Die Ehe von Isolde und Bertram ist so abgenutzt wie ihre ausgeleierten Körper. Sex hatten die Übergewichtigen, die ihre verblichene Leidenschaft und vergessene Liebeslust mit Völlerei kompensieren, schon lange nicht mehr. Vielleicht aber könnte jetzt alles anders und wieder besser werden.
Denn um endlich mal rauszukommen aus dem Alltagstrott und um den 80. Geburtstag von Isoldes Mutter ausgiebig zu feiern, reisen die beiden Miesepeter von Oldenburg nach Heidelberg, mieten, man gönnt sich ja sonst nichts, eine Suite in einem angeblichen Nobelhotel. Leider erweist sich die Herberge am Neckar als überteuerte Klitsche. Von Wellness und Komfort keine Spur.
Lustlose Kellner, abgenudelte Musik
Um etwas Leckeres in den leeren Magen zu bekommen, versuchen sie ihr Glück auf der „Karolina“, einem zum italienischen Restaurant umgestalten ehemaligen Neckar-Fahrgastschiff. Dort aber erwarten sie nicht nur lustlose Kellner und verkochte Mahlzeiten, sondern auch eine Endlos-Musikbeschallung mit Italo-Hits („Senza Una Donna“, „Bello e Impossibile“, „Ti Amo“), unter die sich ein alter deutscher Schlager geschmuggelt hat, in dem Peggy March mit nostalgischer Wehmut trällert: „Memories of Heidelberg sind memories of you. / Und von dieser schönen Zeit, / Da träum ich immerzu. / Memories of Heidelberg sind memories vom Glück. / Doch die Zeit von Heidelberg, / Die kommt nie mehr zurück.“
Eine Ehe, die sich nicht wieder beleben lässt
Spätestens an dieser Stelle, wie sind erst auf Seite 21, müsste jedem Leser des neuen Romans von Heinz Strunk schwanen, dass der Ausflug von Isolde und Bertram nicht in reanimiertem Ehe-Glück, sondern, um Strunks schnoddrige Sprache zu benutzen, in einer „Voll-Katastrophe“ enden wird. Weil Strunk („Fleisch ist mein Gemüse“, „Der goldene Handschuh“, „Kein Geld, kein Glück, kein Sprit“) sich aber treu bleibt und ein Faible für kalauernde Blödelei und absurde Situationen hat, sind seine „Memories of Heidelberg“ zugleich todtraurig und brüllkomisch.
Von einer Peinlichkeit in die nächste
Nie weiß man, ob man lachen oder weinen soll, wenn Strunk Isolde und Bertram auf ihrem Abstieg in die Ausweglosigkeit in immer groteskere Abenteuer schickt und mitleidlos beobachtet, wie sie von einer Peinlichkeit in die nächste stolpern. Sie verheddern sich in den Fallstricken der politischen Korrektheit, verwandeln jede Kommunikation in ein Schlachtfeld. Obwohl die Mutter mit einer Nierenbecken-Entzündung auf der Intensivstation landet und die Geburtstagsfeier ausfällt, wollen die beiden ihren teuren Hotel-Aufenthalt „abwohnen“, bleiben eine ganze Woche in Heidelberg und vertreiben sich die Zeit mit sinnloser Völlerei. Immer wieder landen sie abends auf der „Karolina“, lassen sich vom Personal demütigen und hören die von Peggy Marchs Schlager-Brei unterminierte Italo-Pop-Endlosschleife.
Eine Fähre in den Hades
Das Szenario erinnert an den Kultfilm „Das große Fressen“, in dem sich vier Freunde in einer Villa treffen, um sich, unterbrochen von sexuellen Orgien, zu Tode zu futtern. Sogar die Film-Szene, in dem verstopfte Toilette explodiert und alles mit Exkrementen geflutet wird, verlegt Strunk auf den Kahn, der zur Fähre in den Hades wird. Das ist unappetitlich und deprimierend, aber auch komisch und seltsam – wie das richtige Leben.
Heinz Strunk: „Memories of Heidelberg“. Roman. Rowohlt. 176 S., 23 Euro.
