Gipfel ohne frische Brise: Essener Philharmoniker eröffnen mit Bruckner ihre Konzertsaison

Bertrand de Billy dirigierte die Essener Philharmoniker in ihrem ersten Sinfoniekonzert der neuen Spielzeit. Foto: Volker Wiciuk/TuP

Gerne streift der Wanderer durch die abwechslungsreiche musikalische Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Er lässt manch liebliches Tal ohne besondere Rührung hinter sich, bewundert das vielfältige Panorama der vier Brahms-Sinfonien, bevor er sich aufmacht zu den gewaltigen Höhen brucknerscher Kompositionskunst, hinter denen die zerklüfteten, bizarren Formationen des Mahler-Gebirges in den Himmel ragen. Dazwischen so manches Geröll, das meist unbeachtet überquert wird.

Die Essener Philharmoniker haben zum Einstand in ihre Konzertsaison gleich einen der monumentalsten Riesen in der Kette der Bruckner-Gipfel bestiegen: die „Symfonie in D moll, wo die Trompete das Thema beginnt“, wie Bruckner selbst dem Widmungsträger Richard Wagner schrieb, nachdem er infolge ausufernden Genusses von Bier nicht mehr wusste, ob sich Wagner bei einem geselligen Abend für die Zweite oder die Dritte entschieden hatte.

Leider wählten die Essener und ihr Gastdirigent Bertrand de Billy die gängige dritte Überarbeitung der Dritten Sinfonie von 1888/1890. Gern hätte man einmal die erste Version von 1873 mit den Wagner-Zitaten gehört (die Bruckner später wohl als Reaktion auf Kritik entfernte). Sie ist noch unberührt vom Kontroll- und Perfektionszwang des skrupulösen Komponisten, klingt ungestüm, kühn und brachial – um im Bild zu bleiben: eine ungezähmte, urwüchsige Bergwelt.

So recht selig wurde man im mäßig gefüllten Saal der Philharmonie mit der elaborierten, aber geglätteten letzten Version auch nicht. Sie beginnt – ja, das gibt es bei Bruckner! – in den Streichern zu leise: Statt über dem Misterioso aufzublühen, platzt die Trompete hinein; das Blech kommt übereilt zum ersten dynamischen Höhepunkt. Die polyphon geführten ruhigen Streicher des dritten Themas fließen in ihrer lockeren Triolenbewegung freundlicher voran. Doch Bertrand de Billy entlockt dem Orchester keine innere Dynamik. Sicher, Bruckner baut blockhafte Perioden aneinander, will aber dennoch eine spannungsvolle Bewegung zwischen den Zäsuren – und vor allem einen weit gespannten Atem, der letztendlich im Triumph des vierten Satzes zu klangüppiger Erfüllung kommt.

Die Essener Philharmoniker, zumal die heftig geforderten Streicher, spielen tadellos, aber nicht auf der Stuhlkante. Bertrand de Billy beordert sie auch nicht dahin: Seine Zeichen sind klar, gemessen, unprätentiös, aber selten lockend, fordernd, dynamisierend. Trotz aller Wucht hat diese Interpretation die Tendenz zu unverbindlicher Milde, wie ein Tag, an dem die Sonne nicht richtig aus dem Dunst kommt und alle Ecken und Kontraste rundet statt sie zu schärfen.

Zu Beginn gibt’s – welch originelle Auswahl – das „Siegfried-Idyll“, auf dass dem Widmungsträger Genüge getan werde. Vielleicht hätte es aus dem Œuvre des Meisters mal etwas anderes gegeben als dieses Geburtstagsständchen für die hohe Frau im Tribschener Landhaus. Vielleicht wäre auch einmal eine Huldigung des ein Jahr zuvor geborenen Jung-Siegfried mittels dessen eigener Musik reizvoll gewesen: Wagner Junior ist als Komponist so unbekannt wie unterschätzt. Das „Idyll“ setzt sich duftig und leichttönig in den Streichern in Bewegung, das Flötenthema aus dem „Siegfried“ der Tetralogie tritt so beiläufig ein, als wäre es zufällig ins Stück geraten. Die Atmung der zwanzig Minuten gerät flach – dabei ist das Werk doch ein Aufwach-, kein Schlaflied. Insgesamt: Lind umwehte Höhen, die frische Brise der Gipfel blieb aus.

Das nächste Sinfoniekonzert der Essener Philharmoniker am 15. und 16. Oktober 2026 dirigiert GMD Andrea Sanguineti. Auf dem Programm stehen Ludwig van Beethovens Dritte Sinfonie, die „Eroica“, Johannes Brahms‘ „Tragische Ouvertüre“ op. 81 und das Violinkonzert d-Moll von Benjamin Britten mit Liza Ferschtman als Solistin. Tickets online oder über die Hotline (0201) 81 22 200.

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Über Werner Häußner

Redakteur, Musikkritiker, schreibt u.a. für WAZ (Essen), Die Tagespost (Würzburg), Der Neue Merker (Wien) und das Online-Magazin www.kunstmarkt.com.
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