Entlustet und mohrifiziert – Wortverhunzung und Schlimmeres im Dunstkreis des Vereins Deutsche Sprache

Katzen, die sich anschicken, über Tastaturen zu laufen, sind hoffentlich gegen die Versuchungen des Denglischen gefeit… (Foto: Bernd Berke)

Mit dem „Verein Deutsche Sprache“ (VDS), 1997 aus der Taufe gehoben vom Dortmunder Statistik-Professor Walter Krämer, hat es von jeher seine erzkonservative Bewandtnis. Bereits zu Gründerzeiten war es zu ahnen. Ich hatte schon damals das zweifelhafte Vergnügen, dies und jenes über den zwiespältigen Zusammenschluss zu schreiben, der heute nach eigenen Angaben rund 36000 Mitglieder hat.

Manchmal, ob nun punktuell oder partiell, scheint das eh schon schillernde Gebilde auch in Richtung rechtslastiger Umtriebe zu kippen, neuerdings wohl auch begünstigt durch die gesellschaftliche Großwetterlage. So wurde jetzt offenbar, dass VDS-Vorstandsmitglied Silke Schröder – neben einigen AfD-Angehörigen und Neonazis – an jenem unsäglichen Treffen nahe Potsdam teilgenommen hat, bei dem über die massenhafte Vertreibung von Bürgern nichtdeutscher Abstammung schwadroniert wurde. Selbst die etwaige deutsche Staatsbürgerschaft sollte nicht vor insgesamt millionenfacher Ausweisung schützen. Auch Menschen, die sich für Flüchtlinge und deren Belange einsetzen, sollten demnach gleich mit verschwinden – am besten in ein eigens geräumtes nordafrikanisches Gebiet. Wahnsinn.

Umgehend distanzierte sich der Sprach-Verein, der die Teilnahme Schröders nicht autorisiert und schon gar nicht angestoßen haben wollte. Auch kündigte sogleich der prominente Philosoph Peter Sloterdijk seine Mitgliedschaft auf. Viele dürften erst auf diese Weise erfahren haben, dass er dem Verein überhaupt angehört hat. Überdies haben einige weitere Mitglieder den Vereinsausschluss Silke Schröders und eine deutlich klarstellende Positionierung des VDS gefordert. Unter anderem haben sich Dieter Hallervorden und Ehrenmitglied Bastian Sick („Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“) in diesem redlichen Sinne geäußert. Just heute (15. Januar) ist Frau Schröder aus dem Verein ausgetreten. Nach wie vor ist es übrigens aufschlussreich, auf der VDS-Homepage (deutschtümelnder Vereinsjargon: „Heimseite“) die Rubrik „Bekannte Mitglieder“ aufzurufen.

Wenn man schon mal auf der „Heimseite“ ist…

Wenn man sich schon mal auf der Seite herumtreibt, kann man gleich schauen, wie es um die Anglizismen-Bekämpfung des nunmehr in Kamen bei Dortmund angesiedelten Vereins bestellt ist. Man kann hier ein mit derzeit 430 Seiten recht umfangreiches, aber keinesfalls vollständiges Wörterbuch durchblättern, mit dem etliche englische Begriffe aufgeführt und mehr oder weniger triftig erklärt werden. So weit die lexikalischen Anstrengungen, die freilich weit hinter jedem seriösen Wörterbuch zurückbleiben.

Keine Frage, dass es etwas für sich hat, eine allzu bereitwillige Preisgabe deutscher Ausdrucksformen zu kritisieren. Manchmal mutet der demonstrative oder auch nur gedankenlose Hang zum Englischen wirklich stark übertrieben an. Doch wie es so zu gehen pflegt, wenn man sich ein Feindbild erkoren hat: Hie und da finden sich in den VDS-Listen Vorschläge zur Eindeutschung, die unfreiwillige Komik in sich bergen oder gar vor sich hertragen. Es folgen ein paar Beispiele. Wir wünschen viel Vergnügen, falls es einem noch nicht im Halse steckt:

abgefuckt = entlustet
abhotten = sich (tanzend oder zappelnd) enthitzen
Actionthriller = Geschehnisreißer
blackfacing = mohrifizieren
Deostick = Gegenduftstift
Deutschied = deutscher Abschied (für einen etwaigen Austritt aus der EU – statt Dexit)
Disco = Zappelschuppen
eros center = Körperlustladen
Erdnuss-Flips = Erdnuss-Röstwürmer

Haarspray = Haarhaltgeber
Hacker = Programmparolenknacker
Handy = Telefönchen
iPad = Brettrechner

„Unerwachtes Sprachbewusstsein“

Insbesondere die technischen Begriffe aus dem Computerbereich dürften kaum noch ins Deutsche rückholbar sein. Während sich das Wortverzeichnis über weite Strecken einigermaßen neutral gibt, schleichen sich doch an manchen Stellen explizite Wertungen ein. Auf Seite 220 heißt es, eine an sich harmlose anglophone Wortverwendung („Kidney-Bohnen“) sei „ein Exempel unerwachten Sprachbewusstseins“. Nein, da steht (noch) nicht „Sprachbewusstsein, erwache!“ Bonus-Beispiel: Das englische Wort hookup verweist nach VDS-Lesart auf – so wörtlich mit Rufzeichen – „Triebauslebe-Unkultur (!)“. Schwingt da nicht einiges von der „Zuchtlosigkeit“ aus unguten Zeiten mit?

Apropos Triebe: Derbere sexuelle Konnotationen meidet man beim VDS tunlichst – oder man bemerkt sie erst gar nicht. So wird das englische „cock“ lediglich mit „Hahn“ übertragen, während „fisten“ nur der Faustabwehr des Fußballtorwarts zugeordnet wird. Ergänzende Erläuterung wohl überflüssig.

Die allermeisten „Anglizismen“ sind – streng genommen – eigentlich gar keine. Anglizismen im engeren Sinn sind englische Fügungen, die sich dem Deutschen aufprägen, wie etwa in der Formel „Es macht Sinn“ (von „It makes sense“) statt „Es ergibt Sinn“ oder neuerdings in „Da hast du einen Punkt“. In den allermeisten Fällen geht es allerdings schlichtweg um so genanntes „Denglisch“. Überdies handelt es sich bei vielen Übernahmen und Anverwandlungen aus dem Englischen unterschwellig um lateinisches oder griechisches Wortgut, das in manchen Kreisen immer noch eher mit höherer Bildung assoziiert wird. Jaja, es ist kompliziert – und selten so simpel, wie vom VDS verbreitet.




Die Sprachschützer sehen Dämme brechen – Hagen: Erste Regionalgruppe des Bundesverbandes formiert

Von Bernd Berke

Hagen. Sie waren bundesweit am schnellsten: Von allen Sektionen des „Vereins Deutsche Sprache e. V.“, der sich vornehmlich gegen ein Übermaß englischer Begriffe wendet, hat sich die Regionalgruppe im Postleitbezirk 58 als erste satzungsgemäß formiert. Sie nennt sich „Verein Deutsche Sprache – Grafschaft Mark“.

Der Name klingt konservativ, und auch die Forderungen, die zur Vereinsgründung im Hagener Lokal „Zum Bauernhaus“ („gutbürgerliche Küche“) erhoben wurden, hatten eher mit ängstlichem Bewahren zu tun. Eigentlich kein Wunder: Das Durchschnittsalter der Erschienenen lag bei 60 Jahren. Jedenfalls war unentwegt von der „Flut“ angloamerikanischer Wörter; die ins Deutsche eindringen, die betrübte Rede.

Vereinzelt vernahm man auch schon mal solche Töne: Warum nur solle man nicht stolz auf die deutsche Sprache sein? Das dürfe man ja heute nicht mehr laut sagen, bedauerte einer. Nun ja, wenigstens Patriot wolle er sein dürfen. So wie die Franzosen, die ihre Sprache ganz anders verteidigten als wir, die den Kindern das Englische bald schon im ersten Schuljahr beibringen würden. Dann, so das Lamento, wäre einer der letzten Abwehr-Dämme gegen fremdes Wortgut gebrochen.

Insgesamt hat der vom Dortmunder Professor Walter Kramer geleitete Verein fast 11000 Mitglieder. Zwischen Witten, Schwelm, Schwerte, Iserlohn und Lüdenscheid (besagter „58er“-Bereich) sind es etwa 150, davon kam rund ein Drittel zum allerersten Treff.

Lehrer ansprechen und die Medien beobachten

In Hagen konnte man alle Geburtswehen einer treudeutschen Vereinsgründung erleben: Wie wird abgestimmt, was gehört auf die Tagesordnung, ist der Vorsitzende automatisch Delegierter bei künftigen Bundesversammlungen? So sehr verhedderte man sich in derlei Fragen, dass sämtliche Sprachprobleme vorübergehend in den Schatten traten.

Rasch ging’s hingegen mit der Wahl des regionalen Vorsitzenden: Dr. Wilhelm Werth (74) aus Wetter hatte sich geradezu aufgedrängt; nicht zuletzt, weil der rüstige Herr offenbar tatendurstig ist. Vor Wochenfrist hatte er in seiner Heimatstadt Veranstaltungsplakate eines Seefestes („Fun-Sport“, „Livebands“, „Bungee-Jumping“) mit der Formel „Wir sprechen auch Deutsch!“ überklebt, was ihm prompt Rechtshändel mit den Veranstaltern einbrachte. Auch die Post missfällt Werth ganz besonders: „Die mit ihrem Englisch: ,Call-City‘ und wie der Quatsch alle heißt…“

Nun wollen er und seine Getreuen es dem Dortmunder Bundesvorstand, „der manchmal etwas lahm ist“ (Werth), so richtig zeigen: Infostände für allerlei Gelegenheiten müssen her. Lokalpolitiker, Lehrer und Germanisten müssen im Sinne der Vereinsziele angesprochen werden. Und sogleich ernannte man für jede Stadt Beauftragte, die die lokalen Medien eingehend „beobachten“ sollen. Wehe also, wenn ein Kollege etwa beim Kinderfest am Wochenende „coole Kids“ sichten oder auf dem Sportplatz „Highlights“ erblicken sollte. Dann könnte es Leserbriefe hageln, oder man steht bei den Redakteuren gleich „auf der Matte“

Der Vize-Vorsitzende Alfred Bielefeld (Witten) brachte das Thema Internet zur Sprache: Man müsse die eigene „Homepage“ zur Überzeugungsarbeit nutzen. Wie bitte? Bielefeld, ein wenig verlegen: „Oh, dafür fällt mir auch kein passender deutscher Begriff ein“.