorismus.

Keine weiteren Vorstellungen in Gelsenkirchen

www.ruhrtriennale.de




Neuer Mauerbau, Stalins Schatten und der Terror des Digitalen – zum umstrittenen DAU-Kunstprojekt in Berlin

Fotografie aus dem „Institut" (Charkiw). (© Gruber / Berliner Festspiele)

Rätselhafte Fotografie aus dem „Institut“ (Charkiw). (© Gruber / Berliner Festspiele)

Vor 29 Jahren fielen in Berlin die Mauer und der „Eiserne Vorhang“. Das war der Auftakt vom Ende des Realen Sozialismus und einer Diktatur des Proletariats, die immer nur ein ideologischer Popanz war, mit dem sich schamlose Partei-Bonzen der herrschenden Nomenklatura die Macht über das Volk sicherten. Neben einigen unverbesserlichen Nostalgikern, die sich gern die schlechte Vergangenheit schön reden, gibt es jetzt auch einige Künstler, die vom (temporären) Wiederaufbau der Mauer träumen.

Direkt in Berlins Mitte, in einem etwa 300 mal 300 Meter großen, von einer russischen Beton-Mauer abgeriegelten Areal zwischen Staatsoper und Bauakademie, soll direkt an der Straße Unter den Linden vom 12. Oktober bis 9. November ein neo-stalinistisches Menschenexperiment durchgeführt werden, das sich als freiheitliches Kunst-Projekt tarnt und den Besuchern neue und ungeahnte Möglichkeiten der Wahrnehmung und Partizipation verspricht.

Erlebniszone mit „historischen Echoräumen“

Unter dem kryptischen Kürzel „DAU Freiheit“ wird, so lassen die als Mitveranstalter auftretenden Berliner Festspiele verlauten, eine „Zone markiert, die für vier Wochen zu einem besonderen Erlebnisraum wird“, „historische Echoräume öffnet“ und angeblich die Chance bietet, „eine politisch-gesellschaftliche Debatte über Freiheit und Totalitarismus, Überwachung, Zusammenleben und nationale Identität zu eröffnen.“

Wer denkt, das klinge arg nach politischer Überhöhung eines künstlerisch größenwahnsinnigen Projekts, liegt wohl nicht ganz falsch. Doch worum geht es eigentlich beim „DAU“-Projekt, dieser seltsamen Mixtur aus Performance und Reality-Show, die in Berlin unter dem Begriff „Freiheit“ auftritt, bevor sie – entschlackt und ohne Mauer – weiter zieht und in Paris als „Gleichheit“ und in London als „Brüderlichkeit“ für verwirrte Gemüter sorgen wird?

Auf den geheimnisvollen Spuren des Physikers Lev Landau

Mit der Französischen Revolution und ihren hehren Idealen hat „DAU“ jedenfalls nichts zu tun. Eher schon mit der Negation der Digitalmoderne, die hinter der Maske der totalen Transparenz den gläsernen Menschen schafft. Namensgeber des Projekts ist der russische Physiker und Nobelpreisträger Lev Landau (1908-1968), der von seinen Freunden „Dau“ genannt wurde und in Moskau ein streng geheimes „Institut für Physikalische Probleme der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften“ betrieb.

Weitere Fotografie aus dem „Institut" (Charkiw). (© Orlova / Berliner Festspiele)

Weitere Fotografie aus dem „Institut“ (Charkiw). (© Orlova / Berliner Festspiele)

Um dem Rätsel des geheimnisumwitterten Physikers auf die Spur zu kommen, ließ der russische Regisseur Ilya Khrzhanovsky im ukrainischen Charkiw, wo Landau eine zeitlang lebte und arbeitete, ein gigantisches, 12.000 Quadratmeter großes Filmset aufbauen: einen eigenen, von Zäunen begrenzten Stadtteil, in dem von 2009 bis 2011 über 400 Menschen lebten und das – mit allen Mitteln des Terrors und der Totalüberwachung – so funktionierte wie Stalins Machtimperium.

…und die Kamera war immer dabei

In Charkiw wurde drei Jahre lang geforscht und geliebt, wurden Experimente durchgeführt und Kinder gezeugt. Und die Kamera von Jürgen Jürges, der früher mit Fassbinder und Wenders drehte, war immer dabei. Kunst-Performerin Marina Abramovic war zu Gast und Regisseur Romeo Castellucci, Pop-Musiker von Massive Attack und Star-Dirigent Theodor Currentzis. Aus dem so entstandenen Film-Material sollen 13 Spielfilme und eine Vielzahl von Mini-Serien geschnitten worden sein. Nichts Genaues weiß man nicht, alles liegt im Dunkeln der künstlich angeheizten Gerüchteküche.

Jetzt sollen die Filme im temporären neuen Berliner Mauer-Staat „DAU Freiheit“ vier Wochen lang präsentiert werden. Dazu soll es Performances und Lesungen, Konzerte und Vorträge, Einzelgespräche und Überraschungen geben. Mit dabei sollen auch wieder Abramovic und Co sein. Doch wer was wann wo vorführt, darüber herrscht (noch) Schweigen. Klar scheint bisher nur, dass im ganzen Kunst-Areal das alte DDR-Flair wieder auflebt, schlechte Beschilderung und dunkle Beleuchtung, muffiger Geruch und beklemmende Atmosphäre wie weiland im Mangel-Staat.

Reanimation des Realsozialismus‘

Wer die neo-sozialistische Reanimation betreten will, muss vorher einen Fragebogen ausfüllen und ein Visum beantragen und dann beim Passieren der Mauer sein Handy abgeben. Dafür bekommt er ein Gerät namens „DAU-Device“, das den Besucher zu den einzelnen Programmpunkten führt: Einlass nur auf Einladung durch das Gerät.

Wer dem Kunst-Terror nicht gewachsen ist, kann ein Notsignal senden und sich befreien lassen. Die Anwohner des Mauer-Parks werden zu „Ehrenstaatsbürgern“ erklärt, haben eigene Zutritts-Möglichkeiten zum Überwachungsstaat und können sich in ihrem angestammten Wohnraum frei bewegen. Ob das ganze Treiben wiederum von Khrzhanovsky und Jürges filmisch begleitet und später in einen neuen Streifen über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit einfließt, ist noch unklar.

Auch ein russischer Oligarch finanziert das Ganze mit

Klar ist nur, und das macht die bizarre Angelegenheit nicht schmackhafter, dass neben den Berliner Festspielen auch Sponsoren das Projekt finanzieren, die nicht gerade ein guten Leumund haben, wie der russische Oligarch Sergej Adonjew. Auch dass es beim Dreh in der Ukraine sexuelle Übergriffe von Seiten des Regisseurs gegeben haben soll, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack.

Die Kunst ist frei und wird auch den Größenwahn dieses Menschenexperiments und den Terror des temporären Mauer-Staates ertragen. Der schlimmste Feind der Kunstfreiheit ist aber die Bürokratie: Der Bau einer Mauer und das Leben in einem von eigenen Gesetzen bestimmten Erlebnisraum brauchen Genehmigungen von Bau- und Gewerbeamt, Polizei, Feuerwehr. Die stehen noch aus. Könnte also sein, dass sich alles noch als Luftnummer erweist und alle Kunst-Träume zerplatzen wie heiße Ballons.

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„DAU Freiheit“, vom 10. Oktober bis 9. November 2018.
Ein genaues Programm existiert (noch) nicht, auf dem 300 mal 300 Meter großes Areal und in den kooperierten Häusern und Akademien am Boulevard Unter den Linden sind Filmvorführungen des 700 stündigen DAU-Filmmaterials, Kunst-Performances, Auftritte von Musikern, wissenschaftliche Vorträge u.a. geplant.
Besucher(innen) registrieren sich auf der „DAU-Webseite“, um ein Visum zu erwerben.
Täglich können bis zu 3000 Visa ausgegeben werden. Ein Zwei-Stunden-Visum kostet 15 Euro, ein Tagesvisum 25 Euro, ein 72-Stunden-Visum 45 Euro. Es soll auch Diplomaten- und Presse-Visa geben, die für die gesamte Laufzeit gelten und Zutritt zu allen Veranstaltungen gewährt.

Infos unter www.berlinerfestspiele.de

https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/dau_freiheit/dau_freiheit_1.php




Von der „Spieluhr“ bis zum „Ohrenbär“: Die Entwicklung des Kinderrundfunks mit Dortmunder Impulsen

Gastautor Heinrich Peuckmann über die Entwicklung des Kinderrundfunks, zu der auch einige Ideen und Konzepte aus Dortmund beigetragen haben:

Als Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts der WDR-Lokalsender Radio Dortmund an der Lindemannstraße eingerichtet wurde, gab es unter Kulturschaffenden große Vorbehalte. Das wäre ein trojanisches Pferd, wurde geurteilt, denn erst käme der harmlose öffentliche Rundfunk und in seiner Nachfolge der Privatsender mit seinen oberflächlichen und verdummenden Programmen.

Screenshot der „Ohrenbär"-Homepage www.ohrenbaer.de

Screenshot der „Ohrenbär“-Internetseite www.ohrenbaer.de

Ich war damals Sprecher des Schriftstellerverbandes und die Autoren beschlossen, nachzuhaken, was denn der Dortmunder WDR-Sender für uns zu bieten hätte. Hintergrund vor allem meines Optimismus war die Information, dass Erdmann Linde Sendeleiter des Lokalfunks werden würde, und den kannte ich schon lange als großen Freund der Literatur.

Hoffnungsträger Erdmann Linde

Im Sender haben wir uns dann getroffen, im Kellerraum, der später für die Journalisten zur Mensa werden sollte und das, was Linde und sein Team den Autoren damals anboten, war mehr als beachtlich.  Eine große Kultursendung („Schöner Sonntag“) sollte es geben, vor allem aber eine Kinderhörfunkreihe, die dann „Die Spieluhr“ heißen sollte. Jeden Abend sollte im Lokalsender eine kleine Kindererzählung von etwa 10 Minuten Länge laufen, eine Einschlafgeschichte für die Kleinen.

Dieses Angebot war insofern etwas Besonderes, als die öffentlichen Sender damals gerade dabei waren, ihre Kindersendungen entweder heftig zu beschneiden oder ganz einzustellen. Das Dortmunder Angebot lief dem damaligen Trend also komplett entgegen.

Jürgen Hoppe plante, redigierte und las auch noch selbst vor

Erdmann Linde und sein Team haben in der Folge wirklich Wort gehalten, vor allem Jürgen Hoppe, der mit großem Engagement „Die Spieluhr“ allein bestritt. Er prüfte die eingesandten Texte, redigierte, wo es nötig war und las die Geschichten selber vor. Jahrelang hat er das getan, Tag für Tag, eine unglaubliche Leistung.

„Die Spieluhr“ fiel auf, auch weit über den Dortmunder Sendebereich hinaus. Als der Sender Freies Berlin (SFB) später eine eigene Kinderreihe etablierte, griff er deutlich auf das Dortmunder Konzept zurück. „Ohrenbär“ wurde diese Reihe genannt, die es nun schon seit dreißig Jahren gibt, heute vom RBB produziert. Die tägliche Sendung wird mit Musik aus „Peter und der Wolf“ eingeleitet, in der Regel sind es siebenteilige Kindergeschichten, die von bekannten Schauspielern vorgelesen werden.

Jedes Tageskapitel ist in sich abgeschlossen und von Kapitel zu Kapitel entwickeln sich die Charaktere bis zur Konfliktlösung. Für uns Dortmunder Autoren war der Umstieg von der „Spieluhr“, die bald mit dem gesamten Lokalsender verschwand, auf den „Ohrenbär“ kein Problem, die Texte mussten nur unwesentlich länger werden und sie sollten keine Ortsangaben enthalten.

Neue Reihe „In der Kirche ist viel los“

Es war also eine erstaunliche Entwicklung, die sich damals vollzogen hat. Mit großer Skepsis der Autoren hat sie begonnen, wurde dann zu einem regionalen Erfolgsprogramm und wandelte sich im nächsten Schritt zu einer großen Kindersendung, die nun in der halben Republik gehört wird. Denn der „Ohrenbär“ wird zwar vom RBB produziert, wird aber vom NDR und vom WDR-Kinderradiokanal („KiRaKa“) im Internet übernommen. Beim WDR läuft die Sendung jeden Abend in der Zeit von 18.45 – 18.55 Uhr.

Ich bin seit langer Zeit und immer noch als Autor dabei. Von mir wird vom 24. September an eine Woche lang eine weitere Reihe gesendet werden. „In der Kirche ist viel los“ lautet der Titel meiner insgesamt 23. Ohrenbärgeschichte, die von der Schauspielerin Leslie Malton gelesen wird. Sie ist eine wirklich gute Schauspielerin. Es sind lustige, traurige oder spannende Episoden, die im Umfeld einer Kirche spielen und die ganz nebenbei ein bisschen über das Christentum aussagen. Kinder wissen immer weniger über den Mythos, sie sind deshalb auch immer weniger in der Lage, historische, philosophische oder künstlerische Hintergründe zu begreifen, bei denen man eben doch religiöse Bezüge erkennen muss.

Bloß keine Pädagogik mit dem Zeigefinger

„Ohrenbär“ liefert keine aufgesetzte Pädagogik, das wäre ja auch tödlich für diese Sendereihe, aber im Hintergrund wird, quasi nebenbei, doch ein bisschen an Infos mitgeliefert, allerdings komplett umgesetzt in Handlung und nicht irgendwie belehrend erklärt. Eine schöne Konzeption. Und weil  das so ist, literarisch anschaulich und doch angereichert mit Informationen, ist „Ohrenbär“ nicht allein eine Sendung für Kinder geblieben.

In der Ohrenbärredaktion, von Sonja Kessen sehr umsichtig und liebevoll bis ins kleinste Detail betreut, war man am Anfang überrascht von der beachtlichen Anzahl auch erwachsener Zuhörer, hat es aber schnell als Bestätigung der Arbeit verstanden. Am besten ist es sowieso, wenn die Kinder die Sendung zusammen mit ihren Eltern hören. Die Eltern sind dann ihren Kindern nahe, sie teilen mit ihnen die Emotionen, entwickeln gemeinsam Empathie und haben ein schönes Gesprächsthema.




Traumatische Familiengeschichte: Maxim Billers Roman „Sechs Koffer“ als Geflecht aus Fakten und Fiktionen

Wir müssen uns Maxim Biller als ebenso verletzenden wie verletzlichen Menschen vorstellen: Zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust.

Als Kolumnist und Kritiker gibt der 1960 in Prag geborene Autor gern den ungehobelten Rüpel und geht lustvoll an die Schmerzgrenze fieser Beleidigungen und übler Nachrede. Als Erzähler dagegen schafft er es immer wieder, uns mit nachdenklichen Skizzen, zärtlichen Tönen und poetischen Porträts zu überraschen. Vor allem dann, wenn er sich dem unverarbeiteten Trauma seiner eigenen Familiengeschichte widmet und in einem Geflecht aus Fakten und Fiktionen in die dunklen Geheimnisse seiner weit verzweigten jüdischen Herkunft vorwagt.

Das Schweigen durchbrechen

Sein neuer Roman, „Sechs Koffer“, ist ein geglückter Fall verzweifelter literarischer Erinnerungsarbeit und humorvoller Rekonstruktion dessen, worüber man in der Familie Biller lieber schweigt: Denn bis heute ist ungeklärt, wer 1960 den Großvater in der Sowjetunion als Devisenschmuggler denunziert hat und dafür verantwortlich ist, dass der „Tate“ hingerichtet wurde.

Lange Zeit war Onkel Dima als Verräter ausgemacht, hatte er doch fünf Jahre in der damaligen Tschechoslowakei im Knast gesessen und, um seine eigene Haut zu retten, bestimmt einige (kleinkriminelle) Familiengeheimnisse preisgegeben. Doch seit der Autor als Fünfzehnjähriger den nach Zürich geflohenen Onkel besucht und bei ihm einige Geheimdienstunterlagen gefunden hat, weiß er, dass Dima als Verräter nicht taugt.

Politische Abgründe des 20. Jahrhunderts

Mit feinem Gespür für hinterhältige Pointen und überraschende Wendungen erzählt Biller aus verschiedenen Perspektiven, wie sich die politischen Abgründe des 20. Jahrhunderts auf die jüdische Familie auswirken. Wie die Billers von Moskau nach Prag und von dort aus nach Hamburg fliehen. Wir lernen Billers Vater kennen, der aus dem Russischen übersetzt und nicht mehr mit seinen Brüdern sprechen mag. Und wir begegnen Tante Natalia Gelernter, die einst als Regisseurin eine große Hoffnung des tschechischen Kinos war und dann am Antisemitismus der Kulturbonzen scheiterte: Ihr Film „Hanka Zweigová“ über eine Jüdin, die den Holocaust überlebt und danach nur noch Spaß haben und mit Männern schlafen will, die an Krieg und Katastrophe keinen Gedanken verschwenden, gilt als eine ebenso gelungene wie gewagte künstlerische und politische Provokation.

Zum Finale der literarischen Öffnung von sechs mit Geschichten vollgestopften Koffern erzählt Biller von seiner Schwester Jelena. Auch sie hat gerade einen autobiografisch grundierten Roman über die Familien-Geheimnisse geschrieben. Sie lebt jetzt in London und kommt auf Einladung des NDR nach Hamburg, um über ihr Buch zu sprechen. Während sie mit dem Taxi vom Flughafen zum Sender fährt, erinnert sie sich an all die verschwiegenen familiären Abgründe, die ihr Leben belasten, sie überlegt, ob sie die Tür zur dunklen Kammer aus Verdrängung und Verrat vor dem Mikrofon wirklich öffnen soll. Hatte ihr Bruder nicht einmal in einer Talk-Show auf die Frage, warum er so viel und so unnachgiebig über seine Familie schreibt, gesagt: „Weil ich keine Geheimnisse mag“?

Maxim Biller: „Sechs Koffer“. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 200 Seiten, 19 Euro.




Ein kurzer Brief an die lit.RUHR 2018 oder: „Über die allmähliche Abfertigung der Gedanken bei Grußworten“

Aus der beliebten Reihe „Visualisierung comme il faut": Es ist schon ein Kreuz mit der Sprache... (Foto: Bernd Berke)

Aus der beliebten Reihe „Visualisierung comme il faut“: Es ist manchmal schon ein KREUZ mit der Sprache… (Foto: Bernd Berke)

Liebe lit.RUHR,

ich lese gerade Dein brandneues Programmheft – und staune zunächst einmal, was alles für eine halbe Million Euro Sponsorenzuspruch plus Eintrittsgelder inhaltlich n-i-c-h-t geht.

Dabei, liebes „Team der lit.RUHR“, fiel es mir bereits bei Deinem Grußwort schwer, überhaupt weiterzulesen. Nicht allein das übliche Marketinggesums, all die Klischees, die Ranschmeiße ans Publikum und der schleimige Dank an die Sponsoren missfallen. Leider scheint im Umfeld Eures Literaturfestivals auch allerhand Sprachvermögen abhandengekommen zu sein.

Ihr schreibt da z.B.: „… eine Ära geht zu Ende, der Pulsschlag einer Region verstummt“. Bleischwerer und letaler geht’s nicht? „Puls“ kommt aus dem Lateinischen („pulsus“) und heißt eigentlich schon „Stoß“ oder „Schlag“, deshalb reichte es völlig aus zu sagen, dass der Puls einer Region ruhiger wird. Im Revier pulsiert’s ja weiter oder willst Du, liebes Team der lit.RUHR, uns alle hier nach dem Ende des Bergbaus für tot erklären? Nekropole Ruhr? Ja, dahin können Phrasen führen.

Vielen Dank also, dass Ihr Kölner Festivalmacher auch „Abende mit Platz für Tränen, winkende Taschentücher“ versprecht. Aber wie winken Taschentücher – und mit wem? Eher wird doch wohl mit Taschentüchern selbst gewinkt, oder?

Und der letzte Absatz, au Backe! Mit der dreimaligen Wiederholung von „wollen“ bringt der Bandwurm-Satz nun wirklich Grollen ins Gedärm. Außerdem muss es selbstverständlich „des Räubers Hotzenplotz“ heißen und nicht „des Räuber Hotzenplotz“.

Ist denn in der halben Mio. Förderasche kein Sümmchen für Sprachberatung drin? Ne? Echt? Okay, ich leg´ `nen Zehner drauf.




Gewagter Dreiklang: Das Rotterdam Philharmonic Orchestra und Yannick Nézet-Séguin eröffnen die Konzertsaison in Essen

Yannick Nézet-Séguin (l.) und der Pianist Yefim Bronfman. (Foto: Sven Lorenz)

Bemerkenswert früh startet die Philharmonie Essen in die aktuelle Konzertsaison. Noch zeigt das Kalenderblatt nicht September, noch weilt ein Großteil der Mitarbeiter in den Spielzeitferien, da öffnet das Haus bereits seine Pforten, um mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra einen Klangkörper von internationaler Klasse zu präsentieren.

Der Herbst wird weitere illustre Gäste aus dem Ausland bringen: das Mariinsky Orchestra und die St. Petersburger Philharmoniker, das Orchestre des Champs-Elysées, das Mahler Chamber Orchestra, das City of Birmingham Symphony Orchestra und die Londoner Philharmoniker.

Im Jahr des 100. Geburtstags haben die eingangs erwähnten Musiker aus Rotterdam Grund zu feiern. Andererseits gilt es, Abschied zu nehmen. Das Essener Konzert ist eines der letzten unter Chefdirigent Yannick Nézet-Séguin, der das Orchester nach nunmehr zehn Jahren verlässt, um zur New Yorker Met zu wechseln. Sein Nachfolger, der 29-jährige Lahav Shani aus Tel Aviv, wird der bislang jüngste Leiter in der Geschichte des Orchesters.

Yannick Nézet-Séguin dirigiert das Rotterdam Philharmonic Orchestra. (Foto: Sven Lorenz)

Wie ein gewagter Dreiklang scheint die Essener Programmfolge auf den ersten Blick. Haydn, Liszt und Tschaikowsky – kann das denn gut gehen? Muss Joseph Haydns 49. Sinfonie (mit dem Beinamen „La Passione“) nicht erdrückt werden von orchestralen Schlachtrössern wie dem 2. Klavierkonzert von Franz Liszt und der 4. Sinfonie von Pjotr Tschaikowsky? Droht sie nicht zur bloßen Aufwärmübung zu verkommen, zum kleinen klassischen Pflichtstück vor der großen romantischen Kür?

Gründlich und mühelos beweisen die Gäste aus Rotterdam das Gegenteil. Mit höchster Sorgfalt wird hier musiziert, mit geistsprühender Vehemenz und so feiner Phrasierung, dass Haydns Musik unterhaltsamste rhetorische Qualitäten entfaltet. Der fahle, nahezu ohne Vibrato gestaltete Kopfsatz zeugt von der Kenntnis historischer Aufführungspraxis. Seufzermotive klingen edel, Tonrepetitionen bestechend präzise, das Menuett federnd elegant. Es ist ein Auftakt nach Maß: Mit dieser Haydn-Sinfonie präsentiert sich das Orchester in hervorragender Verfassung und glänzender Spiellaune.

Der Pianist Yefim Bronfman, 1958 in Tashkent geboren, ist heute US-Amerikaner. (Foto: Sven Lorenz)

Aus dem 2. Klavierkonzert von Franz Liszt tönt uns erfrischend wenig Theaterdonner entgegen. Dank Yannick Nézet-Séguin und der Kunst des vorzüglichen Pianisten Yefim Bronfman ist Franz Liszt endlich einmal in kompetenten Händen: Wir hören Opulenz statt Schwulst, Verfeinerung statt Kitsch, Triumphales statt Triviales. Wohl gönnt Bronfman uns donnernde Oktaven, dämonisch grollende Bässe und lichtes Geklingel im Diskant. Aber diese Effekte sind eingebunden in eine sinnstiftende Interpretation, die den oft unterschätzten Komponisten als ebenbürtigen Zeitgenossen von Richard Wagner zeigt. So grüßt aus manch zackig punktiertem Rhythmus, aus mancher schimmernd gebrochenen Akkordfolge die Walküre herüber.

Tschaikowskys 4. Sinfonie klingt unter der Leitung des Frankokanadiers eher französisch-elegant als russisch-rau. Machtvolle Fanfaren im Blech, glutvolle Melodik in den Streichern, fein schwebende Holzbläser-Soli zeigen noch einmal das bestechende Können des Orchesters, das Tschaikowskys Sinfonie frei strömen lässt, statt sie blockhaft darzubieten. Freilich klingt uns auch manch extremes Pianissimo, mancher Knalleffekt im Forte entgegen, während die Höhepunkte zwar sehr klangvoll gestaltet sind, jedoch ohne alarmierende oder bestürzende Dramatik. Aber im Allegro con fuoco gibt der sportlich agierende Nézet-Séguin noch einmal ordentlich Gas – und reißt das Publikum damit prompt von den Sitzen.

(Informationen zum Spielplan: https://www.theater-essen.de/philharmonie/spielplan/)




Soziale Miniaturen (20): Der Junge mit der Goldfolie

Die betreffende Bucht am besagten Tage, etwa zur Zeit des beschriebenen Vorfalls. (Foto: BB)

Die betreffende Bucht am besagten Tage, etwa zur Zeit des beschriebenen Vorfalls. (Foto: BB)

Allenthalben liest man von den stets überbesorgten Helikopter-Mamis, die immerzu um ihre ach so bedrohten Kinder herumschwirren und sie vor jedem Kratzerchen bewahren wollen.

Früher nannte man sie Glucken, eine männliche Variante kam damals kaum vor. Das hat sich geändert. Heute verortet man solche Eltern beiderlei Geschlechts bevorzugt in der Bionade-Bohème. Oder nennt man diese Mittelschichtler in ihren SUVs schon wieder anders?

Kürzlich kreuzte eine ganz anders aufgelegte Mutter auf. Das heißt: Zunächst begab sich durchaus Dramatisches. Ein kleiner, etwa siebenjähriger Junge war trotz Warnungen zu weit hinausgeschwommen und musste per Boot von DLRG-Kräften aus der Ostsee gerettet werden. Vor lauter nachwirkender Wasserkälte klapperte er noch an Land gottserbärmlich mit den Zähnen, obgleich sie ihm eine notdürftig wärmende Rettungsdecke aus Goldfolie umgelegt hatten. Wohl alle, die es sahen, hatten Mitleid mit ihm.

Nur eine offenbar nicht: seine Mutter. Emotionslos, ja geradezu „cool“ nahm sie ihren Sohn in Empfang, fast wie eine Versandlieferung. Weder schimpfte sie mit ihm (was vielleicht falsch, aber verständlich gewesen wäre), noch suchte sie ihn zu trösten. Auch zeigte sie so gar keine Erleichterung. Andere hätten eine Nervenkrise erlitten, ihr schien es beinahe egal zu sein.

Sogleich streifte sie die Goldfolie von ihm ab; ganz so, als sei der Schutz überflüssig und als stelle sich der Junior nur unnötig an. Oben im Hotelzimmer werde es ihm schon wieder warm werden, beschied sie. Knapper als sie kann man sich bei den Rettern (s)eines Kindes nicht bedanken. Sie schubste freilich noch den Jungen vor und nötigte den Zitternden zur Danksagung.

Sie schien kälter als das Wasser zu sein, aus dem man den Jungen gezogen hatte. War sie nicht wie eine jener Stiefmütter aus den alten Märchen? Früher sprach man in derlei Fällen von Rabenmüttern.

Nun sagt: Hätte man sich einmischen und sie zurechtweisen sollen? Ach, das wäre sinnlos gewesen und hätte nur weiteren Verdruss gegeben. Aber einfach so geschehen lassen…?

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Bisher in der losen Textreihe „Soziale Miniaturen” erschienen und durch die Volltext-Suchfunktion auffindbar:

An der Kasse (1), Kontoauszug (2), Profis (3), Sandburg (4), Eheliche Lektionen (5), Im Herrenhaus (6), Herrenrunde (7), Geschlossene Abteilung (8), Pornosammler (9), Am Friedhofstor (10), Einkaufserlebnis (11), Gewaltsamer Augenblick (12), Ein Nachruf im bleibenden Zorn (13), Klassentreffen (14), Zuckfuß (15), Peinlicher Moment (16), Ich Vater. Hier. Jacke an! (17), Herrscher im Supermarkt (18), Schimpf und Schande in der Republik (19)

 




Mitten im syrischen Krieg läuft eine Fabrik wie geschmiert – Dokumentarstück „The Factory“ bei der Ruhrtriennale

Ein Stück auf Arabisch über den Krieg in Syrien – wäre man da nicht verloren und hilflos angesichts des Schreckens, den es buchstäblich schwer fällt zu begreifen? Aber wenn sich das Theater dieses Themas annimmt, sollte man als Zuschauer nicht zumindest den Mut haben zuzusehen? In Koproduktion mit der Volksbühne Berlin zeigte die Ruhrtriennale jetzt „The Factory“ von Mohammad al Attar in der Regie von Omar Abusaada auf PACT Zollverein in Essen.

Fotos: © Ant Palmer/Ruhrtriennale 2018

Brutale Kriegshandlungen gibt’s auf der Bühne zum Glück nicht so viele zu sehen, auch ist die Aufführung deutsch und englisch übertitelt, so dass man den drei Schauspielern und einer Schauspielerin gut folgen kann.

Dennoch tun sich Abgründe auf, und zwar durch den Einblick in das Machtgefüge des kriegsgebeutelten Landes, in das die politischen und wirtschaftlichen Akteure schuldhaft verstrickt sind.

„The Factory“ gehört zum Genre des Dokumentartheaters: Durch eine E-Mail eines ehemaligen Arbeiters (Mustafa Kur) beginnt die französische Journalistin Maryam (Lina Murad) die Geschichte der syrischen Dependance des Französischen Zementwerks Lafarge zu recherchieren. Erstaunlicherweise lief die Produktion im umkämpften Gebiet im Norden Syriens jahrelang nahezu ungestört weiter – selbst als der IS die Region einnahm. In Form von Interviews mit verschiedenen Akteuren deckt Maryam nach und nach auf, dass sich die Interessen des französischen Konzerns mit denen der verschiedenen Kriegsparteien vor Ort durchaus überschneiden können: Jeder von ihnen fand ein Zementwerk wohl recht nützlich, da ließe sich beim Wiederaufbau des Landes bestimmt eine Menge Geld verdienen; egal, wer hinterher regiert.

Fotos: © Ant Palmer/Ruhrtriennale 2018

Das Schicksal der Arbeiter schien dabei aber zweitrangig: Während diese noch in den schlimmsten Kämpfen in die Fabrik gezwungen werden und unter Kidnapping zu leiden haben, sitzen die Bosse im Exil und ziehen die Fäden. Doch auch ihren Argumenten geht man leicht auf den Leim: Da ist zum Beispiel der syrische Tycoon Firas (Ramzi Choukair), Sohn eines Generals, der dem Assad-Clan nahesteht. Schließlich hätten ja auch die Arbeiter ein Interesse daran gehabt, das Werk weiter zu betreiben. Immerhin lebten sie davon. Und warum eine gut funktionierende Fabrik zerstören? Hieße das nicht, total zu resignieren und jede Hoffnung aufzugeben?

Auch der syrisch-kanadische Manager (Saad Al Ghefari) beteuert, nur aus edlen Motiven gehandelt zu haben – er regelte das mit den Bestechungsgeldern, wobei die Empfänger vom IS bis zu verschiedenen Kurdenparteien reichten. In der Außenansicht ist man schließlich gar nicht so sehr verwundert oder vielleicht an solche Geschäftspraktiken zu sehr gewöhnt. Denn gab es das nicht schon immer, auch von deutscher Seite: Paktieren mit zweifelhaften Machthabern im wirtschaftlichen Interesse? Bei gleichzeitiger moralischer Überlegenheit auf dem Gebiet der demokratischen Kultur? Vielleicht tragen deswegen die Schauspieler am Ende Masken, ein wenig, als hätte man ihre Gesichter einzementiert. Auf der dunklen Bühne leuchten nunmehr die kleinen Lämpchen an ihren Schutzhelmen und schaffen eine Verbindung zur Bergarbeiterkultur des Spielortes.

Letztlich schafft es der Artikel der Journalistin Maryam, wenigstens in Frankreich eine Untersuchung zu dem Fall einzuleiten. Doch der Krieg geht trotzdem weiter.

www.ruhrtriennale.de




Trotzige Betonburgen, verspielte Swimmingpools – Architekten schauen respektvoll auf die Baukunst der jungen Republik

Das ehemalige Schuman-Kolleg an der Dortmunder Sckellstraße zeigt nach Jahren des Leerstands Zeichen von Verwahrlosung. Doch immerhin ist es jetzt ein Baudenkmal (Foto: Bund Deutscher Architekten BDA)

Büsche und Bäume stehen in üppiger Pracht. Der Baukörper hingegen, den das Grün geradezu verbirgt und den in unterschiedlichen Stadien der Ausgeblichenheit die Farbe Blau prägt, schwächelt. Man sieht ihm an, dass er seit einigen Jahren ohne Funktion ist, auch wenn die Fensterscheiben noch heil sind.

Kunst im Kolleg

Schiefe Schilder mit Hinweisen auf Lehrer- und Schülerparkplätze rühren an in ihrer Sinnlosigkeit. Das Robert-Schuman-Kolleg gibt es hier nicht mehr, es ist vor Jahren schon umgezogen in einen Neubau neben dem Dortmunder Kulturzentrum „U“. Doch die Agonie des Baukomplexes aus den 60er Jahren, den „Dornröschenschlaf“ zu nennen einem widerstebt, soll bald ihr Ende haben. Denkmalschutz wird dem Kolleg zuteil, zum architektonischen Sahnehäubchen einer neuen Wohnbebauung soll es geadelt werden. Bevor es aber so weit ist, gibt es hier Kunst zu sehen, die selbstverständlich mit Bauen und Bauten zu tun hat. Und die in größeren Zusammenhängen begriffen sein will. Das ehemalige Robert-Schuman-Kolleg gehört nämlich zu den „Big Beautiful Buildings“ (BBB), denen sich der Bund deutscher Architekten (BDA) jetzt mit ganz besonderer Aufmerksamkeit zuwendet – den „großen schönen Gebäuden“.

Von links: die Künstler EVOL und Alekos Hofstetter aus Berlin sowie der Dortmunder Architekt und Schwimmbadbuchautor Richard Schmalöer. Die „Plattenbauten“ sind eigentlich Blechspinde, die täuschend echt bemalt wurden. (Foto: rp)

Schönheit?

Schön? An großen Gebäuden herrscht im Revier kein Mangel. Aber nicht jeder wird, beispielsweise, die Marler Innenstadt („Marler Stern“) schön finden. Oder das Rathaus dort. Oder die Ruhr-Universität in Bochum. Oder vielleicht sogar, wenngleich es weitaus weniger betonhaltig anmutet, das alte Schuman-Kolleg. Kommt die Rede auf Gebäude wie diese, so ist schnell von Bausünden die Rede, von einer Betonwüste, von entmenschlichter Architektur, vom Verlust der Maßstäblichkeit und so fort. Doch Schönheit liegt ja im Auge des Betrachters. Und so gibt es heutzutage ebenfalls etliche Menschen, Fachleute zumal, die die großen, funktionalen Gebäude aus der Zeit des wirtschaftlichen Aufbruchs nach dem Krieg, grob also aus den 1950er bis 1970er Jahren, mögen, die sie erhalten wollen.

Big Beautiful Buildings

Sie preisen, je nachdem, den „Brutalismus“ von Bauten, die trotzig das Material herzeigen aus dem sie gemacht wurden, loben die Helligkeit von Schulräumen, deren Konstruktion unter reicher Verwendung von Einfachglas und Aluminiumprofilen Aspekte der Wärmedämmung noch gänzlich vernachlässigte, verneigen sich gar vor dem brachialen Gestaltungswillen mancher Altvorderer, die sich um Harmonie und Milieubezug wenig scherten. Auf einer umfangreichen Internetseite hat der Bund der Architekten eine Vielzahl solcher „Big Beautiful Buildings“ im Ruhrgebiet aufgelistet. Sie können besichtigt werden, und die meisten kennt man schon. Außerdem findet in den nächsten Wochen eine Reihe von Veranstaltungen statt, Vorträge, Filmvorführungen, Kunstausstellungen.

Ein Porzellanfisch von Peter Lechner ziert die Wand hinter einem privaten Swimmingpool. Auch er kann besichtigt werden – im Keller eines Einfamilienhauses in der Sckellstraße, gegenüber vom Schuman-Kolleg. (Foto: rp)

Kunst und Künstler

Zurück in das Dortmunder Schuman-Kolleg und zur kongenialen Architekturkunst. Aleko Hofstetter, um mit ihm zu beginnen, hat Bilder gemalt, die Details von Dortmunder „großen schönen Bauten“ verarbeiten, beispielsweise Innen- und Außenansichten des „Centrums für Medizin & Gesndheit (DOC)“, das früher einmal Commerzbank und West-LB war, oder des alten Volkswohlbund-Hauses aus den 80er Jahren, das mittlerweile schon wieder gesprengt und abgerissen wurde. In seinen Bildern kombiniert er diese wiedererkennbaren Details mit Texturen und Raumandeutungen, erschafft phantastische Landschaften, irritiert sein Publikum mit formalen Umdeutungen und Verunsicherungen. Das Gros der Arbeiten entstand in diesem Jahr, in einer Mischtechnik, die auch den Filzstift nicht verachtet.

Arbeiterschließfächer

Von EVOL kommen die Plattenbauten. Ebenso wie Hofstetter stammt er aus Berlin, heißt eigentlich Tobe Ringfeld und besorgte sich die rostigen alten Blechspinde aus Italien. Mit einer aufwendigen Schablonen-Drucktechnik hat er ihnen die Optik täuschend echter Plattenbauten verliehen. Weder Sattelitenschüsseln noch Graffiti fehlen. Ganz unübersehbar fungieren Spind wie Platte als „Arbeiterschließfächer“, sehr sinnhaft und eindrucksvoll. Eigentlich, erzählt EVOL, sei er Sprayer, und eine Zeit lang habe er bevorzugt Schaltkästen im öffentlichen Raum mit seinen Bildern versehen. Schaltkästen aber sind meistens aus Stein und für den Transport ins Museum ungeeignet, daher lieber Blechspinde. Der Berliner Stasi-Stadtteil Lichtenberg diente als eine Art städtebaulicher Vorlage. „Doppelplusmodern“ wurde diese kleine,aber gut passende Ausstellung getauft, die der BDA, Gruppe Dortmund Hamm Unna, ausrichtet.

Hallenbäder im Wirtschaftswunder

Und dann sind da noch die Swimmingpools. Immer wieder hat Richard Schmalöer mit ihnen zu tun, wenn er als Architekt alte Häuser renoviert. In der Zeit des Wirtschaftswunders, relativ kurze Zeit nach dem Krieg, bestellten sich viele Bauherren Bäder für ihre Keller, oft aufwendig dekoriert von Künstlerhand, es war ein regelrechter Boom. Schmalöer ließ fotografieren und begab sich ans Schreiben – „Schwimmen im Geld – private Hallenbäder des deutschen Wirtschaftswunders“ lautet der Titel des Buches, das so entstand.

Alles wie neu

Ein Bad kann sogar besichtigt werden. Es befindet sich im Keller unter dem Flachbungalow gegenüber vom Robert-Schuman-Kolleg, wo Schmalöer aufwuchs und wo heute eine Senioren-WG residiert. Die lustigen Fische, die vor einem Wellenrelief geradezu zu schweben scheinen, stammen von dem Künstler Peter Lechner. Vor einigen Jahren hat er die Wand restauriert, denn etliche Porzellanfische, erzählt Schmalöer, waren zu Bruch gegangen, wenn er und sein Bruder sich im Pool heftige Wasserballduelle lieferten. Jetzt ist wieder alles wie neu.

Und dann kam die Ölkrise

Bilder weiterer Bäder hängen an den Wänden, so dass auch von einem Ausstellungsprojekt gesprochen werden kann. Abgesehen davon haben die Bäder mit den „Big Beautiful Buildings“ eigentlich nichts zu tun – außer vielleicht, dass sie in etwa zur gleichen Zeit entstanden.

Man sieht: Privat hatten es die Besserverdiener der ersten Nachkriegsjahrzehnte doch lieber überschaubar, kuschelig, intim. Genehm war zudem die Bar gleich nebenan – manches Mal in einer Ausdehnung, die nach mehrköpfigem Personal verlangte. Die „Ölkrise“ in den 70er Jahren war für die großen Häuser wie für die kleinen Bäder eine Zäsur. Teure Energie machte sie alle unwirtschaftlich.

  • Ausstellungen:
  • „Doppelplusmodern“ im Robert-Schuman-Kolleg, Dortmund, Sckellstraße 5-7
  • Hallenbad, Dortmund, Sckellstraße 12
  • Bis 21. September. Geöffnet freitags, samstags, sonntags 14 – 18 Uhr
  • „Big Beautiful Buildings“ (BBB) im Internet: www.bigbeautifulbuildings.de



Was soll uns der Saurier? Christoph Marthaler wagt sich bei der Ruhrtriennale an das Universum von Charles Ives

Berührende Momente und Rätselhaftes: Plötzlich schwebt ein Dino ein. Foto: Walter Mair/Ruhrtriennale

Berührende Momente und Rätselhaftes: Plötzlich schwebt ein Dino ein. Foto: Walter Mair/Ruhrtriennale

Am Beginn steht die Erschaffung der Welt. Es klingt ein Klopfen, Zischeln und Hämmern im vielfach geteilten, polyrhythmisch arbeitenden Schlagzeug, als befänden wir uns in einem Maschinenraum. Das an- und abschwellende Werkeln stammt aus Charles Ives’ unvollendeter „Universe Symphony“, die nicht weniger als die Schöpfungsgeschichte, des Menschen Erdendasein und sein Streben nach Erlösung und Erleuchtung umfasst.

Für Christoph Marthaler, den Regisseur der Langsamkeit und Verstörung, sowie für die Ausstatterin Anna Viebrock, die Schöpferin muffiger, verblichener, seelische Leere spiegelnder Interieurs, war Ives’ monumentaler Ansatz reichlich Inspiration, das musikalische Fragment zu einem Gesamtkunstwerk auszuweiten. Entstanden ist eine in ihrer riesenhaften Dimension teils faszinierende, verrätselte, teils langatmige, dramaturgisch äußerst gespreizte Triennale-„Kreation“.

Marthalers Personal rennt und tänzelt, schreit oder schaut stumm. Foto: Walter Mair/Ruhrtriennale

Sie ist in Bochums Jahrhunderthalle zu erleben, gewissermaßen in einem Maschinenraum vergangener Zeiten. Dort kommt das perkussive Tüfteln langsam zum Ende, aus der Ferne zeichnet ein Orchester feine Ornamente, bis plötzlich eine lärmende Marschkappelle alle Kontemplation ruppig zerstört. Und das elfköpfige Marthaler-Personal, das von einem Zollbeamten nach und nach in die Arena eingelassen wird, quittiert die Klangüberwältigung mit einem säuerlichen „Naja“.

Marthalers Menschen, die diese Welt bevölkern, die musikalisch angereichert ist mit Ives’ Kosmos aus Märschen, Songs, Hymnen und geschichteten polytonalen Orchestereruptionen, wirken wie verlorene Gestalten. Die Utopie des amerikanischen Komponisten von einer seligmachenden Transzendenz wird hier zur Dystopie, in der die Erdenbewohner rennen und kriechen, schreien und flüstern, sich balgen.

Dieses Bewegungsvokabular ist hinreichend bekannt, auch die Langsamkeit und Wiederholungszwänge oder die teils rührenden Versuche, etwas Schönes zu bewerkstelligen. Wenn sich etwa Tanzpaare zu trostvollen Streichquartettklängen finden, aber außer Verrenkungen und Erstarrung nichts zustande bringen.

Einzug der Marsch-Kapelle. Foto: Walter Mair/Ruhrtriennale

Allenthalben Verstörung, aber auch Faszination: Erstmals wird die Jahrhunderthalle in ihrer vollen Länge und gehörigen Tiefe genutzt und scheint so geradezu prädestiniert für Ives’ (teils verborgene) Klanginseln. Die Akustik jedenfalls wirkt ausgezeichnet, entfaltet sehr präsent die Schichtungen der Musik oder wunderbar knallig die Wucht der Märsche.

Schwieriger wird’s bei der Ausstattung. Die Halle selbst, mit ihren wuchtigen Verstrebungen und der industriellen Patina, ist ja Bühne genug. Da erscheinen Anna Viebrocks riesenlange Festtafel, die ollen Kirchenbänke oder eine kitschverdächtige Brücke doch arg verloren. Besser wirken die Kostüme des Ensembles (auch von Viebrock), irgendwie auf amerikanisch getrimmt, teils wie aus dem Second-Hand-Laden, garantiert völlig unmodern.

Christoph Marthaler, Regisseur der Langsamkeit und der Verstörung. Foto: Edi Szekely

Hier das Offensichtliche, dort manches Rätsel. Was soll uns bloß der Dinosaurier mitten im Spiel? Oder der Mann mit der Tuba, der immer zu spät kommt und nicht mal weiß, zu welchem Orchester er gehört? Dazu viel Gebrabbel und manche Agitation. Das angestrebte Gesamtkunstwerk entpuppt sich als Pasticcio, zerfällt in zähe Inseln.

Am Ende sanfte Streicherharmonie, ein fragendes Fünftonmotiv der Trompete und schnatternde Antwortversuche einiger Holzbläser. Zu Ives’ „The Unanswered Question“ legt Marthalers Personal, das sich zuvor die Seele aus dem Leib gespielt hat, den Kopf auf die Schulter und blickt – ins Nichts.

Der Applaus für die famosen Bochumer Symphoniker unter Titus Engel, für die trefflichen Schlagwerkformationen aus NRW-Musikhochschulen, für Mimen und das Regieteam ist herzlich. Enthusiasmus aber hört sich anders an.

https://www.ruhrtriennale.de

(Der Artikel ist in ähnlicher Form zuerst in der WAZ erschienen).

 

 




Kleines Genrebild vom Bauernhof

„Ich wollt', ich wär' ein Huhn..." (Foto: Bernd Berke)

„Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn…“ (Foto: Bernd Berke)

Gar nicht so furchtbar weit von heimischen Gefilden entfernt, doch in einer anderen Welt gelegen: Zwei Wochen Urlaub auf einem Bauernhof in Ostsee-Nähe zeigen einem sehr sinnfällig, wie man sich von naturnahen Vorgängen entfremdet hat. Nicht einmal Kindern mag alles gleich gefallen.

Aufstehen! Ungefähr um 4:30 Uhr krähen lauthals drei bis vier Hähne. Schweine, Kaninchen, Esel, Enten, Rinder, Pferde und Ziegen haben jeweils ihren Platz und tragen im Laufe des langen Tages das Ihre zum allgemeinen Geräusch- und Geruchs-Aufkommen bei. Wie anders und keimfrei liest man’s meistens in den zahllosen Landleben-Magazinen.

Es gibt hier noch etliche Tiere mehr. Wie aufgeregt Hühner rennen können! Wie durchdringend Gänse kreischen können! Wie schnell und kraftvoll ein Esel zu galoppieren vermag! Auch fünf Katzen und fünf Hunde treiben mittenmang ihr Wesen. Die niedlichste, zutraulichste Katze kann auch völlig anders. Sie springt einem Vorstehhund schon mal beherzt auf den Rücken, als wollte sie ihn zureiten. Allzeit kratzbereit.

Und die Menschen? Zwei Helfer sind einander offenbar spinnefeind. „Lass mich in Ruhe, ich muss arbeiten“, raunzt die knorrige P. den öfter mal tagelang sturzbetrunkenen J. an, der in einem Wohnwagen auf dem weitläufigen Hofgelände lebt. Ein Duo, das jedes rustikal polternde Bauerntheater weit hinter sich lässt. Sie erinnern eher schon an den frühen Kroetz – oder gar an Beckett.

Dem Trunkenbold zur Mahnung: Gestern ist einer, der nahebei unter ähnlichen Bedingungen in einem Wohnwagen hauste, am exzessiven Suff gestorben. Ein Stoff wie aus einer Moritat. Die Bauersleute wollen es ihrem derzeit wenig hilfreichen Helfer eindringlich erzählen, auf dass er sich besinne. Auch so ein Narrativ. Zusatzfrage: Darf man jemanden heute noch „Knecht“ bzw. „Magd“ nennen oder ist das im politisch korrekten Sinne verpönt?

Die etwaige Anschaffung eines neuen Traktors ist ein weiteres Thema des Monats. Was bringt das alte Modell noch, was darf das neue kosten? Überhaupt wird notgedrungen hart kalkuliert. Wo gibt es günstige Gelegenheiten? Wo kann man diese oder jene Unterstützung bekommen, wie erhält man spezielle Subventionen? Welche Zimmer kann man vermieten? Wie lange muss das Hofcafé geöffnet bleiben? Auf welchen Märkten muss man präsent sein? Die partielle Missernte dieses Dürresommers verschärft die eh schon angespannte Situation noch. Der Laptop, gefüttert mit allen wichtigen Eckdaten, läuft quasi permanent heiß.

Woher kam eigentlich nochmal das Wort Kultur? Hat es denn nichts mit Kultivieren, also letztlich mit Ackerbau (aka Agrikultur) zu tun?




Saure Gurken in Peking

...und es war Sommer. (Foto: BB)

…und es war Sommer. (Foto: BB)

Die offizielle und offiziöse Kultur machen mal wieder Pause – bis auf jene allsommerlich wiederkehrenden Festivals und Events, die entweder sündhaft teuer sind oder aber bevorzugt mit dem Etikett „umsonst und draußen“ locken, wie die Formel für meist lärmgeneigte Schnäppchenjäger lautet. Same procedure…

Gewiss, ersatzweise hätten wir in Serie über die schier endlose Hitze- und/oder Dürreperiode der letzten Wochen berichten können – mit allen ökologischen und apokalyptischen Weiterungen. Aber dazu hatten wir schlichtweg keine Lust. Auch fühlten wir uns gar nicht zuständig. Das sollen andere, möglichst kundige und nicht nur so oder so interessierte Leute übernehmen. Wir zählen derweil die sauren Gurken, die in Peking umfallen. Oder wir genießen einfach die Ruhe. Ahhhhh! Himmlisch.

Was war sonst noch? Die neuesten Volten von Donald T., die in all ihrer ständigen Unberechenbarkeit letztlich immer berechenbarer werden. Der jähe Absturz des Radsportidols Jan U. samt allen boulevardesken Beigaben. Der permanente Absturz des Tennisidols Boris Becker. Die medial willkommene Aufregung ums schöne deutsche Kindergeld und die Verteilung desselben. Seiten und Sendezeiten müssen halt gefüllt werden. Wie eh und je.

Und immer wieder Rassismus. Und immer wieder die fortwährenden Konflikte um alle Formen und Folgen der Migration. Auch auf diese Felder mag man sich schreibend nicht so gern begeben. Daraus resultieren ja doch nur Shitstorms, von welcher Seite auch immer.

Womit wir wieder beim Wetter wären. Angenehm heute, nicht wahr?

P.S.: Vorstehende Zeilen wurden überhaupt nur verfasst, um so genannten Content zu haben. Inhalt zweitrangig.




Neuproduktion ohne Ecken und Kanten: Neo Rauch und Rosa Loy tauchen „Lohengrin“ in Bayreuth in vieldeutiges Blau

Blau ist die bestimmende Farbe der Bühne von Neo Rauch und Rosa Loy. Foto: Enrico Nawrath

Blau ist die bestimmende Farbe der Bühne von Neo Rauch und Rosa Loy. Foto: Enrico Nawrath

Blau – die Farbe des Himmels, die Farbe Gottes und der Harmonie. Blau – eine kalte Farbe und nach Leonardo da Vinci die metaphysische Mischung des Sonnenlichts mit der Schwärze der Weltfinsternis. Blau – die Farbe der Nacht, der Ruhe, der romantischen Sehnsucht. Blau aber auch die Farbe, die niederländische Künstler für ihre Keramikkacheln verwendeten, die sich ab dem 16. Jahrhundert in ganz Europa verbreiteten.

Von diesem Delfter Blau hat Neo Rauch – so macht er selbst glauben – seine Inspiration für den neuen Bayreuther „Lohengrin“ empfangen. Diese Farbe bleibt so deutungsoffen wie die Bühne, die Rauch gemeinsam mit seiner Frau Rosa Loy für die diesjährige Premiere der Festspiele entwickelt hat. Ein traditioneller Rundhorizont mit schweren Wolken und durchbrechenden Lichtstrahlen, im Zentrum ein merkwürdiges Gebäude, eine Mischung aus Transformatorenhaus und Erinnerung an einen romanischen Architekturblock mit Rundbogenfries und Rosette, mit Isolatoren auf dem Dach und Leitungen zu einem angejahrten Strommast. Davor wimmelt die Menge des brabantischen Volkes in der Tracht, wie sie uns niederländische Maler auf ihren Genrebildern vertraut gemacht haben: Wämser, Häubchen, Schürzen, Schnürmieder. Es ist kein Land vor dem Hunnensturm, sondern das Land der Reformation, des Zeitalters der Glaubenszweifel.

Zwischen Whales‘ „Frankenstein“ und Böcklins „Toteninsel“

Zu dem anachronistischen Prozess, der da vor den König kommt, wird eine an zwei Seilen gefesselte Frau geführt. Elsa, in Blau, mit viel zu kleinen Flügelchen wie eine putzige Engelsfigur aus einer Kitschporzellansammlung, an einen Isolator gefesselt, erträumt ihren Retter. Lohengrin erscheint unter blitzenden Entladungen. Die Lichtbögen erinnern an James Whales „Frankenstein“-Film: Lohengrin als der „neue Prometheus“, der Lichtbringer für die Menschen? Seine graublaue Montur eröffnet breite Deutungsmöglichkeiten zwischen Luftschiffer, Elektriker oder dem einst die Sowjetunion „elektrifizierenden“ Lenin. Jubel vor dem Trafo und zwischen den Schatten hoher Zypressen, die wie aus Arnold Böcklins „Toteninsel“ drohen. Im Kampf verliert Telramund einen seiner Insektenflügel und kriecht nur noch am Boden: Motten lösen die Neuenfels’schen Ratten ab. Schon ein bekannter deutscher Satiriker wusste: Tiere auf der Bühne machen sich immer gut.

Lohengrin, zweiter Akt: Die Harmonie zwischen Lohengrin (Mitte: Piotr Beczala) und Elsa (rechts: Anja Harteros) scheint gefestigt, aber mit Ortrud (Hintergrund: Waltraud Meier) droht der Zweifel. Foto: Enrico Nawrath

Lohengrin, zweiter Akt: Die Harmonie zwischen Lohengrin (Mitte: Piotr Beczala) und Elsa (rechts: Anja Harteros) scheint gefestigt, aber mit Ortrud (Hintergrund: Waltraud Meier) droht der Zweifel. Foto: Enrico Nawrath

Neo Rauch behindert auch im zweiten und dritten Akt den Freiflug des assoziativen Bild-Symbol-Denkens nicht: Eine hohe Wolkenszenerie, auf den Tüllvorhang projiziert, versetzt die Szene zwischen Ortrud und Elsa in eine unwirkliche Landschaft. Die Figuren bewegen sich in einer dunklen Zone wie in einem Schilfgürtel, herausgeschält nur durch die Lichtspots Reinhard Traubs. Bleiben wir im Brabant der Reformation, sind Ortrud und Telramund durch ihre Kostüme als Vertreter einer älteren Ordnung gekennzeichnet: Er im gegen neue Waffen wirkungslos gewordenen Harnisch alter Rittersleut‘, sie im voluminösen Medici-Kragen und einem Rock, der an steife spanische Hofmode erinnert. Nun ja: Die beiden stehen für Radbods alten Fürstenstamm.

Schon im zweiten Akt tritt eine neue Farbe hinzu, die durch Rot ins Orange gebrochene Komplementärfarbe zu Blau: Gelb, die schwefelfarbige mittelalterliche Chiffre für den Außenseiter und das Böse. Der Turm, in dem Elsa und Lohengrin ihre Hochzeitsnacht feiern sollte, ist intensiv orange ausgeleuchtet; Elsa selbst schon – im Futter ihrer Robe – von blassem Orange infiziert. Die Farbe des Zweifels?

„Hervorstülpungen“ des Inneren

Wie eigentlich stets bei Neo Rauch, sind diese „Hervorstülpungen“ seines Inneren, entwickelt in sechs Jahren stetiger Umrahmung seiner Atelierarbeit durch Wagners Musik (so Rauch in einem Interview) ambivalent, auch nicht auf ein tradiertes Repertoire von Symbol-Bedeutungen oder Bild-Chiffren festzulegen. Aber, wie das sonst recht regietheaterverliebte deutsche Feuilleton in seltsamem Erstaunen mehrfach notiert hat: Sie sind einfach schön, und in ihrer geheimnisvollen Gegenständlichkeit reizvoll rätselhaft zu betrachten.

Sie kehrt nach 18 Jahren noch einmal auf den Hügel zurück, um ein letztes Mal Ortrud zu singen: Waltraud Meier (Mitte) mit Tomasz Konieczny als Telramund. Foto: Enrico Nawrath

Sie kehrt nach 18 Jahren noch einmal auf den Hügel zurück, um ein letztes Mal Ortrud zu singen: Waltraud Meier (Mitte) mit Tomasz Konieczny als Telramund. Foto: Enrico Nawrath

Nun ist Form ohne Inhalt, Schönheit ohne Begriff eine hohle und schnell ermüdende Angelegenheit. Der Erfolg der Leipziger Schule, soll er nicht bloß Schall und Rauch sein, sollte sich nicht auf puren Ästhetizismus, auf von ach so viel Abstraktion und Gedankenkunst ermüdete Augen stützen. Im Falle des Theaters sitzen wir nicht in einer riesigen Gemäldegalerie, sondern einem Raum, der durch Aktion, Darstellung und im Fall der Oper durch Musik mehrdimensional gedacht ist.

Bewegte Körper sind „willkommen“

Hier kommt nun die Inszenierung ins Spiel. Eigentlich, so Neo Rauch in einem Interview mit der „Zeit“, brauchen seiner Bilder die Bewegung des Körpers im Raum, die Kostüme und die Musik, gar nicht. Man könne auch aus der reinen Betrachtung des statischen Materials Genuss ziehen, bewegte Körper seien aber „willkommen“. Dafür zeichnet in Bayreuth Yuval Sharon verantwortlich, der in seiner Heimat, den USA, mit experimentellen Opern-Projekten auf sich aufmerksam gemacht hat und 2014 mit John Adams‘ problematischem Musiktheater „Doctor Atomic“ quasi aus dem Nichts heraus in Karlsruhe in der deutschen Regielandschaft eingeschlagen hat. Im Dezember 2016 hat Sharon eine „Walküre“ in Karlsruhe inszeniert und kurz darauf anstelle des von der offenen deutschen Flüchtlingspolitik vergrätzten lettischen Regisseurs Alvis Hermanis den Bayreuther „Lohengrin“ übernommen. Eine von Anfang an harmonische Zusammenarbeit, wie Rauch, Loy und Dirigent Christian Thielemann übereinstimmend bestätigen.

Trotzdem: Viel eingefallen ist Sharon zum Thema „Lohengrin“ in den eineinhalb Jahren nicht. Weder vertieft er die Figuren psychologisch, noch macht er deutlich, was an Wagners Konzept aktuell sein könnte. Die Ansätze sind da: Lohengrin als Prometheus, Lohengrin als präfaschistische Führerfigur ohne Geschichte und ohne politischen Rechtfertigungsdruck. Oder Lohengrin als „Berührung einer übersinnlichen Erscheinung mit der menschlichen Natur“, wie Wagner schrieb – die Oper also als Transzendenzproblem. Dergleichen ist höchstens in Ansätzen zu beobachten, wenn etwa, als Lohengrin zum „Gral“ zurückkehrt, die kraftvoll gemalten Lichtstrahlen von oben intensiv aufleuchten. Im Zusammenhang einer betulichen Personenregie, die in der Kirchenszene des zweiten Aktes wie aus einem früheren Reclam-Libretto wirkt, gewinnen solche Details kein Gewicht.

Christian Thielemanns intensive Steigerungskurven

Sowohl das Emanzipationsthema (Elsa, die starke Frau) als auch die Umwertung Ortruds, die den letztlich notwendigen Zweifel sät, sind schon szenisch überzeugender erzählt worden. Stattdessen wiegen sich die Köpfe der brav aufgestellten Chöre wacker hin und her, wenn im dritten Akt Elsa in knalligem Orange trotzig die Erklärung des Gralsritters entgegennehmen muss. Mag sein, dass die Reminiszenzen an alte Wolfgang-Wagner-Arrangements akustisch günstig sind. Genutzt haben sie wenig; der Chor Eberhard Friedrichs lag – „Steh ab vom Kampf!“ – mehr als einmal in ungewohntem Clinch mit der Präzision und erntete am Ende ein paar böse Buhs.

An Christian Thielemann konnte das nicht liegen: Der Festspiel-Musikdirektor dirigierte mit „Lohengrin“ die letzte der zehn Opern aus dem an sich unsinnigen Kanon der festspielwürdigen Wagner-Werke. Und da waren sie wieder, die Momente, in denen Thielemann den Streicherklang magisch samtig ausbreitet. Die Stellen, in denen Bläser und Streicher in luftig strahlender Transparenz ineinander verwoben zu schweben scheinen. Die intensiven Steigerungskurven im Finale des zweiten Aktes, die Thielemann ganz typisch mit einem kaum merklichen Rubato noch verstärkt. Aber da war auch der fehlende Biss im Vorspiel zum dritten Akt, das Fehlen einer belebenden rhythmischen Kantigkeit. Und im schimmernden Vorspiel wurden die Bläserstimmen keineswegs aus dem Nichts in das Flirren der geteilten Violinen hineingeboren, sondern setzten beinahe analytisch deutlich ein.

Gefeierte Waltraud Meier

Mit Piotr Beczała setzte Bayreuth endlich wieder einmal Lohengrin-Maßstäbe. Der polnische Tenor sang anstelle von Roberto Alagna, der vor ein paar Wochen plötzlich bemerkte, dass er keine Zeit zum Lernen der Rolle habe, mit viel Fortüne. Die italienische Fülle des Klangs stützte eine ausgezeichnete Artikulation, aber die nicht anstrengungsfreie Höhe zeigte auch, dass der „Lohengrin“ für Beczała eine Grenzpartie ist. Eine solche Grenze gilt auch für Anja Harteros als Elsa: So flexibel und innig ist „Einsam in trüben Tagen“ nicht eben häufig zu hören; in den dramatischen Momenten der Auseinandersetzung mit Ortrud hat die Stimme glanzvolles Volumen und entschiedene Attacke; im Duett des dritten Akts zeigt das zunehmend flackernde Vibrato, dass ihr die Ausdauer fehlt, die Phrasen konsequent durchzustützen.

Gefeiert wurde Waltraud Meier. Nach 18 Jahren kam die Sängerin, die in so vielen Partien Maßstäbe gesetzt hat, für ihre letzte Ortrud noch einmal nach Bayreuth zurück. Man spürt ihre Erfahrung in jeder stimmlichen Geste, aber auch in jedem Moment ihrer Bühnen-Aktion. Ihre Ortrud ist keine grelle Hexe, keine sich wild gebärende Furie, sondern eine lauernd-verhalten singende, überlegende und überlegene Regisseurin eines Masterplans, der ihr am Ende dann doch aus den Händen gleitet. Waltraud Meier kann durch Erfahrung gestalten, wo sich junge Stimmen mit Frische und Energie ihren Weg bahnen; ihre „Entweihten Götter“ strahlen immer noch eine gleißende Gefährlichkeit aus, die heute noch subtiler gefärbt wirkt als im Ungestüm früherer Jahre.

Nach der Ära des Regietheaters

Bei Georg Zeppenfeld gibt es das Problem, dass er stets so souverän gestaltet, so zuverlässig rund und makellos den Ton formt, dass die Gewöhnung das Außerordentliche einer solchen Leistung beinahe als selbstverständlich sehen will – was es keinesfalls ist, wie Tomasz Konieczny als Telramund mit teils forciert verfärbten Vokalen, teils gewaltsamer Tonbildung und Emission demonstriert. Egils Silins ergänzt die Solistenriege als zuverlässig standfester Heerrufer, den die Regie weitgehend unauffällig zur Nebenfigur verurteilt. Der Beifall war gewaltig, bei Konieczny und dem Chor mit einigen markigen Buhs durchsetzt. In die Inszenierungsgeschichte des „Lohengrin“ am Grünen Hügel könnte der Abend als musikalisch glücklich gelungenes Beispiel eines aneckungsfreien Nach-Regietheater-Ära eingehen.




„Kunst & Kohle“ in den Ruhrkunstmuseen: Das bequeme Konzept der kleinen Portionen

Die Ausstellungen zum Ende der Steinkohle-Ära („Kunst & Kohle“ sowie „Das Zeitalter der Kohle“) sind in den Revierpassagen Ende April und Anfang Mai ausführlich besprochen worden. Nun meldet Rolf Pfeiffer Kritik am Gesamtkonzept von „Kunst & Kohle“ an:

Da nun gottlob die letzte deutsche Steinkohlezeche ihre Förderung einstellen wird, mußte ein Kunstprojekt her, begleitend sozusagen. Es heißt „Kunst & Kohle“ und wird von zahlreichen Museen der Region veranstaltet, die gemeinsam unter der Bezeichnung „Ruhrkunstmuseen“ firmieren.

Hermann Kätelhön: "Hochofen", undatiert Radierung, 33,3 x 26,2 cm (Bild: Museum Folkwang, Essen)

Hermann Kätelhön: „Hochofen“, undatiert Radierung, 33,3 x 26,2 cm (Bild: Museum Folkwang, Essen)

„Kunst & Kohle“ wird sogar beworben, die Plakate dominieren harte Schwarz- und Weißtöne, was auch sonst. Ein großer Wurf ist dieses Ausstellungsprojekt aber dennoch nicht, eher ärgerlicher Ausdruck institutioneller Bequemlichkeit, der das Publikumsinteresse, das man ja sowieso nicht so genau kennt, egal ist.

Bechers und die Farbe Schwarz

Das Konzept von „Kunst & Kohle“ sieht vor, daß in jedem der 20 beteiligten Häuser zwischen Hamm und Oberhausen eine Sonderschau sich des Themas annimmt. Die Galerie unter Tage der Ruhruni Bochum etwa widmet sich der Farbe (bzw. „Nicht-Farbe“) Schwarz, das Bottroper Quadrat zeigt (einmal mehr) fotografierte Fördertürme, Hochöfen etc. der Bechers, Folkwang in Essen präsentiert den Industriemaler Hermann Kätelhön, und so fort. Das klingt nicht schlecht, heißt aber im Konkreten, daß man mit wenigen Ausnahmen (wie Küppersmühle, DKM und Lehmbruck in Duisburg) ausgesprochen kleine Sonderschauen zu sehen bekommt. Da macht dann ein Museum nicht satt, man muß schon mehrere abklappern, um ein hinreichendes Quantum Kunst zu erhalten. Und das Dilemma wird sichtbar.

Lohnt sich das?

Lohnt es sich, beispielsweise für eine einzelne Installation von Andreas Golinski zum Kunstmuseum Bochum zu reisen? Auch wenn der Künstler genau so heißt wie der amtierende Museumsdirektor, sind die beiden nicht miteinander verwandt, und das ist lustig, aber leider kein Argument. Gewürdigt werden müssen die Faktoren, die immer da sind: Lohnt der Museumsbesuch den Aufwand an Zeit und Fahrtkosten, die nervige Parkplatzsuche, die absehbare nächste Schweißattacke auf dem Fußweg in der prallen Sonne? Bei fast allen kleineren Häusern würde ich spontan sagen: nein, es lohnt sich nicht, nicht für die geringe Menge an ausgestellten Arbeiten (was keine qualitative Wertung ist).

Derzeit in der Küppersmühle zu sehen: Anselm Kiefers „Klingsors Garten“ von 2018 (Detail/Installationsansicht). Die Arbeit stammt aus einer Privatsammlung. (Bild: Anselm Kiefer, Henning Krause, Museum Küppersmühle MKM)

Teures Kombiticket

Ein Zweites kommt hinzu. Die Ruhrkunstmuseen nach Ruhrkunstmuseen-Konzept abzuklappern, ist schon von den Eintrittsgeldern her eine teure Angelegenheit, denn es gelten in jedem Haus die normalen Preise. Das angebotene Kombiticket ist mit 25 Euro unverschämt teuer. Zwar gilt es für die gesamte Laufzeit, aber die Zahl derer, die sich mehrere Male aufmachen, um Kunst in Kleckerportionen zu konsumieren, dürfte übersichtlich sein. Nur mal zum Vergleich: Die Bundeskunsthalle in Bonn nimmt 15 Euro, Museum Kunstpalast in Düsseldorf 14 Euro, Museum Ludwig in Köln gar nur 12 Euro. Und in diesem Häusern gibt es ordentlich was zu sehen.

Nur das Beste an einem Ort

Der Vergleich hinkt? Ja natürlich. Aber er läßt doch ahnen, wie eine publikumsfreundliche Kunstausstellung zum Kohleausstieg aussehen könnte. Man würde sie auf wenige, vielleicht auch nur einen Standort konzentrieren, wo zusammengetragen, präsentiert und inszeniert würde, was die beteiligten Häuser beitragen könnten. Es wäre dies das Beste, Eindrucksvollste, nennen Sie es, wie Sie wollen. Die Realisierung einer solchen Schau, eines über die Grenzen der Region und des Landes weit hinausstrahlenden „Highlights“ könnte man vertrauensvoll bei den Ruhrkunstmuseen belassen, schließlich existiert dort eine gewaltige Menge kuratorischer Manpower. Und falls die es doch nicht auf den Pinn kriegten, könnte man auch einen Star der internationalen Kuratoren-Szene engagieren.

Die Vorteile für das Publikum liegen auf der Hand: ein einziger Ort (randvoll mit Kunst), nur eine Anreise, nur eine einfache Planung. Übrigens wäre der Zentralort auch unter ökologischen Aspekten einer Herumjuckelei im Kohleland vorzuziehen, auch jener mit dem nervigen ÖPNV.

Warum konkurrieren?

Doch das alles hätte viel Arbeit bedeutet, und viele gute Ideen und Entwürfe wären zwangsläufig im Papierkorb gelandet. Auch besteht bei einem solchen Großprojekt ja immer die Gefahr, daß andere den Lorbeer einheimsen, der eigentlich einem selbst zusteht. Warum also konkurrieren? So wie es jetzt ist, bleibt jeder sein eigener kleiner Museumsfürst. Das Volk kommt oder es kommt nicht (bei kleineren Häusern eher: nicht). Doch wenigstens dürfen die Besucher das Rad benutzen, Streckenpläne wurden ausgearbeitet.

Hier geht’s los: Die Standseilbahn im historischen Schrägaufzug der Kokerei Zollverein (Bild: Ruhrmuseum)

Zollverein lohnt sich

Um es nicht zu verschweigen: Eine große Ausstellung gibt es schon, nur dreht die sich eher um die wirtschaftlichen, technischen, sozialen, historischen usw. Aspekte des Kohlebergbaus. Sie heißt „Das Zeitalter der Kohle“ und ist in der Kokerei Zollverein in Essen untergebracht, in jenen imposant-schaurigen Baulichkeiten, wo schon die allererste Ausstellung „Sonne, Mond und Sterne“ das Kohle-Thema streifte, wo Andrea Breth tief verstörendes Theater inszenierte und Industriekultur und „Hochkultur“ (unter anderem in Gestalt der Ruhrtriennale) sich immer wieder auf das Eindrucksvollste begegnen. Mit einer Standseilbahn im Schrägaufzug kommt man hin, und sieht man einmal von der peinlichen Beschallung durch das Steigerlied im Eingangsbereich ab, ist diese Ausstellung durchaus überzeugend geraten. Der Eintritt kostet 10 Euro, und das Kombiticket der Kunstmuseen ist hier selbstverständlich nicht gültig.




Der schnelle Übergang vom Guten zum Bösen: Emmanuel Boves Kurzroman „Schuld“ und neun Erzählungen

Als der kurze Roman Schuld von Emmanuel Bove 2010 erstmals auf Deutsch erschien, war das Buch schnell vergriffen. Nun, acht Jahre später, veröffentlicht der Lilienfeld Verlag unter dem Titel Schuld und Gewissensbiss eine um neun Erzählungen erweiterte Ausgabe. Etwa die Hälfte des schönen Bands aus der Reihe der Lilienfeldiana nimmt der Roman Schuld ein.

Der Originaltitel Un Raskolnikoff, unter dem das Werk zuerst im Dezember 1931 in Frankreich erschienen ist, zeigt noch deutlicher als der deutsche Titel die Verbindung zum großen russischen Roman Schuld und Sühne.

Im Unterschied zu Dostojewskis Romanfigur Raskolnikow, der sich zum Mord berechtigt glaubt, geht es jedoch in Emmanuel Boves kürzerer Replik um eine allein vom Protagonisten Changarnier gefühlte, wenn nicht gar herbeigesehnte Schuld, für die der Lesende keinen Anlass erkennt. Er hat niemanden ermordet, auch nicht den etwa fünfzigjährigen kleinen Mann, der ihm und seiner Freundin bei ihrem Streunen durch die winterliche Stadt nicht von der Seite weicht.

Gleichwohl wird der verhaltensauffällige Changarnier von der Polizei festgenommen und auf der Wache verhört. Der – wie mehrere Antihelden bei Bove – gedanklich stets angespannte Selbstquäler ruft während der Vernehmung in einer grotesk theatralischen Geste den Allmächtigen als Zeugen herbei und hört, gleichsam als ein ihn enttäuschender Deus ex Machina, eine Stimme, die ihn auf die erste Lossagung des Menschen von Gott, den Sündenfall, verweist: Indem der Mensch alles wissen wollte, habe er sich von Gott getrennt und werde bis zu seinem letzten Tage allein bleiben. Der nach einer Gegenüberstellung mit einer Zeugin wieder auf freien Fuß gesetzte Changarnier dürfte auch in der Fortsetzung seines Weges nicht von Grübeleien erlöst sein.

Unvermuteter Grund für den Gewissensbiss

Haben wir es in Schuld mit einem grundlos erscheinenden schlechten Gewissen zu tun, gäbe es in der kurzen Erzählung Der Gewissensbiss mehr als nur einen Grund. Nach einem beachtlichen sozialen Aufstieg neigt Doktor Jacques Figue dazu, gegenüber der angeheirateten Familie sein Elternhaus zu verleugnen. Lediglich die monatliche Geldüberweisung dient dazu, sein Gewissen zu besänftigen. Während eines Urlaubs in Südfrankreich bittet er seine Frau um Verständnis, dass er nach sieben Jahren völliger Kontaktlosigkeit seine in der Nähe auf dem Land lebenden Eltern kurz besuchen möchte.

Die Ehefrau aus gutsituiertem Hause aber denkt nur daran, dass sie ungern zwei Stunden an einem kleinen Provinzbahnhof auf ihn warten möchte. Mit dem Versprechen, nicht lange fortzubleiben, läuft Doktor Figue in sein Heimatdorf. Die alte Mutter ist überglücklich, den Sohn noch einmal zu sehen. Der Vater jedoch sei an dem Tag nach Marseille gefahren. Doktor Jacques Figue will die Rückkehr des Vaters nicht abwarten. Um seine Frau nicht zu lang alleinzulassen, verabschiedet er sich bereits nach einer Stunde von der weinenden Mutter. Als er mit seiner Frau im Bahnhofscafé auf den Zug nach Marseille wartet, sieht er plötzlich, wie sich die gebeugte Mutter dem Bahnhofsvorplatz nähert. Um seiner Frau die Begegnung zu ersparen, entscheidet er kurz entschlossen, mit ihr im Taxi zurück nach Marseille zu fahren. Im letzten Absatz wechselt die Perspektive, und der titelgebende Gewissensbiss stellt sich als ein völlig anderer heraus, als die vorangegangen sechs Seiten vermuten ließen.

Ereignisse und Charaktere immer wieder neu bewerten

In Gotthold Ephraim Lessings Faust-Fragment dienen sich dem Geisterbeschwörer verschiedene Teufel an, die sich allesamt in behaupteter Schnelligkeit zu übertrumpfen versuchen. Faust entscheidet sich für den, der für sich beansprucht, so schnell „als der Übergang vom Guten zum Bösen“ zu sein. Etwas von jenem Teufel muss wohl auch in den kurzen Erzählungen Emmanuel Boves stecken.

Der Lesende ist manchmal gefordert, die Ereignisse und Charaktere auf fast jeder Seite neu zu bewerten. Die Protagonisten geraten immer wieder in moralische Zwickmühlen. Wie bei dem Mann, der nach dem Tod eines nahen Freundes bei der Witwe dessen Schulden eintreibt – was zu weiteren Verwicklungen führt („Die dreitausend Francs“). Man könnte sagen, die Sympathiesteuerung des Autors hinsichtlich seiner Figuren vollführe scharfe Wenden, gelänge es ihm nicht, auch für diejenigen, die in ihrem kleinbürgerlichen Ordnungssinn gefangen und zur Rechthaberei verdammt erscheinen, Verständnis zu wecken.

Großzügiger Förderer gerät ins soziale Abseits

Ein weiteres gutes Beispiel ist die acht Seiten umfassende Erzählung Das Testament. Ein angesehener Geschäftsmann aus Cherbourg fördert einen jüngeren, an seinen Wohnort Zugezogenen, mit allen Mitteln, gliedert ihn fast schon in seine Familie ein und verschafft ihm die für ein erfolgreiches Geschäftsleben nötigen Kontakte. Aufgrund einer bald nicht mehr nachvollziehbaren Kleinigkeit geraten beide in einen sich eskalierenden Streit. Da aber hat sich der Jüngere innerhalb der städtischen Gesellschaft bereits so viel Sympathie erworben, dass nun der einstige Förderer durch seinen sich steigernden Hass ins soziale Abseits gerät. Er vereinsamt, erkrankt und stirbt. Die Gerüchte über den Inhalt seines Testaments und die Reaktionen der Stadtgesellschaft beleuchten das Geschehen von einer anderen – von einer patriotischen – Seite, ohne den Eindruck des Zwielichtigen auszuräumen.

Die letzten Lebensjahre des Schriftstellers

„Er wünschte, auf dem Friedhof Montparnasse beerdigt zu werden, und hatte schon im Voraus ein dreißigjähriges Nutzungsrecht an einer einfachen Grabstätte erworben, die zufällig ein paar Meter von Emmanuel Boves Grab entfernt lag.“ – Michel Houellebecq über seinen gleichnamigen Protagonisten im Roman Karte und Gebiet (La carte et le territoire). Foto: Wolfgang Cziesla

„Er wünschte, auf dem Friedhof Montparnasse beerdigt zu werden, und hatte schon im Voraus ein dreißigjähriges Nutzungsrecht an einer einfachen Grabstätte erworben, die zufällig ein paar Meter von Emmanuel Boves Grab entfernt lag.“ – Michel Houellebecq über seinen gleichnamigen Protagonisten im Roman Karte und Gebiet (La carte et le territoire).
Foto: Wolfgang Cziesla

Das Testament ist eine von vier Erzählungen, die Bove im Spätsommer 1944 unter einem Pseudonym in der algerischen Wochenzeitung La Marseillaise veröffentlichte. Bove, der es ablehnte, im von deutschen Truppen besetzten Frankreich zu publizieren, lebte von November 1942 bis Oktober 1944 in einer Vorstadt von Algier. Seine politischen Hoffnungen setzte er auf General de Gaulle; das voraussehbare Kriegsende klingt in den Erzählungen an.

Welche Rolle Bove sich selbst im Nachkriegsfrankreich zudachte, kann nur vermutet werden. Er starb im Alter von nur 47 Jahren zwei Monate nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Sein Grab befindet sich in der Familiengruft seiner zweiten Ehefrau, Louise Ottensooser, auf dem Friedhof Montparnasse, in der Nähe der Cafés von Saint-Germain-des-Prés, in denen er mehrere seiner einzigartigen Romane schrieb.

Emmanuel Bove: Schuld und Gewissensbiss. Ein Roman und neun Erzählungen. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Thomas Laux. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf, Reihe Lilienfeldiana, Band 24. 176 Seiten, Halbleinen, Fadenheftung, Leseband, € 20




Ärgerlich: Der Wettbewerb um die „Vestische Literatur-Eule 2018“ als Symptom verfehlter Literaturförderung

„Nimm meinen brüderlichen Rat und gib ja den Vorsatz auf, vom Schreiben zu leben.“ Diesen Satz schrieb Gotthold Ephraim Lessing vor 250 Jahren am 26. April 1768 seinem Bruder Karl. Und ganz so viel hat sich über die Jahrhunderte nicht geändert. Laut Künstlersozialkasse liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen von Künstlern um die 16.000 Euro, junge Autorinnen und Autoren liegen weit darunter.

Literatur verträgt keinen unnötigen Lärm. (Foto: © Jörg Briese)

Darüber könnte man jammern, letztlich aber bleibt die Entscheidung, eine selbständige künstlerische Existenz zu führen, mit viel Risiko behaftet und kein Künstler darf damit rechnen, dauerhaft staatlich alimentiert zu werden.

Wer es aber schafft, die Anerkennung der Kritiker, gar der „Influencer“ literarischer Blogs zu gewinnen oder aber den Markt zu bedienen, kann heutzutage immerhin ganz gut oder bestens vom Schreiben, von Preisen, Stipendien, Lesungen, Schreibkursen und Auftragsarbeiten leben. Nur schaffen dies nicht eben viele – und die ungezählten Anderen leben von Zweit- und Drittjobs, Ehepartnern oder vagabundieren als schlecht bezahlte Projektleiter kultureller Jugendbildung durch heruntergekommene Schulen.

„Spaß am Schreiben“ vorausgesetzt

Geradezu obszön wirken in diesem Zusammenhang vor allem aber sogenannte Literaturwettbewerbe, die sich großspurig an „Autorinnen und Autoren“ wenden, diesen aber rein gar nichts anzubieten haben. So zum Beispiel der zurzeit von der Neuen Literarischen Gesellschaft Recklinghausen (NLGR) ausgeschriebene Wettbewerb um die Vestische Literatur-Eule 2018.

Vier bis fünf Seiten „fehlerfreien Text“ sollen Autoren „aus dem gesamten Ruhrgebiet“ zum Thema „Grenzen“ bis zum 14. Oktober 2018 einsenden, wird da oberlehrerhaft gefordert. Im Gegenzug winken „ein künstlerisches Eulen-Unikat“ als Jurypreis sowie ein „Sachpreis als Publikumspreis“.

Sollte man es in die Endrunde schaffen, muss man bereit sein, seinen Text während einer „feierlichen Autorennacht“ am 10. November 2018 im Wettstreit mit anderen Autoren vorzutragen. Darüber hinaus billigt man die Veröffentlichung in einer Anthologie zum Wettbewerb und sollte „im nächsten Jahr in der Autorennacht als Jury-Mitglied (…) fungieren, falls Sie den Jurypreis gewinnen.“

Dass nicht nur das Konzept des Preises selbst wenig fehlerfrei ist, sondern auch der Ausschreibungstext, verrät sich in Passagen wie z. B. „Wir freuen uns auf Texte jeglicher Gattung und jedweden Genres (in deutscher Sprache) zu einem Thema Ihrer Wahl.“ Hatte es in der Ausschreibung zuvor nicht deutlich geheißen: „Die Themenvorgabe in diesem Jahr lautet ‚Grenzen‘“? Gemeint war also oben eher, dass das vorgegebene Thema „Grenzen“ literarisch/inhaltlich/formal al gusto bearbeitet werden dürfe?

Recklinghausen: Kunst ohne Kohle

Und die Gegenleistung der NLGR? Unterm Strich: Fehlanzeige. Wie wäre es zumindest fürs nächste Jahr mit beharrlichem Fundraising für einen angemessenen Geldpreis? Wie wäre es, die Ausschreibung sprachlich angemessener zu formulieren, eine unabhängige Jury auszuwählen und diese zumindest über Fahrgeld und ein kleines Honorar zu entlohnen. Und wie wäre es nicht zuletzt damit, den Beiträgern der geplanten Anthologie kleine Honorare zahlen?

Oder gilt die Ausschreibung zur Vestischen Literatur-Eule gar nicht den Hobbyschreibern, dem literarischen Nachwuchs und einigen Autoren, sondern allein dem Renommee einer Neuen Literarischen Gesellschaft, die mit geringstem finanziellen Aufwand relativ großes regionales Presseecho erzeugen möchte?

Das wäre dann doch auf provinziellem Niveau noch ärger als die grassierend-großkopferte Almosen-Heuchelei, die schon Thomas Bernhard anlässlich des 1967er-Anton-Wildgans-Preises in seiner wunderbaren Sammlung „Meine Preise“ abkanzelte:

„Tatsächlich hebt sich die millionen-, ja milliardenschwere Industriellenvereinigung mit der Vergabe eines schäbigen Geldpreises von fünfundzwanzigtausend Schilling in die Höhe eines ganz und gar außerordentlichen Kunst- und Kulturmäzens und wird dafür auch noch in allen Zeitungen gelobt, anstatt daß sie auf das rücksichtsloseste für ihre Gemeinheit angeprangert wird.“

Aber dies alles zu schreiben, heißt wohl, Eulen nach Recklinghausen zu tragen?




„Familie Hauser“ als (un)heimlicher Internet-Hit: Viele Millionen Klicks für herzige Playmobil-Filmchen

Kürzlich war hier von der Spielzeugfirma Schleich die Rede, deren langer Arm in so manches Kinderzimmer reicht. Nun geht es um ein weiteres Universum, in dem sich wahrscheinlich noch weitaus mehr Kinder bewegen – um die Welt von Playmobil, genauer: um deren ebenso einfältige wie vielfältige Video-Präsenz bei YouTube, vornehmlich in Gestalt der „Familie Hauser“. Kein Vertun: Wir reden über einen Internet-Auftritt mit Abermillionen Klicks.

Playmobil-Familie „Hauser" mit beigefügtem Hund: links Michael und Anna, rechts Nicole und Lena. (Foto: Bernd Berke)

Playmobil-Familie „Hauser“ mit beigefügtem Hund: links Michael und Anna, rechts Nicole und Lena. (Foto: Bernd Berke)

Gewiss: Die hauptsächliche Zielgruppe sind Kinder so etwa zwischen 4 und 9 Jahren. Doch selbst aus der Perspektive von Sieben- oder Achtjährigen kommt manche Hauser-Geschichte schon so treuherzig und naiv daher, dass es zum Steinerweichen ist. Die dick aufgestrichene rote Marmelade bzw. der Ketchup, die besonders bei Verletzungen der Playmobil-Kinder zum Einsatz kommen, wirken schon fast wieder selbstironisch. Aber eine solche Ebene existiert hier nicht.

Komik durch ungelenke Bewegungen

Andere Szenarien sind (oft unfreiwillig) immens komisch; auf eine putzige, rührende Art, die auch mit den ungelenken Bewegungen der Playmobil-Figuren zu tun hat, welche nur notdürftig in Filmsprache überführt werden können. Auf ihre spezielle Weise üben diese harmlos vor sich hin ruckelnden Geschichtlein, in denen die Kinder immerzu freudig „Au, jaaaa!“ rufen, einen geheimen Sog aus. Mit einer einzigen wird man sich nicht begnügen wollen. Man verlangt, wie nicht nur Kinder es tun, nach Wiederholung und Fortsetzung. Oh wunderbar authentisch und arglos wirkende Amateurhaftigkeit, oh schlichte Herrlichkeit dieser einfachen, modisch ausgedrückt „unterkomplexen“ Welt! Aber nach einer halben Stunde ist es dann auch genug.

Unter den inzwischen 414 Hauser-Filmen (!) zu je fünf bis zehn Minuten sind einige veritable Viral-Kracher. Mehrere Hunderttausend Klicks haben sie praktisch alle eingesammelt. Spitzenreiter ist derzeit die gar simple Story der Hauser-Tochter Lena, die sich an einer Glasscherbe verletzt hat und anschließend liebevoll mit Mull und Pflaster versorgt wird. Dieses Nichts an Handlung hat über 6 Millionen Aufrufe generiert – kaum zu fassen, aber wahr!

Aus der Werkstatt einer schwäbischen Hausfrau

Es ist ja auch staunenswert, wie die Urheber, eine offenbar kreuzbrave Familie vom Bodensee, aus den Plastikfiguren von Playmobil (Kenner sagen „Playmo“) einen wahren Kosmos geschaffen haben. Da entstehen vor unseren Augen ganze Jahrmärkte oder Volksfeste, Kaufhäuser, Spaßbäder, Freizeitparks, Rudelguck-Areale, ein Zoo, ein Weihnachtsmarkt, eine Klinik, eine Bowlingbahn, ein Friseursalon und wohl hundert andere Schauplätze. Von Kita, Schule und Häusern der Nachbarschaft ganz zu schweigen.

Die Mutter der Familie leiht nicht nur der Playmobil-Hauptfigur Nicole Hauser ihre Stimme, sondern auch anderen Frauengestalten, zum Beispiel der Lehrerin, der Kindergärtnerin oder dieser und jener Verkäuferin. So herrscht alleweil derselbe bedächtige Duktus mit südwestdeutschem Einschlag vor. Sehr gemütlich. Und ziemlich unbedarft.

Derweil vertont der Familienvater nicht nur Nicoles Mann namens Michael, sondern auch dessen Schwager (praktischerweise ein Polizist, der jeden Kriminalfall im Handumdrehen aufklärt) und etliche weitere Männer bis hin zum Taschendieb („Manni Mütze“) oder Juwelenräuber. Die beiden Kinder spielen unterdessen die Kinder Lena und Anna sowie deren Freundinnen und Freunde in Grundschule und Kita. Mit anderen Worten: Die ganze Familie ist gehalten, sich von klein auf hingebungsvoll mit den Playmobil-Protagonisten zu identifizieren. Wie es im wirklichen Hause der „Hausers“ ausschaut, kann man sich ungefähr ausmalen.

Den Brotberuf auf Eis gelegt

Man fragt sich, ob diese Frau Hauser außer den vielen, vielen, teils recht aufwendig erstellten Playmo-Filmchen noch irgend einen „normalen“ Job erledigen kann, so aufopfernd und ausufernd detailfreudig sind diese Alltags-Drämchen gestaltet. Und tatsächlich: Im April 2017 erschien der Blog-Bericht eines Kölner Journalisten über „Frau Hauser“ (die bürgerlich natürlich anders heißt). Wir erfahren, dass die seinerzeit 37-Jährige ihren Beruf als Augenoptikerin ruhen lässt, während ihr 43-Jähriger Mann weiter als Informatiker tätig ist. Der gutmütige Mensch wird trotzdem ständig mit eingespannt.

Apropos Aufwand: Bei Gelegenheiten wie Karneval, Kirmes oder Schwimmbadbesuch bringt Mama Hauser dermaßen viele Figuren zum Einsatz vor der Kamera, dass sie entweder enorm viel Geld ausgegeben haben muss oder Unterstützung vom Hersteller erhält – in welcher Form auch immer. Vielleicht filmt sie mittlerweile gar im Auftrag oder wenigstens mit aktiver Billigung?

Kostenlose Werbung oder Auftragsarbeit?

Der Werbeeffekt für den Hersteller und überhaupt für den Spielwarenhandel dürfte nicht gering zu veranschlagen sein. Dennoch heißt es auf der Hauser-Website im „Disclaimer“ (Haftungsausschluss) wörtlich: „Dieser YouTube Kanal ist unabhängig. Playmobil ® ist eine Marke der geobra Brandstätter Stiftung & Co. KG, durch die die vorliegende Webseite weder gesponsert noch autorisiert oder unterstützt wird.“ Soso. Es fällt schwer, das in allen Punkten zu glauben.

Titelseite des YouTube-Kanals der „Familie Hauser". (Screenshot von https://www.youtube.com/channel/UCxLxvbyyN-Zl3yKFMaiuKug)

Titelseite des YouTube-Kanals der „Familie Hauser“. (Screenshot von https://www.youtube.com/channel/UCxLxvbyyN-Zl3yKFMaiuKug)

Jedenfalls gibt es einen eigenen YouTube-Kanal, den man längst auch (kostenlos) abonnieren kann, über 412.000 Leute beziehen nach heutigem Stand regelmäßig die deutschsprachige Version. Mehr noch: Familie Hauser erlebt ihre kleinen Abenteuer inzwischen u. a. auch auf Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, Arabisch, Polnisch und Niederländisch. Bei Instagram, Facebook und Google+ ist man ebenfalls online.

Was da vor etwa drei Jahren als Hobby begonnen haben mag, klingt jetzt nach einer ziemlich großen Nummer. Kann es denn wirklich stimmen, dass die Bodensee-Familie ganz allein den vielfachen Übersetzungs-Aufwand betreibt und auch noch Muttersprachler(innen) engagiert?

An anderer Stelle heißt es, dass die Firma immerhin schon mal ein paar Gratis-Figuren zur Verfügung stellt. Das wäre aber auch das Mindeste. Denn mehr Klicks brächte wohl keine professionelle und hochbezahlte PR-Agentur zustande. Seit November 2016 kann man jene vierköpfige Familie Hauser denn auch als Playmobil-Set käuflich erwerben. Ein Schelm, wer daraus finanzielle Schlussfolgerungen ziehen will. Inzwischen machen die Hausers – jenseits ihrer Geschichten – ja auch schon mal werbliche Filme für Playmobil-Produkte, beispielsweise für die Ausstattung eines Baby-Zimmers.

Und was wird geschehen, wenn die Kinder eines Tages zu alt werden? Soll es dann trotzdem weitergehen? Übernehmen dann andere Leute, vielleicht gar Profis? Dann wäre vielleicht der Charme des Ganzen dahin. Ihr seht, wir machen uns Sorgen.

Bastel-Ideen erweitern den kleinen Kosmos

Einstweilen ist Aufhören jedoch kein Thema. Im Gegenteil: Mit den bloßen Geschichten ist es nicht getan. In speziellen Filmen (Motto: „Pimp your Playmobil“) zeigt uns diese Nicole Hauser außerdem, wie man mit viel kleinteiliger Bastelarbeit die Spielzeug-Welt Zug um Zug erweitern und verfeinern kann oder wie man eine komplette Luxusvilla neu ausstattet. Auch das kostet viel Zeit. Pfiffige Tüftel-Ideen kann man Frau Hauser dabei wahrlich nicht absprechen. Es gibt demnach kein Wesen oder Objekt, das nicht im Playmobil-Format nachgeahmt werden könnte – vom Haustier bis zum Handy, von jedwedem Küchengerät bis zu allen Einzelheiten des Mobiliars und des Hausstandes. Hie und da grenzt das Streben nach Vollständigkeit an Besessenheit.

Mit dem Inhalt der originalen, noch nicht durch Bastelei erweiterten Playmobil-Kartons werden ja allerlei Situationen des Alltags nachgestellt, die darauf hinauslaufen, dass mit jedem Set nur eine begrenzte Spielsituation entsteht und somit die Sammelwut immer aufs Neue angefacht wird. So gibt es in der Reihe „City Life“ wahrhaftig eine Lieferung, die nur aus einer Figur besteht, welche Scheine am Geldautomaten zieht, oder auch einen Mann, der am Kugelgrill steht und Würstchen zubereitet. Wie gut, dass phantasievolle Kinder solche beengenden Vorgaben bei weitem sprengen. Sie kombinieren alles mit allem und schaffen ein eigenes Dasein.

P.S.: Um komplizierte politische oder wirtschaftliche Vorgänge fassbarer zu machen, hat namentlich die FAZ-Sonntagszeitung sie häufig mit Playmobil-Figuren illustriert, so auch wieder am gestrigen Sonntag.

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Und wo bleibt der Ruhrgebiets-Bezug des Themas? Na, hier! Bis zum 23. September 2018 gibt es im Hammer Maximilian-Park eine umfangreiche Ausstellung mit zahllosen Playmobil-Figuren.




Aufruhr in der Provinz: Das Jahr 1968 in Westfalen

„1968 in Westfalen“: Der Buchtitel lässt aufhorchen, stehen doch Sauer- und Münsterländer ebenso wie Bewohner von Bergmannssiedlungen im Revier nicht gerade in dem Ruf, Rebellionen anzuzetteln. Folglich müsste es doch eigentlich vor 50 Jahren ganz ruhig geblieben sein, als in Frankfurt, Hamburg, München und Berlin Studenten in Scharen mit der Parole „Unter den Talaren Muff aus 1000 Jahren“ auf die Straße gingen.

Der Historiker Thomas Großbölting von der Uni Münster betreibt in dem Band nun eine Spurensuche. Er will rekonstruieren, was das Jahr 68 im Westfalenland nun wirklich ausgemacht hat. Herausgekommen ist dabei weit mehr als eine simple Chronik von Ereignissen, sondern die prägnante und zugleich einordnende Darstellung eines Umbruchjahres mit seinen Folgewirkungen für die Provinz. Großbölting ist übrigens der Ansicht, dass Dortmund oder Münster seinerzeit eher Mittel- als Großstädte gewesen seien.

Vom kurzen und vom langen ’68

Auch in Westfalen riefen die Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg und des charismatischen Bürgerrechtlers Martin Luther King, das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke sowie die Massaker der US-amerikanischen Soldaten in Vietnam massive Reaktionen hervor. Die Menschen versammelten sich in großer Zahl zu Gedenk- oder auch Gebetsstunden, auch kam es zu offenen Protesten gegen Rassismus, Diskriminierung und das militärische Vorgehen der USA in Indochina.

Nachdem Großbölting gleich zu Beginn seines Buches erklärt hat, 1968 könne nicht rein als Jahreszahl verstanden werden, sondern sei vielmehr Chiffre für Widerstand, Proteste und Revolte, geht er auf die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge und Entwicklungen jener Zeit ein. Dabei kommt er zu einer aufschlussreichen Unterscheidung. Der Wissenschaftler spricht von dem „kurzen“ und dem „langen“ 1968.

Er meint damit einerseits die eher ereignisorientierte Ebene. Die beginnt für ihn bereits am 2. Juni 1967 mit dem Tod von Benno Ohnesorg, den während der Demonstration gegen den Besuch des persischen Schahs der Polizist Karl-Heinz Kurras erschoss. Diese Phase endet mit der Verabschiedung der Notstandsgesetze Ende Mai 1968 im Bundestag – gegen alle Widerstände in der Bevölkerung.

Nachhaltige Veränderung der Gesellschaft

Andererseits – und das ist dann die Langversion – hat 1968 zu nachhaltigen gesellschaftlichen Veränderungen geführt. Nach Darstellung des Historikers sind „ökologisches Bewusstsein, Gleichstellung von Mann und Frau, die Akzeptanz verschiedener Formen von Sexualität, Friedensorientierung, Emanzipation und Partizipation“ heute nicht nur Teil des Mainstreams, sondern man definiere damit auch die „Loyalität zum System“.

An diesen Umwälzungen und speziell an dem „kurzen“ 1968 haben traditionelle Unistädte wie Münster mit den Studierenden ihren Anteil, aber ebenso die dazu im Vergleich noch sehr jungen Hochschulen in Ruhrgebiet. Dass es überhaupt zur Gründung der Unis in Dortmund, Bochum oder Bielefeld kam, steht im engen Zusammenhang mit dem Bildungsnotstand, der nicht nur in Deutschland, sondern in der damaligen westlichen Welt in Folge des Sputnik-Schocks ausgemacht wurde. Sputnik hieß der erste Satellit, den die Sowjetunion ins Weltall geschickt und damit im Westen Bedrohungsängste ausgelöst hatte. Mit der Forcierung von Bildung wollten nun die Industriestaaten im Wettlauf mit den Russen deutlich punkten.

Bildungsnotstand als Keim der Kritik

Bildungsnotstand und Kritik am Bildungssystem sollten allerdings auch zum Thema der Studierenden werden. Ihr Aufbegehren in Westfalen entsprang aber vor allem universitären Anlässen, wie beispielsweise in Bochum als Protest gegen eine geplante Univerfassung. Oftmals ging es allerdings auch um politischen Ereignissen, unter anderem bei der wohl größten Aktion in Münster mit über 2000 Beteiligten, die den damaligen Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger bei einem Besuch der Stadt mit Sprechchören ob dessen Nazi-Vergangenheit empfingen.

Nun ist das Buch aber nicht nur lesenswert, weil es aufzeigt, dass auch Studierende in Westfalen es verstanden, auf die Straße zu gehen, sondern es beschreibt auch das gesamte Ausmaß von Aufruhr in Westfalen und darüber hinaus. Wenn man so will, blieb kaum eine gesellschaftliche Gruppe verschont, auch die Kirchen nicht. Beim Katholikentag in Essen gab‘s Debatten am laufenden Band und eine bis dahin kaum gekannte Heftigkeit der Kritik an den Kirchenoberen. Schüler und Lehrlinge machten Front gegen zu hohe Busfahrpreise, Jugendliche forderten mehr Jugendzentren. In Bochum oder auch in Münster machten Aktivistinnen von sich reden, die die traditionelle Rolle von Mann und Frau in Frage stellten und damit die Emanzipationsbewegungen nach vorne brachten.

Als Rudi Dutschke mit Johannes Rau diskutierte

Dass es in diesen stürmischen Zeiten auch Momente gab, die von Sachlichkeit geprägt waren, macht der Autor am Beispiel einer Debatte in der Wattenscheider Stadthalle deutlich. Im Februar 1968 diskutierte dort der damalige Fraktionschef der NRW-SPD (und spätere Bundespräsident) Johannes Rau mit Rudi Dutschke, der sich nach Meinung von Beobachtern nicht als radikaler Studentenführer präsentierte, sondern eher als „parteipolitischer Konkurrent der SPD“.

Wer nun wissen möchte, wo denn eigentlich der Protest seinen Ausgang nahm, den nimmt Großbölting mit auf einen Besuch in den USA Mitte der 60er Jahre, als Studierende sich für Redefreiheit auf dem Campus einsetzten, Woodstock zur Legende wurde, Schwule und Lesben, Native Americans sowie Vietnamkriegsgegner Demonstrationen organisierten. Apropos USA: Großbölting nutzt die letzten Zeilen des Buches, um eindringlich darauf hinzuweisen, dass die heutige Liberalität, die zweifellos 68 zuzuschreiben ist, keineswegs eine Selbstverständlichkeit darstellt.

Thomas Großbölting: „1968 in Westfalen. Akteure, Formen und Nachwirkungen einer Protestbewegung“. Ardey Verlag, Münster. 172 Seiten, 13,90 €.




Ganz entspannte Hektik: Otto Waalkes wird 70

Erst kommt das gejodelte „Holladihitiii“, dann das diabolisch geknödelte „Ha-hoooaaaaa!“ Es sind zwei von vielen Markenzeichen eines Großmeisters der Komik: Otto Waalkes, der heute, am 22. Juli, schier 70 Jahre alt wird.

Porträt des Künstlers als junger Mann: Otto in einer „Otto-Show" der 70er Jahre. (Screenshot aus: https://www.youtube.com/watch?v=60GTIFV_uUc)

Porträt des Künstlers als junger Mann: Otto Waalkes in einer „Otto-Show“ der 70er Jahre. (Screenshot aus: https://www.youtube.com/watch?v=60GTIFV_uUc)

Unnachahmlich, wie er im Hüpfgang kreuz und quer über die Bühne wuselt. Kaum zu glauben: sein aberwitziges Bewegungs- und Sprechtempo, mit dem er alles auf den Kopf stellt. Dazu sein perfektes Timing, seine hochprofessionelle Intonation und seine überragende Musikalität, die sich z. B. wahlweise auf Gitarre, Klavier, Schlagzeug oder Akkordeon austobt. Als Musiker dürfte er dem so ganz anders gearteten Nachfahren Helge Schneider so gut wie ebenbürtig sein. Und das will wirklich was heißen. Dass er auch noch flink zeichnen kann, davon zeugt nicht nur der Ottifant.

Zur Einstimmung habe ich mir jetzt noch einmal mehrere Ausgaben der „Otto-Show“ angesehen, die ab 1973 geradezu singuläre Offenbarungen im Fernsehprogramm gewesen sind. Otto machte sich seinerzeit rar und feilte lange an jeder Sendung. Es hat sich ausgezahlt. Wie vordem kein anderer, spielte er virtuos mit den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Mediums.

Soll man Otto einen Anarchisten nennen, der freilich jede Aggression meidet und niemandem wehtut? Soll man ihn den „Herrn der Hektik“ heißen, der mitten im selbst angerichteten Chaos immer ganz entspannt bleibt, jederzeit eine Kehrtwende vollführen und schon wieder neuen Unsinn verzapfen kann? Nun ja, wir können diese und noch ein paar andere Schubladen öffnen.

Es zählen und erfreuen nicht derlei Allgemeinheiten, sondern stets die einzelnen Sketche, etwa diese irrlichternden Parodien aufs gravitätische „Wort zum Sonntag“ oder die offiziös sich gebende „Tagesschau“, auf Schagersänger, Ärzte, Richter und Gourmet-Köche. Legendär auch die aufgeregten Berichte des Reporters „Harry Hirsch“, die wahnsinnigen Werbespots, die Versteigerung „erotischer Kunst“, bei der Dürers berühmter, unschuldiger Hase als „Ruhe nach dem Rammeln“ feilgeboten wird. Oder die letztgültige philosophische Deutung der Gassenhauer-Zeile „Theo, wir fahr’n nach Lodz“. Und, und, und.

Es war ein glücklicher Umstand, dass Ottos erzkomische Bühnenbegabung auf wahrlich kongeniale Autoren traf. Viele seiner Ideen und Texte stammten aus der „Neuen Frankfurter Schule“ des parodistischen Nonsens, allen voran von Robert Gernhardt, Bernd Eilert und Pit Knorr, die wiederum Heinz Erhardt etliche Anregungen verdankten, so dass eine ehrwürdige Ahnenreihe der deutschen Hochkomik sich fügt. Und siehe da: Höchste Sprach- und Spielkunst kamen einmal überein mit dem Massengeschmack. „Otto – der Film“ hatte sagenhafte 15 Millionen Kinozuschauer.

Überlegen wir mal: Worüber hat man in den 70ern sonst noch so gelacht? Beispielsweise über allerlei „Blödelbarden“, über die Otto allerdings hinauswuchs, weil er eben nicht nur ein Barde ist; ferner über die frühen Filme von Woody Allen, deren Witz jedoch zumeist eine deutlich kürzere Halbwertzeit hatte. Natürlich hat sich (bestimmt auch auf Otto) namentlich der britische Humor-Import ausgewirkt: Monty Python, Marty Feldman…

Und daheim? War das Schaffen des feinsinnigen Gentleman Loriot der ziemlich einsame Gipfel, neben dem nun auf einmal dieser überaus quirlige Otto aufragte. Obwohl: So etwas Beständiges wie Aufragen war seine Sache eigentlich nie, eher schon der unberechenbare Bewegungsimpuls eines Springteufels oder Stehaufmännchens. Aber da sind wir schon wieder bei generellen Zuschreibungen. Schluss damit.

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Weitere Links zur „Otto-Show“: hier und hier.




Feines Gespür für das Lebensgefühl der Zeit: Vor 125 Jahren wurde der Schriftsteller Hans Fallada geboren

Er hieß eigentlich Rudolf Friedrich Wilhelm Ditzen, nannte sich aber nach zwei Märchenfiguren der Brüder Grimm: nach „Hans im Glück“ und nach dem Falada aus „Die Gänsemagd“. Das sprechende Pferd sagt die Wahrheit, selbst als sein Kopf abgeschlagen wird. Vor 125 Jahren, am 21. Juli 1893, wurde Hans Fallada in Greifswald geboren.

Hans Fallada, Porträt um 1930. Copyright Hans Fallada Archiv

Hans Fallada, Porträt um 1930. © Hans Fallada Archiv

Hans Fallada gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller der Weimarer Republik, der mit realistischen Milieustudien und wachem Blick für die Menschen auf der Verliererseite die Lebensumstände der dreißiger Jahre beschrieb.

Mit dem sozialkritischen Roman „Bauern, Bonzen und Bomben“ begann 1931 sein schriftstellerischer Erfolg; „Kleiner Mann – was nun?“ wurde 1932 zum Bestseller und ist bis heute eines seiner bekanntesten Werke geblieben. Auch Bücher wie „Jeder stirbt für sich allein“ oder der posthum erschienene Roman „Der Trinker“ sind Welterfolge geworden. „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“ spiegelt seine Erfahrungen im Gefängnis wieder.

Persönlich hatte er stets mit sich selbst zu kämpfen: Als Schüler schon ein Außenseiter, litt er später unter Alkohol- und Morphiumsucht. Aufgrund eines inszenierten Duells, das als Doppelsuizid gedacht war und bei dem er seinen Freund erschoss, wurde er erstmals in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. In der Zeit des Dritten Reiches zog er sich in sein Haus nach Carwitz in Mecklenburg zurück, verhielt sich den Machthabern gegenüber ambivalent. 1947 starb er an den Folgen der Morphinsucht.

Die Revierpassagen sprachen mit der Vorsitzenden der Hans-Fallada-Gesellschaft, Patricia Fritsch-Lange, über den weltberühmten Schriftsteller.

Gibt es eigentlich eine Erklärung für das schwierige Leben und die Sucht von Hans Fallada?

Die Erkrankungen von Hans Fallada sind gut erforscht und dokumentiert. Es gibt medizinische Unterlagen, Briefwechsel und Aufzeichnungen aus der Familie. Fallada stammt aus einer Familie mit einer langen Tradition des schriftlichen Erinnerns, die sich auf hohem Niveau ausdrücken konnte. Die Wurzeln seiner psychischen Instabilität dagegen sind schwer greifbar. Ein paar unglückliche Zufälle, eine gewisse Veranlagung – dann passiert so etwas. Die Eltern waren für die damalige Zeit erstaunlich liberal. Der Vater bot ihm zum Beispiel an, ihn ein Jahr voll zu finanzieren, damit er ausprobieren könne, ob er wirklich Schriftsteller werden wolle. Da war Hans Fallada schon weit über 20 Jahre alt.

Fallada ist einer der wichtigsten Schriftsteller der Weimarer Republik. Den Nazis gegenüber verhielt er sich unterschiedlich: auf der einen Seite reserviert bis ablehnend, auf der anderen Seite kooperativ.

Malerisch gelegen ist das Anwesen Hans Falladas in Carwitz, heute ein Museum. Foto: Hans-Fallada-Gesellschaft e.V.

Malerisch gelegen ist das Anwesen Hans Falladas in Carwitz, heute ein Museum. Foto: Hans-Fallada-Gesellschaft e.V.

Fallada hat die Freiheit ausgekostet, die ihm die Weimarer Republik bot. Er hat in der Künstler-Bohème in Berlin gelebt und versucht, dort seinen Platz zu finden. Als die Nazis an die Macht kamen, verhielt er sich wie die meisten Deutschen. Er beobachtete, versuchte, mit der Situation zurechtzukommen, sich zu etablieren als Schriftsteller und als „ordentlicher“ Bürger. Ein politisch denkender, vorausblickender Mensch war er nicht. Ihm fehlte die Distanz. Aber der Rückzug nach Carwitz aufs Land hatte sicher das Ziel, aus all den Bedrängungen herauszukommen. Damit war er jedoch nicht aus der Literatur-Szene verschwunden. Die Nazis behandelten ihn mit Zuckerbrot und Peitsche. Zeitweise war er unerwünschter Autor, dann wurde er wieder gelobt und erhielt Aufträge, sogar für Filmdrehbücher.

Wie kaum ein anderer hat er die Zeit tiefgründig beschrieben.

Das Arbeitszimmer des Schriftstellers in Carwitz. Foto: Hans-Fallada-Gesellschaft e.V.

Das Arbeitszimmer des Schriftstellers in Carwitz. Foto: Hans-Fallada-Gesellschaft e.V.

Er hat als Teilnehmer an den Zeitläuften geschrieben. Das hat die Leser offenbar damals wie heute angesprochen. Wer etwas wissen will über das Leben in Deutschland in den dreißiger Jahren, erfährt aus seinen Büchern authentisch und unmittelbar, wie der Alltag damals gewesen ist. Fallada beschreibt nicht aus intellektueller Distanz. Man bekommt aus seinen Werken ein Gespür für die Atmosphäre und das Lebensgefühl der Zeit. Der Leser erfährt, was die Menschen im Inneren bewegte, welche Werte und welche Moral ihr Leben bestimmt, wie sie ihren Alltag tatsächlich bewältigen. Nach meinem Gefühl ist das der Grund, warum Fallada auch heute noch gelesen wird.

Das Interesse scheint ungebrochen. „Kleiner Mann – was nun?“ wurde 1972 von Peter Zadek am Bochumer Schauspielhaus als eine Art Revue auf die Bühne gebracht und außerdem – wie mehrfach vorher – verfilmt.

Die Bühnenbearbeitung des Romans „Kleiner Mann – was nun?“ von Tankred Dorst ist seither häufig an verschiedenen Theatern zu sehen gewesen. Es gibt auch Bühnenfassungen von „Jeder stirbt für sich allein“.

Welche Titel würden Sie jemandem empfehlen, der Hans Falladas Werk kennenlernen möchte?

Als Einstieg „Kleiner Mann – was nun?“ und „Ein Mann will nach oben“, ein vielschichtiger Roman aus dem Berlin der Zwanziger Jahre.

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Die Hans-Fallada-Gesellschaft unterhält das Hans-Fallada-Museum in Carwitz, richtet jährlich Hans-Fallada-Tage aus und fördert die Forschung. Am 20. Juli wurde dort die Ausstellung „ ‚Sonst nichts Neues‘. Die Feldpostbriefe des Ulrich Ditzen (1896-1918)“ eröffnet. Ulrich Ditzen war der jüngere Bruder Hans Falladas. Info: www.fallada.de

Lesehinweise:

Peter Walther: Hans Fallada. Die Biografie. Aufbau-Verlag 2018, 25 Euro.

Jenny Williams: Mehr Leben als eins. Hans Fallada. Aufbau Verlag Taschenbuch 2011, 12,99 Euro.




Zwei Rüpel in den Palästen

Eigentlich muss man über diesen Typen gar nicht mehr viel reden. Er hat sich oft genug selbst bis zur Kenntlichkeit dargestellt, besser gesagt entstellt; vulgo: sich selbst entlarvt und demaskiert.

Harmloses Bild zum todernsten Thema. (Foto: BB)

Harmloses Bild zum todernsten Thema. (Foto: BB)

Dreimal dürft Ihr raten, wen ich meine. Selbstverständlich den notorischen Twitterer, der sich jüngst bei der Queen mal wieder schwer daneben benommen hat. Er mochte beim Abschreiten ihrer britischen Ehrengarde nicht auf sie warten und stampfte gegen jede Regel elefantig voraus. Dann aber bremste er so abrupt, dass die ehrwürdige alte Dame beinahe auf ihn aufgelaufen wäre. Du meine Güte! Zuvor hatte er mal mal wieder einige Staats- und Regierungschefs rüde attackiert. Normal. Jedenfalls bei ihm.

Tage später benahm sich sein russischer Präzeptor ebenso ungeschlacht. Beim WM-Finale ließ er die versammelten Damen und Herren um sich herum im starken Regen stehen, während er sich selbst einen Schirm reichen ließ. Ihr alle kennt die Szene. Andere warten lassen und blöd aussehen lassen. Das gehört bei solchen Strolchen dazu.

Tropfnass wurden immerhin Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic, die freilich selbst etwas über die Stränge schlug, allerdings eher im beschwipsten Sinne (und deshalb von einem Boulevardblatt „Alkoholinda“ getauft wurde). Ihr kleiner Kontrollverlust ist schon eher verzeihlich.

Zurück zu diesen Kerlen, den zwei egomanischen Selbstdarstellern, die alle diplomatischen Gepflogenheiten beiseite fegen. Beider Treffen in Helsinki hat inzwischen gezeigt, wer nun wirklich das Zeug zum Zaren haben könnte und wer nur ein pathologisch polternder Kasper ist. Einig sind sie sich offenbar im rücksichtslosen Verhalten, im Rempeln und Pöbeln.

Verdammt dumm nur, dass beide über diese roten Knöpfe verfügen. Im Grunde könnten sie in ihren Palästen ganztags ballonseidene Trainingsanzüge tragen und zu haltlosem Gelalle Bierpullen schwingen. Wobei zu sagen wäre, dass rund ums Revier-Büdchen unter Trunkenen oft noch mehr Ehrenkodex herrschen dürfte. Friede den Hütten!

Habt ihr etwas Älteren früher auch Bücher wie „Der gute Ton“ an die Hand bekommen? Wie stocksteif ist einem das damals erschienen. Und wie hat man es begrüßt, wenn eine öffentliche Person mal vom gar zu strengen Regelwerk abgewichen ist. Jaja, auch über einen wie Fritz Teufel hat man herzlich gelacht. Und heute? Gilt einer wie D. T. (dem ich nicht mal den kompletten Namen gönne) manchen als „Anarchist“. Nein, danke! So darf diese Bezeichnung nicht beschmutzt werden.

Früher habe ich mal gedacht, Benimmregeln seien überhaupt nebensächlich, es komme nur auf die Inhalte an. Doch nein! Es gilt, eine Form zu wahren. Auch und gerade in der Sphäre der zugewachsenen Macht kann und sollte man/frau ein gewisses Mindestmaß an Anstand verkörpern. Daraus ergibt sich dann im besten Falle auch ein anderer Umgang mit politischen Fragen.




Standardsituationen und schwindende Gewissheiten – eine kurze, weitgehend schmerzlose Bilanz zur Fußball-WM

Meine kleine Ballsammlung (Foto: BB)

Unsere kleine Ballsammlung (Foto: Bernd Berke)

Na gut, äh! Irgend eine Bilanz zur Fußball-WM muss man jetzt wohl ziehen. Sei’s drum. Wir haken das mal eben Punkt für Punkt ab. Bei Nummer 22 (naturellement 2 x 11) ist dann aber Sense. Versprochen.

  1. Gratulation dem Weltmeister Frankreich. Es war – nehmt alles nur in Allem – tatsächlich das beste, in allen Mannschaftsteilen ausgewogene Team. Und der pfeilschnelle, erst 19-jährige Kylian Mbappé war vielleicht d e r Spieler dieser WM. Was aus dem noch werden kann! (Übrigens muss man den Nachnamen wirklich nicht „Emm-Bappeee“ aussprechen, wie das gewisse Experten im deutschen Fernsehen tun. Anlautendes M geht auch bruchlos mit nachfolgendem B).
  2. Um ein Haar wäre es zum Finale zweier kleiner Länder gekommen, Belgien und Kroatien. Ganz so, als sei die Zeit der „Großen“ vorbei. Kroatien war ein starker Finalteilnehmer, in der Anfangsphase zweifach entscheidend (?) vom Schiri benachteiligt.
  3. Die Engländer können neuerdings Torwart. Und sie können Elfmeterschießen. Und auch noch die ziemlich effektive „Buswarteschlange“ bei Ecken oder Freistößen. Sie haben mit dem alten Kick & Rush nichts mehr zu schaffen. Auch scheint es ihnen nicht zu schaden, dass so viele Leute aus anderen Ländern in der Premier League spielen. Da schau her, die wohligen alten Gewissheiten sind dahin. Dass die Engländer mit ihrem Trainer und eleganten Westenträger Gareth Southgate zudem einen vorbildlichen Gentleman aufgeboten haben, entspricht hingegen den althergebrachten Vorstellungen.
  4. Die These, dass der Fußball den Zustand einer ganzen Nation widerspiegele, mag füglich bezweifelt werden. Es lassen sich immer Argumente dafür, aber auch dagegen aufführen. So schlimm kann es um England nach dem Brexit eigentlich nicht stehen, wenn man die Leistung der „Three Lions“ zum Maßstab nimmt.
  5. Sportlich war es ein recht mittelmäßiges Turnier mit nur wenigen, wirklich packenden Partien. Viele magere 1:0-Ergebnisse, etliche Quälereien bis in Verlängerungen und ins Elferschießen hinein. Einige Abwehr-Bollwerke bis zum Abwinken. Entscheidungen oft nicht durch kreatives Spiel, sondern durch „Standardsituationen“ mit ruhendem Ball.
  6. So genannte Superstars nützen offenkundig überhaupt nichts, wenn nicht etwas hinzu kommt. Nach und nach durften Messi, Ronaldo und Neymar mit ihren Teams vorzeitig nach Hause fliegen. Der Satz, Fußball sei halt ein Mannschaftssport, taugt nicht nur fürs Phrasenschwein. Er hat was für sich.
  7. Sorry, aber: Nach dem frühen Ausscheiden habe ich (und haben wohl viele) die deutsche Mannschaft kaum vermisst. Man konnte auch mit den Konter-Königen aus Belgien oder mit sonstwem fiebern. Die Belgier haben sogar dieselben Flaggenfarben, wenn auch anders angeordnet. Das deutsche „Aus“ hatte auch sein Gutes: Auf diese Weise blieb Kanzlerin Merkel ein Tribünen- oder Kabinenbesuch erspart.
  8. Das ewige, überaus gestenreiche und zuweilen aggressive Reklamieren beim Schiri geht einem nur noch auf den Geist. Und das unsägliche „Markieren“ von Fouls (mit Neymars vielfacher Platzrolle als wahnwitzigem Tiefpunkt) sollte viel härter bestraft werden; ebenso wie die wild gestikulierende Forderung nach der gelben oder roten Karte für den Gegenspieler. Übrigens: Findige Leute haben ermittelt, dass Neymar während seiner Turnier-Auftritte rund 14 Minuten auf den Plätzen gelegen bzw. sich dort gewälzt hat. Scheint sein Hobby zu sein.
  9. Die deutschen TV-Kommentatoren bei ARD und ZDF waren zu allermeist nicht WM-tauglich. Hier sollte man grundlegende Reformen anstreben und vielleicht je zwei Sprecher(innen) bzw. ehemalige Spieler mit wachem Geist im möglichst munteren und uneitlen Dialog einsetzen. Nein, auch Claudia Neumann war nicht besser als ihre männlichen Kollegen. Aber auch nicht schlechter. Die endlosen Experten-„Analysen“ vor und nach den Spielen tue ich mir sowieso gar nicht mehr an. Ihr etwa?
  10. Immer häufiger beschränken sich die Kommentatoren als Künder des Offensichtlichen auf belanglose Feststellungen wie „gute Bewegung“, „gute Körpersprache“, „guter Laufweg“, „gut aufgepasst“ oder „geblockt“. Dazwischen irrwitzige Statistiken und Boulevard-Gewäsch. Das ist oft ziemlich ärmlich.
  11. Jetzt doch noch mal zur deutschen Mannschaft, die insgesamt aufreizend überheblich aufgetreten ist. Mir ist schleierhaft, warum Löw nicht loslassen mag. Oliver Kahn hat recht: Löw hätte nach dem Finale 2014 aufhören sollen, als er alles erreicht hatte. Noch viel fälliger zum Rücktritt wäre allerdings der ach so smarte Oliver Bierhoff. Er hat zunehmend nur noch aalglattes Marketing im Sinn gehabt. Von seinem Umgang mit der Causa Özil/Gündogan/Erdogan ganz zu schweigen. Erst abwiegeln, nach dem Ausscheiden auf einmal übel nachtreten und Özil für alles haftbar machen wollen. Unmöglich! Und die DFB-Spitzen? Versuchen sich ebenfalls rauszuwinden und wegzuducken. Welch ein Elend!
  12. Nicht unbedingt sympathischer: Auch ein Vielzahl von Salonlinken hat den Fall Özil“ auf die eigenen Mühlen lenken wollen. Erstaunlich, wie sie den Erdogan-Freund mit Pauken und Trompeten verteidigt haben, weil ja angeblich nur teutsche Nationalisten und Rassisten gegen ihn Stellung bezogen haben. So ein Unsinn! Es dürften auch etliche Gegner der Erdogan-Diktatur darunter gewesen sein. Ach so, wie konnte ich es nur vergessen: Es herrscht ja längst Redeverbot in dieser Sache. Es sei denn, man schwinge den politisch korrekten Degen.
  13. Auf verquere Art links gestrickt sind auch die blödsinnigen Versuche, die Migrantenquote abermals auf die Qualität des Fußballs anzuwenden. Nach der Formel „Je mehr Migranten in der Mannschaft, umso besser der Fußball“ predigen manche quasi einen auf links gekrempelten Rassismus. Es ist letzten Endes nur die spiegelbildliche Umkehr dessen, was rechts gestrickte Typen blöken: „Zu viele Ausländer im Team…“
  14. Das Getue um den Videobeweis hat nicht nur in der Bundesliga genervt, sondern auch bei dieser WM. Ungefähr jeder vierte Torjubel wird im Keim erstickt und infrage gestellt. Ständig fordern Spieler, die sich benachteiligt fühlen, mit der notorischen Rechteck-Geste die Videoprobe ein. Mag sein, dass der eine oder andere grobe Fehler korrigiert wird. Doch ob es insgesamt „objektiver“ zugeht, darf bezweifelt werden.
  15. Wirklich gerecht wird es erst im Jenseits sein. Das wird ein sonderbares Ding, wenn Begegnungen vor den versammelten himmlischen Heerscharen völlig ohne Fehler und Fouls vonstatten gehen. Klingt ganz schön langweilig, nicht wahr?
  16. Eins wollen wir nicht vergessen: Es war eine WM ohne terroristische Bedrohung oder gar einen Anschlag. Dazu darf man sogar Vladimir Putin gratulieren. Ansonsten aber…
  17. Wenn wir schon beim „lupenreinen Demokraten“ Putin sind: Ex-Kanzler Gerhard Schröder hat sich unterdessen mit beiden Potentaten getroffen: Putin und Erdogan, bei dem er im staatlichen Auftrag als „besonderer Freund“ aufkreuzte. Auf seine alten Tage wird der Mann zusehends zur peinlichen Hofschranze. Ich kann mich an keinen Kanzler erinnern, der mir im Nachhinein widerlicher gewesen wäre.
  18. Man fragt sich, was aus all den Arenen in der russischen Provinz werden soll. Werden die sündhaft teuren Bauten jemals wieder auch nur annähernd gefüllt sein? Selbst zur WM sind ja schon etliche Plätze leer geblieben. Verrückt genug: Inzwischen verpflanzen die Russen schon ganze Vereine in die Diaspora. Ein Oligarch muss „seinen“ Erfolgsclub aus St. Petersburg nach Sotschi umtopfen. Was die Fans wohl dazu sagen? Man stelle sich vor, Bayern München würde seine Heimspiele nur noch in Erfurt oder Osnabrück austragen.
  19. Gibt es jemanden, der sich auf die nächste WM 2022 in Quatar/Katar freut? Müsste man dafür nicht ein Wort wie Vorzorn statt Vorfreude verwenden?
  20. Und danach? Sollen 2026 die USA und Mexiko ein WM-Turnier gemeinsam mit Kanada ausrichten. Schon allein das würde gegen die Mauer sprechen, die Donald T. an der Grenze zu Mexiko errichten will. Aber 2026 ist der Kerl eh schon längst ein irres Nebenkapitel der Geschichte.
  21. Freuen wir uns vorerst auf den Wiederbeginn der Bundesliga. Und auf die nächste Europameisterschaft 2020. Diese WM war ja am Schluss auch schon ein rein europäischer Wettbewerb.
  22. Zugabe: Entscheidend is aufm Platz!

 




Zeit des Stillstands: Andreas Maiers Roman „Die Universität“

Der Ich-Erzähler, knapp über 20 Jahre alt, berichtet von seinen allerersten Semesterferien anno 1988. Er will nach Südtirol verreisen, doch er landet nur in der nächsten Umgebung: im hessischen Butzbach. Ein bisschen grotesk ist das schon.

Wenn auch äußerlich nicht viel geschieht, so kommentiert doch seine innere Stimme („mein innerer Meta-Ebenen-Kuckuck“) unablässig und zwanghaft jeden kleinen Vorgang. Der junge Mann beginnt nun im Butzbacher Park – bereits zum dritten Male – Thomas Manns „Doktor Faustus“ zu lesen. Alle Achtung. Jedenfalls scheint Butzbach mit einem Male eine Erfüllung zu sein. Und doch auch wieder nicht.

Da ist der unbestimmte Drang, ein neues Leben zu beginnen und zugleich die Unfähigkeit, auch nur davon zu erzählen. Denn dieses unbestimmte Ich ist längst noch nicht jener Andreas Maier, der in seinem neuen Roman „Die Universität“ vornehmlich vom Stillstand berichtet, ganz überdeutlich mit einem späteren Kapitel über einen permanenten, geradezu allumfassenden Autostau.

Was bisher geschah: Maier hat mit den Kurzromanen „Das Zimmer“, „Das Haus“, „Die Straße“, „Der Ort“ und „Der Kreis“ das erzählerische Gesichtsfeld stetig und hartnäckig erweitert. Wer weiß, wohin das noch führt.

Maier war bisher immer gut für Inbilder einer recht ereignisarmen, somit auch „normalen“ Kindheit und Jugend, auch entwarf er unscheinbare, doch prägnante Tableaus just aus der hessischen Provinz rund um Friedberg/Wetterau. Heimatdichtung? Nein, so kann man das eigentlich nicht nennen. Aber die Gegend hat schon wahrhaft große Literatur hervorgebracht. Ich sage nur: Peter Kurzeck. Während Kurzeck schier alles festhalten wollte und gar vieles zum verhaltenen, dauerhaften Leuchten gebracht hat, geht Maier lässiger (aber nicht nachlässig) zu Werke. Auch das hat seinen Reiz und allemal seine Berechtigung.

In Butzbach wandelt der Erzähler recht träge auf den Spuren der Buchhändlerstochter, die ihm und uns schon in den Roman-Vorläufern begegnet ist – es war dies eine ans Absurde grenzende, stockende Beziehung; ganz so, wie denn auch die hessischen Käffer zugleich aufgesucht und gemieden werden. Dem entspricht ein richtungsloses, noch durchaus unentschiedenes Dasein. Kann in dem Alter schon mal vorkommen. Kommt sogar sehr häufig vor. Wie aber lässt sich von der inneren Leere und Antriebsarmut erzählen? Solche Fragen stellt sich der junge Mann, wenn er nicht gerade alten Träumen nachhängt oder sich als großer Schweigender geriert.

Die titelgebende Uni (Frankfurt/Main) spielt bei all dem gar nicht mal die zentrale Rolle, sie läuft streckenweise eher nebenher mit. Obwohl: Die Seminare (vor allem Philosophie mit schwerwiegenden Fragen nach Subjekt, Objekt und Identität) bilden denn doch so etwas wie eine Folie. Im Vorübergehen werden Frankfurter Professoren-Koryphäen wie Jürgen Habermas oder Karl-Otto Apel skizzenhaft charakterisiert, auch kommen reichlich bizarre Studenten (z. B. „der Hegel-Japaner“) vor, die den Profs bis in Gestik und Mimik hinein nacheifern, so dass man die in sich gekehrten Habermas-Adepten gleichsam schon am Gang und an der Dialog-Abstinenz erkennt.

Der Band enthält zwei veritable Kabinettstücke von einiger Komik. Zum einen geht es um ein (relativ harmloses) Erotikmagazin, das beim Sohn eines Studentenbuden-Vermieters herumliegt und irrwitzige Erwägungen auslöst. Zum anderen findet der Erzählende einen Job als Altenpfleger – und betreut in dieser Eigenschaft justament die greise Gretel Adorno, die offenbar äußerst biestig gewordene Witwe des berühmten Mitbegründers der „Frankfurter Schule“, Theodor W. Adorno. Und siehe da: Die Begegnung mit der knurrigen alten Frau erweist sich als eine Art Reifeprüfung für den weiteren Lebensweg.

Andreas Maier: „Die Universität“. Roman. Suhrkamp Verlag. 147 Seiten. 20 Euro.




Von Nöttelefönes, Klötenköhm und Halfjehang – ein Herkunftswörtbuch zur Sprache an Rhein (und Ruhr)

Zugegeben, anfangs war ich ein klein wenig enttäuscht. Wenn man ein „Herkunftswörterbuch der Umgangssprache an Rhein und Ruhr“ (Untertitel) in den Händen hält, erwartet man doch auch etliche Belege zur Mundart des Ruhrgebiets. Doch wenn man erst einmal blättert, stellt sich schnell heraus, dass wir es hier vornehmlich mit einem rheinischen Wörterbuch zu tun haben. Gewiss, vor allem im Raum um Duisburg lappt eins ins andere. Auch sonst gibt es etliche Überschneidungen und Anklänge.

Und überhaupt: Eine weitere Fremdsprache kann ja nicht schaden. Erst recht nicht, wenn sie von den „natürlichen Feinden der Westfalen“ (der schätzenswerte rheinische Kabarettist Jürgen Becker sah es aus seiner Perspektive genau umgekehrt) gesprochen wird. Man muss ja wissen, was der „Feind“ so redet.

Basis ist ein interaktives Online-Projekt

Genug der Vorrede. „Wo kommt dat her?“ lautet der bodenständige Haupttitel des umfangreichen Herkunftswörterbuchs, in dem ersichtlich jede Menge Arbeit steckt. Die Resultate sind keineswegs nur angelesen, sondern verdanken sich vielfach mündlichen Auskünften von Dialektsprechern. Man ist also verbal nah dran am gewöhnlichen Alltag.

Autor des Lexikons ist Peter Honnen (Jahrgang 1954), Sprachwissenschaftler des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) beim Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn, ein Experte sondergleichen: Schon seit über dreißig Jahren befasst er sich speziell mit rheinischer Alltagssprache. Eine denkbar breite Basis seiner Publikation ist das interaktive „Rheinische Mitmachwörterbuch“, das seit 2007 online ist und inzwischen über 7000 Stichwörter mit zahllosen Fundstellen und Beispielsätzen  von rund 2000 Mitwirkenden erfasst. Selbst das vorliegende Buch kann mit fast 700 Seiten nur eine begrenzte Auswahl aus dem ungeheuren Fundus bieten.

Niederdeutsch, Jiddisch und Rotwelsch als Quellen

Im Vorwort erläutert Honnen einige Grundlinien der Forschung. Demnach belegt das Wörterbuch an vielen Stellen die Verwandtschaft des Rheinischen mit dem Niederdeutschen und Niederländischen, deutlich weniger mit dem weiter südlich anzusiedelnden Hochdeutsch oder dem „Lutherdeutsch“. Zudem haben sich alltagssprachlich – in abgewandelter Form – im Rheinischen viele Übernahmen aus dem Lateinischen, Jiddischen und Französischen gehalten.

Auch das Rotwelsch, die alte Vaganten- und Gaunersprache, hat bleibende Spuren hinterlassen. Überdies haben sich Wendungen aus dem Studenten- und Soldatenidiom durchgesetzt. Die Quellen sind also vielfältig. Mundart und Alltagssprache erweisen sich dabei immer wieder als wahre Kraftwerke für notfalls auch mal derbe und direkte Worterfindungen, sie halten die gesamte Sprache lebendig.

Bei zahllosen Stichworten lässt uns Honnen ansatzweise an der Fachdebatte schnuppern, indem er verschiedene Deutungsmöglichkeiten mit widerstreitenden Begründungen vorstellt. Vieles ist im Fluss. Und häufig streiten sich Köln und Düsseldorf um eine Urheberschaft. Unter dem kölschen Stichwort „Imi“ (zugereister, nur „imitierter“ Kölner) heißt es denn auch schulmäßig: „Der blöde Imi da hät Helau jeschrien!“

Das Revier wird kurzerhand eingemeindet

Zwischendurch kommt auch schon mal ausdrücklich das Ruhrgebiet zu seinem Recht: Rätselhaft sei beispielsweise die Etymologie von „Zigulle“ für „Nase“ im Ruhrgebiet, „eine überhaupt sehr fantasievole Region, was Wortneuschöpfungen betrifft.“ Das geht dem Ruhri jetzt aber runter wie Butter. Kurz darauf wird jedoch die Prämisse klargestellt: „Mit Rheinland ist gemeint: der Niederrhein, das Ruhrgebiet, das Bergische Land, das zentrale Rheinland, die Eifel, der Westerwald und der Hunsrück.“ Danke für die großzügige Eingemeindung, bei der Sauer- und Siegerland freilich nicht explizit genannt werden.

So richtig beginnt der lehrreiche Spaß allerdings nicht mit allgemeinen Definitionsversuchen und Erkenntnissen, sondern beim Stöbern in den einzelnen Stichwörtern. Es steigert das Vergnügen ungemein, wenn man sich Wörter und Sätze im rheinischen Singsang gesprochen vorstellt. Um es nicht vollends auszuufern zu lassen, hier nun gerade mal ein Dutzend aufgepickte Beispiele:

Überschätzter Einfluss des Polnischen

  • Die Wort- und Wendungsliste reicht mitunter bis in Ortsdialekte hinein, so etwa, wenn es um den (fast nur) in Aachen gebräuchlichen Erstaunens-Ausruf „Au Hur“ geht. Dessen Herkunft bleibt aber rätselhaft – wie so manches auf diesem Gebiet.
  • „Ballern“ für saufen (dafür gibt es – ähnlich wie fürs Vögeln – schier endlos viele Worte) lehnt sich vermutlich an das polnische Wort balować an, doch auch das ist nicht ganz gewiss; wie denn überhaupt die Sprache an der Ruhr gar nicht so sehr vom Polnischen beeinflusst zu sein scheint. Mottek (Hammer) ist schon eine rare Ausnahme. Allerdings kommt, was man nicht vermutet hätte, auch „Dalli“ aus dem Polnischen (von dalej = los, vorwärts).
  • Für gar zu dünnen „Blümchenkaffee“ gibt es herrlich viele Bezeichnungen, Zitat: „Schwerterkaffee, Bodenseekaffee, Zores, Spräuz, Schlöres, Schlüntes, Plörre, Geschläpps, Bankrottsbrühe, Flöres oder Schlotterbrühe“ sowie natürlich Muckefuck. Wie reich doch die Sprache in ihren regionalen Ausfaltungen ist!
  • Der Ausruf „Boah ey“ stammt n i c h t aus dem Englischen, obwohl der selten fehlbare Duden es allen Ernstes behauptet…
  • „Bock“ haben rührt von der Romanes-Sprache her (bokh = Hunger, Verlangen). Wer hätte das gedacht?
  • Im Rheinischen und in anderen Dialekten kann mitunter ein einziges Wort ausdrücken, was man sonst umständlich umschreiben müsste, so etwa fuckakich (für: außen schön, innen faul oder auch außen hui, innen pfui).
  • Manche Worte sind einfach umwerfend, so etwa Geheuchnis (Ort, an dem man sich besonders wohlfühlt), Halfjehang (nachlässig gekleideter Mensch), Klabusterbeeren (bröckelige Kotreste am Hinterteil), dinseln (mit kleinen Schritten gehen), Klötenköhm (Eierlikör) oder Nöttelefönes (notorischer Nörgler). Solche anregenden Schöpfungen finden sich zuhauf in diesem Lexikon.
  • Hättet ihr geahnt, dass das Wort Kneipe aus Sachsen kommt?
  • Manche Herleitungen klingen abenteuerlich, im Lexikon werden sie angemessen distanziert wiedergegeben: So soll Kasalla (Prügel) angeblich daher rühren, dass übers Knie gelegte und verprügelte Schüler bis in die 1950er Jahre in dieser misslichen Lage fast unweigerlich das überall aufgepappte Schild des Schulmöbelherstellers Casala gesehen haben. Wenn’s nicht stimmt, ist es wenigstens gut erfunden.
  • „Krass“ (von lat. crassus = dick, grob) haben Studenten schon im 18. Jahrhundert als Modewort benutzt. Es hat sich als ausgesprochen haltbar erwiesen.
  • Das später so reviertypische „Malochen“ ist schon um 1750 belegt und kommt nicht aus dem Polnischen, sondern aus dem Jiddischen (melocho = Arbeit).
  • „Den heiligen Jörg anbeten“ oder „Kotzebues Werke studieren“ bedeutet ungefähr dasselbe: sich übergeben. Das eine ist rein lautmalerisch, das andere gibt sich ansatzweise intellektuell. Ihr habt doch hoffentlich schon längst gefrühstückt? Dann seid ihr – noch so eine Redensart – „an Schmitz Backes vorbei“, habt also das Gröbste hinter euch.

Sätze mit Schakal und Schabau

Na, und so weiter, und so fort. Man möchte am liebsten noch und noch aufzählen. Aber das lassen wir mal hübsch bleiben. Schnobert doch lieber selbst mal in diesem Wörterbuch. Es lohnt sich allemal.

Doch halt! Eins noch: Ich war mal zwei Jahre lang genötigt, im Rheinland (Bonn) zu leben. Aus jener Zeit ist mir ein mundartbezogener Scherz in Erinnerung geblieben. Ihr wollt ihn doch sicherlich hören, oder? Schabau bedeutet übrigens billiger Schnaps.

„Sach mal’n Satz mit Schakal.“ – (ratloses Achselzucken) – „Schakal Fööß!“
„Und sach mal’n Satz mit Schabau.“ – (wieder Ratlosigkeit) – „Schabau kal Fööß!“

Peter Honnen: „Wo kommt dat her? Herkunftswörterbuch der Umgangssprache an Rhein und Ruhr.“ Greven Verlag, Köln. 688 Seiten, 28 Euro.

 




Für welche Dortmunder Zeitung schrieb Hans Leyendecker? Lokale Mediengeschichte nach Gusto der Ruhrnachrichten

Dies vorweg: Seit Januar 2013, seit es also die Westfälische Rundschau (WR) nur noch als fremdbefüllte Phantomzeitung gibt, können sich die Ruhrnachrichten (RN) vor allem in Dortmund so ziemlich alles erlauben.

Aus besseren Zeiten: Beilage zum 60jährigen Bestehen der Westfälischen Rundschau am 20.3.2006 - Doppelseite mit Porträts der damaligen WR-Redaktionsmitglieder.

Aus besseren Zeiten: Beilage zum 60jährigen Bestehen der Westfälischen Rundschau am 20.3.2006 – Doppelseite mit Porträts der damaligen WR-Redaktionsmitglieder.

Ohne die Präsenz von RN-Leuten kann eigentlich kein Pressetermin so recht beginnen, denn der Rest der örtlichen Printmedien ist leider nicht der Rede wert. Es gibt am Ort keine nennenswerte Konkurrenz mehr, jedenfalls keine gedruckte. Also kann eine Geschichte notfalls auch mal ein bisschen liegen bleiben, bevor man sich zur Veröffentlichung bequemt.

Der Platzhirsch als „Medienpartner“ 

Das Blatt aus dem Medienhaus Lensing ist zwar selbst nicht ganz unbeschadet aus den Umbauten der letzten Jahre hervorgegangen, bleibt allerdings eindeutig der Platzhirsch. Grenzwertige Exklusiv-„Medienpartnerschaften“, so auch mit Borussia Dortmund, sind eine Begleiterscheinung, in deren Gefolge auch schon mal allzu kritische Berichterstattung gemildert, wenn nicht gar geopfert wird.

Die RN gestatteten es sich kürzlich beispielsweise auch, den Erfahrungsbericht einer weit gereisten Dortmunderin – ganz ohne Nachfrage und Absprache mit ihr – nach Belieben zu kürzen und dann unter deren Namen („Von XY…“) in den Dortmunder Lokalteil zu heben. Journalistisch redlich ist ein solches Vorgehen wahrhaftig nicht.

„Reporter einer großen Dortmunder Tageszeitung“

Im Grunde könnten es sich die Ruhrnachrichten (grob gesagt: gelegentlich ambitionierter Lokalteil, eher schwache Mantelseiten) leisten, aus ihrer abgesicherten Position heraus ein wenig Souveranität zu zeigen. Doch weit gefehlt. Da widmen sie heute dem bundesweit bekannten Investigativ-Journalisten Hans Leyendecker eine Story im Dortmunder Lokalteil, die ich via WAZ (deren Lokalseiten die RN ebenso füllen wie die der WR) zur Kenntnis nehme.

Hans Leyendecker (langjähriger Reporter beim „Spiegel“ und bei der „Süddeutschen Zeitung“) zählt – neben dem einstigen NRW-Ministerpräsidenten und Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit, Wolfgang Clement – zu den bundesweit bekanntesten Leuten, die aus der Redaktion der Westfälischen Rundschau hervorgegangen sind. Im Ruhrnachrichten-Duktus liest sich das heute so: Leyendecker sei „mehrere Jahre Redakteur und Reporter einer großen Dortmunder Tageszeitung“ gewesen.

Schlag nach bei Orwell, bei dem steht was drin…

Du meine Güte! Die RN haben doch von einer redaktionslosen WR nun wirklich nichts mehr zu befürchten. Trotzdem sehen sie sich offenbar nicht in der Lage, den Namen der einstigen Konkurrenz auch nur zu erwähnen. Wie kleinkariert! Um nicht andere Assoziationen ins Spiel zu bringen: Die Tilgung des Namens erinnert nahezu an diktatorischen Umgang mit der Wahrheit. Bestimmte Sachverhalte dürfen einfach nicht mehr bezeichnet werden. Schlag nach bei Orwell, bei dem steht was drin…

Hinzu kommt, dass der Beitrag über Leyendecker als anonymes Produkt ohne Autor(inn)enzeile läuft, dafür aber garniert mit einer Vignette: „Dortmunder WM-Geschichten – Präsentiert von Deutsches Fussball Museum“ (und nicht etwa „vom Deutschen Fußball Museum“, DFB-Einrichtungen dürfen grammatisch offenbar keinesfalls gebeugt werden). Sieht fast so aus, als käme der Bericht direkt aus der DFB-Pressestelle oder halt vom Deutschen Fußball Museum zu Dortmund. Übrigens: Wie man hört, hat der DFB derzeit noch ein paar andere Sorgen. Echt jetzt.

Als Schotte verkleidet ins Westfalenstadion

Und die Story selbst? Ist in diesem Zusammenhang hübsch nebensächlich. Während der Fußball-WM 1974 hatte sich Leyendecker in Dortmund mit Kilt und allem Drum und Dran als Schotte verkleidet, um aus dieser Perspektive eine Reportage zu schreiben. Anlass war die Partie Schottland – Zaire im kurz vorher erbauten Westfalenstadion.

Nach dem öden Match, das Schottland 2:0 gewann, eilte Leyendecker an die Schreibmaschine in der WR-Redaktion, damals Bremer Straße. Als Volontär-Frischling habe ich dort schon mal ehrfürchtig erlebt, wie rasend und besessen der Mann, damals auch erst ein Mittzwanziger, auf die Tasten hämmern konnte. Stocknüchternes Zitat aus den Ruhrnachrichten: „Und seine WM-Story schmückte die aktuelle Ausgabe seiner Zeitung.“




Tierische Rituale an der Börse: „Drei Wochen war der DAX so krank! Nun hüpft er wieder, Gott sei Dank!“

In letzter Zeit interessiere ich mich gelegentlich ebenso für den Wirtschaftsteil wie fürs Feuilleton. Mitunter erscheint, was da verhandelt wird, einfach handfester. Doch halt! Wolkig kommt es trotzdem daher. Und wer weiß, ob die ganze Chose nicht überhaupt eine Blase ist, die bald mal wieder zu platzen droht. Fachleute wissen auch nichts Genaues.

Was können sie denn dafür? Dachse vor ihrer Höhle. (Zeichnung von Walter Heubach, 1865-1923 / Wikimedia Public Domain / gemeinfrei). Link zur Lizenz: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Heubach_badger.jpg)

Was können sie denn dafür? Dachse vor ihrer Höhle. (Zeichnung von Walter Heubach, 1865-1923 / Wikimedia Public Domain / gemeinfrei). Link zur Lizenz: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Heubach_badger.jpg)

Nehmen wir mal den deutschen Aktienindex DAX, der aus 30 hervorstechenden Firmenwerten besteht. Der wird in der Berichterstattung geradewegs wie ein empfindsames Lebewesen behandelt, als sei er just ein Dachs. Bestimmt haben die Erfinder von Anfang an diese tierische Assoziation gehabt. Och, wie niedlich.

Und nun das Auf und Ab der täglichen Börsennachrichten: Häufig „drückt“ etwas auf den DAX, so dass er durchaus bedrückt wirken muss. Da muss man offenbar Mitleid haben. Doch gerade heute heißt es, den DAX lasse der abermals entflammte politische Streit um Zollschranken einstweilen kalt. Ach, der coole DAX! Zuweilen widersteht er ja auch tapfer den volatilen Fährnissen des Marktes. Mitunter vernimmt man die frohe Kunde, der DAX stehe wieder auf oder behaupte sich. Frei nach Wilhelm Busch: „Drei Wochen war der DAX so krank, nun hüpft er wieder – Gott sei Dank.“

Vor etwa einer Woche, am 1. Juli 2018, hatte das Tierchen übrigens einen runden Geburtstag, der DAX wurde 30 Jahre alt. Wie sagten wir früher: „Trau keinem über 30…!“ Inzwischen hat er ja auch ein paar Kinder in die Finanzwelt gesetzt: beispielsweise TecDAX, MDAX und SDAX. Der nächste Spross sollte dann vielleicht FrechDAX heißen.

Wenn man weiß, dass die hochheiligen Anleger/Shareholder/Investoren und Analysten, die den DAX nach oben oder unten treiben, zumeist positiv auf Personalkürzungen reagieren (welche wahrscheinlich den Gewinn des betreffenden Unternehmens steigern), möchte man bei all dem doppelt zornig werden. Der nur aus Zahlen und Phantasien der Gier bestehende DAX lebt also, die Mitarbeiter(innen) der Unternehmen sind hingegen eher leblose Materie.

Allabendlich hört man im Börsenbericht die immergleichen Beschwörungs-Formeln, etwa vom „technologieorientierten Nasdaq“. Überhaupt scheint das ganze Gemöhre einen hohen rituellen Anteil zu haben, ist es doch auch Kernpunkt der bei weitem umfassendsten Weltreligion, der Geldanbetung. Und führe uns in Versuchung!

Es ist sonnenklar: Die interessierten Kreise wollen einem das wirtschaftliche Geschehen als naturwüchsig verkaufen, als Vorgänge „mit menschlichem Antlitz“ – oder eben mit tierischen Attributen. Bulle und Bär sind seit langem Symboltiere der Börse, wobei bekanntlich der Bulle für die Hausse und der Bär für die Baisse steht. Was kann denn der arme Bär dafür? Und wieso lässt man den Dachs nicht in Ruhe?

Doch irgendwie stimmt die ach so fassliche Bildlichkeit ohnehin nicht mehr, seit Millionen Computer in Millisekunden Abermilliarden Dollars oder Euros bewegen und damit ganze Branchen oder Länder ins Wanken bringen können. Damit verglichen, sind die übelsten Wettbüro-Kaschemmen nur ein Klacks. Und wenn dann noch dieser Donald neue Zölle twittert, geraten Nikkei, Dow und DAX ins Straucheln. Weh und ach!

Und nun das Wetter.




Tosende Wellen, technische Wunderwerke, erhabene Momente – ein Buch zur Geschichte der Leuchttürme

Stünde im Kreuzworträtsel die Frage nach einem „größeren technischen Nostalgie-Objekt“, so könnte die Lösung entweder Dampflok oder Leuchtturm lauten. Mit beiden verknüpfen wir geradezu romantische Vorstellungen. Also kommt ein Buch mit dem verheißungsvollen Titel „Wächter der See. Die Geschichte der Leuchttürme“ gerade recht.

Nach dem hymnischen Motto „Britannia, Rule the Waves“ kann es kaum erstaunen, dass sich mal wieder ein Engländer des Themas angenommen hat. R. G. Grants Buch (im Original: „Sentinels of the Sea“) hat denn auch eine gewisse angloamerikanische Schlagseite, was freilich kein großer Nachteil ist. Es setzt mit der abenteuerlichen Geschichte rund um den Bau des Leuchtturms von Eddyston (Südwestengland, ab 1696) ein, der durchaus einen Romanstoff abgeben könnte.

Eines der sieben Weltwunder

Doch richtet sich der Blick immer wieder in andere Zeiten, Erdwinkel und Meeresbreiten. Als frühes Inbild eines imposanten Leuchtturms gilt der Pharos von Alexandria (um 280 v. Chr.), von den Ptolemäern errichtet, stolze 140 Meter hoch und in der Antike als eines der sieben Weltwunder gerühmt. 1303 und 1323 vernichteten zwei Erdbeben das kolossale Gebäude.

Mit spürbarer Neigung zum Stoff und Liebe zum Detail erzählt Grant die Leuchtturm-Geschichte(n) sodann von den Alten Römern über die Hanse bis in die Epoche des Kolonialismus, in der England und Frankreich auch die technologischen Leitmächte waren – nicht zuletzt beim Leuchtturm-Bau. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts meldete dann auch (das sich eben erst national formierende) Deutschland entsprechende Ambitionen an, wie denn überhaupt die Geschichte der Leuchttürme nicht von den großen Linien der allgemeinen Historie zu trennen ist. Nicht zu vergessen: Etwas dermaßen Aufragendes zu errichten, mag auch männlicher Sicht insgeheim auch seine phallischen Implikationen gehabt haben. Dieser Seitenaspekt kommt im Buch jedoch nicht explizit vor.

Warum Küstenbewohner die Türme oft ablehnten

Zumeist entstanden Leuchttürme nach größeren Schiffskatastrophen an besonders gefährlichen Riffs und Meerengen. Freilich wehrten sich die Küstenbewohner häufig dagegen, weil nämlich die Plünderung von angelandeten Schiffswracks eine ihrer wichtigen Einnahmequellen darstellte…

Es ist nicht nur ein informatives, sondern auch ein spannendes Buch. Die Entwicklung der Technik wird Stufe für Stufe eingehend geschildert, sie führte etwa von der simplen Talgkerze und Holzfeuern (für die in bestimmten Landstrichen zahllose Bäume gefällt wurden) bis zur elektrischen Beleuchtung, immer raffinierteren Spiegeln und zur Fresnel-Linse, die das Licht zunehmend verstärkten und bündelten. Dichten Nebel durchdrangen sie jedoch alle nicht völlig, da mussten zuerst Signalhorn oder Glocke und später der Funk herhalten. Mit dem Funk endete dann allerdings auch die Blütezeit der Türme.

Bauarbeiten unter ständiger Lebensgefahr

Ein weiteres Hauptkapitel ist den einst lebensgefährlichen Bauarbeiten gewidmet. An einer stets wellenumtosten Stelle der Bretagne konnte man pro Tag nur rund eine Stunde tätig sein, so dass sich die Sache über sieben Jahre hinzog. Vielerorts waren die Arbeiter bei plötzlich stärkerem Wellengang lediglich durch Leinen notdürftig gesichert. Viele von ihnen haben das nicht überlebt. Auch sonst gemahnt das Abenteuer- und Gefahren-Niveau an Wagnisse wie etwa Polarexpeditionen. Erst als Erfindungen wie Pressluftbohrer und Sprengstoffe aufkamen, ließen sich Fundamente auf Felsen leichter gründen.

Die ganz große Zeit der Leuchttürme endete ungefähr in den 1920er Jahren. Schon um 1910 standen sie nicht mehr an der Spitze der technischen Entwicklung, sondern waren nur noch Nachzügler, im Buch wird das natürlich nautisch ausgedrückt: Sie gerieten demnach ins Kielwasser.

Diese heldenhafte Einsamkeit

Gegen Schluss des historischen Streifzugs erfahren wir, wie es jenen heldenhaften Einsiedlern, also den Leuchtturmwärtern erging, bevor schließlich immer mehr Türme unbemannt bleiben konnten. Da mag es Phasen erhabener Einsamkeit gegeben haben, doch ein leichtes Leben ist das bestimmt nicht gewesen. Unbedingte Zuverlässigkeit war gefragt, ehemalige Seeleute oder Soldaten wurden für den lebenswichtigen Beruf bevorzugt. Da das Amt andererseits oft über Generationen in der Familie blieb, gab es jedoch schon bald auch vereinzelt Leuchtturmwärterinnen. Wäre ja auch gelacht, wenn sie das nicht gekonnt hätten!

Die Bebilderung des Bandes besteht nicht in erster Linie aus Fotografien, sondern vor allem aus (oft seitenfüllenden) Plan- und Konstruktionszeichnungen. Es ist ein wenig so, als ob man den Erfindern und Ingenieuren über die Schulter schauen dürfte. Hier zahlt es sich übrigens aus, dass Dumont eben auch ein führender Kunstbuch-Verlag ist, der Illustrationen besondere Aufmerksamkeit angedeihen lässt.

„Geduldig und stumpf sitzt er da…“

Englischsprachige Dichter haben die vielleicht gewichtigsten Worte zum Thema ersonnen. So schrieb beispielsweise der US-Lyriker Henry Wadsworth Longfellow ein Gedicht mit dem Titel „The Lighthouse“, das vor allem die unerschütterliche Beständigkeit der wegweisenden Flamme preist. Biographisch noch näher dran war der Schotte Robert Louis Stevenson, der aus einer Familie von Leuchtturm-Konstrukteuren stammte. In seinem Gedicht „The Light-Keeper“ (1870) erscheint der Leuchtturmwärter quasi als Opfergestalt, in der Übersetzung liest sich das so: „Der alles aufgibt, was im Leben angenehm ist, / Für die Mittel zum Leben. / (…) / Geduldig und stumpf sitzt er da, / Märtyrer eines Salärs.“ Jetzt sagen Sie aber bitte nicht, dass es Ihnen im Job so ähnlich vorkommt.

R. G. Grant: “Wächter der See. Die Geschichte der Leuchttürme“. Aus dem Englischen von Heinrich Degen. Dumont Verlag. 160 Seiten Bildbandformat, Hardcover. 250 farbige Abbildungen, 100 s/w-Abb. 28 Euro. 

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Im Original kann man Robert Louis Stevensons oben erwähntes Gedicht u. a. hier nachlesen: https://www.poetrynook.com/poem/light-keeper




Von der Schiefertafel zum Tablet, von der Langspielplatte zum Streaming: „Die Verwandlung der Dinge“

Wie die Dinge immerzu vergehen und sich wandeln! Ganz konkret und doch geradezu gespenstisch.

Auch dem kulturhistorisch bewanderten Sachbuchautor Bruno Preisendörfer (Jahrgang 1957) ist immer mal wieder Verwunderung und zuweilen gelinde Belustigung anzumerken, hervorgerufen durch all die heimlichen und unheimlichen Evolutionen unseres Alltags, zumal in der Spanne eines längeren Menschenlebens.

Preisendörfers Buch „Die Verwandlung der Dinge“ beschreibt zum Gutteil Sachen und Verhältnisse, die jüngere Menschen gar nicht mehr kennen oder die sie sich nicht einmal mehr vorstellen können. Hie und da mutet die Rückschau schon ziemlich vorsintflutlich an. Mag sein, dass man bald so etwas wie „Zeitgenössische Archäologie“ wird studieren können.

Der Autor unternimmt „Eine Zeitreise von 1950 bis morgen“ (Untertitel), wobei er sich mit der Zukunftsschau merklich zurückhält. Auch geht er mit Industrie-Kritik in Sachen Unterhaltungselektronik sehr sparsam um. In dieser Hinsicht könnte man sich ganz andere Ansätze vorstellen.

Am interessantesten werden seine Schilderungen immer dann, wenn er die Verwendung einstiger Gegenstände detailliert beschreibt. Manche Phänomene von „damals“ drohen einem ja selbst schon zu entgleiten: ihr Erscheinungsbild, ihre Haptik und Akustik, ihr Gebrauch mitsamt allerlei Tücken.

Wie war das denn noch mit Schiefertafel, Griffel und später Füllfederhalter – Jahrzehnte, bevor wird uns an PCs und Tablets gewöhnt haben? Wie lief das mit Langspielplatten, Tonbändern und Audio-Kassetten, bevor Walkmen, CDs, MP3-Player und schließlich das Streaming aufkamen? Wobei anzumerken wäre, dass die LPs bekanntlich seit Jahren eine kleine Renaissance erleben, auch so etwas gibt’s. Manchmal erobert die Nostalgie – im Namen des Authentischen – gewisse Marktnischen zurück. Fast völlig verschwunden sind hingegen die früher so allgegenwärtigen Telefonzellen, seit fast alle Leute mit Smartphones gesegnet sind.

Preisendörfers Phänomenologie ist streckenweise recht spannend und leidlich unterhaltsam zu lesen, allerdings steigt der Autor nur ganz selten und höchstens mal nebenher in Tiefenstrukturen technischer Entwicklungen ein, sondern verharrt weitgehend an der Oberfläche. Es zitiert sich ja auch so schön und süffig aus alten Gebrauchsanleitungen.

Im Überschwang des Gestrigen unterläuft dem Autor auch schon mal eine Geschmacklosigkeit, als es um die die Einführung des Farbfernsehens geht: „Die Farbära begann in Westdeutschland am 25. August 1967. Benno Ohnesorg lag am 2. Juni 1967 noch schwarz-weiß auf dem Straßenpflaster.“ Aber das ist gottlob die Ausnahme.

Was geneigte Leser allzeit zu schätzen wissen und was leider nicht selbstverständlich ist: Das Buch hat einen ordentlichen, gut durchgearbeiteten Anhang mit Quellenverzeichnis, launigem Glossar, Chronologie („Zeittreppe“) und Personenregister.

Speziell zu gerundeten Geburtstagen mit etwas höheren Ziffern und zu ähnlichen Anlässen dürfte dies ein ideales „Weißt-du-noch?“-Geschenk sein. Aber wer sagt, dass man auf solche Anlässe warten muss?

Bruno Preisendörfer: „Die Verwandlung der Dinge. Eine Zeitreise von 1950 bis morgen“. Verlag Galiani Berlin. 272 Seiten. 20 Euro.




Seltene Fresken in der gräflichen Gruft – ein überraschender Fund im Arnsberger Kloster

Nicht leicht zu erkennen: Kreuzigungsszene als mittelalterliches Fresko im Arnsberger Kloster Wedinghausen. (Foto: Bernd Berke)

Nicht ganz leicht zu erkennen: Kreuzigungsszene als mittelalterliches Fresko im Arnsberger Kloster Wedinghausen. (Foto: Bernd Berke)

Mh, was gibt es denn hier zu sehen? Mal ganz ehrlich: Dieser archäologische Fund wirkt beim ersten Hinsehen für Laien ziemlich unscheinbar. Man muss schon von kundigen Fachleuten angeleitet werden. Wenn man die Hintergründe erfährt, erhellt sich die Sache und man ahnt die Bedeutung.

Tatsache ist: Im Kloster Wedinghausen zu Arnsberg haben Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) im Zuge von Sanierungsarbeiten Fresken aus der Zeit um 1320 bis 1340 freigelegt. In Westfalen wurde so etwas noch nie gefunden, ja, in ganz Europa gibt es kaum Vergleichbares.

Nicht ohne pflichtgemäßen Heimatstolz spricht Arnsbergs Bürgermeister Ralf Bittner von einer – nun ja – „Sensation“. Barbara Rüschoff-Parzinger, LWL-Kulturdezernentin und selbst ausgebildete Archäologin, kündigt scherzhaft an: Demnächst werde sie wieder einmal in Flandern sein und könne dann mit dieser westfälischen Neuentdeckung punkten. Offenbar haben die dortigen Kolleginnen und Kollegen gelegentlich schon Zweifel am Fundreichtum in Westfalen geäußert. Was es mit Flandern sonst noch auf sich hat, dazu kommen wir gleich noch.

Kreuzigungsszene im gotischen Stil

Jetzt erst mal näher hingeschaut: Das seinerzeit frisch („ al fresco“) und daher eilends auf den noch nassen Putz gemalte Bild zeigt eine Kreuzigungsszene (so genannter „Dreinagel-Typus“) im gotischen Stil, und zwar am Fußende einer Grabkammer, die sich wiederum in der Mitte des ehemaligen Kapitelsaals befindet. Und was ist nun zu sehen? In der Mitte hängt Jesus am Kreuz, links steht sein Lieblingsjünger Johannes, rechts trauert Maria, die Hände vor der Brust gefaltet. Den Raum zwischen den Figuren füllt kunstvoll ausgeführtes Rankenwerk.

Wollt ihr auch noch das typische Lokalteilfoto? Bitte sehr, hier ist es. Es beugen sich über die Fundstelle (von links): Ausgrabungsleiter Wolfram Essling-Wintzer, LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger, Prof. Michael Rind (LWL-Direktor für Archäologie), Arnsbergs Bürgermeister Ralf Bittner und Propst Hubertus Böttcher. (Foto: Bernd Berke)

Foto mit hohem Lächelfaktor gefällig? Bitte sehr, hier ist es. Es beugen sich über die Fundstelle (von links): Ausgrabungsleiter Wolfram Essling-Wintzer, LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger, Prof. Michael Rind (LWL-Direktor für Archäologie), Arnsbergs Bürgermeister Ralf Bittner und Propst Hubertus Böttcher. (Foto: Bernd Berke)

Das Bild gehört zur Grabkammer der gräflichen Stifterfamilie, der man also das ganze, 1173 gegründete Prämonstratenser-Kloster zu verdanken hatte. Die Kreuzigungsszene verwies natürlich auch auf die Auferstehung und somit aufs erhoffte Seelenheil der Grafen. Dass das Bild in einer Gruft den Blicken entzogen wurde, hat vermutlich keinem der damaligen Zeitgenossen etwas ausgemacht. Es war keine Epoche der Schauwerte. Konservatorisch betrachtet, war das Überdauern in der Dunkelheit jedenfalls ein Segen.

Das empfindliche Bild für die Zukunft bewahren

Ausgrabungsleiter Wolfram Essling-Wintzer war, als die Fresken im Oktober 2017 unverhofft zum Vorschein kamen, nach eigenem Bekunden „verzückt“ von der gut erhaltenen Leuchtkraft, die nun freilich durch besonders sorgsamen Umgang für die Zukunft bewahrt werden muss. Schließlich sind die Fresken ja nicht mehr durch die geschlossene Gruft geschützt. Die Untersuchungen sollten jetzt zügig vonstatten gehen, damit das kostbare Bild sehr bald wieder möglichst wenigen Umwelteinflüssen ausgesetzt ist. Die Zeitfrage ist vor allem auch eine Geldfrage. Deshalb engagiert sich hier die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit finanziellen Mitteln.

Schon hat man den gesamten Fund mit 3D-Fotografien festgehalten und rundum eingescannt, so dass künftig ein virtuelles Museum denkbar wäre, in dem man das abgedunkelte Original allenfalls durch einen schmalen Sehschlitz betrachten dürfte. Vorerst ist der Fund überhaupt nicht zur öffentlichen Besichtigung freigegeben.

Hubertus Böttcher, als Dechant und Propst sozusagen der heutige Hausherr im Kloster, schwärmt von der Aura der Fundstelle und favorisiert eine Lösung, die auch jüngere Leute anspricht, sie in eine andere Zeit eintauchen lässt. Seine nicht nur diesseitige Vision geht weiter: In absehbarer Zeit sollen junge, zölibatär lebende Männer aus Brasilien im restaurierten Klostergeschoss (eine Etage über der Gruft) einziehen und den Ort womöglich zum geistlich-geistigen Zentrum machen – ganz im Sinne ihrer „Katholischen Gemeinschaft Shalom“.

Mächtiger Pfeiler als Zeugnis der Barbarei

Doch zurück zum Bodendenkmal und zur Fundsituation: Bei einer gewaltsamen Grab-Plünderung anno 1804 (nach Aufhebung des Klosters) kamen drei Schädel abhanden, nur Knochenbruchstücke blieben übrig, die man jetzt auswerten kann. Leider findet sich in der Grabstätte noch ein weiteres Zeugnis brachialer Barbarei. Ebenfalls zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde nämlich das Fundament eines mächtigen Pfeilers achtlos mitten hinein gesetzt. Andernfalls wäre die 2,10 Meter lange und 80 Zentimeter breite Grablege heute noch ungleich besser und vollständiger erhalten. Zum Glück hat man auch viele abgeplatzte Wandstückchen gefunden, die sich mit neuesten Computerprogrammen als virtuelles Puzzle wieder zusammensetzen lassen. Dann wird man ungefähr wissen, was an den Fresken fehlt.

Teilansicht des Arnsberger Klosters Wedinghausen, das derzeit gründlich restauriert wird. (Foto: Bernd Berke)

Teilansicht des Arnsberger Klosters Wedinghausen, das derzeit gründlich restauriert wird. (Foto: Bernd Berke)

Knochenreste wurden gleichfalls in der gräflichen Gruft entdeckt. Man hofft, mit den heutigen Methoden (DNA-Analyse) schon bald nachweisen zu können, dass die hier beigesetzten Verstorbenen miteinander verwandt waren. Dann müsste es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um die Grafen Heinrich I. und Heinrich II. handeln, die dritte Person dürfte Ermengardis sein, die Gattin Heinrichs II. Mehr noch: Anhand von DNA-Proben könnte man auch Rückschlüsse auf Gesundheitszustand und Ernährungsgewohnheiten dieser höchlich privilegierten mittelalterlichen Menschen ziehen.

Teile eines westeuropäischen Netzwerks

Das alles mag immer noch nach bestenfalls regionaler Bedeutsamkeit klingen. Doch weit gefehlt. Zwar gibt es auch Beispiele in Lübeck und Bonn, doch zumal in Brügge und Umgebung befinden sich die meisten Gräber, die auf diese Art mit Fresken bemalt sind. Heinrich I. hatte, wie man aus schriftlicher Überlieferung weiß, durch seinen Vater Gottfried von Cuyk Kontakt zur flandrischen Region. Jener Gottfried von Cuyk war Burggraf von Utrecht. Da zeichnen sich also – nunmehr auch künstlerisch beglaubigt – Teile eines (west)europäischen Netzwerks ab.

Arnsberg, heute Sitz einer Bezirksregierung, der Teile des Ruhrgebiets unterstehen, war auch damals anscheinend keine reine Provinz. Mit leichter Zuspitzung kann man eventuell sogar behaupten, dass Heinrich I. und sein Sohn in der reichspolitischen, wenn nicht europäischen Liga agierten. Von weit reichender, allerdings unfriedlicher Wirkung zeugt überdies die Beteiligung an den Kreuzzügen. Aber das Kapitel blättern wir jetzt nicht auf.

 




Der Mensch zwischen Tieren und Robotern: Windungsreiche Münsteraner Schau rund ums Gehirn

Geheimnisvoll und etwas gruselig: Blick in die „Galerie der Gehirne". (Foto: Bernd Berke)

Geheimnisvoll und etwas gruselig: Blick in die „Galerie der Gehirne“. (Foto: Bernd Berke)

Es gibt keinen Grund zur darwinistischen Überheblichkeit: Im Vergleich zu den Tieren hat der Mensch gar nicht so furchtbar viele exklusive Anlagen. Mit solchen Erkenntnissen lehrt die neue Münsteraner Ausstellung „Das Gehirn. Intelligenz, Bewusstsein, Gefühl“ auch etwas Bescheidenheit oder gar Demut.

Gleich am Beginn steht das größte Exponat, ein veritables Londoner Taxi aus den 1970er Jahren, in das man auch einsteigen soll. Nanu? Was hat das mit dem Gehirn zu tun? Nun, hier erfährt man, dass angehende Taxifahrer, die sich den komplizierten Londoner Stadtplan einpauken, nachhaltig von der Mühsal profitieren. Anschließend sind die Hirnbereiche, die mit Orientierung zu tun haben, deutlich ausgeprägter als vorher. Eine frohe Botschaft, übrigens auch und gerade für ältere Probanden.

Trio der Ausstellungsmacherinnen (von links): Dr. Julia Massier, Nicola Holm und LisaKlepfer) mit dem größten Exponat, inem original Londoner Taxi. (Foto: LWL/Steinweg)

Die drei Ausstellungsmacherinnen (von links): Julia Massier, Nicola Holm und Lisa Klepfer mit dem größten Exponat, einem original Londoner Taxi. (Foto: LWL/Steinweg)

Imposante Fülle der Exponate

Im LWL-Museum für Naturkunde werden 1200 Quadratmeter Ausstellungsfläche mit 770 Objekten rund ums Thema Gehirn „bespielt“. Damit ist es deutschlandweit die bei weitem größte Ausstellung zu dieser Materie. An über 60 Medienstationen können Besucher(innen) weiterführende Informationen sammeln oder ihre kognitiven Fähigkeiten erproben, sich jedenfalls zum Nachdenken und Nachfühlen anregen lassen. Zwei bis drei Stunden Zeit sollte man möglichst mitbringen, um die Fülle halbwegs auszuschöpfen. Aber gemach! Die Schau dauert beruhigende 16 Monate.

Ausgestopfte Tiere, die man gemeinhin in Naturkundemuseen erwartet, sind hier auch reichlich zu finden, doch sind sie nicht das Eigentliche, sondern dienen eher als sinnfällige Dekoration. Der themengerecht windungsreiche, ansprechend gestaltete Rundgang führt in etliche Bereiche, die man mit dem Gehirn assoziiert.

Da geht es zunächst um anatomische Voraussetzungen und Entwicklungen, sodann um natürliche und künstliche Intelligenz, Wahrnehmung, Gefühle, Ich-Bewusstsein, Schlaf und Traum, psychische Erkankungen, Drogen und schließlich um Verhaltenssteuerung (Stichwort „Gehirnwäsche“) des für allerlei Einflüsse empfänglichen, ja anfälligen Organs. Überhaupt erweist sich die Schau keineswegs als rein naturkundlicher Streifzug, sondern als Unterfangen, das weit in psychosoziale Sphären reicht.

MM7 Selector mit der groben Mechanik

Das eingangs erwähnte Taxi ist dabei nicht das einzige auffällige Exponat. Da wäre zum Beispiel KIM, ein Roboter mit 3D-Kamera und ausgeklügelter Sensorik (Kostenpunkt rund 40.000 Euro), der leise auf Rollen durch die Räume gleitet, zielsicher zu bestimmten Exponaten hinführen und sie einigermaßen eloquent erklären kann. Er wirkt in gewissen Momenten freilich noch etwas störrisch. Aber keine Angst: Er fährt einen nicht um, sondern bremst stets rechtzeitig! Das hat ein ähnliches Exemplar auch schon in der Dortmunder Arbeitswelt-Ausstellung DASA bewiesen.

KIM steht übrigens für „Künstliche Intelligenz im Museum“. Einer seiner frühen Vorläufer, der Maschinenmensch MM7 Selector, ist gleichfalls zu bestaunen. Das ziemlich ungeschlacht aussehende Monstrum wurde bereits 1961 vom Visionär Claus Christian Scholz-Nauendorff entwickelt, ist aber kein echter Roboter im heutigen Sinn. Es wollte sozusagen erst einer werden und musste sich noch mit grober Mechanik begnügen.

Früher Vorläufer heutiger Roboter: der „MM7 Selector", eine kybernetische Maschine von 1961/62. (Foto: © Technisches Museum Wien)

Früher Vorläufer heutiger Roboter: der „MM7 Selector“, eine kybernetische Maschine von 1961. (Foto: © Technisches Museum Wien)

Daran knüpfen sich Fragen nach dem heutigen Stand der Robotertechnik. Man ist drauf und dran, ihnen beizubringen, angemessen auf menschliche Mimik und somit auf Emotionen einzugehen – vielleicht zeichnet sich da eine (Neben)-Lösung im Pflegebereich ab? Gleichzeitig weckt derlei Fortschritt natürlich auch Ängste: Werden wir Menschen eines (nicht so fernen?) Tages in die hinteren Reihen rücken und von Robotern nicht nur entlastet, sondern regiert werden?

Zwei Schnittproben von Einsteins Hirn

Zurück zur Natur: Gibt es äußere Merkmale für besonders kluge Gehirne? Schon vorab wurden zwei Exponate besonders beworben, nämlich in einer Art Schrein präsentierte, haudünne Schnitte durchs Gehirn des Genies Albert Einstein, die aus einem Museum in Philadelphia (USA) eingeflogen wurden. Freilich hat keiner der vielen, vielen Hirnforscher, die solche Schnitte untersuchen durften, bisher spezielle physische Merkmale der überragenden Intelligenz Einsteins nachweisen können – wie denn überhaupt dieses Fachgebiet immer noch und immer wieder Rätsel bereithält. Auch das kann man eher beruhigend finden.

Nebenbei bemerkt: Zur Pressekonferenz lag auf jedem Stuhl u. a. ein Stück Seife in Form eines Gehirns. Die morbide kleine Morgengabe war mit einem Zettel versehen, auf dem „Gehirnwäsche“ stand. Beim Museumsträger, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), hat man offenbar schwarzen Humor.

Etwas gruselig kann einem auch in der geheimnisvoll abgedunkelten „Galerie der Gehirne“ zumute werden. Hier sind gleich 71 echte, in Gläsern konservierte Hirne verschiedener Lebewesen zu sehen, die frappierende anatomische Vielfalt reicht von Frosch und Fledermaus bis zum Elefanten. Die allermeisten Beispiele stammen aus der umfangreichen „Edinger-Tiergehirnsammlung“. Sie werden ergänzt durchs Gehirn und das filigran verzweigte Nervensystem eines Berberaffen, präpariert vom nicht ganz unumstrittenen Plastinator Gunther von Hagens.

Die Wahrnehmung eines Elefanten

An einer anderen Station kann man sich – ein wenig – hineinversetzen in die Wahrnehmung diverser Tiere, die ja ganz andere Farbspektren und Tonfrequenzen aufnehmen können. Auf einer Vibrationsplatte stehend, kann man etwa das Sensorium eines Elefanten nachempfinden, der höchst sensibel auf geringste Erderschütterungen reagiert. Grotesk wirken jene Menschen- und Tiermodelle, deren tastempfindlichste Körperstellen entsprechend optisch vergrößert wurden. Deshalb hat die scherzhaft so genannte „Homunculine“ riesige Finger. Und das Kaninchen… Aber sehen Sie selbst!

Visualisierte Tastempfindlichkeit: „Homunculine", Kaninchen und Maulwurf. (Foto: Bernd Berke)

Visualisierte Tastempfindlichkeit: „Homunculine“, Kaninchen und Maulwurf. (Foto: Bernd Berke)

Sogar ein kleines, unscheinbares Bild von Pablo Picasso ist zu sehen, daneben vom Computer programmierte „Kunst“ – und die Hervorbringung eines Schimpansen, der angeblich nach und nach sogar einen „Stil“ entwickelt haben soll. Das bodenlose Fass, was nun Kunst und wer ein Künstler sei, will das Museum mit diesem Arrangement eigentlich nicht aufmachen. Zu erwarten steht jedoch, dass die einen oder anderen Betrachter dies trotzdem tun.

Auch Tiere berauschen sich

Man kann längst nicht alles erwähnen, so vielfältig und reichhaltig ist diese Ausstellung. Schon beim zügigen Rundgang lassen sich einige erstaunliche Einsichten gewinnen. So etwa die, dass nicht nur Menschen (allerdings erst mit etwa 18 Monaten), sondern auch manche Tierarten ein rudimentäres Ich-Bewusstsein entwickeln und sich selbst von anderen Exemplaren ihrer Spezies zu unterscheiden wissen. Ihnen ist offenbar auch vor dem Spiegel klar, dass sie sich selbst sehen. Und dabei reden wir nicht nur z. B. über Affen, Delfine und Hunde, denen man das wohl zugetraut hat, sondern beispielsweise auch über Schweine.

Dass Tiere ängstlich oder aggressiv sein können, weiß man. Die Ausstellung begibt sich darüber hinaus auf die aussichtsreiche Spur der Vermutung, dass sie auch ein (etwas anders gelagertes) Gefühlsleben haben. Noch in einer weiteren Hinsicht verhalten sich Tiere wie Menschen, sie berauschen sich nämlich ganz gezielt mit allerlei „Drogen“. So bevorzugen manche Arten Rauschpilze oder Mohn, andere wiederum pfeifen sich das Sekret von Tausenfüßlern ‚rein, um es mal salopp zu sagen. Da gerät ihr Gehirn gleichsam ins Schwirren, Schwanken und Tanzen.

„Das Gehirn. Intelligenz, Bewusstsein, Gefühl.“ LWL-Museum für Naturkunde, Münster, Sentruper Straße 285 (neben dem Allwetterzoo). Vom 29. Juni 2018 bis zum 27. Oktober 2019. Geöffnet Di bis So 9-18 Uhr. Eintritt 6,50 Euro (Erwachsene), 4 Euro (Kinder), 14 Euro (Familien).

Weitere Infos: www.das-gehirn.lwl.org




Draußen! Das war’s mit der WM… (ein Trauerspiel in drei Akten)

Die Luft ist 'raus, der Ball ist nicht mehr rund. (Foto: Bernd Berke)

Die Luft ist ‚raus, der Ball ist nicht mehr richtig rund. (Foto: Bernd Berke)

Endgültiger Nachtrag und Abgesang am 27. Juni:

Aus in der Vorrunde! Sie haben es wirklich nicht besser verdient. Was war das heute für ein müdes, hilfloses Ballgeschiebe gegen Südkorea. Hat man die Blamage also doch schon beim ersten Spiel kommen sehen!

Es hat auch sein Gutes. So bleibt uns wenigstens ein Auftritt gegen Brasilien erspart, der vielleicht noch mit 1:7 ausgegangen wäre. Wer will das ausschließen? Und auch gegen die Schweiz hätten sie verloren.

Durch alle drei Vorrunden-Spiele ist es eine Quälerei gewesen, heute noch verschlimmert durch den ZDF-Kommentar von Béla Réthy.

Eine Pointe im sonstigen Einerlei: dass heute pfeilgerade ein Niederländer das Videobeweis-Team leitete und für die Vorentscheidung zum koreanischen 1:0 sorgte. Das kann man nicht besser erfinden. Hallo, Italiener und Niederländer, auch „unsere“ #Mannschaft kommt jetzt schon nach Hause. Obwohl: So war „Football’s Coming Home“ doch eigentlich nicht gemeint.

P. S.: Wie schade, dass nicht morgen die neue Bundesliga-Saison beginnt; möglichst mit einem wieder erstarkten BVB…

Nachtrag / Update am Samstag, 23. Juni:

Also gut, mit diesem Wahnsinns-Freistoß von Toni Kroos zum 2:1 gegen Schweden hatten wir alle nicht mehr gerechnet. Trotzdem war’s insgesamt kein Ruhmesblatt. Eigentlich hätte ich das Folgende schreiben wollen und möchte auch jetzt nicht weit davon abrücken:

Ursprünglicher Beitrag vom 22. Juni, nach dem Mexiko- und einen Tag vor dem Schweden-Spiel:

Titel: „Was ich geschrieben haben würde, falls das deutsche Team die Fußball-WM schon vergeigt hätte“

Aus, aus! Das Spiel ist aus! Auch gegen Schweden hat es nicht gereicht. Sie (DFB und Boulevard-Medien) haben uns all die Jahre mit einem ganz anderen – Achtung, Modewort! – Narrativ hinters Licht geführt: Deutschland sei eine „Turniermannschaft“, hieß es immer, die sich im Laufe einer EM oder WM kontinuierlich steigere und mindestens das Halbfinale erreiche. Ein Ausscheiden in der Vorrunde? Undenkbar. Und jetzt? Sind sie draußen.

In Umfragen vor der Weltmeisterschaft war alles wie üblich: Rund 70 bis 80 Prozent der Leute waren hierzulande überzeugt, dass „die Mannschaft“, „der Weltmeister“, den Titel verteidigen und den fünften Stern holen werde. Was haben wir uns da vorgaukeln lassen?

Die Talfahrt der Adidas-Aktie

Zwar gab’s nicht mehr so viel Public Viewing wie ehedem (ein Warnzeichen?), doch wurde noch das eine oder andere schwarzrotgoldene Fähnchen samt Trikot verhökert. Aber schon nach der peinlichen Auftaktpleite gegen Mexiko fuhr die Aktie von Adidas in den Keller. Die Investoren, diese Sensibelchen, erwarteten keine sonderlichen Geschäfte mehr mit den heimischen Fans. Recht hatten sie.

Bisher ist es ja ohnehin eine ziemlich blöde WM bei Herrn Putin! Von bislang 26 Spielen (Stand 22.6.2018, 22 Uhr) endeten zehn mit dem Langweiler-Ergebnis 1:0. Vieles wurde durch Eigentore und/oder Elfmeter entschieden. Da darf man schon mal herzhaft gähnen. Auch beim allfälligen Warten auf den Videobeweis.

Seit Jahren überschätzte Spieler

Please, let me introduce myself, darf ich mich vorstellen: Ich bin einer von ca. 50 Millionen Bundestrainern. Als solcher hätte ich Özil nicht aufgestellt, ja, nicht einmal nach Russland mitgenommen, und zwar schon aus sportlichen Gründen. Ihn und erst recht Khedira halte ich seit Jahren für überschätzt. Echt jetzt. Doch Löw steht in Nibelungentreue zu ihnen. Und die Sache mit Özil und Gündogan? Sehr prekär. Ganz und gar nicht, weil sie türkische Wurzeln haben oder die deutsche Hymne nicht mitsingen, sondern weil sie sich als nützliche Idioten eines üblen Diktators haben einspannen lassen.

Zurück zum Sportlichen: Timo Werner als Sturmspitze kann Vorläufern wie Rudi Völler oder Miro Klose, geschweige denn Uwe Seeler und Gerd Müller (noch längst) nicht das Wasser reichen. Charakterlich gefällt mir dieser Bursche gar nicht, aber: Der aggressive Sandro Wagner wäre vielleicht sogar die bessere Lösung gewesen, hätte aber vielleicht das Klima vergiftet. Mag sein, dass „Jogi“ außerdem Sané hätte mitnehmen sollen, Reus von Beginn an hätte bringen müssen und was dergleichen Ratschläge mehr sind. Ist jetzt auch egal. Schietegal.

Die dümmliche Ausrede mit Kroos

Ein schlechter Witz war Löws Ausrede nach dem Mexiko-Spiel. Die Mexikaner hätten Toni Kroos in Manndeckung genommen und dadurch verhindert, dass das deutsche Spiel in Gang kam. Ja, sakra! Dann hätten eben andere das Heft in die Hand nehmen müssen. Reicht es denn, einen einzigen Spieler auszuschalten, damit der „Weltmeister von 2014″ (Ich mag die bodenlose Retro-Lobhudelei nicht mehr hören) quasi nicht mehr stattfindet?

Jetzt ist das Kind im Brunnen. Um es pathetisch zu sagen: Die Fußballnation Deutschland nimmt Schaden. Auch die Bundesliga nimmt Schaden. Im „Land des Weltmeisters“ haben noch einige Legionäre von Format spielen wollen. Damit ist’s jetzt Essig. Jetzt werden sie endgültig alle nach England oder Spanien ziehen wollen.

Auf Jahre hinaus schlagbar

Wie sagte die Nicht-mehr-Lichtgestalt Franz Beckenbauer um 1990? „Wir“ seien auf Jahre hinaus unschlagbar. Jetzt sind „wir“ eben auf Jahre hinaus schlagbar. Ebenso wie Messis Argentinien, unser Endspielpartner von 2014, der gleichfalls schon ausgeschieden ist. Vergessi Messi! Und Brasilien hatte auch nur Dusel. Apropos unschlagbar: Wäre theoretisch ein Finale Serbien – Kroatien denkbar? Ich weiß es nicht. Aber dann wären „die Jugos“ ja auf Jahre hinaus unschlagbar gewesen… Öhm. Gerade scheint Serbien gegen die Schweiz zu verlieren.

Und zu wem sollen wir fortan halten? Kroatien? Belgien? Schweiz? Brasilien? Immer noch zu Island? Sucht Euch was aus. Oder wendet euch halt ab.

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P.S.: Das „Schicksalsspiel“ Deutschland – Schweden hat tatsächlich erst am Samstag, 23. Juni (20 Uhr mitteleuropäischer Zeit) begonnen. Na und?

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P.S.: Putzig übrigens, wie bereitwillig aus der Ferne angereiste Zuschauer in den russischen Stadien (wer so viel Zeit und Geld hat, gehört eben zum globalen Establishment) die billigsten nationalen Klischees erfüllen. Der Ägypter sitzt als Pseudo-„Pharao“ auf der Tribüne, der Mexikaner mit Sombrero – und so weiter.

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