Die WAZ schenkt kräftig ein: Gin und mehr mit Bergbau-Anmutung

Ein Ginflaschen-Verschluss anderer Provenienz – nicht bei WAZens zu erwerben. (Symbolfoto: Bernd Berke)

Wahrscheinlich haben die Trendsetter schon wieder eine andere Flüssigkeit ausgerufen, doch dem durchschnittlichen Genießer gilt wohl immer noch der Gin als d a s hochprozentige Getränk dieser Jahre. „Gib deinem Leben einen Gin!“ appelliert neuerdings eine Werbetafel im Supermarkt, wo dem Feuerwässerchen eine auffällige Extra-Präsentation zuteil wird.

Nicht nur in good old England, wo Gin immer schon besonders geschätzt wurde, weiß man, dass sogar die Queen sich in schöner Regelmäßigkeit ein paar Schlückchen gönnt. Nun ist der vermeintliche Hype auch im Marketing der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) angekommen. Frei nach Schiller: „Spät kommt er, doch er kommt…“ Diese leichten Verspätungen haben ja auch etwas sympathisch Schrulliges. Eile mit Weile – dem Zeitgeist gemächlich hinterdrein.

Mythos vom Kumpel in Ewigkeit

Doch was hat die WAZ mit dem Gin zu schaffen? Nun, ausweislich einer Eigenanzeige auf der heutigen Titelseite bietet das Blatt in seinem Shop „Mineur Gin“ an. Oh, là là! Französisch. Das klingt doch beim ersten Hinhören recht kultiviert und distinktiv. Mineur heißt Bergmann, kann jedoch auch „zweitrangig“ oder „minderjährig“ bedeuten, aber diese beiden Varianten kommen hier eher weniger infrage.

Zurück zum Mineur als Bergmann. Die WAZ wird gewiss bis in alle Ewigkeit den Mythos vom Kumpel pflegen, die Zechen gehören ja gleichsam zur DNA des Blattes. Und so prangen auf dem Flaschenetikett denn auch zwei Bergleute mit Helm und Hacke. Der Wahl- und Werbespruch dazu lautet „So ehrlich wie die Menschen im Ruhrgebiet“. Na gut, das ist ein bisschen dem Motto der Dortmunder Bergmann-Brauerei nachempfunden, deren Bier mit „Harte Arbeit, ehrlicher Lohn“ angepriesen wird. Sei’s drum.

Heimaterde, Kohlenjunge, Püttmann

Klickt man sich durch den WAZ-Shop, so findet man weitere – allesamt etwas krampfhafte – Ruhri-Anmutungen wie den „Gin Heimaterde“, den „Püttmann“ (Lakritzlikör mit demselben Kumpel-Bild wie beim „Mineur“), einen Kräuterlikör namens „Kohlenjunge“ und den „Mond von Wanne-Eickel“, eine im Profil halbmondförmige Buddel mit Apfel-/Birnen-Likör. Wohl bekomm’s.

Um ehrlich und beinahe sachlich nüchtern zu bleiben: Der „Mineur Gin“ hat 44,7% Vol. oder über 44 „Umdrehungen“, wie unverbesserliche Humoristen zu juxen pflegen. Hoffentlich stoßen nicht die Hacker damit an, die die Computersysteme der Funke-Gruppe (und somit auch der WAZ) bundesweit attackiert und für Wochen lahmgelegt haben. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, über die wir nicht scherzen sollten. Sagen wir’s halt mit Wilhelm Busch: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör.“




Mit Zuversicht durch schwierige Zeiten: Neue Leitung fürs Dortmunder Szene-Theater „Fletch Bizzel“

Neues Leitungsduo des Theaters „Fletch Bizzel“ in Dortmund: Cindy Jänicke und Till Beckmann. (Foto: Marcel Richard)

Mutig, mutig! Wer in diesen Tagen und Wochen ein Theater übernimmt, muss schon einige Zuversicht aufbringen. Die blanke Nachricht: Die Geschicke der Dortmunder Szene-Bühne „Fletch Bizzel“, seit rund 40 Jahren von Horst Hanke-Lindemann betrieben, gehen in jüngere Hände über. Cindy Jänicke und Till Beckmann werden das Haus offiziell ab 1. Februar leiten, das angestammte Team bleibt zum Teil dabei. Und was soll sich inhaltlich ändern?

Nun, die beiden „Neuen“, die schon reichlich Bühnenerfahrungen mitbringen, können auf einem soliden Fundament aufbauen. Die Ära Hanke-Lindemann ist eine dauerhafte Erfolgsgeschichte, der scheidende Spiritus Rector hat u. a. auch populäre Formate wie den Alternativ-Karneval „Geierabend“ oder das Kabarett/Comedy-Festival „Ruhrhochdeutsch“ entwickelt. Das 1979 gegründete „Fletch“, wie es häufig abgekürzt wird, genießt weit über Dortmund hinaus einen guten Ruf.

Auf solchen Lorbeeren wollen sich Cindy Jänicke und Till Beckmann jedoch nicht ausruhen. Bei einer Online-Pressekonferenz sprühten sie heute geradezu vor Ideenfülle. Die Präsentation geriet vielfach zum Namedropping aus der freien Szene. Wer da alles nach Dortmund kommen soll! Aus vielen Ecken und Enden der Republik (und darüber hinaus) sollen offenbar immer wieder andere, meist junge Leute ans Haus geholt werden, um neue Impulse zu setzen. Durch wechselvolle Berufs-Biographien (siehe Stichworte im Anhang) ist das neue Leitungsduo bestens vernetzt. Das dürfte sich auszahlen.

Hochkarätige „Spielkinder“

Mit den bisherigen Stücken wird „Tabula rasa“ (Till Beckmann) gemacht, sie verschwinden aus den Programmen. Till Beckmann stammt aus einer ausgesprochenen Schauspiel-Familie, die daraus hervorgegangene Truppe „Die Spielkinder“ bringt er mit ans „Fletch Bizzel“. Das lässt einiges erwarten: Zu dieser familiär zentrierten Gruppe gehören nämlich u. a. die in der deutschsprachigen Theaterwelt hochrenommierten Schwestern Maja Beckmann und Lina Beckmann sowie die Brüder Nils und just Till – mitsamt weiteren „Spielkindern“.

Pläne und Projekte betreffen u. a. Texte des Schriftstellers Ralf Rothmann („Milch und Kohle“ etc.) oder eine Art Talk-Reihe unter dem Motto „Strictly local“, die aktuelle Dortmunder und Ruhrgebiets-Themen schnell aufgreifen soll. Gemeinsam mit der journalistischen Recherche-Instanz „Correctiv“ will man ein neuartiges Format entwickeln, bei dem möglichst investigativ aufgeschlüsselte Themen zur Bühnenreife gelangen – vielleicht ein Wegweiser für bislang ungeahnte journalistische Ansätze?

Vielversprechend klingt auch ein Projekt über den windigen Revier-Unternehmer und Benzin-Tycoon Erhard Goldbach (Marke „Goldin“), der vor allem in den 1950er und 60er Jahren Furore machte. Daraus könnte ein handfester Wirtschafts-Krimi mit viel Regionalkolorit werden.

Schnell auf Entwicklungen reagieren

Hinzu kommen beispielsweise digital eingeleitete „Video Walks“ durch die Gefilde der Stadt sowie zahlreiche Workshops und Produktionen in den Bereichen Tanz und Musik. Auch die bildende Kunst wird nicht ausgespart, schließlich gibt es ja eine eigene kleine Galerie. Kurzum: Eigentlich haben die Neuen dermaßen viel vor, dass man schon beinahe fragen müsste, was sie denn n i c h t machen wollen…

Till Beckmann freut sich, dass das „Fletch Bizzel“ gleichsam ein „kleines wendiges Boot“ im Kulturbetrieb sei und rasch auf Entwicklungen reagieren könne. In diesen Zeiten äußerst ratsam: Stets werde man zusätzlich „einen Plan B und einen Plan C haben“. Nur ein Beispiel: „Wenn das Wetter es zulässt, werden wir auch draußen spielen.“

Geradezu Ehrensache, dass auch neues Publikum ins Haus geholt werden soll, nämlich möglichst junge Leute und gerne Migrantinnen und Migranten. Überhaupt hat sich die neue Leitung zum Ziel gesetzt, personell und programmatisch „divers“ (also vielfältig) zu agieren – eine ähnliche Leitlinie übrigens, wie sie die junge Intendantin des städtischen Schauspiels, Julia Wissert, für ihren Wirkungsbereich vorgezeichnet hat. Till Beckmann spricht denn auch mit größtem Respekt von Frau Wissert. Sie sage so kluge Dinge, dass er am liebsten ständig mitschreiben wolle. Er mag’s halt enthusiastisch.

Horst Hanke-Lindemann ergänzt aus langjähriger Erfahrung: Früher habe es noch große Unterschiede zwischen Stadttheater und freier Szene gegeben, inzwischen wachse da manches zusammen und mische sich.

Gründlicher Umbau des Hauses

Hanke-Lindemann, der beim „Geierabend“ und bei „Ruhrhochdeutsch“ noch aktiv bleiben will, wird auch weiterhin dem Trägerverein des „Fletch Bizzel“ angehören, aber keinesfalls in künftige Programm-Planungen eingreifen. „Man muss loslassen können.“ Die neue Leitung solle in Ruhe arbeiten und Dinge entwickeln.

Auch baulich tut sich unterdessen beim „Fletch“ im Dortmunder Klinikviertel (Humboldtstraße 45) eine ganze Menge. Dank verschiedener Fördermittel und in enger Absprache mit dem Vermieter entstanden und enstehen beispielsweise neue Büros, eine neue Sound-Anlage und vor allem eine avancierte Luftfilterung, die zumal mit Aerosolen klarkommen soll. Die Theaterleute rechnen vorsichtshalber damit, dass Corona uns alle noch auf Jahre hinaus beschäftigen könnte – zumindest als Thema.  Für alle nötigen Umbauten, so Hanke-Lindemann, werde man indes auch Sponsoren brauchen. „Mit 100.000 Euro kommen wir da insgesamt nicht aus.“

Und wann geht’s wieder los mit dem Spielbetrieb? Am liebsten Mitte April mit der ersten Premiere. Doch das weiß noch niemand so genau. Sagen wir’s mal mit dem alten Spruch: „Demnächst in diesem Theater…“

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Stichworte zur beruflichen Vita des neuen Leitungsduos

Till Beckmann: Geboren 1985 in Recklinghausen, aufgewachsen in Wanne-Eickel (Herne) und Dortmund. Ab 2006 „theaterkohlenpott“ in Herne. Literaturstudium an der Ruhr-Uni Bochum. Gastspiele u. a. bei der Ruhrtriennale, den Ruhrfestspielen, den Duisburger Akzenten und am Schauspiel Essen. Drehbuchautor für Adolf Winkelmanns Kinofilm „Junges Licht“. Regisseur beim „Geierabend“. Außerdem „Pangalaktisches Theater“ (Figuren- und Maskenspiel).

Cindy Jänicke: Dramaturgin, Theaterpädagogin und Kulturmanagerin, u.a. mit Stationen an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, Schauspielhaus Wuppertal, Zürich und Stuttgart. Unter Dieter Dorn Gründung und Leitung des Jungen Schauspiels in München. Produzentin internationaler Projekte im Tanztheater. Weitere Theater-Tätigkeiten in Harare (Simbabwe), Kampala (Uganda) und Tansania. Kommt jetzt mit ihrer Familie aus Flensburg nach Dortmund.




Die visionären Erwartungs-Räume des Giorgio de Chirico – ein virtueller Besuch in der Hamburger Kunsthalle

Giorgio de Chirico: „Der Lohn des Wahrsagers“ (1913), Öl auf Leinwand. (Philadelphia Museum of Art, Louise and Walter Arensberg Collection, 1950 / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Artist Rights Society (ARS), New York, SIAE, Rome – Foto: © Philadelphia Museum of Art)

Um mal positiv zu denken: Immerhin haben sich im Zuge der Corona-Pandemie die längst noch nicht ausgeschöpften Möglichkeiten des Digitalen auch hierzulande deutlich erweitert, besonders im Schulwesen und im Kulturbereich. Wäre ich gestern aus Dortmund zur Hamburger Kunsthalle angereist? Wohl kaum. Unter den obwaltenden Umständen: erst recht nicht. Wie gut also, dass es einen virtuellen Rundgang durch die neueste Ausstellung des Hauses geben konnte. Besser noch: Die Hanseaten haben eine famose Schau über die „metaphysischen“ Jahre des Giorgio de Chirico (1888-1978) zustande gebracht. Erfreut merkt man es selbst aus der Distanz – und bekommt Bilderdurst aufs analoge Erlebnis!

Gleich 35 Meisterwerke des Italieners, der auch 17 Jugendjahre in Griechenland und rund drei Jahre in Deutschland (München) verbracht hat, sind in der Hamburger Kunsthalle zu sehen. In dieser Dichte werden sie wohl nie wieder zusammenkommen, zumindest nicht in unseren Breiten. Und auch nicht zu einem solch vielsagenden Zeitpunkt. Denn woran könnten die leeren Plätze mit den fluchtenden Architekturen und den überlangen Schatten denn wohl erinnern, die De Chirico so unvergleichlich imaginiert hat? Unweigerlich müssen wir Heutigen an leere Straßen und Plätze beim Lockdown denken. Nein, man muss und soll nicht alles auf die Pandemie beziehen. Doch hier liegen solche Gedanken und Gefühle wirklich nahe.

Beeinflusst von Nietzsche und Schopenhauer, Böcklin und Klinger

Die spürbar von Giorgio de Chiricos Schaffen begeisterte, ja geradewegs beseelte Kuratorin Annabelle Görgen-Lammers skizzierte zur live gestreamten Eröffnung geistesgeschichtliche Hintergründe. De Chirico sei durch die Lektüre von Nietzsche und Schopenhauer beeinflusst worden, malerisch hätten u. a. spätromantische bzw. symbolistische deutsche Künstler wie Arnold Böcklin und Max Klinger Pate gestanden. Da es zum Wort „Stimmung“ keine italienische Entsprechung gibt, habe de Chirico dafür übrigens stets den deutschen Begriff verwendet. Im Bann solcher Einflüsse habe er eines Tages die Plätze von Florenz und hernach anderer Städte wie Turin wie zum allerersten Male gesehen. Es müsse wie eine Offenbarung oder Erscheinung gewesen sein. Oder soll man gar von Erweckung sprechen?

Nun entstanden jedenfalls ungemein einprägsame Bilder wie „Der Lohn des Wahrsagers“ (1913), das eine weitgehend leere Piazza mit scheinbar einladendem Torbogen, jedoch auch abweisendem Mauerwerk-Riegel zeigt. Miteinander konfrontiert werden eine antike Skulptur der Ariadne (die auf den Rauschgott Dionysos wartet) und eine seinerzeit moderne Eisenbahn – eine absurd „surrealistische“ Kombination avant la lettre, visionär vorausdeutend auf die spätere Kunstrichtung. Kuratorin Görgen-Lammers spricht von einem übernatürlichen „Raum der Erwartung“, der sich hier öffne und ausbreite, von einer ungeheuren, gleichsam ewigen Stille. Kann man so sagen, wenn man es nicht malt. Kunsthallen-Chef Prof. Alexander Klar sekundiert mit „Alpträumen in der Mitte der Gesellschaft“, die de Chirico traumwandlerisch evoziert habe. Auch ein verbaler Ansatz.

Giorgio de Chirico: „Das Gehirn des Kindes“ (Der Wiedergänger), 1914, Öl auf Leinwand (Moderna Museet, Stockholm, erworben 1964 – „The Museum of Wishes“ / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Foto © Moderna Museet, Stockholm)

Das Bild, das André Breton unbedingt besitzen wollte

Allem realistischen Duktus zum Trotz: Leicht zu deuten sind die Schöpfungen de Chiricos keineswegs. Ein geradezu ikonisches Bild wie „Das Gehirn des Kindes“ (1914) zeigt weder ein Kind noch ein Hirn. Ein unbekleideter Mann in Halbansicht scheint ganz in sich selbst versunken zu sein. Vor ihm liegt ein gelbes Buch, das auf des Künstlers Nietzsche-Lektüre hindeuten dürfte. Er hat nämlich den „Zarathustra“ in der französischen Ausgabe gelesen, die damals just so ausgesehen hat. Ohne Hintergrund-Recherche kann man das schwerlich wissen. Dieses Bild, Ausdruck inniger Suche nach einer Vereinigung von Leiblichkeit und Geistigkeit, ist dem nachmaligen Surrealisten-„Papst“ André Breton so schlagartig aufgefallen, dass er es gekauft und vielen Freunden wie Max Ernst gezeigt hat. Es kann somit als eine Art verfrühtes Gründungswerk des Surrealismus gelten.

Die beiden bislang erwähnten Bilder sind aus Philadelphia und Stockholm ausgeliehen, das ganze Projekt ist eine Kooperation mit den Pariser Musées d’Orsay et de l’Orangerie. Erstaunlich, wie die weltumspannenden Museums-Netzwerke (und die Kontakte zu Privatsammlungen) sich trotz Pandemie als haltbar erwiesen haben. Weiterer glücklicher Umstand: Die Hamburger Kunsthalle gilt weltweit als führend, wenn es um gewisse Ausprägungen des 19. Jahrhunderts geht. Hier kann man auf Bestände der eigenen Sammlung zurückgreifen, welche zu de Chirico passen. Der kam nämlich – wie gesagt – auf deutsche Vorbilder wie Arnold Böcklin („Die Toteninsel“) und Max Klinger zurück, so etwa auf Böcklins „Odysseus am Strande des Meeres“ (1869), das in Hamburg als Eigenbesitz präsentiert werden kann und sich beispielsweise zum Vergleich mit de Chiricos Frühwerk „Sterbender Zentaur“ (1909) anbietet.

Giorgio de Chirico: „Sterbender Zentaur“, 1909, Öl auf Leinwand (Kunstsammlung Assicurazioni Generali / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Foto © Photo Courtesy, Assicurazioni Generali)

Militärdienst und Spanische Grippe

Selbstverständlich darf man den historischen Kontext nicht ausblenden. Wesentliche Werke aus de Chiricos „metaphysischen Jahren“ sind zur umstürzenden Krisenzeit des Ersten Weltkriegs entstanden. Die allgemeine Erschütterung überkommener Weltbilder spiegelt sich in den Kunstwerken jener Epoche, wenn sie nicht gar in ihnen vorausgesehen wird. De Chirico wurde 1916 zum italienischen Militärdienst eingezogen, den er allerdings nicht an der Front, sondern in einer Schreibstube in Ferrara absolvieren konnte. Aber natürlich gingen die Schrecken der Zeit auch dort nicht spurlos vorüber. Und wenn wir schon von Pandemie reden: De Chirico erkrankte an der Spanischen Grippe, die damals Millionen von Menschenleben forderte. Der Künstler überstand die Infektion jedoch.

Die Hamburger Kunsthalle konzentriert sich auf de Chiricos metaphysische Phase, ungefähr von 1909 bis 1919. Kritik und Kunstmarkt haben ihm später die Abkehr von diesen „übernatürlichen“ Darstellungsweisen nicht verziehen. Die Bevorzugung seiner Pittura metafisica blieb natürlich auch Giorgio de Chirico nicht verborgen. Der Künstler, der ohnehin manches Detail in seiner Vita zu verändern beliebte (heute würde man vielleicht „faken“ dazu sagen), malte deshalb auch nach 1920 gelegentlich noch im vorherigen Stile, wenn er Geld brauchte. Dieselbe Marktmechanik rief freilich auch schon mal Nachahmer auf den Plan.

Giorgio de Chirico: „Der beängstigende Vormittag“, 1912, Öl auf Leinwand (Mart, Museo di arte moderna e contemporanea di Trento e Rovereto / Collezione VAF-Stiftung / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Foto © Mart, Archivico fotografico e Mediateca)

Seitenblicke auf den komponierenden Bruder Alberto Savinio

Die Hamburger Ausstellung greift am Rande auch noch einen speziellen Aspekt auf, indem sie sich de Chiricos musikalisch hochbegabtem Bruder Andrea zuwendet, der vorwiegend als Komponist, aber auch als Autor und Maler tätig war. 1905 studierte er in München bei Max Reger, Giorgio de Chirico fungierte damals (nebenher) quasi als Dolmetscher. Andrea de Chirico nannte sich ab 1914 Alberto Savinio. Eine kurze Kostprobe aus seinem  musikalischen Schaffen erklang zur virtuellen Eröffnung der Schau, die damit fast schon zum Gesamtkunstwerk tendierte – eine Gattungsmischung, wie sie auch Savinio als Ideal vorgeschwebt hat. Ein von Giorgio de Chirico gemaltes Porträtbild des Bruders gehört gleichfalls zur Ausstellung, die ihrerseits nach dem Vorbild einer Piazza aufgebaut ist.

Insgesamt umfasst die Schau rund 80 Kunstwerke. Neben Bildern von de Chirico, Böcklin und Klinger zählen u. a. Werke von Pablo Picasso, Carlo Carrà, Giorgio Morandi und Alexander Archipenko dazu, so dass Giorgio de Chirico nicht als isoliertes Phänomen erscheint, sondern eingebunden in den Zusammenhang der Epoche(n).

Und die virtuelle Eröffnung? Nun ja, es fehlte eigentlich nichts. Diverse Grußworte wurden ebenso per Video übermittelt wie der eigentliche Rundgang. Obwohl die Kameraführung nicht immer ganz glücklich war, weckte der erste Überblick doch großen Appetit, gerade weil man nicht nach Belieben vor einzelnen Bildern verweilen konnte. In der Randspalte lief ein Live-Chat, an dem man ablesen konnte, wie angetan viele der rund 1200 Teilnehmer(innen) waren – und wie begierig auf echte, leibhaftige Museumsbesuche.

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De Chirico. Magische Wirklichkeit. Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5. Von 22. Januar bis 25. April 2021 (vorerst nur online, Museumsöffnung noch ungewiss).

www.hamburger-kunsthalle.de

Der Katalog (Hirmer-Verlag) wird im Museumsshop 29 Euro kosten und ist einstweilen für 34,90 € zzgl. Porto online bestellbar unter www.freunde-der-kunsthalle.de

Zusätzliche Publikums-Aktion der Kunsthalle: Fotos von (pandemiebedingt) leeren Straßen und Plätzen können eingesendet werden an submission@hamburger-kunsthalle.de Die eindrucksvollsten Fotos sollen dann im Eingangsbereich der Ausstellung gezeigt werden.

 

 




Kühne Visionen der Intendantin Julia Wissert: Dortmunds Theater soll Maßstäbe setzen

Selbstbewusst: Dortmunds Schauspielchefin Julia Wissert. (Foto: China Hopson)

Donnerwetter! Die (immer noch) neue Dortmunder Schauspielchefin Julia Wissert hat mit dem Theater jede Menge vor. Zum live gestreamten Gespräch eingeladen hatten die Theater- und Konzertfreunde Dortmund. Deren Vorsitzender Ulrich Wantia stellte die an sich schon kühne Frage, was Frau Wissert mit ihrem Team bis zum Jahr 2025 verwirklicht haben wolle.

Die Antwort fiel mindestens ebenso kühn aus: Nichts weniger als eine Komplett-Sanierung des Hauses schwebt Julia Wissert vor. Als erstes und bis dahin einziges Theater in Deutschland solle Dortmund den Standard für alle künftigen Bühnenbauten setzen. Es solle alle denkbaren Bühnenformen in sich vereinen und sich auch zur Straße hin öffnen können. Gewiss, für diese Vision müsse die Stadt dann auch schon etwas mehr Geld in die Hand nehmen. Und was soll auf den Bühnen zu sehen sein? Nun, eine Hybrid-Mischung aus Eigenproduktionen und hochkarätigen Gastspielen „aus aller Welt“.

Mehr noch: Bis (spätestens?) 2025 wolle man ein Netzwerk mit den Schulen gebildet haben, das sich längst nicht in bloßen Aufführungsbesuchen erschöpfe, sondern mit den Produktionen direkt in die Schulen gehen werde. Das Theater müsse in jeder Hinsicht (baulich, inhaltlich und überhaupt) komplett barrierefrei werden, bisher seien zumal die architektonischen Verhältnisse „katastrophal“. Die Spartengrenzen zwischen Oper, Schauspiel, Ballett sowie Kinder- und Jugendtheater sollen unterdessen vielfach überschritten werden. Überdies würden die Städtischen Bühnen auch als menschenfreundlicher Arbeitsplatz im Ranking ganz oben stehen. Noch etwas vergessen? Ach ja, ein klimafreundliches „Null-Emissions-Theater“ soll’s bitteschön auch werden.

Nach mancherlei Videokonferenzen haben just in diesen Tagen die wirklichen Proben wieder begonnen – unter erschwerten Hygiene-Bedingungen. Nichts bleibt, wie es war: Die Sicherheits-Abstände werden sozusagen bei allen Projekten notgedrungen mitinszeniert. In Corona-Zeiten sind sie am abermals vom Lockdown gebeutelten Haus zwangsläufig dabei, neue digitale Formate zu entwickeln. Die Online-Übertragung von Aufführungen reiche bei weitem nicht aus, so Julia Wissert. Es müsse eine ganz neue „digitale Dramaturgie“ entstehen. Sollten die rigiden Corona-Beschränkungen sich hierbei gar als Chance für neue Formate erweisen? Wenn gleichzeitig im Dortmunder Hafenviertel die Digitale Theater-Akademie entsteht, könnten es in der Tat spannend und zukunftsweisend werden. Doch seien wir vorsichtig mit Vorschusslorbeeren. Um einen berühmten Dortmunder Fußballer-Spruch abzuwandeln: Entscheidend is‘ auf den Brettern.

Julia Wissert, die auch ansatzweise verriet, wie ihre Bewerbung um den Dortmunder Posten verlaufen sei (zum Vorstellungsgespräch „erstmals im Leben einen Anzug getragen“ – und dann stürzte vor der Konzept-Präsentation ihr Computer ab), war – sozusagen von Amts wegen – des Lobes voll für die Stadt ihres Wirkens. Extrem positiv überrascht habe Dortmund sie mit der unglaublichen Offenheit der Menschen. Vorher hat sie u. a. auch am Bochumer Schauspiel gearbeitet. Zwischen Bochum und Dortmund, so Wissert, lägen Welten, Dortmund sei ungleich größer, kosmopolitischer, weltläufiger – „ein wahnsinniger Unterschied“. Da hüstelt selbst der Lokalpatriot leicht verlegen.

Ihr Dortmunder Lieblingsort ist übrigens der Botanische Garten Rombergpark („sensationell“), der im nächsten Jahr 200 Jahre alt wird – ein Jubiläum, zu dem auch die Theater- und Konzertfreunde beitragen möchten.

Und die nähere Zukunft? Für „spätestens Anfang April“ erhofft sich die Intendantin wieder echte Premieren vor leibhaftig anwesenden Zuschauern. Etliche Produktionen sind in der Pipeline, die dann „in dichter Abfolge“ aufgeführt werden sollen – fast schon eine Art Festival, das die Vielseitigkeit des neuen Dortmunder Ensembles zeigen werde.




Wie Heimat zu erfahren und zu schildern sei: Judith Kuckarts Dortmunder Hörfilm „Hörde mon Amour“

Blick auf die Siedlung Am Sommerberg/Am Winterberg in Dortmund-Hörde. (Screenshot aus dem besprochenen Film / © Judith Kuckart)

Dortmund vergibt bekanntlich (und endlich) ein Literaturstipendium. Das temporäre Amt, das andernorts meist Stadtschreiber(in) heißt, nennt sich hier Stadtbeschreiber*in. Die literarisch etablierte Judith Kuckart hat den Anfang gemacht. Ihr Dortmunder Aufenthalt begann im August und dauert bis Ende Januar 2021. Leider wurde auch ihre Tätigkeit von Corona eingeschränkt. Anders als vorgesehen, hat sie keine theatrale Umsetzung ihrer Ortserkundungen verwirklichen können, sondern einen rund einstündigen „Hörfilm“ produziert. Es ist ein „Heimatfilm“ ganz eigener Art.

Die 1959 in Schwelm geborene Judith Kuckart hat als Kind – aus traurigen familiären Gründen – „vier oder fünf Sommer“ im Dortmunder Ortsteil Hörde verbracht und kennt also noch das Alltagsleben in der früheren Stahlwerksgegend. In jenen Jahren war sie etwa 9 bis 14 Jahre alt. „Hörde war eine Schule fürs Leben“, sagt sie. Und Hörde sei für immer Teil ihrer „inneren Landschaft“. Ein „Downtown“ Dortmund, also eine zentrale Innenstadt, habe es für sie damals nicht gegeben. Folglich trägt der Film den Vorort liebevoll im Titel: „Hörde mon Amour“.

Westfälische Witterung

2017, als der Kongress der Autorenvereinigung PEN in Dortmund stattfand, hatte die heute in Berlin lebende Judith Kuckart Gelegenheit, erneut westfälische Witterung aufzunehmen. Zwar hat sie für die Stipendienzeit in der Nordstadt am Dortmunder Borsigplatz gewohnt, sich aber auf den Spuren ihrer Kindheitserinnerungen weit überwiegend wieder „auf den Hügeln von Hörde“ umgetan. Das 1340 gegründete (und 1928 nach Dortmund eingemeindete) Hörde hat schon immer ein gewisses Eigenleben geführt und lange Zeit mit Dortmund auf Kriegsfuß gestanden. Auch daraus bezieht der ebenso eindringliche wie wohltuend ruhige Film untergründige Spannungsmomente.

Die Autorin und Dortmunder Stadtbeschreiberin Judith Kuckart – hier in Berlin, März 2019. (Foto: Burkhard Peter)

Äußerst langsam und behutsam tastet die Kamera (Martin Rottenkolber) Einzelheiten ab, die Erinnerung in sich bergen (könnten): die Siedlung „Am Sommerberg“/„Am Winterberg“ im vogelperspektivischen Überblick; sodann geht’s Fassade für Fassade an verwitterten Häusern entlang. Auch sieht man eine typische Wohnung daselbst mit allen Einzelheiten, die nicht gerade auf Wohlstand hindeuten und wirken, als seien sie rücklings aus der Zeit gerutscht. Hinzu kommt ein verfallenes, inzwischen auch verwunschenes früheres Schwimmbad („Schallacker“), dessen Areal zur Stätte des Urban Gardening mutiert ist. Lauter wehmütige Ansichten von zumeist menschenleeren Orten. Kein Wunder, wenn dabei Kopfkino entsteht, zumal als Bezugspunkt ein kartographierter, aber nicht existierender Phantom-Ort bei New York aufgerufen wird, der zur Kultstätte für Jugendliche von weither geraten ist. Auch Hörde ist nicht zuletzt ein imaginäres Gelände.

„Schäbiges Paradies“

Nicht in den Bildern, wohl aber in den Texten dieses „Hörfilms“ scheint auf, wie sehr hier einst das pralle, wenn auch oft etwas ärmliche Leben sich begeben hat. Im besagten Schwimmbad, so heißt es, sei gleichsam alles Lebendige geschehen, es seien auf den Liegedecken in diesem „schäbigen Paradies“ auch Kinder gezeugt worden. Mittlerweile gibt es einen machtvollen und scharfen Kontrast, ein ganz anderes Hörde, das gleichfalls, wenn auch eher schaudernd, ins Auge gefasst wird: die Gegend rings um den künstlich erstellten Phoenixsee mit ziemlich seelenlosen Neubauten zu exorbitanten Preisen. Dies sind keine Kindheitsräume mehr, aber vielleicht Orte für unstete „Wandermenschen“, die allüberall ihresgleichen finden.

Judith Kuckart erinnert sich hingegen lieber an die Jahre um 1968, als die Frauen in der Hörder Siedlung ganztags im Morgenmantel umher gingen, die bescheidenen Haushalte führten und Kinder versorgten, während die Männer bei Hoesch malochten oder in der Kneipe zechten. Eine 1979 aus Jamaika zugewanderte Frau bedauert den späteren Wandel gleich zu Beginn des Films: Früher sei ihr der Lichtschein des Hochofenabstichs stets wie eine wärmende, tröstende Sonne erschienen, später sei hier und in anderen Stadtteilen jedoch „alles den Bach runtergegangen“. Um in Hörde herzlich und herzhaft heimisch zu werden, muss man wahrlich nicht dort geboren sein.

Wo wir uns sicher bewegen können

Fixsterne in Kuckarts Hörder Kindheitssommern waren mehrere Tanten, die dort gelebt haben. Eine von ihnen ist mit 24 Jahren gestorben, ihr kurz vorher geborenes Baby hielt sie bis zuletzt fest umklammert. „Oma Schüren“ (in Dortmund heißen Großeltern familiär häufig nach dem Stadtteil) ist gegen Ende einer Kinovorführung in der – bis heute als letztes Vorort-Lichtspielhaus existierenden – „Postkutsche“ in Aplerbeck gestorben. Heute kann niemand mehr sagen, welchen Film die Großmutter zuletzt gesehen hat.

Man ahnt, dass der Ton zum Film sich keineswegs in „Dönekes“ erschöpft, sondern wesentlich tiefer lotet, manchmal ganz unversehens. Nach und nach stellt sich mit zunehmender, freilich allemal sanfter Dringlichkeit die Frage, was eigentlich „Heimat“ sei und wie von ihr zu erzählen wäre. „Heimat ist der Raum, in dem wir uns immer sicher bewegen können“, heißt es an einer Stelle. Ob es zugleich ein konkreter Ort ist, steht allerdings dahin. Überhaupt ergeben sich viele Fragen: Ist die Heimat ein Ort oder ein Gefühl? Kann man sesshaft werden in der Sehnsucht nach Heimat? Kann man eine Heimat gründen oder entwerfen? Kann Sexualität eine Heimat sein? Und so fort. Hier lagert Stoff fürs eine oder andere weitere Buch im Sinne des „autofiktionalen“ Erzählens, der Selberlebensbeschreibung, angereichert mit fiktionalen Elementen, wie sie seit einiger Zeit wieder vermehrt Teile der Literatur prägt (und nicht die schlechtesten).

Um das Erzählte noch genauer zu verankern, versichert sich Judith Kuckart der Kenntnisse einiger langjährig ortsansässiger „Heimatexpert(inn)en“. Jede(r) von ihnen trägt ureigene Bruchstücke zum Mosaik der Heimatlichkeit bei. Und nein: Das berühmte Diktum von Ernst Bloch („…so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“) kommt an keiner Stelle vor.

„Hörde Mon Amour“. – „Hörfilm“ von Judith Kuckart, 2020. Zu sehen auf dem YouTube-Kanal des Dortmunder Literaturhauses: 

https://www.youtube.com/watch?v=v9iAHql-NJI

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Im Mai 2021 soll Anna Herzig übernehmen

P.S.: Als nächste Dortmunder Stadtbeschreiberin wird – vermutlich ab Mai 2021 – Anna Herzig aus Salzburg in der Stadt sein. Sie hat keine Dortmunder Kindheitserfahrungen, will aber hier an ihrem Roman „Die Auktion“ weiterarbeiten, der in einem Intercity zwischen Wien und Dortmund spielt…




„Was für ein Jahr!“ (Gesammelte Grußformeln, 2020er Corona-Edition) – Auch die Revierpassagen wünschen zu den Festtagen alles Gute!

Statt des Baumschmucks und/oder Feuerwerks… (Foto: Bernd Berke)

Freimütig zugegeben: Grüße zu Weihnachten und zum Jahreswechsel sind kein leicht zu absolvierendes Genre; ganz gleich, ob nun im Chefsprech (Grundmuster: Vieles ist geschehen, vieles bleibt noch zu tun – aber wir werden es schaffen, wenn sich alle ins Zeug legen) oder im sanftmütigen Achtsamkeits-Jargon.

Schauen wir uns doch in prägnanten Auszügen mal ein paar notgedrungen floskelhafte Beispiele aus aktueller Verfertigung an (siehe Quellen am Schluss des Beitrags), vorwiegend aus dem Kulturwesen der Ruhrgebiets-Region – und zwar ohne den hochmütigen Anspruch, es besser zu können. So beginnen die Texte nach der jeweiligen Anrede:

„…ein ereignisreiches Jahr geht zu Ende…“

„Ein bewegendes Jahr neigt sich dem Ende.“

„Ein turbulentes Jahr neigt sich dem Ende zu…“

„…ein bewegtes Jahr geht zu Ende.“

„Dieses Jahr war wirklich eine Herausforderung.“

„2020 war für uns alle ein Jahr der besonderen Herausforderungen.“

„…was für ein Jahr!!!“

„…2020 war ein besonderes Jahr.“

„…am Ende eines schwierigen, von Einschränkungen und Verlusten geprägten Jahres…“

„…vor genau einem Jahr haben wir auf ein tolles und ereignisreiches Jahr zurück geschaut und waren voller guten Mutes…“

„…blickt zurück auf ein Jahr, das von besonderen Begegnungen geprägt war – trotz der Ausnahmesituation.“

„Durch Corona hat sich Vieles verändert.“

„2020 war ein Jahr, das allen sehr viel abverlangt hat – im Privaten wie im Beruflichen.“

„…üblicherweise geben wir mit diesen Zeilen einen munteren Überblick über das vor uns liegende neue Halbjahr. Doch die vergangenen Monate haben…“

„…uns steht ein ereignisreiches Jahr bevor…“

Als Reaktion auf viele dieser Jahreswechsel-Formeln würde sich das entwaffnende Loriot’sche „Ach was“ eignen, das ja eh universell anwendbar ist. Doch natürlich folgen auf die einleitenden Floskeln jeweils kurze Jahresbilanzen und Ausblicke mit klugen, kreativen und kultivierten Gedanken zum verfließenden 2020.

Möge uns 2021 weniger Anstrengungen und Verdruss bereiten. Und vergesst nicht: Trump ist fast schon weg – und der Impfstoff ist unterwegs!

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Die Zitate (selbstverständlich ohne direkte Zuordnung) stammen aus Grußbotschaften von (alphabetische Reihenfolge):

DASA Arbeitswelt Ausstellung, Dortmund
Deutscher Chorverband
Deutscher Journalistenverband (DJV)
Gustav-Lübcke-Museum, Hamm
HMKV – Hartwarte Medien Kunst Verein, Dortmund
Kunsthalle Bremen
Kunsthalle Recklinghausen
Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund
Museum Ostwall im Dortmunder U
Regionalverband Ruhr, Essen
Ruhrfestspiele, Recklinghausen
Ruhr Museum, Essen
Schauspiel Dortmund
Spiegel online, Hamburg
(Die) Zeit, Hamburg

(Zitatliste wird noch bis zum Jahreswechsel ergänzt)




Es steht ’ne Waschmaschine vor der Tür – und: Der Ein-Mann-Schwertransport. Zwei kurze Geräte-Geschichten

Kultur is‘ ja leider auf Schwundstufe, also lasst uns mal eben über andere Sachen reden. Beispielsweise über Waschmaschinen. Vor einigen Tagen wurde eine bestellt, just am 16. Dezember sollte sie geliefert werden. Die bisherige war schlichtweg „hinüber“. Warum, das erfahrt ihr nachher.

Ein Gerät dieses Typs… (Foto: BB)

Prima: Die Neue sollte nicht nur zum Bestimmungsort getragen, sondern auch angeschlossen und eingerichtet werden. Der Rundum-sorglos-Service eines deutschen Versandhauses.

Das galt bis gestern.

Jetzt aber! 16. Dezember! Erster Tag im gehärteten Lockdown! Und schon soll auch auf diesem Gebiet so gut wie nichts mehr gehen. Kurz vor der Lieferung kommt die Mail, dass sie die über 75 Kilogramm schwere Maschine mitsamt der Verpackung lediglich v o r die Tür stellen werden (vielleicht bei schönstem Regenwetter). Anschluss? Nix da! Nicht in diesen Zeiten. Vielleicht nach dem 10. Januar. Oder 20. Februar. Oder 30. März. Oder 40. April.

„Alles muss man selber machen.“

Ansonsten wär’s halt vorerst nichts mit den heimischen Waschgängen, auch nicht mit dem 60-Grad-Programm, in dem beispielsweise die Stoffmasken mitlaufen. Wie bitte? Die Waschsalons hätten doch geöffnet? Ja, herrlich: „Mein wunderbarer Waschsalon“. Da kann man sich ja gleich in eine dichtbesetzte U-Bahn stellen und Aerosole einpfeifen. Immerhin: Die Masken lassen sich ja auch bügeln.

„Notfalls“ (es geht hier ja gar nicht um „Not“, das Wort wird viel zu oft missbraucht) müsste man die gute alte Handwäsche wiederentdecken – womöglich mit Waschbrett. Auf den Dingern kann man bekanntlich auch leidlich musikalische Rhythmen erzeugen. Womit wir denn doch wieder bei kulturellen Angelegenheiten wären. Irgendwie jedenfalls.

P. S. für zwischendurch: Es gibt natürlich weitaus Schlimmeres als solche Problemchen. Und der Lockdown ist offenkundig bitter nötig. Das musste gesagt werden.

Nun aber noch eine schlimmere Waschmaschinen-Story, die erklärt, warum die vorherige Maschine (brandneue „Testsiegerin“) bereits „hinüber“ war und die denn doch ein größeres Problem offenbart. Jener Online-Riese, den ich wohl nicht eigens nennen muss, lieferte sie mit einem einzigen Mitarbeiter (!) aus. Sonst kommen für derart schwere Gerätschaften immer zwei Leute, dieser arme Kerl musste jedoch allein ran. Zwar hatte er ein akkubetriebenes Stemmgerät, aber auch damit war es furchtbar schwer, die Maschine in den Waschkeller zu wuchten.

So ruckelte und titschte sie denn auf jeder einzelnen Treppenstufe derart auf, dass die Trommel danach offenbar eine extreme Unwucht hatte. Die Maschine „wanderte“ beim Schleudern heftig, stürzte schließlich „kopfüber“ vom Betonsockel und riss ihre Anschlüsse aus der Wand. Geradezu suizidal. Da nützte es auch nichts, dass eine Fachfirma den Schaden kostspielig beseitigte und die Maschine mit Hilfe einer Wasserwaage neu aufstellte. Resultat: nächste Wäsche, nächste „Wanderung“ – bis knapp vorm erneuten Absturz. Also abermals Retoure, also abermals Verdruss. Keinerlei Vorwürfe an den Mitarbeiter, aber an die frühkapitalistisch anmutende Personalplanung. Auch fragt man sich, was wohl mit diesem beschädigten Teil geschehen wird. Einfach auf den Sperr- oder Sondermüll damit? Bei diesem Anbieter keineswegs auszuschließen.

Nie wieder ein Großgerät über diese Firma, die einen einzigen Mann Waschmaschinen schleppen lässt, um Transportkosten zu sparen. Auch sonst wäre an Boykott zu denken. Nein, es wäre zu handeln.

 




Adieu, Monsieur Favre! Der BVB hat den Trainer entlassen – und was passiert jetzt?

Das war’s also für Lucien Favre in Dortmund. Die BVB-Bosse Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc haben den Trainer (nach einer erbärmlichen 1:5-Heimniederlage gegen den Aufsteiger VfB Stuttgart) entlassen, im Boulevard-Jargon: „gefeuert“. Erstaunlich schnell, erstaunlich konsequent. Man denke vergleichsweise an das Gewürge rund um Nationaltrainer Jogi Löw nach dessen 0:6-Debakel gegen Spanien.

Die Luft ist ‘raus – jedenfalls aus diesem Ball. (Foto: Bernd Berke)

Tatsächlich vertrug sich das gestern so desolate Auftreten der BVB-Mannschaft überhaupt nicht mehr mit den hohen Ansprüchen des börsennotierten Vereins. Drei verlorene Heimspiele hintereinander, das kommt in Dortmund sozusagen gar nicht in die Tüte.

Gewiss liegt nicht jeder verlorene Zweikampf, jeder unterlassene Sprint, jede verpasste oder gar nicht erst generierte Chance in unmittelbarer Verantwortung des Trainers. Auch über die Leistungsverweigerung einzelner Spieler sowie das hie und da unglückliche Konstrukt des Teams wäre zu reden, wobei – nach meiner bescheidenen Meinung – der schon seit längerer Zeit als Spieler und Motivator herzlich wirkungslose Marco Reus von der Kapitänsbürde befreit werden sollte; vorzugsweise zugunsten von Mats Hummels.

Rätselhafte Einwechslungen

Die gestrigen Einwechslungen, nun aber wirklich ureigene Sache des Trainers, waren eigentlich nicht mehr nachvollziehbar: Wenn der BVB schon so abhängig vom (derzeit verletzten) Erling Haaland ist, warum bringt Favre dann den gelernten Mittelstürmer Youssoufa Moukoko erst fünf Minuten vor Schluss in Spiel? Weil er erst 16 Jahre alt ist? Du meine Güte! Statt dessen musste mit Reinier recht früh ein nicht allzu profilierter Auswechselspieler auflaufen, der gerade erst von einer Corona-Infektion genesen war…

Gewiss: Unter Lucien Favre (63) hat der BVB in 110 Spielen – das gestrige eingerechnet –einen beachtlichen Punkteschnitt von 2,08 erzielt, nur Thomas Tuchel war nach dieser Statistik einen Hauch erfolgreicher, er brachte es auf 2,09. Auch hat Favre mit der Mannschaft immerhin zwei Vizemeistertitel geholt, wobei man jedoch im ersten Jahr einen deutlichen Vorsprung gegenüber Bayern München leichtfertig verspielte. In der Champions League, in der sich der BVB mittlerweile dauerhaft etabliert hat, ist man jeweils im Achtelfinale ausgeschieden.

Kein Mann für Titel und entscheidende Spiele

Favre war offensichtlich kein Mann für die entscheidenden Spiele, das war auch schon bei seinen vorherigen Vereinen (Hertha, Gladbach, Nizza) so gewesen. Überall einige schöne Erfolge, doch niemals der Durchbruch zu Titeln. Das setzte sich auch in Dortmund fort. Wenn es beispielsweise gegen die Bayern ging, fuhr man regelmäßig Niederlagen ein. Zeitweise spielte der BVB zwar auch schon mal begeisternden Fußball, doch zwischendurchs gab’s immer wieder herbe Rückschläge und äußerst bräsige Darbietungen, vor allem gegen Teams aus der unteren Tabellenregion. Und wenn von Spitzentrainern erwartet wird, dass unter ihrer Ägide möglichst jeder einzelne Spieler besser werde als zuvor, so schaue man sich die stagnierende Entwicklung mancher BVB-Akteure an…

Der Franko-Schweizer Lucien Favre ist ein Fußballfachmann vor dem Herrn, man könnte ihn sich gut und gern als Professor seines Metiers vorstellen, wenn er nur eloquenter wäre. Überdies ist er offenbar ein empfindsamer, feinsinniger Monsieur mit Faible für die leiseren Töne; absolut keiner, der polternd auftrumpft oder lautstark mitreißt. Eigenschaften, die man privat und menschlich unbedingt sympathisch finden kann. Freunde leidenschaftlicher, notfalls auch spektakulärer Auftritte mochten allerdings am liebsten aus der Haut fahren, wenn sie sein oft allzu ruhiges Gebaren an der Seitenlinie verfolgten. Da wirkte er gelegentlich wie ein Zauderer. In Dortmund ist man – spätestens seit dem Meistermacher Jürgen Klopp, der auch von der Mentalität her in diese Stadt passte – anderes gewohnt.

Und wer will wohl nach Dortmund wechseln?

Auch Favres Pressekonferenzen vor den Spielen waren eher quälende Exerzitien. Überhaupt nichts Konkretes zu Taktik und Aufstellung wollte er den versammelten Medienleuten verraten – und immerzu redete er den nächsten Gegner stark („gefährliche Mannschaft“), zuweilen über die Maßen. Derlei Mitteilungen schleifen sich schnell ab. Und viel mehr kam dann meistens auch nicht hinterher.

Jetzt wird hinter den Kulissen sicherlich nach einem neuen Übungsleiter von Rang gesucht. Immer wieder zu hören sind Wunschnamen wie Ralf Rangnick (derzeit kein Trainerjob), Marco Rose (jetzt Borussia Mönchengladbach) oder Adi Hütter (Eintracht Frankfurt), deren Wechselwille durchaus bezweifelt werden kann. Erst recht dürfte Julian Nagelsmann erst einmal in Leipzig bleiben wollen, wo er durchaus reüssiert.

Vorerst soll Ko-Trainer Edin Terzic (38) das BVB-Training übernehmen, angeblich bis zum nächsten Sommer. Er wäre nicht der allererste „Unbekannte“, der mehr aus einer Mannschaft herausholt, als man zu hoffen wagte.

(mit Infos aus verschiedenen Online-Medien) 




Unterwegs zur gesteigerten Geistigkeit: Jawlensky im Kunstmuseum Bonn – vorerst nur via Internet

Alexej von Jawlensky: „Mädchen mit niedergeschlagenen Augen“, 1912. Öl auf Pappe (Kunstmuseum Bonn/Foto: Reni Hansen)

Ja, geht das denn überhaupt: eine reine Online-Presskonferenz zu einer neuen Ausstellung, in deren Rahmen die Bilder lediglich virtuell gezeigt werden? Probe aufs Exempel: jene Jawlensky-Schau, die jetzt im Kunstmuseum Bonn vorerst nur via Internet zu sehen ist. Womöglich bleibt es auf Monate hinaus bei dieser Beschränkung.

„Alexej von Jawlensky. Gesicht – Landschaft – Stillleben“ lautet der komplette Titel. Die Auswahl umfasst rund 80 Bilder des russischen Künstlers aus den Schaffensphasen zwischen 1901 und 1937. In den letzten Jahren seines Lebens konnte Jawlensky (1864-1941) – wegen einer sich stetig verschlimmernden arthritischen Lähmung – nur noch unter größten Mühen malen und musste die Kunst schließlich ganz aufgeben.

Alexej von Jawlensky: „Murnau – Das Tal“, um 1910. Öl auf Karton. (Privatsammlung Düsseldorf/Foto: Bernd Fickert)

In seiner russischen Heimat hatte Jawlensky mit realistischen Gemälden im Gefolge eines Ilja Repin begonnen. Auch als er 1896 nach Deutschland kam, wirkt seine Malweise noch recht traditionell, Bilder wie „Helene im spanischen Kostüm“ (1901/02) sind noch sichtlich vom Impressionismus inspiriert. Freilich zeigen sich nach und nach auch Einflüsse von Van Gogh, Cézanne, Matisse und der Gruppe „Blauer Reiter“. Der Bonner Kurator und stellvertretende Museumsdirektor Volker Adolphs erblickt etwa in einer Jawlensky-Landschaft dieser Zeit einen „gebändigten Van Gogh“, außerdem Anklänge an Gauguin.

Jawlenskys Malerei wird flächiger und farbstärker, entfernt sich zusehends von Gegenständlichkeit. Ob man nun von Klangfarben oder Farbklängen sprechen will, Jawlensky erweist sich jedenfalls immer deutlicher als „großer Kolorist“ (Adolphs), der die Farbwerte mit geradezu musikalischer Wirkung einzusetzen versteht.

Anfang August 1908 kamen Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin aus München zu einem Malaufenthalt nach Murnau. In Bonn sieht man beispielsweise eine Serie von Jawlenskys späteren Landschaftsbildern aus dem bayerischen Flecken. Es sind einerseits scheue Blicke aus dem Fenster, andererseits ungemein kühne Abstraktionen der Grundelemente des Gesehenen. Der Künstler ist unterwegs zu gesteigerter Innerlichkeit und Geistigkeit.

Alexej von Jawlensky: „Dame mit Fächer“, 1909. Öl auf Karton. (Museum Wiesbaden/Foto: Bernd Fickert)

Großartige Bilder sind (wie gesagt: einstweilen nur online zu betrachten) im Kunstmuseum versammelt, beispielsweise die mondäne „Dame mit Fächer“ (1909), die – selten genug bei Jawlensky – nicht frontal dargestellt wird und im ganzen Duktus an japanische Bildgestaltung erinnert. Das „Stillleben mit Heiligenbild“ (um 1912) wirkt wie ein Altar und verweist aufs spätere Werk, dem zunehmend Spiritualität eignet. Darauf deuten auch kontemplative Arbeiten wie „Mädchen mit niedergeschlagenen Augen“ (1912) voraus. Dieses  Mädchen ist ganz in seine Innenwelt versunken und scheint zugleich Höheres zu schauen.

Derlei Tendenzen streben hin zu den berühmten, unfassbar variantenreichen Serien der U-förmigen Kopfbilder, von denen Jawlensky insgesamt rund 1300 (!) in immer wieder anderen Farb-Kombinationen geschaffen hat. Die fortwährende malerische Meditation mag auf ihre Weise die russische Ikonen-Tradition aufgreifen, ist aber formal entschieden modern. Ein überaus konzentriertes Inbild wie „Der Wissende“ (1936) lässt in einer Gesichtsform alle menschliche Passion, ja einen ganzen Kosmos aufscheinen.

Alexej von Jawlensky: „Abstrakter Kopf: Schicksal“, 1918. Öl auf Karton (Museum Wiesbaden/Foto: Bernd Fickert)

Zurück zur Eingangsfrage: Kann all das in einer Online-Pressekonferenz adäquat gezeigt werden? Natürlich nicht. Man bekam eher eine Art Diaschau zu sehen, weil noch dazu aus den Bonner Ausstellungsräumen wegen fehlender WLAN-Verbindung kein geführter Live-Rundgang übermittelt werden kann. Wie Museums-Intendant Prof. Stephan Berg erläutert, liegt dies an der Baulichkeit des Hauses mit seinem allzu massivem Mauerwerk. Erst kürzlich sei man mit Experten der (in Bonn benachbarten) Telekom durchs Museum gegangen. Auch sie mussten passen. Ohne gründlichen Umbau dürfte sich keine Abhilfe schaffen lassen. Einstweilen wird man sich mit Aufzeichnungen aus den Museumsräumen begnügen müssen.

Und so hoffen (nicht nur) die Museumsleute auf eine mittelfristig mögliche Wiedereröffnung, nach der man der Kunst wieder direkt begegnen kann. Prof. Berg hält dafür, dass die Museen wohl keine Corona-Hotspots sein könnten. Andernfalls müssten ja jetzt, da seit Wochen alle Kunsthäuser und sonstigen Kulturstätten geschlossen sind, die Fallzahlen deutlich gesunken sein…

Alexej von Jawlensky. Gesicht – Landschaft – Stillleben. Kunstmuseum Bonn, Helmut-Kohl-Allee 2. Ausstellung vorerst nur online (Einzelheiten dazu auf der Homepage). Schon jetzt verlängert bis zum 16. Mai 2021. Katalog im Buchhandel 34 Euro, Museumsausgabe 25 Euro.

www.kunstmuseum-bonn.de

  • Die Ausstellung ist in Kooperation mit dem Museum Wiesbaden entstanden, das über reiche Jawlensky-Bestände verfügt und zum Austausch wichtige Werke von August Macke aus dem Kunstmuseum Bonn zeigt.
  • Die letzte Jawlensky-Einzelausstellung des Bonner Kunstmuseums liegt schon fast 50 Jahre zurück. Sie war 1971 zu sehen.

 




Museum Folkwang: Auf ein Neues mit Kippenberger, Fotokunst, Tanzdynamik und Filmskizzen

Ausstellungs-Teilansicht von Martin Kippenbergers raumgreifender Installation „The Happy End of Franz Kafka’s Amerika“ (hier 2008/2009 im MOCA Grand Avenue – Courtesy of The Museum of Contemporary Art, Los Angeles / Foto: Brian Forrest)

Es hätte fürs Museum Folkwang alles so gut geraten können. Das Jahr 2020 ließ sich geradezu prächtig an. Museumsdirektor Peter Gorschlüter blickt etwas wehmütig auf diese Zeit zurück: Die publikumsträchtige Aktion des durchgehend freien Eintritts konnte verlängert werden, das Essener Haus wurde derweil zum „Museum des Jahres“ erkoren – und schließlich wuchsen die Chancen auf ein Bundesinstitut für Fotografie in der Revierstadt.

Seit Corona regiert das Prinzip Hoffnung

Doch dann kam Corona. Man musste ab 16. März schließen und konnte auch nach Wiedereröffnung im Mai bei weitem nicht an vorherige Besucherzahlen anknüpfen. Jetzt sind die Museen bekanntlich wieder zu und müssen sich ans Prinzip Hoffnung halten – oder soll man sagen: klammern? Gorschlüter betont, noch sei das Museum Folkwang in einigermaßen komfortabler Lage und er selbst guter Dinge. Er wisse aber, dass viele andere Museumsleute bereits zu kämpfen hätten.

So weit die getrübte Rückschau nebst Ausblick zwischen Hoffen und Bangen. Doch viel lieber ließen die Essener Museumsleute auf der heutigen Video-Jahrespressekonferenz wissen, was sie für 2021 vorhaben. Neben Gorschlüter stellten die Kurator(inn)en Tobias Burg (Grafische Sammlung), Anna Fricke (Zeitgenössische Kunst) und Thomas Seelig (Fotografische Sammlung) ihre Pläne vor. Tatsächlich versprechen erste Einblicke ein durchaus spannendes Programm.

Installation von der Größe eines Sportplatzes

Martin Kippenberger in seiner Kafka-Installation – im Museum Boijmans Van Beuningen, 1994 (© Cees Kuiper/Rotterdams Dagblad)

Schon der Auftakt hat es in sich: Martin Kippenberger (1953-1997), in Dortmund geborener und in Essen aufgewachsener Künstler von bleibender Bedeutung, wird in großem Stile präsentiert. Im Museum Folkwang wird seine ungeheuer raumgreifende Installation „The Happy End of Franz Kafka’s ,Amerika'“ zu sehen sein. Kippenbergers Werk von der Ausdehnung eines Sportplatzes bezieht sich aufs Schlusskapitel von Kafkas Roman „Der Verschollene/Amerika“. Natürlich handelt es sich nicht um bloßen Kafka-Nachvollzug, sondern um eine Adaption aus der ganz spezifischen Perspektive Kippenbergers, der in seine Installation etliche Werkelemente befreundeter Künstler(innen) sowie zahlreiche Fundstücke eingearbeitet hat. Die insgesamt 50 Ensembles aus Tischen und Stühlen dürften tatsächlich so etwas wie eine „kafkaeske“ Atmosphäre erzeugen. Imaginiert ist das Ganze als Raum für viele gleichzeitige „Einstellungsgespräche“. Es geht um die verstörende Erfahrung einzelner Menschen, die sich einer fremden Gesellschaft gegenübersehen. Aber bitte das Thema nicht bruchlos eins zu eins nehmen. Bei Kippenberger sind stets einige Doppelbödigkeiten, Denk- und Blick-Fallen zu gewärtigen.

Zeitgleich werden in der altehrwürdigen Bibliothek der Essener Villa Hügel die vor zuweilen frecher Schaffenslust geradezu sprühenden Künstlerbücher Kippenbergers gezeigt – welche Kontraste sind da zu erwarten! Im Obergeschoss, wo sich die gediegenen Wohnräume des Krupp-Palastes erstrecken, sollen ausgewählte Plakate Kippenbergers gleichfalls eine völlig gegenläufige Dimension eröffnen.

Beide Kippenberger-Präsentationen sollen am 7. Februar 2021 starten und bis 2. Mai dauern – ob und ab wann mit physisch anwesendem Publikum, steht noch dahin.

Zwei Generationen der Fotografie

Auch schon am 19. Februar wird eine Folkwang-Retrospektive zum Werk des Fotografen Timm Rautert (Jahrgang 1941) beginnen. Anhand von rund 350 Arbeiten soll das vielfältige Oeuvre des einstigen Schülers von Otto Steinert aufgeblättert werden. Ab 25. Juni schließt sich ein Überblick zum fotografischen Schaffen von Tobias Zielony (Jahrgang 1973) an, der einer ganz anderen Generation angehört und sich vor allem auf die Spuren neuerer Jugend(sub)kulturen geheftet hat.

Tobias Zielony: „Make Up“, 2017. Fotografie aus der Serie „Maskirovka“ (Pigmentdruck, 70 x 105 cm / Courtesy KOW, Berlin / © Tobias Zielony)

Grenzen der künstlerischen Disziplinen soll ab 13. August die Schau „Global Groove. Kunst, Tanz, Performance und Protest“ überschreiten. Im Fokus steht die tänzerische Bewegung als Triebkraft politischer, kultureller und lebensweltlicher Veränderungen. Zugleich wird die wechselvolle Kulturgeschichte der Kontakte zwischen fernöstlichen und westlichen Ausdrucksformen des Tanzes erzählt.

Was Fellini zu seinen Filmen zeichnete

Federico Fellini: „Die Marktfrauen auf Rädern“, um 1972 (Faserstift-Zeichnung zum Film „Amarcord“ – Sammlung Jakob und Philipp Keel / © VG Bild-Kunst, Bonn, 2020)

Bildende Kunst, Literatur (Kafka), Fotografie und Tanz hätten wir also schon beisammen. Was fehlt? Nun, zum Beispiel der Film. Auch hierzu gibt es ein interessantes, gattungsübergreifendes Projekt: „Federico Fellini. Von der Zeichnung zum Film“ (ab 12. November 2021) beleuchtet ein bislang wenig beachtetes Kapitel im Werk des ruhmreichen Regisseurs der Opulenz. Fellini hat zahllose Skizzen angefertigt, um sich Typen, Figuren, Kostümierungen und Szenarien seiner Lichtspiele besser vorstellen zu können. Gar manches diente als mehr oder weniger direkte Vorlage für die filmische Umsetzung. Etwa 150 Zeichnungen (dazu Standbilder und Filmausschnitte) aus den Jahren 1950 bis 1982 werden gezeigt, karikaturistischer Gestus und pralle Sinnlichkeit gehen dabei fruchtbare Verbindungen ein. Und was wird Fellini wohl bei seinen Frauendarstellungen besonders betont haben? Dreimal dürfen wir raten.

Museum Folkwang. Museumsplatz 1 in 45128 Essen.

www.museum-folkwang.de

 




Goethe-Institut: Corona-Probleme und Abkehr vom bloßen Kulturexport

Warum nicht dabei sein, wenn die Jahrespressekonferenz des Goethe-Instituts schon per Livestream gesendet wird? Sonst hat man sich gegen Jahresende stets in Berlin versammelt, die Anreise aus dem Revier war gar zu aufwendig. Aber so, wenn das Ganze frei Haus aus der Münchner Goethe-Zentrale kommt? Na, klar. Doch hat es sich auch gelohnt?

Neue Präsidentin des Goethe-Instituts: Carola Lentz. (Foto: Goethe-Institut/Loredana La Rocca)

Wie man’s nimmt. Es war eine jener Pressekonferenzen, die oft und gern mit der Formel „…zog positive Bilanz“ überschrieben werden. Doch eigentlich stimmt das diesmal nur sehr bedingt, denn selbstverständlich hat auch hier Corona die Agenda diktiert. Und da hat man denn doch zwangsläufig Verluste eingefahren, insbesondere bei den Deutsch-Sprachkursen in aller Welt, die meist keine Präsenzveranstaltungen mehr waren.

Boom der Online-Sprachkurse

Wie Goethe-Generalsekretär Johannes Ebert sagte, wurde im Gegenzug eine exorbitante Steigerung bei den Online-Sprachkursen erzielt. Die Zahl der Teilnehmenden schnellte um rund 500 Prozent  auf etwa 62.000 hoch. Das war wohl nur möglich, weil das Goethe-Institut sehr zeitig eine digitale Strategie verfolgt hatte. Damit wurden die Defizite zwar nicht vollends kompensiert, doch immerhin gemildert: Vom eigens aufgespannten „Rettungsschirm“ über 70 Millionen Euro, den der Bund „wegen Corona“ fürs Goethe-Institut bereitstellte, musste bislang nur ein geringer Teil in Anspruch genommen werden. Dazu muss man wissen, dass das Institut mit seinen 157 Niederlassungen in 98 Ländern etwa ein Drittel seines Jahresbudgets selbst erwirtschaftet, nämlich rund 145 Millionen Euro. Geschäftsführer Rainer Pollack hatte dazu noch viel mehr Zahlenmaterial parat, das wir hier nicht im Detail ausbreiten können.

Weltweite Netzwerke knüpfen

Generalsekretär des Goethe-Instituts: Johannes Ebert. (Foto: Martin Ebert)

Sprachkurse sind nur eine, wenn auch zentrale Aktivität des Goethe-Instituts. Hinzu kommt der allgemeine Kulturaustausch im globalen Maßstab, inbegriffen auch die Bildung von nachhaltigen Netzwerken, die in und nach Pandemie-Zeiten Bestand haben sollen.

Die neue Goethe-Präsidentin Prof. Carola Lentz, die derzeit an einem Buch zur Geschichte des Instituts arbeitet, skizzierte als Leitlinie, dass man zusehends über den bloßen Kulturexport hinausdenke – just in Richtung weltweiter Netzwerke, die auch zivilgesellschaftliche und im weitesten Sinne politische Fragen aufgreifen sollen. Generalsekretär Ebert ergänzte weithin übliche Stichworte wie Diversität und Teilhabe sowie Generalthemen wie Klimawandel, Rassismus und Migration – Signale, wie sie wahrscheinlich in etlichen, doch nicht in allen Partnerländern bereitwillig aufgegriffen werden.

Zuhören wird immer wichtiger

Allgemein gilt, dass man sich nicht nur in anderen Ländern bemerkbar machen will, sondern zunehmend beachten will, was Kulturschaffende und sonstige Bewegungen in all diesen Ländern zu sagen und zu zeigen haben. Zum Kulturexport soll sich also ein Kulturimport gesellen.

Ein beispielhaftes Projekt stellte die live zugeschaltete Anisha Soff vom Goethe-Institut in Nairobi (Kenia) vor. Dort arbeitet man mit einheimischen Künstlerkollektiven seit Jahren Lücken der kenianischen Museen auf, die vor allem entstanden sind, weil „wahnsinnig viele“ (Soff) Objekte aus Kenia in Museen der westlichen Welt gehortet, aber vielfach nie gezeigt werden. Oft sei deshalb nicht einmal klar, was sich überhaupt wo befinde. Erste Schneisen ins Dickicht der Unzugänglichkeit will man mit einer Objekt-Datenbank schlagen, die mittlerweile 32.000 Stücke umfasst. Es wird noch weiter gesammelt, allerdings dürfte sich im Laufe der Zeit immer dringlicher die Frage nach Restitution (Rückgabe an afrikanische Museen) stellen. Kein gänzlich konfliktfreies Thema.

Im nächsten Jahr das 70. Jubiläum

Im nächsten Jahr steht ein bedeutsames Jubiläum an: Am 8. August 2021 jährt sich die Gründung des Goethe-Instituts zum 70. Mal. Man darf wohl annehmen und hoffen, dass dies im angemessenen Rahmen begangen werden kann, wie denn überhaupt der Institutsbetrieb sich ganz allmählich normalisieren dürfte. Auch das Außenministerium, dem das Institut vertraglich verbunden ist, wird sich die Jahrestags-Gelegenheit zur kulturellen Repräsentation mutmaßlich nicht entgehen lassen.

 

 




Ein paar Worte über „Pa“, der nicht mehr da ist

Bei Facebook haben ihn alle nur „Pa“ genannt. Anfangs dachte ich, das Kürzel bezeichne ihn als typische Vaterfigur. Und im Grunde war es ja auch so. Er hatte tatsächlich etwas Väterliches. Doch die beiden Buchstaben waren eine Kurzform seines Vornamens Paul.

Wie ich darauf komme? Weil es mich beschäftigt, nein: erschüttert, dass Pa gestorben ist. Weil mir nichts bleibt, als es schreibend zu vergegenwärtigen. Die unfassbare Nachricht ist heute früh eingetroffen, auch via Facebook. Einer seiner drei Söhne hat ihn aufgefunden. Es ist zum Heulen.

Pa hätte einen solchen Vergleich mit sanftem Spott bedacht, aber ich habe ihn mir immer auch ein wenig als „Herbergsvater“ vorgestellt. Er war jedenfalls einer, der Gruppengeist zu stiften wusste wie nur ganz wenige; einer, um dessen imaginäre Lagerfeuer sich im sonst manchmal so asozialen Netzwerk viele versammeln konnten – sei’s im Zeichen des Fußballs (er betreute seit etlichen Jahren geradezu hingebungsvoll eine vielköpfige Tipprunde); sei’s in Gefilden der Rockmusik, auf deren Feldern er profunde, weit ausgreifende Kenntnisse besaß. Er konnte einem so wertvolle Hinweise geben, wie es kein Algorithmus  der Welt vermocht hätte. Hätte er eine Radiosendung gehabt, so hätte man sie unbedingt hören müssen. Musik war bei ihm stets mit den Fährnissen des Lebens verwoben, seichtes Zeug mochte er nicht.

Seine Menschlichkeit erwuchs nicht zuletzt aus Leidenserfahrung. Aus dieser Erfahrung heraus hat er nach Kräften anderen Leuten geholfen, durch Zuhören, Zuspruch und mehr. Dass er selbst kein leichtes Lebensschicksal hatte, war zu erfahren und zu spüren, wenn man einander hin und wieder persönliche Botschaften geschrieben hat – jenseits des freundlich scherzenden, aber doch meist nicht so verbindlichen Gruppenwesens im Netzwerk. In (seltenen) Telefonaten kam eine weitere Dimension hinzu: seine beruhigende, sozusagen weltweise Stimme mit dem tief „geerdeten“ bayerischen Tonfall.

Einige Leute, die ihn – wie ich selbst – „nur“ übers Netz, aber nicht von Angesicht gekannt haben, sagen mehr oder weniger dasselbe. Etwa in diesem Sinne können wir uns alle einigen: Trotz der räumlichen Distanz und der virtuellen Beschränkungen hat man immer seine Warmherzigkeit gespürt – auch durch seinen gelegentlich knorrigen oder schnoddrigen Humor hindurch. Nein, herzig, gefühlig und oberflächlich sentimental war er nicht, aber herzlich und mitfühlend. Ein durch und durch feiner, grundanständiger Kerl. Man hätte so gern irgendwann noch ein zünftiges Weißbier mit ihm getrunken.

Pa, der als aufrechter Nach-Achtundsechziger in der bayerischen Provinz – fern vom Getriebe der Städte – gelebt hat, litt oft geradezu verzweifelt unter den politischen Zeitläuften, zumal unter populistischen und schlimmeren Umtrieben. Vielleicht hat ihn auch das ein Gutteil Lebenskraft gekostet. Aber wir können es nicht wissen.

Pfüat di, Pa.




Neues Streaming-Format: Frank Goosen plaudert mit Gästen über ihre Bücher

In der Bochumer Kultkneipe „Haus Fey“: Frank Goosen mit der TV-Journalistin und Buchautorin Jessika Westen. (Foto: Streamfood)

Auch ein Erfolgsautor wie der Bochumer Frank Goosen („Liegen lernen“, „Radio Heimat“ und vieles mehr) muss in Corona-Zeiten sehen, wie er seine Brötchen verdient. Leibhaftige Live-Lesungen vor Präsenz-Publikum fallen aus, also geht auch er öfter ins Netz – jetzt mit dem neuen Format „Goosen und Gäste“, dem Untertitel gemäß eine „Unterhaltung mit Büchern“, genauer: mit deren Verfasserinnen und Verfassern.

Ab Montag, 7. Dezember, können die ersten Resultate gestreamt werden, und zwar bei www.streamfood.tv (siehe Anhang dieses Beitrags). Was gibt es da zu sehen und zu hören? Nun, jeweils 40 bis 50 Minuten vorwiegend entspanntes Geplauder, zumeist über ein Buch, gelegentlich auch über mehrere. Die beiden ersten Ausgaben habe ich mir probehalber vorab angesehen.

Frank Goosen schafft es sogleich, in der urigen Bochumer Kultkneipe „Haus Fey“ (wo er schon mal ostentativ mit Fiege-Pils zuprostet, vielleicht ist’s ja ein Fall von Sponsoring?) eine freundliche Atmosphäre herzustellen, wenn er sich in trauter Zweisamkeit – jedoch auf gehörige Corona-Distanz – mit anderen Autorinnen und Autoren unterhält. Man merkt, dass er sich aus eigener Erfahrung ohne Weiteres in Sorgen und Nöte, aber auch in die Freuden des Schriftsteller-Daseins versetzen kann. Folglich vertrauen ihm seine Gäste und reden stets recht offen. Das spürt man beim Zuschauen. Auch ahnt man schon, dass Goosen nachvollziehbar lebensnahe Erzählstoffe bevorzugen dürfte – und nicht etwa überaus feinnervige Lyrik.

Duisburger Loveparade als Tatsachenroman 

Zum Start begrüßt Goosen die TV-Journalistin Jessika Westen (WDR/n-tv), die einst im Dortmunder Uni-Studiengang Journalistik das zunächst bei einer Lokalzeitung gelernte Handwerk vertieft hat. Am 24. Juli 2010 hatte sie Außendienst am Hauptbahnhof in Duisburg, als sich die furchtbare Katastrophe mit 21 Todesopfern bei der Loveparade ereignete. Das Thema hat die junge Frau, die schon zuvor einige Male privat beim großen Rave mitgefeiert hatte, nicht mehr losgelassen. Jahrelang hat sie recherchiert, hat auch Gerichtsakten studiert und mit Hinterbliebenen gesprochen; auch um selbst halbwegs zu verstehen, was sich in Duisburg zugetragen hat. Aus drei Perspektiven erzählt sie im Buch davon: Da ist die Journalistin Emma (30), unverkennbar das Alter Ego der Autorin; dann die Raverin Katty (18), die die schrecklichen Vorfälle unmittelbar erlebt – und schließlich der Rettungssanitäter René (40).

Frank Goosen zeigt sich vom Tatsachenroman „Dance Or Die“ (Emons Verlag, 319 Seiten, 16 Euro) höchst beeindruckt. Er resümiert, dieses Buch habe Jessika Westen einfach schreiben müssen. Im Gespräch werden sich beide schnell darüber einig, dass dies eine „unglaublich vermeidbare“ (Goosen) Katastrophe gewesen sei, für die allerdings niemand juristische Verantwortung übernehmen musste. Schon im Vorfeld hätten Leute, die sich mit den beengten örtlichen Verhältnissen in und um das Duisburger Veranstaltungsgelände auskannten, ein äußerst mulmiges Gefühl gehabt.

Dies ist kein „Literarisches Quartett“ und auch kein dito Duett. Im Dialog zwischen Jessika Westen und Frank Goosen (und wohl auch in kommenden Folgen) geht es nicht etwa um streng literaturwissenschaftliche Kriterien oder hochtrabende Vergleiche, sondern eher um menschliche und allzumenschliche Geschichten rund um Bücher und Urheber(innen). Es sieht ganz so aus, als suche sich Goosen Bücher und Gäste aus, die er uneingeschränkt loben kann. Ein Grundton der Sympathie und der Empathie zieht sich durch die Plauderstunden – ganz gleich, ob das Thema ernst oder komisch gelagert ist. Übrigens: Der spekulativ klingende Titel „Dance Or Die“ geht wahrhaftig auf Werbe-Flyer zurück, die seinerzeit zur Loveparade in Duisburg verteilt worden sind.

Wilde Feten in der DDR-Provinz

Der Gast der zweiten Folge, der Berliner Autor Alexander Kühne, erzählt munter drauflos, wie er sich einst vor und nach dem Mauerfall als aufsässiger „Ossi“ gefühlt hat. Seine Geschichten, festgehalten in den Büchern „Düsterbusch City Lights“ (erschienen 2016 – Heyne-Verlag, 384 S., 14,99 Euro) und neuerdings „Kummer im Westen“ (Heyne, 352 S. 16 Euro), sind ebenso originell wie offenkundig authentisch und exemplarisch. Auch hier haben wir es mit Tatsachenromanen zu tun.

Kühne hat versucht, in der dörflichen DDR-Provinz zu Lugau bei Finsterwalde (deshalb „Düsterbusch“) eine dort bis dahin ungeahnte Club-Kultur aufzuziehen. Ziemlich wilde Feten im Geiste von New Wave und Punk zogen bis zu 1000 Leute an, die sich auch schon mal samt und sonders schminkten und/oder kollektiv mondän im Stil der 1920er Jahre auftraten. Auch ließen sie Bands wie „Kotzübel“ spielen, die nicht die allgemein übliche „Einstufung“ durch staatliche Stellen durchlaufen hatten.

Mit all dem konnten die DDR-notorischen, schnauzbärtigen „Plunderjacken-Zombies“ (Kühne) schon mal gar nicht umgehen. Behörden und Stasi, vormals auf Langhaarige als „Staatsfeinde“ geeicht, machten alsbald auch den meist kurzgeschorenen Wavern das Leben schwer. Die aber ließen sich den freiheitlichen Spaß nicht vergällen – bis schließlich die Mauer fiel; ein Ereignis, das die Waver, die sich ihre Freiheit eben selbst genommen haben, längst nicht so überwältigt und verwirrt hat wie viele ihrer grauslich angepassten Landsleute.

Hernach erzählt Kühne beispielsweise, wie er unter Linksalternative im Berliner Westen gefallen ist. Die wollten ihm doch tatsächlich die DDR erklären – und dass die BRD viel schlimmer, nämlich faschistisch sei. Dabei will er doch auch hier seine eigenen Erfahrungen machen. Klingt schon im Ansatz nach etlicher Komik.

Was demnächst ins Programm kommen soll: ein Weihnachtsspecial mit Frank Goosen und Micky Beisenherz über geschenktaugliche Bücher zum Fest; ein Zwiegespräch mit Jakob Hein über dessen Buch „Hypochonder leben länger – und andere gute Nachrichten aus meiner psychiatrischen Praxis“ und ein Dialog mit Christoph Biermann zum Band „Wir werden ewig leben“, der die Fußball-Faszination am Beispiel von Union Berlin darstellt. Eine griffige Themenauswahl, fürwahr.

„Goosen und Gäste – Unterhaltung mit Büchern“ (jeweils ca. 40 bis 50 Minuten). Ab Montag, 7. Dezember 2020, aufzurufen bei

www.streamfood.tv

Die beiden ersten Folgen kosten jeweils 2 Euro, weitere dann je 5 Euro. Bezahlt wird direkt auf der Streamfood-Homepage. Dort können auch die jeweiligen Bücher gleich per Button bestellt werden.




Moden und Marotten im Journalismus (5): Themen verstecken – So gehen (manche) Schlagzeilen heute

Da fragt man „Was?“, da ruft man „Hä?“ – typische Titelschlagzeile auf Seite 1 der Ruhrnachrichten vom 2. Dezember 2020. Und ja: Das ist schon die ganze Überschrift.

Habe sehr lange nichts mehr über Moden und Marotten im Journalismus verlauten lassen. Und ich will’s auch kurz machen.

Marotte Nummer eins sind die kryptischen Schlagzeilen, wie sie in den hiesigen Breiten vor allem die Ruhrnachrichten (RN) pflegen oder besser: ‘raushauen; übrigens besonders gern beim Aufmacher der Titelseite. Da erschien kürzlich zum Beispiel die begnadete, im Grunde fast an jedem Tag mit wechselnden Inhalten wiederverwendbare Überschrift: „Skandal ungeheuren Ausmaßes“. Worum es da eigentlich ging, wurde auch nicht in einer Dach- oder Unterzeile erläutert. Man musste schon in den Text einsteigen, um zu erfahren, dass rechtsradikale Umtriebe bei der Polizei gemeint waren.

Tage später kam am selben prominenten Platz der Zeitung diese Zeile heraus, die gleichfalls auf ein Themenraten hinauslief: „Zuschlag für das Aus“. Hä? Wie bitte? Nun, diesmal ging es um den Kohleausstieg. Verdächtig genug, wenn sich derlei nichtssagende Zeilen schadlos umkehren lassen: „Aus für den Zuschlag“. Auch nicht völlig verkehrt.

Die im Ruhrgebiet nach entschiedener Gebietsaufteilung kaum noch direkt mit den RN konkurrierende Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) schmiedet derweil in aller Regel ungleich präzisere Überschriften. Dass es möglichst spezifisch sein soll, hat man ja als Journalist irgendwann auch mal gelernt. Bei den Ruhrnachrichten scheinen sie hingegen in der Chefetage beschlossen zu haben, dass rätselhafte Zeilen Anreize bieten. Aber auch das wird sich geben. Spätestens beim nächsten Relaunch des Blattes.

Mindestens ebenso sehr nervt eine aus dem Internet herrührende Gewohnheit, mit der dort möglichst viele Klicks erzeugt werden sollen. Auch hierbei wird das eigentliche Thema zunächst versteckt. Man verrät in der Überschrift / im „Anreißer“ überhaupt nicht mehr das Eigentliche, sondern verbirgt einen Kern der Nachricht ganz bewusst. Ein Musterbeispiel von endlos vielen, heute willkürlich herausgegriffen: „Das wird der Standort des Impfzentrums“. Ehedem, in den besseren Print-Zeiten, wäre der konkrete Ort (eine Dortmunder Musikhalle) auf jeden Fall sogleich genannt worden.

Seit einiger Zeit wird das Produkt jedoch vom Online-Auftritt her geplant und gedacht, die gedruckte Ausgabe ist quasi nur noch ein Anhängsel. Also soll dieser Reflex ausgelöst werden: „Das wird der Standort des Impfzentrums“ – „Ja, welcher wird es denn? Da muss ich doch gleich mal draufklicken.“ Und schon hat man wieder einen Zugriff generiert. Am besten wär’s gewesen, im Vorfeld der Entscheidung noch eine Bilderstrecke platziert zu haben, die sich zehnteilig auf zehn mögliche Standorte bezieht. Oder auch fünfzehn. Egal. Hauptsache, ihr klickt wie die Teufel.




Digitalisierung, Anfangszeiten, Distanzunterricht – die Mühen der Ebenen in der lokalen Schulpolitik

Hier wissen Schüler und Eltern (hoffentlich) Bescheid: die schulspezifischen Apps Google Classrooom und Untis auf einem iPad-Bildschirm. (Screenshot: BB)

Wenn die Dortmunder Stadtelternschaft (d. h. vor allem: die Schulpflegschaftsvorsitzenden) mit der Schuldezernentin Daniela Schneckenburger (Grüne) eine Videokonferenz abhält, dann kann man schon mal interessiert kiebitzen. Und was soll ich euch sagen: Da lernt man ein wenig die oft zitierten Mühen der Ebenen kennen.

Beim Online-Treff mit rund 40 Leuten ging’s heute Abend wahrlich nicht um den „großen Wurf“, sondern um recht kleinteilige, teilweise ziemlich knifflige Fragen, etwa zur Bildungsgerechtigkeit und zur Digitalisierung der Schulen.

Auf den immer dringlicheren Ruf nach Klassenteilungen, Wechsel- und Distanz-Unterricht in Corona-Zeiten konnte die Schuldezernentin nur ansatzweise eingehen, denn diese Themenbereiche fallen hauptsächlich in die Verantwortung des Landes NRW. Die Gemengelage scheint sehr unübersichtlich zu sein. Da gab es zwar kürzlich einen Landeserlass, der es örtlichen Schulen bzw. Gesundheitsämtern bei entsprechender Infektionslage freistellte, für Distanzunterricht zu sorgen. Dieser Erlass aber wurde wieder zurückgerufen. Daniela Schneckenburger musste bekennen, sich mit der „Distanzlernverordnung“ (man lasse sich das Wort auf der Zunge zergehen) des Landes nicht sonderlich gut auszukennen. Sowohl politisch als auch juristisch ist die Angelegenheit offenbar kompliziert. Wer wollte sich anmaßen, hierin Expertise zu besitzen?

Man sollte doch, man müsste mal…

Anke Staar, Vorsitzende der Stadteltern Dortmund (und auch der Landeselternschaft), sagte, sie habe den Eindruck, auf diesem Felde gehe es oft nicht um die Sache, sondern vielfach um  „parteipolitisches Geplänkel“. NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) mache sich dabei schon mal „einen schlanken Fuß“.

Geradezu quälend war sodann das Gespräch über Fragen der Information und Transparenz in der Schulpolitik, sprich: Erreichen die Botschaften aus der Landes- und Kommunalpolitik die Schul- und Klassen-Pflegschaftsvorsitzenden überhaupt in ausreichendem Maße? Als säße man in dieser Frage erst jetzt endlich einmal beisammen, machte Daniela Schneckenburger schwierige Datenschutz-Regelungen geltend. Immerhin einigte man sich darauf, dass es möglich sein müsse, die Elternvertretungen nicht unter privaten Mailadressen, sondern unter neutralen Schuladressen anzuschreiben. Man sollte doch, man müsste mal…

Ein ganzer Schwall von Zahlen

Noch so ein leidiges Thema: die Digitalisierung der Schulen und die Ausstattung mit entsprechenden Geräten – sowohl für (bedürftige) Schüler(innen) als auch fürs Lehrpersonal. Hier zeigte sich Schuldezernentin Schneckenburger präpariert, um jeder etwaigen Kritik am angeblich langsamen Vorgehen der Stadt zu begegnen. Sie wartete mit einem wahren Schwall von Zahlen auf. Wie viele Millionen Euro für diese Zwecke bereitstünden, was davon bereits abgerufen sei, wie viele Tausend Geräte jetzt und demnächst ausgeliefert werden könnten. Und so weiter, und so fort. Wie schnell die Geräte jetzt zur Verfügung stünden, hänge allerdings nicht zuletzt davon ab, „wie schnell die Menschen in China arbeiten.“ Sprach’s – und musste dann flugs erst einmal ihr eigenes iPad ans Stromnetz anschließen, damit der Akku nicht leerlief.

Apropos iPad: Die Stadt Dortmund, finanziell bekanntlich nicht gerade auf Rosen gebettet, gönnt sich und ihren Schulen die vergleichsweise teuren Apple-Apparaturen, also vor allem iPads. Familien, die daheim mit Android-Geräten arbeiten, müssen diese folglich selbst einrichten und warten. Ob immer alles kompatibel ist, wird sich zeigen. Unklar zudem, ob in weniger begüterten Haushalten überall flächendeckendes WLAN bereitsteht.

Kostspielige iPads per Leihvertrag

Fragen über Fragen: Was geschieht im Falle von Diebstahl oder Beschädigung? Da die Geräte sonst nicht zu vernünftigen Preisen versicherbar sind, werden sie per Leihvertrag ausgegeben. Einrichtung und Wartung übernimmt – bei jedem einzelnen der vielen Tausend iPads – das „Dortmunder Systemhaus“. Ein gar mühseliges und langwieriges Unterfangen. Kein Wunder, dass die meisten Geräte nicht morgen oder übermorgen nutzbar sein werden. Aber die Digitalisierung ist eben nicht erst mit Corona, sondern schon lange vorher verschlafen worden; in ganz Deutschland, beileibe nicht nur in Dortmund.

Schließlich noch die Frage nach einer Entzerrung des Unterrichtsbeginns, um auch die Verkehrsströme zu entlasten. Derzeit wäre es möglich, die Schule zwischen 7.30 und 8.30 beginnen zu lassen. Die Stadt, so Daniela Schneckenburger, habe die Schulen gebeten, entsprechende Möglichkeiten zu sondieren. Eine Weisungsbefugnis habe man indes nicht. Ein neuer Erlass sieht vor, dass der Unterricht künftig sogar zwischen 7 und 9 Uhr anfangen kann. Das mag vernünftig und flexibel klingen, aber Daniela Schneckenburger ließ schon mal etwas Luft heraus: Es könne passieren, dass Familien mit mehreren Kindern und diversen elterlichen Arbeitszeiten sich plötzlich auf drei oder vier verschiedene Anfänge einrichten müssten. So hat eben alles seine Licht- und Schattenseiten.

Wir aber blicken gleichermaßen froh und bang den Weihnachtsferien entgegen – und dem, was danach kommen mag.




Wie sieht das Museum der Zukunft aus? Wuppertaler Gesprächsreihe sammelt Ideen

Wie können sich die Museen – auch und gerade „seit Corona“ – aufstellen, um womöglich neues Publikum zu erschließen? So lautet eine Kernfrage der fünfteiligen Gesprächsreihe, zu der Roland Mönig, neuer Direktor des Wuppertaler Von der Heydt-Museums, Kolleg(inn)en aus anderen NRW-Häusern eingeladen hat. Just wegen Corona ist die Reihe nun als Videoschalte ins Netz gewandert. Das Motto lautet nach wie vor: „possible to imagine“. Und ja: So manches ist vorstellbar.

„possible to imagine“: So sieht es aus, wenn man sich zur Wuppertaler Videoschalte anmeldet. (Screenshot des Zoom-Bildschirms)

Gestern Abend schloss sich als vierter von fünf Terminen ein Gespräch mit Felix Krämer an, dem Direktor des Düsseldorfer Kunstpalastes. Dessen ausgedehnte Häuser beherbergen beispielsweise auch angewandte Kunst und Design, so dass Krämer und sein Team im Zweifelsfalle auch Rasierapparate ausstellen könnten, was den Zugang zu breiteren Publikumsschichten erleichtern mag – ebenso wie das allgemeine Ziel einer allzeit verständlichen Vermittlung. Sehr breit ist denn auch das Ausstellungsspektrum, es reicht von Caspar David Friedrich und der Düsseldorfer Malerschule bis hin zu einer Mode-Schau, die von Claudia Schiffer kuratiert wird (vermutlich ab August 2021).

Wenn die „Palast*Pilotinnen“ loslegen

Die Düsseldorfer haben einiges in Gang gesetzt, um auch Leute zu erreichen, die sonst nicht ins Museum gehen. Nur 5 bis 10 Prozent aller Deutschen, so Felix Krämer, betreten überhaupt Museen, man habe also ein Legitimationsproblem. Gegensteuern möchte er mit Aktionen wie der Suche nach „Palast-Pilot*innen“, die an der Neupräsentation der Sammlung gestaltend mitwirken sollen und aus ganz verschiedenen Berufsfeldern stammen. Kunsthistorische Vorkenntnisse waren nicht gefragt, als zur Teilnahme aufgerufen wurde. Über 1000 Leute meldeten sich, dann wurde gesiebt und gesiebt, bis schließlich 10 übrig blieben. Über die Auswahlkriterien hätte man gerne noch Näheres erfahren. (Übrigens: Von Migrantinnen und Migranten als Zielgruppe war nicht die Rede, jedenfalls nicht ausdrücklich).

Endlich mal ein richtiges Ölbild sehen

Weitere Aktivität: die in ihrer Art bundesweit einmalige, spezielle Kinder-Website des Museums. Auch gehen die Leute vom „Kunstpalast“ zwar nicht mit Spitzenstücken, wohl aber mit preiswert erworbenen Ölgemälden des 19. Jahrhunderts in Grundschulen, denn viele, viele Kinder haben tatsächlich noch nie ein echtes Ölbild gesehen, sondern allenfalls Reproduktionen oder elektronische Wiedergaben. Krämer (Düsseldorf) und Mönig (Wuppertal) waren sich einig: Es herrsche ein ungeheurer Bilderüberschuss bei gleichzeitiger „Bilderarmut“.

Der Corona-Frust war Krämer deutlich anzumerken. In diesen Zeiten ein (geschlossenes) Museum zu leiten, sei „einfach Mist“, befand er unumwunden. Zugleich lege die Pandemie die Schwächen bisheriger Planungen bloß. Zumal in Zeiten, in denen alle Einnahmen wegfallen, die meisten Ausgaben aber weiterlaufen, dränge sich die Frage auf: „Muss denn wirklich jede Ausstellung sein?“

Ein wenig provokant auch Krämers lautes Nachdenken über Depots, die durch Ankäufe immer mehr gefüllt und überfüllt würden. Wolle man denn wirklich das zehnte oder fünfzehnte Depot bauen, statt auch einmal Arbeiten zu v e r kaufen?

„…wie nach einem Zahnarztbesuch“

Felix Krämer richtete den Blick auf andere europäische Länder, wo man viel mehr jüngeres Publikum („unter 30″) in den Ausstellungshäusern sehe und wo man digitalen Vermittlungsformen aufgeschlossener gegenüberstehe. Als leuchtende Beispiele nannte er vor allem England und die Niederlande. Dort, so pflichtete Roland Mönig bei, würden etwa Shoppen, Kaffeetrinken und Museumsbesuch nicht so säuberlich getrennt wie bei uns. Hierzulande trinke man den Kaffee immer erst nach Absolvierung des Museums, gleichsam als Trost – „wie nach einem Zahnarztbesuch…“

Selfies vor Kunstwerken? Kein Problem!

E i n e Zukunft, das kristallisierte sich aus dem Gespräch heraus, liegt für die Museen offensichtlich in Formen der Virtual Reality (VR) oder auch Augmented Reality (AR). Krämer verwies auf ein Vorhaben, bei den virtuelle Skulpturen im Düsseldorfer Hofgarten verteilt werden sollen, die dann mit Smartphone oder Tablet aufgespürt und aufgerufen werden können – fast wie bei „Pokémon Go!“ Nützliche Nebeneffekte: Bei einer imaginären Ausstellung entfallen alle Mühen des Transports. Kein Kunstwerk kann beschädigt werden. Und man könnte eine solche Schau simultan an andere Orte „beamen“. Allerdings dürfte auch zumindest eine Dimension der Sinnlichkeit fehlen.

Einmütigkeit herrschte auch zum Thema Fotografierverbot im Museum. Sowohl Krämer als auch Mönig lehnen derlei Restriktionen rundweg ab. Im Gegenteil: Fotografieren (mitsamt Selfies vor den Kunstwerken) sei geradezu erwünscht. Na, da schau her!

Alles nur noch virtuell? Beileibe nicht. Roland Mönig betonte auch, dass Kunstwerke, wie sie in Museen gezeigt werden, „konkrete Körper“ seien, die beim Betrachten „Nähe herstellen“. Darin bestehe immer noch eine Kernaufgabe der Ausstellungs-Institute.

Was zuvor geschah – und was noch folgt

Die Gesprächsreihe war am 30. September mit Roland Nachtigäller eingeleitet worden, dem Chef des Marta-Museums in Herford. Er überraschte mit einer „steilen These“ (Roland Mönig), die da lautete: „Das Museum der Zukunft wird kein Museum mehr sein.“ Sodann stellte Katia Baudin, Direktorin der Krefelder Kunstmuseen, ihr Institut vor allem als „Ort des Experiments“ vor. Wer, wenn nicht die Museen, solle dafür zuständig sein? Dritter Gesprächsgast war der Journalist und Kunstkritiker Stefan Koldehoff (Deutschlandfunk), der in Museen vor allem Stätten der Kontroverse sieht und allenfalls in zweiter Linie den Tourismus-Faktor gelten lassen möchte.

Zwischenfazit: eine anregende Reihe, die zukunftsweisende Ideen sammelt. Wer weiß, welche Folgen und Folgerungen sich daraus noch ergeben werden.

Am 2. Dezember (18.30 Uhr) gibt es noch eine Gesprächsrunde mit Christina Végh, Direktorin und Geschäftsführerin der Kunsthalle Bielefeld.

 




Lob des Online-Treffens

Gestern auf dem Schreibtisch im Homeoffice: keine virtuelle, sondern eine sehr körperliche Begegnung mit Schriftgut. (Foto: Bernd Berke)

Ich will keinesfalls sagen, dass Corona „auch Vorteile hat“, das wäre zynisch. Doch der abgestufte Lockdown bringt Möglichkeiten mit sich, die – anfänglich zaghaft, nun schon entschiedener – erst jetzt so richtig genutzt werden und hoffentlich auch in Zukunft nicht klanglos verschwinden.

Ich rede nicht zuletzt pro domo: von virtuellen Pressekonferenzen und sonstigen Online-Treffen der Branche. Sicher, auch mit der Teilnahme an einem Videomeeting hinterlässt man einen „ökologischen Fußabdruck“, doch vermutlich einen weitaus geringeren, als wenn man leibhaftig zum Veranstaltungsort fahren würde.

Keine Strecke, keinen Stress

Und so weiß ich es zu schätzen, dass derzeit – eben auch im Sinne des Klimas – etliche Veranstaltungen ins Netz verlegt werden. Man spart Strecke um Strecke, Liter um Liter Kraftstoff, Fahrstress und Zeitaufwand. Und was die öffentlichen Verkehrsmittel betrifft, so wahrt man in heimischen Büro weitaus besser den gesundheitsdienlichen Abstand.

Ist es nicht wunderbar? Hier gibt es einen virtuellen Ausstellungsrundgang, dort eine netzbasierte Gesprächsrunde oder eine dito wissenschaftliche Tagung. Konkretes Beispiel: Schwerlich hätte ich mich eigens von Dortmund nach Berlin bewegt, um an der Jahrespressekonferenz des Goethe-Instituts teilzunehmen. Just heute kam per Mail eine Einladung zur digitalen Teilnahme. Aber sicher, das lässt sich machen. Es lebe das Homeoffice – zumindest als Ergänzung! Und mal ehrlich: Wie viele Dienstreisen waren und sind herzlich überflüssig; es sei denn, die allzeit Umtriebigen hätten mit ihren Terminen angeben wollen…

Bloß nicht wieder in die Versenkung

Wenn jetzt auch noch meine Webcam ein besseres Bild übermitteln würde, wäre es nahezu perfekt. Um aber in derlei Fällen übliche Sprüchlein zu verknüpfen: Man kann nicht alles haben und irgendwas ist immer, denn das Leben kein Ponyhof und es gibt Schlimmeres.

Natürlich wünschen wir uns alle, dass die Corona-Zeit ein Ende nehmen und es wieder mehr persönliche Begegnungen geben möge. Das Virtuelle, wir wissen’s, ist auf Dauer kein kompletter Ersatz. Aber bitte! Ob im Kulturbetrieb, im Pressewesen, in Schulen und Unis oder sonstwo: Lasst dann nicht alles Digitale gleich wieder in der Versenkung verschwinden! Abgemacht?




Nietzsche und sein „Gast“, Thomas Bernhard und die finale Richtigstellung – Nachtrag zur Dortmunder „Korrektur“-Tagung

Hier noch ein Nachtrag zur Dortmunder Fachtagung übers Korrigieren und seine diversen Weiterungen. Am zweiten Konferenztag ging es u. a. um zwei besonders markante Gestalten der Philosophie- bzw. Literatur-Geschichte: Friedrich Nietzsche und Thomas Bernhard.

Screenshot-Auszug aus der Präsentation von Prof. Justus Fetscher: links ein heftig korrigiertes Typoskript von Thomas Bernhard („Tamsweg“, 1960), das nie in Buchform erschienen ist. (© Suhrkamp / Justus Fetscher)

Haben Sie schon mal den Namen Heinrich Köselitz gehört? Wahrscheinlich eher nicht. In der Fachwelt galt und gilt er vielfach als mediokrer Geist, doch Friedrich Nietzsche setzte einiges Vertrauen in den Mann, dem er diktierte oder Seiten zur Abschrift überließ. Zwar korrigierte Nietzsche dann seinerseits in Köselitz‘ Niederschriften, doch ließ er ihm auch zunehmend recht freie Hand. So veränderte Köselitz hie und da Ausdrücke des Philosophen, dachte sich eigenständig Kapitelüberschriften aus und begriff sich schließlich selbst als eine Art „Editor“ oder Ko-Autor mit der Lizenz zum Mitschreiben.

Stavros Patoussis (Saarbrücken) und Mike Rottmann (Freiburg / Halle-Wittenberg) legten anschaulich dar, welchen Einfluss Köselitz auf die Textgestalt mancher Nietzsche-Werke hatte bzw. gehabt haben könnte. Die Forschung dazu ist noch lückenhaft, es sind noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft.

Der Unterschied zwischen Autor und Schriftsteller

Nietzsche selbst schrieb im Zusammenhang mit dem Buch „Menschliches, Allzumenschliches“, er sei zwar der Autor (also Urheber), Köselitz aber sei gleichsam der Schriftsteller, zuständig für manche stilistische Feinheit. Fraglich allerdings, inwieweit man alles für bare Münze nehmen muss, was Nietzsche so von sich gegeben hat – nicht nur in Sachen Korrekturen. Dass ihm die Form ungemein wichtig war, ist indes ausgemacht. Der Stil war nach seiner Auffassung keineswegs sekundär, sondern essenziell fürs gesamte Gedankengebäude. Demnach hätte Köselitz (von Nietzsche übrigens „Peter Gast“ genannt) also auch inhaltliche Prägekraft entfaltet. Ein durchaus spannender Diskussionsansatz.

Bemerkenswert, wie auf solche Weise Nietzsches Bild als Originalgenie auf einsamer Geisteshöhe denn doch etwas zurechtgerückt wird. Er bediente sich eines ganzen Netzwerks von Zu- und Mitarbeitern. Vielleicht bringen uns solche Erkenntnisse den Philosophen sogar wieder etwas näher. Es könnte nicht schaden.

„Herumfuhrwerken“ in den eigenen Texten

Zeitsprung zu Thomas Bernhard, dessen korrigierendes „Herumfuhrwerken“ in eigenen Hervorbringungen geradezu manisch gewesen sein muss. Justus Fetscher (Germanist an der Mannheimer Uni) zeigte dazu einige Bernhardsche Korrekturfahnen im Faksimile. Da offenbart sich ein gehöriges Schriftchaos. Zuweilen strich Bernhard ganze Passagen, bis nur noch ein Halbsatz übrig blieb, der dadurch aber insgeheim mit viel mehr Bedeutung aufgeladen wurde. Es sind Lehrbeispiele zur möglichen Wirkung radikaler Kürzungen, die ja auch einen (häufigen) Sonderfall des Korrigierens darstellen.

Es bedurfte schon eines legendär duldsamen und auch den schwierigsten Autoren in besonderer Weise zugeneigten Verlegers wie Siegfried Unseld (Suhrkamp), um Bernhards Marotten zu ertragen oder sie gar ins Ertragreiche zu wenden.

In letzter Minute fertige Bücher zurückgezogen

Zuweilen konnte Bernhard das Erscheinen seiner Bücher nicht schnell genug gehen, sie sollten dann nur noch flüchtig lektoriert werden, da gab sich der Autor ungeahnt nonchalant. Justus Fetscher sagte, er selbst habe als junger Suhrkamp-Hospitant einen solchen Fall erlebt. Berüchtigt war Bernhard freilich für das umgekehrte Vorgehen: Immer mal wieder zog er Bücher, die schon fertig gesetzt waren, in den Vorschaukatalogen standen und vom ambitionierten Buchhandel sehnlichst erwartet wurden, quasi in letzter Minute zurück. Das kostete im Verlag nicht nur Nerven, sondern auch bares Geld.

Zu solchen Rückziehern dürfte Bernhard auch ein Gefühl des Ungenügens bewogen haben. Seine Korrekturseiten legen ja beredtes Zeugnis ab vom prinzipiell unendlichen Änderungs-Bedarf. Die drangvoll eng beschriebenen Blätter wirken zuweilen wie eine Prüfung auf maximal mögliche Seitenkapazität, die über und über gehämmerten Buchstaben-Anschläge durchlöchern oder zerfetzen an so manchen Stellen das Papier. Fast möchte man von „Anschlägen“ im doppelten Sinne sprechen. Das Schriftbild anderer Seiten ergibt, mitsamt den überschriebenen, gestrichenen und verworfenen Stellen, ein ruhigeres, nahezu graphisch wirkendes Bild, Justus Fetscher fühlte sich an „Frottagen“ erinnert, wie sie etwa Max Ernst geschaffen hat.

Fortwährende Korrektur als Stundung des Todes

Es konnte sich nicht besser zum Tagungsthema fügen: Thomas Bernhard hat einen Roman mit dem Titel „Korrektur“ verfasst. Auch darin geht es um unaufhörliches Korrigieren des Korrigierten – prinzipiell ad infinitum. Fortwährend erstellte, immer neue Versionen erweisen sich dabei als Aufschub und Stundung des Todes. Solange man korrigiert, lebt man. Letztlich aber reicht diese wahnwitzige Praxis – im Leben wie im Roman – eben nicht bis in die Unendlichkeit. Und so besteht die finale „Korrektur“, so eine Bernhardsche Denkfigur, im Selbstmord des Protagonisten Roithamer, der in einigen Wesenszügen dem Philosophen Ludwig Wittgenstein nachempfunden ist.

Die Schlussdiskussion der Tagung habe ich mir nicht mehr ansehen können. Auf jeden Fall hat diese Konferenz ein bislang unterschätztes, im Grunde aber höchst bedeutsames Themenfeld aufgetan. Korrekturen, ob von eigener oder fremder Hand, stehen geradezu im Mittelpunkt nicht nur des kulturelles Tuns und Trachtens.




Als Robert Walser von Christian Morgenstern gerügt wurde – eine digitale Dortmunder Fachtagung zum Thema „Korrigieren“

Dortmund. Das haben wir nicht alle Tage: dass von Dortmund aus eine literatur- und medienwissenschaftliche Diskussion angeregt wird und es dazu eine hochkarätige Tagung gibt – in diesen Zeiten freilich digital und virtuell. Wir reden von einer zweitägigen Fachdebatte zum bisher weithin unterschätzten Thema des Korrigierens in vielen Schattierungen. Das Spektrum reicht von der Lektorierung literarischer Texte bis hin zur oft so vermaledeiten Autokorrektur-Software – und ragt in einige andere Bereiche hinein.

Etwas unscharfer Screenshot von der Videokonferenz-Tagung: Prof. Thomas Ernst beim einleitenden Kurzvortrag, in der Bildleiste darüber weitere Tagungs-Teilnehmer(innen).

Wie noch nahezu jedes Thema, so lässt sich auch dieses im Prinzip unendlich auffächern und in allerlei Feinheiten zergliedern. Was abermals zu beweisen war und sich heute schon zu Beginn der Tagung angedeutet hat. Im Folgenden „schenken“ wir uns sämtliche Professoren- und Doktortitel, praktisch alle Beteiligten tragen den einen oder anderen. Und übrigens: Fast alle zeigten sich den Webcams vor üppig gefüllten Bücherregalen.

Eingeladen hatte das von Iuditha Balint geleitete Fritz-Hüser-Institut (FHI) für Literatur und Kultur der Arbeitswelt, das in der Nachbarschaft des Dortmunder LWL-Industriemuseums Zeche Zollern residiert. Mitorganisator ist Thomas Ernst (Amsterdam/Antwerpen), weitere Wissenschaftler*innen werden aus Bern, Hamburg, Berlin, Saarbrücken, Mannheim, Leipzig, Essen und Bochum zugeschaltet, die Kommunikation erfolgt via Zoom-Konferenz.

Machtverhältnisse und aufklärerisches Potenzial

Iuditha Balint legte in ihrer kurzen Einleitung dar, dass Korrekturen u. a. auch Ausdruck von Machtverhältnissen sein können (wer darf wen wie weitgehend „verbessern“?) und sozusagen ein Gegenstück zum Konzept von genialer oder auktorialer Autorschaft darstellen. Thomas Ernst führte aus, dass das Korrigieren zudem – schon in der Schule, wenn etwa Klassenarbeiten durchgesehen und bewertet werden – normative Funktionen erfülle. Auch Zensoren übten quasi eine Art „Korrektur“ aus. Am anderen Ende der Skala befördere das Korrigieren allerdings auch Formen kollektiver Zusammenarbeit und könne als Instrument der Aufklärung gelten. Wie wissenschaftliche Erkenntnisse sich überhaupt im Dialog und durch ständige Revisionen (also: Korrekturen) konstituieren, habe sich jüngst auch bei der Diskussion virologischer Themen vielfach erwiesen. Da war er, der aktuelle und buchstäblich virulente Bezug. Hier aber gilt’s den Geisteswissenschaften.

Die „Affenliebe“ zum eigenen Schreiben

Den ebenso anspruchsvollen wie interessanten Eröffnungsvortrag hielt sodann Ines Barner aus Essen. Sie skizzierte eine übergreifende Systematik zum Thema der Tagung und verwies dabei auf zwei konkrete Beispiele aus den Gefilden der literarischen Hochprominenz. So hat kein Geringerer als der Lyriker Christian Morgenstern – einer der frühen Lektoren im deutschsprachigen Literaturbetrieb – zeitweise die Betreuung des Romanautors Robert Walser („Geschwister Tanner“) übernommen. Anfangs höchst angetan vom kurz zuvor neu entdeckten Walser, schrieb Morgenstern ihm vor der Drucklegung einen ziemlich harschen Brief. Walsers „Affenliebe“ zum eigenen Text müsse nun endlich aufhören, er schreibe viel zu „weitschweifig“ und „selbstgefällig“, ja nahezu trivial. Sprach’s und strich kurzerhand ganze oder halbe Seiten aus dem ursprünglichen Text… Just solche „Störstellen“ (Ines Barner) hat Robert Walser hernach aufgegriffen, um sie eigenständig umzuarbeiten.

Peter Handke zwischen den Extremen

Anders gelagert war der Fall bei Peter Handke, dem Elisabeth Borchers als Lektorin des Buchs „Langsame Heimkehr“ zur Seite gestanden hat. Handke wusste nicht recht, wie er das Buch enden lassen sollte und steigerte sich in eine regelrechte Schreibkrise hinein, in deren Verlauf er Elisabeth Borchers freie Hand gab, den Text nach Belieben zu ergänzen, was einer Mitautorschaft gleichkam. Ein durchaus ungewöhnliches Verfahren. Handke hat seine Großzügigkeit denn auch später bereut, sich von Borchers als Lektorin getrennt und fortan umso entschiedener auf Unantastbarkeit seines Schreibens bestanden. Von einem Extrem ins andere…

Schon diese beiden Beispiele des Umgangs mit Korrekturen auf dem Felde der Hochliteratur lassen ahnen, wie spannend und vielfältig die Stoffe der Dortmunder Tagung sind. Es werden noch etliche weitere Aspekte in Betracht kommen, beispielsweise: Korrekturen und Lehrerurteile anhand deutscher Abituraufsätze in den 1950er Jahren (Sabine Reh), Korrekturprozesse bei der Verfertigung von Friedrich Nietzsches „Die fröhliche Wissenschaft“ (Stavros Patoussis / Mike Rottmann), „Zur Figur des Korrigierens bei Thomas Bernhard“ (Justus Fetscher), „Korrigieren mit der Schere“ (Marie Millutat) oder auch „Sprachliche Normen und Korrekturimpulse in automatisierten Korrekturprozessen“ (Ilka Lemke / Katrin Ortmann).

Schade nur, dass die Teilnehmerzahl auf rund 100 Leute begrenzt ist. So bleibt die Wissenschaft erst einmal unter sich. Doch Verlauf und Resultate der Tagung sollen später noch publiziert werden; zunächst in einigen Wochen als Zusammenschnitt (auf der Instituts-Seite fhi.dortmund.de), im nächsten Jahr dann als Tagungsband.

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P. S.: Auch dieser Beitrag wurde noch einer Korrektur unterzogen. Nur gut, dass er nicht gedruckt vorlag.

 

 




Welthaltige Selbsterkundung: „Die Scham“ von Annie Ernaux

„An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen.“ Erschütternder kann ein Buch wohl kaum beginnen.

Es ist der Anfangssatz von Annie Ernaux‘ Selbsterkundung unter dem Titel „Die Scham“. Bereits 1997 erschien „La Honte“ (Originaltitel), dessen übertragene Wortbedeutung zwischen Scham und Schande oszilliert, bei Gallimard in Paris. Jetzt liegt das Buch, das so recht zu keinem Genre passen mag, auf Deutsch vor, offenkundig kongenial übersetzt von Sonja Finck. Dankenswert auch, dass dieses Werk für uns noch nachträglich „entdeckt“ worden ist.

„Die Scham“ umfasst gerade einmal 111 Textseiten – und rekonstruiert doch einen ganzen Weltausschnitt rund um jenen Junitag des Jahres 1952, als die Erzählerin (recht unverhüllt die Autorin selbst) beinahe 12 Jahre alt war und jene furchtbare Urszene mitansehen musste, die sich fortan weder begreifen noch gar tilgen ließ und sich zur allgegenwärtigen Scham verfestigte, zum alles überschattenden Gefühl, nicht mehr zugehörig zu sein. An einer Stelle übersetzt Sonja Finck dies mit einem eventuell erzdeutschen Ausdruck: „… diese Erfahrung der Nichtung …“

Zitat:

„Von jetzt an lebte ich in der Scham.

Das Schlimmste an der Scham ist, dass man glaubt, man wäre die Einzige, die so empfindet.“

Jäh und heillos „ins Unglück stürzen“ („gagner malheur“) – diese Redewendung erfasst den eigentlich unbeschreiblichen Zustand zumindest näherungsweise. Unfassbar schon, dass die dreiköpfige Familie kurz nach dem wahnsinnigen Mordversuch eine Radtour unternommen hat, als wäre nichts geschehen – und dass Eltern und Kind überhaupt nie mehr auf das Ereignis zu sprechen gekommen sind. Eine schreckliche Redehemmung, über Jahrzehnte hinweg.

In einem geradezu heroischen Schreib-Unterfangen sucht Annie Ernaux, gleichsam eine Ethnologin ihrer selbst, sich alle wesentlichen Dinge zu vergegenwärtigen, die sie in jener Zeit geprägt haben. Daraus entsteht nach und nach nicht weniger als die (freilich fragmentierte) Welt eines französischen Provinzörtchens zwischen Rouen und Le Havre, also in der Normandie. Immer mehr kleine, doch bedeutsame Details lagern sich an, Introspektion und Welthaltigkeit sind hier keine Widersprüche. Trotz aller Bemühungen stellt sich zwischendurch Resignation ein: „Es gibt keine wirkliche Erinnerung an sich selbst.“ Und dennoch: Es muss versucht werden.

Die Selbstvergewisserung beginnt mit der Betrachtung zweier Porträt-Fotografien von 1952. Bin ich das? Bin ich dieselbe? Es folgen eingehende Recherchen in Lokalzeitungen des betreffenden Jahrgangs. Daraus erwachsen Splitter eines Zeitbildes, das nun weiter und weiter ausgeführt wird. Besonders die einander überlagernden und verstärkenden Zwangswelten der Familie, der unmittelbaren Nachbarschaft mit ihren schier unendlich vielen Verhaltensregeln und noch weitaus mehr die katholische Privatschul-Erziehung, vorwiegend durch Nonnen, verdichten sich zu allumfassenden Begrenzungen und Beschränkungen – bis in einzelne Worte und Gesten hinein. So kompliziert können die sogenannten „einfachen Verhältnisse“ sein, zumal dann, wenn sie mit Aufstiegssehnsüchten einhergehen.

Merkmale sind engstirnige Provinzialität und immerwährende Furchtsamkeit, überwölbt von schärfstens definierten Klassen- und Schichtenzuweisungen, die mitunter einen Straßenzug vom nächsten abgrenzen. Hier wissen alle, wohin sie gehören und was sich gehört – und wehe, wenn nicht. Umso absurder der Ausbruch, die mörderische Szene zwischen Vater und Mutter, die das Buch aus verschiedenen Distanzen umkreist. Als Lesender bekommt man es geradezu mit der Angst zu tun, mit den Augen der Leidenden die unverstellte Wahrheit nochmals von Nahem ansehen zu müssen – und sei es „nur“ in der nunmehr mit Wissen angereicherten Beschreibung. Doch was ist überhaupt Wahrheit in all dieser Wirrnis?

Aller Lakonie, allen ernüchterten Feststellungen zum Trotz ist dies ein mitreißendes Buch, in dem man keine Zeile auslassen sollte, so überaus genau ist es durchgearbeitet. Nein, es ist keinesfalls einfach, so einfach zu schreiben. Im Gegenteil. Was immer hier flüchtig oder unvollendet wirken mag, ist exakt auf diese Weise angemessen. Denn wer wollte in geläufigen Formulierungen über derlei rohe Tatsachen oder über deren Verbrämung sprechen? Wer wollte dieser bestürzenden Realität mit fertigen Erkenntnissen der Psychologie oder der Alltagsweisheit beikommen?

Annie Ernaux: „Die Scham“. Bibliothek Suhrkamp. 111 Seiten, 18 Euro.

Weitere Bücher von Annie Ernaux: „Die Jahre“, „Der Platz“, „Eine Frau“ – alle im Suhrkamp-Verlag.




Selbstgeißelung eines vierfachen Vaters: Tillmann Prüfers Kolumnen-Buch „Jetzt mach doch endlich mal das Ding aus!“

Das Phänomen ist schon einige Jährchen alt. Etliche Journalistinnen und Journalisten sehen sich bemüßigt, das Aufwachsen ihrer Kinder publizistisch mit Kolumnen zu begleiten oder es (böswillig ausgedrückt) „auszuschlachten“.

Die schwer zu übertreffenden Musterbeispiele für dieses Genre hat Axel Hacke („Der kleine Erziehungsberater“ u. a.) von der Süddeutschen Zeitung verfasst. Er dürfte einige Leute zumindest indirekt inspiriert haben, es ihm gleichzutun; so wohl auch Tillmann Prüfer (Leitender Redakteur beim „Zeit-Magazin“, wo die meisten Kolumnen zuerst erschienen sind), der schon mal darauf verweisen kann, Vater von vier Töchtern zu sein: Juli ging zum Zeitpunkt der Niederschrift noch zur Grundschule (2. Klasse), Greta war 13, Lotta 15 und Luna 20 Jahre alt. Ein gehöriges Spektrum, fürwahr. Da macht man(n) was mit. Und da drängt sich die Verfertigung einer Kolumne geradezu auf, oder?

Ein hervorstechendes Merkmal der Töchter (nicht nur bei den Prüfers) ist der allgegenwärtige Medienkonsum via Smartphone. Und so trägt das Buch denn auch einen genervten Ausruf als Titel: „Jetzt mach doch endlich mal das Ding aus!“ Dumm nur, dass auch der Vater ziemlich oft auf dem Handy daddelt. Das schmälert schon mal seine Autorität in derlei Fragen. Doch als leuchtendes Vorbild sieht er sich eh nicht. Dazu gleich noch mehr.

Tillmann Prüfer spielt das Lied von der Smartphone-Manie sozusagen auf der Klaviatur rauf und runter, in immer neuen Variationen. Da geht es beispielsweise um die (herzlich nutzlose) Festlegung der Bildschirmzeit, um Selfies, um Netzwerke wie WhatsApp, TikTok und Insta (nur Erwachsene sagen Instagram), um die übliche Kürzelsprache, um Streaming-Dienste wie Spotify und klaftertiefe Differenzen beim Musikgeschmack oder um Ballerspiele. Et cetera pp.

Fährnisse rund ums Internet bilden zwar den Schwerpunkt, doch kommen weitere Alltagsdinge hinzu, so etwa der Auftritt eines Roboter-Staubsaugers, Turnübungen im Wohnzimmer, Fernsehkonsum und schließlich auch schon Freud und Leid beim coronabedingten Homeschooling im Frühjahr 2020. Gar vieles läuft auf augenzwinkernde Verständigung hinaus, die auf die Generationsgenossenschaft des Autors zielt. Tillmann Prüfer ist übrigens vom Jahrgang 1974. Und er hätte es so gern, wenn seine Töchter öfter mal ein Buch zur Hand nähmen…

Zwar habe ich nicht vier Töchter, sondern eine Elfjährige, die auf Nachfrage inhaltliche Details des Buchs vollauf bestätigen kann. Sie und ihre Freundinnen leben quasi im selben Kosmos wie Tillmann Prüfers Kinder. Und der bleibt einem eben teilweise verschlossen. Dessen ungeachtet kommt mir manches sehr bekannt vor, so etwa Schleich- und Playmo-Spielzeug, die speziellen Tänze, die zu TikTok-Sounds wie „Baby Shark…“ vollführt werden, oder der Kult um BFF-Verhältnisse (Best Friend Forever). Und vieles mehr.

Väter oder Mütter können sich da schon mal ziemlich altmodisch oder „zurückgeblieben“ vorkommen. Aber muss man sich selbst so unablässig geißeln, wie es Tillmann Prüfer für angebracht hält? Feinsinnige Selbstironie in allen Ehren, sie ist angenehm und lässt auf eine gewisse Souveränität schließen. Hier aber wird sie als ständige Selbstverkleinerung geradewegs zur Masche und schlägt zuweilen ins Gegenteil um.

Fast in jeder Kolumne lässt uns der Autor wissen, dass er sich – ganz gleich, auf welchem Gebiet – wieder mal als total uncooler und unfähiger Depp erwiesen habe, der nach Meinung der Mädels weder locker noch „fresh“ ist. Er setzt noch manch einen drauf und stellt sich allemal als vorgestrig, ungelenk und begriffsstutzig dar. Diese permanente (Pseudo)-Unterwürfigkeit verwässert die Lektüre. Die einzelnen Beiträge bekommen dadurch einen recht ähnlichen Drall und münden häufig in Sinnschleifen, die gut und gern mit Loriots unnachahmlichem „Ach was!“ quittiert werden könnten. Man muss zugute halten: Als gelegentliche Einzelstücke im Zeit-Magazin haben die Texte eine andere Wirkung als im Buch, wo sie halt hintereinander weggelesen werden.

Indes lässt Prüfer immer mal wieder ahnen, was es heißt, gleichsam im Bannkreis von vier Töchtern in verschiedenen Stadien zwischen Kindheit und Vollmündigkeit ein Vaterdasein zu fristen. Da braucht man einfach seine kleinen Fluchten.

Tillmann Prüfer: „Jetzt mach doch endlich mal das Ding aus!“ Kindler Verlag, 160 Seiten, 12 Euro.




Kulturministerin rüffelt Kulturschaffende

So richtig habe ich meinen Augen zunächst nicht getraut, als ich dieses Zitat gelesen habe: „Die Kultur muss aufpassen, dass sie nicht immer eine Extrawurst brät.“ Denn wer hat’s gesagt? Ausgerechnet die NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen, die nicht nur parteilos ist, sondern sozusagen auch „keine Verwandten“ zu kennen scheint.

Kulturveranstaltung mit Bestuhlungs-Abstand und Hygienekonzept. (Foto vom 1.11.2020: Bernd Berke)

Es stimmt ja: Kulturschaffende treten mitunter sehr fordernd auf und sind auch nicht allzeit bereit, sich auf einen breiten gesellschaftlichen Konsens einzulassen. Es muss wohl etwas oder sogar einiges vorgefallen sein, was der Kulturministerin nicht behagt. Also hat sie an die Kulturbranche appelliert, die harten Maßnahmen im Corona-Lockdown mitzutragen. So weit richtig und nachvollziehbar, gerade angesichts der ständig steigenden Infektionszahlen. Nur: Auf wen zielt ihre Suada?

Da steht dieser eine, irritierende und erratische Satz:„Die Kultur muss aufpassen, dass sie nicht immer eine Extrawurst brät.“ Was heißt denn überhaupt „D i e Kultur“? Und was heißt hier eigentlich „immer“? Und wäre unter „Extrawurst“ die bloße Existenzsicherung zu verstehen? In dieser Zuspitzung stimmt der ministeriale Satz einfach nicht. Hat man je aus einem zuständigen Ministerium gehört, das Hotel- und Gaststättenwesen bekomme „Extrawürste“ gebraten oder brate sie selbst? Dabei dürfte diese ebenso gebeutelte Branche weitaus entschiedenere Lobbyarbeit betreiben und mit Forderungen auch nicht hinter dem Berg halten.

Dass gerade Kulturschaffende und Kulturveranstalter zu jenen gehören, die am meisten unter der Corona-Krise leiden, dürfte sich herumgesprochen haben. Dass sie just von einer Kulturministerin recht pauschal angegangen werden, klingt – speziell in diesem Zusammenhang – überhaupt nicht angemessen. Es wird gar mit einer unterschwelligen Drohung verknüpft. Die Szene, so die wohlbestallte Ministerin Pfeiffer-Poensgen weiter, solle sich „nicht zu sehr aus dem gesellschaftlichen Konsens herausbewegen“, sonst könne es der Kultur dauerhaft schaden. Wird da auf diffuse Weise Wohlverhalten eingefordert; werden da etwa insgeheim Mittelkürzungen oder „Liebesentzug“ in Aussicht gestellt? Doch wohl hoffentlich nicht.

Gewiss: Bund und Länder schnüren etliche Hilfspakete und haben einen millionenschweren „Kulturstärkungsfonds“ auf die Beine gestellt. Dass hierbei immer noch nachjustiert werden muss, dürfte unstrittig sein. Die Fördermechanismen waren nämlich bislang nicht immer zielgerichtet und hilfreich. Betroffene könnten da viel erzählen. Aber will’s die Ministerin auch hören?

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P. S.: Die WAZ kündigt zu Pfeiffer-Poensgens Äußerungen heute auf ihrer Titelseite einen Bericht und Kommentar für die Kulturseite an. Der Bericht ist keine Eigenleistung, sondern erweist sich als Übernahme von der Deutschen Presseagentur (dpa), den Kommentar habe ich in der mir vorliegenden Ausgabe vergebens gesucht. Oder habe ich nur nicht genau genug hingeschaut?

Nachtrag am 10. November

Der Wahrheit die Ehre: Heute hat die WAZ mit einem Interview nachgelegt. Darin bedauert Frau Pfeiffer-Poensgen zumindest ihre „Extrawurst“-Wortwahl. Zitat: „Meine Wortwahl war sicherlich unglücklich, der Begriff hat manche offenbar sehr getroffen. Ich wollte niemanden verletzen (…) Ich würde den Begriff nicht noch einmal verwenden.“

 




Streckenbilanz, Realformation, Torwahrscheinlichkeit – ein paar Mitteilungen über den Fernseh-Fußball der Jetztzeit

Irgendwo da draußen im Lande: ein Fußballtor im Grünen. (Foto: Bernd Berke)

Wie oft hat man sich schon über Fußballkommentatoren aufregen müssen. Man ist ja schließlich kundig und objektiv – die professionellen Schwätzer*innen hingegen…

Wünschte man sich nicht manchmal, es säßen oder stünden Roboter am Mikro, desgleichen vor den Kameras? Doch nein. So unterkühlt hätte man’s auch nicht gern. Aber nochmals halt! Wahrscheinlich ist es längst kein Problem mehr, etwaigen Kommentar-Robotern gezielt und dosiert Emotionen beizubringen, in Mischungen nach Wunsch.

Die Künstliche Intelligenz, das hat sich schon vielfach gezeigt, beherrscht die nicht allzu ausufernde Fachsprache des Fußballsports recht schnell und perfekt. Vom korrekten Registrieren der Ergebnisse ganz zu schweigen. Ja, inzwischen ist die Entwicklung so weit, dass auch schon beachtliche Feuilleton-Texte generiert werden können. Wahrscheinlich muss man vorher nur oft genug Worte wie opak, verstörend oder Narrativ hochladen, dann wird das schon.

Doch zurück zum Fußball. Schon seit Jahren werden Fernsehübertragungen immer mehr mit Statistiken vollgepfropft, bis hinab zur Ebene des einzelnen Spielers, der z. B. am 5. November vor genau vier Jahren sein letztes Fallrückzieher-Tor erzielt oder ein elfmeterreifes, aber ungeahndetes Foul begangen habe, woraufhin… Regelrechte Absurditäten werden in den Datenbanken festgehalten – und nimmermehr gelöscht. Jetzt schleppen sie das ganze Zeug mit sich rum. Allerlei Transfergerüchte werden gelegentlich hechelnd mitgeliefert.

Ungewissheit sorgt für Gesprächsstoff

Vor allem aber ist die TV-Berichterstattung über Fußball immer mehr mit scheinbar fehlerlosen Kontroll-Techniken unterfüttert worden. Ausgeklügelte Torlinienberechnungen wären zu nennen, mit deren Hilfe es anno 1966 nie zum legendären „Tor von Wembley“ gekommen wäre. Nicht auszudenken. Generationen von Männern hätten des Gesprächsstoffs ermangelt und betrübt in ihr Bier geblickt, wenn nicht still ins Glas geweint. Dieses flaue Gefühl sorgt auch dafür, dass Videoassistenten (VAR) die wohl ungeliebtesten Protagonisten im Umfeld des Sports sind. Sie haben einem schon so manches Tor verhagelt, das man bereits bejubelt hatte. Zuweilen haben sie’s erst nach Minuten des Hoffens und Bangens versaubeutelt.

Die Messung der Schussgeschwindigkeit (wie schnell ist der Ball geflogen?) ist ein vergleichsweise alter Hut. Etwas neueren Datum sind Streckenberechnungen: Wie viele Kilometer hat ein bestimmter Spieler oder ein ganzes Team auf dem Rasen zurückgelegt? Waren es bei einem Kicker nur 8 und nicht 10 Kilometer in rund 90 Minuten, so ist der heimische Sesselhocker geneigt, ihn als „Stehgeiger“ zu bezeichnen. Etwas Respekt nötigt ihm zwischen zwei Pils höchstens die gleichfalls verzeichnete Sprint-Höchstgeschwindigkeit beim Match ab, die auch schon mal mehr als 34 km/h beträgt. Da ist man doch zum Kühlschrank eher etwas langsamer unterwegs. Ansonsten gleicht man als Zuschauer jenen Spielern, die sich in letzter Zeit bei gegnerischen Freistößen öfter mal hinter die eigene „Mauer“ auf den Rasen legen, damit bodennah „nichts durchkommt“.

Relativ neu ist die Visualisierung der sogenannten Realformation, die nichts mit Real Madrid zu tun hat. Nein, hierbei geht’s darum, wo die einzelnen (schematisch durch ihre Rückennummern repräsentierten) Spieler sich „im Durchschnitt“ der bisherigen Spielzeit aufgehalten bzw. bewegt haben, nämlich fast niemals lupenrein in taktischen Aufstellungsrastern wie 4 – 2 – 4, 3 – 4 – 2 – 1 oder dergleichen. Und siehe da: Eine Elf, die das Spiel überlegen gestaltet, steht insgesamt weiter vorn, die gegnerische hingegen näher am eigenen Tor. Wer hätte das früher gedacht, als es diese stupide, Verzeihung: stupende Zahlenverschiebung noch nicht gegeben hat? Wie haben wir Fußball überhaupt verstehen und genießen können – ohne solche Informationen? Damals hat man einfach darüber geredet, heute heißt das „Analyse“.

Nun hört man ihre Zurufe beim Spiel

Manche TV-Sprecher scheinen in einem Punkt geradezu dankbar für „Geisterspiele“ in Corona-Zeiten zu sein. Seither hören sie nämlich, was Trainer und Spieler während der Partien rufen. Daraus hat sich quasi schon ein eigenes Genre der zusätzlichen Spieldeutung ergeben. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat vor einigen Wochen gar mehrere Seiten freigeräumt, um die zahllosen Zurufe während eines ganzen Spiels (Bayern München – Borussia Dortmund) wortwörtlich wiederzugeben. Das machen sie sonst allenfalls für Essays vom Kaliber Jürgen Habermas.

Und noch eine Novität: Neuerdings wird nach Toren eingeblendet, mit wieviel Prozent Wahrscheinlichkeit dieser Treffer gefallen sei. Damit wir uns richtig verstehen: Er ist hundertprozentig gefallen, aber ist es in genau dieser oder datenbankmäßig vergleichbarer Situation wahrscheinlich gewesen – und falls ja, w i e wahrscheinlich? Zu 13 oder zu 43 Prozent? Auf so einen Humbug muss man erst einmal kommen. Nun warten wir noch auf die einsteinsche Rechenformel zu den „Unhaltbaren“, die ein richtig guter Torhüter dann und wann denn doch hält.

Aber im Grunde sehnt  man sich nach echt abgeklärten Typen wie dem BVB-Altvorderen Adi Preißler zurück, der die ewige Weisheit geprägt hat: „Grau ist alle Theorie – entscheidend ist auf’m Platz.“




Technik der Gesichtserkennung – trotz Masken ziemlich treffsicher

Aufsetzen? Zum Schutz vor Corona sicherlich! Aber gegen avancierte Gesichtserkennung hilft die Maske wenig. (Foto: BB)

Von Zeit zu Zeit lade ich Fotos in eine Cloud hoch. Die Betreiber dieser Cloud setzen – je nachdem, ob man diese Einstellung wählt – eine Gesichtserkennung ins Werk. Daran knüpfen sich Fragen und Bedenken, zumindest nach hiesigem Datenschutz-Verständnis.

Es werden im Fall des Falles also Hunderte, Tausende oder Zigtausende von Fotos nach abgebildeten Personen vorsortiert, die man sodann mit Namen versehen kann. Schon dabei beschleicht einen ein mulmiges Gefühl, denn wer weiß, wo solche (und sei’s nur mit Vornamen) zugeordneten Dateien dann anlanden und wozu sie verwendet werden können. Fehlt nur noch der Fingerabdruck. Aber den liefern viele Leute bei Anmeldevorgängen auf ihren Smartphones, wenn sie sich nicht auch dort per Gesichtserkennung einloggen. Wenn dies alles nun zusammengeführt würde? Gespenstisch.

Das Programm kennt deine Freundschaften am besten

Zuweilen „vertut“ sich die Gesichtserkennung der Cloud noch und registriert ein und dieselbe Person als verschiedene Menschen. In solchen Fällen könnte man dem Programm auf die Sprünge helfen und diverse „Bilderstapel“ miteinander kombinieren – damit quasi zusammenwächst, was zusammen gehört. Auch das ist nicht unproblematisch, hilft man auf diese Weise doch, das Programm immer mehr zu verbessern und zu präzisieren, bis es „deine“ Leute fast so gut erkennt wie du selbst.

Eines Tages wirst du überflüssig sein und sie werden dir sagen, wer deine guten Freundschaften und wer die weniger guten sind. Zuerst vielleicht noch wohlmeinend, später zunehmend harsch und herrisch? Wer weiß. Bereits jetzt werden die Personen in einer Art Hitliste nach Bilderhäufigkeit geordnet. Sind diejenigen, die da ganz obenan stehen, also wirklich die wichtigsten Menschen? Oder haben sie sich nur besonders oft und penetrant vor die Kamera gedrängt?

Vollends stupend finde ich eine Fähigkeit der Cloud, die jetzt erst so recht zum Tragen kommt: Die Gesichtserkennung, einmal auf bestimmte Menschen „geeicht“, lässt sich auch durch Masken kaum in die Irre führen. Offenbar reichen mitunter schon Frisur bzw. Haaransatz, die Form der Stirn, vor allem die Augen und möglicherweise auch der Kleidungsstil oder wiederkehrende Kleidungsstücke aus, um jemanden recht eindeutig zu kennzeichnen. Hierin ist das Programm vielleicht sogar schon genauer als man selbst, der man jetzt bei Begegnungen gelegentlich ein paar Sekunden lang rätselt, welches bekannte Gesicht sich hinter einer Schutzmaske verbirgt.

Speziell in Asien vorangetrieben

Höchstwahrscheinlich ist dieses Feature in Asien vorangetrieben worden, wo viele Menschen seit jeher Alltagsmasken tragen. Ob die Sache in den USA in weitaus besseren Händen ist, steht dahin. In China freilich wird soziales Verhalten ungleich mehr unter Kontrolle gebracht und in erwünschte Richtungen gelenkt. Ungezählte Kameras, versehen mit avancierten Möglichkeiten der Gesichts- und Bewegungserkennung, erfassen weite Teile des (halb)öffentlichen Lebens, mit anderen digitalen Techniken regieren Autokraten jeder Couleur bis ins Private hinein. Virale Ausbreitungen mag sie verhindern oder mindern, doch gegen derlei Kontrollmechanismen hilft auch keine Maske mehr.

Und noch eins: Neuerdings sparen sich viele Medien die früher übliche Verpixelung, sofern die Abgebildeten Masken tragen. Sie haben ihre rechtliche Rechnung anscheinend ohne Rücksicht auf die fortgeschrittenen Fähigkeiten der Gesichtserkennung gemacht.




Vor dem Lockdown: Noch einmal Max Goldt gelauscht…

Lesung vor arg reduziertem Publikum: Max Goldt auf der Bühne der Schwerter Rohrmeisterei. (Foto: Bernd Berke)

Ich geb’s freimütig zu: Heute Abend habe ich zu jenen gehört, die die vorerst allerletzte Chance auf live dargebotenen kulturellen Genuss genutzt haben – anlässlich einer Lesung des grandiosen Max Goldt in der „Rohrmeisterei“ zu Schwerte.

Wer diesen Veranstaltungsort kennt, mitsamt dem früher so kommunikativen Vorab- und Pausen-Gewimmel im Foyer, und wer nun diese Stätte unter Corona-Bedingungen erleben musste, konnte in Trübsinn verfallen. Ich habe nicht nachgezählt, aber es mochten ungefähr 60 Publikumsplätze gewesen sein, die hätten besetzt werden können. Wirklich erschienen waren vielleicht 30 Zuschauerinnen und Zuschauer. Und jetzt ist erst einmal ganz Schluss – mindestens bis Ende November. All diese Umstände haben Max Goldt gewiss nicht beflügelt, er hat sich aber auch nicht verdrießen lassen.

Seine Texte mussten sich also gleichsam gegen eine triste Grundierung behaupten. Sie sind auch dazu allemal geeignet, ja streckenweise scheinen sie noch einmal anders aufzuleuchten als ohnehin schon. Herrlich seine ebenso leichthändigen wie (tief)sinnigen Überlegungen zu Grundfragen wie Glück und Humor (der ihm zufolge gar nicht mit Lachen einhergehen muss – und erst recht nicht mit dem Erzählen vorgestanzter Witze). Die Schilderung eines geradezu ekelhaft „glücklich“ sich nennenden Menschen und seiner rundum ach so idealen Lebensverhältnisse erweist sich als komischer Stoff ersten Ranges; ganz zu schweigen von irrwitzigen Auszügen aus Hotel-Beurteilungen in einschlägigen Internet-Portalen oder der imaginierten Museumsführung für drei verwöhnte und ziemlich abgebrühte Mittelschichts-Kinder, denen das Gemälde „Die Büchse der Pandora“ erklärt werden soll.

Genug der stichwortartigen Aufzählung. Goldt ist und bleibt jedenfalls ein Mann von Stil und Weisheit, einer, der stets haargenau den passenden Ton trifft – ob nun im Allzumenschlichen oder im Absurden. In der deutschen Literatur (und dahin gehört er vor allem, nicht etwa in eine separate Comedy-Abteilung) ist seine Stimme einzigartig. Oder wie es sein Schriftsteller-Kollege Daniel Kehlmann ausgedrückt hat: Goldts Texte gehörten „zum am feinsten Gearbeiteten (…), was unsere Literatur zu bieten hat.“




Karte oben, Karte unten: Corona und das Wetter

Daran werden wir uns einst erinnern – sofern wir uns dann erinnern können: beispielsweise an Kartendarstellungen der Pandemie, die schon durch ihre schiere Größe und Platzierung signalisiert haben, wie überaus wichtig man das Virus nehmen musste.

Gewichtung in der Süddeutschen Zeitung vom 28. Oktober 2020: Das Wetter spielt die Nebenrolle.

Früher hat man sich dann und wann die Wetterkarte angesehen, sie war einigermaßen alltagswichtig. Irgendwann im Laufe dieses höchst seltsamen Jahres 2020 haben dann die Corona-Karten optisch und semantisch die Oberhand gewonnen. Schließlich haben die Größenverhältnisse so ausgesehen wie auf der beigegebenen Ablichtung der Süddeutschen Zeitung, Ausgabe vom 28. Oktober 2020.

Das Wetter steht am Fuß der Seite, die oben mit Corona aufgemacht wird. Wenn eines Tages das Wetter wieder sichtbarer dargestellt werden sollte, dann werden wir hoffentlich in dieser Hinsicht das Schlimmste überstanden haben – und es werden, z. B. mit Klimakatastrophen und Terrorismus, mehr als genug Probleme übrig bleiben.

Womit wir beinahe zwangsläufig zu einem meiner Lieblingszitate aus den Gefilden der Popmusik kommen, zu Bob Dylans unsterblicher Zeile „You don’t need a weatherman to know which way the wind blows“ aus dem Song „Subterranian Homesick Blues“.

In diesem Sinne uns allen einen glimpflichen Herbst und Winter. Möge uns danach ein neuer Frühling leuchten.

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P. S.: Ganz traurig ist es, dass jetzt auch Sean Connery nicht mehr unter den Lebenden weilt.




WDR 4: Radio für Senioren – aber ganz anders als früher

Webcam-Blick ins Studio: vorn rechts Moderator Jürgen Mayer, hinten in der Mitte Moderatorin Cathrin Brackmann, links Nachrichtenfrau Katja Latsch, alle coronagerecht durch Plexiglasscheiben voneinander getrennt. (Screenshot: WDR)

Wir erinnern uns, nicht allzu gern: Die Hörfunkkette WDR 4 stand mal für vieles, was einem musikalisch und vom zugehörigen Lebensstil her zuwider war. Da gab’s bestenfalls elmargunschige Beruhigungs-Stimmen (wobei der alte Knabe wirklich gut und anheimelnd geklungen hat), ansonsten dudelten – horribile dictu – schier endlos deutsche Schlager oder Operetten-Auszüge. Radio für Senioren also. Echt ätzend.

Im Westen weiß man längst, dass es bei WDR 4 seit einiger Zeit ganz anders zugeht. Es wird ungleich lockerer geplaudert. Vor allem aber hauen sie dort Stones, Cream, Kinks, Who, Deep Purple und Konsorten raus, die ganze Pop- und Rock-Chose seit den glorreichen Sechzigern bis in die Achtziger. Wir sind uns doch sicherlich einig, dass es auf diesem Sektor nie bessere Musik gegeben hat, oder etwa nicht? Ruhe da hinten! Unverschämtheit!

Aber Moment mal: Sollte das etwa immer noch bzw. wieder Radio für Senioren sein – nur eben für eine andere Generation in Ehren ergrauter Menschen? Jaja, meinethalben. Is‘ ja auch egal. *räusper* *hüstel* *grumpf*

Wieso ich ausgerechnet jetzt auf all das komme? Nun, heute, morgen und übermorgen (Donnerstag bis Samstag, 29. bis 31. Oktober) absolvieren sie bei WDR 4 einen speziellen Pop-Marathon. Wie bei populären oder Popularität anstrebenden Medien üblich, haben die Hörer(innen) abgestimmt, rund 130.000 an der Zahl. Resultat: die 444 beliebtesten Musiktitel („Top 444″), die nun – einer hübsch nach dem anderen – allesamt abgespielt werden, im munteren Wechsel flott anmoderiert von Cathrin Brackmann und Jürgen Mayer oder Stefan Vogt und Carina Vogt. Per Webcam dürfen die sicherlich ergriffen Zuhörenden währenddessen Live-Blicke ins Studio werfen – aus zwei verschiedenen Perspektiven, aber nur mit den Ton-Anteilen, die auch über den Sender gehen. Man soll und möchte ja zwischendurch auch nicht das womöglich halbprivate Geplänkel der WDR-Leute im Ohr haben.

Übrigens hat das Ganze mit dem Revier zu tun. Normalerweise entstehen die Sendungen für WDR 4 nämlich im Landesstudio Dortmund. Die Aktion mit den 444 Pop-Titeln ist freilich eigens in die Kölner Zentrale gezogen.

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P. S.: Soeben (Donnerstag, 13.30 Uhr) war Platz 358 an der Reihe, beim Aufstieg bis zum Spitzenreiter ist es also noch lange hin. Wenn alle 444 Titel verklungen sind, kann man die komplette Playlist herunterladen und mit dem eigenen Geschmack vergleichen.

 

 




Mit Marionetten aus der Finsternis heraus: „Herzfaden“ – Thomas Hettches Roman über die Augsburger Puppenkiste

Auf diese Idee musste mal einer kommen: einen Roman rund um die legendäre „Augsburger Puppenkiste“ zu schreiben, innig verwoben mit den Zeitläuften in Weltkriegs- und Nachkriegszeit – und mit Ausläufern ins Heutige. Thomas Hettche ist derjenige, welcher. „Herzfaden“ heißt sein Buch. Der (auf Seite 64 erläuterte) Titel bezieht sich auf jenen unsichtbaren Faden, mit dem die Marionetten „am Herzen der Zuschauer festgemacht“ seien. Eben dies und ihre (im Gegensatz zu Schauspielern aus Fleisch und Blut) völlige Uneitelkeit machten ihre besondere Grazie aus.

So jedenfalls stellt es sich – im fernen Gefolge eines Heinrich von Kleist („Über das Marionettentheater“) – der Puppenkisten-Begründer Walter Oehmichen vor, mit dessen Fernseh-Aufführungen Generationen von bundesrepublikanischen Kindern aufgewachsen sind. Die äußerlich windungsreiche, aber letztlich auch gradlinige Handlung, die etwa mit Beginn des Zweiten Weltkriegs einsetzt und bis weit in die 1950er Jahre reicht, wird jedoch nicht aus seiner Perspektive erzählt, sondern aus der seiner 1931 geborenen Tochter Hannelore, genannt Hatü. Damit kommt im Wesentlichen eine Erzählhaltung aus kindlicher und sodann jugendlicher Unschuld, kommt auch unverdorbene Empathie ins Spiel, die mit Verwunderung und Irritation die Geschehnisse registriert – vom NS-Biolehrer mit seinen rassistischen Auslassungen bis zum „Verschwinden“ der jüdischen Einwohner, darunter auch eine Mitschülerin und deren Eltern.

Niemand entgeht der Verstrickung

Ganz ohne Verstrickung kann freilich auch Hatü nicht bleiben. Hettche verdichtet diesen Befund anhand eines Kasperle-Kopfes, den zunächst die immer leidenschaftlicher zu Werke gehende Hatü geschnitzt hat – freilich unbewusst nach dem Muster jener grauenhaften „Stürmer“-Zerrbilder von „nichtarischen“ Menschen. Vater Walter „korrigiert“ die Kasper-Fratze, weil Hatü vor ihrem eigenen Marionettengeschöpf Angst hat. Auf diese Weise wird ein ach so lustiger Heil- und Trostbringer im Ungeist der Truppenunterhaltung daraus. Auch noch nicht das Wahre. Doch es wird klar: Niemand kann sich aus seiner Zeit gänzlich heraushalten. Selbst der Kasper ist politisch. Harmlosigkeit geht nicht mehr.

Das changierende Bild des Kaspers, das auch in einer teilweise geisterhaften Gegenwarts-Handlung aufgegriffen wird, erweist sich als sinnhafte Verkörperung des allgemeinen Zwiespalts, ja der Verderbnis. Gegenwarts-Handlung? Jawohl. Ein Mädchen von heute, Scheidungskind mit allfälligem iPhone, verirrt sich auf einem labyrinthischen Dachboden mit den Augsburger Marionetten und trägt – wie einst Hatü, die ihr nun aus dem Jenseits hilft – Konflikte des Erwachsenwerdens aus, allerdings eher auf symbolischer Ebene und nicht auf lebensgefährlichem Terrain. Die entsprechenden Passagen sind rot gedruckt, während die (weit überwiegenden) Vergangenheits-Texte bläulich schimmern. Hat man den Lesenden nicht zugetraut, die Trennlinien selbst zu ziehen? Egal. Auch im „roten Bereich“ entwickeln die Marionetten (allen voran das Urmeli, Kalle Wirsch und Jim Knopf, aber z. B. auch der klapprige Tod, Kater Mikesch und der Kalifen-Storch) jedenfalls ein Eigenleben, von dem allzu erwachsene Menschen nichts ahnen.

Verfilmung ist bestens vorstellbar

Thomas Hettche hat zahlreiche Alltagsdetails aus den Jahrzehnten der Puppenkisten-Geschichte recherchiert. Teilweise trägt er das jeweilige Zeitkolorit ziemlich pastos auf. Damit wir nur ja glauben, dass wir jetzt in den Fünfzigern angelangt sind, müssen Stichworte wie Caprihosen, Pepitamuster und Jeans wie Trümpfe gezogen werden. Zuweilen wirken die Zeitenwechsel somit etwas konstruiert, stellenweise beinahe schon (um im Metier des Marionettentheaters zu bleiben) nach Art einer Kulissenschieberei. Bloße Signale stehen dann für die eigentliche Signatur jener Zeiten. Zum Glück erschöpft sich der Roman darin beileibe nicht.

Aufs Ganze gesehen, gelingt es dem Autor ja, die fragilen (und doch haltbaren) Träume vom Theater in entbehrungsreichen Zeiten so fasslich und anschaulich zu erzählen, dass man sich auch eine baldige Verfilmung bestens vorstellen kann. Vielleicht ist eine solche schon geplant. Bei entsprechender Begleitung dürften das Buch und ein etwaiger Film auch für Kinder ab etwa 11 oder 12 Jahren geeignet sein. Phasenweise erinnern manche Szenerien an die beachtliche Kinoversion von Judith Kerrs „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. Kerr war jedoch zutiefst und schmerzlich in der erzählten Zeit verwurzelt, während Hettche (Jahrgang 1964) sich eben einiges zusammenreimen muss. Gewiss kein Vorwurf, sondern Feststellung. Jemand ohne Hettches schriftstellerische Erfahrung wäre an einem solchen Unterfangen wohl gescheitert.

In den frühen Fernsehtagen

So entfaltet sich die facettenreiche Geschichte denn doch zum vielfach aufschlussreichen Zeitbild. Nur ein paar Stichpunkte: Da ist der Vater Walter Oehmichen, von Hatü und ihrer Schwester Ulla arg vermisst, als er zum Kriegsdienst eingezogen worden ist und hernach (welch‘ eine Form der „Bewältigung“) für die Idee einer künftige Märchenbühne entbrennt. Nach und nach, in wechselnden Besetzungen, wird der mit heißen Herzen verfolgte Traum – mit allerlei Rückschlägen – Wirklichkeit, bis im Januar 1953 gar die erste NWDR-Fernsehübertragung der Puppenkiste („Peter und der Wolf“) ansteht, anfangs noch pausenlos live durchgespielt, später dann stückweise aufgezeichnet.

Just in jenen wirren Nachkriegsjahren übernimmt die nebenher in erste Liebesdinge eingesponnene Hatü zusehends die Geschicke der Puppenkiste und es beginnt das Ringen um neue, zeitgemäße Stoffe jenseits der Märchen. Dafür steht St. Exupérys „Kleiner Prinz“, dafür steht schließlich – gegen Ende des Romans – die Begegnung mit Michael Ende, der sich die wunderbare Geschichte von Jim Knopf ausgedacht hat, deren Umsetzung zum wohl allergrößten Erfolg der Augsburger Puppenkiste wurde.

Im Sinne eines stets wachen Bewusstseins, welchen finsteren Zeiten man entronnen ist und was der Finsternis allzeit entgegenzustellen wäre, gehen die blaue und die rote Geschichte glimpflich oder gar „gut“ aus. Und so darf auch das Mädchen von heute (das mit dem iPhone) am Schluss erleichtert aus der Dunkelheit ins Freie treten und ihr Leben recht eigentlich beginnen. Im Dachboden-Land der Marionetten, das wundersam Vergangenheit und Gegenwart umschließt, hat sich für sie so manches geklärt.

Thomas Hettche: „Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste“. Kiepenheuer & Witsch. 288 Seiten, 24 Euro.

 

 




Reichlich „Punk“ im Jammertal: Ralf Rothmanns Erzählband „Hotel der Schlaflosen“

„Ralf Rothmann, geboren 1953 in Schleswig, aufgewachsen im Ruhrgebiet…“ Solche Klappentext-Auszüge aus der Vita lassen lesende Revierbürger seit langer Zeit aufhorchen, denn allzu viele literarische Eigengewächse von Rang und Namen haben wir hier ja leider nicht. Und so kommt man von Zeit zu Zeit gern auf den Autor von „Milch und Kohle“ (sowie etlicher anderer Romane) zurück, der doch schon seit 1976 in Berlin lebt.

Jetzt hat Rothmann einen Band mit Erzählungen vorgelegt. In „Hotel der Schlaflosen“ zeigt er, welche staunenswerte Bandbreite sein Schaffen schon in der kleineren Form umfasst. Allein die Vielfalt der Schauplätze und des Personals verlangt wendige gestalterische Potenz von höheren Graden.

Jede Erzählung führt uns in eine andere und schließlich doch immer wieder in dieselbe Welt, denn da muss es doch wohl tiefere innere Zusammenhänge geben. Die aber haben die Lesenden zu erkunden, der Schreibende wird sie klugerweise nicht vorgeben. Eins aber wird vielfach klar: Um eine Formulierung Rothmanns aufzugreifen, mutet das Leben den Menschen oft reichlich viel „Punk“ zu. Früher hätte man wahrscheinlich vom „Jammertal“ auf Erden gesprochen.

Monolog eines stalinistischen Exekutors

Da folgen wir also einer Geigerin auf ihren letzten Wegen nach einer niederschmetternden ärztlichen Diagnose. Da ertragen wir – in der titelgebenden Geschichte „Hotel der Schlaflosen“ – den furchtbar abgründigen Monolog eines Mannes, der in einem stalinistischen Tötungs-Kommando massenhaft Exekutionen ausführt. Da erfahren wir von der grausam verpfuschten Jugend einer Frau, die ihres Lebens nimmer froh werden wird. Resignierender Titel dieser Erzählung: „Auch das geht vorbei“. Die spätere Story „Alle Julias!“ kontrastiert das seitherige Leben zweier ehemaliger WG-Genossinnen und oszilliert zwischen Geplapper, dürrer Hoffnung und stummer Verzweiflung.

Zwischendurch hat „Der dicke Schmidt“ seine zunächst rabiaten, dann aber anrührenden Auftritte. Für seine behinderte Tochter kämpft sich dieser Mann als Oberpolier beim Bau ruppig durchs Leben. Folgt eine ganz anders geartete Episode, eine bizarre Persiflage auf Berlin zur Zeit der Mauer – leichthändig durchgespielt anhand eines Filmprojekts und seiner Komparsen. Welch eine Farce, die die zeitgeschichtlichen Umstände verzerrspiegelt!

…und noch so ein gescheitertes Frauenleben 

Tragisch endet hingegen die auch pferdefachsprachlich ausgefeilte Erzählung über „Admiral Frost“, einen Deckhengst, der – per „Natursprung“ (und nicht via Samenspritze) – eine Stute begatten soll, was als durchaus animalischer, gewaltsamer Akt geschildert wird. Auch hier schimmert letztlich wieder ein kläglich gescheitertes Frauenleben hindurch – und es stellt sich mit ziemlicher Härte die Klassenfrage; wie denn überhaupt in diesem Band gar deutlich wird, wie durchlässig die gesellschaftlichen Schichten (geworden) sind – zumeist nach unten hin und zuweilen ins Bodenlose.

Weit, weit hinaus führt „Die Nacht in der Wüste“. Ein ergrauter deutscher Biochemie-Dozent, tätig in La Paz (Bolivien), nimmt eine junge deutsche Tramperin auf abenteuerlichen Wegen durch Mexiko mit. Das Land, so zeigt sich in drastischen Szenen, ist noch ungleich gewaltsamer als zu jener Zeit, als der Tochter des Biochemikers etwas widerfahren ist, was nicht konkret benannt wird. Aber man kann es sich denken. Die Tramperin freilich scheint trotzig entschlossen, ihren Weg allein fortzusetzen. Wenn das denn eine Hoffnung sein soll, so wagt sie sich nur scheu hervor und hat sich geschickt camoufliert.

Ein versoffener Bestatter in Ruhrgebiet

Schließlich, in der vorletzten Geschichte, eine „Rückkehr“ ins Ruhrgebiet. Hier geht es um den versoffenen Bestatter Egon, der seinen Vater sehr früh durch ein Zechenunglück verloren hat und nun – mit über 70 Jahren – aufbricht, um bei einer erneuten Grubenkatastrophe in Bottrop seine Dienste anzubieten… Auch dies eine herzzerreißende Handlung, durch keinerlei Moral oder gar segensreichen Trost gemildert.

Warum wir fast alle Geschichten kurz erwähnt haben? Weil man beim Lesen jede neue gleichsam als Bereicherung und Erweiterung der vorherigen begrüßt – und sei sie noch so schmerzlich. Weil man am Ende eigentlich keine einzige missen möchte. Weil Ralf Rothmann allerlei erzählerische und sprachliche Klippen gekonnt umschifft, wobei er aus wechselnden Lebenslagen keine „Lehren“, wohl aber Essenzen gewinnt.

Am Ende haben ja vielleicht sogar die Pelikane, die Rothmann in mehreren Geschichten erwähnt, etwas Besonderes zu bedeuten. Oder kommen sie etwa nur zufällig vor? Da haben wir es, das Pelikan-Problem.

Ralf Rothmann: „Hotel der Schlaflosen“. Erzählungen. Suhrkamp-Verlag. 206 Seiten, 22 Euro.




Auf ein Neues: Museum in Hamm würdigt den Künstler Otmar Alt (80)

Tierwelt in kraftvollen Farben: Blick in eine besonders kindgerechte Abteilung der Ausstellung über Otmar Alt. Bilder und Objekte werden hier extra bodennah präsentiert. (Foto: Bernd Berke)

Nein, es herrscht in Westfalen kein Mangel an Ausstellungen des Künstlers Otmar Alt: Von Ende 2013 bis zum März 2014 gab’s einen „Rückblick und Ausblick“ auf Schloss Cappenberg. Von April bis September 2018 lud das Haus Opherdicke (Holzwickede) in die „Fabelhaften Zauberwelten“ des vorwiegend farbenfrohen und weithin populären Malers, der auch dekorative Elemente nicht scheut, aber keineswegs darauf reduziert werden kann.

Auch etliche Glasobjekte gehören zum Umfang der Schau. (Foto: Bernd Berke)

Jetzt, nachträglich zu seinem 80. Geburtstag (*17. Juli 1940), kommt seine Wahlheimat Hamm selbstverständlich nicht um eine Würdigung herum. „Das Leben ist ein Versuch“ heißt (einem Ausspruch Otmar Alts folgend) die von Diana Lenz-Weber kuratierte Retrospektive im Gustav-Lübcke-Museum, die mit rund 150 Exponaten von den Anfängen in den frühen 1960er Jahren bis in die unmittelbare Gegenwart reicht – am Ende des Rundgangs sieht man drei „Corona-Bilder“, das letzte davon unvollendet.

Demnächst mehr dazu – hier und an anderer Stelle.

Otmar Alt – „Das Leben ist ein Versuch“. Gustav-Lübcke-Museum, Hamm, Neue Bahnhofstraße 9. Vom 11. Oktober 2020 bis zum 7. März 2021. Di-Sa 10-17, So 10-18 Uhr. www.museum-hamm.de

 




Die deutsche Sprache ist ein „Vielfraß“ – amüsantes Buch über eingewanderte Wörter

Die deutsche Sprache, so stellt Matthias Heine gleich eingangs fest, sei ein „linguistischer Vielfraß“. Will heißen: Sie hat sich nach und nach Wörter aus rund 120 Idiomen einverleibt und anverwandelt. Wohl bekomm’s.

Heines Buch „Eingewanderte Wörter“ verfolgt die manchmal abenteuerlichen (Um)-Wege dieser Migration. Für deutschtümelnde Sprachpuristen ist es wahrscheinlich ein Graus (oder ein irritierendes Aha-Erlebnis), für alle anderen Leute dürfte sich der Gang durchs Alphabet als amüsanter Streifzug erweisen.

Es handelt sich keineswegs nur um eine nur flott zusammengestellte und flockig-flapsig kommentierte Kollektion, wie es sie auf dem Buchmarkt zuweilen gibt. Nein, Matthias Heine (hauptberuflich Kulturredakteur der „Welt“) hat sich schon einige Mühe gegeben, um zahlreiche historische und neuere Fundstellen aufzuspüren und sie mit Erzählstoff anzureichern. Das Spektrum reicht vom Alltagsschnack bis zur hohen Literatur und überdies bis in die Kino- und Popkultur hinein. So wird beim Stichwort „Bungalow“ (Hindustani/Nordindien) der Beatles-Titel „Bungalow Bill“ aufgerufen und beim „Honk“ (US-amerikanischer Ursprung) an die Rolling Stones und ihren Song „Honky Tonk Women“ erinnert, wobei im Buch fälschlicherweise die Einzahl „Woman“ steht. Aber das nur nebenbei. Wir wollen nicht kleinlich sein.

„Urdeutsches“ aus Assyrien und Polen 

Heine hat jedenfalls genau die richtige Mischung aus sprachwissenschaftlicher Seriosität und unterhaltsamer Präsentation gefunden. Und er fördert etliche Überraschungen zutage. Demnach stammen viele „urdeutsch“ klingende Worte aus fernen Weltgegenden oder aus Ländern, die man nicht als Ursprung vermutet hätte. Beispiele: Sack leitet sich aus dem Assyrischen her, Grenze aus dem Polnischen, Schmetterling aus dem Tschechischen (verwandt mit smetana = Sahne), Gummi aus dem Altägyptischen. Pinguin war ursprünglich walisisch, Schlawiner slowenisch und Erz etruskisch. Es hätten vielleicht Millionenfragen für Jauch sein können, jetzt sind sie’s nicht mehr.

Natürlich bleibt es nicht bei bloßen Behauptungen und verblüffenden Feststellungen, sondern der Autor legt auch die verschlungene Fährten und Wandlungen der einzelnen Wörter dar. Viel Sprachgut gelangte auf Handelswegen und/oder im Gefolge der Entdecker und Eroberer nach Europa. So stammen „tattoo“ und „tätowieren“ vom Tahitianischen Wort „tatau“ ab, das vom Weltumsegler Cook aufgeschnappt wurde. Von England nach Deutschland war es dann nur noch ein kleiner Schritt. Werke von Wortschöpfern wie Luther (Bibelübersetzung) oder Goethe haben ebenfalls eine wichtige Rolle beim sprachlichen Transfer gespielt. Doch wie das in der Wissenschaft so zu gehen pflegt, finden sich oft auch widerstreitende Theorien zur Herkunft. Auch die Sprachwissenschaft hat ihre Drostens und Streecks…

…und woher kommt die „Plauze“?

Man möchte am liebsten gar nicht aufhören mit dem Aufzählen: Wer hätte gewusst, dass „Plauze“ aus dem Sorbischen kommt, Putsch aus dem Schweizerdeutschen, bizarr aus dem Baskischen, Dolmetscher aus dem Türkischen? Doch auch Wörter, die man geographisch wohl einigermaßen hätte zuordnen können, tauchen hier auf: Poncho (Mapuche/Andengebirge), Mafia (Sizilianisch), Bonze (Japanisch), Kotau (Chinesisch), Kajak (ostgrönländisch), Anorak (westgrönländisch), Datsche (Russisch), Curry (Tamil/Indien), Amok (Malaiisch) oder Guru (Hindi).

Genug des flüchtigen Antippens. Man gönne sich das Vergnügen, dieses lehrreiche Buch von A bis Z zu lesen – von Abenteuer (Altfranzösisch) bis Zucker (Arabisch).

Matthias Heine: „Eingewanderte Wörter“. Mit Illustrationen von Helen Hermens. DuMont Buchverlag, Köln. 144 Seiten, 18 Euro.




Hotzenplotz und all die anderen – Oberhausen zeigt den kongenial illustrierten Figurenkosmos des Otfried Preußler

Illustration von F. J. Tripp, Mathias Weber (Kolorierung) aus Otfried Preußler „Der Räuber Hotzenplotz“ (© by Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart)

F. J. Tripp, Winnie Gebhardt, Herbert Holzing, Daniel Napp, Thorsten Saleina, Annette Swoboda. Schon mal gehört? Wahrscheinlich nicht, oder?

Dabei hätten vor allem die ersten beiden eine gewisse Prominenz verdient. Es sind samt und sonders Illustrator(inn)en von Büchern des unvergessenen Otfried Preußler (1923-2013). Der hat sich bekanntlich Figuren wie den „Räuber Hotzenplotz“, „Die kleine Hexe“, „Das kleine Gespenst“ oder „Krabat“ ausgedacht. Und etliche andere.

So markant Preußlers Personal schon rein literarisch sein mag, so erlangt es doch durch die kongenialen zeichnerischen Vergegenwärtigungen erst recht nachhaltige Unverwechselbarkeit. Das war dem Autor sicherlich auch bewusst. Die fruchtbringende Wechselwirkung der Künste greift jetzt eine umfangreiche Bilderschau in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen auf, wo man sich seit vielen Jahren der beachtlichen Qualität im Populären verschrieben hat. Über 300 originale Zeichnungen sind zu sehen, hinzu kommen einschlägige Filmrequisiten, Bücher und Fotos. Dabei gerät der ganze, durchaus vielfältige Kosmos der Preußler-Geschichten in den Blick, da tummeln sich auch Gestalten wie die dumme Augustine, der starke Wanja, Tella oder die Schildbürger („Bei uns in Schilda“).

Illustration von Winnie Gebhardt aus Otfried Preußler „Die kleine Hexe“, 1957 (© by Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart)

Preußler zählt längst zu den Klassikern der Kinder- und Jugendliteratur, seine 35 Bücher wurden in über 50 Sprachen übertragen und haben eine Gesamtauflage von mehr als 50 Millionen Exemplaren erreicht. Weit über solche dürren Zahlen hinaus, haben seine besten Geschichten einen festen Platz im kollektiven oder zumindest weit verbreiteten Bewusstsein – wie sonst nicht allzu viele Werke und Protagonisten; allen voran gewiss der erstmals 1962 in Buchform erschienene „Räuber Hotzenplotz“, der 2006 von Gernot Roll mit hochkarätiger Besetzung verfilmt wurde (Armin Rohde in der Titelrolle, dazu u. a. Piet Klocke, Rufus Beck und Katharina Thalbach).

Illustration von Herbert Holzing aus Otfried Preußler „Die Abenteuer des starken Wanja“, 1968 (© by Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart)

Die Zeichnungen des eingangs erwähnten, 1915 in Essen geborenen F. J. Tripp zum „Hotzenplotz“-Buch haben auch die Verfilmung – und zahllose Theater-Inszenierungen – inspiriert, insofern kann der Einfluss kaum überschätzt werden. Dieser Wirkung steht Winnie Gebhardt kaum nach, die das Erscheinungsbild der (gleichfalls ambitioniert verfilmten) „Kleinen Hexe“ und des kleinen Wassermanns ein für allemal vorgeprägt hat. Über 50 ihrer Tuschzeichnungen zeugen in Oberhausen davon. Und ich muss sagen: Ihre filigrane und herzerwärmende Kunst hat es mir noch mehr angetan als die von Tripp, die zuweilen etwas klobig wirkt, aber damit just einen klotzigen Charakter wie Hotzenplotz ideal verkörpert. Es war wohl  genau richtig, dass sie die Hexe und er den Räuber übernommen hat.

Apropos: Unsere Tochter (11), langjährige Preußler-Kennerin seit Vorlese-Zeiten, hält vehement dafür, dass F. J. Tripp partout keine Füße malen konnte. Wenn man es recht bedenkt und besieht: stimmt! Als bewusst eingesetztes Stilmittel oder als Stilisierung lässt sich das Defizit jedenfalls schwerlich kaschieren. Aufs Ganze gesehen, sind Tripps Schöpfungen freilich mancher Ehren wert.

Beim abwechslungsreichen Rundgang, den ich hier lediglich anhand des Katalogs nachvollziehe, stößt man u. a. auch auf Zeichnungen, die Otfried Preußler selbst geschaffen hat (zu „Hörbe mit dem großen Hut“). Interessant zudem die Möglichkeit, verschiedene zeichnerische Auffassungen derselben Gestalten zu vergleichen. Von Zeit zu Zeit, so scheint es, muss eben auch das prägnanteste Figuren-Inventar behutsam neu interpretiert werden. Nichts hat ewigen Bestand.

Otfried Preußler – Figurenschöpfer und Geschichtenerzähler. Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, Konrad-Adenauer-Allee 46. Bis zum 10. Januar 2021. Geöffnet Di-So 11-18 Uhr. Eintritt 8 Euro, ermäßigt 4 Euro, Familie 12 Euro. Katalog 29,80 Euro. www.ludwiggalerie.de

 




Das Ruhrgebiet und Dortmund entdecken – drei neue Bücher über Besonderheiten der Region

Mal eben kurz „reingeschmeckt“

Seien wir ehrlich: Regional- und Stadtführer, ob nun im Ruhrgebiet oder anderswo, sind meist rasch verderbliche Ware. Vorwiegend als Häppchen-Lektüre liegen sie im Eingangsbereich der Buchhandlungen, für den schnellen Zugriff gedacht. Doch sie haben auch ihren Nutzen.

Birgit Ebbert müht sich in ihrem Band „Das gibt’s nur im Ruhrgebiet“ redlich, im quadratischen Format satte 120 Hinweise auf Attraktionen zu sammeln, die der Rest der Welt so nicht zu bieten habe. Hie und da merkt man den Zwang, lauter Superlative und einmalige Spezialitäten hervorzaubern zu müssen. Nicht immer gelingt es.

Da findet sich auch weit Hergeholtes. Beispiel: Könne man nicht zu den blauen Städten Marokkos reisen, so gebe es eben Gelsenkirchen, wo nahezu alles in Blau gehalten sei. Ach ja. Andere Mitteilungen klingen recht kühn, so jene, dass Essen d e n bedeutendsten Kirchenschatz Europas aufweise. Da wird man im Vatikan und an einigen anderen Orten aufhorchen. Oder auch nicht. Na, egal. Wir wollen kein Wasser in den Messwein gießen.

Mit manchmal gar zu knappen Texten, vielfach leider ohne näheren Adressen- und sonstigen Besucherservice, werden die wesentlichen Lokalitäten und Besonderheiten des gesamten Reviers vorgestellt – tauglich für den allerersten Überblick. Es ist nicht nur von den üblichen Stätten und Phänomenen wie der Essener Welterbe-Zeche Zollverein, dem gigantischen Oberhausener Einkaufszentrum CentrO oder dem Dortmunder Riesen-Weihnachtsbaum die Rede, sondern z. B. auch von regionalem Brauchtum. Wer mal kurz ins Revier „reinschmecken“ möchte, könnte hier richtig liegen.

Birgit Ebbert: „Das gibt’s nur im Ruhrgebiet“. Emons Verlag, 144 Seiten, 12 Euro.

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„Klugscheißer“-Wissen von Beckett bis Phoenixsee

Wenden wir uns der einwohnerstärksten und z. B. fußballerisch führenden Stadt des Ruhrgebiets zu. Das kann nur Dortmund sein. Hierzu sind gleich zwei neue Bücher erschienen, beide von Katrin Pinetzki. Die Kollegin, als Kultur-Pressesprecherin der Stadt Dortmund tätig, hat gelegentlich auch für die Revierpassagen geschrieben. So viel Transparenz muss vorangeschickt werden.

„Dortmund für Klugscheißer“ heißt der Band, der schon seit dem Frühjahr auf dem Markt ist und eine Städte-Serie des Verlags erweitert. Verglichen mit dem oben erwähnten Ruhrgebiets-Guide, ist das Buch deutlich flotter aufgemacht und bebildert. Auch hier müssen kurze Texte genügen, doch angesichts des strafferen Konzepts, das eben nicht alles und jedes einsammeln will, ist das kein Schaden.

Der schnelle, hie und da statistisch angereicherte Streifzug durch viele Bereiche der Stadt ist unterhaltsam geschrieben. Gewiss: Als altgedienter Bewohner Dortmunds wird man nur wenige Überraschungen vorfinden. Zwar soll auch mit einigen „populären Irrtümern“ aufgeräumt werden (ein gar beliebtes Unterfangen), doch dürften aufgeweckte Einheimische auch hierbei in aller Regel Bescheid wissen. Aber es gibt ja auch noch Ahnungslose und Zugereiste. Und überhaupt.

Etlichen Details merkt man an, dass die (übrigens in Gelsenkirchen geborene) Autorin längst bestens mit Dortmunder Gegebenheiten vertraut ist. Zum Exempel wissen nicht alle, dass Dortmund in den Anfangstagen des Internets eine prägende Rolle gespielt hat. Auch ist das Gedicht „Dortmunder“ des großen irischen Weltdramatikers Samuel Beckett bestimmt nicht allgemein bekannt. Es soll angeblich auf Erlebnissen Becketts im lokalen Bordellviertel beruhen. Doch nichts Genaues weiß man nicht. Apropos: Man hätte hier gerne wenigstens ein Gedichtzitat gelesen. Und noch eine Anmerkung: Dass der inzwischen allseits baulich eingehegte Phoenixsee im Wortsinne Dortmunds Naherholungsziel Nummer eins sei, darf man denn doch bezweifeln.

Am Ende dürften Ortsfremde oder Neulinge jedenfalls das Gefühl haben, nun schon ein paar Dinge über die Stadt zu wissen. Dies und ein wenig Kurzweil – mehr will das Buch ja auch gar nicht bewirken. Hat geklappt.

Katrin Pinetzki: „Dortmund für Klugscheißer“. Klartext Verlag, 104 Seiten, 14,95 Euro.

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Glück aus der Westfalenmetropole

Die emsige Katrin Pinetzki hat in Sachen Westfalenmetropole bereits nachgelegt. Ganz frisch erschienen: „Unsere Glücksmomente. Geschichten aus Dortmund“.

Nachdem sie 2017 „Dunkle Geschichten (Schön und schaurig)“ aus dieser Stadt erzählt hat, hat sie jetzt helle und hoffnungsvolle Stoffe aufgespürt, und zwar buchstäblich von der Geburt bis zum Tod. Der Reigen der 19 Themen wird mit einem Geburtshaus im Ortsteil Brünninghausen eröffnet und schließt mit einem Hospiz am Ostpark. Glücksmomente kann man überall erfahren.

Dazwischen geht es beispielsweise um Lachyoga, Pralinen aus Hörde, den vielleicht allerbesten BVB-Kenner Gerd Kolbe, das Turbo Prop Theater und seine beliebten „Schmuddels“, den lyrischen Lokalmatador – vulgo Reimschmied – Fritz Eckenga (halten allerdings zu Gnaden: Mich muss man noch überzeugen, dass Eckenga so überaus gut wie der selige Robert Gernhardt sei), die wundersame Rettung der einstigen Fluss-Kloake Emscher oder die örtliche „Willkommenskultur“ anno 2015.

Dies ist also kein Reiseführer, sondern ein Band mit kurzen und prägnanten Stories bzw. Reportagen. Nach und nach entsteht so ein kleines Panorama des Stadtlebens, das sich eben aus lauter erzählenswerten Geschichten zusammensetzt. Wobei sich auch und gerade im gewöhnlichen Alltag ungeahnte – Achtung, inflationäres Modewort! – Narrative verbergen. Jawoll. Das musste mal gesagt sein.

Wie sie im Vorwort verrät, musste Katrin Pinetzki manche Recherche und manches Gespräch für dieses Buch unter Corona-Bedingungen bewältigen, also teilweise aus der Distanz. Das merkt man den munteren Texten freilich nicht an.

Katrin Pinetzki: „Unsere Glücksmomente. Geschichten aus Dortmund“. Wartberg Verlag, 80 Seiten, 12 Euro.




Wolfgang Clement – er da oben, wir da unten

Mit dem heute verstorbenen Ex-Ministerpräsidenten von NRW und Bundes-„Superminister“ Wolfgang Clement habe ich anno 1981 (noch als blutiger Redaktions-Anfänger) bei der Westfälischen Rundschau (WR) gelegentlich am Konferenztisch gesessen. Ich sage nicht: sitzen dürfen. Er nahm ja schon damals ganz oben vor Kopf Platz, ich am anderen Ende – bei den „Einsteigern“…

Schon bald entschwand er unseren staunenden Blicken, immer höher und höher hinauf. Wie hatte er, sozusagen mit hochfahrender Bescheidenheit, zum Abschied von der WR gesagt: „Ich will noch etwas aus mir machen.“ Hat er ja dann auch vermocht.

Allen tatsächlichen und etwaigen Verdiensten Wolfgang Clements ums Staatswesen zum Trotze: Nein, ich bin nicht stolz auf das kurzzeitige Zusammentreffen; einesteils, weil es ohnehin albern wäre. Überdies schon gar nicht darauf, dass der studierte Jurist später Hartz-IV-Empfänger oft und gern als potenzielle Schmarotzer verdächtigte und so mancherlei weiteres unsoziales Gerede vom Stapel ließ. Er trieb es schließlich so weit, dass die SPD ihn rauswerfen wollte. Dann ging er selbst und warb für die FDP.

Er möge gleichwohl in Frieden ruhen.




Soziale Miniaturen (24): Bizarres Büro

Klar, das Bild hat kaum etwas mit dem Text zu tun. Aber es gab schon schlechtere Illustrationen, oder? (Missgelungenes Foto: Bernd Berke)

Jahrzehnte brachte er mit dürftigen Witzzeichnungen in Stil der 1950er hin. Standardfiguren waren blöde Blondinen mit üppigen Brüsten. Aaaargh!

In manchen Medien liefen derlei knochige Gestalten noch eine zeitlang als berufsständische Folklore mit. Von der ganzen Computerei mussten sie nichts verstehen, ja, sie belustigten sich über jene, die da zunehmend heran mussten. Gestriges Gelächter. Noch einmal davongekommen. Rente quasi schon durch und sicher.

Schon vorbei waren die Zeiten, als man aus der Kantine noch kästenweise Bier in die Redaktionen wuchten durfte. Doch halt! Auf demselben Büroflur ließen sie ja noch einen strammen Alkoholiker wie eine kuriose Zirkusnummer loslegen. Der brachte seinen Schnaps selbst mit. Sie feuerten ihn an und riefen lauthals „Ho-ho-hoooo!“, als er eine Pulle Wodka „auf Ex“ soff und dann wegtorkelte. Irgendwohin. Danach hätte die Dame ohne Unterleib auftreten können. Oder der dickste Mann der Welt.

Nichts weiter davon. Es war gar zu beschämend. Für die Zuschauenden.

Der eingangs erwähnte alte Knabe hatte ein Faible für obszöne Anklänge. Schier weglachen konnte er sich über den Namen eines vor Zeiten ausgemusterten Lokalpolitikers, welcher an Kauwerkzeuge erinnerte, wobei man wiederum an orale Sexpraktiken denken sollte. Heilige Einfalt! Immer und immer wieder rief er den Namen aus, der ihm so herrlich schweinös erschien. Ein jüngerer Kollege war unvorsichtig genug, ihm ein Foto seiner neuen Freundin zu zeigen. Fortan erkundigte sich das alte Ferkel immer quer über den Büroflur: „Herr ***, was macht die Fickerei?“ Auch eine Art des Grüßens. Besonders wirksam, wenn gerade eine Kollegin die Szene betritt.




Liebe, stirb und werde: Die große Chansonette Juliette Gréco (93) lebt nicht mehr / Erinnerung an einen Auftritt in Essen

Allein schon ihre Hände…: Juliette Gréco bei einem Auftritt im Oktober 2006. (Foto: Wikimedia Commons / Victor Diaz Lamich) – Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.en)

Ein einziges Mal im Leben habe ich sie auf der Bühne sehen dürfen. Es war, wie kaum anders zu erwarten, unvergesslich. Heute ist die legendäre französische Chansonsängerin Juliette Gréco mit 93 Jahren gestorben. Eine kurze Erinnerung an ihren Auftritt in der Essener „Lichtburg“, anno 2001: 

Essen. Manchmal sind ihre Hände wie kleine weiße Vögel. Sie flattern freudig auf oder sinken verzagt nieder; ganz wie die Gefühle zwischen Glück und Elend der Liebe, Glanz und Last der Freiheit. Juliette Gréco, die große Dame des Chansons, steht auf der Bühne der ausverkauften Essener „Lichtburg“. Ganz in Schwarz gekleidet, natürlich.

Seit über zwei Jahrzehnten ist die jetzt 74-Jährige nicht mehr im Ruhrgebiet aufgetreten. Man kann gar nicht umhin, sich die ganze Geschichte vorzustellen, wenn man sie nun hört und erlebt. Existenzialistische Nachkriegs-Nächte in Pariser Kellern wie dem „Tabou“, wo sie 1949 debütierte. Ihre berühmten Freunde wie Sartre, Camus, Cocteau. Diese speziell stilisierte Essenz französischer Lebensart.

Die Gréco sieht noch so aus wie „damals“. Ihre schlanke, von der Zeit nur ganz leicht gebeugte Silhouette, bleiches Gesicht; vom dunklen Haar umrahmt. Und sie wirkt noch wie ehedem. Freiheitsdurst, Hoffnungs-Glut, flüchtige Lüste und Abstürze der Liebe, der vitale Kosmos von Paris – all das ist präsent, wenn sie die klugen Texte von Jacques Brel, Jean-Claude Carrière oder Serge Gainsbourg vorträgt.

„La chanson des vieux amants“ (Das Lied der alten Liebenden) besingt Höhen und Tiefen eines gemeinsamen Lebens – und schließlich das große „Trotzdem“ der dauerhaften Liebe. „Deshabillez-moi“ (Zieh‘ mich aus) ist eine Miniatur zur erotischen Kultur. „Ne me quitte pas“ beschwört die Bestürzung einer Verlassenen. „Un jour d’été“ (ein Sommertag), dieser verwehende Liebestraum. Wenn Juliette Gréco da „Les yeux bleus“ (die blauen Augen) haucht, enthalten die Silben so viele fragile Sehnsüchte.

Bei aller melancholischen Tönung gerät der Auftritt zur Feier aller Schattierungen des wechselvollen Lebens, zur schmerzlichen Bejahung des Auf und Ab. Um André Heller abzuwandeln: Sie will, dass es das alles gibt, was es gibt. Einige Gesten sehen aus, als wolle die Gréco diese Fülle für die Ewigkeit festhalten. In innigen Momenten verkörpert sie jenes „Stirb und Werde“, das Goethe zu rühmen wusste.




Flimmern, Vibrieren, erhabene Ruhe: Die malerischen Farbforschungen des Kuno Gonschior in Recklinghausen

Kuno Gonschior: „Gelbtrans“ (2003), Mischtechnik auf Leinwand, 200 x 190 (Privatsammlung)

Vor manchen dieser Bilder bekommt man rasch Augenflimmern, so sehr scheinen die vielen kleinen farbigen Bildpunkte auf den Untergründen zu tanzen, zu pulsieren, zu vibrieren; all dies noch gesteigert, wenn der Künstler grelle Leuchtfarbe verwendet hat.

Doch dann wiederum, besonders im späteren Werk, verströmen einige Bilder eine geradezu erhabene Ruhe in Blau, Grün oder Gelb, die an gewisse Naturerlebnisse erinnert. Er hat sie dann auch gelegentlich „Landscapes“ genannt. Kuno Gonschior hat wahrlich weite Felder der Farbigkeit durchmessen. Anfangs im Banne von mancherlei Farbtheorien und nach eigenem Bekunden eher wie ein Chemiker oder Physiker zugange, ist er mit den Jahren zusehends den eigenen Emotionen gefolgt, bis hin zu kreativen Rauschzuständen. Auf seinen künstlerischen Spürsinn konnte er sich da längst verlassen.

Kuno Gonschior wurde 1935 in Wanne-Eickel geboren, sein Atelier hatte der Schüler von Karl Otto Götz in Hattingen, gestorben ist er 2010 in Bochum. Die regionalen Ortsmarken lassen schon ahnen, dass er dem Ruhrgebiet biographisch recht treu geblieben ist. Gleichwohl hat er auch international reüssiert, vor allem in den USA. Der Tod riss ihn dann mitten aus den Vorbereitungen zu einer Ausstellung in Japan.

Kuno Gonschior: V. Rot-Grün (1965), Leuchtfarbe auf Leinwand, 32 x 30 (Privatsammlung)

Es ist die erste Gonschior-Ausstellung im Revier seit dem Tod des Künstlers. 2002 hat ihn das Kunstmuseum Bochum gewürdigt, 2008 das Duisburger Museum Küppersmühle. Zu Lebzeiten hat Gonschior gern ganze Museumswände bemalt. Das ist in der Kunsthalle Recklinghausen naturgemäß nicht mehr möglich. Auch hat man – wie Museumsdirektor Hans-Jürgen Schwalm leise bedauert – extreme Großformate nicht ins Haus bringen können. Es ist zwar grundlegend für Kunstzwecke umgebaut, war aber nun mal früher ein Weltkriegsbunker. An großflächige Farbfeldmalerei hat damals gewiss niemand gedacht. Zumeist hat Gonschior jedoch mit „menschlichem Maß“ gearbeitet, sozusagen nach allseitiger Armspannweite. Deshalb dürften die gezeigten Werke wohl einigermaßen repräsentativ fürs gesamte Oeuvre sein.

Es ist eine konzentrierte Retrospektive mit 68 kleineren und durchaus imposanten mittelgroßen Bildern aus allen Schaffensphasen und mit allen wesentlichen Werkfacetten – von den 1950er Jahren bis ins Todesjahr 2010. Das mutmaßlich allerletzte Bild, das Gonschior schuf, ein unscheinbares Kleinformat, beschließt den Rundgang. Die chronologische geordnete Zusammenstellung, darunter viele Leihgaben aus Privatbesitz, enthält im zweiten Obergeschoss auch einige Bilder aus Gonschiors Nachlass. Kein ganz leichtes Unterfangen, denn alle Kinder des Künstlers mussten zustimmen.

Kuno Gonschior: „Landscape Orange-Blue-White“ (2006), Acryl und Gel auf Leinen, 100 x 95 (Privatsammlung / Courtesy Galerie Frank Schlag & Cie.)

Die ersten starken Signale setzt die Schau schon im Erdgeschoss, wo hauptsächlich Werke aus den 1960er Jahren präsentiert werden. So manche Flimmerbilder des „Farbforschers“ (auf diese griffige Bezeichnung haben sich viele Kunstbetrachter festgelegt) könnte man, was die Wirkung anbelangt, getrost „psychedelisch“ nennen. Der damalige Zeitgeist (im Vorfeld und ums Jahr 1968 herum) scheint darin zu wirken, zu walten und zu wabern, doch sind es letztlich ganz eigenwillige Schöpfungen, die weit über derlei Moden hinaus Bestand haben. Trotzdem hat die Zeit ihnen physisch etwas anhaben können: Makellos sind nicht mehr alle Bilder, hie und da beginnt die immer pastoser aufgetragene Farbe zu bröckeln und feine Risse zu zeigen.

In seinen Anfängen hat sich Gonschior entschieden vom Informel fortbewegt, hin zu Farb-Expeditionen und Experimenten, vielleicht auch in einer späten Nachfolge des Pointillismus, die man im bewundernden Sinne „besessen“ nennen kann. Faszinierend allein schon die offenbar nicht nachlassende Geduld, mit der Gonschior zu Werke gegangen sein muss. Hunderte, ja vielleicht manchmal gar Tausende von punkt-, strich-, keil-, tropfen- oder häufchenförmigen Farbaufträgen, zuweilen mit großem Regelmaß gesetzt, dann wieder grandios von allen Zwängen befreit, lassen auf den Bildflächen je ganz eigene Welten entstehen. Nur selten hilft uns Gonschior mit Titeln auf assoziative Sprünge, hier eigentlich nur bei den „Piccadilly“-Bildern, die metropolitanes Lichter-Gewimmel nachzuempfinden scheinen. Ansonsten tragen viele Werke entweder keine Titel oder führen lediglich die verwendeten Farben im Schilde.

Kuno Gonschior: Ohne Titel (Grau) (1987), Öl auf Leinwand, 190 x 140 (MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg, Sammlung Ströher)

Vielfältig die Farberfahrungen, die man hier machen kann: Wie geheimnisvolle Urgründe von unten her durchschimmern; wie die Farben immer wieder neue Dialoge miteinander aufnehmen und unverhofft aufeinander reagieren; wie solche Impulse gelegentlich auch in die dritte Dimension drängen und skulpturale Form annehmen, sei es als sanfte Wölbung oder Kugel!

Der Titel der Ausstellung – er lautet schlichtweg „Farben sehen“ – kann fraglos lückenlose Gültigkeit beanspruchen. Es scheint, als hätte Gonschior keinen einzigen Farbton ausgelassen, von Zeit zu Zeit waren sie ihm alle lieb und wert, ob nun Schiefergrau, schillerndes Blau, flammendes Rot, leuchtendes Gelb, schier grenzenloses Grün oder allerlei Mischformen und Verläufe, Experimente mit Gel, Wachs und Öl oder wechselnden Bildträgern inbegriffen.

Oh seltsamer Kontrast, wenn man danach das Museum verlässt und in die schmucklose Wirklichkeit eines Bahnhofsvorplatzes gerät.

Kuno Gonschior – Farben sehen. Kunsthalle Recklinghausen. 20. September bis 15. November 2020. Geöffnet Di-So 11-18 Uhr, Eintritt 5, ermäßigt 2,50 €, samstags „pay what you want“ (Eintrittspreis nach Gutdünken). Telefon: 02361 / 50-1935.

Am 20.9. keine gewöhnlich terminierte Eröffnung, sondern ein ganzer Eröffnungstag von 11 bis 18 Uhr.




Warum lag der Sportkatalog für den früheren Bochumer Intendanten in meinem Briefkasten?

Also, das wird mir jetzt wohl niemand erklären können. Ich selbst bin auch ziemlich ratlos.

Ein durchaus rätselhafter Adressaufkleber (Foto: Bernd Berke)

Der Reihe nach: Jetzt traf der höchst umfangreiche Verkaufskatalog einer Hagener Sportartikel-Firma bei mir ein. Bleischwer lag er im Briefkasten. Mit zahllosen Angeboten für Vereine und Schulen. Utensilien für alle denkbaren Sportarten. Medizinbälle, Sprossenwände, Trampoline, Rugby-Ausrüstungen, Schwimmhilfen, Billardtische, Tischtennisplatten, Laufhürden, Torgestänge. All das und noch tausendfach mehr. Krasse Sachen dabei.

So weit, so halbwegs normal. Nur: Diese Firma hat mir vorher noch nie etwas geschickt. Auch hatte ich dort noch gar nichts bestellt und habe das auch nicht vor. Wahrscheinlich hat einer dieser ruchlosen Adressenhändler meine Daten weiterverkauft. Möge ihn die Pestilenz…

Doch nein. Offenbar war ich persönlich gar nicht gemeint. Der namentlich Angeschriebene zählt vielmehr zur Theater-Prominenz. Der Katalog war – unter meiner Anschrift – an Elmar Goerden adressiert, den ehemaligen Bochumer Schauspiel-Intendanten (im Amt 2005-2010). Nun gut, ich habe ihn, zusammen mit einem Kollegen, im Jahr 2005 einmal interviewt und später ein paar seiner Inszenierungen besprochen. Seine damalige Theaterarbeit habe ich in recht guter Erinnerung behalten. Auf welche wundersame Weise er aber mit meiner Adresse verknüpft und unter dem Label Revierpassagen angeschrieben worden ist, erscheint mir völlig schleierhaft. Als Goerden in Bochum tätig war, hat es die Revierpassagen noch gar nicht gegeben.

Mal kurz die Suchmaschine angeworfen: Was hat Elmar Goerden in den letzten Jahren so gemacht? Nun, hauptsächlich hat er offenbar als Gastregisseur an verschiedenen Bühnen in Wien inszeniert – weitab vom Ruhrgebiet. Auch kein Ansatzpunkt.

Wenn ich mich recht entsinne, hat Goerden einmal kurz vor einer Laufbahn als Profi-Fußballer gestanden und ist dann doch ans Theater gegangen. Immerhin eine vage Verbindung zum Sport. Oder sollte er etwa Trainingsgeräte für „seine“ Schauspieler*innen benötigen? Zählte nicht mal Fechten zur Schauspielausbildung? Fragen über Fragen. Absurde Vermutungen, die in semantischen Sackgassen enden. Ein postalischer Irrläufer, fürwahr.

Und jetzt? Bin ich mal gespannt, wessen Post mich demnächst ereilt. Die für Leander Haußmann? Für Frank-Patrick Steckel? Für Matthias Hartmann? Wetten werden noch angenommen.




Das Ruhrgebiet – von allen Seiten betrachtet: 100 Jahre Regionalgeschichte, wichtige Kulturbauten und zigtausend Luftbilder

Auch ein Aspekt bei „100 Jahre Ruhrgebiet“: selbstironische Imagekampagne „Der Pott kocht“ (1999) mit einem hässlichen Entlein aus dem Revier. (© Leihgeber Regionalverband Ruhr RVR)

Zur Zeit geht’s aber so richtig rund mit der allseitigen Selbstvergewisserung im Ruhrgebiet: Neben der hier bereits ausführlich vorgestellten Schau „Kindheit im Ruhrgebiet“ des Essener Ruhr Museums gibt es jetzt mehrere bemerkenswerte Projekte, welche die ganze Region in den Blick nehmen.

Zuvörderst wäre eine weitere, noch aufwendigere Ausstellung des Ruhr Museums zu nennen, die parallel zu den Kindheits-Betrachtungen läuft: „100 Jahre Ruhrgebiet. Die andere Metropole“ umgreift mit über 1000 Exponaten alle wesentlichen Bereiche des öffentlichen Lebens im Revier, und zwar seit Gründung des Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk, die am 4. Mai 1920 von der preußischen Landesversammlung beschlossen wurde, um den „Wilden Westen“ zu zähmen und zu ordnen. Erst damals entstand im Ruhrgebiet das Bewusstsein der Gemeinsamkeiten. Der Rundgang durch die Ausstellung erweist sich als vielfach aufschlussreicher Streifzug durch Politik, Verwaltung, Industrie, Infrastruktur, Kultur, Wissenschaft und Sport in der Region. Welch eine überbordende Themenfülle! Mehr Einzelheiten dazu folgen demnächst an dieser und an anderer Stelle, nämlich im „Westfalenspiegel“.

„100 Jahre Ruhrgebiet. Die andere Metropole“. 13. September 2020 bis 9. Mai 2021 im Ruhr Museum, Zeche Zollverein, Essen, Gelsenkirchener Str. 181 (Navi: Fritz-Schupp-Allee). Gebäude Kohlenwäsche, 12-Meter-Ebene. Geöffnet Mo-So (täglich) 10-18 Uhr, Eintritt 7, ermäßigt 4 Euro. Kinder/Jugendliche unter 18 frei. Katalog im Verlag Klartext (304 Seiten, über 300 Abb.), 29,95 Euro. www.tickets-ruhrmuseum.de

Stätten der Revierkultur

Glamouröser Auftritt: Hollywood-Star Joan Crawford mit einem Modell des Gelsenkirchener Musiktheaters im Revier – bei Eröffnung der Ausstellung „The New Theatre in Germany“, New York, 5. Februar 1961. (Silbergelatine-Abzug / © Baukunstarchiv NRW)

Eine zweite regionale Selbstbetrachtung mit deutlich mehr eingrenzender Fokussierung ist jetzt im Essener Museum Folkwang zu sehen, und zwar die Ausstellung mit dem (ironisch) staunenden Titel-Ausruf „Und so etwas steht in Gelsenkirchen…“ Hier dreht sich alles um bedeutsame „Kulturbauten im Ruhrgebiet nach 1950″ (Untertitel). Die in Kooperation mit dem Dortmunder Baukunstarchiv NRW und der TU Dortmund entstandene Zusammenstellung umfasst vor allem Skizzen, Pläne und Modelle, beispielsweise zu Bauten wie dem Gelsenkirchener Musiktheater im Revier, der Essener Aalto-Oper und dem Bottroper Museum Quadrat.

„Und so etwas steht in Gelsenkirchen…“. Museum Folkwang, Essen, Museumsplatz 1. Bis 10. Januar 2021. Öffnungszeiten Di, Mi, Sa, So 10 – 18 Uhr, Do, Fr 10 – 20 Uhr, Mo geschlossen. Der Katalog (ca. 200 Seiten, 34 Euro) erscheint im November 2020 im Dortmunder Verlag Kettler.

Aus der Vogelperspektive

Nur mal so als Beispiel von der Seite 3d.ruhr: Schrägluftbild des Dortmunder Westfalenstadions (aka Signal-Iduna-Park), des Stadions Rote Erde, der Körnighalle, der Westfalenhalle und des Messegeländes. (© Geonetzwerk Metropole Ruhr / Regionalverband Ruhr (RVR) / virtualcity SYSTEMS GmbH)

Die Resultate des dritten Projekts kann man besichtigen, ohne das Haus zu verlassen. Auf der Internetseite https://www.3d.ruhr lassen sich – Stück für Stück, Straße für Straße, Haus für Haus – die Städte und Kreise des Ruhrgebiets aus der Vogelperspektive betrachten. Ein kurzes Video auf der Startseite erklärt diverse Zugriffs-Möglichkeiten. Insgesamt 150.000 Luftbilder sind die Grundlage für diesen bundesweit beispiellosen Auftritt, für den die Vermessungs- und Katasterämter der gesamten Region sich untereinander abgestimmt haben. Federführend beteiligt ist der Regionalverband Ruhr (RVR).

https://www.3d.ruhr

 

 




Im Zeichen des Mammuts – Dortmunds Naturmuseum nach sechs Jahren endlich wieder geöffnet

Museumsdirektorin Dr. Dr. Elke Möllmann und Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau halten dem Wahrzeichen des Naturmuseums (aus vielen Originalteilchen zusammengesetztes Skelett einer Mammut-Kuh) ihre Schutzmasken vor. Sierau ließ es sich nicht nehmen, den hindernisreichen Umbau des Hauses als „Mammut-Aufgabe“ zu bezeichnen. (Foto: Bernd Berke)

Eine Stadt, die etwas auf sich hält, sollte beispielsweise mehrere Kunstmuseen haben, außerdem diverse Häuser zur (Kultur)-Geschichte – und möglichst ein naturkundliches Ausstellungs-Institut. In diesem Sinne rückt Dortmund jetzt beim Image-Wettbewerb der Kommunen endlich wieder in eine der vorderen Reihen auf: Nach schier unglaublichen sechs Jahren Umbauzeit (nur zwei hätten es sein sollen) eröffnet das Naturmuseum wieder, in gründlich veränderter Gestalt und deutlich attraktiver als ehedem.

Eigentlich ist – neben dem althergebrachten Stadtwappen-Adler – das Nashorn (Maskottchen des Konzerthauses) zum Dortmunder Werbetier avanciert, doch nun bekommt der Dickhäuter ebenso schwergewichtige Konkurrenz von einer Mammut-Dame. In mühseliger Kleinstarbeit hat man ihr Skelett fürs Museum zusammengesetzt, aus zahllosen originalen Einzelteilen, die (gleichsam als „Beifang“) auf dem Gebiet der heutigen Nordsee gefunden wurden. Vor rund 30.000 Jahren war dort noch trockenes Land. Schon angesichts eines solchen Zeitmaßes erscheint die sechsjährige Umbauzeit seit 2014 denn doch als (allerdings kostspielige) Petitesse. Und es geht ja museal noch viel weiter zurück: von den Eiszeiten (Quartär – hierhin gehört das Mammut) über das Zeitalter der Saurier (Kreidezeit) bis in die Frühzeit der Kohle-Entstehung (Karbon).

Kindgerechtes Marketing: Das Mammut gibt’s auch schon als Stofftier. (Foto: Bernd Berke)

Ach ja, übrigens: Nähere Einzelheiten zur Genese des bundesweit beispiellosen Dortmunder Mammuts finden sich hier. Und noch viel, viel mehr steht im „Mammutbuch“, das von den Freunden und Förderern des Naturmuseums neu herausgebracht wurde.

„(Bitte nicht) am Dino packen!“

Das zweite spektakuläre Hauptstück des Hauses ist nicht original, sondern ein nachempfundenes Dinosaurier-Modell. Die Dortmunder kennen das mächtige Wesen noch aus dem alten Naturkundemuseum, wie es vormals geheißen hat. Dortmund Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) sagte heute zur Eröffnung, er sei in den letzten Jahren vielfach darauf angesprochen worden, wann denn der Dino (und all die anderen Exponate) wieder zu sehen sein würden. Er musste die Menschen wieder und wieder vertrösten. Heute aber rief er launig und spontan in Ruhri-Diktion aus: „Jetzt kann man wieder am Dino packen!“ Da freilich musste er sich von den Museumsleuten höflich korrigieren lassen. Nicht nur, aber derzeit vor allem „wegen Corona“ dürfen etliche Objekte und Mitmach-Stationen noch nicht so berührt werden, wie man es sich gewünscht hätte.

Viele Kalamitäten beim Umbau – nur kein Vulkanausbruch

Museumsdirektorin Dr. Dr. Elke Möllmann skizzierte kurz die schier endlose Abfolge von Pech und Pannen in der Umbauzeit. Mal ging eine Baufirma pleite, mal gab’s keinen Strom, kein Internet, keine Heizung oder kein Wasser, dann wieder hatte man eine Überschwemmung. „Nur einen Vulkanausbruch – den hatten wir nicht…“

So präsentiert sich jetzt der Eingangsbereich des Naturmuseums. (Foto: Bernd Berke)

Die Museumschefin erläuterte das veränderte Konzept: Während das Museum früher die wissenschaftliche Systematik in Biologie und Geologie nüchtern abgearbeitet habe, sei der Rundgang heute im Wesentlichen regionalspezifisch und möglichst sinnlich arrangiert. Man setzt also konsequent in der Lebenswelt Dortmunds und des Umlandes an, ganz konkret zum Beispiel bei den Dortmunder Großgrünflächen Westfalenpark, Rombergpark, Hauptfriedhof und Fredenbaum. Diese Parklandschaften und andere Lebensräume sind (unter dem Obertitel „Stadt – Land – Fluss“) Ausgangspunkte naturgeschichtlicher Erkundungen und Erzählungen, die sich immer mehr verzweigen.

Die Vielfalt reicht bis in Alltagsfragen hinein, beispielsweise: Was muss ich bei der Haltung eines Meerschweinchens beachten? Andererseits rührt man natürlich auch an die großen Fragen der Entstehung des Lebens und der Ökologie. Wollte man hier all die vielen Schubladen mit pointiertem Zusatzwissen aufziehen und die Tafeln lesen, so hätte man sehr reichlich zu tun. Besser wär’s, man käme mehrmals wieder.

Vermittlung durch Vitrinen bleibt eher die Ausnahme

Ja, es gibt auch einige Vitrinen (etwa mit präparierten Vögeln oder Eichhörnchen und dergleichen Getier), doch derlei traditionelle Vermittlung ist eher die Ausnahme, auch wirkt das Inventar „lebendiger“, denn alles ist ungleich besser ausgeleuchtet als früher in den notorisch schummrigen Museen. Wo immer es ging, hat man versucht, Informationen zeitgemäß mit anschaulichen Dioramen, Touchscreens, Videos oder Hörstationen aufzubereiten. In der Pflanzenabteilung darf man ausgewählte Düfte riechen, in einem großen Aquarium schwimmen heimische Fische. Auf der geologischen Etage, die einem vielleicht nicht gar so nah liegt wie die Tierwelt, werden Fossilien durch farbliche Gestaltungen und überraschende Zusammenhänge „zum Sprechen gebracht“. So liegen etwa die uralten Ammoniten nicht einfach nichtssagend herum, sondern sie werden buchstäblich ansprechend präsentiert. Zudem ergeben sich auf den verschiedenen Stockwerken immer wieder reizvolle Perspektiven, die auch dem ästhetischen Empfinden Genüge tun.

Auch eine Katze leistete ihren naturgemäßen Beitrag

Nicht nur die Museumsdirektorin und ihr Team haben seit 2014 einiges geleistet, selbst die Katze von Frau Dr. Dr. Möllmann war indirekt beteiligt. Sie hat Mäuse gefangen, deren filigrane Skelette sodann präpariert wurden und nun in einem speziellen Schaukasten zu sehen sind; selbstverständlich im wissenschaftlichen Kontext.

Gut denkbar, dass das Naturmuseum, wie zuvor das Naturkundemuseum, wieder zum besucherstärksten Haus in Dortmund wird (wenn man vom Deutschen Fußballmuseum einmal absieht). Nicht nur nebenher bedeutet es auch eine kulturelle Aufwertung der gelegentlich als problematisch verschrienen Dortmunder Nordstadt.

Naturmuseum Dortmund. Münsterstraße 271. Ab Dienstag, 8. September 2020, jeweils dienstags bis sonntags 10-17 Uhr (zu diesen Zeiten ist auch das neue Museumscafé „Ammonit“ geöffnet). Eintritt in die Dauerausstellung frei. Neu seit 22. September: tägliche Öffnungszeit um eine Stunde erweitert, also Di bis So 10-18 Uhr

Reservierung erforderlich: Tickets über www.naturmuseum-dortmund.de

Tel.: 0231 / 50-24 856. Mail: naturmuseum@stadtdo.de

Internet: www.naturmuseum.dortmund.de

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Einlass-Regelung/Reservierung

Es muss vorab online für jede Person (unabhängig vom Alter) eine Reservierung vorgenommen werden, und zwar auf dieser Seite:

www.naturmuseum-dortmund.de

Die Reservierungen sind jeweils auf ein bestimmtes Einlass-Zeitfenster begrenzt. Dies bedeutet, dass der Zugang zum Museum nur zu dieser Zeit gestattet wird. Durch die Limitierung der Reservierungen soll gewährleistet werden, dass die aktuell maximal zulässige Personenanzahl im Naturmuseum zu keinem Zeitpunkt überschritten wird.

Vorerst werden nur Reservierungs-Möglichkeiten für jeweils zwei Wochen online gestellt.