Der Struwwelpeter, der Suppenkasper und ihre Wirkung auf die Kunst – eine Ausstellung in Oberhausen

Der Struwwelpeter in seiner allseits bekannten Gestalt. (© Heinrich Hoffmann)

Der Struwwelpeter in seiner allseits bekannten Gestalt. (© Heinrich Hoffmann)

„Sieh einmal, hier steht er, pfui! der Struwwelpeter!“ – Diese irrwitzig lang abstehenden Haare und dito Fingernägel. Rings um seine bizarre Gestalt ist es auch nicht ordentlicher bestellt: die permanente Suppen-Verweigerung, das unentwegte Daumenlutschen. Weit schlimmer noch: die leuchtend roten Schuhe, die von Paulinchen nach ihrem Zündel-Inferno als einzige Relikte übrig bleiben. Die beiden Katzen, die sie vor dem Feuer gewarnt haben und nun Sturzbäche von Tränen vergießen. Der unverwechselbare Riesenschritt, mit dem Han(n)s Guck-in-die-Luft in sein Verderben stürzt…

Diese und viele andere Bilder aus Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“ gehören seit etlichen Generationen zum kollektiven Gedächtnis und haben höchsten Wiedererkennungswert. Sie blitzen immer mal wieder auf und reizen häufig zum Fortspinnen der alten Geschichten. Oder zum Widerspruch. Also sind sie immer wieder aufgegriffen, variiert, parodiert, paraphrasiert oder auch konterkariert worden.

Damit und natürlich mit dem nachwirkenden Original befasst sich jetzt anhand von weit über 200 Exponaten die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Ausstellungs-Kuratorin Linda Schmitz spricht von lauter „Struwwelpetriaden“. Gar manche stammen vom spezialisierten Sammlerpaar Nadine und Walter Sauer.

Das weltweit berühmteste deutsche Kinderbuch

„Der Struwwelpeter“ ist schlichtweg das berühmteste aller deutschen Kinderbücher, das weltweit in zahllosen Ausgaben erschienen ist. In Oberhausen finden sich etliche Exemplare als Belege, die erschröcklichen Geschichten sind in fast allen denkbaren Welt- und Regionalsprachen zu lesen, vom Chinesischen bis zum Ruhrdeutschen. Auch ein Mark Twain hat zum breiten Strom der globalen Rezeption eine Übersetzung ins Englische beigesteuert.

Heinrich HOffmann: Struwwelpeter im Urmanuskript von 1844. (© Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)

Heinrich Hoffmann: Struwwelpeter im Urmanuskript von 1844. (© Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)

In Oberhausen lassen sich die verschiedenen Fassungen seit dem Urmanuskript von 1844 (heuer ist’s 175 Jahre her) miteinander vergleichen. Tatsächlich unterscheiden sie sich deutlich. Erst nach und nach sind die Bilder so entstanden, wie wir sie kennen. Die Aussagen verdichten sich zusehends, Gestalten und Abläufe werden immer prägnanter und kraftvoller ausgeführt, neue Figuren kommen hinzu.

Damit man sich einen Begriff von der raschen Verbreitung machen kann: Ende 1859 erschien bereits die 27. „Struwwelpeter“-Auflage. Übrigens sind die frühen Blätter in der Ludwiggalerie nur als – sorgsam erstellte – Faksimiles zu sehen, die Originale (besonders im Germanischen Nationalmuseum zu Nürnberg) sind so empfindlich, dass sie nicht ausgeliehen werden dürfen.

Drastische Konsequenzen des Tuns

Der Frankfurter Hoffmann, im Brotberuf Arzt und als zeichnender Dichter ein begabter Laie, hat die bis dahin üblichen Kinderbücher nicht gemocht. Was sollten die ewigen belehrenden Abbildungen aus der Dingwelt? Ein Stuhl, eine Jacke, ein Apfel… War es nicht besser, wenn die Kinder statt dessen sinnlich die fassbare Wirklichkeit entdeckten? Und was half es, die Kleinen unentwegt zum Bravsein anzuhalten? War es nicht weitaus wirksamer, ihnen in aller Drastik die Konsequenzen von Handlungen zu zeigen, die als vernunftlose Missetaten gewertet wurden? Also erfand Hoffmann beispielsweise den anfangs kerngesunden Suppen-Kasper, der nun freilich Tag um Tag trotzig die Nahrungsaufnahme verweigert („Nein, meine Suppe ess‘ ich nicht“) und immer mehr zum kläglichen Gerippe abmagert. Gruselige Schlusszeilen: „Er wog vielleicht ein halbes Lot – / Und war am fünften Tage tot.“

Friedrich Karl Waechter: Bild aus dem „Anti-Struwwelpeter" (Geschichte vom Suppen-Kasper), 1970 (© Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst, Hannover)

Friedrich Karl Waechter: Bild aus dem „Anti-Struwwelpeter“ (Geschichte vom Suppen-Kasper), 1970. (© Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst, Hannover)

Sodann der denkbar vielfältige Umgang späterer Künstler mit der Vorlage. Hans Witte hat nur typographische Aspekte herausgegriffen, hat einzelne Worte und Buchstaben aus dem „Struwwelpeter“ umgestaltet. Im antiautoritären Geist der Achtundsechziger hat hingegen F. K. Waechter in seinem ebenfalls schon legendären „Anti-Struwwelpeter“ (1970) die seinerzeit als Schwarze Pädagogik verschrienen Ansichten Hoffmanns gegen den Strich gebürstet.

Frühe Kritik am Rassismus

Heute geht man nicht mehr gar so hart mit dem angeblichen „Kinderschreck“ Hoffmann ins Gericht. Pädagogisch waren seine Einfälle und der beherzte Themenzugriff teilweise gar nicht so verkehrt. Zudem: Mit seiner ärztlichen Haltung, psychische Krankheiten als nicht selbstverschuldet und als heilbar aufzufassen, stand er zu seiner Zeit an der Spitze des Fortschritts. Und seine mahnende Geschichte über weiße Rabaukenknaben, die sich über einen „Mohren“ lustig machen, kann als antirassistisches Musterstück gelten.

Doch weiter mit den Nachfolgern: In einer Bilderserie von Matthias Kringe wird der „Struwwelpeter“ kreativ mit Star Wars überblendet. Plötzlich taucht mittendrin Darth Vader auf. Andere, wie etwa Manfred Bofinger, erzählen im Gefolge Hoffmanns von gewaltsamen Umtrieben der Neonazis. Schon in den 1940er Jahren gab es einige Hitler-Parodien in Struwwelpeter-Optik, allen voran der britische „Struwwelhitler“ („A Nazi Story Book by Doktor Schrecklichkeit“) von 1941.

Angela Bugdahl: „Die Geschichte mit dem Feuerzeug (Paulinchen", 2004 (© Angela Bugdahl)

Angela Bugdahl: „Die Geschichte mit dem Feuerzeug (Paulinchen)“, 2004 (© Angela Bugdahl)

Die Künstlerin Angela Bugdahl hat einzelne Momente aus Hoffmanns Geschichten herausgegriffen und stellt etwa das Daumenlutschen als durchaus natürlichen Vorgang dar, der eben nicht unterdrückt werden sollte. Den Suppen-Kasper lässt sie unterdessen mit den Mitteln der Pop Art wieder aufleben. Ein Junge mag nicht die durch Andy Warhol kunstberühmt gewordene Campbell’s-Dosensuppe essen. Vielleicht hat er ja seine nachvollziehbaren Gründe?

Eine hoffnungslose Welt

David Füleki treibt derweil die „schwarzen“ Geschichten Hoffmanns auf die Spitze, indem er auf entschieden anarchistische Weise die Dystopie einer hoffnungslosen Welt mit grundsätzlich verzweifelten Kindern entwirft.

Eben daran erkennt man wahre Klassiker: Sie sind sozusagen universell „anschließbar“, letztlich auch für einen Hersteller, der mit „Struwwelpeter“-Shampoo auf den Markt kam. Für die Musik, in der der Struwwelpeter gleichfalls Spuren hinterließ, bleiben angesichts so vieler Verzweigungen nur ein paar Seitenblicke.

Anno 2018 kommt der kaum vermeidliche Jan Böhmermann bildlich auf den Struwwelpeter zurück, um auf seine erhellend irrlichternde Weise etwa von Eltern im heutigen Bionade-Biedermeier zu erzählen. Auch diesen Film kann man in der  Ausstellung sehen.

„Ruhestörung“ in der Biedermeier-Zeit 

Apropos: Hoffmanns „Struwwelpeter“ gehört ursprünglich in den Kontext des Biedermeier um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein in Oberhausen gezeigtes Original-Zimmer aus jener Zeit steht für den betulichen Rückzug ins (klein)bürgerliche Dasein, man könnte auch sagen: in verlogene Gemütlichkeit fernab aller politischen Zumutungen. In solcher Zeit dürften „Struwwelpeter“ und Konsorten als „Ruhestörer“ Furore gemacht haben.

ATAK/Prof. Georg Barber: „Der Struwwelpeter, Konrad und Schneider", 2009 (© ATAK und Kein & Aber Verlag, Rürich, 2009)

ATAK/Prof. Georg Barber: „Der Struwwelpeter, Konrad und Schneider“, 2009 (© ATAK und Kein & Aber Verlag, Zürich, 2009)

Zur Genese des „Struwwelpeter“ befragt, hat Heinrich Hoffmann in der Zeitschrift „Gartenlaube“ geschrieben, er habe die Geschichten für seinen damals dreijährigen Sohn gereimt und gezeichnet, weil nirgendwo sonst etwas Passendes im Angebot gewesen sei. Mag sein, dass der einfallsreiche Mann damit auch an der eigenen Legende stricken wollte.

„DER STRUWWELPETER. Zappel-Philipp, Paulinchen und Hanns Guck-in-die-Luft. Zwischen Faszination und Kinderschreck von Hoffmann bis Böhmermann“. 22. September 2019 bis 12. Januar 2020. Geöffnet Di-So 11-18 Uhr. Eintritt 8 Euro, ermäßigt 4 Euro. Katalog 29,80 Euro. Weitere Infos: www.ludwiggalerie.de

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Vom 29. September 2019 bis zum 19. Januar 2020 ist im Kleinen Schloss der Ludwiggalerie zusätzlich die Ausstellung „Simon Schwartz – Geschichtsbilder. Comics & Graphic Novels“ zu sehen. Gleiche Öffnungszeiten wie beim Struwwelpeter, aber Eintritt frei.




Ein kleines Weltwunder aus Westfalen: der in den Baum eingewachsene Roller

Da steckt der alte Roller in der Rinde... (Fotos: Bernd Berke)

Da steckt der alte Roller in der Rinde… (Fotos: Bernd Berke)

Das Schuljahr ist seit ein paar Tagen vorüber, die Sommerferien haben nun auch in Nordrhein-Westfalen begonnen. Die Theater sind ferienhalber dicht, die Museen zeigen erst einmal nichts Neues. Ergo tut sich das von allen Medien (und deren Konsumenten) gefürchtete „Sommerloch“ auf.

Mit anderen Worten: Die „Sauregurkenzeit“ bricht an – und man ist dankbar für jeden Sack, der in Peking oder sonstwo umfällt, enthalte er nun Reis oder anderes Zeug.

Was macht man da? Oder noch kürzer: „Was tun?“, wie schon Lenin fragte. Man grabbelt beispielsweise in der Bilderkiste. Und siehe da: Sensationelles kommt ans Licht. Ein neuntes Weltwunder aus Westfalen – oder so ähnlich.

„Hinter eines Baumes Rinde…“

„Hinter eines Baumes Rinde / wohnt die Made mit dem Kinde…“ So hob einst das vielleicht bekannteste Gedicht des unvergessenen Heinz Erhardt an. Wir wissen nicht, ob hinter unseres Baumes Rinde auch eine Madenfamilie wohnt und Tragisches erlebt, wir wissen aber: Hier ist ein veritabler alter Roller eingewachsen.

Weiß der Himmel, wie das zugegangen ist. Ob jemand ihn dorthin gehievt und sodann lange, lange gestützt hat, bis sich die Rinde drumherum gelegt hat und allmählich über dem Metallrohr zusammengewachsen ist? Egal.

...und noch eine Ansicht des wundersamen Wuchses.

…und noch eine Ansicht des wundersamen Wuchses.

Es muss, zieht man das altertümliche Rollermodell in Erwägung, wohl schon etwas länger her sein, dass dies geschah. Vielleicht in den 1960er Jahren? Mag sein. Vielleicht hat aber auch jemand viel später den längst ausgedienten Roller genommen und dem naturnahen Experiment ausgesetzt.

Der Baum jedenfalls, der übrigens auf Dortmunder Boden wurzelt, vereinnahmt geradezu liebevoll das Utensil aus hoffentlich glücklich gewesenen Kindertagen.

Das Arrangement, so will es scheinen, darf wohl als kleines Kunstwerk gelten. Es kündet nicht nur von zuwartender Geduld, sondern auch von traulicher Verschwisterung zwischen Fabrikation und Natur.




Oh, schreckliche Sportart Völkerball – Sofort verbieten!

Ach, könnte man sich doch gegen alle Zumutungen des Lebens beschirmen... (Foto: Bernd Berke)

Ach, könnte man sich doch gegen alle Zumutungen des Lebens beschirmen! (Foto: Bernd Berke)

Dies vorangeschickt: Wir reden hier gewiss nicht über alle Kinder aller Eltern. Manche, ja viele, sehr viele wachsen auch in Deutschland unter unwürdigen oder gar gewaltsamen Bedingungen auf. Doch andererseits…

Andererseits gibt es in gewissen beflissenen Mittelschichts-Kreisen die Tendenz, den Nachwuchs (und sich selbst) quasi unbeschränkt vor allem Zumutungen des Lebens geradezu demonstrativ behüten zu wollen – zumindest, was den äußeren Anschein betrifft.

Das Helikopter-Phänomen ist zwischen Latte und SUV so oft geschildert worden, dass es längst zum komischen Klischee geronnen ist. Es verbindet sich aufs unfreiwillig Lächerlichste mit politischer Korrektheit und Unduldsamkeit, sollte da mal eine gegenläufige Meinung auftauchen.

Widersprüche will man einfach nicht hinnehmen und nicht wahrhaben. Ja, man hält sie nicht einmal mehr aus. Welch eine lebensferne Einstellung! Das Nicht-mehr-Aushalten anderer Auffassungen ist überhaupt ein Grundproblem dieser Gesellschaft. Zu dem Themenkomplex hat jüngst auch die Feministin und Philosophin Svenja Flaßpöhler der TAZ ein wichtiges Interview gegeben.

Genug der weitschweifigen Vorrede. Werden wir konkret. Denn wieder einmal haben wir ein neues Beispiel, natürlich – wie immer in derlei Fällen üblich – von „Experten“ aus dem Wissenschaftsbereich angestoßen und mitgetragen. Die Standard-Überschrift beginnt diesmal nicht mit „Experten warnen vor…“, sondern mit „Forscher fordern…“ Und was sollen sie schon fordern? Verbote natürlich. Man hat’s gern rigoros.

Verlierer*innen soll es gar nicht mehr geben

Kanadische Wissenschaftler*innen also (wir gendern hier ganz bewusst, um dem Kontext zu entsprechen) haben demnach für gutes Geld festgestellt, dass das seit Generationen in Schulen und anderswo gespielte, mehr oder weniger beliebte Völkerball (artverwandt in Nordamerika: Dodgeball) ein „Mittel der Unterdrückung“ und „legalisiertes Mobbing“ sei. Weil man nämlich laut Regelwerk Leute des gegnerischen Teams mit dem Ball treffen soll… Man könnte denken, dass damit Völkerball fast schon an Völkerschlacht grenzt. Jedenfalls, so die rigide Forderung, gehöre die Sportart abgeschafft.

Donnerwetter! Man könnte also einen Ball abkriegen und sich danach ganz, ganz schlecht fühlen. Denkt Euch nur: Es soll schon vorgekommen sein, dass böse Buben (oder Mädels) im Spiel absichtlich auf Mitschüler*innen gezielt haben. Doch nun wird uns endlich Gutes verheißen. Ganz klar: Wird kein Völkerball mehr gespielt, hört derlei übles Mobbing sofort auf, Lamm und Wolf lagern nett beieinander und der ewige Frieden bricht aus. Aber so was von!

Es gibt ja tatsächlich auch schon Leute, die überhaupt jedwedes Spiel ablehnen, bei dem es Gewinner und Verlierer gibt. Verlieren! O nein! Was für eine Schmach, die sich nimmermehr verwinden lässt! Den Herzchen ist es einfach egal, ob man dabei was fürs spätere Leben lernen könnte. Sie meiden jede mögliche „Verletzung“. Auch so kann man später ausbrechende Aggressionen züchten.




Kinder für Kultur gewinnen, Digitalisierung voranbringen – Neues Konzept beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe

LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger führt einen digitalen ZUgang zum archäologischen Fund (Gebeine einer 5300 bis 4500 v. Chr. gestorbenen Bäuerin) vor: Auf dem Tablet-Bildschirm sieht man, wie sich die Bäuerin die Gelenke ruiniert hat. (Foto: Bernd Berke)

LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger führt einen virtuellen Zugang zum archäologischen Fund (Gebeine einer 5300 bis 4500 v. Chr. gestorbenen Frau) vor: Auf dem Tablet-Bildschirm sieht man, wie sich die Bäuerin ihre Gelenke ruiniert hat. (Foto: Bernd Berke)

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) will die Kultureinrichtungen seines weitläufigen Einzugsgebiets mit einem neuen Langzeit-Konzept unterfüttern, das im fertigen Druck rund 150 illustrierte Seiten umfassen wird. Zeitliche Zukunftsperspektive der Planung: die nächsten zehn Jahre. Eine Zwischenbilanz ist nach fünf Jahren vorgesehen. Und was steht drin im Konzept?

LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger schickt voraus, dass es nicht um strikte Richtungsangaben gehe: „Wir verstehen das Konzept als Kompass und nicht als starren Fahrplan.“ Sie hat die wesentlichen Grundzüge heute im Herner Archäologiemuseum vorgestellt – ein Haus, das sie vormals selbst geleitet hat und das jetzt eine gewisse Vorreiterrolle auf dem Parcours der Reformen einnimmt.

Zwei von insgesamt zehn Punkten gelten als besonders wichtig: Wie gewinnt man Kinder und Jugendliche für Museen und sonstige Kultur, wie hält man sie bei der Sache? Und natürlich läuft auch hier, wie allerwärts, eine weitere Leitlinie auf „Digitalisierung“ hinaus. Auf diesem Felde will man zahlreichen kleineren Museen, die über wenig Mittel verfügen, beratend zur Seite stehen. Rüschoff-Parzinger: „Wenn die Schulen digitalisiert werden, müssen auch die Museen mitmachen. Sonst versteht man sich nicht mehr.“ Kinder und Digitalisierung also. Klingt zunächst noch nicht so furchtbar originell.

Fragebogen-Aktion in rund 1200 Schulen der Region

Doch zunächst zum Nachwuchs. Der LWL hat Fragebögen an alle westfälischen Schulen (rund 1200 an der Zahl) verschickt. Rund 1600 Bögen kamen zurück, weil nicht nur ganze Schulen, sondern auch einzelne Klassen teilgenommen haben. Es wurden so grundlegende Fragen gestellt wie die, was nach Auffassung der Schüler(innen) eigentlich mit Kultur zusammenhängt. Hier ragten – kein Witz – Reiz- und Schlüsselwörter wie Schloss (15,3% der Nennungen) und sogar Blaskapelle hervor. Nicht ganz leicht, daran sinnreich anzuknüpfen. Aber es gibt ja auch noch etliche andere Zugänge, die stets „auf Augenhöhe“ mit den Kindern eröffnet werden sollen.

Der genauerer Blick auf die virtuelle Szene mit der Bäuerin vermittelt einen Eindruck von der mühsamen steinzeitlichen Art des Getreidemahlens. (Foto: Puppeteers / Sebastian Heger)

Der genauere Blick auf die virtuelle Szene mit der Bäuerin vermittelt einen Eindruck von der steinzeitlichen Art des Getreidemahlens. (Foto: Puppeteers / Sebastian Heger)

90 Prozent aller Befragten hatten laut LWL-Umfrage schon mal ein Museum besucht, die allermeisten mit der Schulklasse, viele auch mit der Familie, wobei sich hier schichten- und schulformenspezifische Unterschiede abzeichnen. Kinder und Jugendliche wünschen sich weit überwiegend andere, zeitgemäßere Darbietungsformen in den Museen – weniger klassische Führungen und mehr kreative Aktionen, eigene Erfahrungen inbegriffen, etwa beim Herstellen einschlägiger Objekte. Auch sollen die vermittelten Inhalte möglichst mit dem eigenen Leben zu tun haben – und sei’s auf indirekte, aber nachvollziehbare Weise. Dass hier auch digitale Annäherungen ins Spiel kommen, versteht sich beinahe von selbst.

Eintritt frei, Anfahrt kostenlos

Seit 1. April lief die Versuchsphase, in der Kinder und Jugendliche in den 18 LWL-Museen keinen Eintritt mehr bezahlen mussten. Die Besucherzahlen mancher Häuser haben sich seither so rasant nach oben entwickelt, dass die Vergünstigung jetzt dauerhaft sein soll. Manche NRW-Städte haben es ja bereits in ähnlicher Weise vorgemacht. Kaum minder wirksam: Nach unbürokratischem Antrag (Formular auf der LWL-Internetseite) wird eine Klassen-Anfahrt zum gewünschten Museum vom LWL bezahlt – auch schon mal über mittlere Strecken wie von Detmold nach Herne. 300.000 Euro stehen für solche Bustouren vorerst bereit.

Doch der Verzicht auf Eintrittsgeld und die subventionierten Anfahrten genügen nicht. Die Museen müssen halt Attraktionen bieten. Inhalte und Formen der Darstellung sollen zur Zielgruppe passen, Spaß machen, spannend sein.

Original-Exponat plus virtuelle Darstellung

Und die Digitalisierung der Museumslandschaft? Nun, wohin die Reise in den nächsten zehn Jahren geht, kann eigentlich noch niemand genau wissen, denn die Technik entwickelt sich bekanntlich rasend schnell.

Einstweilen steuert man auf Installationen zu, die im Herner Archäologiemuseum auch schon an mehreren Stationen zu besichtigen sind: Ein Original-Vitrinenstück, beispielsweise ein Faustkeil, wird geradezu „geisterhaft“ holographisch ergänzt. Da sieht man im bewegten virtuellen Bild, wie das Stück in der Steinzeit verwendet worden ist. Auch eine in der Vitrine schwebende Textprojektion gehört dazu. Fraglich bleibt, ob und wie rasch sich solche Effekte abnutzen.

Frappierend auch die Möglichkeit, mit dem eigenen Smartphone oder Tablet ein Museums-Exponat wie jene Gebeine einer vor etwa 7000 Jahren gestorbenen Bäuerin anzusteuern und mit einer virtuellen Erscheinung („Augmented Reality“) auf- oder jedenfalls umzuwerten. Da sieht man, mit welchen Dauerbewegungen beim Getreidemahlen sich die Frau damals ihre Gelenke ruiniert hat. Solche technischen Zaubereien in allen Ehren. Ohne die Aura des Originals wären sie jedoch wenig wert.

Aufwertung des ländlichen Raumes

Unterdessen wird auch schon darüber nachgedacht, ob künftige Ausstellungen als virtueller Rundgang gespeichert werden sollen, sprich: Man könnte eine Schau, die längst geschlossen ist, noch Jahre später durchstreifen, beispielsweise auch zu Hause, mit einer Spezialbrille für Virtual Reality (VR) ausgestattet. Man ahnt schon, dass im Zuge einer solchen Entwicklung kiloschwere gedruckte Kataloge an Bedeutung einbüßen könnten.

Weitere gewichtige Zielvorstellung, die im Konzept dargelegt wird: die Stärkung des ländlichen Raumes auch auf kulturellem Gebiet. Außerdem in Planung: der Ausbau der Burg Hülshoff zum (anglo-neudeutsch so benannten) „Center for Literature“ (CfL) sowie die Stärkung von historischen „Erinnerungsorten“ wie dem Kriegsgefangenenlager Stalag 326 in Schloß Holte-Stukenbrock (Kreis Gütersloh).

Politisch schon beschlossene Sache

All dies und ein maßvoll erweiterter Stellenplan sind Kostenfaktoren. Doch es handelt sich beim Konzept nicht um Traumgespinste, sondern um regionalpolitisch bereits einmütig beschlossene Maßnahmen. Barbara Rüschoff-Parzinger erwähnt in diesem Kontext eigens den Dortmunder Stadtdirektor Jörg Stüdemann, der Kulturdezernt und Kämmerer in Personalunion ist und vom neuen LWL-Konzept angetan sei. Und tatsächlich: Stüdemann dürfte qua Doppelamt nicht nur wissen, zu welchem Zweck man Kultur finanziert, sondern auch: woher das Geld kommen könnte.

Wie im gegenwärtigen Kulturmanagement üblich, ist in derlei konzeptuellen Zusammenhängen immer wieder von Bedarfen (in der Mehrzahl), Evaluierung, Vernetzung, Akteuren oder gar „Stakeholdern“ der Kultur die Rede. Man merkt allenthalben, dass Frau Rüschoff-Parzinger, der dieser Jargon nicht fremd ist, die Dinge systematisch und strategisch angeht. Dennoch betont sie, dass manches auch dem Geschick überlassen bleibt, dass wohl nicht alle Experimente gelingen werden. Auch hier gelten eben Bert Brechts legendäre Songzeilen: „Ja, mach nur einen Plan…“




Wenn der Affe Walter Geburtstag hat, singen die Zoobesucher aus voller Brust „Happy Birthday“

Geburtstags-Affe Walter (re.) mit Lebensgefährtin Toba im Freigelände am Regenwaldhaus. (Foto: Bernd Berke)

Großer Aufschlag im Dortmunder Zoo: Geburtstags-Affe Walter (re.) mit Lebensgefährtin Toba im Freigelände am Regenwaldhaus. (Foto: Bernd Berke)

Das hat man nicht mehr alle Tage in Dortmund, wo sich das Medienangebot zuletzt arg ausgedünnt hat. Ein Presseauftrieb wie heute ist recht selten geworden. Etliche Print-Journalisten, Fotografen, Hörfunkreporter, Kamerateams und Hunderte von Schaulustigen waren zugegen, als… BVB-Kapitän Marco Reus einen öffentlichen Auftritt hatte? Angela Merkel in der Stadt zu Gast war? Gar irgend etwas Klimagerechtes mit Greta Thunberg stattfand? Nichts von alledem! Ein Affe hatte Geburtstag!

Walter heißt der Orang-Utan, dem heute im Dortmunder Zoo zünftig gehuldigt wurde. Der Affe mit bewegter Frankfurter, Leipziger und schwedischer Vergangenheit beging in der Außenanlage des Regenwaldhauses „Rumah hutan“ seinen 30. Geburtstag mit einer veritablen Torte, die vorwiegend aus gefrorenen Frucht- und Gemüsesäften bestand.

Walter erlangte einen gewissen Bekanntheitsgrad, als er 2006 zum Fußball-WM-Orakel bestellt wurde – und einige Ergebnisse korrekt „vorhersagte“. Ein Fußballkenner also, wie es sich für Dortmund gehört. Und wehe allen, die jetzt „Mein Gott, Walter“ sagen! Sie haben es verwirkt.

Bei solchen Anlässen werden auch schon mal KInder vom Fernsehen befragt. (Foto: Bernd Berke)

Bei solchen Anlässen werden auch schon mal Kinder vom regionalen Fernsehen befragt. (Foto: Bernd Berke)

Allerdings geht mit dem Kerl auch schon mal das Animalische durch. Aus schierer Eifersucht hat Walter seinem Ziehkind Yenko einmal einen Arm abgebissen. Das arme, tapfere kleine Wesen klettert trotzdem höchst geschickt durch die Anlage. Da seufzen alle Mütter. Und nicht nur die.

Wie sein Pfleger verriet, ernährt sich Walter übrigens ziemlich vernünftig. Niemals überfresse er sich. Wenn man ihm eine ganze Kiste Bananen hinstelle, nehme er nur zwei bis drei zum sofortigen Verzehr. Den Rest lasse er zunächst einmal liegen. Er hat also offenbar beste Chancen, das ehrwürdige Orang-Greisen-Alter von rund 60 Jahren zu erreichen.

Nachdem die (ferienhalber sehr ansehnliche) Zoobesucher-Schar aus voller Brust „Happy Birthday“ angestimmt hatte, die Torte weitgehend aufgegessen und überhaupt alles recht gesittet und manierlich verlaufen war, wurde Walter dann doch wieder etwas rabiat. Er zerschlug plötzlich mit wenigen Hieben die große Kiste, auf der die „30″ aufgemalt war.

 

 




Große Ernüchterung, doch Freude am Chaos: Enzensberger erzählt „Anekdoten“ aus seiner Kindheit und Jugend

Ja, so glaubt man Hans Magnus Enzensberger zu kennen – nicht gerade als Mann des ehernen Wortes, sondern als allzeit wendigen Geist des Flüchtigen und Flüssigen, wenn nicht des quasi Gasförmigen. Und so leitet er auch sein neues Buch „Eine Handvoll Anekdoten“ mit zwei recht vagen Erklärungen ein, als wolle er sich lieber nicht festlegen oder gar festlegen lassen.

Bei Anekdoten, so teilt er vorab mit, handele es sich um „eigentlich etwas aus Gründen der Diskretion noch nicht schriftlich Veröffentlichtes, bisher nur mündlich Überliefertes.“ Den Untertitel „Auch opus incertum“ erläutert er so: „… lateinisch = unregelmäßiges Werk, römischer Mauerbau aus Fundsteinen.“ Ja, woran soll man sich da halten, auf was kann und soll man sich verlassen?

Im Familienalbum blättern

Auf dem hinteren Einbanddeckel liest man zudem Enzensbergers Sätze: „Ich behalte mir vor, durch Verschweigen zu lügen. Es sei denn, dass ich mir’s anders überlege.“ Da fallen einem vielleicht Bert Brechts Worte aus dem Jahrhundert-Gedicht „An die Nachgeborenen“ ein: „In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen.“

Nun endlich zum Inhalt. Enzensberger nennt sich selbst abgekürzt „M.“ und erzählt (in der dritten Person, von sich selbst distanziert) zumeist knappe Episoden aus seiner Kindheit und Jugend, beginnend mit der Geburt, die sich zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise 1929 begab. Es ist, als blättere der Autor ein Familienalbum auf. Tatsächlich stehen bei jedem Kurzkapitel markante, oft aussagekräftige Fotografien. Das Buch gibt sich ausgesprochen zugänglich und lesefreundlich.

Der Fünfjährige klaut ein Wörterbuch

Wir erfahren nach und nach etwas über Enzensbergers Großeltern und Eltern; über seinen Vater (Oberpostdirektor für Fernmeldetechnik in Nürnberg), seine drei jüngeren Brüder, eine Tante namens Theres, einen epilepsiekranken Onkel. Und so fort. Anfangs möchte man meinen, hier werde nur harmlos familiär geplaudert. Doch da kommt ein Mosaiksteinchen (oder halt ein Bruchstein) zum anderen, bis sich allmählich denn doch ein vielschichtiges Bild oder Bauwerk ergibt – wie wacklig auch immer.

Zusehends weitet sich der Blick über den Kreis der Familie hinaus, die Dinge gewinnen Kontur und Tiefenschärfe. Ein gar nicht so nebensächlicher Grundzug scheint darin zu bestehen, bestimmten Menschen im Laufe des Lebens nicht gerecht geworden zu sein und nun späte Abbitte leisten zu sollen. Wer von uns allen müsste in solcher Hinsicht nicht bußfertig sein?

Weil es längst verjährt ist, können wir ein Bubenstück-Geständnis weitergeben: Im zarten Alter von 5 Jahren hat Hans Magnus Enzensberger ein Lilliput-Wörterbuch geklaut. Schon damals Lektüre! Also kein unnützes Zeug. Eher anekdotisch heiter auch die später aufgegriffene, vom Großvater geführte Familienchronik, die zu jedem erdenklichen Fest denselben lakonisch bilanzierenden Schlusssatz enthält: „Die Kinder freuen sich.“ Hauptsache.

Suff und Kotze beim Reichsparteitag

Zunächst kaum merklich, sickert in die Schilderungen nicht nur Zeitkolorit ein, sondern es fallen grelle Schlaglichter auf zeitgeschichtliche Verhältnisse – aus der Perspektive des Kindes. Der Hausmeister trägt SA-Uniform und an „besonderen Tagen“ auch die der SS. Die in der unmittelbaren Nachbarschaft residierende Nazi-Größe Julius Streicher soll es häufig mit Huren treiben, munkelt man. Später materialisiert sich der Nürnberger Reichsparteitag aus der Nahansicht zuvörderst in den ekligen Spuren, die er auf den Straßen hinterlässt. Als Stichworte mögen Suff und Kotze genügen.

Und weiter: Im Luftschutzkeller erweist sich just so mancher vormals martialische NS-Mann als bloßer Popanz und Jammerlappen. Im weitläufigen Haus, zugleich Dienstsitz des Vaters, dessen Behörde für reibungslose Telefonverbindungen zuständig ist, macht sich auch eine NS-Abhörzentrale breit. Als ein Luftangriff Güterwaggons trifft, wird die Fracht geplündert: „Alte Frauen mit Schürzen und Kopftüchern schabten Butterreste von den Schienen.“ Ein Bild der Not, das man schwerlich wieder los wird.

Dieser grundsätzliche Widerwille

Der Junge zerbricht sich jedoch über solche Vorgänge nicht übermäßig den Kopf, er ist aber schlichtweg „enttäuscht“, auch von einer vielfach umjubelten Vorbeifahrt Adolf Hitlers im Auto. War da was? Von Widerstand kann im Kindesalter selbstverständlich keine Rede sein, wohl aber von einem grundsätzlichen Widerwillen, einer Abneigung, die ihn gegen Versuchungen etwa der Hitlerjugend immunisiert, die den desinteressierten, renitenten Jungen denn auch ‚rausgeworfen hat. Das gab es also.

Rivalisierende Kinderbanden in der Gegend erweisen sich derweil – im Nachhinein betrachtet – als Einübung in Grundformen politischen Handelns, ebenso wie die Schule nicht so sehr als Lernort fürs Lesen, Rechnen und Schreiben erscheint, sondern eher als permanentes Verhaltenstraining in diesem Sinne: „…Erproben von Machtverhältnissen, Intrigen, wechselnden Bündnissen, Kriegslisten und Kompromissen.“ Wie die alsbald reichlich verwahrloste Kriegs- und Flakhelfer-Generation mit ratlosen Lehrern umsprang, ist einige weitere Absätze wert.

Nachmittage mit Sprengstoff

Gegen das zunehmende Chaos in der Stadt hat der Jugendliche im Grunde nichts einzuwenden, nachmittags experimentiert man mit gefundenem Sprengstoff, in der Clique trägt der tollkühne Kerl den Spitznamen „Tito Spreng“. Früh war er freilich das Geballer leid und glaubt heute, dass ihm dadurch eine „Terroristenkarriere“ erspart geblieben sei.

Das Buch berichtet nicht nur von fortwährender Ernüchterung in finsteren Zeiten, es ist dementsprechend in einem (angenehm) nüchternen, unprätentiösen Tonfall geschrieben. Manche Ungeheuerlichkeit wird gleichsam nebenbei erwähnt, eben nicht großartig reflektiert, sondern einfach so hingestellt, zuweilen nahezu flapsig. Das wirkt umso stärker. Enzensberger hat es gar nicht nötig, weitschweifig zu werden. Seine im besten Sinne schlanken Texte enthalten auch und gerade auf diese Weise etwas von der Essenz jener Jahre.

Dolmetscher und Schwarzhändler

Enzensberger erinnert sich, dass die Tage nach der deutschen Kriegsniederlage eine der schönsten Zeiten seines Lebens gewesen seien. Viele hätten sie als Katastrophe empfunden. Zitat: „M. dagegen ließ die Auflösung der gewohnten Ordnung nicht nur kalt, sie begeisterte ihn. (…) Es war niemand da, der einen überwachte.“ Fürwahr eine spezielle Variante jugendlichen Freiheitsgefühls, wahrscheinlich von vielen geteilt.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit, sozusagen in den Kaugummi- und Comic-Jahren, hat sich Enzensberger als Dolmetscher für US-Soldaten, zeitweise auch als Barmann und Schwarzhändler verdingt und beispielsweise einen schwunghaften Handel mit Kuckucksuhren aufgezogen. Nur für den Fall, dass das mal bei Trivial Pursuit oder bei Günther Jauchs Millionenquiz vorkommt…

Studentenzeit, wie sie sein soll

Spätestens mit der Währungsreform von 1948 sind allerdings die (schon ehedem dienstbaren) Bürokraten wieder da – und es wabert wieder das beinahe schon vergessene „Aroma der Alltäglichkeit“, wie Enzensberger schreibt. Es ist abermals eine Ernüchterung.

Doch welch eine Befreiung muss dann in frühen Nachkriegs-Begegnungen mit gleichaltrigen Franzosen oder Engländern gelegen haben! Eine Fotografie von damals zeigt einen sichtlich inspirierten Enzensberger in heimischer, nunmehr internationaler Tischrunde. Daran schließt sich eine Studienzeit an, wie sie sein soll und wie es sie leider gar nicht mehr gibt – mit schier grenzenlosem Trampen, Sorbonne, Bohème und allem sonstigen Zubehör. Wohl dem, der so etwas erleben durfte.

Keine Lust auf einen Bildungsroman

Das Ganze mündet schließlich in eine mutwillige Verbrennung: Schon nach zwei, drei Semestern zündet Enzensberger „peinliche“ Belegstücke aus seiner Jugend an, weil er schon damals keine Lust hat, „an der deutschen Tradition des Bildungsromans mitzuwirken.“ Ganz nüchtern heißt es am Schluss des Buches: „Sonst ist in seinen jungen Jahren nicht viel passiert.“

Nein, ein Bildungsroman ist dies wahrlich nicht, aber ein kaum weniger gehaltvolles Unterfangen, das übers rein Anekdotische weit hinaus gelangt.

Hans Magnus Enzensberger: „Eine Handvoll Anekdoten – auch Opus incertum“. Suhrkamp Verlag. 239 Seiten, 25 €.




Millionenfach geliebte Fantasiewelten: Vor 50 Jahren starb die erfolgreiche Kinderbuchautorin Enid Blyton

Ganze Generationen von Kindern wuchsen mit Enid Blytons Büchern auf. Die Cover wecken nostalgische Gefühle. Abbildung: Random House

Ganze Generationen von Kindern wuchsen mit Enid Blytons Büchern auf. Solche Cover wecken nostalgische Gefühle. (Abbildung: Ausgabe im Verlag cbj / Random House)

Eine idyllische Bucht mit Sandstrand und Klippen, ein heimeliges altes Haus, draußen im Meer eine geheimnisvolle Insel mit einer Ruine, im Land ein mysteriöses Moor: Das ist die Landschaft, in der Enid Blyton ihre „Famous Five“ Ferien-Abenteuer in England erleben lässt. Julius, Richard, Anne, Georg und der Hund Tim – so heißen die „Fünf Freunde“ in der deutschen Version – haben Generationen von Kindern beim Aufwachsen begleitet und für endlose Stunden spannender Leseerlebnisse gesorgt.

Vor gut 75 Jahren, mitten im Zweiten Weltkrieg, machten die „Famous Five“ in England erstmals Furore: „Fünf Freunde erforschen die Schatzinsel“ kam 1942 heraus. Als Enid Blyton vor 50 Jahren starb, hatte sie 21 Bände geschrieben, die zwischen 1953 und 1966 auch auf Deutsch erschienen. Bis heute ist sie nicht die beste, aber die vielleicht am innigsten geliebte Kinderbuch-Schriftstellerin weltweit. Zwischen 750 und 800 Bücher hat sie in ihrer vierzigjährigen Karriere geschrieben, dazu über 10.000 Kurzgeschichten, Gedichte und Erzählungen, aber nur ein einziges missglücktes Buch für Erwachsene.

Blyton war ungeheuer produktiv: 1951 etwa erschienen 37 Bücher; zeitweise brachte sie pro Tag rund 10.000 Wörter zu Papier. In ihrer Autobiografie begründete sie diese Massenproduktion: „Mein Wunsch, große und kleine Kinder anzusprechen zwingt mich dazu, so viele Bücher zu schreiben.“ Das sei ihr leichtgefallen, bekundete sie: Die Bilder entstanden in ihrem Kopf, dann begannen ihre Hände „über die Schreibmaschine zu fliegen“. Ihre Bücher wurden angeblich in 84 Sprachen übersetzt – mehr als die Werke Shakespeares – und begeistern Kinder von Russland bis Australien. Mit einer Gesamtauflage von mittlerweile über 500 Millionen ist sie neben Astrid Lindgren die am meisten verbreitete Kinderbuchautorin der Welt.

Kindliche Helden im verklärten alten England

Enid Blyton beschreibt ein verklärtes altes England, das sie mit den Augen ihrer kindlichen Helden sieht. Die „Fünf Freunde“ etwa sind zwischen zehn und dreizehn Jahre alt und leben in einer Ferienwelt, in der es vor allem um ihre kleine verschworene Gruppe geht. Haus, Strand, Insel, Moor, Höhlen, Wiesen und Klippen sind ihre Orte aus Kinderträumen. Die treusorgende Tante Fanny, der versponnene Onkel Quentin sind Randfiguren – so wie der eine oder andere gutmütige Fischer oder Polizist. Die Erwachsenen stören nur in dieser Welt, in der sich die Kinder frei und ungezwungen bewegen. Wenn sie als üble Gestalten einbrechen, sorgen sie als Schmuggler, Betrüger, Kidnapper oder böse Haushälterinnen für die Abenteuer, die Nacht für Nacht unter der Bettdecke gelesen werden und bei den Acht- bis Elfjährigen atemlose Spannung erzeugen.

Nebel, Meer, Insel: Enid Blyton beschrieb ein England, das als Klischee in den Köpfen lesender Kinder hängenbleibt. Foto: Werner Häußner

Nebel, Meer, Insel: Enid Blyton beschrieb ein England, das als Klischee in den Köpfen lesender Kinder hängenbleibt. (Foto: Werner Häußner)

Ob diese längst vergangene Welt, in der Telefon, Auto und Eisenbahn den Gipfel der Technik bilden, Handys, Computer und flotte Games aber unbekannt sind, heute noch Kinder anspricht, mag dahingestellt sein. Schon in den Fünfzigern wurde die Realitätsferne der Geschichten kritisiert – aber ihr bis heute anhaltender Erfolg legt nahe, dass Enid Blyton die inneren Fantasiewelten ihrer jungen Leserinnen und Leser einfühlsam getroffen hat. Auch die nostalgische Erinnerung an eigene Leseabenteuer mit Enid Blyton spricht dafür.

Coole Jungs, brave Mädchen, No Sex

Mit dem wachsenden Erfolg der Autorin formierte sich auch die Kritik: Zunächst nahm sie die einfache Sprache in den Blick, dann das starre Gut-Böse-Schema der Geschichten und die stereotype Charakterisierung der Personen. Später wurden die klischeehaften Geschlechterrollen ein Thema: ängstliche Mädchen, die Puppen und Haushalt bevorzugen, schauen zu coolen Jungs auf, die mutig Abenteuer bestehen und in der Gruppe der Gleichaltrigen „natürlich“ die Chefs sind. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder starke, unabhängige, „männliche“ Mädchenfiguren. In der neuesten Phase der Kritik spiegelt sich die Gender-Diskussion wieder – und die Bücher werden auf ihr konservatives Gesellschaftsbild, ihren Patriotismus, Rassismus und Sexismus hin untersucht.

Modernisiertes Cover einer neueren Ausgabe der "Fünf Freunde"-Serie beim Verlag cbj. Abbildung: cbj/Random House

Modernisiertes Cover einer neueren Ausgabe der „Fünf Freunde“-Serie beim Verlag cbj. (Abbildung: cbj/Random House)

Dass den Heranwachsenden jede Spur von Sexualität fehlt, stößt heute ebenfalls sauer auf: „Keine der gefühlt permanent Dreizehnjährigen bei Enid Blyton unterhielt sich jemals mit ihren Freundinnen über ihre Tage“, beklagt sich eine Autorin, die Blytons Bücher dennoch liebt: „Sexy Experimente im Achtbett-Schlafsaal sucht man da ganz sicher vergebens.“ Aber ein Zug zum Transgender etwa an der Figur der Georgina – die viel lieber ein Junge wäre und nur auf das männliche „Georg“ hört – ist nicht in Abrede zu stellen.

Tatsächlich soll Enid Blyton selbst eine lesbische Affäre gehabt haben. In der burschikosen „Georg“ in den „Fünf Freunden“ soll sich die Schriftstellerin selbst porträtiert haben. Die Autorin muss überhaupt eine widersprüchliche Person gewesen sein: Ihre jüngere Tochter Imogen berichtete, dass die mütterlich-liebevollen Autorin im Privatleben kaltherzig und herrschsüchtig gewesen sei – was die ältere Tochter Gillian vehement abgestritten hat.

Erfolg nach 500 abgelehnten Manuskripten

Die 1897 in East Dulwich/South London geborene und in Beckenham/Kent (heute an der Grenze zu Greater London) aufgewachsene Schriftstellerin verarbeitet zahlreiche Details aus ihrem eigenen Leben in ihren Geschichten – von der vom Vater vermittelten Faszination für die Natur über das Internatsleben („St. Clair“ in den sechs Bänden der Serie „Hanni und Nanni“) und ihre Haustiere bis hin zu ihren Häusern „Old Thatch“ und „Green Hedges“. Selbst Personen wie eine Lehrerin oder eine zufällige Reisebekanntschaft tauchen in den Romanen wieder auf.

Blytons eigene Kindheit verlief alles andere als unbeschwert: Die Mutter betrachtete die frühe Schreiblust ihrer Tochter, die schon mit zehn Jahren erste Geschichten verfasste, als Zeitverschwendung. Der Verlust des verständnisvollen Vaters war für die 13-jährige Enid ein Trauma: Thomas Carey Blyton verließ die Familie wegen einer anderen Frau – und über diese „Schande“ durfte nicht gesprochen werden. Ihren von den Eltern gewünschten Weg zur Pianistin brach sie 1916 ebenso wie den Kontakt zur Mutter ab. Selbstbewusst wählte die junge Frau eine Ausbildung als Kindergärtnerin und Vorschullehrerin und unterrichtete bis zur ihrer Heirat 1924 in einer kleinen Schule und als Privatlehrerin.

Ab 1922 publizierte Blyton in der Lehrerzeitschrift „Teacher’s World“. Die Zeitschrift räumte ihr ab 1929 die wöchentliche Seite „Enid Blyton’s Children’s Corner“ ein, die sie bis in den Sommer 1945 gestaltete. Nach über 500 abgelehnten Manuskripten erzielte sie im Sommer 1922 mit der Gedichtsammlung „Child Whispers“ einen ersten Bucherfolg, der ihr ein Jahr später die Veröffentlichung von „Real Fairies“ ermöglichte. Ab 1926 brachte sie im Zwei-Wochen-Rhythmus mit „Sunny Stories for Little Folks“ eine eigene Kinderzeitschrift heraus.

1963 kam ihr letztes Buch heraus

Ab 1942 erschienen die Buchserien, die sie weltweit – und ab 1950 auch in Deutschland – bekannt gemacht haben: Neben den „Fünf Freunden“ („Famous Five“) entwickelte sie die Serie der „Geheimnis“-Bücher mit dem verschrobenen Wachtmeister Grimm und die „Rätsel“-Reihe („Mystery of …“), die „Schwarze Sieben“ („The secret Seven“) und „Hanni und Nanni“ („The Twins …“). In England sind die Titel um den kleinen Holzjungen „Noddy“ überaus beliebt, seit 1949 „Noddy goes to Toyland“ erschien; „Noddy and the Aeroplane“ war 1963 das letzte Buch Enid Blytons, bevor sie einen beginnende Alzheimer-Erkrankung zwang, ihre geliebte Tätigkeit aufzugeben.

Ein Schock war der Tod ihres zweiten Mannes, des Chirurgen Kenneth Darell Waters, der in den letzten Jahren ihre Geschäfte geführt hatte. Am 28. November 1968 starb Enid Blyton an den Folgen eines Herzinfarkts in einem Pflegeheim in Hampstead.




Lachen und lernen vom Weinberg bis in den Weltraum – ein kleines Loblied auf die unverwüstliche „Sendung mit der Maus“

Ich gestehe es freimütig: Auch im nicht mehr ganz jugendlichen Alter weiß ich die „Sendung mit der Maus“ sehr zu schätzen. In Sachen TV-Klassiker-Status kann es der orangefarbene Nager nahezu mit „Tatort“ und „Tagesschau“ aufnehmen.

Ob groß, ob klein, die Maus muss sein... (Foto: Bernd Berke / © an der Maus-Figur: WDR)

Ob groß, ob klein, die Maus muss sein… (Foto auf der heimischen Fensterbank: Bernd Berke / © an der Maus-Figur: WDR)

Die seit 1971 regelmäßig ausgestrahlten Lach- und Sachgeschichten sind halt kaum wegzudenken. Wie zu lesen ist, sind die Zuschauer(innen) im Schnitt 40 Jahre alt. Eltern, Großeltern und Kinder schauen eben gerne gemeinsam zu.

Allein schon die finalen Bestandteile der gegenwärtigen „Maus“-Ära sind aller Ehren wert, denn zum Schluss der Ausgaben sieht man entweder Shaun das Schaf, seine wolligen Gesellen, den dusseligen Farmer und den so oft gebeutelten Hund Bitzer o d e r – (Luft holen) – oder den famosen Lügenbold Käpt’n Blaubär, dessen freche Enkel und den Tolpatsch Hein Blöd. Beide Reihen sind auf je eigene Weise genialisch.

Auch die Animationsfilme in den Zwischenakten haben es oft in sich. Meine Lieblingsserie, die leider viel zu selten zum Zuge kommt, heißt „Trudes Tier“ und erzählt sehr liebevoll die etwas bizarren Geschichten einer jungen Frau, die mit einem zotteligen Monster zusammenlebt, das ihr mit seinen Eskapaden immer wieder Schweißperlen auf die Stirn treibt.

Maus, Elefant und Ente erleben derweil so elementare kleine Abenteuer, dass es mitunter ans Existenzielle oder Philosophische grenzt. Und die gar zittrig gezeichneten „Krawinkel und Eckstein“ (chaotischer Herr und sein Hund) folgen einer recht eigenen ästhetischen Spur. Das ist Staun- und Denkstoff, längst nicht nur für Kinder.

Nun aber natürlich keineswegs zu vergessen: die Sachgeschichten! Wo sonst bekäme man über Monate hinweg haarfein erläutert und vorgeführt, was sich im Jahreskreislauf in einem Weinberg begibt? Wo sonst erführe man, gleichsam Schräubchen für Schräubchen, wie ein ICE-Zug oder ein Feuerwehrwagen zusammengebaut werden? Wo sonst lernt man, wie ein Croissant gebacken wird oder wie die Löcher im Käse entstehen? Völlig andere Gewichtigkeit: Vor Jahren hat sich die Maus auch schon mit Atomkraft befasst. Die traut sich was.

Und wo sonst könnte der deutsche Astronaut Alexander Gerst so alltagsnah erläutern, was er so in der Weltraumstation ISS erlebt – vom wissenschaftlichen Experiment bis zum schwerelosen „Gang“ aufs Klo. Ein Exemplar der Maus ist (nach ungemein peniblen Schadstoff-Überprüfungen) im All dabei – und sie hat sogar einen maßgeschneiderten Astronautenanzug an…

Ebenfalls zugegeben: Ich habe die Macher der „Maus“ immer mal wieder beneidet, denn sie (vor allem Ralph Caspers) gönnen sich immer mal wieder überaus nette Dienstreisen. So haben sie etwa Schulkinder in Island, Indien, Japan oder Brasilien besucht, um zu zeigen, wie es denen so ergeht. Dabei geht es stets angemessen fröhlich und freundlich zu, niemals allzu kritisch. Doch die Kinder bekommen schon mit, wie verschieden ihre Altersgenossen auf diesem Planeten leben.

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Anhang

Moderator(innen) der „Maus“ (Erstausstrahlung 7. März 1971):

Armin Maiwald (Jahrgang 1940 – seit 1971 dabei)
Christoph Biemann (Jahrgang 1952 – seit 1983)
Ralph Caspers (Jahrgang 1972 – seit 1999)
Malin Büttner (Jahrgang 1975 – seit 2008)
Siham El-Maimouni (Jahrgang 1985 – seit 2014)

Beispielhafte Animationsreihen im Rahmen der „Maus“-Sendungen:

Janosch: „O wie schön ist Panama“ (ab 1979)
Walter Moers: „Käpt’n Blaubär“ (ab 1991)
Wouter van Reek: „Krawinkel und Eckstein“ (ab 2004)
Gunilla Bergström: „Willi Wiberg“ (ab 2004)
Richard Goleszowski: „Shaun das Schaf“ (ab 2007)
Andreas Strozyk: „Ringelgasse 19″ (ab 2010)
Marcus Sauermann: „Trudes Tier“ (ab 2014)

Eine Institution ist mittlerweile auch der Maus-Türöffner-Tag, der just wieder am jetzigen Feiertag (3. Oktober) bundesweit begangen wird und Kindern den Zugang zu Einrichtungen oder Firmen ermöglicht, die für gewöhnlich verschlossen bleiben. Vielleicht sind ja noch ein paar Plätze in der Nähe frei?




Von der „Spieluhr“ bis zum „Ohrenbär“: Die Entwicklung des Kinderrundfunks mit Dortmunder Impulsen

Gastautor Heinrich Peuckmann über die Entwicklung des Kinderrundfunks, zu der auch einige Ideen und Konzepte aus Dortmund beigetragen haben:

Als Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts der WDR-Lokalsender Radio Dortmund an der Lindemannstraße eingerichtet wurde, gab es unter Kulturschaffenden große Vorbehalte. Das wäre ein trojanisches Pferd, wurde geurteilt, denn erst käme der harmlose öffentliche Rundfunk und in seiner Nachfolge der Privatsender mit seinen oberflächlichen und verdummenden Programmen.

Screenshot der „Ohrenbär"-Homepage www.ohrenbaer.de

Screenshot der „Ohrenbär“-Internetseite www.ohrenbaer.de

Ich war damals Sprecher des Schriftstellerverbandes und die Autoren beschlossen, nachzuhaken, was denn der Dortmunder WDR-Sender für uns zu bieten hätte. Hintergrund vor allem meines Optimismus war die Information, dass Erdmann Linde Sendeleiter des Lokalfunks werden würde, und den kannte ich schon lange als großen Freund der Literatur.

Hoffnungsträger Erdmann Linde

Im Sender haben wir uns dann getroffen, im Kellerraum, der später für die Journalisten zur Mensa werden sollte und das, was Linde und sein Team den Autoren damals anboten, war mehr als beachtlich.  Eine große Kultursendung („Schöner Sonntag“) sollte es geben, vor allem aber eine Kinderhörfunkreihe, die dann „Die Spieluhr“ heißen sollte. Jeden Abend sollte im Lokalsender eine kleine Kindererzählung von etwa 10 Minuten Länge laufen, eine Einschlafgeschichte für die Kleinen.

Dieses Angebot war insofern etwas Besonderes, als die öffentlichen Sender damals gerade dabei waren, ihre Kindersendungen entweder heftig zu beschneiden oder ganz einzustellen. Das Dortmunder Angebot lief dem damaligen Trend also komplett entgegen.

Jürgen Hoppe plante, redigierte und las auch noch selbst vor

Erdmann Linde und sein Team haben in der Folge wirklich Wort gehalten, vor allem Jürgen Hoppe, der mit großem Engagement „Die Spieluhr“ allein bestritt. Er prüfte die eingesandten Texte, redigierte, wo es nötig war und las die Geschichten selber vor. Jahrelang hat er das getan, Tag für Tag, eine unglaubliche Leistung.

„Die Spieluhr“ fiel auf, auch weit über den Dortmunder Sendebereich hinaus. Als der Sender Freies Berlin (SFB) später eine eigene Kinderreihe etablierte, griff er deutlich auf das Dortmunder Konzept zurück. „Ohrenbär“ wurde diese Reihe genannt, die es nun schon seit dreißig Jahren gibt, heute vom RBB produziert. Die tägliche Sendung wird mit Musik aus „Peter und der Wolf“ eingeleitet, in der Regel sind es siebenteilige Kindergeschichten, die von bekannten Schauspielern vorgelesen werden.

Jedes Tageskapitel ist in sich abgeschlossen und von Kapitel zu Kapitel entwickeln sich die Charaktere bis zur Konfliktlösung. Für uns Dortmunder Autoren war der Umstieg von der „Spieluhr“, die bald mit dem gesamten Lokalsender verschwand, auf den „Ohrenbär“ kein Problem, die Texte mussten nur unwesentlich länger werden und sie sollten keine Ortsangaben enthalten.

Neue Reihe „In der Kirche ist viel los“

Es war also eine erstaunliche Entwicklung, die sich damals vollzogen hat. Mit großer Skepsis der Autoren hat sie begonnen, wurde dann zu einem regionalen Erfolgsprogramm und wandelte sich im nächsten Schritt zu einer großen Kindersendung, die nun in der halben Republik gehört wird. Denn der „Ohrenbär“ wird zwar vom RBB produziert, wird aber vom NDR und vom WDR-Kinderradiokanal („KiRaKa“) im Internet übernommen. Beim WDR läuft die Sendung jeden Abend in der Zeit von 18.45 – 18.55 Uhr.

Ich bin seit langer Zeit und immer noch als Autor dabei. Von mir wird vom 24. September an eine Woche lang eine weitere Reihe gesendet werden. „In der Kirche ist viel los“ lautet der Titel meiner insgesamt 23. Ohrenbärgeschichte, die von der Schauspielerin Leslie Malton gelesen wird. Sie ist eine wirklich gute Schauspielerin. Es sind lustige, traurige oder spannende Episoden, die im Umfeld einer Kirche spielen und die ganz nebenbei ein bisschen über das Christentum aussagen. Kinder wissen immer weniger über den Mythos, sie sind deshalb auch immer weniger in der Lage, historische, philosophische oder künstlerische Hintergründe zu begreifen, bei denen man eben doch religiöse Bezüge erkennen muss.

Bloß keine Pädagogik mit dem Zeigefinger

„Ohrenbär“ liefert keine aufgesetzte Pädagogik, das wäre ja auch tödlich für diese Sendereihe, aber im Hintergrund wird, quasi nebenbei, doch ein bisschen an Infos mitgeliefert, allerdings komplett umgesetzt in Handlung und nicht irgendwie belehrend erklärt. Eine schöne Konzeption. Und weil  das so ist, literarisch anschaulich und doch angereichert mit Informationen, ist „Ohrenbär“ nicht allein eine Sendung für Kinder geblieben.

In der Ohrenbärredaktion, von Sonja Kessen sehr umsichtig und liebevoll bis ins kleinste Detail betreut, war man am Anfang überrascht von der beachtlichen Anzahl auch erwachsener Zuhörer, hat es aber schnell als Bestätigung der Arbeit verstanden. Am besten ist es sowieso, wenn die Kinder die Sendung zusammen mit ihren Eltern hören. Die Eltern sind dann ihren Kindern nahe, sie teilen mit ihnen die Emotionen, entwickeln gemeinsam Empathie und haben ein schönes Gesprächsthema.




Soziale Miniaturen (20): Der Junge mit der Goldfolie

Die betreffende Bucht am besagten Tage, etwa zur Zeit des beschriebenen Vorfalls. (Foto: BB)

Die betreffende Bucht am besagten Tage, etwa zur Zeit des beschriebenen Vorfalls. (Foto: BB)

Allenthalben liest man von den stets überbesorgten Helikopter-Mamis, die immerzu um ihre ach so bedrohten Kinder herumschwirren und sie vor jedem Kratzerchen bewahren wollen.

Früher nannte man sie Glucken, eine männliche Variante kam damals kaum vor. Das hat sich geändert. Heute verortet man solche Eltern beiderlei Geschlechts bevorzugt in der Bionade-Bohème. Oder nennt man diese Mittelschichtler in ihren SUVs schon wieder anders?

Kürzlich kreuzte eine ganz anders aufgelegte Mutter auf. Das heißt: Zunächst begab sich durchaus Dramatisches. Ein kleiner, etwa siebenjähriger Junge war trotz Warnungen zu weit hinausgeschwommen und musste per Boot von DLRG-Kräften aus der Ostsee gerettet werden. Vor lauter nachwirkender Wasserkälte klapperte er noch an Land gottserbärmlich mit den Zähnen, obgleich sie ihm eine notdürftig wärmende Rettungsdecke aus Goldfolie umgelegt hatten. Wohl alle, die es sahen, hatten Mitleid mit ihm.

Nur eine offenbar nicht: seine Mutter. Emotionslos, ja geradezu „cool“ nahm sie ihren Sohn in Empfang, fast wie eine Versandlieferung. Weder schimpfte sie mit ihm (was vielleicht falsch, aber verständlich gewesen wäre), noch suchte sie ihn zu trösten. Auch zeigte sie so gar keine Erleichterung. Andere hätten eine Nervenkrise erlitten, ihr schien es beinahe egal zu sein.

Sogleich streifte sie die Goldfolie von ihm ab; ganz so, als sei der Schutz überflüssig und als stelle sich der Junior nur unnötig an. Oben im Hotelzimmer werde es ihm schon wieder warm werden, beschied sie. Knapper als sie kann man sich bei den Rettern (s)eines Kindes nicht bedanken. Sie schubste freilich noch den Jungen vor und nötigte den Zitternden zur Danksagung.

Sie schien kälter als das Wasser zu sein, aus dem man den Jungen gezogen hatte. War sie nicht wie eine jener Stiefmütter aus den alten Märchen? Früher sprach man in derlei Fällen von Rabenmüttern.

Nun sagt: Hätte man sich einmischen und sie zurechtweisen sollen? Ach, das wäre sinnlos gewesen und hätte nur weiteren Verdruss gegeben. Aber einfach so geschehen lassen…?

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Bisher in der losen Textreihe „Soziale Miniaturen” erschienen und durch die Volltext-Suchfunktion auffindbar:

An der Kasse (1), Kontoauszug (2), Profis (3), Sandburg (4), Eheliche Lektionen (5), Im Herrenhaus (6), Herrenrunde (7), Geschlossene Abteilung (8), Pornosammler (9), Am Friedhofstor (10), Einkaufserlebnis (11), Gewaltsamer Augenblick (12), Ein Nachruf im bleibenden Zorn (13), Klassentreffen (14), Zuckfuß (15), Peinlicher Moment (16), Ich Vater. Hier. Jacke an! (17), Herrscher im Supermarkt (18), Schimpf und Schande in der Republik (19)

 




„Familie Hauser“ als (un)heimlicher Internet-Hit: Viele Millionen Klicks für herzige Playmobil-Filmchen

Kürzlich war hier von der Spielzeugfirma Schleich die Rede, deren langer Arm in so manches Kinderzimmer reicht. Nun geht es um ein weiteres Universum, in dem sich wahrscheinlich noch weitaus mehr Kinder bewegen – um die Welt von Playmobil, genauer: um deren ebenso einfältige wie vielfältige Video-Präsenz bei YouTube, vornehmlich in Gestalt der „Familie Hauser“. Kein Vertun: Wir reden über einen Internet-Auftritt mit Abermillionen Klicks.

Playmobil-Familie „Hauser" mit beigefügtem Hund: links Michael und Anna, rechts Nicole und Lena. (Foto: Bernd Berke)

Playmobil-Familie „Hauser“ mit beigefügtem Hund: links Michael und Anna, rechts Nicole und Lena. (Foto: Bernd Berke)

Gewiss: Die hauptsächliche Zielgruppe sind Kinder so etwa zwischen 4 und 9 Jahren. Doch selbst aus der Perspektive von Sieben- oder Achtjährigen kommt manche Hauser-Geschichte schon so treuherzig und naiv daher, dass es zum Steinerweichen ist. Die dick aufgestrichene rote Marmelade bzw. der Ketchup, die besonders bei Verletzungen der Playmobil-Kinder zum Einsatz kommen, wirken schon fast wieder selbstironisch. Aber eine solche Ebene existiert hier nicht.

Komik durch ungelenke Bewegungen

Andere Szenarien sind (oft unfreiwillig) immens komisch; auf eine putzige, rührende Art, die auch mit den ungelenken Bewegungen der Playmobil-Figuren zu tun hat, welche nur notdürftig in Filmsprache überführt werden können. Auf ihre spezielle Weise üben diese harmlos vor sich hin ruckelnden Geschichtlein, in denen die Kinder immerzu freudig „Au, jaaaa!“ rufen, einen geheimen Sog aus. Mit einer einzigen wird man sich nicht begnügen wollen. Man verlangt, wie nicht nur Kinder es tun, nach Wiederholung und Fortsetzung. Oh wunderbar authentisch und arglos wirkende Amateurhaftigkeit, oh schlichte Herrlichkeit dieser einfachen, modisch ausgedrückt „unterkomplexen“ Welt! Aber nach einer halben Stunde ist es dann auch genug.

Unter den inzwischen 414 Hauser-Filmen (!) zu je fünf bis zehn Minuten sind einige veritable Viral-Kracher. Mehrere Hunderttausend Klicks haben sie praktisch alle eingesammelt. Spitzenreiter ist derzeit die gar simple Story der Hauser-Tochter Lena, die sich an einer Glasscherbe verletzt hat und anschließend liebevoll mit Mull und Pflaster versorgt wird. Dieses Nichts an Handlung hat über 6 Millionen Aufrufe generiert – kaum zu fassen, aber wahr!

Aus der Werkstatt einer schwäbischen Hausfrau

Es ist ja auch staunenswert, wie die Urheber, eine offenbar kreuzbrave Familie vom Bodensee, aus den Plastikfiguren von Playmobil (Kenner sagen „Playmo“) einen wahren Kosmos geschaffen haben. Da entstehen vor unseren Augen ganze Jahrmärkte oder Volksfeste, Kaufhäuser, Spaßbäder, Freizeitparks, Rudelguck-Areale, ein Zoo, ein Weihnachtsmarkt, eine Klinik, eine Bowlingbahn, ein Friseursalon und wohl hundert andere Schauplätze. Von Kita, Schule und Häusern der Nachbarschaft ganz zu schweigen.

Die Mutter der Familie leiht nicht nur der Playmobil-Hauptfigur Nicole Hauser ihre Stimme, sondern auch anderen Frauengestalten, zum Beispiel der Lehrerin, der Kindergärtnerin oder dieser und jener Verkäuferin. So herrscht alleweil derselbe bedächtige Duktus mit südwestdeutschem Einschlag vor. Sehr gemütlich. Und ziemlich unbedarft.

Derweil vertont der Familienvater nicht nur Nicoles Mann namens Michael, sondern auch dessen Schwager (praktischerweise ein Polizist, der jeden Kriminalfall im Handumdrehen aufklärt) und etliche weitere Männer bis hin zum Taschendieb („Manni Mütze“) oder Juwelenräuber. Die beiden Kinder spielen unterdessen die Kinder Lena und Anna sowie deren Freundinnen und Freunde in Grundschule und Kita. Mit anderen Worten: Die ganze Familie ist gehalten, sich von klein auf hingebungsvoll mit den Playmobil-Protagonisten zu identifizieren. Wie es im wirklichen Hause der „Hausers“ ausschaut, kann man sich ungefähr ausmalen.

Den Brotberuf auf Eis gelegt

Man fragt sich, ob diese Frau Hauser außer den vielen, vielen, teils recht aufwendig erstellten Playmo-Filmchen noch irgend einen „normalen“ Job erledigen kann, so aufopfernd und ausufernd detailfreudig sind diese Alltags-Drämchen gestaltet. Und tatsächlich: Im April 2017 erschien der Blog-Bericht eines Kölner Journalisten über „Frau Hauser“ (die bürgerlich natürlich anders heißt). Wir erfahren, dass die seinerzeit 37-Jährige ihren Beruf als Augenoptikerin ruhen lässt, während ihr 43-Jähriger Mann weiter als Informatiker tätig ist. Der gutmütige Mensch wird trotzdem ständig mit eingespannt.

Apropos Aufwand: Bei Gelegenheiten wie Karneval, Kirmes oder Schwimmbadbesuch bringt Mama Hauser dermaßen viele Figuren zum Einsatz vor der Kamera, dass sie entweder enorm viel Geld ausgegeben haben muss oder Unterstützung vom Hersteller erhält – in welcher Form auch immer. Vielleicht filmt sie mittlerweile gar im Auftrag oder wenigstens mit aktiver Billigung?

Kostenlose Werbung oder Auftragsarbeit?

Der Werbeeffekt für den Hersteller und überhaupt für den Spielwarenhandel dürfte nicht gering zu veranschlagen sein. Dennoch heißt es auf der Hauser-Website im „Disclaimer“ (Haftungsausschluss) wörtlich: „Dieser YouTube Kanal ist unabhängig. Playmobil ® ist eine Marke der geobra Brandstätter Stiftung & Co. KG, durch die die vorliegende Webseite weder gesponsert noch autorisiert oder unterstützt wird.“ Soso. Es fällt schwer, das in allen Punkten zu glauben.

Titelseite des YouTube-Kanals der „Familie Hauser". (Screenshot von https://www.youtube.com/channel/UCxLxvbyyN-Zl3yKFMaiuKug)

Titelseite des YouTube-Kanals der „Familie Hauser“. (Screenshot von https://www.youtube.com/channel/UCxLxvbyyN-Zl3yKFMaiuKug)

Jedenfalls gibt es einen eigenen YouTube-Kanal, den man längst auch (kostenlos) abonnieren kann, über 412.000 Leute beziehen nach heutigem Stand regelmäßig die deutschsprachige Version. Mehr noch: Familie Hauser erlebt ihre kleinen Abenteuer inzwischen u. a. auch auf Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, Arabisch, Polnisch und Niederländisch. Bei Instagram, Facebook und Google+ ist man ebenfalls online.

Was da vor etwa drei Jahren als Hobby begonnen haben mag, klingt jetzt nach einer ziemlich großen Nummer. Kann es denn wirklich stimmen, dass die Bodensee-Familie ganz allein den vielfachen Übersetzungs-Aufwand betreibt und auch noch Muttersprachler(innen) engagiert?

An anderer Stelle heißt es, dass die Firma immerhin schon mal ein paar Gratis-Figuren zur Verfügung stellt. Das wäre aber auch das Mindeste. Denn mehr Klicks brächte wohl keine professionelle und hochbezahlte PR-Agentur zustande. Seit November 2016 kann man jene vierköpfige Familie Hauser denn auch als Playmobil-Set käuflich erwerben. Ein Schelm, wer daraus finanzielle Schlussfolgerungen ziehen will. Inzwischen machen die Hausers – jenseits ihrer Geschichten – ja auch schon mal werbliche Filme für Playmobil-Produkte, beispielsweise für die Ausstattung eines Baby-Zimmers.

Und was wird geschehen, wenn die Kinder eines Tages zu alt werden? Soll es dann trotzdem weitergehen? Übernehmen dann andere Leute, vielleicht gar Profis? Dann wäre vielleicht der Charme des Ganzen dahin. Ihr seht, wir machen uns Sorgen.

Bastel-Ideen erweitern den kleinen Kosmos

Einstweilen ist Aufhören jedoch kein Thema. Im Gegenteil: Mit den bloßen Geschichten ist es nicht getan. In speziellen Filmen (Motto: „Pimp your Playmobil“) zeigt uns diese Nicole Hauser außerdem, wie man mit viel kleinteiliger Bastelarbeit die Spielzeug-Welt Zug um Zug erweitern und verfeinern kann oder wie man eine komplette Luxusvilla neu ausstattet. Auch das kostet viel Zeit. Pfiffige Tüftel-Ideen kann man Frau Hauser dabei wahrlich nicht absprechen. Es gibt demnach kein Wesen oder Objekt, das nicht im Playmobil-Format nachgeahmt werden könnte – vom Haustier bis zum Handy, von jedwedem Küchengerät bis zu allen Einzelheiten des Mobiliars und des Hausstandes. Hie und da grenzt das Streben nach Vollständigkeit an Besessenheit.

Mit dem Inhalt der originalen, noch nicht durch Bastelei erweiterten Playmobil-Kartons werden ja allerlei Situationen des Alltags nachgestellt, die darauf hinauslaufen, dass mit jedem Set nur eine begrenzte Spielsituation entsteht und somit die Sammelwut immer aufs Neue angefacht wird. So gibt es in der Reihe „City Life“ wahrhaftig eine Lieferung, die nur aus einer Figur besteht, welche Scheine am Geldautomaten zieht, oder auch einen Mann, der am Kugelgrill steht und Würstchen zubereitet. Wie gut, dass phantasievolle Kinder solche beengenden Vorgaben bei weitem sprengen. Sie kombinieren alles mit allem und schaffen ein eigenes Dasein.

P.S.: Um komplizierte politische oder wirtschaftliche Vorgänge fassbarer zu machen, hat namentlich die FAZ-Sonntagszeitung sie häufig mit Playmobil-Figuren illustriert, so auch wieder am gestrigen Sonntag.

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Und wo bleibt der Ruhrgebiets-Bezug des Themas? Na, hier! Bis zum 23. September 2018 gibt es im Hammer Maximilian-Park eine umfangreiche Ausstellung mit zahllosen Playmobil-Figuren.




Schleich spielen

Blick in einen Schleich-Pferdestall. (Foto: BB)

Blick in einen Schleich-Pferdestall. (Foto: BB)

Schon mal von Schleich gehört? Nein, nicht Scheich, sondern: Schleich. Und auch nicht Schleichwerbung, obwohl dies hier als solche missverstanden werden könnte.

Schleich also. Das ist eine 1935 in Stuttgart gegründete, heute am Hauptsitz Schwäbisch Gmünd angesiedelte Firma, die für gutes Geld Tierfiguren und menschenförmiges Zubehör (Reiter, Tierpfleger etc.) in ziemlich naturgetreuer Ausführung herstellt; außerdem Sächliches, das ebenso in diesen Kosmos gehört – vom weitläufigen Reiterhof über Heuballen bis hin zur Pferdestriegelbürste und zum Waschplatz.

Alles besteht aus robustem, widerstandsfähigem Hartgummi, das dem Prädikat „unkaputtbar“ recht nahe kommt. Das muss man ihnen lassen. Aber die Dinge haben halt auch ihren Preis. Einige gebrauchte Figuren besitzen mitunter gar Liebhaber- und Sammlerwert, beispielsweise ein Hufschmied.

Pferdeinvasion in den Kinderzimmern

Man glaubt gar nicht, wie viele Pferderassen es auch in Spielzeugform gibt. (Foto: BB)

Erstaunlich, wie viele Pferdesorten es auch in Spielzeugform gibt. (Foto: BB)

Es ist nicht auszuschließen, dass gewisse Teile der Republik mit Schleich geradezu überschwemmt worden sind. Weit überwiegend sind es wohl Mädchen so etwa zwischen 6 und 12 Jahren, die damit ebenso hingebungsvoll wie ausdauernd spielen. Wenn sie sich dazu verabreden, sagen sie nicht, dass sie mit ihren Pferden spielen wollen, sondern sie drücken sich ungefähr so aus: „Lass uns Schleich spielen…“ Etwas Besseres kann einer Firma gar nicht passieren, als diese Gleichstellung von Marke und Gegenstand: „Hast du mal ein Tempo-Tuch für mich?“

Man stelle sich eine Nachbarschaft vor, in der gleich mehrere Mädchen im Schleich-Alter sind. Addiert man sodann die Anzahl der vorhandenen Pferde, so kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es reichen ja nicht jeweils zwei oder drei Rösser, sondern die Kataloge verlocken beinahe unwiderstehlich dazu, einen umfangreichen, wenn nicht „kompletten“ Bestand anzustreben. Einige Pferderassen sind ja schon vorhanden, aber da fehlt ja noch der Knabstrupper… und, und, und.

Greift nur hinein ins volle Pferdeleben... (Foto: BB)

Greift nur hinein ins volle Pferdeleben… (Foto: BB)

Schwaben-Image, made in China

Untrügliches Zeichen des Kultverdachts: 2019 soll der erste Schleich-Kinofilm auf den Markt kommen. Schon jetzt gibt es zahlreiche einschlägige YouTube-Filmchen, die mit treuherzig animierten Streifen über Playmobil-Produkte (Insider sagen „Playmo“) konkurrieren, ich nenne nur das Stichwort „Familie Hauser“… Seelisch gefestigte Menschen mögen sich das mit einer Suchmaschine erschließen.

Der wirtschaftliche Hintergrund der Spielzeugwelt ist natürlich ungleich nüchterner: Gefertigt werden die Figuren (darunter auch viele Bauernhof- und Zootiere) längst vorwiegend in China, außerdem in Bosnien, Rumänien und Moldawien – immerhin offensichtlich bei anerkannter Einhaltung der Arbeits- und Sozialstandards. Das solide schwäbische Image der Firma Schleich wird zwar gepflegt, doch via Wikipedia erfährt man, dass sie zu 80% einem französischen Investor gehört. Auch Kapitalisten spielen eben gerne Schleich.

 




Familienfreuden XXVI: Sozialismus beim Tornisterkauf

Wer geht hier mit wem spazieren? (Zeichnung: Albach)

Kinder zu haben, hat manchmal etwas vom real existierenden Sozialismus: Besser, man hat einen Fünf-Jahres Plan. Beispiel: Wir haben einen Tornister gekauft.

Ein bisschen hatte mich die Zeit der Schwangerschaft ja schon gewarnt. Dort hatte ich gelernt: Es gibt Menschen, die haben sich ihr ganzes Leben auf ein Kind vorbereitet. Kaum war der Strich auf dem Schwangerschaftstest zu erkennen, buchten sie schon Schwangerschaftsyoga -/- schwimmen /-gymnastik, luden ihre Hebamme zum Tee ein und parkten den Kinderwagen in der Garage. Ich gehöre nicht zu dieser Spezies und nahm, was übrig blieb.

Entsprechend war ich sensibilisiert, als sich eine wichtige Etappe für unsere Tochter ankündigte: der Schulbesuch. Durch Zufall bekam ich ein konspiratives Gespräch zwischen zwei Kindergartenmüttern mit, in dem Informationen zum Tornisterkauf gehandelt wurden wie Hehlerware. „Im November gibt es die Vorjahresware günstiger…“ wisperte die eine. „Ich muss auf jeden Fall schnell einen Termin machen“, die andere.

Es ist kein Zuckerschlecken

Immerhin wusste ich schon von meinem Patenkind: Tornister kaufen ist kein Zuckerschlecken. Besser, man checkt vorher mal den Kontostand, bevor man die preismäßig durchaus mit Designer-Handtaschen vergleichbare Ware zu erstehen gedenkt. Und ein Termin, bei dem geguckt wird, ob der zu meiner Schulzeit noch liebevoll als „Tonne“ verunkte Transportbehälter ansatzweise ergonomisch wertvoll ist, leuchtete mir auch so ein. Aber dass man hier schon wieder einen Zeitplan wie seinerzeit bei einer Trabbi-Lieferung in der DDR auf dem Schirm haben musste…

Ein Wesen mit eigenem Geschmack

Ich ergab mich in unser Schicksal und machte einen Termin in dem von den wispernden Müttern favorisierten Laden. Dort wurde ich schon mal zackig gebrieft: „Wir Erwachsenen gucken, ob der Tornister passt. Aber ihre Tochter sucht das Design aus. Sie haben ihr Kind zu einem Wesen mit eigenem Geschmack erzogen – da müssen sie durch“, warnte mich der Verkäufer vor. Vermutlich eingedenk 1000er erlebter Streitgespräche über augenkrebserzeugende Tornister, an die sich kleine Kinder verzweifelt klammerten, während ihre Eltern versuchten, sie in die Ecke mit den einfarbigen, pädagogisch wertvollen Varianten zu zerren.

Pink mit Pferden

Ich seufzte. Als ich Fi gefragt hatte, wie ihr Tornister aussehen soll, hatte sie gesagt: „Pink! Am besten mit Pferden oder Schmetterlingen.“ Normen und ich nahmen uns fest vor, uns trotzdem rauszuhalten.

Fiona wiederum hielt sich an unsere Absprache: Gleichmütig schaute sie sich Tornister mit Dinosauriern, Fußballern oder Robotern an. Sie wusste, ihre Stunde würde noch kommen. Normen und ich waren derweil überwältigt. Vage erinnerten wir uns noch unsere schlichten „Amigo“-Tornister – eine Marke, die längst ausgestorben ist. Jetzt erblickten wir Regale voll unterschiedlichster Modelle; im Lager gäbe es insgesamt 500, erklärte der Verkäufer. Ich sagte alle Termine für den Nachmittag ab.

Fiona, verschnürt

Der Verkäufer indes zückte einen Schmöker von Umberto Eco’schem Ausmaß und verstaute ihn in dem ersten Testmodell. Er verschnürte Fiona. Ließ sie los. Und sie – fiel fast hinten rüber. Mit Mühe wuchtete sie sich nach vorn, um das Gleichgewicht zu halten, und wankte los. In Gedanken meldete ich sie schon im Fitnessstudio an, um die für die Einschulung anscheinend notwendigen Muskeln aufzubauen.

Und so ging es weiter: Entweder, die Tornister schnürten ihr den Hals ab – oder sie gingen mit Fi spazieren, nicht umgekehrt. Ich fühlte mich wie bei der Suche nach meinem Hochzeitskleid: damals hatte ich auch gedacht, es gäbe einfach nicht das richtige für mich.

Der Lichtblick

Dann aber der Lichtblick: ein Tornister passte wie angegossen. Es war der mit den auffälligsten Designs. Der Verkäufer baute nun die in Frage kommenden Varianten vor uns auf. Als er ein Modell in Pink mit leuchtenden Glitzersternen und wiehernden Einhörnern platzierte, schien unser Schicksal besiegelt. Ich schluckte. Das Teil hatte sogar feine roséfarbene Zierschleifen. Für mich ein Albtraum. Ich würde trotzdem glücklich lächeln, nahm ich mir vor – und zwar die ganze Grundschulzeit hindurch.

Dann aber geschah etwas, was mich an die durchschlagende Wirkung von Stoßgebeten glauben lässt. Fiona schritt die Reihe der Tornister ab, schaute sich das Rosa-Rüschenmonster an. Und ging weiter. Sie blieb vor einem blaugewellten Modell mit Delphinen stehen. „Den will ich!“, sagte sie. „Der passt super zu mir. Ich schwimme doch so gern!“

Ich atmete aus. Wir nickten. Und freuten uns. Sogar ganz ehrlich.




Mutter, Tochter, Spüli

Eben bei Edeka: eine Tante, entnervt, schwer beladen, aus ihrem Korb quillt schon sehr viel Wohlfeiles, auf den Armen balanciert sie auch noch Zeugs und angelt grad nochmal in die Kühltruhe nach Plastikcontainerchen mit Fleischlappen.

Spüli, Kuli auf Zettel, 9,5×9,5cm, 2018 (© Thomas Scherl)

Hinter ihr: das Töchterlein. Blühendstes Hormonchaos mit mürrisch-gelangweiltem Fluntsch (wie man halt so guckt in dem Alter, wenn man mit Muttern einkoofn muß). Latscht, die Hände in den Taschen und ich drauf&dran, daß ich sie anstupse und ihr ein »Mensch, jetzt hilf doch mal« zuraunze. ((Aber weil ich ein angenehmer Mensch bin, laß ich’s bleiben.) (Außerdem weiß man heut ja nie. Am End les ich dann so in zwanzig Jahren in der #meToo-Gazette meinen Namen. Neeneenee, lieber nich.))

Dann, als die beiden schon fast an der Kasse sind: »Spüli, wir brauchen noch Spüli!«, sprach Mutter zu ihrem Töchterlein und das latscht auch folgsam davon und prinzipiell sogar in die richtige Richtung. Vor dem Regal mit Zahnpasta, Duschzeugs usw usf steht sie. Und überlegt. Man sieht in ihrem Köpfchen zäh die Zahnräder sich bewegen (»drehen« wär in dem Stadium des Vorgangs noch zu viel gesagt). Und wenn alle ganz leise gewesen wären, hätt‘ man’s sogar ein bißchen knirschen gehört.

Ziehendes und gezogenes Trum: ah, jetzt wird das Ergebnis rufend ausgegeben: »Mama! Was ist Spüli?« (Bei »unserem« Edeka ist besagtes Regal gut zehn Meter von der Kasse entfernt und ums Eck gehts auch nochmal.)
Irgendwo im Regallabyrinth kicherts.

»Spülmittel!«, ich.
Irgendwo im Regallabyrinth lachts.

»Geschirrspülmittel!«, die Mutter.
An vielen Stellen im Regallabyrinth lachts lauter.

Je nu, ich konnts dann nicht weiterverfolgen, aber irgendwie hat sie die Aufgabe dann doch gemeistert. Applaus, mesdames et messieurs! Auf daß das Kind keinen bleibenden Seelenschaden trage!

An der Kasse seh ich die beiden dann nochmal und belausche Muttern (gehetzt): »Schnell! Jetzt kommt gleich die Sendung im Fernsehn, über Papas Firma.«

Ok, jetzt wär das also auch geklärt.




Kein dürres Gedenkdatum: Was mir der Élysée-Vertrag und die deutsch-französische Freundschaft persönlich bedeuten

Da durften wir uns noch kohlrabenschwarz anmalen: Lang zurückliegender deutsch-französischer Moment. (Foto: pivat)

Da durften wir uns noch kohlrabenschwarz anmalen: Lang zurückliegender deutsch-französischer Moment. (Foto: pivat)

Was sehe ich denn da im Gedenktagekalender? Der deutsch-französische (oder auch französisch-deutsche) Élysée-Vertrag jährt sich heute zum 55. Mal? Für mich ist das kein abstraktes Datum aus ferner Vergangenheit. Es ist mit persönlicher Bedeutung angefüllt. Lasst mich kurz davon erzählen.

Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer unterzeichneten das historische Vertragswerk am 22. Januar 1963. Damit wurde die fürchterliche „Erbfeindschaft“ zwischen beiden Ländern, die in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts so viele Menschenleben kostete, höchst offiziell und feierlich beendet. Und es blieb gottlob keine bloße Symbolik.

Tatsächlich herrscht seit 1945 und erst recht seit 1963 dauerhafter Frieden zwischen diesen beiden Völkern, etwaige Konflikte klärt man zeitnah bei regelmäßigen Konsultationen. Dabei spielt es bisher keine Rolle, welche Regierung jeweils am Ruder ist. Und die europäische Einigung wäre ohne Frankreich und Deutschland nicht so immens vorangeschritten – mancherlei Mängel inbegriffen, von denen wir aber jetzt einmal absehen wollen.

Dortmund verkündete schon 1960 Partnerschaft mit Amiens

Im Gefolge des Vertrages gab es nicht nur zahlreiche Jugendbegegnungen zwischen beiden Ländern, es entstanden auch etliche Städtepartnerschaften. Dortmund war ganz früh mit von der Partie, schon vor dem Élysée-Vertrag. Man knüpfte Verbindungen zu Amiens und proklamierte die Partnerschaft bereits 1960. Just aus Amiens kamen die Kinder, mit denen fortan viele Dortmunder Kinder- und Jugendgruppen einige Wochen der Sommerferien verbrachten. Ich durfte mehrmals dabei sein. Schon kurz nach der Anfangsphase. Welch ein Glück des Beginnens.

Urlaub mit meinen Eltern habe ich so gut wie gar nicht erlebt, höchstens mal ein paar Tage an der holländischen Küste oder in der Eifel. An Fliegen oder gar Fernreisen war noch nicht zu denken, ein eigenes Auto hatten wir damals auch nicht. Statt dessen ging’s – erstmals mit elf Jahren – mit dem Bus auf deutsch-französische Gruppenreisen, zunächst dreimal nach Mollseifen im Sauerland, später nach Rieseberg/Königslutter (Niedersachsen), einmal auch nach Sanary in Süfrankreich und nach Marina di Massa in Italien.

Wie Pfadfinder am Lagerfeuer - die französischen Jungs Jacques, Eric und Marc aus Amiens. (Foto: privat)

Nach Pfadfinder-Art am Lagerfeuer: die französischen Jungs Jacques, Eric und Marc aus Amiens. (Foto: privat)

Herrliches Gemeinschaftserlebnis

Sauerland klingt für heutige Begriffe vielleicht langweilig, war aber als Gemeinschaftserlebnis wunderbar und teilweise abenteuerlich nach Pfadfinder-Art. Allein die Schnitzeljagden, Budenbauten und Indianerspiele in den Wäldern… Ich will nicht behaupten, dass man davon bis heute zehrt. Aber unvergesslich sind so manche Augenblicke doch. Und es will mir scheinen, als sei dies noch wirkliche Kindheit gewesen.

Leider hatten wir anfangs in der Schule noch keinen Französisch-Unterricht, so dass die Kommunikation überwiegend nonverbal erfolgen musste. Doch wie gut das unter uns Kindern ging! Für Zweifelsfälle waren da ja auch noch ein sprachkundiger „Moniteur“ bzw. eine „Monitrice“ (GruppenleiterIn). Wenn wir zusammen durch die Wälder streiften, hitzige Wettspiele austrugen, miteinander malten oder einander Lieder aus dem jeweiligen Land vorsangen, spielte Sprache eh nur eine Nebenrolle.

Die Jungs aus Frankreich waren galanter

Mit der Zeit bemerkten wir auch Unterschiede, die teilweise den Klischees entsprachen: Gleichaltrige französische Jungs waren einfach „früher dran“ und entschieden frecher, was den galanten Umgang mit Mädchen anbelangte; die französischen Mädchen wiederum hatten – wie soll man sagen – vielfach mehr Geheimnis und schon früh etwas Apartes, Anmutiges. Oder war’s eher das lockende Unbekannte, das einen verwirrte? Allein, dass sie mit so wohlklingenden Lauten sprachen, deren Wortsinn sich einem nicht erschloss. Jedenfalls glaube ich, dass aus der Zeit meine – und nicht nur meine – spätere Vorliebe für französische Filme (Truffaut, Rohmer, Rivette etc.) herrührte. Ja, in jenen Ferienzeiten erfuhren wir vielleicht einen Hauch von Nouvelle Vague…

Ich erinnere mich an jenen Tag, als abends „Teppichtanz“ gespielt wurde, in dessen Verlauf man sich unschuldige Küsschen geben durfte. Doch schon das brachte uns ca. Dreizehnjährige einigermaßen in (bestenfalls halbwegs begriffene) Wallung. Sagte nicht eine Monitrice nach Ende des Spiels zu ihrem Kollegen, das habe uns wohl zu sehr aufgeregt? Was sie wohl gemeint hat? Wenn Adenauer und de Gaulle geahnt hätten, was sie uns da beschert haben… Adenauer hätte vielleicht mit rheinischem Zungenschlag einen seiner Lieblingssätze gesagt: „Meine Herren, die Situation ist da…“

„Hitler – c’est fini…“

Und der Krieg? War anfangs noch keine 20 Jahre her, spielte aber unter uns Kindern praktisch keine Rolle mehr. Alles schmeckte so herrlich nach Neuanfang. Einmal sagte ein kleiner Franzose mit plötzlichem Ernst zu uns: „Hitler (sprich: „Itlère“) – c’est passé, c’est fini!“ Hatten sie ihm zu Hause wohlmeinend aufgetragen, das zu sagen? Egal. Jedenfalls haben wir ihn verstanden und waren wirklich erleichtert.

Diese bedeutsamen kleinen Momente. So unscheinbar, doch noch nach Jahrzehnten präsent.




Rätsel des Alltags: „Verschwundene“ Kindersachen

Wer mit Kindern lebt, muss sich auf allerlei Abschiede und Verluste gefasst machen.

Warum das Bild Glasnudeln zeigt? Weil die noch nicht verschwunden sind. (Foto: BB)

Warum das Bild Glasnudeln zeigt? Weil die noch nicht verschwunden sind. (Foto: BB)

Nein, ich spreche mal nicht vom – im Nachhinein betrachtet – rasend raschen Vergehen dieser oder jener Lebensphase und den zugehörigen, liebgewordenen oder auch enervierenden Gewohnheiten bzw. Ritualen; auch nicht von den entscheidenden biographischen Wendungen, sondern ganz profan: von relativ nebensächlichen, letztlich geringfügigen Dingen, die man in der Summe dennoch vermisst. Jedenfalls für eine gewisse Zeit.

Mütze, Schal und vieles mehr

So sind in letzter Zeit einige Sachen rätselhaft spurlos verschwunden. Alle chronologisch sortierten Rekonstruktionsversuche, Recherchen und Nachfragen haben nicht gefruchtet. Beispiel: Die Mütze und der Schal, die beim spätherbstlichen Wochenende auf einem Ponyhof abhanden gekommen sind, waren partout nicht mehr aufzufinden. Anderen fehlen seither Reitstiefel, obwohl die Namen darin standen. Das deutet schon ein wenig auf willkürliche Inbesitznahme hin, um es nicht gleich diebisch zu nennen.

Bald darauf fehlte eine Regen- und Matschhose. Vorher gerodelt, nachher im Kino gewesen. Beim Klamottenwechsel auf dem dortigen WC muss sich besagte Kinderhose wohl in Luft aufgelöst haben. Die Trantüte am Tresen des Vorortkinos will anderntags nichts davon wissen. Ein einziges Achselzucken. Futschikato, wie man früher so sagte. Luxusprobleme, ich weiß. Dennoch ärgerlich.

Ob sich die Dinge irgendwo treffen?

Schon vorher hatte sich eine Winterjacke „aus dem Staub gemacht“. Auch hier bleibt der dringliche Verdacht, dass jemand sie gut gebrauchen konnte… Denn das Abklappern aller Orte, an denen es passiert sein konnte, hat nichts und wieder nichts gebracht. Die neueste Verlustmeldung betrifft einen blauen Wollrock, dessen Verbleib beim besten Willen nicht geklärt werden kann.

Ob sich all diese Dinge an einem geheimen Ort versammeln und kichernd ihre Geschichten austauschen? Und dabei haben wir von Kleinigkeiten wie Stiften, Trinkflaschen und Stofftieren aus der zweiten Reihe (plötzlich in Ungnade gefallen) noch gar nicht geredet.

Sehr seltsam, das alles. Sehr mysteriös.

Es mag ein Anteil von mangelnder Sorgfalt und Unachtsamkeit mit hineinspielen. Doch es muss hier auch vom schwindenden Vertrauen in manche Mitmenschen geredet werden. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass etwas fort ist, hat man es nur einmal liegen gelassen, ist offenkundig gewachsen. Man könnte es auch deutlicher mit klischierten Redensarten sagen: Einige Leute klauen anscheinend wie die Raben, wenn etwas nicht niet- und nagelfest ist. Bedenkenlos. Oder verhält sich alles ganz anders?

Katzenkopfförmiges Portemonnaie

Den betrüblichsten Fall in dieser Hinsicht muss ich jetzt auch noch eben schildern. Es begab sich im letzten Sommer. Unsere Tochter hatte über etliche Wochen hinweg ihr Taschengeld gespart und getreulich in einem Portemonnaie verwahrt. Selbiges deutete eindeutig auf ein Mädchen hin, denn es war katzenkopfförmig und auch farblich entsprechend gestaltet. Warum ich das eigens feststelle? Abwarten.

Als hätte sie etwas geahnt, hat unsere Tochter – aus welchen Beweggründen auch immer – das Portemonnaie im Urlaubsdomizil versteckt; allerdings nicht übermäßig geschickt, nämlich oben auf einem Kleiderschrank der Ferienwohnung. Bei der Abreise hat sie es vergessen und es fiel ihr erst nach einigen Tagen daheim wieder ein, wohin sie das Geld gelegt hatte. Also sofortiges Telefonat mit den ausgesprochen netten Vermietern, die auch gleich nachgesehen haben.

Schmalbrüstige Unschuldsvermutung

Erraten. Die Geldbörse war samt Inhalt nicht mehr da. Da kamen eigentlich nur unsere FeWo-Nachfolger in Frage, deren Namen ich gottlob nicht kenne. Die Vermieterin, der man auch einige Menschenkenntnis zutrauen darf, befand, bei jenen habe sie gleich ein ungutes Gefühl gehabt. Ihnen sei sozusagen alles zuzutrauen. Unverschämt fordernd und unangenehm pampig seien sie aufgetreten. Beweisbar ist es natürlich nicht, also kann man auch nicht ohne weiteres Vorwürfe erheben. Aber die rechtsübliche Unschuldsvermutung scheint mir in diesem Falle ausgesprochen schmalbrüstig daherzukommen.

Man muss sich das einmal vorstellen: ein Kind zu bestehlen, das sich seine paar Euro mühselig zusammengespart hat. So verkommen muss man erst einmal sein. Wenn ich daran denke, kann ich eine leicht aggressiv behauchte Stimmung nicht gänzlich unterdrücken. Wie bitte? Solchen Hackfr Typen müsse man eigentlich „eine Abreibung verpassen“? Das haben Sie jetzt aber gesagt.




Frohe Weihnachten und ein gelingendes neues Jahr wünschen Euch die Revierpassagen – auf Wiederlesen 2018 !

Drei BIlder aus der Reihe "Mäuse-Weihnacht" von Stella (8). (© Stella Berke)

Drei Bilder aus der Reihe „Mäuse-Weihnacht“ von Stella (8). (© Stella Marie Berke)

Mit geradezu finsterer Entschlossenheit trägt die Maus den Tannenbaum bzw. den kleinen Tannenzweig eilends ins Mauseloch.

Gilt es etwa, eine allseits geregelte deutsche Weihnacht im ernsthaften Sinne der Mäuse-Leitkultur zu verbringen? Ach, Quatsch! Wahrscheinlich liegt es einfach nur am üblichen Weihnachtsstress, der eben alle Kreatur erfasst hat.

Folget dem Käsestern

Bei den Mäusen, so lernen wir weiter, bestehen die Weihnachtssterne weder aus Stroh noch aus Goldflitter, sondern naturgemäß aus Käse, der ebenfalls schön goldgelb leuchtet. Und die Kugeln am Tannenzweig sind halt grellrote Tomaten, weil die in der Familienküche zuerst zu finden waren. Ist doch klar, nicht wahr?

Die aufgeregten Mäusekinder schließlich beruhigt man am besten mit einer (altersgemäß eigenwillig geschriebenen) „Tehlepon-Spieluhr“. Wie die Kleinen da mit pumpernden Herzchen in ihren Handschuh-Betten liegen! Auch Mäusekinder warten wohl ungeduldig aufs Christkind. Oder muss es Christmaus heißen?

Warum denn nicht?

Dies soll bei weitem kein Ersatz für die Predigt bei einer Christmette werden. Aber lasset mich trotzdem noch einen frommen Wunsch äußern:

Möge die Generation der Zeichnerin dereinst eine bessere Welt gestalten, als es uns Heutigen und unseren Vorfahren gelungen ist.

Habe ich da eben bei mir selbst einen Anklang von „Glaube, Liebe, Hoffnung“ vernommen? Ja, warum denn eigentlich nicht?

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P.S.: Wollt ihr die Bilder größer seh’n, so müsst auf diese Seit‘ ihr geh’n:

https://www.revierpassagen.de/wp-admin/post.php?post=39647&action=edit




Der Nikolaus und die Phantasie, die wir so dringend brauchen

Gastautor Heinrich Peuckmann über den Nikolaus und seine bleibende Bedeutung:

In letzten Jahr habe ich nach vielen Jahren Pause anlässlich des Besuches meiner Nichte und ihrer beiden kleinen Töchter das Nikolauskostüm aus dem Schrank geholt. Während meine Frau und einer meiner Söhne unsere Gäste im Wohnzimmer begrüßten, hielt ich mich versteckt.

Nicht der Verfasser dieses Beitrags, wohl aber der Blogbetreiber Bernd Berke in früheren Jahren mit dem Nikolaus. (Foto: Berke / Privat)

Besuch vom Nikolaus vor etwas längerer Zeit. (Foto: B. Berke / Privat)

In einem passenden Moment schlich ich mich in den Keller, zog mir das Kostüm an, schaute in einen Spiegel und erkannte mich selbst nicht mehr. Kein Zweifel, das war er, der mir da im Spiegelbild entgegen lächelte, der Nikolaus mit seiner Knollennase. Über die Terrasse ging ich offen auf unser Haus zu, die beiden Mädchen entdeckten mich sofort und kamen auf die Tür zugelaufen.

Ein skeptischer Grundschüler

Die Kleinere hat mich zwar sofort erkannt, aber das machte nichts. Bevor der Nikolaus die Geschenke aus seinem Sack holte, haben beide brav ein Gedicht aufgesagt und natürlich nicht mit der Rute Bekanntschaft gemacht. Wo kämen wir da hin? Die bekam sanft einer meiner Söhne zu spüren, weil der seinen Vater im verflossenen Jahr geärgert hatte. Der Nikolaus hatte irgendwie davon erfahren.

Nachher, um die Zweifel der Kinder zu mehren, ging der Nikolaus für alle sichtbar an unserem Haus vorbei zur Nachbarstraße, drehte sich noch ein paarmal um und winkte ihnen zum Abschied zu. Was der Nikolaus nicht wusste, im Nachbarhaus packten gerade zwei Kinder ihre Stiefel aus, in die der Nikolaus etwas hineingelegt hatte, und der Größere, ein Grundschuljunge, erklärte selbstbewusst, den Nikolaus gäbe es gar nicht, es sei seine Oma gewesen, die die Stiefel gefüllt hätte. Hatte sie auch und wusste deshalb keine Antwort. Aber dann schaute sie zufällig aus dem Fenster und rief: „Aber da ist er ja, der Nikolaus. Kommt schnell, dann könnt ihr ihn noch sehen.“

Die Welt mit anderen Augen sehen

Die Kinder stürmten zum Fenster und tatsächlich, da stand ein kleiner dicker Nikolaus mit Knollennase vor ihnen auf der Straße. Und noch besser, er winkte ihnen sogar zu, jedenfalls glaubten sie das. Selbst der Skeptiker, der Grundschuljunge, staunte mit offenem Mund und winkte, zur Freude seiner Oma, zaghaft zurück.

Kindheit braucht Geheimnisse, an denen sich Phantasie entzündet. Gerade der uralte Mythos liefert sie und gibt Anstoß, die Welt anders zu sehen, als sie gerade erscheint. Kinder nehmen das mit ins Leben, haben Freude an weiteren Geheimnissen und empfinden es als Anstoß, die Welt mit Phantasie immer neu zu sehen.

Und nebenbei schult es die Sozialkompetenz. So können die Kinder sich besser in die Lage ihres Nächsten versetzen, können Probleme, Ängste und Freuden nachempfinden und rücksichtsvoll darauf eingehen. Eine Fähigkeit, die sie mitnehmen ins Erwachsenenleben und dann vielleicht noch mehr benötigen.

Wider das zweckrationalistische Menschenbild

Wie traurig, dass pseudoaufklärerische Eltern  diese Gelegenheit nicht nur verstreichen lassen, sondern ihren Kindern auch noch vermeintlich rationale Erklärungen geben, warum das alles Humbug sei. Sie merken nicht, wie sie dabei einem Menschenbild Vorschub leisten, das sowieso schon den größten Teil unseres Lebens beherrscht. Einem Menschenbild der Zweckmäßigkeit, der bloßen Tätigkeit zur Gewinnmaximierung, des klaren Kalküls. Ein Weltbild insgesamt, das alles unter den Vorbehalt der Berechnung und Berechenbarkeit stellt.

Phantasie, und das heißt allemal, sich eine Welt vorstellen zu können, die anders ist als jene, die uns gefangen nehmen will und die, wer weiß, vielleicht sogar Wirklichkeit werden könnte, stört da nur. Sie ist, man muss das deutlich sagen, systemkritisch. Nackte Fakten, angeblich unumstößlich, sollen unser Denken prägen und jenen, die davon bestens profitieren, ihre Gewinne sichern und ihre Gier stillen.

Börsenmakler missbrauchen den Begriff

Das Wort Phantasie taugt da nur noch in der Verwendung der Börsenmakler. Diese oder jene Aktie, verkündigten sie lauthals, lasse noch „Phantasie“ nach oben offen und meinen damit nichts anderes als weiteren Gewinn und Abzocke. Das arme Wort, angetan, sich neue, ganz andere Welten vorzustellen, kann sich gegen den Missbrauch nicht wehren. Unbarmherzig wird es in jene Welt eingebaut, gegen die es eigentlich steht. Ihm geht es da nicht besser als dem Nikolaus, der nicht als Beglücker der Kinder für ein barmherziges Leben stehen soll, sondern der im Kaufhaus Anreiz für Konsum schaffen muss, der zum Weihnachtsmann mutiert und ganz Konsumgeist wird.

Geheimnisse erleben, Phantasie entwickeln, wie wichtig in allen Zeiten. Und wie schnöde und gedankenlos kaputt gemacht für ein Weltbild, das viele Erwachsene nicht einmal durchschauen. Wie denn auch? Wie sollten sie genug Phantasie entwickeln, sich die Welt anders vorzustellen als sie gerade ist, wenn sie schon gedankenlos jene ihrer Kinder unterdrücken.

Unser Nikolaus war jedenfalls zufrieden mit seinem Auftritt. Er hat keine Kinder geängstigt, wie das oft als Argument gegen den Mythos verwendet wird, sondern er hat ihre Vorstellungen von Leben erweitert und Zweifel an der rein rationalen Zweckmäßigkeit gestreut. Unser Nikolaus soll, als er heimlich in den Keller zurückkehrte, laut gelacht haben. Aber ob das stimmt, muss man ihn am besten selber fragen.




Wenn Vater von der Zeche kam, sagte er nur „Na, Sohnemann“ – Kindheit im Revier, geprägt von Liebe und Begrenztheit

Unser Gastautor, der Schriftsteller Heinrich Peuckmann, mit einer Kindheitserinnerung aus dem Revier von damals:

Da ist ein Bild, ganz tief in mir gespeichert, das mich nicht loslässt mein Leben lang. Ich bin noch Kind, nicht mal zehn Jahre alt. Die Schule ist aus, wir spielen Fußball auf dem großen, freien Platz, dem Kamener Schützenhof, direkt vor unserer Haustür.

Wie aus einer anderen Zeit: in einer Wasserlache gespiegelter Zechenturm. (Foto: Christian Evertsbusch / pixelio.de)

Zeugnis einer anderen Zeit: in Wasserlache gespiegelter Zechenturm. (Foto: Christian Evertsbusch / pixelio.de)

Wir wollen Tilkowski werden, Fritz Walter oder dieser neue, dieser Uwe Seeler. Wir spielen selbstvergessen, eingetaucht in eine Welt, die ganz uns gehört und niemand sonst. Und wenn wir im Spiel auch erbitterte Gegner sind, sind doch vor allem eines, nämlich Freunde, teilweise bis heute.

Fußballbilder in Tüten vom Kiosk

Wenn die Glocken der Pauluskirche mit dem schiefen Turm dreimal läuten, schaue ich hinüber zum Ende des Platzes, von dem aus man die Geschäftsstraße unserer Stadt erreichen kann. Die alte Politz hat dort an der Ecke ihr Kiosk. Sprudel können wir dort kaufen, wenn wir völlig verschwitzt sind und vor allem die Tüten mit den Fußballbildern. „Die Politz“, sagt meine Oma, „ist deine Sparkasse.“

Gleich, um kurz nach drei, das weiß ich, wird mein Vater dort auftauchen. Er ist Bergmann und kommt immer gegen drei Uhr von Zeche Heeren mit dem Bus nach Hause. Wenn ich ihn dann sehe, unterbreche ich mein Spiel, laufe hin zu ihm und merke, wie er lächelt, wenn er mich entdeckt. „Na, Sohnemann“, sagt er, wenn ich ihn erreiche und streichelt mir über den Kopf. Immer nur dies, „Na, Sohnemann“, dazu das Streicheln mit der Hand und sein Lächeln. Sonst nichts. Ein paar Schritte gehe ich neben ihm her, fasse ihn an der Hand, dann renne ich zurück zum Fußball, wo meine Freunde, deren Väter auch Bergleute sind, auf mich warten.

Ein tief erschöpfter Mann

Meine Mutter, das weiß ich, wartet schon mit dem Essen auf ihn, Gemüse, Kartoffeln aus dem Garten hinter unserem Haus, wir haben nicht viel Geld für Lebensmittel. Und anschließend, wenn er gegessen hat, raucht er Zigaretten in der Küche, zwei, drei. Immer zu viel. Er sitzt dann weit vorgebeugt auf seinem Stuhl, raucht und stöhnt zwischendurch leise. Ein tief erschöpfter Mann, für den die Arbeit vor Kohle viel zu schwer ist. Kaufmann hatte er gelernt, aber keine Arbeit gefunden, bis er dann dahin gekommen war, wohin alle Väter meiner Freunde im Ruhrgebiet gekommen waren. In den Pütt oder ins Loch, wie meine Mutter immer sagte.

Dieses Bild begleitet mich, mein Vater, wenn er von der Zeche kommt, wenn ich ihn begrüße und er nach Hause geht. Und unser selbstvergessenes Spiel mit meinen Freunden. Eine Kindheit, geprägt von Liebe und Begrenztheit.

„Wer so eine große Zahnlücke hat…“

Manchmal, wenn ich durch unser Haus lief, hielt meine Oma mich fest.
„Mach mal den Mund auf“, sagte sie und schaute auf die Zahnlücke zwischen meinen Schneidezähnen.
„Du kommst noch mal weit rum in der Welt“, sagte sie dann.
„Warum komme ich weit rum, Oma?“
„Wer so eine große Zahnlücke hat, der kommt weit rum“, antwortete sie.

Zwei Bäume aus jener Zeit stehen noch

Was das eine mit dem anderen zu tun hat, habe ich damals nicht verstanden und weiß es bis heute nicht, aber meine Oma hat recht gehabt. Ich bin in vielen Ländern gewesen und habe dort teilweise sogar Vorträge über deutsche Literatur und Lesungen gehalten, in Ländern, die sie sich nicht vorstellen konnte.

Den Platz meiner Kindheit gibt es noch, er sieht ganz anders aus als zu meiner Zeit. Vierstöckige Gebäude, Flachdach, unten Geschäftsräume, darin inzwischen viele Leerstände, darüber Wohnungen. Zwei Bäume stehen noch aus meiner Kindheit, zwei Bäume. Eine Platane, die zum Schulhof unserer Schule gehörte, die direkt neben dem Schützenhof lag, und eine Kastanie, die im Garten des Pfarrhauses, der Schule gegenüber stand. Ich habe ein Gedicht über diese letzten Zeugen meiner Kindheit geschrieben.

In diesem Bild lebt die Liebe meiner Eltern fort, die mir Kraft gab, große Schritte zu gehen und die Enge, die mich umgab, zu überwinden. Doch da ist auch die Trauer, dass sie, meine Mutter und mein Vater, die eine Begrenztheit, die geographische, nur sehr spät und auch das nur ein wenig, überwinden konnten. In dem anderen, in ihrer Liebe, aber waren sie grenzenlos.




„Die ganze Welt der Horror die Zeit…“ – Eine Siebenjährige entdeckt mit dem Smartphone die automatische Textproduktion

Hie und da hat man schon mal von medial induzierter Kunst gehört. Dass mit Handys & Smartphones zur Not auch rudimentäre Formen von Literatur produziert und übermittelt werden könn(t)en, ist auch nicht völlig neu. Doch hier kommt eine weitere Variante, hervorgebracht von einer Siebenjährigen!

Mit "fliegenden Daumen": rasante Textproduktion. (Foto: BB)

Mit „fliegenden Daumen“: rasante Textproduktion. (Foto: BB)

Nun gut, ich bin befangen, denn sie ist meine Tochter. Jedenfalls finde ich ihre grundsätzliche Offenheit für technische Möglichkeiten und den Umgang mit all dem staunenswert. Obwohl man ja eh so viel darüber liest.

Vor gerade mal zwei Jahren hat sie in der Schule begonnen, das Lesen und Schreiben zu lernen. Nun ist sie in der Handhabung des Mobiltelefons ihrer Mutter und mir bereits voraus – wie wohl etliche ihrer Altersgenoss(inn)en. Mit virtuellen Phantomen wie „Siri“ und „Alexa“ parlieren sie recht geläufig.

Jeden Vorschlag akzeptieren

Darum muss ich derzeit noch mehr feixen, wenn ich die Bundestags-Wahlplakate sehe, auf denen das allzeit geschmeidige, aber auch in Sorge um Deutschland sich verzehrende, ungesund übernächtigte Politmodel Christian Lindner (FDP) in hippem Schwarzweiß mit Smartphone posiert und die ungeheure Wichtigkeit der Digitalisierung beschwört. Mit Verlaub: Er ist doch vergleichsweise auch schon ein alter Zausel.

Worum es eigentlich geht? Ach so, ja: Unsere Tochter hat die Möglichkeiten der Autokorrektur/Autovervollständigung entdeckt bzw. genauer: die verbalen Vorschläge, die einem das Smartphone unterbreitet, wenn man in der SMS- oder Whatsapp-Nachricht erst mal ein anfängliches Wort hingeschrieben hat und zum nächsten ansetzt. Ihr Dreh ist es, jede, aber auch wirklich jede dieser Vorgaben sofort spontan zu akzeptieren. Reihen- und kettenweise.

Das „System“ textet sich selbst zu

Wenn da also beispielsweise vier Vorschläge dafür stehen, wie es weitergehen könnte, so werden sie in rascher Abfolge auch allesamt angenommen – ohne jegliches Innehalten. Fortan braucht sie praktisch kein eigenes Wort mehr hinzutippen, sondern nur noch zu bestätigen, was da ohne Unterlass geliefert wird. Mit anderen Worten: Das „System“ reagiert sozusagen auf sich selbst, es spricht mit sich selbst oder textet sich gleichsam selbst zu.

...und der Ausschnitt eines Resultats. (Foto: BB)

…und der Ausschnitt eines Resultats. (Foto: BB)

Was dabei herauskommt, ist natürlich nicht gleich Literatur, es läuft aber (vor allem mit dem entsprechenden Zeilenzuschnitt) auf eine traditionell quasi-literarische Textgestalt hinaus, die inhaltlich zunächst noch sehr roh und unbehauen wirkt, die einigermaßen seelenlos zu rattern scheint. Man müsste das also noch bearbeiten, hier glätten und da zuspitzen, doch es scheint schon durchaus verwertbare Ansätze zu enthalten.

Ein Beispiel gefällig? Bitte sehr, hier ist es, ich habe es als SMS-Botschaft erhalten. Dieser erste Text müsste wohl füglich das Wort „Horror“ im Titel tragen und klingt stellenweise – Achtung, höchst gewagter Vergleich! – wie von Beckett ersonnen:

Ich bin jetzt auf der
Suche ist das ja nicht
mehr zu spät kommt die
Mädels und Jungs und
Mädchen in den Mädels
und ich hoffe das ist ein
Test der Zeitschrift die
ganze Welt der Horror die
Zeit ist es ist ein Witz ist
ja jetzt schon es ja ist
es nicht so gut und
zwar mit der Horror die
ganze Welt der Arbeit der
Horror und dann ja nicht
zu sehr gerne mal mit der
Horror die ganze Nacht
über das Thema der
Horror und wir werden
die ganze Nacht Welt
und dann ja aber nicht
mehr erholt und dann ja
nicht zu viel an den
Mädels und ich hoffe es
ja vielleicht noch nicht
mehr so viel in Ruhe und
wir werden die beiden
uns ja nicht mehr so gut
ist ein Test zu sein
scheint mir die beiden.

Nach demselben Prinzip ist folgendes Stückchen entstanden:

Und dann ist ja wohl ein r ist
es nicht so oft in Ruhe
reden ich hoffe du bist
ein Schatz schlummert
ist Tee ist es ist ein
Witz ist das ja auch die
ganze Nacht über die
ganze Welt der Fahrt mit
Theresa der zu ja
ist ja jetzt schon es
richtig ist das zu spät ich
habe ein bisschen zu
sehr nett wenn sie ist es
nicht zu viel um die
Ohren steif zu sein ist
tatsächlich eine ganz
liebe ist es nicht zu
viel um die Ohren es
nicht zu sehr nett gerne (…)
ich zu spät ist das ja auch
nicht mehr zu tun haben
mehr als ein wir sind.

Genug. Man sieht schon: Die Möglichkeiten solcher Textproduktion sind offenbar begrenzt, so manches wird sich wiederholen und zur Ödnis des Immergleichen tendieren. Trotzdem könnte man sich das Verfahren vielleicht zunutze machen und – fast wie beim „automatischen Schreiben“ herkömmlich-surrealistischer Art – Anregungen daraus empfangen. Ich mein‘ ja nur.




„Wenn der Wind von Hörde kam, roch es wie Pech und Schwefel“ – Erinnerung an eine Kindheit im Dortmunder Süden

Unsere Gastautorin, die aus Dortmund stammende Malerin und Lyrikerin Marlies Blauth, ergänzt und erweitert mit diesem Beitrag die vor wenigen Tagen erschienene Dortmunder Kindheitsskizze von Bernd Berke:

Der Appetit der frühen Jahre. Unsere Gastautorin Marlies Blauth in einer anderen Zeit. (Bild: privat)

Der Appetit der frühen Jahre. Unsere Gastautorin Marlies Blauth in einer anderen Zeit. (Bild: privat)

Der Dortmunder Süden, jedenfalls Berghofen, war früher noch ziemlich ländlich. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sich was drauf einzubilden, dort zu wohnen – allenfalls wusste man zu schätzen, einen Garten zu haben und nutzen zu können. Es gab kaum einen, in dem nichts Essbares wuchs. Auch die „besseren“ Leute hatten immerhin ein Eckchen mit Johannisbeeren im Garten und zogen ein paar Kräuter und Salatköpfe.

War Erntezeit und diese ertragreich, wurde wild herumverschenkt oder getauscht: Birnen hin, Kartoffeln zurück. Ab einem bestimmten Alter hatte ich diese Botengänge zu übernehmen. Wir besaßen mittlerweile ein Auto, wären aber nie auf die Idee gekommen, damit zwei Kilo Kartoffeln eine Straße weiter zu transportieren.

Der Eierkauf war manchmal Glückssache

Auch einzukaufen war meine Aufgabe. Bereits als ich vier Jahre war, schickte man mich zum Tante-Emma-Laden „umme Ecke“, um „mal eben ein Pfund Mehl“ zu holen. Man gab mir einen Zettel ins Portemonnaie, ich reichte es an der Theke vorbei (da ich noch nicht oben dran kam), erhielt meine Sachen und das Wechselgeld auf demselben Weg und dackelte nach Hause.

Manchmal musste ich auch zweimal gehen, wenn etwas bei Tante Emma (es waren in Wirklichkeit zwei Schwestern, die den winzigen Laden betrieben) bereits ausverkauft war. „Dann gibt’s halt Wirsing, wenn kein Rotkohl da ist. Geh nochmal schnell.“ Eier wurden grundsätzlich bei Omma L. gekauft, die Hühner hielt. Manchmal bekam man die Anzahl, die man wollte, manchmal nicht, manchmal gab es überhaupt keine, weil auch die allerbeste Legehenne mal Urlaub braucht.

Ein Uhrengeschäft – welch ein Luxus

Nach Norden sahen wir auf das Himmelrot von Phoenix. Das war Hörde, da begann „die Stadt“. Denn dort gab es größere Läden als Tante Emmas. Ein Uhrengeschäft, wahrer Luxus! Eine Schulfreundin träumte einmal, dass der Phoenix-Kühlturm explodiert sei, an dem wir oft vorbeifuhren. An diesen dramatischen Traum muss ich manchmal denken, wenn ich heute von derselben Stelle zum Phoenixsee (durch-)gucke, ohne den Turm.

Manchmal, wenn der Wind von Hörde kam, roch es „wie Pech und Schwefel – mach’s Fenster zu“. Die Emscher und deren kleinere Bach-Geschwister kommen als „grauer Leberpudding, der aus dem Mund stank“ in einem meiner Gedichte vor. Ich war übrigens schon länger in der Schule, als Berghofen noch immer nicht vollständig kanalisiert war: Bäche mit Bäh-Wasser flossen neben der Straße her.

Einfaches „Häuschen“ auf gepachtetem Acker

Diejenigen, die dem Süden seinen Ruf einer privilegierten Gegend verpassten, kamen erst deutlich später, ich mag so im dritten oder vierten Schuljahr gewesen sein. Meine Eltern hatten zwar auch neu gebaut, allerdings ohne jedes Kapital ein „Häuschen“, einfach und dünnhäutig, auf gepachtetem Acker. Diese Bedingungen waren es wohl, weshalb wir überhaupt in Berghofen gelandet sind.

Natürlich waren wir nicht wirklich arm, da mein Vater Lehrer war; der aber wurde er erst ziemlich spät im Leben, da er sieben Jahre seines Lebens in Krieg und Gefangenschaft gezwungenermaßen vergeudet hatte, krank zurückkam, seine musikalische Aufnahmeprüfung ein zweites Mal machen musste (alle Dokumente waren verbrannt) und sich – früh vaterlos geworden – sein Studium mit irgendwelchen musikalischen „Jobs“ finanzieren musste.

Die wenigsten Kinder hatten ein eigenes Zimmer

Meine Mutter war das älteste Kind einer Flüchtlingsfamilie. Meine Eltern hatten also beide bei Null angefangen, es gehörte ihnen vom „Häuschen“ erstmal so gut wie nix. Vielen Nachbarn ging es damals ähnlich. Obwohl es sich in unserer Straße ja um durchweg neue Häuser handelte, war es nicht üblich, dass jedes Kind ein eigenes Zimmer besaß. Bei mir war das allein deshalb so, weil ich keine Geschwister hatte. Waren mehr Kinder da, teilten sie sich selbstverständlich einen Raum.

Ich kannte auch eine Familie, die gar kein Kinderzimmer hatte, die drei Kinder wurden einfach irgendwo in der engen Wohnung verteilt. Ein Kind aus meiner Klasse wohnte die ersten Jahre sogar in einer Baracke. Ein Spielkamerad lebte mit seiner Mutter, auch einer Lehrerin, im winzigen „Keller“ (also Souterrain) eines Hauses in unserer Straße.

Einige Jahre später bei der Arbeit im kleinen Garten der Familie. (Bild: privat)

…und einige Jahre danach bei der Arbeit im kleinen Garten der Familie. (Bild: privat)

Ich erinnere mich auch an eine Berghofer Familie mit zehn Kindern, sie wohnten in einem abgerumpelten Bauernhaus neben dem Friseur, zu dem ich gescheucht wurde, wenn meine Haare „keine Facon mehr“ hatten. „Aber lass dir genug abschneiden, sonst musste bald wieder hin“ (und das wäre zu teuer). Scheußlich, den Friseurladen jedesmal als hässliches Entlein zu verlassen!

…und später zogen ein paar hochnäsige Leute zu

Eins von den „edlen“ Kindern, die dann später zuzogen (und in größeren, aufwändiger gebauten Häusern wohnten), bekam hingegen seine Haare jede Nacht „aufgedreht“, damit sie morgens zu schönen Löckchen würden. Diese Familie war es auch, die eines Tages meinte, hochnäsig feststellen zu müssen, dass ich „wieder mal was Selbstgestricktes“ trug. Bislang war das ganz normal, wir liefen meistens in geflickten und gestopften Sachen herum und fanden nichts dabei. Beim Herumstrolchen und Baumklettern war das ohnehin egal. Viele Anziehsachen waren auch gebraucht übernommen; das „beleidigte“ mich insofern, als die Mädels, von denen ich den Kram bekam, einen völlig anderen Geschmack hatten als ich. Aber das half überhaupt nichts. Was „noch gut“ war, wurde genutzt, egal, um was es ging.

Bei uns gab es fast immer einfaches Essen, und auch damit standen wir nicht allein. Der riiiesige Luxus eines jeden Kindergeburtstages bestand aus zwei oder drei Kuchen (einer davon war „Kalter Hund“, mit dem ich mich regelmäßig überfressen habe), abends dann Bockwürstchen mit Kartoffelsalat.

Der Wohlstand kam auf ganz leisen Sohlen

Der Wohlstand erwischte uns alle auf ganz leisen Sohlen, und er brauchte viele Jahre dafür. Irgendwann „ließ“ meine Mutter mal irgendwas machen, das war ein Anzeichen. Einige Bekannte hatten dann bessere (und auch zweite) Autos.

Ich erinnere mich allerdings auch an die Zeit, in der es nur ganz wenige Autos gab und stattdessen immer mittwochs der „Gemüsewagen“ kam. Na klar, und die Milch wurde jahrelang gebracht; „gold und silber“. Die gespülten Glasflaschen stellte man wieder raus, sie wurden bei der frischen Lieferung mitgenommen.

Der Bierkutscher mit seinem Gaul

Der Bierkutscher – ich glaube, er hieß Hoffmann – kam jahrzehntelang mit seinem Gaul vorbei, ich höre immer noch sein „Hüah“. Meine Mutter bedauerte das Pferd jedesmal, da es doch nun Autos gab. Und wenn ich heute fahrende Schrotthändler sehe, denke ich immer dran, dass „unsere“ früher grundsätzlich aus Essen kamen und noch auf einer richtigen Flöte „piffelten“. Vor allem fuhren sie viel langsamer als heute, so dass jeder es noch in den Keller schaffte, um irgendwas Metallenes nach oben zu wuchten. Und man bekam noch Geld dafür.

„Die Reichen“ wohnten, so hörten wir, in Kirchhörde, die „ganz Reichen“ in Lücklemberg. Einmal war ich dort, bei so entfernten wie ungeliebten Bekannten in deren Haus, dessen Ausmaß mir unbegreiflich vorkam und auf dessen „offenen Treppen“ über drei Stockwerke ich einen Heulanfall kriegte, weil mir vor Höhenangst schwindelig wurde.




Etwas Dortmunder Kiez-Nostalgie und eine jähe Offenbarung der Klassenverhältnisse

Wie ich gemerkt habe, dass es Klassenunterschiede gibt? Über so etwas Unfeines redeten wir zu meiner Grundschul-Kinderzeit nicht.

Blick aus einem Fenster in der Arneckestraße: etliche Jahre nach der skizzierten Zeit und doch auch schon wieder elend lange her. (Foto: Bernd Berke)

Fensterblick in eine Straße des besagten Viertels: etliche Jahre nach der skizzierten Zeit und doch auch schon wieder elend lange her. (Foto: Bernd Berke)

„Unser“ Dortmunder Viertel, etliche Jahre später Szene- und Studentenkiez, heute zu nicht geringen Teilen ein Hort wohlstandsverwöhnter und vielfach ergrauter Bionade-Bürger, war seinerzeit ziemlich homogen kleinbürgerlich. Man kam einigermaßen zurecht, konnte aber „keine großen Sprünge machen“, wie man das damals ausdrückte.

Über soziale Hierarchien machte man sich also wenig Gedanken, schon gar nicht als Kind. Da hat man ja beispielsweise auch die eigentlich nicht zu übersehenden Ensembles der Gründerzeitbauten kaum bemerkt, in denen die meisten wohnten und die man erst rund zwanzig Jahre danach schätzen lernte.

In der fraglichen Zeit gab es beinahe an jeder zweiten Ecke einen „Tante-Emma-Laden“, allein zwei Mädels aus unserer Schulklasse hatten einen Ladeninhaber zum Vater. Da konnte man sich entscheiden, bei wem man nun kaufte. Meist gab die schrittweise kürzere Entfernung den Ausschlag. Und so gab es eben die Kundschaft bei Sch. und die Kundschaft bei M. Später eröffnete dann eine Tengelmann-Filiale. Erstes Zeichen einer neuen Zeit.

Hinzu kamen im näheren Umkreis noch zwei Milchgeschäfte, wo man seine Blechkanne füllen lassen, aber auch schon die Sorten „Gold“ und „Silber“ in Flaschen kaufen  konnte, eine Bäckerei sowie ein Zigaretten- und Zeitschriftenladen, der anfangs zugleich eine private Leihbücherei war. Die zusätzlichen Schutzumschläge waren aus schmucklosem Packpapier. Die betagte Frau K. in dem einen Milchgeschäft sagte immer „Juchott“ statt Joghurt. Und „anne Bude“ sagten wir nur „Was zu trinken“ – und erhielten für ein paar Pfennige ein gefärbtes No-Name-Gesöff.

Hach ja.

Aber ich schwiff und schwoff ab. Was ich eigentlich erzählen wollte: Eines Tages kam ein kleiner Junge in einen der besagten Läden und verlangte: Erbswurst.

Betretenes Schweigen. Man wartete ab, bis er das Geschäft verlassen hatte. Dann ging’s aber los. Die versammelten älteren Frauen zerrissen sich die Schandmäuler. „Och je. Erbswurst hat er gewollt!“ – „Na, das sind ja Verhältnisse!“ – „Der arme Junge…“ Und man wunderte sich, dass das Kind nicht vollends in Lumpen herumlief.

Nun, immerhin hatte der Laden Erbswurst im Angebot. Was also war falsch? Das war Grübelstoff, den ich mir – wie ihr seht – bis heute gemerkt habe.

Während in der Grundschule die Kinder des Viertels unter sich blieben, erhob sich die soziale Frage hernach im Gymnasium, das vielfach auch Kinder aus betuchteren Familien des Dortmunder Südens anzog. Nun gehörte man eher zur vergleichsweise „einfacheren“ Schicht – und manche Lehrer waren geradezu fassungslos, dass meine Mutter (als einzige der ganzen Klasse) arbeiten ging. Dass sie das offenbar nötig hatte…

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Preisfragen: Wie heißt das Viertel – und wie hießen die erwähnten Ladengeschäfte?




Kinder kämpfen für eine bessere Welt – Jürgen Jankofskys vielsprachiges Buch „Anna Hood“

Gastautor Heinrich Peuckmann stellt ein besonderes Kinderbuch vor:

Schreckliche Bilder sieht Anna im Fernsehen. Ein gekenterter Flüchtling trägt sein totes Kind aus dem Meer und legt es am Strand ab.

Anna ist nicht nur erschrocken, sie ist auch zutiefst empört. Die Welt ist ungerecht und sie, Anna, muss etwas dagegen tun. Also spendet sie all das Geld, das sie hat, doch das ist viel zu wenig.

Von ihren Klassenkameraden, die sie wegen einer Spende anspricht, macht einzig Robin mit. Und dessen Name gibt ihnen den Weg vor, den sie gehen müssen. Gab es da nicht mal einen Robin Hood, der die Reichen bestohlen und den Armen Geld gegeben hat? Klar, und so einer wollen sie auch werden.

Anna Hood nennt sich Anna jetzt und weil der richtige Robin eine Bande der „Gesetzlosen“ gegründet hatte, wollen sie das auch tun. Eine Bande, deren Mitglieder auf der ganzen Welt verstreut sind und die sich über das Internet zusammenfinden. Tolle Ideen entwickeln sie da, wie die Welt für Kinder gerechter werden könnte, ihre Phantasie kennt keine Grenzen.

Eine kleine, sehr schöne Geschichte erzählt Jürgen Jankofsky in seinem neuen Kinderbuch, aber die schönste Idee besteht darin, dass diese Geschichte nicht einmal erzählt wird, sondern neunzehn Mal, nämlich in vielen Sprachen dieser Welt. Wie Annas Bande aus Kindern rund um den Erdball besteht, so wird ihre Geschichte in vielen Sprachen erzählt: Arabisch, Armenisch, Chinesisch, Türkisch, Französisch, Englisch und… (siehe Anhang).

Es ist ein Buch, das an allen Multikulti-Orten zum Einsatz kommen müsste, auch in Schulklassen mit Schülern unterschiedlichster Herkunft. Die deutsche Fassung könnte als Ausgangspunkt dienen und dann könnten syrische, türkische oder andere Kinder ihre Geschichte, die doch dieselbe ist, dazu erzählen. Die Geschichte von Anna und Robin und von allen Kindern in der Welt, die sie gerechter und damit lebenswerter machen wollen.

Jürgen Jankofsky: „Anna Hood“. Eine Geschichte in 19 Sprachen: Arabisch, Armenisch, Bengali, Chinesisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Georgisch, Hebräisch, Hindi, Japanisch, Neugriechisch, Niederländisch, Polnisch, Portugiesisch, Russisch, Spanisch, Tigrinja-Sprache (Äthiopien, Eritrea) und Türkisch. Illustration Heike Lichtenberg. Mitteldeutscher Verlag. 236 Seiten, 9,95 €.




Familienfreuden XXV: Glitzer jucheh! Oder: Über Geschmack lässt sich streiten

Mit Geschmack ist das ja so eine Sache. Erben lässt er sich nicht, erzwingen auch nicht. Und wie ein Mensch ihn entwickelt – keine Ahnung. Gute Beispiele sind sicher nicht verkehrt. Aber Freiheit auch nicht. Es geht, kurzum, darum, dass Fi in einer akuten Glitzerphase steckt. Eine Shopping-Odyssee.

Verzückung ob größtmöglicher T-Shirt-Niedlichkeit (Bild: Albach)

Man merkt schon, ich laviere herum, wenn ich auf das Thema komme. Fi soll schließlich einen eigenen Geschmack entwickeln können. Aber ich muss auch zugeben, dass meine Toleranz bisweilen endlich ist – und ich außerdem manchmal darüber nachdenke, ob pinke Leggins, Blümchenrock und wild gestreiftes Oberteil zu Schreikrämpfen bei Passanten auf dem Bürgersteig führen könnten. Denn was die Kombination von Mustern angeht, ist unsere Tochter mehr als großzügig. Wenn sie vor ihrem Schrank steht, sind mir die Auswahlkriterien schleierhaft. Nur eine Sache kommt immer gut an: Glitzer. Und Pailletten. Von mir hat sie das nicht.

Schwerer Fehler im System

Gestern habe ich dann einen schweren Fehler begangen. Es ist nämlich eine Zeit angebrochen, in der ich nicht einfach Klamotten kaufen kann – die werden gegebenenfalls bei Missfallen komplett ignoriert. Sprich: die junge Dame von Welt sucht selbst aus. Allerdings kann die Auswahl der Läden ja zumindest eine gewisse Richtung vorgeben. Und deshalb der Ratschlag: wenn ihr eine Tochter habt, solltet ihr ab einem bestimmten Alter einen von ihr begleiteten Besuch bei einem schwedischen Modeunternehmen meiden. Hatte ich aber vergessen. Und das lief dann so ab:

Undefinierbares, großäugiges Ding

Auftritt Fiona im schwedischen Modeladen.
Erster Gang (zielsicher) auf einen Aufsteller voll mit Glitzerklimbim.
„Mama, was ist das?“ Fiona hält ein undefinierbares, plüschiges, gerolltes, großäugiges Ding in der Hand.
Ich: (kurz sprachlos):„…ein Armband????“
Fiona (holt Luft)
Ich, sofort: „Nein, das kannst Du nicht haben!“

Verneinung im Maschinengewehr-Takt 

Und so ging es weiter. Fiona hatte nacheinander einen goldenen Tüllrock, ein Hasenkleidchen mit anfassbaren Öhrchen, ein Oberteil mit SovielGlitzerwienurmöglich und Unterhosen mit Disney-Schönheiten in der Hand. Ich ratterte wie ein Maschinengewehr: Neinneinneinneinneinnein! Schließlich blieb Fi wie paralysiert vor einem T-Shirt mit einem Kätzchen im Airbrush-Stil stehen. Ein Alptraum für mich, ein Wunschtraum für sie. Hier wurde ihrerseits ein bisschen mehr investiert, um mich zum Kauf zu überreden. Erfolglos. Auch bei einem Shirt mit glubschäugigem Einhorn blieb ich hart.

Glitzerherzen als kleinstes Übel

Dann fiel mir die Sache mit dem eigenen Geschmack wieder ein. Und ich stimmte schließlich einem Oberteil mit kleinen rosafarbenen Glitzerherzen zu. Gar nicht ihre Farbe. Aber definitiv das kleinste Übel.

Endlich an der Kasse angekommen, musste ich nur noch die Frage nach einem Einhornkuscheltier und Lipgloss in Tierform überstehen. Als wir aus dem Laden eilten, hörte ich noch, wie das Mädchen hinter uns ihre Mutter mit exakt den gleichen Wünschen traktierte.
Was Fiona später wohl einmal gut finden wird?

Zuhause jedenfalls erzählten wir Normen von dem Shopping-Ausflug. Fiona schilderte das Angebot in den schönsten Farben. „Und was hat Mama dazu gesagt?“, fragte Normen. „Neinneinneinneinneinnein“, gab Fi meinen Abgesang originalgetreu wieder und kicherte.




Der schnelle Wechsel von Satz zu Satz – Anmerkungen zur Mehrsprachigkeit in Kita und Grundschule

Was diese Kinder für Sprachen können, und zwar in fließender, so gut wie muttersprachlicher Ausprägung! Beneidenswert. Ja, ich weiß, die Hintergründe sind von Fall zu Fall schmerzlich. Aber längst nicht immer. Und so manches rüttelt sich zurecht.

(Foto: Bernd Berke)

(Foto: Bernd Berke)

Um nur mal eine Grundschulklasse als Muster zu nehmen: Da spricht ein Mädchen von Haus aus Arabisch und Kurdisch, nun auch schon recht gut Deutsch, eine aus China stammende Schulfreundin begnügt sich einstweilen „nur“ mit Chinesisch und Deutsch. Arabische und chinesische Schrift natürlich inbegriffen. Ja, das alles, auf Ehr‘, können sie und noch mehr… beispielsweise auch schon ein wenig Klavier spielen.

Vielfalt im Klassenzimmer

Andere reden z. B. Spanisch und Deutsch, Russisch und Deutsch, Polnisch und Deutsch, Lettisch und Deutsch, Albanisch und Deutsch, Griechisch und Deutsch, Türkisch und Deutsch. Na, und so weiter. Anfangsgründe des Englischen kommen jeweils gerade hinzu. Und in dem Alter lernen sie spielerisch schnell, wie im Fluge. So manche Teile der Welt könnten ihnen später offenstehen, wenn denn diese Welt offenherzig und aufgeklärt wäre. Vielleicht hilft’s ja beim globalen Miteinander, dass sie schon in ganz frühen Jahren einen so vielfältigen Klassenverband hatten.

Fast noch frappierender war’s vorher in der Kita. Etwa die Hälfte der Kinder wuchs mindestens zweisprachig auf, in anderen Stadtvierteln sind es noch höhere Anteile. Zwei Schwestern konnten mit vier bzw. fünf Jahren schon Russisch, Italienisch und Deutsch. Die Mutter ist Russin, der Vater Italiener, jetzt leben sie eben hier.

Zwischen Fellini und Kaurismäki

Kleine Abschweifung: Der an gestenreiche Konversation mit lebhafter Mimik gewöhnte italienische Vater ist übrigens in Finnland, wo nach seinem Empfinden fast alles mit ziemlich unbewegter Miene gesagt wird, schier verzweifelt, er fühlte sich dort wie unter Untoten… Fellini zu Besuch bei Kaurismäki, man stelle sich vor.

Da die Eltern oft gar nicht oder längst nicht so gut Deutsch sprechen, sind inzwischen Kinder die versiertesten Dolmetscher. Ohne Zagen und Zaudern wechseln sie von der einen Sprache in die andere, je nach Situation; nach Belieben von Satz zu Satz.

Nun gut, man kann es nicht verschweigen: Besonders in „sozialen Brennpunkten“ haben manche Kinder auch arge Schwierigkeiten zwischen zwei Sprachen und beherrschen z. B. Türkisch oder Arabisch nicht mehr richtig und Deutsch noch nicht richtig.

Früher war es gänzlich anders

Früher war es grundlegend anders. Vor etlichen Jahren, in der Eingangsklasse eines Dortmunder Gymnasiums, hatten wir unter rund 30 Leuten gerade mal einen einzigen Mitschüler aus italienischer Familie, der sich schon nahezu wie ein Exot vorkommen konnte. Heute hingegen fühlt es sich beinahe schon etwas seltsam an, wenn man seinem Kind keine zweite Mutter- oder Vatersprache mitgeben kann.

Sobald Kinder in einer Phantasiesprache plappern, wär’s eigentlich höchste Zeit, ein neues Idiom zu lernen. Doch wie elend spät haben wir damals begonnen, Englisch zu lernen! Heute geht’s bereits in der Grundschule los, allererste Wörter fallen schon in der Kita.

Als man noch „Koll-Gah-Tä“ sagte

Doch, ach, damals fingen wir – im „humanistischen“ Zweig – als Zehn- oder Elfjährige erst einmal mit Latein an, mit 12 oder 13 hatten wir dann endlich auch Englisch. Überdies haben sie einem in der Schule kein alltagstaugliches Englisch beigebracht, sondern eines, mit dem man z. B. Shakespeare interpretieren sollte, also – hochtrabend gesagt – Bruchstücke einer literaturwissenschaftlichen Sondersprache.

Es waren die Jahre, in denen man mit ein paar rudimentären Englisch-Kenntnissen in Deutschland noch zur privilegierten Minderheit gehörte. Drum waren es auch die Jahre, in denen man kollektiv die Namen angloamerikanischer Produkte („Koll-Gah-Tä“) noch nach deutscher Lautung aussprach. Na, das hat sich ja dann bald gegeben. Heute sprechen so gut wie alle ein bisschen englisches Kauderwelsch – oder eben mehr.

Integration mit gewissen Hindernissen

Zurück zu den polyglotten Kindern von heute. Mit vorsichtiger Hoffnung gesagt, scheinen sich da viele Geschichten (neudeutsch: „Narrative“) von gelungener Integration zu entwickeln. Allerdings muss man schauen, wie sich das fortspinnt. Dazu zwei ganz gegenläufige Wahrnehmungen, gleichermaßen betrüblich:

Man hört von einer Neunjährigen mit muslimischen Eltern, die nebenher Arabisch-Unterricht bekommt (bei wem und mit welchen Inhalten auch immer) und ihre liberale Mutter zunehmend streng bedrängt, wenigstens Kopftuch zu tragen.

Andererseits haben sich „erzdeutsche“ Eltern aufgeregt, dass eine neue Mitschülerin aus Syrien der Klasse jeden Tag ein (!) arabisches Wort beibringen durfte, um erste kleine Erfolgserlebnisse zu haben. Da kam unter anderem die bitterlich ernste, mehr als giftige Frage auf, ob Kenntnisse im Arabischen denn etwa auch benotet würden…

 




Familienfreuden XXIV: Heiliger Geist, bitte kommen! Oder: Wie man am schnellsten Sauerländisch lernt

Pippi Langstrumpf hat es schon gesungen: „Ich mach‘ mir die Welt, Widdewidde wie sie mir gefällt…“ Vielleicht ist Fiona zumindest in dieser Hinsicht eine Nachfahrin der berühmten Seefahrerfamilie.

Eine Portion Sauerländisch. (Bild: N. Albach)

Denn Fi etwas zu erklären, ist manchmal, wie Stille Post zu spielen: Mal schauen, was am Ende rauskommt.

Da ist zum Beispiel die Sache mit Gott. „Warum“, fragte Fi mich heute, „sind Kirchen eigentlich größer als alle anderen Häuser?“ Das war noch relativ einfach zu erklären. Schwieriger wurde es schon, als sie einmal wissen wollte, wo die Engel eigentlich aufs Klo gehen in den ganzen Wolken.

Komplizierte Feiertagsgeschichten

Und noch komplizierter wird es, wenn es an Feiertage und Geschichten geht, bei denen ja selbst viele Erwachsene nicht ganz so genau wissen, wie der Ablauf nochmal war. Zum Beispiel Pfingsten. Ich mühte mich ab, Fiona etwas vom Heiligen Geist zu erklären und davon, dass er in die Jünger gefahren ist, woraufhin diese fremde Sprachen beherrschten und hinaus in die Welt zogen. Ich war einigermaßen stolz auf mich, dass ich das so zusammenklauben konnte. Und ich hatte auch den Eindruck, dass Fionas Gesicht nicht nur voller Fragezeichen war.

Vor kurzem bekam ich allerdings mit, dass sie sich ihren eigenen Reim auf die Geschichte gemacht hatte. Eine Freundin von ihr war zu Besuch – sie lebt im Sauerland. Vorher hatte ich Fi öfter gesagt, wie toll es ist, dass Mia extra hierherkommt. Vielleich ein bisschen zu oft. Und vielleicht auch ein bisschen zu sehr so, dass der Eindruck entstehen musste, dass Mia wirklich von weit weg angereist war.

Die Sache mit dem Sauerländischen

Denn als die beiden in Fionas Zimmer waren, hörte ich, wie unsere Tochter ihren Besuch fragte: „Mia, warum sprichst Du eigentlich kein Sauerländisch?“ Längeres Schweigen. Mia, ein bisschen bedrückt: „Das kann ich nicht.“ „Aber Du kommst doch aus dem Sauerland!“ „Ich kann das aber trotzdem nicht.“ Fiona überlegte kurz. Anscheinend hatte sie das Gefühl, einen wunden Punkt berührt zu haben. „Macht doch nichts“, sagte sie also aufmunternd. „Weißt Du, Du musst nur ein bisschen warten. Dann kommt der Heilige Geist. Und dann kannst Du alle Sprachen – auch Sauerländisch!“ Ich konnte bildlich vorstellen, wie Mia nickte und Fi zufrieden war. Die beiden stürzten sich auf ihre Puppen.

Ich aber habe mir vorgenommen, mir diese Geschichte zu merken. Bis Fiona zur Schule geht und an Französisch, Englisch oder irgendeiner anderen Sprache verzweifelt. Dann werde ich zu ihr sagen: „Macht doch nichts, Fi. Du musst nur ein bisschen warten…“




Fidget Spinner – über den neuesten Hype für Kinder

Manche nennen sie Fidget Spinner, andere sagen Finger-Spinner dazu. Jedenfalls scheinen die handlichen Plastikrädchen bei Kindern und Teenagern zur Zeit das „ganz große Ding“ zu sein, sprich: ein Hype mit der Halbwertzeit von ca. 4 bis 12 Wochen. Drum muss ich mich mit dem Schreiben verdammt beeilen. Sonst ist die Chose schon wieder gelaufen.

Zwei Finger-Spinner mit kunterbunter LED-Illumination. (Foto: Bernd Berke)

Zwei Finger-Spinner mit kunterbunter LED-Illumination. (Foto: Bernd Berke)

Vor allem in den letzten beiden Tagen überschlugen sich die trendhörigen Medien und der Boulevard. Angeblich schieben die (überwiegend chinesischen) Fabriken, in denen die nette Nichtigkeit entsteht, Sonderschichten bis zum Gehtnichtmehr. Die Konjunktur muss genutzt werden, solange sie noch halbwegs heiß läuft. In etlichen Läden sind diese „Gadgets“ (so plappern die, die sich als Kenner gerieren) schon ausverkauft, händeringend ersehnt man Nachschub.

Andererseits habe ich gestern schon Finger-Spinner auf einem Flohmarkt gesehen, als einstweilen noch teure Ramschware auf dem Tapeziertisch. Aufstieg und Niedergang finden hier sozusagen gleichzeitig statt. Es ist Schrott-Kapitalismus in Reinkultur. Das Kaufen und das Wegwerfen rücken immer enger zusammen.

Den Zappel-Kreisel auf der Nase balancieren

Fidget Spinner bedeutet – frei übersetzt – ungefähr „Zappel-Kreisel“. In der Mitte sitzt ein kleines Kugellager, außen herum zwei bis drei Flügel, zuweilen auch in Batman-Form und mit ähnlichem Schnickschnack ausgestattet. Angeblich kann die Beschäftigung damit stresslösend wirken und die Konzentration fördern, was keineswegs ausgemacht ist. Vielleicht ist sogar das Gegenteil richtig. Allerdings sollen die Dinger schon autistischen Kindern und solchen mit Aufmerksamkeitsdefizit (ADHS) geholfen haben. Als Hersteller würde ich dieser Behauptung bestimmt nicht widersprechen.

Und was kann man mit den bereits bei Grundschüler(inne)n so begehrten Schwirrzeugs anfangen? Eigentlich herzlich wenig! Gewiss, man kann die Flügelrädchen langsam oder schnell drehen, man kann zwei bis fünfzehn Kunststückchen damit vollführen, sie beispielsweise auf Fingern, Knien, Stirn oder Nase balancieren, während sie sich rasend schnell drehen.

Vorführ-Videos mit den besten Tricks

Inzwischen finden sich zahllose Vorführ-Videos bei YouTube und auf anderen Kanälen, mit denen geschickte Spinner-Meister mit ihren Tricks Millionen Klicks erzeugen. Sie werfen die Rädchen hinterm Rücken hoch und fangen sie mit einem geübten Dreh vorne wieder auf, ohne dass die Rotation des Spinners aufhört. Zieht man die Mittelkappe ab und schiebt einen Stift ins Loch, lässt der Spinner auch das Schreibgerät kreiseln. Man kann sich vorstellen, dass Lehrer davon nicht begeistert sind – von wegen Konzentrationssteigerung!

Falls die Spinner (in einer besonders gefragten Variante) mit kleinen, knatschbunt flackernden LED-Leuchten ausgestattet sind, stellen sich dabei auch noch Regenbogen-Effekte ein, die sich freilich furchtbar schnell verbrauchen. Es ist die pure Oberfläche, fast ohne sonderlichen Gebrauchswert. Die Materialkosten bei der Herstellung sind wohl gering, die Kaufpreise hingegen (noch) nicht. Doch wartet nur ein Weilchen… Aber erzähl‘ das mal den Sechs- bis Neunjährigen! Die „müssen“ das haben. Sofort.

Derweil sieht man Kinder darum streiten, wer zuerst damit spielen darf, wer die „coolere“ Ausführung sein Eigen nennt und welcher Spinner sich am längsten dreht. Es fehlt nicht viel, dass Freundschaften daran zerbrechen, zumindest für einen Nachmittag. Läppischer geht’s nimmer. Oder sehen wir einen an sich harmlosen Spaß mal wieder zu kulturkritisch?

Zwei US-Schüler dürften ausgesorgt haben

„Fidget“ heißt – wie bereits angedeutet – zappeln oder hampeln und lässt ahnen, wie flüchtig und unkonzentriert das Ganze vor sich gehen kann. Obwohl: Man könnte sich auch vorstellen, dass die Dreherei etwas Meditatives annimmt. „To spin“ bedeutet ja auch nicht spinnen, sondern halt drehen und trudeln. Bis zur Trance.

Wie bitte? Ja, natürlich kommt der Hype aus den USA, woher denn sonst? Seit etwa einem Monat sind die Spinner auch bei uns zu kaufen – zu Preisen von etwa zwei bis 30 Euro pro Stück. Zu bedauern ist in diesem Zusammenhang Catherine D. Hettinger. Die US-Amerikanerin hat 1997 ein ganz ähnliches Spielzeug erfunden, konnte sich aber 2005 die kostenpflichtige Patent-Verlängerung nicht leisten. Und also profitieren jetzt zwei US-Schüler davon. Wahrscheinlich haben sie auf Jahrzehnte hinaus, wenn nicht fürs ganze Leben ausgesorgt…

Fragt sich jetzt nur noch, wie es die Kids hinkriegen, Spinner und Smartphone gleichzeitig zu bedienen. Aber das schaffen die schon!

 




Konjunktur mit Fußballbildchen: Das Wunder in Tüten aus Dortmund und Unna – zur Geschichte des Bergmann-Verlags

Anno 2011 war in den Revierpassagen einmal vom heute längst vergessenen Dortmunder Pinguin-Verlag die Rede. Unser Gastautor Horst Delkus (Kamen) hat dazu noch ein paar Hintergründe und Weiterungen recherchiert. Hier sein Bericht:

Mit Autogramm: Spielerkarte des BVB-Stürmers Siggi Held, Jahrgang 1942, der zu den Europacup-Gewinnern von 1966 gehörte. (Bergmann-Verlag/Sammlung Delkus)

Mit Autogramm: Spielerkarte des BVB-Stürmers Siegfried („Siggi“) Held, Jahrgang 1942, der zu den Europacup-Gewinnern von 1966 gehörte. (Bergmann-Verlag/Sammlung Delkus)

Für uns Jungs der fünfziger und sechziger Jahre bestand das Wirtschaftswunder vor allem aus Tüten. Wundertüten. Gekauft am Kiosk – „anne Bude“ – für einen Groschen, was damals 10 Pfennig, etwa 5 Cent waren. Diese Tüten waren gefüllt mit buntem Popcorn, Karl May-Figuren, Tieren aus Afrika. Und mit bunten Fußballbildern: Mannschaften im Postkartenformat und Spielerporträts im handlichen Format von 9 mal 6 Zentimetern.

Man konnte die Bilder in Alben einkleben, die „Doppelten“ tauschen, gegen eine Hauswand „schnibbeln“ (wer seine Karte am nächsten an der Wand liegen hatte, hatte gewonnen) und mit Autogrammen veredeln. Welche Anziehungskraft diese bunten Pappbilder damals hatten, kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Denn Fußballer kannte man meist nur dem Namen nach. Oder aus dem Stadion. Bilder, zumal in Farbe, waren noch selten.

Boom mit Beginn der Bundesliga

Ihren Boom erlebten die bunten Fußball-Karten mit Beginn der der Bundesliga im Jahr 1963. Beliebt wurden vor allem die Tütenbilder aus dem Bergmann-Verlag. „Der Name Bergmann“, so der „Spiegel“, „steht wie kein anderer für die Fußballbilder der sechziger und siebziger Jahre.“

Rückseite des oben wiedergegebenen Fotos von Siegfried Held. (Bergmann-Verlag/Sammlung Delkus)

Rückseite des oben wiedergegebenen Fotos von Siegfried Held. (Bergmann-Verlag/Sammlung Delkus)

Gegründet wurde Bergmann-Verlag 1964 in Dortmund. 1967 dann die Verlegung des Unternehmenssitzes nach Unna, 1975 in die Schweiz. Seitdem gab es auch die Kooperation mit Panini, dessen Bilder und Alben bis heute zur Fußball-Fankultur gehören.

Hervorgegangen ist der Bergmann-Verlag aus einem kleinen Dortmunder Kinderbuchproduzenten, dem Pinguin-Verlag am Westenhellweg. Der stellte Bilderbücher her wie „Der Baron Fox von Kolon“, eine italienische Lizenzausgabe. „Unbeholfen gezeichnet und gleich zu Beginn sprachlich fehlerhaft“, wie der Kulturjournalist Bernd Berke an dieser Stelle, nämlich 2011 im Revierpassagen-Blog befand, zudem eine „spindeldürre Geschichte“ von einem bösen Fuchs und einem guten Hasen mit „einer windschiefen politischen Codierung“.

Gegründet hatten den Pinguin-Verlag der Unnaer Heinz Bergmann und seine aus Italien stammende Ehefrau Maria Luisa. Neben Kinderbüchern vertrieb der Verlag seit Beginn der Bundesliga Postkarten mit deren Fußballvereinen.

Böser Fuchs, guter Hase (Copyright 1963 by editrice AMZ, Milano / Pinguin-Verlag, Dortmund)

Aus dem Vorläufer-Verlag: böser Fuchs, guter Hase in „Der Baron Fox von Kolon“ (Copyright 1963 by editrice AMZ, Milano / Pinguin-Verlag, Dortmund)

1964 erfolgte die Gründung der Bergmann GmbH als Beteiligungsgesellschaft. Mit dieser GmbH als Komplementär gründete das Unternehmerpaar die Bergmann GmbH & Co.KG. Ein Jahr später gründeten sie noch eine dritte Bergmann-Gesellschaft, die Bergmann GmbH & Co.KG Fußballbild-Vertrieb, später Sportbild-Vertrieb.

Aus Pinguin wurde Bergmann

Die Herstellung und den Vertrieb von Fußball-Bildpostkarten übernahm der Bergmann- vom Pinguin Verlag zum 1. Oktober 1964, „nachdem“, heißt es in einem Schreiben an die IHK, „ein Hamburger Verlag gegen die Herausgabe dieser Karten unter dem Namen Pinguin-Verlag protestiert hatte“. Der Pinguin-Verlag hatte bereits im ersten Jahr allein mit den Postkarten einen Umsatz von etwa 100.000 DM erwirtschaftet – bei einem Verkaufspreis von 15 Pfennig.

Legendäre deutsche WM-Siegermannschaft von 1954 als Postkarte aus dem Dortmunder Pinguin-Verlag. (Pinguin-Verlag/Sammlung Delkus)

Legendäre deutsche WM-Siegermannschaft von 1954 als Postkarte aus dem Dortmunder Pinguin-Verlag. (Pinguin-Verlag/Sammlung Delkus)

Bald wurden auch größere Bilder der Bundesligavereine sowie Karten einiger prominenter Fußballspieler vom neuen Verlag hergestellt. Die Kunden des Bergmann-Verlages bestanden anfangs aus großen Waren- und Kaufhäusern, aus Buchhandlungen und Sportvereinen sowie Schreibwaren- und Sportgeschäften, die diese Postkarten und Bilder wiederum an ihre Kundschaft verkauften. Fehlende Postkarten und Bilder konnten Sammler auch direkt über den Versandhandel des Verlages erwerben. Nicht ohne Stolz schrieb Heinz Bergmann: „Wir sind der einzige vom Deutschen Fußball-Bund lizenzierte Verleger, der die farbigen Fußball-Bildkarten herstellt und vertreibt.“ Diese Lizenz stellte sich für Bergmann schon bald als eine Lizenz zum Gelddrucken heraus.

Lukrative Kooperation mit Heinerle

Unscheinbar: das ehemalige Bergmann-Verlagshaus in Unna, Hochstraße 12. (Foto: Horst Delkus)

Unscheinbar: das ehemalige Bergmann-Verlagshaus in Unna, Hochstraße 12. (Foto: Horst Delkus)

Ein weiterer Coup gelang Heinz Bergmann, als er 1965 Hugo Hein aus Bamberg, den Erfinder der Heinerle-Wundertüten, als Kommanditisten an einer seiner drei Gesellschaften, den Sportbild-Vertrieb, beteiligte. Damit war dem Bergmann-Verlag eine neue wichtige Vertriebsschiene für die Fußballbilder gesichert. Die Firma Heinerle selbst hatte bereits seit 1959 diverse Bilder als Beilage in ihren millionenfach verkauften Wundertüten abgesetzt. Mit den Bildern von Bergmann – oder umgekehrt: mit den Wundertüten von Heinerle – gelang bald der Durchbruch auf dem umkämpften Markt der Sammelbilder. Eine Win-win-Situation, wie man heute sagt.

Das erste Bundesligaalbum des Bergmann-Verlages erschien im Jahr 1965: „Bundesliga 65/66“, damals noch mit dem Kultverein Tasmania Berlin. Bis 1984/85 kam dann in jeder Bundesligasaison ein Sammelalbum für jeweils 300 bis 400 Bilder heraus. Dazu gab es Sonderauflagen zum Beispiel zu Weltmeisterschaften. Diese Sammelalben waren neben der exklusiven DFB-Lizenz an den Bildrechten und den Heinerle-Wundertüten die dritte Säule des wirtschaftlichen Erfolges des Bergmann-Verlages. Denn ein Album sollte natürlich voll und möglichst komplett werden.

Sechs VW-Busse für die Auslieferung

Zwei Jahre nach der Gründung, Ende 1966, beschloss Heinz Bergmann, seine Verlagsaktivitäten an seinen Wohnort zu verlegen, nach Unna-Königsborn. Hier wuchs der Verlag weiter, hatte Ende 1967 sechs VW-Busse für die Auslieferung und zwölf Beschäftigte.

Die Produktpalette seines Verlages erweiterte Bergmann ständig. So erschienen Fußball-Postkarten als Reklamebilder. Für Knorr-Suppen zum Beispiel, für Aral und andere. Neben den Sammelalben gab der umtriebige Verleger auch Poster von Mannschaften heraus. Seine Rechte an den bunten Fußballbildern vergab Bergmann ebenfalls an andere Verlage, die die Bilder dann in Lizenz druckten. Auch im Fußballmagazin „Kicker“ erschienen Sammelmarken für Fußballbilder aus dem Bergmann-Verlag. Bergmann schaffte es so, zum Marktführer für Fußball-Sammelbilder zu werden.

Rückseite eines Fußball-Sammelbildes von Helmut Haller - als Werbung für Knorr-Suppen. (Sammlung Delkus)

Rückseite eines Fußball-Sammelbildes von Helmut Haller – als Werbung für Knorr-Suppen. (Sammlung Delkus)

1969 gab Bergmann gar – „mit freundlicher Unterstützung der Schallplatten-Industrie“ – ein erstes Sammelalbum über Musiker heraus, die „Schlager-Star-Parade `69“. Auch diese Bilder waren für 10 Pfennig pro Tüte am Kiosk zu kaufen.

Als die Qualität nachließ

Anfang 1975 erfolgte – aus mir unbekannten Gründen – die Auflösung der Bergmann-Gesellschaften in Unna und die Verlagerung nach Fribourg in der Schweiz – nun als Bergmann AG. Dort brachte der Verlag anstelle der Kartonbilder erstmals selbstklebende Bilder heraus. „Leider“, heißt es, „ließ die Qualität der Bildmotive stark nach. Hatte man sich bis dato mit wenigen Ausnahmen auf Porträts der Spieler beschränkt, bestimmten nunmehr lieblos fotografierte Spielszenenbilder den Eindruck. Noch dazu waren sie grobkörnig und nicht selten auch unscharf.“

…und dann trat Panini auf den Plan

1979 kam es zu einer weiteren entscheidenden Veränderung: Der Bergmann-Verlag gab in diesem Jahr das erste Bundesliga Fußball-Sammelalbum in Kooperation mit Panini heraus. Vermutlich war diese Kooperation mit dem italienischen Sammelbildhersteller der Anfang vom Ende der Eigenständigkeit des Bergmann-Verlages.

Das Aus für den Bergmann-Verlag kam dann 1984. Ironie der Geschichte für einen Verlag mit schwarz-gelben Wurzeln: Nach „80 Jahre Schalke 04“, der Jubiläumsserie für ein Faltposter, kam das Ende. „Neben vielen Spielszenenbildern der Bundesliga-Begegnung „Schalke – Karlsruhe“ aus der Saison 1983/84 umfasst die Serie Spielerporträts, welche der Verlag bereits in früheren Jahren publiziert hatte.“ Danach war es vorbei mit dem Bergmann-Verlag.

Doch Fußballbilder gibt es weiterhin. Auch heute noch sammeln und tauschen viele junge (und inzwischen alte Männer) die Bilder aus Tüten. Wen wundert`s?

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Quellen- und Literaturverzeichnis:

Westfälisches Wirtschaftsarchiv WWA, Dortmund: Signatur K1 Nr. 7841-7843; K1 Nr. 13595-98
Bergmann-Sammelalben 1965 – 1984 bei www.stickerfreak.de
Berke, Bernd: „Pinguin-Verlag in Dortmund? Nie davon gehört!“ in: www.revierpassagen.de vom 29. September 2011
Giesen, Klaus: Sammelbilder in www.sammlerforen.net/showthread.php?t=1243




Packende Reisen in der Fantasie: Vor 175 Jahren wurde der erfolgreichste deutsche Autor geboren

Karl May auf einem Foto von Erwin Raupp aus dem Jahr 1904. (Foto: Karl-May-Museum, Radebeul bei Dresden

Karl May auf einem Foto von Erwin Raupp aus dem Jahr 1904. (Foto: Karl-May-Museum, Radebeul bei Dresden)

Seine Bücher sind weiter verbreitet als die jedes anderen deutschen Autors: Schätzungen sprechen von 200 Millionen in mindestens 33 Sprachen. Karl May, der arme Webersohn aus Hohenstein-Ernstthal in Sachsen, hat wie kein zweiter Generationen von jugendlichen Lesern in seinen Bann gezogen. Von Theodor Heuss bis Helmut Kohl, von Hermann Hesse bis Utta Danella reicht die Liste seiner Bewunderer.

Der Schriftsteller und Literaturfachmann Hans Wollschläger fasst in einem Satz zusammen, was Karl May ausmacht: „Er war ein Mensch, der ungezählten Millionen das Unglück erleichtert, das Glück vermehrt hat, und er war letzten Endes auch ein großer Schriftsteller.“

Wer verschlang nicht nächtens unter der Bettdecke die grünen Bände aus dem Karl-May-Verlag? Wer bebte nicht vor Spannung, wenn es der edle Winnetou (gemeinsam mit Old Shatterhand) mit den Feinden seines Volkes aufnahm? Wem stockte nicht der Atem, wenn Kara Ben Nemsi durch die Schluchten des Balkan und von Bagdad nach Stambul ritt? Wer lachte und fieberte nicht zusammen mit Hadschi Halef Omar, mit dem May 1892 seinen Durchbruch erreichte? Wer den vollen Namen des charaktervollen Dieners aus dem Wüsten-Zyklus auswendig konnte, galt als Kenner: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah.

Viel Prügel und wenig Brot

Wir eifrigen May-Leser zogen mit dem „blauroten Methusalem“ durch China, amüsierten uns über den dicken Mijnheer und das umwerfende Chinesisch des Käpt’n Turnerstick, lernten das Erzgebirge und die düsteren wie lichten Gestalten in seinen Wäldern und Tälern kennen – aber was wussten wir über den Autor? Dass er ein Hochstapler war? Ein Phantast, der seine Reisen und ihre Schauplätze erfunden hat, aber als wirklich und wahrhaftig ausgab? Ein Kleinkrimineller aus ärmlichen Verhältnissen? Ein Kolportage-Vielschreiber mit Werken ohne tieferen Sinn oder höheren Wert? All das wurde Karl May vorgeworfen. All das trifft zu, trifft aber nicht den wirklichen Karl May.

Geboren vor 175 Jahren, am 25. Februar 1842, hat Karl May eine Kindheit mit viel Prügel und wenig Brot. Der Vater erkennt seine Begabung, weiß aber nicht damit umzugehen: Der arme Weber lässt das Kind alles auswendig lernen, was er an „Bildungsgut“ erreichen kann. Karl muss sein Geld als Kegeljunge in der Gastwirtschaft verdienen; dort entdeckt er Räubergeschichten wie die von Rinaldo Rinaldini.

Als 17-jähriger Schulamtskandidat schafft er sechs Kerzen beiseite, um seiner Familie an Weihnachten ein paar Lichter mitzubringen, wird entdeckt und wegen Diebstahl entlassen. Er bekommt eine Stelle als Fachlehrer. An Weihnachten fährt er nach Hause, versäumt es, die alte Taschenuhr seines Mitbewohners wieder im gemeinsamen Zimmer aufzuhängen: Am Ersten Weihnachtstag wird er wieder verhaftet.

Wilder Westen, geheimnisvoller Orient

Skurrile Betrügereien, falsche Identitäten, Flucht nach Böhmen, Zuchthaus: Mays Karriere ist die eines Entwurzelten, den eine unsensible Justiz aus nichtigen Anlässen zum Kriminellen macht. Immerhin: In der Haft in Waldheim begegnet er dem katholischen Anstaltskatecheten Kochta, der ihm Mut macht: May beginnt zu schreiben; 1872 entstehen die ersten Publikationen. Der Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer sucht solche „Subjecte“ für seine neu gegründeten, für die breite Masse bestimmten Zeitschriften. Er heuert May 1874 an. May heiratet, hofft auf eine bürgerliche Existenz.

Fantasie, dargestellt als Wirklichkeit: Karl May als Old Shatterhand, fotografiert 1896 von Alois Schießer. Foto: Karl-May-Museum Radebeul bei Dresden

Fantasie, dargestellt als Wirklichkeit: Karl May als Old Shatterhand, fotografiert 1896 von Alois Schießer. (Foto: Karl-May-Museum, Radebeul bei Dresden)

1875 taucht erstmals Winnetou auf. In den nächsten fünf Jahren entwickelt sich May zum professionellen Schriftsteller für Unterhaltungsliteratur. Sein Figuren-Kosmos steht: Old Shatterhand, Old Firehand, Kara Ben Nemsi oder der skurrile Sam Hawkens bevölkern seinen Wilden Westen und seinen Orient.

Später sollte er diese Gegenden bereisen und bitter enttäuscht werden: Fantasie und Realität klafften allzu weit auseinander. Aber in seiner Fantasie hat May – gestützt auf weitreichende Recherchen – die exotischen Ziele seiner inneren Reisen treffend erfasst: „Bei Allah, dieser Karl Ben May hat den Orient im Hirn und Herzen mehr verstanden als ein Heer heutiger Journalisten, Orientalisten und ähnliche Idiotisten“, urteilte der syrische Schriftsteller Rafik Schami.

Empor ins Reich des Edelmenschen

Karl May lebt dennoch in seiner Welt. Realität und Fantasie auseinanderzuhalten, fällt ihm schwer. Er behauptet, Abenteuer aus seinen Büchern selbst erlebt zu haben. Die „Villa Shatterhand“ in Radebeul, 1896 gekauft, ist voll von angeblichen Souvenirs seiner Abenteuer.

Gleichzeitig wird er bekämpft und verunglimpft. Schwer trifft es ihn, als seine Vorstrafen bekannt werden. Sensationslüsterne Journalisten und bigotte Moralapostel überziehen ihn mit Polemik und Prozessen. Er gewinnt sie alle, stirbt dennoch am 30. März 1912 als gebrochener Mann – wie vor kurzem erst durch eine Untersuchung festgestellt wurde, vermutlich an den damals verbreiteten Umweltgiften Blei und Cadmium.

Der letzte Triumph des tief gläubigen Christen war ein Vortrag in Wien: „Empor ins Reich des Edelmenschen“. Inmitten einer kriegslüsternen Welt, in einem Deutschland, das sich als Kolonialmacht wenig um Menschenrechte schert, legt er ein Credo ab zum Frieden  zwischen Völkern, Rassen und Religionen und ein Bekenntnis zu einem christlich inspirierten Humanismus.

May hat diese Gedanken in seinem wenig bekannten Spätwerke „Ardistan und Dschinnistan“ entwickelt. Heute haben es seine Bücher schwer, sich gegen Fantasy und virtuelle Spielwelten zu behaupten. Der Wilde Westen oder ein exotisch eingefärbter Orient sind keine Sehnsuchtsorte für träumende junge Menschen mehr. Die Abenteuer seiner Helden wirken heute zahm und ein wenig altbacken. Dennoch: Mays psychologisch komplexe Persönlichkeit, sein erzählerischer Kosmos und seine visionären Gedanken lohnen bis heute die Lektüre.

Ausstellungen zum Geburtstag

Karl May. Collage: Karl-May-Museum Radebeul bei Dresden

Karl May. (Collage: Karl-May-Museum, Radebeul bei Dresden)

Das Andenken Karl Mays wird in zwei Museen hoch gehalten, die sich zum 175. Geburtstag des Autors mit Ausstellungen und Veranstaltungen in Position bringen. Im Karl-May-Museum in Radebeul in Mays ehemaligem Wohnhaus, der „Villa Shatterhand“, ist nicht nur sein Arbeitszimmer zu besichtigen, sondern auch jede Menge Erinnerungsstücke und Sammlungsobjekte – bis hin zu den berühmten Gewehren seiner Romanhelden, dem „Bärentöter“ oder dem „Henrystutzen“. In der „Villa Bärenfett“ ersteht der romantische Wilde Westen neu, wie ihn May beschrieben hat. Das Museum ist dabei, sich zeitgemäß weiterzuentwickeln und sucht dafür „Blutsbrüder“, die seine Visionen finanziell unterstützen.

Derzeit bietet das Museum noch bis Ende 2017 die Sonderausstellung „Verborgene Schätze – Aus dem Depot des Karl-May-Museums“. Dort sind seltene Kostbarkeiten aus nahezu allen Teilen der Erde zu sehen, die teils aus dem privaten Nachlass des Schriftstellers und seiner zweiten Ehefrau Klara stammen, teils durch den Artisten Patty Frank und weitere von Karl May begeisterte Sammler ihren Weg in die Bestände fanden – darunter eine wertvolles Lederhemd, das dem Sioux-Häuptling Red Cloud gehört haben soll.

Auch in Mays Geburtsort Ernstthal wird der Geburtstag gefeiert. Sein Geburtshaus kann besichtigt und soll demnächst durch einen modernen Service- und Ausstellungsbereich erweitert werden. Eine am Geburtstag Mays eröffnete Sonderausstellung zeigt unter dem Titel „Stehaufmännchen Winnetou – Karl May und die literarischen Adaptionen“, wie Mays Figuren von anderen Autoren weiterverwendet und –entwickelt wurden.

Schließlich zeigt noch das Haus der Stadtgeschichte in Offenbach am Main eine Jubiläums-Ausstellung: „Durch die Wüste in den Westen“ präsentiert vom 25. Februar bis zum 19. März  Zeichnungen aus dem Nachlass von Klaus Dill (1922–2000). Der Western-Zeichner illustrierte unzählige Szenen aus den Werken Karl Mays. Ausgewählte Blätter aus diesen Beständen werden mit Leihgaben aus überregionalen Karl May-Sammlungen gezeigt.




Soziale Miniaturen (17): Ich Vater. Hier. Jacke an!

Bei Playmobil ist alles ungleich idyllischer. (Foto: BB)

Im Miniatur-Kosmos von Playmobil ist alles ungleich idyllischer. (Foto: BB)

In einem Restaurant mittleren Anspruchs: Der Mann dürfte um die 30 Jahre alt sein. Er und seine Gefährtin (in dieser Reihenfolge) haben ein wenige Wochen altes Baby. Vielleicht sind sie das erste Mal wieder „draußen“ aus der vormals ungeahnten Elternschafts-Höhle. Nein, nicht „Hölle“.

Die Frau geht sehr natürlich und normal mit dem Kind um, als hätte sie es immer schon gehabt, sie macht kein Aufhebens. Doch dann erobert er die Szenerie. Er nimmt das Kind wie ein Handwerkszeug, demonstrativ fuhrwerkend. Er bleibt breitbeinig stehen und schwenkt es ausgiebig hin und her, als wollte er es allen mal so richtig zeigen. Betonter, gravitätisch ausagierter Vaterstolz. Potenzbeweis überdies.

Nun bringt die Kellnerin sein Essen, ein Pasta-Gericht. Mit ausgesprochen großspurigem Gehabe, als sei der Teller eine Baustelle, lädt er sich die Nudeln mit Begleitgedöns auf die Gabel und stopft sie – gröblich portioniert – stoßweise in sich hinein, geradezu animalisch. Auf vierschrötig eckige, buchstäblich anstößige Art. Dabei ist er kein „Proll“, sondern so ziemlich auf der Höhe des konsumierenden Zeitgeistes. Der Klischee-Tipp würde auf BWLer hinauslaufen.

Ganz egal, was er vollführt, er behält diese auffällige und unangenehme Großspurigkeit bei. In der Gestik beim Reden sowieso (er wird der Frau gewiss sagen, wo es lang geht), ja schon beim bloßen Nachsalzen; schließlich, wenn er sich einen Schal umlegt oder die Jacke überwirft. Entschieden ausgreifend und stets im Zeigemodus: Hier. Ich. Jacke an. Ihr. Hergucken. Hohooo!

Es ist das schiere Gegenteil von An-sich-Halten oder gar In-sich-Gehen. Er zieht mit den Händen stets weite Kreise um sich, beansprucht enorm viel Raum für seine geringsten Verrichtungen. Einer, der niemals eine Unsicherheit zugeben würde. Doch muss er nicht immerzu angestrengt wachsam sein?

Sie ist dermaßen anders, dass man schon den Vorschein einer baldigen Trennung zu ahnen meint. Und das Kind?

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Bisher in der losen Textreihe „Soziale Miniaturen“ erschienen:

An der Kasse (1), Kontoauszug (2), Profis (3), Sandburg (4), Eheliche Lektionen (5), Im Herrenhaus (6), Herrenrunde (7), Geschlossene Abteilung (8), Pornosammler (9), Am Friedhofstor (10), Einkaufserlebnis (11), Gewaltsamer Augenblick (12), Ein Nachruf im bleibenden Zorn (13), Klassentreffen (14), Zuckfuß (15), Peinlicher Moment (16)

 




Familienfreuden XXIII: Schnipp-schnapp, Pony ab!

Haare sind bei uns im Moment ein höchst sensibles Thema. Fiona, die lange zu den Sinead O’Connors unter den Kleinkindern gehörte und mit schöner Regelmäßigkeit in der Stadt mit „Oh, was für ein süßer Junge!“ angesprochen wurde, hält – möglicherweise auch deswegen – jetzt ziemlich viel auf ihre Langhaarmähne. Was die Frage aufwirft, wer die guten Strähnen bearbeiten darf.

Salonzauber: Fiona beim Friseur (Bild: Albach)

Normalerweise ist das Ganze ziemlich einfach: Wir kennen unseren Coiffeur schon so lange, dass er im Grunde zur Familie gehört, zumal er zum Zwecke des Haarschnitts sogar zu uns nach Hause kommt. Eine weitaus bequemere Praxis als das, was eine gute Freundin mit ihrem Sohn erleben musste: Sie hatte ihn, als er noch sehr klein war, immer schlafend zum Friseur gebracht, wo dieser auf Zehenspitzen die „Matte“ stutzte. Bis der Trick irgendwann nicht mehr funktionierte und das Kind leider wenig Zutrauen zu dem Herrn mit der Schere hatte, den er ja offiziell bis dato noch nicht kannte.

Fiona hingegen war längst mit unserem Haus- und Hof-Schneidemeister vertraut, als auch ihre Haare fallen mussten. Für sie gab es dann immer einen Riesen-Schokoladen-Cookie, für den Rest Kuchen, ein bisschen Geplaudere – und dann schnipp-schnapp, Haare ab.

Chewbaccas Verwandte

Unser Friseur war aber kürzlich krank, leider auch länger. Als wir schließlich vor Weihnachten alle aussahen wie Chewbaccas Verwandte, war der Zustand nicht mehr tragbar. Geschlossen wanderte die Familie zu einem Salon in unserer Nähe. Für Fiona eine völlig neue Welt.

Gebannt blätterte sie mit mir in den Frauenzeitschriften („Die sieht toll aus! Oh, die ist sooo schön! Ich möchte gern aussehen wie dieeee!“), bis drei sehr freundliche und auch im echten Leben sehr hübsche Haarschneiderinnen vor ihr standen (es war gerade recht leer).

Unserer Tochter wurde ein kunterbunter Kinderumhang umgeworfen, der Stuhl einen halben Meter hochgepumpt und der Sirenengesang gestartet: „Bist Du aber süß!“ flöteten die Damen. „Und sooooo schöne Haare hast Du!“ Fiona strahlte wie der Weihnachtsstern, die Friseurinnen auch. Als ihr am Ende noch eine prächtige Flechtfrisur zuteil wurde, für die ich mir die Finger verrenkt hätte, und ein Lolli in ihren Händen lag, war mir klar, was kommen würde: „Ich will immer hierhin. Immer!“ rief sie begeistert beim Verlassen des Ladens.

Ein Stück Familiengeschichte

Das Beweisfoto: Chewbaccas Verwandtschaft (Bild: Albach)

Ich muss nun einschieben, dass Fi einen Pony hat. Genau den, den mysteriöserweise ziemlich viele kleine Mädchen tragen. An dem Schnitt scheint sich auch seit Jahrzehnten nichts geändert zu haben: Ich selbst hatte als Kind genau den gleichen, dichten Vorhang über der Stirn hängen (siehe Beweisfoto). Ich kann mich nicht entsinnen, wann die Entscheidung gefallen ist, auch unsere Tochter in diese Föhnreihe einzugliedern – noch, wer sie getroffen hat. Jedenfalls waren die drei Damen vom Salon beim Schneiden des guten Stücks sehr behutsam vorgegangen. Was zur Konsequenz hatte, dass Fi schon zwei Wochen später nicht mehr allzu gut durch ihren Pony sehen konnte.

Selbst ist die Friseurin

Bei Normen und mir hingegen saß noch alles bestens. Ein Friseurbesuch zwischendurch war mir zu aufwändig. Ich kaufte also eine Haarschneideschere. Mein letzter „Selbst ist die Frau“-Versuch war allerdings nicht so gut gelaufen. Fionas Tagesmutter hatte damals sofort den Ursprung des neuen Schnitts erkannt und trocken kommentiert: „Sag Deiner Mama, nächstes Mal soll sie mit Dir zum Friseur gehen.“ Deswegen bemühte ich YouTube. Zu dritt schauten wir gebannt einer Schweizerin zu, die dank ihres Dialekts und Gemüts ein bisschen länger brauchte, bis sie zum Punkt kam. Als sie aber einen Ikea-Gefrierbeutel-Clip an ihren Pony heftete, damit er nicht schief würde, waren wir begeistert.

Fiona wurde vor den Spiegel gesetzt. Handtuch drum. Clip dran. Augen zu. Schnipp. Zitter. Schnapp. Pony ab. Blinzel. „Jaaaaaa!“, rief Fi, als sie sich sah und startete einen Freudentanz. Auch ich fiel nicht in Ohnmacht. Ich bin sogar versucht, nochmal mit Fiona bei der Tagesmutter zu klingeln.




Der Schmerz und die Wut hinter den fröhlichen „Nanas“ – Frauenbilder von Niki de Saint Phalle in Dortmund

Ihre kunterbunten, drallen und prallen „Nana“-Figuren haben die Franko-Amerikanerin Niki de Saint Phalle (1930-2002) weltberühmt gemacht. Auf den ersten Blick vermitteln die monumentalen Skulpturen ungebrochene, beinahe kindliche Fröhlichkeit und betont weibliche Lebenslust. Doch ganz so simpel verhält es sich nicht.

Selbst solche Werke sind letztlich dem Leiden und dem Schmerz abgerungen, abgetrotzt. Das verdeutlicht jetzt eine Ausstellung im Dortmunder Museum Ostwall. Es ist die erste nennenswerte Präsentation dieser Künstlerin im Ruhrgebiet. Da merkt man mal wieder, dass beileibe nicht alles in dieser Region rechtzeitig ankommt, zumal auf dem Feld der schönen Künste. Aber besser spät als nie…

Moment der Befreiung: "Pink Nude in Landscape" (Rosa Akt in Landschaft), 1959. (© Niki Charitable Art Foundation / Foto Laurent Condominas)

Moment der Befreiung: „Pink Nude in Landscape“ (Rosa Akt in Landschaft), 1959. (© Niki Charitable Art Foundation / Foto Laurent Condominas)

Rund 120 Arbeiten sind in Dortmund versammelt, es handelt sich also um eine recht ansehnliche Auswahl, die den Blick auch in die Zeiten vor und nach den „Nanas“ schweifen lässt und somit die Perspektive gehörig weitet.

Viele Leihgaben aus Hannover

Zu verdanken ist die Fülle vor allem einer Kooperation mit dem Sprengel Museum in Hannover, das eine international bedeutsame Sammlung zum Werk von Niki de Saint Phalle besitzt. Als sie dem Haus im Jahr 2000 insgesamt 363 Arbeiten schenkte (und zur Ehrenbürgerin Hannovers wurde), war Ulrich Krempel Direktor des Museums – und blieb es bis 2014. Jetzt fungiert der in Bochum aufgewachsene Krempel just als Gastkurator in Dortmund. Ihm zur Seite standen Regina Selter (kommissarische Leiterin des MO) und Karoline Sieg.

Zielscheibe für die Wut auf den Geliebten: "Martyr nécessaire" (Notwendiger Märtyrer), 1961. (© Niki Charitable Art Foundation / Courtesy Galerie GP & N Vallois, Paris / Foto André Morin)

Zielscheibe für die Wut auf den Geliebten: „Martyr nécessaire“ (Notwendiger Märtyrer), 1961. (© Niki Charitable Art Foundation / Courtesy Galerie GP & N Vallois, Paris / Foto André Morin)

Die Schau gliedert sich weitgehend chronologisch und erstreckt sich über zehn Räume. Geradezu als Ikone erweist sich das einzige erklärte Selbstporträt, das Niki de Saint Phalle jemals geschaffen hat; wobei gerade sie sich natürlich in zahllosen anderen Werkstücken mehr oder weniger direkt selbst dargestellt hat.

Schreckliches Kindheitstrauma

Das teilweise mosaikartig gefügte Selbstbildnis (1958/59) besteht u.a. aus Keramikscherben und Kaffeebohnen, letztere als brünetter Haarkranz dieser schönen Frau, die sich in jüngeren Jahren auch als Mannequin (Model) für Magazine wie Vogue und Harper’s Bazaar verdingt hatte. Doch was hilft Schönheit allein? Brüchigkeit und Zerbrechlichkeit sprechen ziemlich buchstäblich aus dieser Arbeit.

Was man wissen muss, um die überaus starken, vielfach heftig aggressiven Impulse in ihrem Lebenswerk zu verstehen: Mit 12 Jahren ist Niki de Saint Phalle von ihrem Vater missbraucht worden, die Mutter hat zu all dem geschwiegen. Hinzu kam eine rigide katholische Erziehung. Aus solchen Verhältnissen sich herauszuwinden, erfordert beinahe übermenschliche Kräfte. Wohl auch deshalb gewinnt das künstlerische Schaffen zuweilen eine menschliche Dringlichkeit, die gar an eine Louise Bourgeois gemahnt.

Zukunftshoffung

Nach Schüssen auf kirchliche und andere Symbole: "Autel noir et blanc" (Schwarzweißer Altar), Assemblage, 1962 (© Niki Charitable Art Foundation / Courtesy Galerie GP & N Vallois, Paris / Foto: André Morin)

Nach Schüssen auf kirchliche und andere Symbole: „Autel noir et blanc“ (Schwarzweißer Altar), Assemblage, 1962 (© Niki Charitable Art Foundation / Courtesy Galerie GP & N Vallois, Paris / Foto: André Morin)

Seelische Drangsal ahnt man schon in jenem familiären, noch gegenständlichen Gemälde „Das Fest“ (um 1953), welches sie und ihren damaligen Mann Harry Mathews bei einer feuchtfröhlichen Feier auf einem Kölner Rheindampfer zeigt – freilich zweisam und ängstlich-traurig in eine Bildecke gezwängt, während ihre kleine Tochter die Mitte des Bildes einnimmt und tanzend „erobert“; ganz so, als wäre sie eine frühe Vorläuferin der „Nanas“, die erst Mitte der 60er aufkommen und vordem männlich beherrschte Räume ebenso beherzt wie voluminös übernommen haben.

Da kündigt sich also, aller momentanen Verzagtheit zum Trotz, die Morgenröte einer weiblichen Zukunftshoffnung an – zu einer Zeit, in der zwar Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ (1949) schon erschienen war, man aber gemeinhin noch nicht von Feminismus gesprochen hat; geschweige denn, dass er lebensweltlich wirksam geworden wäre.

Tatsächlich hat Niki de Saint Phalle zwischenzeitlich einen Nervenzusammenbruch erlitten und musste ihr eingeengtes Leben dringend ändern. Wie sehr hat ihr dabei geholfen, sich künstlerisch ausdrücken und befreien zu können!

Einen Auf- und Ausbruch markiert das Bild „Rosa Akt in Landschaft“ (1959), das eine durchaus selbstbewusste, kreative Schöpferin mit traditionellem Musikinstrument (Lyra) inmitten einer geradezu universalen, sternenweiten Explosion zeigt. Zuvor hat die Künstlerin mit der Assemblage „Zerbrochene Teller“ (um 1958) die den Frauen damals zugedachte Häuslichkeit entschieden zertrümmert.

Auf die Bilder schießen

Zu Beginn der 60er Jahre entstehen dann jene Schießbilder („Tirs“), bei denen sie mit Gewehren auf Leinwände angelegt und diese gleichsam zum farblichen „Bluten“ gebracht hat. Mit Dart-Pfeilen wirft sie auf eine Zielscheibe, kopfartig über dem Herrenhemd ihres damaligen Liebhabers platziert. Die Wut auf ihn musste einfach `raus. Damals durften Ausstellungsbesucher mitwerfen. In Dortmund ist das nicht vorgesehen.

Frauen in verschiedenen Rollen, bedroht von männlicher Kriegsmaschinerie: "Autel des femmes" (Altar der Frauen), 1964. (Sprengel Museum, Hannover, Foto Michael Herling / © Niki Charitable Art Foundation)

Frauen in verschiedenen Rollen, bedroht von männlicher Kriegsmaschinerie: „Autel des femmes“ (Altar der Frauen), 1964. (Sprengel Museum, Hannover, Foto Michael Herling / © Niki Charitable Art Foundation)

Alsbald zielt die junge Frau generell und speziell auf bildliche Symbole der Männerwelt und der Kirche. Auch ein veritabler Anti-Altar ist aus solchem Zerstörungswerk entstanden. Dahinter mag schon die nachmalige, rabiate „68er“-Aufforderung lauern: „Macht kaputt, was euch kaputt macht.“ Nur dass hierbei ästhetische Gebilde entstehen und niemand körperlichen Schaden nimmt. Aber sage jetzt keiner, es sei eben doch weiblich-sanftmütige Kunst. Die Dortmunder Ausstellung trägt nicht von ungefähr den Titel „Ich bin eine Kämpferin“.

Positive Energie

Doch selbst Kurator Ulrich Krempel, wahrlich ein profunder Kenner ihres Werkzusammenhangs, kann an manchen Stellen nur über Beweggründe spekulieren – wie er denn auch dem Publikum nicht allzu viele deuterische Vorgaben andienen möchte. So wird auch er wohl nur mutmaßen können, wie und wann es letztlich zur „Wende“ im Werk gekommen sein mag, auf welch wundersame Weise Niki de Saint Phalle im Laufe der Jahre dermaßen viel positive Energie hat freisetzen können, welche ihre Visionen eines ersehnten Matriarchats befeuert hat.

Beherzt springende "Nana" aus bemaltem Polyesterharz, Stoff, Maschendraht und Papier: "Lily ou Tony" (Lili oder Tony), 1965 (© NIki Charitable Art Foundation / Courtesy Galerie GP & N Vallois, Paris, Foto Aurélien Mole)

Beherzt springende „Nana“ aus bemaltem Polyesterharz, Stoff, Maschendraht und Papier: „Lily ou Tony“ (Lili oder Tony), 1965 (© NIki Charitable Art Foundation / Courtesy Galerie GP & N Vallois, Paris, Foto Aurélien Mole)

Gewiss hatte es auch mit ihrer ungemein inspirierenden, wenn auch immer wieder schwankenden Beziehung zum gleichermaßen grandiosen Künstler-Kollegen und Maschinen-Poeten Jean Tinguely zu tun. Am Schluss der Dortmunder Auswahl sieht man eine Arbeit, die beide gemeinsam gefertigt haben – welch inniger Ausdruck zweier ganz verschiedener Sicht- und Schaffensweisen, die sich dennoch zu ergänzen vermochten!

Bis dahin kann man etliche Beispiele für die wechselvollen weiblichen Welten der Niki de Saint Phalle betrachten. Selbst bei einer Blitzführung ruft Kurator Krempel bereits so vielfältige Assoziationsmöglichketen auf, dass man vor manchem Bild staunend verharren möchte.

Kannibalische Mutter

Da sehen wir etwa die Frau als Gebärende, als Prostituierte, als Jungfrau oder als monströs „verschlingende Mutter“, die sich am Tisch im Café nicht nur Kuchen, sondern auch Kinder einverleibt. Das Kannibalische aber bemerkt man erst beim Näheren Hinsehen, zunächst ist einem die Figur trügerisch bunt erschienen. Überhaupt ist ja auch das Frauen- und Mutterbild bei dieser Künstlerin keineswegs ungebrochen. Wir erinnern uns ans Schweigen ihrer Mutter angesichts des ungeheuerlichen familiären Dramas.

Verschlingende Mutter: "Bon appétit" (robe mauve) (Guten Appetit, malvenfarbiges Kleid), 1980 (Sprengel Museum, Hannover, Foto Michael Herling / © Niki Charitable Art Foundation)

Verschlingende Mutter: „Bon appétit“ (robe mauve) (Guten Appetit, malvenfarbiges Kleid), 1980 (Sprengel Museum, Hannover, Foto Michael Herling / © Niki Charitable Art Foundation)

Und ja: Natürlich prangen auch ein paar „Nanas“ in Dortmund. Die größte misst immerhin über 5 Meter, eine andere scheint fröhlich von der Wand herab zu springen, mitten ins neue Leben hinein.

Bemerkenswert ist auch eine der allerersten, noch vergleichsweise unscheinbaren „Nanas“ von 1965: „Louise“ heißt sie, sie besteht auch aus Wollresten und ist in offenbar aus einem Taumeln heraus in tänzerische Bewegung geraten – immerzu vorwärts, wenn auch stets sturzgefährdet…

„Ich bin eine Kämpferin“. Frauenbilder der Niki de Saint Phalle. Museum Ostwall im Dortmunder „U“ (6. Etage). 10. Dezember 2016 bis 23. April 2017. Geöffnet Di/Mi 11-18, Do/Fr 11-20, Sa/So 11-18 Uhr, montags geschlossen. 24., 25. und 31. Dez sowie 1. Jan. geschlossen. Eintritt 9 (ermäßigt 5) Euro, Katalog 19,90 Euro. Extra-Museumsshop und reichhaltiges Begleitprogramm. Internet: www.museumostwall.dortmund.de




Wir Angsthasen und Zimperliesen: Die neue Empfindlichkeit

Sicher liegt es an dieser ordinären Currywurst in scharfer Soße, die ich gestern hemmungslos aus einer Pappschale gepickt und, jawohl, genossen habe. Ethisch nicht zu vertretende Schlachtprodukte, weiß der inzwischen omnipräsente Veganer, blockieren das Gutsein und fördern fiese Überlegungen.

Freunde, das mag sein. Jemand wie ich, der Fleisch, Fisch und tierische Segnungen wie Milch, Eier, Honig ohne Zögern zu sich nimmt, der frisst auch eure Bedenken. Mit Mayo. Es tut mir leid. Aber wann sind wir eigentlich alle so extrem empfindlich geworden? Je besser es uns geht, desto weniger können wir vertragen. Das gilt nicht nur fürs Essen, sondern auch für stickige Luft, Lärm und alles, was gegen unsere zimperlichen Gewohnheiten geht.

Illustration zu Andersens Märchen "Die Prinzessin auf der Erbse". (© Fotolia)

Illustration zu Andersens Märchen „Die Prinzessin auf der Erbse“. (© Fotolia)

„Stell dich nicht so an!“ Dieser barsche Satz gehörte in der Aufbauzeit des 20. Jahrhunderts zur Kindererziehung. Das war kein Spaß, kann ich jüngeren Lesern versichern. Wir mussten den Teller mit dem muffigen Kochfisch leeressen, bei Tisch die Klappe halten, im Stockdunklen einschlafen („Die Tür bleibt zu!“), sonntags ohne Widerspruch wandern und gruseligen alten Tanten ein Küsschen geben.

Verfeinerte Lebensart

All das wollten wir unseren eigenen Kindern nicht antun. Meine Tochter durfte sich Pommes bestellen, mit Erwachsenen plappern, nachts ihre Gänselampe anlassen und stets mit unserer Aufmerksamkeit rechnen. Auch wurde sie nie eiskalt abgeduscht, obwohl das sicher gesund ist. Keiner von uns wollte die Härte der von traumatisierenden Erlebnissen geprägten Kriegsgeneration an die Gesellschaft der Zukunft weitergeben.

Wir waren sensibel, wir wollten es sein. Für eine bessere Gesellschaft. Leider haben wir Gewalt und üble Absichten nicht aus der Welt schaffen können. Verrückte Diktatoren und hasserfüllte Fanatiker tummeln sich auch in der Gegenwart. Und was tun wir? Wir feilen wir an der eigenen Lebensart und haben sie so stark verfeinert, dass wir uns gegenseitig damit erheblich auf die Nerven gehen. Wir sind die Memmen des Alltags. Jeder Hauch von Zigarettenrauch widert uns an. Raus mit euch, ihr Qualmer!

Essen als Herausforderung

Ein gemeinsames Essen wird zu einer Herausforderung. Man muss so viel bedenken. „Kannst du eigentlich Brokkoli vertragen“, fragt mich meine Freundin Uschi, eine kreative Köchin. Nein, Süße, kann ich nicht. Auch andere gesunde Sachen wie Zwiebeln, Nüsse, Kohl und Linsen, sogar Salat sind schlecht für meine Art der Darmbeschaffenheit, um es mal vorsichtig auszudrücken. Ich hätte gern Maispoularde mit Kartoffelpüree. Und Suppe ohne Schnittlauch. Und bloß kein Körnerbrot. Lieber Baguette. Und zum Nachtisch keine Beeren. Aber gerne eine Schokoladen-Mousse.

Gut, dass meine Freundin nicht zugleich eine jener Frauen eingeladen hat, die abends keine Kohlenhydrate wollen und Zucker für pures Gift halten. Den größten Küchenstress hat Uschi, selbst eine erklärte Freundin von Gulasch und Leberkäs, in ihrem vegetarisch-kalorienarm orientierten Damenkränzchen, zu dem ich zum Glück nicht auch noch gehöre. Allerdings ist eine Allergikerin dabei, die weder Eier und Milchprodukte noch Schalentiere und Zitrusfrüchte vertragen kann – von Nüssen ganz zu schweigen.

Um es klar zu sagen: Einige Unverträglichkeiten können lebensgefährlich sein. Wer davon betroffen ist, hat keine Wahl, als auf die bedrohliche Eigenart seines Immunsystems Rücksicht zu nehmen. Aber niemand weiß genau, wie viele Menschen tatsächlich unter ernsthaften Allergien leiden. Nach Auskunft der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft zeigen etwa 27 Prozent aller deutschen Männer und 39 Prozent der Frauen in unserer (zu) gründlich geputzten Zivilisation allergische Reaktionen. Die meisten davon reagieren verschnupft auf Pollenflug, einige bekommen Bauchweh von Mehl oder Milch. Andere klagen über die Tücke der Hausstaubmilbe und lassen den Teppichboden entfernen. Nur ein glatter Boden ist ein guter Boden. Der lässt sich leicht wischen. Aber nicht mit scharfen Substanzen, davon brennen uns die Augen. Am besten nur mit Wasser.

Selbst Wasser wird zum Problem

Apropos Wasser. Selbst das harmlose Element ist ein heikles Thema für uns Empfindsame. Während in Dürre-Regionen jedes Schlammloch genutzt wird, müssen wir, was da klar aus der Leitung fließt, erst mit Magneten und Heilsteinen „lebendig“ machen, um es trinken zu können. Manche glauben, jeder Schluck Sprudel könnte ihren Bauch aufblähen und die Gesundheit ruinieren. „Mit oder ohne Kohlensäure“ ist in Lokalen inzwischen eine gängige Frage, genau wie „mit oder ohne Koffein“. Ein Luxusproblem, wie mir scheint.

So, wie wir nicht mehr einfach zu uns nehmen, was auf den Tisch kommt, kontrollieren wir stets die gewöhnlichen Bedingungen unserer Umgebung. Allem wird misstrauisch nachgefühlt. Ist es hier drin zu kalt oder zu warm? Zieht es von der Tür her? Reden die Leute zu laut? Muss ich mich umsetzen? Aber nicht an den Tisch zwischen Fenster und Spiegel! Da geht nach Feng Shui die Energie verloren.

Kein Filter für die Umweltreize

Hilfe, wir sind so empfindlich, es ist nicht auszuhalten mit uns! Tatsächlich erforscht die amerikanische Psychologin Elaine Aron (72) schon seit den 1990er-Jahren ein anschwellendes Phänomen, das sie „high sensitivity“ nennt, Hochsensibilität (HS). Bis zu 20 Prozent der Bevölkerung, sind nach Ansicht der Bestseller-Autorin („Sind Sie hochsensibel?“) von dieser Besonderheit betroffen. Das heißt, sie nehmen die Reize ihrer Umwelt intensiver wahr als der Rest der Menschheit. Geräusche, Gerüche, Farben, zufällige Berührungen können für hochsensible Naturen schier unerträglich sein. Ihnen fehlt gewissermaßen der innere Filter, mit dem robustere Naturen ihre Wahrnehmungen dämmen.

Wenn es eng wird bei der Vernissage, flieht der hochsensible Typ nach Hause. Wenn das Ferienhotel neben der Durchgangsstraße liegt, muss er sofort abreisen. Er kann das weniger Angenehme einfach nicht ausblenden – und will es auch nicht. Wie der Antiheld aus Wilhelm Genazinos Roman „Mittelmäßiges Heimweh“. Zitat: „Ich muss überlaute Menschen rechtzeitig erkennen und ihnen schnell aus dem Weg gehen. Seit Wochen schon will ich private Lärmerwartungsstudien anstellen, damit ich im Straßenverkehr nicht mehr so oft erschreckt werden kann.“ Angst und das Bedürfnis nach Kontrolle gehören auch im wirklichen Leben zusammen.

Wie die Prinzessin auf der Erbse

„So ein Quatsch“, hätte meine Mutter dazu gesagt. Wie viele Zeitgenossen hatte sie früh gelernt, die eigenen Befindlichkeiten zu ignorieren, um Nazi-Terror, Kriegsnächte, mörderische Fluchten und Hunger zu überleben. Bis zuletzt mangelte es ihr an Zartheit. Wir behüteten Nachgeborenen hingegen scheinen geradezu stolz auf unsere Empfindlichkeit zu sein. Ja, vielleicht wollen wir sogar gern die Hochsensiblen sein. Und fein wie die „Prinzessin auf der Erbse“ aus Hans-Christian Andersens kleinem Märchen. Sie erinnern sich?

Es war einmal ein Prinz, der wollte partout eine Prinzessin heiraten. Doch er traf auf seinen Reisen nur Betrügerinnen. Da ersann die alte Königin zu Hause einen unfehlbaren Test. Sie ließ die nächste Kandidatin, die ganz durchnässt am Stadttor erschienen war, in der Schlafkammer übernachten. Ganz unten auf die Bettstelle hatte sie eine Erbse gelegt und darauf zwanzig Matratzen sowie zwanzig Eiderdaunendecken gestapelt. Als die Unbekannte am nächsten Morgen klagte, dass sie überhaupt nicht schlafen konnte, weil sie auf etwas Hartem gelegen habe, da wussten alle, dass dies die richtige Braut war. Denn: „So empfindlich konnte niemand sein außer einer echten Prinzessin.“

Und? Wie zickig ist das denn? Wir sind keine Märchenprinzessinnen und sollten unsere Empfindlichkeiten auf ein angemessenes Maß reduzieren. Wie wäre es mit einer Currywurst draußen an der Ecke, wo es zieht und der Verkehr vorüberrauscht? Nur so als Übung. Na bitte: Geht doch!




Stufe für Stufe zum eigenen Schreiben: Andreas Maiers Bildungsroman „Der Kreis“

Und wieder einmal tauchen wir mit Andreas Maier („Das Zimmer“, „Das Haus“, „Die Straße“, „Der Ort“) in den kleinen Kosmos von Friedberg/Wetterau ein; so, wie er damals wohl gewesen ist, in Maiers Kindheits- und Jugendtagen.

Diesmal setzt die ruhige, ausgesprochen unaufgeregte Reflexion in der kleinen Bücherklause der Mutter ein, in der der Junge schon als Grundschüler so manche Stunden zugebracht hat, anfangs noch gar nichts recht begreifend, aber bereits lesend, lesend, lesend. So gut es eben ging.

42547Ohne Anführungszeichen geht es hier nicht: „Irgendwie“ hat die Mutter sich mit „Geistigem“ umgeben und den Vater mit erlesenen Fremdworten mit „Logie“- und „Ismus“-Anhängen gequält. Ihre Welt, die sich Jahre später als eng begrenzt erweisen wird, kreiste vor allem um „Theo Düschadeng“. Nanu? So versteht es jedenfalls der kleine Junge. Gemeint ist Teilhard de Chardin.

Wir erleben Stück für Stück und gleichsam Zeile für Zeile, wie sich derlei Nebel vor dem geheimnisvollen Geistesleben lichtet, wie immer mehr – zunächst allerkleinste – Erkenntnisse Raum greifen, wie also der Kreis (oder auch, siehe Titelbild des Buches, die Endlosschleife) des Gewussten sich nach und nach erweitert. Insofern ist „Der Kreis“ ein knapp gehaltener Bildungsroman, auf Neudeutsch könnte man von einer Coming-of-Age-Story sprechen. Die Hauptperson ist in allen Dingen erst einmal Novize.

Bei den langwierigen Bücher-Sitzungen (u. a. liest er von A bis Z das nicht allzu ambitionierte Lingen Lexikon) verbringt der Junge erhabene und entrückte Stunden, „durchwehte Stille“ wird er das später nennen. Und ja: Man kann sich einiges darunter vorstellen.

Mit unsagbaren Mühen pflegte derweil die Mutter eine offenbar lastend gewichtige Brief-Korrespondenz, in deren Zentrum der ortsansässige, veritable Büchnerpreisträger von 1946, Fritz Usinger, gestanden hat, dem seinerzeit im Städtchen nahezu gottgleiche Verehrung zuteil wurde.

Bildung, so ahnt man, hat hehre, aber mit ihrem eigenen Anwachsen auch hohle und zunehmend unfreiwillig komische Aspekte. Sie entsteht Schicht für Schicht und schließt auch permanent Abschiede von alten Gewissheiten ein.

Beginnend mit der Grundschulzeit, bewegen sich das Buch und sein Protagonist kapitelweise durch Unter-, Mittel- und Oberstufe. Als geradezu absurd empfindet es das Kind, dass ihm in der Schule jemand sagen darf, auf welcher Seite es ein Buch aufschlagen soll…

Ins Zentrum des eigenen Kultur-„Kreises“ rückt alsbald mit Macht die Rockmusik. Ausgiebig wird das erste, infernalisch laute Livekonzert beschrieben, das der 13jährige erlebt hat, der damit in eine verschworene Fangemeinschaft von Leuten geraten ist, die unentwegt von „damals“ (sprich: besseren Bands und Auftritten) reden. Auch in diesem Kreisen geht es befremdlich zu. Doch gleichzeitig lagert sich weitere Substanz an, auf die man zurückgreifen kann.

Sehr unprätentiös und doch dringlich schildert Andreas Maier die allerersten Stufen seines künstlerischen Werdegangs. Diese Literatur kommt nicht allzu „literarisch“ daher, sondern entsteht aus einer Perspektive des ganz allmählichen Reifens. Der Autor führt uns zurück in diese wunderbare Lebensphase, in der man sich so vieles produktiv anverwandeln kann.

Im Kapitel über die „Mittelstufe“ wird ein Abiturienten-Theater für die 9. Klasse erwähnt, an dem der nachmals berühmte René Pollesch beteiligt ist – auch er damals noch eine lokale Figur im offenbar staunenswerten Friedberg. Noch so ein Anstoß, der nachwirken wird.

Durch die Verliebtheit in eine Buchhändler-Tochter muss der junge Mann noch hindurch, auch durch die Beziehung zu einer deutlich älteren Frau. Wie von selbst dämmert irgendwann schließlich die Einsicht: Es sind ja Menschen wie wir alle, die (Bücher) schreiben und sonstige kulturelle Kreationen hervorbringen, sie existieren wirklich und wahrhaftig. Welch eine grundsätzliche Ermutigung für das eigene Tun!

Und heute? Schreibt Andreas Maier Bücher für den Suhrkamp-Verlag. Seit einigen Jahren schon. Eins nach dem anderen. Eines so an- und mitunter aufregend wir das andere. Man möchte diese Stimme nicht mehr missen.

Andreas Maier: „Der Kreis“. Roman. 149 Seiten. 20 €.




Ritual und Routine zu Halloween

Ganz nüchtern statistisch betrachtet, war es so: Zwischen 18 und 20 Uhr haben heute insgesamt 18 Kindergruppen bei uns geschellt und „Süßes oder Saures“ verlangt.

Die beiden größten Rudel waren 12 bzw. 10 Kinder stark, alles in allem standen da – wenn ich richtig notiert habe – 78 kleine Leute. Manche waren nur zu zweit unterwegs, zwei Kinder liefen (in Begleitung ihrer Eltern) sogar allein los. Das sah ein wenig traurig aus. Aber bitte, wer kennt die Gründe?

Ganz ohne Kürbis geht die Chose nicht... (Foto: BB)

Ganz ohne Kürbis geht die Chose nicht… (Foto: BB)

Vor Jahresfrist waren es im selben Zeitraum noch über 20 marodierende Grusel-Formationen gewesen. Manche Zeitungen würden jetzt atemlos hechelnd von einer Trendwende sprechen und solche Fragen aufwerfen: Hat „Halloween“ seinen Zenit überschritten?

Über all die kleinen Auftritte vor der Haustür ließe sich glatt eine multiple Rezension schreiben, hochnäsige Urteile über Mimik, Gestik, Sprechkultur und Choreographie inbegriffen. Doch das lassen wir lieber bleiben. Auch wollen wir nicht über einige ältere Herrschaften wettern, die sich in abgedunkelten Wohnungen verschanzen und ihre Türen verschlossen halten. Ob sie hartherzig sind? Nun ja…

Tatsache ist, dass sich nicht mehr allzu viele Kinder die Mühe machen, wenigstens noch ein gereimtes Sprüchlein aufzusagen oder ein garstiges Liedchen zu schmettern. Manche stehen gar vollends stumm da und halten nur die mitgebrachten Beutel auf. Man ist versucht, eine solche Handlungsweise phantasielos zu nennen. Aber das ist pädagogisch wahrscheinlich nicht korrekt, weil nicht ermutigend.

Eigentlich sollte der Tag, wenn er denn schon so begangen werden muss, den Kindern unter 10 vorbehalten bleiben. Die haben noch wirklichen Spaß daran. Gelangweilte Trittbrettfahrer über 14 stehen eher ratlos neben sich. Sie machen das, weil „man“ es halt macht. Aber so richtig cool finden sie es eben auch nicht mehr.

Die Kostümierungen beruhen nur selten auf Eigenschöpfungen, das Allermeiste ist fix und fertig gekauft. Alles durchkommerzialisiert? Naja, ein bisschen schon. Und nachher weiß man, wer bei welchem Discounter gewesen ist.

Durch Erfahrung gewitzt, versorgt man sich inzwischen vorab mit etlichen Süßwaren, und zwar in Packungsformen, welche sich gut auf Kindergruppen verteilen lassen; wie denn überhaupt Ritual, Routine und Gewohnheit einen Großteil der Sache ausmachen.

Übrigens sind in diesem Jahr offenbar mehr wachsame Eltern mitgegangen, wahrscheinlich, um etwaige Gruselclowns abzuschrecken, die sich leicht ins Geschehen hätten mischen können. Oder hat man sich das nur eingebildet?

Viel ungesundes Zeug füllte schließlich die Beutel, die offenbar von Jahr zu Jahr größer werden (wie auch jene für „Kamelle“ zu Karneval). Nur die Frau an der nächsten Straßenecke hat den Kindern Äpfel gegeben. Sie lebt in London und ist zu Besuch. Immer diese Sonderwege. Immer diese Insulaner…




Familienfreuden XXII: Die Auswegloslösungsmaschine

Seit ich Ma bin, wünsche ich mir manchmal eine kleine Maschine: Sie wäre so groß wie ein Smartphone, hätte ein Mikrofon und an einer Seite einen Schlitz, aus dem kleine Druckwerke kommen können.

Heiß ersehnt: Die Lösungsmaschine für Situation, in denen Eltern Ratlosigkeit packt. (Bild: Albach)

Heiß ersehnt: die Lösungsmaschine für Situationen, in denen Eltern Ratlosigkeit packt. (Bild: Albach)

Immer dann, wenn ich mal wieder in eine Situation mit Fiona geriete, bei der ich nicht weiter weiß, würde ich das Maschinchen anwerfen, es ein paar Minuten mithören lassen und schwups – käme ein feiner, kleiner Zettel heraus mit dem ultimativen Ratschlag zur Lösung des Problems. Bis dieser Wunderapparat erfunden ist, müssen Normen und ich leider weiter improvisieren.

Die armen Nackten

Das Fiese ist ja, dass solche Situationen oft ohne große Ankündigung kommen. Ok, man merkt natürlich schon, wenn Fionas Stimmung fragil ist. Was aber zum tatsächlichen Ausbruch führt, ist unkalkulierbar, völlig unlogisch.

Es war im Urlaub. Wir hatten gerade gemütlich gefrühstückt, es ruhig angehen lassen und waren nun (zu bester Mittagssonne) am Strand angekommen. Der schönste Abschnitt wurde vorrangig von FKKlern besucht und obwohl wir selbst keine Freikörperkultur-Anhänger waren, fühlten wir uns dort wohl. Fi hatte die nackten Menschen beim ersten Mal lange beobachtet und schließlich gefragt: „Mama, sind die arm?“ „Nein, wieso?“ „Weil die nichts anhaben!“ „Das finden die Menschen schön.“ „Ach so…“ Diese Irritation war also längst ausgeräumt.

Flucht bei Ankunft

Diesmal aber sah uns eine ältere Dame ankommen und stand, kaum dass wir fünf Meter von ihr entfernt unsere Strandmuschel aufgebaut hatten, auf, um sich einen Platz weit von uns entfernt auszusuchen. Möglicherweise hätte ich das als Omen begreifen sollen.

Fi verlangte einen Keks. Ich: „Wir haben gerade gefrühstückt, Du bekommst jetzt nichts Süßes.“ „Aber ich habe Hunger!“ „Dann hättest Du beim Frühstück mehr essen sollen. Ich habe Dich fünf Mal gefragt, ob Du Deinen Fruchtjoghurt aufessen willst. Hier kannst Du ein Stück Brot haben.“ „Ich will JETZT meinen Joghurt!“ „Der steht zu Hause!“ „Ich will nach Hause!“ „Wir sind gerade erst angekommen, wir fahren jetzt nicht wieder.“

Vulkanausbruch

Zack – da war es geschehen! Vulkanausbruch. Fi brüllte. Weinte. Warf sich hin. Trat um sich. Die Sandmuschel schluckte zumindest ein bisschen von dem Geschrei, so dass nicht auch alle anderen Strandbesucher aufstanden und umzogen.

Ich durchlaufe in diesen Momenten immer ein Standardprogramm, das sich in drei Phasen gliedert:

1. pädagogisch wertvolles Auftreten (Erklärungsversuche und wohlformulierte Appelle, die keiner hört außer mir).

2. Wut („Jetzt HÖR BITTE AUF!!!“ – komplett wirkungslos).

3. Mitleid. Schweigend sahen Normen und ich einige Zeit zu, wie sich unsere Tochter im Sand lautstark und erfolgreich selbst panierte. Dann sah man langsam die Rage aus ihr weichen und ein Häufchen Elend überbleiben.

Vergessen

Ich nahm sie in den Arm und fragte, ob sie vielleicht mit ins Meer wolle. Schniefend nickte sie. Wir gingen schwimmen, sie warf sich jauchzend in die Wellen. Das Unglück war vergessen.

Drei Stunden später fuhren wir zurück zu unserem Ferienhaus. Fi schlief vor Erschöpfung ein.

Als wir angekommen waren, wachte sie auf. Sie blinzelte – und sagte bestimmt: „Ich will jetzt meinen Joghurt essen!“




Familienfreuden auf Reisen: „Einmal Apfelsaft mit Wasser, aber Wasser mit!“

Zauberei! (Bild: Nadine Albach)

Zauberei! (Bild: Nadine Albach)

Ein Kind zu haben, ändert meine Sicht auf die Welt. Klingt völlig platt. Ist es aber gar nicht. Weil damit winzige Momente gemeint sind, die ich nur durch Fiona so sehe und erlebe und die einen ganz eigenen Zauber bekommen.

„Und, was möchtest Du denn trinken?“ Fiona windet sich kurz, die Kellnerin beugt sich neugierig zu ihr runter. „Einmal Apfelsaft mit Wasser, aber Wasser mit“, sagt unsere Tochter schließlich.

Ich hätte es mitsprechen können. Fi bestellt ihr Getränk immer genauso. Nie würde sie schnöde eine Apfelschorle ordern. Nie dauert ihr diese Art der Bestellung zu lang. Es ist genau das, was sie will: Einen Apfelsaft mit Wasser und das Wasser mit Kohlensäure. Herrlich. Von Zeitoptimierung und Effizienz meilenweit entfernt. Kurz überlege ich, ob ich „ein Glas Sekt, aber den Sekt mit rot und orange“ bestellen soll, sage dann aber doch „Aperol Spritz“.

Wer lernt von wem?

Trotzdem, auch wenn ich es mich nicht getraut habe, frage ich mich in solchen Momenten, wer eigentlich von wem lernt. Denn ich käme nie auf die Idee, die Seite aus dem Rätselblock herauszureißen, die eigentlich dazu gedacht war, unterschiedlich gemusterte Tassen, Kannen und Schüsseln zu sortieren, und stattdessen jedes Teil sorgsam auszuschneiden und dann auf den Frühstückstisch zu legen. Die gepunkteten für Mama, die gestrichelten für Papa und die geblümten für Fiona. Kann ein Tisch schöner gedeckt sein?

Ich gebe zu, ich bin nicht in jeder Situation für den Zauber dieser Perspektive empfänglich. Wenn ich es gerade eilig habe, will ich nicht wie ein Hund auf der Erde herumwuseln und nach dem Schlüssel bellen, der wundersamerweise in einen Knochen transformiert wurde.

Ein Zauberreich

Aber jetzt gerade sind wir im Urlaub. Und deshalb darf sich alles um uns herum in ein Zauberreich verwandeln. Während die anderen Besucher des Freiluftmuseums staunend und eher schweigend die Wege abgelaufen sind, rennen Normen und ich Staub aufwirbelnd hinter Fiona her, spielen fangen und verstecken uns hinter in Würde und voller Spinnweben gealterten Gebäuden. Unsere Tochter können wir gerade noch davon abhalten, sich in die strohgedeckten historischen Schlafstätten zu werfen. Und ohne Frage schmeckt der friesische Klüntje-Tee hinterher besonders gut, sobald der Saft einer anderweitig entwendeten Orangenscheibe in ihn hineingedrückt ist. Das Leben ist ein Abenteuerspielplatz!

Irgendwann übermannt Fiona ob all der Ideen und fantastischen Möglichkeiten der Schlaf. Sie sackt im Fahrradkindersitz zusammen, der Kopf gondelt gefährlich nach rechts und links, an Erwachen ist auch beim Hinauszerren und in die Wohnung tragen nicht zu denken. Eine Stunde komatöser Schlaf. Dann Erwachen mit erberstend schlechter Laune. Tanzen, Geschichten erzählen, kitzeln – alles doof. Bis der Blick wieder auf den Rätselblock fällt und diesmal auf eine Seite mit verschiedenen Tieren. Eine halbe Stunde später verlassen wir das Feriendomizil. Jeder von uns nennt nun einen bunt angemalten Hund sein eigen, der einen Bindfaden um den Hals gebunden hat. Wir gehen jetzt Gassi mit unserem neuen Familienzuwachs. Was denn sonst?




Die Schulzeit als Geisterbahn – ein paar skizzenhafte Erinnerungen

Vor wenigen Tagen hat unser Gastautor Heinrich Peuckmann an dieser Stelle einige prägende Begegnungen aus seiner Schulzeit skizziert. Lauter kultivierte Lehrer haben sich demnach in Kamen und Unna die Klinke in die Hand gegeben. Das klang – wenigstens im Rückblick – alles sehr zielgerichtet und schicksalhaft vorherbestimmt; ganz so, als hätte es gar nicht anders kommen können, als dass Peuckmann selbst zum Lehrer und Schriftsteller wurde.

Nur als Beispiel fotografiert: ein altehrwürdiges Lehrinstitut - im Osten der Republik. (Foto: Bernd Berke)

Nur als Beispiel fotografiert: eine altehrwürdige Lehrstätte – weit im Osten der Republik; also keineswegs das im Revier liegende Institut, von dem im Text die Rede ist. (Foto: Bernd Berke)

Heinrich Peuckmann hat offenbar großes Glück gehabt. Ich glaube, dass nicht viele aus unserer Generation so gut und günstig über ihre Schuljahre sprechen können. Meistenteils war es doch ein Kreuz mit der Penne. Wir reden hier übrigens vornehmlich von den 60er Jahren. Die Grundschule und ein späteres Gymnasium in Bonn lasse ich mal beiseite, damit es halbwegs übersichtlich bleibt.

Angebliches „Elite-Gymnasium“

In medias res: Unser Institut galt innerhalb Dortmunds als „Elite-Gymnasium“. Zumindest sahen die Herrschaften des Lehrkörpers sich selbst gern so. Das Einzugsgebiet erstreckte sich bis weit in den schon damals „feineren“ Süden der Stadt. Koedukation war leider noch ein Fremdwort, also muss man es so sagen: Da gab’s schon einige Söhnchen aus begüterten Familien.

Mit solch einem gediegenen Hintergrund konnten ich (und etliche andere) nicht dienen. Ich bin im seinerzeit kleinbürgerlichen Kreuzviertel aufgewachsen, das erst sehr viel später schick und studentisch alternativ wurde. Meine Mutter war unter den Eltern der ganzen Klasse die einzige Frau, die arbeiten ging – ein Umstand, über den manche Lehrer die Nasen gerümpft haben. So beschränkt waren die Zeiten.

Wissensvermittlung Nebensache

Bert Brecht war es wohl, der sinngemäß geschrieben hat, Aufgabe eines Lehrers sei nicht so sehr die Wissensvermittlung. Vielmehr müsse sich der Pädagoge vor der Klasse möglichst schrankenlos ausleben, auf dass die Schüler verschiedene Menschentypen bis auf den Grund kennen lernten. In diesem Befund waltet Weisheit, die unter gewandelten Vorzeichen vielleicht heute noch gilt.

Anders als bei Heinrich Peuckmann, saßen bei uns neben- oder hauptberufliche Schriftsteller schon mal gleich gar nicht im Kollegium. Die Deutschlehrer mochten sich daheim in stillen Stunden von Herzen für Schiller, Hölderlin oder Rilke begeistern, wirklich gespürt haben wir derlei Leidenschaft nur in sehr seltenen Momenten. Wenn überhaupt.

Ach, Hubertus…

Eine recht junge Lehrerin, gerade dem Referendariat entronnen, besprach mit uns immerhin auch Lyrik von Enzensberger und Celan oder seinerzeit virulente Romane von Grass und Max Frisch. Damals beileibe keine Selbstverständlichkeit.

Freilich blieb auch sie der rein textimmanenten Interpretation jener Jahre verhaftet. Wenn wir über Klassenarbeiten brüteten, las sie am Pult geradezu demonstrativ die stocksolide und erzkonservative Frankfurter Allgemeine Zeitung, mutmaßlich vor allem Feuilleton-Riemen von Friedrich Sieburg oder Benno von Wiese. Ihr persönlicher Primus war ein Mitschüler mit Adelsnamen, welchen sie geradezu andächtig hauchte. Ach, Hubertus…

Als Geschichtslehrerin ließ sie am liebsten allerlei Jahreszahlen auswendig lernen. Gern hielt sie sich in frühen Epochen auf, weit von der garstigen Zeitgeschichte entfernt.

Käuze und Sonderlinge

Um schöne Nebensachen nur kurz zu streifen: Die Musiklehrer lebten auf ihrem eigenen Stern, sie waren vergleichsweise in Ordnung. Einer versuchte gar kurz, die Beatles zu thematisieren. Doch er drang damit nicht zu uns durch. Auf dem Gebiet mochten wir uns erst recht nicht von der Schule einfangen lassen.

Die beiden Bio-Lehrer waren eher groteske Käuze, irgendwie rührend in ihr Fachgebiet vernarrt. Harmlos also. Aber auch nicht allzu lehrreich. Später kam Chemie hinzu – bei einem veritablen Schleifer. Von Physik wollen wir schweigen und allenfalls andeutungsweise das Bild von der schiefen Ebene bemühen. Der Französischlehrer war eine Witzfigur, von keinerlei subtilem Geist angekränkelt.

Ostpreußische Orte suchen

Andere aber waren schlimmer. Ein froschhafter Fettmops von Mathepauker, der uns aus unerfindlichen Gründen auch in Sport quälen und trimmen durfte, krähte gern mal Sprüche wie „Häää, wer nich Schwimm‘-kann-kann-auch-keine-Mattmattik!“ Tatsächlich hatten die schlechten Schwimmer in Mathe von vornherein schlechtere Karten bei ihm. Erklären konnte er eh nix, nur abfragen und Urteile fällen. Danach suchte uns ein notorischer Säufer heim, der (im Krieg?) seinen Daumen verloren hatte und trotzdem gerade mit den Fingern jener Hand unverdrossen zählen wollte. Das Kichern zu vermeiden, glich einer Herkulesaufgabe.

Doch andere waren schlimmer. In Erdkunde hatten wir zunächst einen üblen Revanchisten, der aus Ostpreußen stammte, uns folglich immer wieder an der Landkarte der Ostgebiete strammstehen und Orte suchen ließ. Wehe, wenn man sie nicht fand… Wie? Ach ja, natürlich hat er uns vorgemacht, wie es im Schützengraben gewesen ist, als es gegen den Iwan ging. Ratatatata.

Mit der Faust ins Gesicht

Doch andere waren noch schlimmer: Der Lateinlehrer, ein Schmierlapp, der sich elend leutselig geben konnte und seinen Lieblingsschülern sogar schon mal zärtlich über den Kopf strich, konnte andererseits brutal mit der Faust zuschlagen – mitten ins Gesicht. Wenn man daran denkt, spürt man heute noch ein knotiges Unwohlsein in der Magengegend – und könnte ihm seinerseits die Fresse polieren. Warum soll ich’s vornehmer sagen? Und der Kerl hat nebenher auch noch katholische Religion gegeben. Ausgerechnet.

Gewaltausübung durch Lehrer war damals bei einigen Gestalten überhaupt an der Tagesordnung, heute müssten sich die Herren dafür hochnotpeinlich verantworten. Selbst ein Kunstlehrer (!) hatte eine üble Methode, uns heftig an den Ohren zu ziehen und selbige schmerzhaft zu zwirbeln. Möge er in Hieronymus Boschs Welten getriezt werden.

„Tack, tack, tack“ – „Werd‘ doch Friseur“

Ins Englische wurden wir gerade mal leidlich eingeführt – von einem drahtigen Schönling, der zu Zeiten der ersten Bond-Filme wie 007 Sean Connery aussah. Drum war auch der Sportunterricht seine eigentliche Domäne. Wollte er, dass wir uns beeilen, hackte er im militärischen Rhythmus mit seinem Schlüsselbund auf den Lehrertisch und rief dazu „Tack-Tack-Tack!“ In der Mittelstufe kam dann ein richtiger Englischlehrer, der über seinen Vorläufer mitleidig lächelte und sein geballtes promoviertes Wissen auf uns losließ. Er nötigte denn doch Respekt (und Furcht) ab, dachte zudem ausgesprochen elitär. Wer schlecht abschnitt, dem riet er unumwunden: „Werd‘ doch Friseur!“

Schäbige Rache der Pubertierenden

Nach all dem war es eigentlich kein Wunder, dass wir uns als Pubertierende für erlittene Unbill gerächt haben – bei den schwachen Figuren. So haben wir einen schwer zuckerkranken Erdkunde-Lehrer, der körperlich nur noch ein bedauernswerter Hänfling auf spindeldürren Beinchen war, bis zur Weißglut gereizt. Für diese feige Infamie schäme ich mich bis heute. Und nicht nur mir geht es so.

Noch immer frage ich mich, worauf eine solche Schullaufbahn (nein: Geisterbahn) eigentlich hinauslaufen sollte. Gewiss, wir haben ein paar Fakten, Formeln und Vokabeln gelernt. Doch von all dem Stoff konnte man später im Beruf ca. 95 Prozent getrost vergessen. „Non scholae, sed vitae discimus“ (Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir) war einer der lächerlichsten Sätze, die uns je untergekommen sind.




Rückblick auf einen Lebenslauf, der schon in der Schulzeit auf Literatur hindeutete

Unser Gastautor, der Schriftsteller Heinrich Peuckmann, über menschlich und literarisch prägende Begegnungen in seiner Schüler- und Studentenzeit:

Meinen ersten Lehrer habe ich geliebt. Noch bis zu seinem Tode hatte ich brieflich Kontakt mit ihm, denn er war inzwischen nach England verzogen und hatte dort noch einmal geheiratet.

Der Autor Heinrich Peuckmann (Bild: privat)

Der Autor Heinrich Peuckmann (Bild: Homepage www.heinrich-peuckmann,de / privat)

Als es zu seinem 80. Geburtstag einen Empfang in der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei gab, ließ er auch mich einladen und wir hatten unser letztes Gespräch. Er erzählte mir, was er im letzten Jahr von mir gelesen hatte, wir witzelten dabei wie immer. Am Ende wollte er wissen, was unsere gemeinsamen Freunde machten, vor allem mein Autorenkollege Horst Hensel.

Grundschüler beim späteren Kultusminister

Jürgen Girgensohn hieß er, der das kleine I-Männchen Heinzchen Peuckmann 1956 an der Kamener Falkschule in seine Schullaufbahn einwies, der vor allem später, als ich Lehrer wurde, als Kultusminister mein oberster Chef war.

Wenn der Minister Girgensohn meine Schule besuchte, stand meinem Schulleiter der Angstschweiß auf der Stirn, ich dagegen freute mich. Es kam ja mein alter Lehrer und wir hatten immer etwas zu bereden. „Na, du Schlingel!“, rief er mir einmal zur Überraschung meines Schulleiters zu, als er mich auf dem Flur unserer Schule entdeckte. Es war ein guter, kreativer Schulanfang mit ihm, der sich auch so fortsetzte.

Verbindungen zu Hüsch und von Manger

Mein Lehrer im zweiten Schuljahr hieß Wolfgang Bär, und der war nun ein halber Künstler. Neben dem Unterricht baute er die Kamener Volkshochschule auf und gestaltete das Kulturprogramm der Stadt mit, in dem tatsächlich Hanns Dieter Hüsch seine ersten Auftritte hatte. Bevor er als Kabarettist seine großen Erfolge feierte, war Hüsch schon in Kamen gewesen.

Später entdeckte und förderte Bär auch noch Jürgen von Manger, schied für ihn sogar aus dem Schuldienst aus und wurde dessen Manager. Auf manchen Schallplatten, die von Manger veröffentlichte, ist als Ansprechpartner, etwa in „Die Fahrschulprüfung“ auch mein alter Lehrer Wolfgang Bär als Prüfer zu hören. Er war meine erste Begegnung mit einem Lehrer, der literarische Neigungen hatte, wenn auch nicht so ausgeprägte, dass es zu einem eigenen Werk gereicht hätte.

Die Aufsatzmappe des Rektors

Danach übernahm Rektor Ballhausen meine Klasse und es war mit dem Künstlerischen, so schien es mir, endgültig vorbei. Ballhausen war eher der strenge, preußische Lehrertyp mit grauem Anzug und Fliege. Wenn jemand zu laut in der Klasse war, winkte er ihn mit langem Finger aus der Bank, dann ging es in sein Rektorzimmer und es gab drei Schläge mit dem Rohrstock auf den Hintern.

Hans Ballhausen hatte die Eigenart, dass er sich Aufsätze seiner Schüler, die er für gelungen hielt, in eine schwarze Kladde eintragen ließ. „Dann habe ich etwas für meine Pensionszeit“, erklärte er. „Ich kann dann, wenn ich an euch denken will, eure schönen Aufsätze lesen.“

Alle wollten sich gerne in diese Mappe eintragen, alle wollten sich dadurch auszeichnen, auch ich. Aber meine Aufsätze fand er erst ganz zum Schluss für würdig, in seine Mappe eingetragen zu werden, vorher hat er mich nie berücksichtigt. Alle durften sich eintragen und waren entsprechend stolz darauf, ich durfte es nicht.

Oft bin ich später bei Schullesungen von Schülern (vor allem der Grundschule) gefragt worden, warum ich Schriftsteller geworden sei. Ich habe dann immer geantwortet, dass ich es so genau auch nicht erklären könnte, und dass ich es eigentlich gar nicht hätte werden dürfen. Mein Volksschullehrer jedenfalls hätte mich nicht verstanden. „Wahrscheinlich“, habe ich manchmal hinzugefügt, „hat dieser Lehrer nie einen Schüler unterrichtet, der später Schriftsteller wurde. Den einzigen, den er je hatte, hat er nicht verstanden.“

Es war eine Erklärung, bei der ich gut wegkam, die aber den entscheidenden Fehler hatte, dass sie nicht stimmte. Hans Ballhausen war, wie ich sehr viel später in einem westfälischen Autorenverzeichnis feststellte, selber Schriftsteller. Vor allem mit der westfälischen Schriftstellerin Margarete Windthorst, einer Autorin mit deutlich katholischem Anspruch, die 1946 den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis bekam (die sie denn auch neben Kleist als ihr Leitbild angesehen hat), hat er sich ausführlich beschäftigt. Ballhausen gilt als ihr Biograph in ihrer mittleren Lebensphase.

Tradition der Short Story

Zusätzlich gab er Anthologien zur Arbeiterliteratur heraus, ein Thema, mit dem auch ich mich später (zu) lange im „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ beschäftigt habe. „Wir Werkleute all. Ein Querschnitt durch die soziale Dichtung nach der Jahrhundertwende“, hieß eine dieser Anthologien. Ein anderer Buchtitel lautet „Mutter Erde. Gedichte“. Es sieht ein bisschen so aus, als würde es unheilvoll raunen in seinen Büchern, aber das tut es nicht. Es ist das christliche, nicht das Nazi-Weltbild, das durchschimmert und das ihn wohl zu Margarete Windthorst hingezogen hat, die wegen ihrer christlichen Botschaft von den Nazis aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen wurde.

Ich war überrascht, als ich es später, sehr viel später erfuhr. Es war also nicht so, dass Ballhausen einen heranwachsenden Schriftsteller missverstanden hätte, weil er keine Ahnung von künstlerischer Arbeit gehabt hatte. Nein, er war selber ein Schriftsteller gewesen und hatte eine andere Autorin selbstlos gefördert.

Vielleicht, denke ich heute, war wirklich nicht viel dran an meinen ersten Aufsätzen. Vielleicht hatte Ballhausen recht und nicht ich. Er liebte es, das fiel mir wieder ein, wenn Aufsätze unmittelbar begannen, ohne lange Einleitung. Er folgte darin, so kommt es mir im Rückblick vor, der amerikanischen Short Story, während ich vermutlich brav jeden Aufsatz mit einer klaren Einleitung in Zeit, Ort und Handlung begonnen habe, die ich heute selbst bei meinen Schülern bekämpfe: „Es war an einem schönen Sonntagmorgen, als mein Vater die Fahrräder aus dem Keller holte …“

Man weiß, wie solche Aufsätze enden: im Regen am Sonntagnachmittag unter einem Baum stehend. Meine erste Begegnung mit einem Lehrer, der gleichzeitig Schriftsteller war, verlief also gar nicht glücklich.

Als Arbeiterkind nicht zum Gymnasium

Dazu passt auch das Ende unserer Begegnung, denn als es darum ging, welche Schule ich nach der vierten Klasse besuchen sollte, war Ballhausen gegen einen Wechsel zum Gymnasium. Arbeiterkinder (mein Vater war Bergmann) hätten am Gymnasium erfahrungsgemäß Probleme mit dem Englischunterricht. Nein, ich sollte besser zur Realschule wechseln.

Gertrud Bäumer, die große Pädagogin, hat ein paar Jahrzehnte vorher in Kamen unterrichtet und sie schreibt in einem ihrem Bücher sehr liebevoll, aber auch erschreckt über die Bergarbeiterkinder, die sie damals unterrichten musste. Wie mager sie waren, wie ärmlich gekleidet, wie fernab von jeglicher Bildung. Zu meiner Zeit hatte sich daran sicher einiges geändert, wenn auch nicht alles.

Natürlich trug ich, wie meine Mitschüler auch, gestopfte oder geflickte Kleidung, ein paar Mal musste ich sogar Pullover meiner Schwester auftragen, die meine Mutter „schick“ fand. Und unsere Sprache war deftig, mindestens gewöhnungsbedürftig: „Wo wohnst du?“ „Anne Ecke vonne Nordenmauer.“ „Wie heißt das?“ „Auffe Ecke anne Nordenmauer.“ (Originalton Klassenkamerad). Vielleicht war es das, was uns Schüler und speziell auch mich von Ballhausen trennte. Einer sittsam-katholischen Wohlanständigkeit entsprachen wir sicher nicht.

Das Wort eines Rektors galt damals noch etwas, jedenfalls in einer Arbeiterfamilie wie meiner, also wechselte ich zur Realschule Oberaden, wo ich – ein kleiner Trost – wieder auf Girgensohn traf, der sich inzwischen vom Volksschullehrer zum Realschullehrer fortgebildet hatte.

Bloß keine Verwaltungslaufbahn

Aber als ich dort immer öfter den Satz hörte: „Wenn ihr später mal bei einer Verwaltung arbeitet“, die klassische Realschullaufbahn damals, wusste ich, dass ich von dort weg musste. Verwaltung, darunter stellte ich mir dunkle Räume vor mit verstaubten Akten und mit Ärmelschonern womöglich, die ich tragen müsste.

Dabei war ich der ersten dunklen Alternative ja schon fast entkommen, einem Leben als Bergmann nämlich, das alle meine früheren Klassenkameraden erwartete, deren Väter Bergleute waren. Sich aus diesem Kreislauf herauszuarbeiten war damals fast unmöglich. Immerhin, mit der Realschule hatte ich den ersten Schritt dazu getan, jetzt wollte ich auch den nächsten tun. Weg von der Realschule, weg von der Aussicht, Bürokrat zu werden.

Ich machte die Aufnahmeprüfung am Aufbaugymnasium in Unna, bestand und wechselte mit einem anderen Klassenkameraden nach vier Jahren Realschule dorthin. In der neue Klasse wartete Gerd Puls auf mich, Kamener Schriftsteller, der schöne Gedichte und Erzählungen geschrieben hat.

Mit Dieter Pfaff in einer Klasse

Dieter Pfaff kam später hinzu, den ich von allen meinen Klassenkameraden, trotz seines Todes vor drei Jahren, bis heute am häufigsten sehe, nämlich mindestens einmal in der Woche im Fernsehen in allen möglichen Rollen, die bei ihm immer durch eines verbunden sind. Durch eine tiefe Menschlichkeit nämlich, die mich an sein, besser an unser damaliges politisches Engagement für eine humane Gesellschaft erinnert. Dieter ist sich auf seine Weise treu geblieben, vor allem hat er seinen damaligen Plan, Schauspieler zu werden, mit großem Erfolg umgesetzt.

Außerdem traf ich auf den zweiten Lehrer, der gleichzeitig Schriftsteller war, auf den Deutschlehrer Rudolf Schlabach, dessen Höspiele wir abends im WDR hörten und über die wir am nächsten Morgen in der Deutschstunde diskutierten.

Schon wieder ein Schriftsteller als Lehrer

„Herr Schlabach, warum haben Sie die eine Figur so und jene anders gestaltet? Warum haben Sie die eine Szene vorgezogen und die andere nachgestellt?“ Es waren Fragen zum Inhalt, aber auch zur Form, die uns in den Diskussionen bewegten und bei denen ich eines für meine spätere literarische Arbeit lernte: Literatur hat eine dezidiert handwerkliche Seite, es gibt keine feststehenden Regeln, man kann so oder auch anders machen. Wie es richtig ist, das ergibt sich immer neu aus dem Inhalt.

In diesem Sinne besprachen wir nicht nur Schlabachs Hörspiele, mit diesen Fragen gingen wir auch an die Literatur heran, die wir nach dem Lehrplan lesen musste: Kleist, Schiller, Fontane. Es waren anregende, kreative Deutschstunden, die wir erlebten und die nicht nur mich beeinflussten. „Schlabach war ganz wichtig für mich“, hat mir Dieter Pfaff später bestätigt, und er hat ihn auch angerufen, nachdem ich ihm dessen Telefonnummer gegeben habe und hat es ihm gesagt.

Schlabach hat später an der bekannten Hörspielreihe „Papa, Charly hat gesagt …“ teilgenommen, deren beste Texte in gleich mehreren Anthologien bei Rowohlt erschienen sind. Schlabach war an allen beteiligt. Er hat zudem einen Band mit dramatischen Texten veröffentlicht („Glänzende Aussichten“, Asso-Verlag Oberhausen) und den Roman „Die Bauweise von Paradiesen“. In Hude, wo er inzwischen, alt geworden, lebt, schreibt Schlabach weiter, aber es fällt ihm zunehmend schwer, in Verlagen unterzukommen. Ich versuche, ihm den einen oder anderen Tipp zu geben, denn die Verbindung ist nie abgerissen.

An der Ruhr-Uni bei Gerhard Mensching

An der Universität Bochum, im Nachhinein wundere ich mich nicht mehr darüber, traf ich auf dieselbe Konstellation: auf den Uni-Dozenten, der Schriftsteller war. Diesmal war es Gerhard Mensching, der nebenbei eine Puppenbühne betrieb, die Stücke dafür selber schrieb und zusammen mit seiner Frau auf Tournee ging. Eine Zeitlang war er sogar Präsident des deutschen Puppenspielerverbandes. „Lemmy und die Schmöker“ hieß seine Fernsehserie, die auf witzige Weise für Lesekultur bei Kindern warb. Etwas, das heute noch wichtiger wäre als damals, aber leider im Fernsehen der Doku-Soups keine Chance mehr hat.

Mensching lernte ich in seinem Seminar über Kafka kennen. Wir untersuchten Kafkas Erzählung „Beschreibung eines Kampfes“, zu der Kafka zwei Fassungen geschrieben hatte, untersuchten beide Abschnitt für Abschnitt in Form von Referaten, um herauszufinden, wie und warum Kafka die Überarbeitung vorgenommen hatte. Wir wurden auf diese Weise gut in genaue Textarbeit eingeführt.

Der Sohn des Stahl-Managers

Als ich zusammen mit einem Kommilitonen einen Abschnitt untersuchen sollte, haben wir beide den Ansatz des Seminars komplett über Bord geworfen. Es war ein guter Student, mit dem ich zufällig kombiniert worden war, sein Vater gehörte zum Management eines großen Stahlkonzerns und ich musste, wenn ich ihn anrufen wollte, mich über die Zentrale des Konzerns verbinden lassen. Ein Mann mit einer ganz anderen Sozialisation also, wie ich feststellte. Einmal in der Woche ging er zur schlagenden Verbindung, etwas, das in der Zeit der Studentenrevolte verpönt war und das auch er selbst kritisch beurteilte. Aber sein Vater verlangte es von ihm und solange er hinging, bekam er von ihm jede Unterstützung. Im Übrigen war er Marxist, also Materialist, und er konnte nicht verstehen, dass jemand wie ich Theologie studierte, also, in philosophischen Kategorien gedacht, Idealist war.

So diskutierten wir bei unseren Treffen zuerst stets über Feuerbach, Marx und die Bibel, dann gingen wir an die Textarbeit und fanden schnell heraus, dass beide Fassungen von Kafka so unterschiedlich waren, dass man nicht mehr von zwei Fassungen sprechen konnte, sondern dass es zwei unterschiedliche Erzählungen waren. Wir entwickelten Strukturbilder zu den Erzählungen, zeigten auf, welche Punkte in der zweiten Fassung deutlich ausgebaut waren und wie diese neue Schwerpunktsetzung die inhaltliche Aussage grundlegend veränderte.

Als wir vor Mensching das Referat vortrugen, musste ich den größten Teil übernehmen, mein Mitstreiter, der die besten Ideen beigesteuert hatte (schade, dass ich seine Spur verloren habe!) hatte am Abend vorher ein Verbindungstreffen gehabt und stand mit geröteten Augen neben mir. Ich weiß noch, wie Mensching immer erstaunter auf unser Strukturschema blickte, wie er schließlich begann, den Kopf zu schütteln und sagte: „Jetzt müsste unser Seminar neu beginnen. Das ist der Ansatz, nach dem wir eigentlich gesucht haben.“

Von nun an war ich in allen seinen Seminaren ein gern gesehener Student, immer ging es dabei um die Machart von Literatur, um einen ebenso textkritischen wie kreativen Ansatz, für den Mensching unter den Germanistikprofessoren und Dozenten offen oder versteckt kritisiert wurde. Sie wollten über Literatur forschen, dass einer der Ihren selber Literatur schreiben wollte und schrieb, ging ihnen nicht in den Sinn.

Folgenreiche Schreibseminare

Mensching richtete Schreibseminare an der Uni ein, ich weiß nicht, wie viele Studenten, die später Autoren und Journalisten wurden, durch diese Schule gingen. Einmal haben wir bei ihm das Strukturschema eines guten Unterhaltungsromans entworfen. Ein richtiges Rezept für einen solchen Roman haben wir entwickelt. Natürlich musste es ein politisches Thema sein, das gestaltet werden sollte, so etwas passte nicht nur zur 68er-Zeit, das passte auch zu Mensching. Mit Unterhaltung die Menschen aufzuklären, ein wunderbarer Gedanke, von dem wir heute so weit entfernt sind wie nie zuvor.

Am Romananfang, so entwickelten wir, musste eine kriminalistische Szene stehen, in der die Hauptfigur als Opfer vorgestellt wurde, dann musste die Gegenposition dargestellt werden, die aber noch nicht den Täter zeigte, dann sollte etwas Erotisches folgen, so etwas trug immer gut zur Unterhaltung bei, dann musste der eigentliche Täter vorgestellt worden. Es war ein richtiges Drehbuch für einen politischen Unterhaltungsroman, das ich leider danach verloren habe. Aber Mensching hatte es nicht verloren, wie ich viele Jahre später feststellen wollte.

Natürlich machte ich bei ihm Examen, natürlich durfte ich in meiner Examensklausur nachweisen, dass die Erzählhaltung bei einer Siegfried-Lenz-Erzählung viel zu umständlich war, eine verkappte Ich-Erzählung, wo es personal viel besser gegangen wäre, natürlich redeten wir zwischendurch immer wieder über eigene literarische Pläne.

Nach dem Examen verlor ich leider den Kontakt, bekam aber mit, dass Gerhard Mensching sehr erfolgreich begonnen hatte, Romane zu veröffentlichen, gute Unterhaltungswerke mit aufklärerischem Anspruch („Löwe in Aspik“) und auch er hatte irgendwie mitbekommen, dass ich publizierte, wenn auch lange nicht so erfolgreich wie er.

Das literarische Handwerkszeug

In achtziger Jahren nahmen wir wieder Kontakt auf, zuerst brieflich, dann telefonisch. Wir verabredeten, dass ich in einem seiner Schreibseminare, die er noch immer an der Uni veranstaltete, inzwischen mit Zustimmung seiner Fachkollegen, als Referent auftreten sollte, dass ich über das literarische Handwerkszeug referieren und es an eigenen Texten belegen sollte, während er zu meiner Lehrerfortbildung kommen wollte, die ich über viele Jahre für die Bezirksregierung Arnsberg in Hagen veranstaltete und in der ich kreative Schreibformen für den Deutsch- und Literaturunterricht an Gymnasiallehrer vermittelte.

Ich war froh, den Kontakt wieder gefunden zu haben, da starb Mensching ganz plötzlich. Es war eine völlig unerwartete Nachricht, die mich bewegt hat.

Meine Frau schenkte mir für die folgenden Ferien Menschings letzten Roman „E.T.A. Hoffmanns letzte Erzählung“, in der es darum ging, dass Hoffmann als Jurist dem Turmvater Jahn bei der Demagogenverfolgung einen fairen Prozess vermitteln wollte, was der Obrigkeit ganz und gar nicht gefiel und weshalb sie ihn nicht nur mit einem Disziplinarverfahren überzogen, sondern womöglich sogar vergiftet hatten.

Drehbuch für einen Unterhaltungsroman

In Überlingen, im Stadtteil Nussdorf in direkter Nähe zum Wohnhaus von Martin Walser, habe ich den Roman auf einer Wiese am Bodensee liegend gelesen und stellte zu meiner Überraschung fest, dass ich das Konzept des Romans kannte. Mensching hatte unser gemeinsames Drehbuch eines guten Unterhaltungsromans entweder verinnerlicht oder sogar noch schriftlich vorliegen gehabt, jedenfalls las ich einen spannenden, formal gut aufgebauten unterhaltenden Roman, der mich begeisterte. Ich weiß noch, dass meine Frau irgendwann rief: „Lass uns gehen, es zieht ein Gewitter auf!“ und dass ich antwortete: „Einen Moment noch. Jetzt kommt gleich ein erotisches Kapitel!“, was wiederum meine Frau verwunderte. „Kennst du den Roman etwa schon?“ Ich konnte sie beruhigen. Nein, ich kannte ihn nicht, ich kannte und liebte nur seine Machart.

Im Nachhinein bedauere ich es sehr, dass ich den Kontakt zu Mensching über einige Jahre verloren und erst kurz vor seinem Tode wieder gefunden habe. Mit ihm war es immer eine kreative, äußerst fruchtbare Zusammenarbeit, die meine Studentenzeit so sehr bereichert hat.

Die nächsten Generationen

An allen Bildungsinstitutionen, an denen ich gelernt habe, bin ich also auf Lehrer gestoßen, die selber geschrieben haben. Komisch, denke ich im Nachhinein, so viele von diesem Typus gibt es doch gar nicht. Aber während mir meine beiden ersten als Lehrer vorgesetzt wurden, während es mit dem ersten schlecht, dem zweiten dagegen sehr gut lief, habe ich mir den dritten an der Uni selbst ausgesucht. Ich hätte ja auch bei anderen Professoren studieren können, aber ich habe in jedem Semester den Kontakt zu Mensching gesucht.

Inzwischen bin ich das selber geworden, ein Lehrer, der gleichzeitig Schriftsteller ist und aus meiner Schreibschule am Bergkamener Gymnasium sind einige Schüler hervorgegangen, die schriftstellerisch tätig wurden. Vier, die ich unterrichtet habe, haben Bücher veröffentlicht, Jugendromane, Gedichtbände, Science-Fiction-Romane. Eine meiner Schülerinnen ist mit ihren Liebesromanen stets in der Bestsellerliste des Spiegel, bei amazon war sie für einen Tag auf Verkaufsrang 1. Einige sind Journalisten, auch beim Rundfunk, geworden, einer betreibt die bekannteste Internetseite zu Arno Schmidt. Erstaunt stelle ich fest, dass meine Schullaufbahn fast so etwas wie ein Weg durch die westfälische Literaturgeschichte ist. Und sogar noch einer, der sich fortsetzt.




„Opi paddelt nach Panama“ – Komik und Poesie aus dem Grundschul-Übungsheft

Vor mir liegt ein Schreibschrift-Übungsheft für die 1. Klasse der Grundschule. Das heißt, man kann das viel gewichtiger sagen; so, wie es die Ruhrgebietszeitung WAZ gern tut, wenn sie betonen will, wie nah sie an den aufregenden Dingen dran ist: „Das Schreibschrift-Lehrbuch liegt den Revierpassagen vor…“ Klingt immer so, als hätte man sich Dokumente unter größten Recherche-Mühen besorgt. Aber ich schweife ab.

Mir geht’s eigentlich um die Poesie, die unversehens aus dem Umstand erwächst, dass man bestimmte Buchstabenfolgen eng zueinander zwingen muss, um taugliche Beispielsätze zu generieren. Sodann muss man nur alles hübsch aus dem eh nur losen linguistischen Kontext reißen, dann wird’s ziemlich komisch.

"Füchse fressen Frikadellen." - Manchmal ziehen sie aber auch arglose Hasen vor - wie hier bei Ikea in Dortmund. (Foto: Bernd Berke)

„Füchse fressen Frikadellen.“ Manchmal ziehen sie aber auch arglose Hasen vor – wie hier bei Ikea in Dortmund. (Foto: Bernd Berke)

Fügungen wie „Omi turnt an einem Ast“ und „Opi paddelt nach Panama“ klingen zwar wenig wahrscheinlich, haben aber noch eine gewisse Rest-Plausibilität für sich. Hoffentlich hat Opi keine Briefkastenfirma.

Bei „Lilo malt neun Läuse“ beginnt schon das weite Reich des Absurden und Surrealen, dessen Abglanz den Kindern gleichsam nebenher aus der Ferne gezeigt wird, wenn auch sicherlich nicht willentlich.

Angesichts der rätselhaften Aussage „Alis Laster rollt im Leim“ mögen korrekte Geister Diskriminierung wittern, doch es ist eine unschuldige Sprachübung, die nicht über ihren unmittelbaren Lernzweck hinaus weist. Obwohl Veganer den Lehrsatz „Wer will eine Wurst?“ wahrscheinlich auch als Affront betrachten. Tja, wer weiß. Später findet man ja auch noch die provokante Behauptung „Geier fressen kein Gemüse.“

„Hummeln heiraten nie.“ – „Lurche lachen nicht.“ – „Acht Chinesen tauchen.“ Das sind Feststellungen, die einfach keinen Widerspruch dulden. Es ist, wie es ist. Knallharter Realismus.

Je weiter die Übungen fortschreiten, umso mehr höherer Nonsens ist zu finden. „Mein Name ist Ente.“ – „Ich habe einen Rüssel.“ – „Ich bin ein Hosenknopf.“ – „Füchse fressen Frikadellen.“ – „Auf dem Zeh ist Zimt.“ – „Eine Nixe sitzt im Taxi.“ Nicht schlecht, wie?

Sogar die Abfalltonnen fangen an zu sprechen. Eine von ihnen sagt: „In mir ist der Müll.“ Da habe ich an Samuel Beckett denken müssen.

Aber was ist das? „Bernd bürstet seine Beine.“ Kann ich nicht bestätigen. Wirklich nicht. Nur zwei Seiten später: „Ich bin ein Brot.“ Schon wieder so eine Anspielung auf meinen Vornamen. Was soll das? Freilich bekommen auch andere ihren Spott ab: „Klara küsst einen Kobold.“

Für solche kleinen Ausrutscher entschädigen allerdings die wahrhaft dichterischen Sätze. Mal filigran: „Frankas Finken flöten fein.“ Oder vollends gewaltig: „Wale weinen in der Wüste.“

Wenn das nicht erhaben ist, dann weiß ich auch nicht.

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Alle zitierten Satzbeispiele aus: „Schreibschrift. Das Selbstlernheft in VA“. Jandorf Verlag, Brühl (8. Auflage, 2015)
(Im Schulbürokratendeutsch heißt die Schreibschrift offiziell VA = vereinfachte Ausgangsschrift).