Trotz allem optimistisch bleiben – die fabelhaft farbigen Welten des Otmar Alt in Opherdicke

Wenn man seine Bilder und Skulpturen als “bunt” bezeichnet, ist Otmar Alt nicht allzu begeistert. Buntheit klingt ein wenig nach bloß dekorativer Oberflächlichkeit. Viel lieber verwendet der Künstler das Wort “farbig”. In der Tat: Sein Werk ist weit überwiegend farbenfroh. In einer Retrospektive mit über 100 Arbeiten wird dieser an sich schon offenkundige Befund nun im Haus Opherdicke (Holzwickede) bekräftigt.

Otmar Alt mit seiner Tukan-Skulptur vor dem Haus Opherdicke. (Foto: Bernd Berke)

Otmar Alt mit seiner Tukan-Skulptur vor dem Haus Opherdicke. (Foto: Bernd Berke)

Die Zusammenstellung aus dem Leihgaben-Fundus der Otmar Alt Stiftung trägt den etwas wolkig ins Allgemeine ausgreifenden Titel “Fabelhafte Zauberwelten”. “Zauberhafte Fabelwelten” wäre auch nicht verkehrt gewesen. Naja, egal. Jedenfalls wird Otmar Alts Entwicklung in wesentlichen Zügen seit den frühen 1960er Jahren nachgezeichnet. Nicht ausgeschlossen, ja füglich anzunehmen, dass einem hie und da die Augen übergehen, wenn sie so viel Farbe zu trinken bekommen.

Frühe Jahre im Geist des Informel

Als junger Mann hat sich der 1940 in Wernigerode (Harz) geborene und in Berlin aufgewachsene Otmar Alt zunächst am Informel orientiert. Es war damals ein Hauptstrang der abstrakten Kunst und entsprach dem waltenden Zeitgeist einer vermeintlichen “Tabula rasa”, also eines grundlegenden Neuaufbruchs nach dem Zweiten Weltkrieg. Aus dieser Phase finden sich einige wenige Bilder, die man rückblickend schwerlich jenem Otmar Alt zurechnen würde, den wir heute zu kennen glauben.

Otmar Alt: "Die Sternenfängerin" (2014), Acryl auf Leinwand. (Otmar Alt / Otmar Alt Stiftung)

Otmar Alt: “Die Sternenfängerin” (2014), Acryl auf Leinwand. (Otmar Alt / Otmar Alt Stiftung)

Um 1965 fand Otmar Alt allmählich zu seinem eigenen, nach und nach zusehends unverwechselbaren Stil der kraftvollen Farben und klar abgrenzenden Linien. Seine Bilder erscheinen nun wie puzzleartig zusammengesetzt. Dieser Stil verzweigt sich mit den Jahren allerdings vielfach. In dem grundsätzlich fröhlichen und optimistischen Gesamtwerk ist bei näherem Hinsehen dann und wann auch schrundiger Widerstreit, sind verschlungene Wege zu ahnen.

Kunst soll man nicht erklären

Auch dieser Künstler hat, so selbstverständlich fröhlich manche seiner Schöpfungen auch wirken mögen, zuweilen spürbar schmerzlich um die gültige Form gerungen. Auch die Farbe stand und steht ihm nicht einfach so zu Gebote. “Wenn man nicht genau aufpasst, macht die Farbe, was sie will”, sagt er, der auf solides Handwerk stets größten Wert gelegt hat. Ansonsten bleibt er bei seinem Leitsatz: “Kunst, die man erklären muss, ist langweilig.”

Otmar Alt, der nie sonderliche Berührungsängste hatte, was die Zusammenarbeit mit großen Firmen (Rosenthal, einstige RAG usw.) und überhaupt kommerzielle Verwertungen anging, gilt als einer der erfolgreichsten und populärsten Künstler Deutschlands. Auch in den Gefilden des Kreises Unna ist er wahrlich kein Unbekannter. 2013 war ihm eine Ausstellung auf Schloss Cappenberg in Selm gewidmet. Dort konnte man 700 Quadratmeter bespielen, in Holzwickede sind es nun gerade mal rund 300.

Otmar Alt: "Flugversuch" (1992), Acryl auf Leinwand (Otmar Alt / Otmar Alt Stiftung)

Otmar Alt: “Flugversuch” (1992), Acryl auf Leinwand. (Otmar Alt / Otmar Alt Stiftung)

So kommt es, dass diese – von Sigrid Zielke-Hengstenberg und Arne Reimann kuratierte – Schau sehr dicht und konzentriert wirkt, ohne jedoch überladen zu sein. Man hat die knappe Fläche halt intensiv genutzt. Wo es irgend ging, wurden auch ein paar Großformate untergebracht. Otmar Alt selbst zeigte sich bei einer Vorbesichtigung sehr angetan von der werkdienlichen Auswahl, Platzierung und Hängung sowie vom Katalog aus dem Dortmunder Kettler Verlag.

Nach der Signatur ein Glas Rosé

Es ist Otmar Alt darum zu tun, mit seiner Kunst möglichst direkt in den Alltag hineinzuwirken. Zahlreiche Objekte in diversen Städten und Parks zeugen davon, auch im Garten von Opherdicke sind jetzt einzelne Beispiele zu finden. Nicht weit entfernt, in Norddinker (ländlicher Ortsteil von Hamm), wo sich der Künstler mitsamt seiner Otmar Alt Stiftung auf einem früheren Bauernhof niedergelassen hat, stehen etliche weitere Skulpturen.

Otmar Alt: "Zeichensetzer" (2012), Acryl auf Leinwand. (Otmar Alt / Otmar Alt Stiftung)

Otmar Alt: “Zeichensetzer” (2012), Acryl auf Leinwand. (Otmar Alt / Otmar Alt Stiftung)

Die Farbigkeit seiner Arbeiten könnte zu dem Fehlschluss verleiten, der Künstler sei ein ungebrochener Optimist. Nichts da! Ganz offen bekennt er, öfter auch mal ausgesprochen schlechte Laune zu haben. Und ja: Man kann ihn sich notfalls auch bärbeißig vorstellen. Im Sternzeichen Krebs geboren, habe er auch etwas von einem “Einsiedlerkrebs”, sagt er selbst. Er male nicht etwa in einem großen Atelier, sondern in einer eher beengten Garage. Sei eine Arbeit vollendet, folge ein dreiteiliges Ritual: “Signatur. Pfeife. Ein Glas Rosé.”

Schwere Schicksalsschläge

Otmar Alt hat schwere familiäre Schicksalsschläge erlitten – den Tod eines kleinen Sohnes, den Tod seiner ersten Frau. Gerade deshalb und wegen der widrigen, um nicht zu sagen widerlichen Zeitläufte will er mit seiner Kunst ganz bewusst Gegenzeichen setzen und – als großes “Dennoch” – sich gleichsam zu einer optimistischen Haltung durchkämpfen. Das könnte denn doch etwas heimlich Heroisches haben. Umso bemerkenswerter, dass viele dieser Bilder ziemlich zuverlässig ein Lächeln auf die Gesichter der Betrachter zaubern. Muss man eigens betonen, dass diese Kunst auch und gerade Kinder anspricht?

Dass bei Otmar Alt nicht alles bruch- und problemlos vonstatten geht, zeigen etwa Arbeiten wie “Gleichgewicht”, in der insgeheim auch das mögliche Unglück eines Zusammenstürzens enthalten ist, oder schon Titel wie “Schöne Gedanken auf Abwegen” und “Zwiespalt” – mit einem deutlichen Riss, der sich mitten durchs Bild zieht.

Otmar Alt: Trinkgefäße für die Firma Rosenthal (um 1985), Glas. (Otmar Alt / Otmar Alt Stiftung)

Otmar Alt: Trinkgefäße für die Firma Rosenthal (um 1985), Glas. (Otmar Alt / Otmar Alt Stiftung)

Man kann natürlich nicht alle Arbeiten in der Ausstellung gleichermaßen würdigen. Sicherlich hat man mehr von alledem, wenn man sich beim Rundgang bestimmte Bilder heraussucht und diese umso ausgiebiger betrachtet, indem man ihre inneren Spuren und Spannungsbögen verfolgt und dazu seine Assoziationen spielen lässt. Oder indem man sich einfach unversehens in Bezirke dieser Zauberwelt entführen lässt.

Wer mag, kann sich dabei auch speziellen Themen zuwenden: So ist ein Raum den Katzenbildern des Künstlers vorbehalten, in einem anderen überwiegen clowneske Darstellungen, in einem dritten die Auseinandersetzungen mit anderen Künstlern – von Lucas Cranach bis Andy Warhol.

Gewisse Verbindungslinien – nicht nur zu Miró

Hommage an Lucas Cranach: Otmar Alts Bild "Der Meister Lucas bei der Arbeit" (2014), Acryl auf Leinwand. (Otmar Alt / Otmar Alt Stiftung)

Hommage an Lucas Cranach: Otmar Alts Bild “Der Meister Lucas bei der Arbeit” (2014), Acryl auf Leinwand. (Otmar Alt / Otmar Alt Stiftung)

Apropos andere Künstler. Obgleich Otmar Alts Schaffen schwerlich verwechselbar ist, lassen sich wohl Verbindungslinien ziehen. So liegt etwa der Gedanke an Joan Miró nicht fern. Mich erinnert manche Figuration bei Otmar Alt aus gewisser Halbdistanz ans Werk der Niki de Saint Phalle, das vor nicht allzu langer Zeit im Dortmunder Museum Ostwall ausschnitthaft präsentiert wurde und das – dem Anschein zum trotz – ebenfalls von inneren Kämpfen kündet. Auch wenn Otmar Alt es zu Recht ablehnt, in die Schublade mit der Aufschrift “Pop-Künstler” einsortiert zu werden, so lässt sich seine Art der Farbigkeit doch aus jenen Zusammenhängen herleiten. Beispielsweise könnte man an die genialischen Beatles-Illustrationen eines Heinz Edelmann denken.

Ein weites Feld. Wir wollen es hier nicht gründlicher beackern. Schließen wir lieber mit einer einprägsamen Weisheit des Künstlers: “Die Kunst ist ein Versuch. Das Leben auch.”

Otmar Alt: Fabelhafte Zauberwelten. 22. April (Eröffnung um 11.30 Uhr) bis 2. September 2018. Geöffnet Di-So 10.30-17.30 Uhr. Haus Opherdicke, Dorfstraße 29 in 59439 Holzwickede. Tel. 02301 / 918 39 72. Eintritt 4 Euro, ermäßigt 3 €, Familienkarte 8 €. Katalog 20 €. Weitere Infos hier.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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