Archiv des Autors: Werner Häußner

Über Werner Häußner

Redakteur, Musikkritiker, schreibt u.a. für WAZ (Essen), Die Tagespost (Würzburg), Der Neue Merker (Wien) und das Online-Magazin www.kunstmarkt.com.

Film, Abenteuer, Utopie: Die Oper Bonn zeigt Giacomo Puccinis Amerika-Oper „Das Mädchen aus dem goldenen Westen“

Eine prominente Rolle spielt in Puccinis „Mädchen aus dem goldenen Westen“ der Herrenchor der Oper Bonn, hier in einer Szene mit Devid Cecconi (Jack Rance) und Yannick-Muriel Noah (Minnie, ganz rechts). Foto: Sandra Then

Kein stickiger Saloon, keine enge Blockhütte für „La Fanciulla del West“ an der Oper Bonn. Daniela Kerck baut für ihre Inszenierung der Wildwest-Oper Giacomo Puccinis einen großzügigen Saal mit hohen Fenstern und einer mehrstöckigen Bar. Das passt eher in ein New Yorker Nobelhotel als auf den „verfluchten Boden“ des „goldenen Westen“.

Auch für die Behausung Minnies bleibt der Raum weit und offen. Durch die Fenster fällt der Blick auf Astrid Steiners Videos: Im Chamois-Farbton alter Filme ziehen Schienen und Stollen vorbei, prangt ein stolzer Seeadler, strömen Regen und Schnee, fallen Gebilde vom Himmel, die an Nuggets erinnern.… Weiterlesen

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Mode, Porträts und Akte: Pariser Pionierinnen der Fotografie im Bonner LVR-Landesmuseum

Als geheimnisvolles Wasserwesen fotografierte Rogi André 1934 die französische Malerin Jacqueline Lamba, zeitweise Lebensgefährtin von André Breton, der das Motiv mit dem Titel „La Nymphe II“ in seinem berühmten Werk „L’amour fou“ veröffentlichte. Die Nähe zu Symbolismus und Surrealismus ist unverkennbar. Foto: Bibliothèque nationale de France

Sie kamen auf unterschiedlichen Wegen nach Paris und setzten dort in ihrer Arbeit eigene Schwerpunkte. Dennoch verbindet die drei Fotografinnen Gisèle Freund, Rogi André und Madame d’Ora die gemeinsame jüdische Herkunftsgeschichte, ihre Pionierarbeit in der Fotografie und ihre Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus.

Erstmals führt das LVR-Landesmuseum Bonn in der Ausstellung „Fluchtpunkt Paris. Gisèle Freund, Rogi André, Madame d’Ora“ das Werk der drei Künstlerinnen zusammen und eröffnet so neue Perspektiven auf ihr Schaffen und die kulturell spannende Zeit im Paris der Zwanziger und Dreißiger Jahre.… Weiterlesen

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Leichtfüßig inszeniert: Mozarts „Zauberflöte“ als Traumerzählung an der Oper Bonn

Der Prinz träumt, die Hermenfiguren vom Kamin werden zu den drei Damen der „Königin der Nacht“. Foto: Matthias Jung

Unterhaltsam sollte es sein, das neue Stück für das Theater auf der Wieden des Emanuel Schikaneder, spannend, lustig, überraschend. Dass aus der „Zauberflöte“ ein Stück Welttheater wurde, so populär wie philosophisch: Haben sich Mozart und der Libretti schmiedende Theaterprinzipal das vorgestellt?

Oder hat das Wolferl, wie er es immer tat, Musik nach seiner Art geschrieben, sprühend vor Einfällen und selbst in der Einfachheit tiefgründig, weil er nicht anders konnte? Wir wissen es letztlich nicht – und die „Zauberflöte“ unterzieht unser Verstehen so mancher Feuer- und Wasserprobe. Was wir wissen: Die „große Oper“ ist ein Stück für Kinder und Weise, heiter, verspielt und märchenhaft, gleichzeitig lebensklug und unerschöpflich.… Weiterlesen

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Punktlandung mit Jubelfanfaren: Stefan Blunier mit Mahlers Siebter Sinfonie und den Duisburger Philharmonikern

Neuer GMD in Duisburg: Stefan Blunier. (Foto: Ilja Höpping/Stadt Duisburg)

Der Mann passt nach Duisburg: Offen, jovial, gut aufgelegt, das Herz am rechten Fleck, voller Ideen und Energie. So jedenfalls präsentiert sich Stefan Blunier in seinem Antrittskonzert als neuer GMD der Duisburger Philharmoniker in der Mercatorhalle.

Und wie ein Signal der Ermutigung kann Intendant Nils Szczepanski zu Beginn verkünden: Die Duisburger haben für ihr transkulturelles Musikprojekt „Marxloh Music Circus“ den Preis Opus Klassik 2026 in der Kategorie „Klassik ohne Grenzen live“ erhalten.

Seit 2023 begegnen sich in dem Stadtteil Marxloh Musiker aus der klassischen europäischen Tradition und solche aus türkischen, kurdischen, armenischen, indischen und arabischen musikalischen Welten. In Workshops, Jam-Sessions und gemeinsamen Proben erforschen sie Klangkulturen und entwickeln daraus neue transkulturelle Arrangements und Konzertformate.… Weiterlesen

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„Mein Sach aufs Komponieren gestellt“: Festival erinnert an den Musiker E.T.A. Hoffmann

Der hoffmanneske Riesenzylinder - hier das Denkmal für den Dichter und Komponisten in Bamberg - kehr auch in den Kostümen von Jula Reindell wieder. Foto: Werner Häußner

Das Denkmal für den Dichter und Komponisten E.T.A. Hoffmann in Bamberg. (Foto: Werner Häußner)

Man könnte es sich so leicht machen mit einem Festival wie dem in Knechtsteden, dem traditionsreichen Kloster bei Dormagen: Auf die Wirkung des romanischen Raums der ehemaligen Prämonstratenserkirche vertrauend, ließe sich das Publikum mit Populärem locken. Ein Bach hier, ein Händel da – und fertig wäre das Programm.

Festivalleiter Michael Rathmann hat da anderes im Sinn: In diesem Jahr widmete sich das seit 1992 bestehende Festival „Alte Musik Knechtsteden“ dem kompositorischen Erbe Ernst Theodor Amadeus Hoffmanns. Das 1776 geborene Multitalent, heute fast nur noch als Schriftsteller bekannt, hat ein respektables musikalisches Œuvre hinterlassen. Eine Sinfonie, ein Harfenquintett, ein Klaviertrio, mehrere Klaviersonaten, Opern und kleinere Gesangsstücke – insgesamt rund 80 nachweisbare Werke.… Weiterlesen

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Besuch im „Opernhaus des Jahres“: Mainz kann auch die leichte Muse von Gilbert & Sullivan

Opernhaus des Jahres: Das Staatstheater Mainz. (Foto: Werner Häußner)

Geht’s noch schneller? Ja, es geht: Alexander Spemann wirft sich in Positur und feuert seinen berüchtigten „patter song“ über den typischen modernen englischen Generalmajor ab. Ein Maschinengewehr ist eine lahme Ente dagegen: Die Musik rattert und die Salven treffen zielgenau die Lachmuskeln des Publikums im vollen Mainzer Theater.

Das Staatstheater in Rheinland-Pfalz wurde bei der jährlichen Umfrage der Zeitschrift „Opernwelt“ von 40 befragten Kritikern zum „Opernhaus des Jahres“ gekürt. Ein überraschendes Ergebnis, das mit dem „couragierten Spielplan“ – u. a. mit der Uraufführung von Julia Kerrs 1933 entstandener Oper „Der Chronoplan“ – und „eigenwillig-klugen Regiehandschriften“ begründet wird. Damit findet sich das Mainzer Mehrspartenhaus in einer Reihe mit viel größeren Häusern wie Zürich, Frankfurt, Genf oder Lyon – eine gewichtige Auszeichnung.… Weiterlesen

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Mensch, Kosmos, Zufall: Das Hagener Emil Schumacher Museum zeigt Arbeiten von Benedikt Hipp

Benedikt Hipp, Songs from the Orbs, 2021 – 2025, Keramik, wilder Ton,natürlicher Aschenanflug, Hochtemperatur-Holzbrand, 1300 °C/65 h, Mikrometeorit,Video loop, 80 x 157 x 70 cm, Courtesy: Galerie Kadel Willborn, Düsseldorf,Mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Akademie Villa Massimo, Rom,(Foto: Max Reitmeier © Benedikt Hipp)

Seine Arbeiten sind in Rom, München, Frankfurt zu sehen. Seine Installationen verbinden Malerei, Skulptur und Keramik. Er inszeniert sie in kühl ästhetischen Räumen. 2020/21 erhielt er den Rompreis Villa Massimo. Jetzt sind Bildwelten von Benedikt Hipp in einer Einzelausstellung in Hagen zu erleben.

Der in München geborene Künstler, der im kommenden Jahr 50 Jahre alt wird, hat eigens eine auf das Emil Schumacher Museum als klassisches Ausstellungshaus abgestimmte Inszenierung entwickelt. Bis 17. Januar 2027 zeigt das Museum eine Auswahl aus dem Schaffen Benedikt Hipps, in deren Zentrum die titelgebende Skulptur „Songs from the Orbs“ steht.… Weiterlesen

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Gipfel ohne frische Brise: Essener Philharmoniker eröffnen mit Bruckner ihre Konzertsaison

Bertrand de Billy dirigierte die Essener Philharmoniker in ihrem ersten Sinfoniekonzert der neuen Spielzeit. Foto: Volker Wiciuk/TuP

Gerne streift der Wanderer durch die abwechslungsreiche musikalische Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Er lässt manch liebliches Tal ohne besondere Rührung hinter sich, bewundert das vielfältige Panorama der vier Brahms-Sinfonien, bevor er sich aufmacht zu den gewaltigen Höhen brucknerscher Kompositionskunst, hinter denen die zerklüfteten, bizarren Formationen des Mahler-Gebirges in den Himmel ragen. Dazwischen so manches Geröll, das meist unbeachtet überquert wird.

Die Essener Philharmoniker haben zum Einstand in ihre Konzertsaison gleich einen der monumentalsten Riesen in der Kette der Bruckner-Gipfel bestiegen: die „Symfonie in D moll, wo die Trompete das Thema beginnt“, wie Bruckner selbst dem Widmungsträger Richard Wagner schrieb, nachdem er infolge ausufernden Genusses von Bier nicht mehr wusste, ob sich Wagner bei einem geselligen Abend für die Zweite oder die Dritte entschieden hatte.… Weiterlesen

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Präzise Klangbrillanz: Pittsburgh Symphony Orchestra eröffnet Konzertsaison der Philharmonie Essen

Das Pittsburgh Symphony Orchestra in der Essener Philharmonie. Foto: Volker Wiciok/TuP

Pittsburgh ist weltweit als „steel city“ bekannt geworden. Mit Kraftwagen hatte die Stadt in Pennsylvania jedoch nur in der Pionierzeit des Automobilzeitalters zu tun. Den „Autostadt“-Titel trägt Detroit. Und John Adams‘ kurzes Orchesterdelirium „Short Ride in a Fast Machine“ hält eher die angstbesetzte Erfahrung als das prickelnde Vergnügen einer Fahrt mit einem schnellen Sportwagen fest.

Dass das Pittsburgh Symphony Orchestra sein gefeiertes Gastspiel in der Essener Philharmonie mit diesem Stück amerikanischer Gegenwartsmusik eröffnet, hat dennoch seinen Grund: Die Vereinigten Staaten von Amerika feiern in diesem Jahr ihre Gründung vor 250 Jahren, als mit der „Declaration of Independence“ dreizehn Kolonien ihre Unabhängigkeit von Großbritannien erklärten und einen souveränen Staatenbund gründeten. Gleichzeitig gilt das Dokument – was Philharmonie-Intendantin Marie Babette Nierenz in ihrer Begrüßung hervorhob – als entscheidender Meilenstein auf dem Weg zur modernen Demokratie: Ein Bezug, der heute angesichts aktueller Entwicklungen in Europa und USA mehr als historisch relevant ist.… Weiterlesen

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Liebe auf den ersten Ton: Antrittskonzert des neuen Bochumer GMD Aurel Dawidiuk

Antrittskonzert des neuen GMD Aurel Dawidiuk bei den Bochumer Symphonikern. (Foto: Nils Ole Peters)

So viel Adrenalin war selten: Am Ende von Johannes Brahms Erster, als der Beifall im ausverkauften Anneliese Brost Musikforum Ruhr losbricht, löst sich die Spannung. Aurel Dawidiuk, neuer GMD der Bochumer Symphoniker, lächelt beseligt. Da schwingen auch Genugtuung und eine sympathische Portion Stolz mit.

Dazu hat er allen Grund: Sein Antrittskonzert war nicht nur eine Verheißung für Kommendes, sondern vornehmlich eine Erfüllung des Augenblicks. Ein klingendes Zeugnis für die „Liebe auf den ersten Ton“ zwischen den Symphonikern und ihrem neuen Chef, dem mit 25 Jahren jüngsten Bochumer GMD aller Zeiten. „Danach war klar, wir gehen den Weg zusammen. Das war der Wunsch des Orchesters und auch mein Wunsch“, bekräftigt Dawidiuk im Gespräch.… Weiterlesen

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Das Unheimliche im Vertrauten: Performance, Installationen und Skulpturen rund um den Dortmunder Hauptbahnhof

Anushka Chkheidze, Transsolar, in der Dortmunder Stadtkirche St. Petri. Foto: Henning Rogge.

In einer Kirche dominiert eine Pyramide aus Wärmepumpen den Raum. Auf zusammengeschobenen Schreibtischen hockt ein unheimliches amöbenhaftes Monster. Vor der gläsernen Front der Stadtbibliothek windet sich eine metallene Schlange: Der Dortmunder Hauptbahnhof ist Ausgangs- und zentraler Bezugspunkt einer Ausstellung, die Urbane Künste Ruhr im Rahmen der soeben eröffneten Ruhrtriennale und in Kooperation mit der Manifesta 16 Ruhr zeigt.

Der Titel „Unheimliche Verschiebungen“ spricht es schon an: Es geht um das Befremdliche im Vertrauten, um die Störung von Selbstverständlichkeiten. Im alltäglichen, gewachsenen städtischen Umfeld des Bahnhofs setzen 15 meist für die Ausstellung entstandene Arbeiten skulpturaler, installativer und performativer Art Kontrapunkte. Sie machen aufmerksam, stören oder verstören sogar, treten mit „Neugier, Umsicht, Schönheit und melancholischen Analysen“ in Beziehung zu ihrem Umfeld.… Weiterlesen

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Mit „großem Bock“: Julien Chavaz wechselt 2028 als Intendant von Magdeburg ans krisengeplagte Essener Aalto-Theater

Intendant in Essen ab 2028: Julien Chavaz. Er kommt aus Magdeburg. (Foto: Sven Lorenz)

Nun ist es also raus: Der Magdeburger Generalintendant Julien Chavaz übernimmt ab der Spielzeit 2028/29 die Intendanz des Aalto-Theaters und der Essener Philharmoniker. Das bedeutet eher künstlerisches Wagnis als Rückzug auf eine Politik des Stromlinien-Repertoires.

Der 44 Jahre alte Schweizer hat 2022 in der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt ein Opernhaus übernommen, das um seine Zuschauer kämpfen musste. Seine Vorgängerin, die Britin Karen Stone, hatte sich mit einer vorsichtigen Repertoirepolitik und soliden Inszenierungen redlich bemüht, das Haus zu profilieren. Chavaz setzte kurz nach der Corona-Krise auf gewagte Regiehandschriften und ein vielfältiges Repertoire.

Im Spielplan mixt er Populäres und Zeitgenössisches. Vor Operette und Musical hat er keine Angst. Er pflegt jedoch keine harmlose Unterhaltungsästhetik.… Weiterlesen

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Mozarts Klangwelten: Maxim Emelyanychev als Pianist in der Philharmonie

Maxim Emelyanychev (Bild) ist unter den Musikern der historisch informierten Aufführungspraxis einer, der nicht nur im Buchstaben nach dem Geist forscht. Entsprechend temperamentvoll subjektiv ist sein Zugriff – ob als Dirigent oder als Pianist. Zum Abschluss seiner vier Auftritte als Portraitkünstler der laufenden Saison präsentiert er sich in der Philharmonie Essen als Meister der Tasten.

Als Dirigent hat der im russischen Nishni Nowgorod geborene Vollblutmusiker in der Essener Philharmonie für unvergessliche Abende gesorgt – und das nicht erst mit seinen drei Porträtkonzerten, bei denen er (mit dem Scottish Chamber Orchestra und dem Ensemble „Il Pomo d’Oro“) „seine“ Klangkörper vorgestellt hat. Sein abschließender Mozart-Abend war nicht einfach ein Klavierrezital. Emelyanychev spielte auf drei unterschiedlichen Instrumenten Musik von Wolfgang Amadeus Mozart: auf der Kopie eines zweimanualigen Cembalos des bei Köln geborenen und in Paris produzierenden Jean-Henri Hemsch, dem Nachbau eines Hammerklaviers des Wieners Anton Walter und einem modernen Steinway.… Weiterlesen

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Ausflug in den Zauberwald: Marie Jacquot und das WDR Sinfonieorchester in der Philharmonie Essen

Nach dem Konzert im Essener Stadtgarten: Komponistin Kristine Tjøgersen (links) und Dirigentin Marie Jacquot. (Foto: Werner Häußner)

Es zirpt und pfeift im Orchester, es raschelt und rauscht. Das tiefe Blech knurrt bedrohlich. Irgendwo in den Instrumenten flirrt eine Folge von Rufen vorbei. Im neuesten Stück der Komponistin Kristine Tjøgersen fühlt man sich in einen Wald versetzt. Ein Wald, der geheimnisvoll wirkt, unheimlich auch. Vielleicht sogar verwunschen.

Zum zweiten Mal nach der Uraufführung in Köln spielt das WDR Sinfonieorchester in der Philharmonie Essen das Orchesterwerk „Wolpertinger“ der Norwegerin. Der Titel wirkt bizarr, denn er bezeichnet ein Fantasiewesen, das kaum jemand gesehen hat – es sei denn in Bayern nach ausgiebigem Gerstensaftgenuss auf dem nächtlichen Heimweg vom Wirtshaus. Dort regen gelegentlich ausgestopfte Wolpertinger, in Glasbehältern im Gasthof ausgestellt, die Imaginationsgabe an.… Weiterlesen

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„Alptraum für Deutschland“: Volker Lösch inszeniert in Bonn einen Politthriller unter Verwendung des „Freischütz“

Das „Freischütz“-Finale, von links: Nicole Wacker, Alyona Rostovskaya, Martin Tzonev, Kai Kluge, Birte Schrein, Christopher Jähnig, Johannes Mertes, Chor und Extrachor des Theater Bonn. (Foto: Bettina Stöß)

Nein, Carl Maria von Webers „Freischütz“ ist das nicht, was in Bonn über die Bühne geht. Es ist, wie ein Untertitel fairerweise ankündigt, ein „Alptraum für Deutschland“, erarbeitet von Regisseur Volker Lösch und Textautor Lothar Kittstein unter Verwendung der Musik Webers.

Der Alptraum ist „der aufhaltsame Aufstieg einer rechtsextremen Partei zur Macht“. Aber auch die Personen im Stück träumen schlecht – von Angst, Entwurzelung, Verlust der Orientierung.

Volker Lösch ist bekannt für seine radikal politischen Inszenierungen: Bonn hat es auf der Opernbühne mit einem „Fidelio“ zum Beethoven-Jahr 2020 erfahren. Da ging es um politische Gefangene in der Türkei.… Weiterlesen

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Buddhistische Antwort auf das Leid: „Awakening“ von Param Vir an der Oper Bonn uraufgeführt

Eine Szene mit Cody Quattlebaum, Martin Tzonev, dem Chor, Tänzern und der Statisterie des Theaters Bonn. (Foto: Max Borchardt)

Anfang April drohte US-Präsident Donald Trump dem Iran, eine ganze Zivilisation auszulöschen. Vier Wochen vorher brennt in der Oper Bonn bereits Kulturgut: In der Oper „Awakening“ von Param Vir hat ein Feind ein ungenanntes Land besetzt, überzieht es mit Hass und Streit.

„Die Flammen, die ihr draußen seht, sind unsere brennenden Bücher, unsere Tempel auch, unsere Orte des Lernens …“, beklagt der Direktor einer Theatertruppe. Sie hat sich in einer leeren Schleusenkammer unter geflohenen Menschen versammelt, um im Spiel die Worte ihres „Großen Lehrers“ zu bewahren. Mündliche Überlieferung als einziger Weg in einer Tyrannei, um die Weisheit des Prinzen Gautam weiterzugeben, der später der Buddha werden sollte.… Weiterlesen

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Die Mechanikerin und das Räderwerk des Fluchs: „Elektra“ von Richard Strauss an der Rheinoper Düsseldorf

Ingela Brimberg als Elektra. Foto: Sandra Then

„Elektra“ hat für die Deutsche Oper am Rhein eine besondere Bedeutung: Dem abgründigen Werk galt die erste Premiere zur Eröffnung des neuen Opernhauses 1956. Die letzte Inszenierung 2012 stammte von Christof Nel. Nun hat sich der vor allem im Schauspiel bekannt gewordene Stephan Kimmig der Rachetragödie angenommen.

Das Beil! Bei Zeus, hat sie doch das Beil vergessen! Doch der Schreck Elektras ist unbegründet: Ihr Bruder Orest hat sich das Werkzeug selbst geschnappt, um seine mörderische Mutter abzumurksen. Elektras rachegefühlverursachter Demenzmoment ist zum Schmunzeln: Hatte sie doch das Beil erst kurz vorher aus einem Kofferraum geholt und an das Mäuerchen der Blumeninsel im Zentrum der Bühne gelehnt.

Ja, richtig, aus dem Kofferraum! In der Neuinszenierung von Richard Strauss‘ „Elektra“ an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf ist der Schauplatz, den Katja Hass der antiken Tragödie in musikalischer und literarischer Fin-de-Siècle-Einkleidung verordnet, der Innenhof einer Villa.… Weiterlesen

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Faszination des meisterlichen Gesangs: Countertenor Franco Fagioli in der Philharmonie Essen

Der Countertenor Franco Fagioli war in der Essener Philharmonie zu Gast. Foto: Igor Studio/DG

Kaum jemand kennt sie noch, aber in den zwei Jahrzehnten zwischen Mozarts Verlöschen und dem Aufgehen von Rossinis Stern bestimmten sie das Opernleben und versetzten halb Europa in Verzückung: Carlo Coccia, Giovanni Simone Mayr, Giuseppe Nicolini, Ferdinando Paër und Niccoló Zingarelli in Italien, Luigi Cherubini und Étienne-Nicolas Mehul in Paris, Joseph Weigl in Wien.

Einer der weltweit gefragtesten Countertenöre, Franco Fagioli, hat sich einiger dieser Komponisten angenommen – und zwar solcher, die für den letzten großen Kastraten-Opernsänger Giovanni Battista Velluti geschrieben haben. In der Philharmonie Essen gastierte er zusammen mit dem Orchestre de l’Opera Royal de Versailles unter Stefan Plewniak. Der Abend basiert auf Fagiolis Hommage an Velluti, mit der er u.a.… Weiterlesen

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Öffnung neuer Horizonte: Musik von Frauen beim Essener Festival „her:voice“

Dirigentin Nil Venditti mit den Essener Philharmonikern. (Foto: Volker Wiciok)

Ein ganzes langes Wochenende Musik von Frauen: Das dürfte es in NRW bisher nie gegeben haben. Detmold, Dortmund und Essen stellten lang vergessene, verschollene und ignorierte Musik von Komponistinnen auf den Prüfstand – mit erstaunlichen Ergebnissen. Was da zwischen 1845 und heute an Oper, Sinfonik, Konzert und Kammermusik entstanden ist, verdient in jedem Fall Beachtung.

Einen „Frauen-Bonus“ braucht es dabei nicht: Das Geschlecht der Schöpferin ist nicht entscheidend, um Musik analysieren, genießen oder bewerten zu können. Sehr erheblich wird die Herkunft von Mann oder Frau allerdings, wenn es um Entstehungsbedingungen und vor allem die Überlieferung geht. Die Mehrzahl der Werke von Komponistinnen blieb ungedruckt. Andere wurden zwar publiziert, aber selbst nach erfolgreichen Aufführungen in Archive verbannt, wo sie erst gezielte Suche ans Tageslicht brachte.… Weiterlesen

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Sinnliches Erlebnis eigener Art: Benjamin Perry Wenzelberg destilliert aus „Ulysses“ von Joyce eine Oper

Aimee Kearney als Molly Bloom in der Oper „Nighttown“ nach James Joyces „Ulysses“ in Den Haag. (Foto: Reinout Bos)

Die Herausforderung, sich lesend in diesen Wortstrom zu stürzen, ist immens – und nicht jeder, der über Leopold und Molly Bloom, Stephen Dedalus und Buck Mulligan sowie das Dublin des 16. Juni 1904 spricht, dürfte sich durch das halbtausendseitige literarische Monstrum von James Joyce gekämpft haben. Umso gewagter, aus der singulären literarischen Erscheinung namens „Ulysses“ eine Oper zu destillieren.

James Joyce folgt einer inneren Dramaturgie, die kaum mit den Erfordernissen des Genres „Oper“ kompatibel ist, und die Erzähltechniken dieser „spaßhaft-geschwätzigen allumfassenden Chronik“ – so der Autor selbst – sind so vielfältig, dass eine musiktheatrale Verdichtung unmöglich scheint. Ist sie aber nicht: Der amerikanische Komponist, Dirigent, Pianist und Countertenor Benjamin Perry Wenzelberg hat es gewagt und beeindruckend bewältigt.… Weiterlesen

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Zurück in den Sumpf: Jean-Philippe Rameaus nachdenkliche Komödie „Platée“ am Theater Hagen

Noch wähnt sich Platée vor einer sensationellen Hochzeit, aber das Unglück kündigt sich ahnungsvoll an: Theodore Browne als Platée und Tänzer des Balletts Hagen. (Foto: Leszek Januszewski)

Wer aus dem Sumpf kommt, kehrt in den Sumpf zurück. Und wer vom Olymp herabsteigt, erhebt sich nach einem amüsanten Kurzausflug in die Welt der Sterblichen wieder auf den Göttergipfel. In Jean-Philippe Rameaus „Platée“ sind die Verhältnisse klar.

Wer Grenzen verletzt, wird verlacht. Das betrifft Menschen wie Götter. Auch ein merkwürdiges Zwischenwesen, die Sumpfnymphe Platée, ist von diesen gesellschaftlichen Regeln betroffen. Auf ihre Gefühle, auch auf ihre Vestiegenheiten, kommt es nicht an. Ihr wird übel mitgespielt; das Lachen, das ihre Desillusionierung begleitet, ist grausam.

Das mag für den Versailler Hof anno 1745, als Jean-Philippe Rameaus opéra-ballet „Platée“ zur Unterhaltung der Hochzeitsgäste des Dauphin Louis Ferdinand und seiner Braut Maria Teresa von Spanien uraufgeführt wurde, belustigend gewesen sein.… Weiterlesen

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Wikinger-Oper mit Potenzial: Dirigent Wolfram-Maria Märtig zur Erstaufführung der „Fritjof-Saga“ am Aalto-Theater Essen

Aus den szenischen Proben zur „Fritjof-Saga“. (Foto: Matthias Jung)

Am Aalto-Theater in Essen wird am 7. Februar ein unbekanntes Werk zum ersten Mal szenisch aufgeführt: „Die Fritjof-Saga“ ist die einzige Oper der Schwedin Elfrida Andrée. Sie setzt die Reihe fort, die vergessene und vernachlässigte Werke aus der Feder von Frauen präsentiert.

Der Text zu dieser Oper im frühmittelalterlichen Wikinger-Milieu stammt immerhin von der ersten Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagerlöf. Andrée und Lagerlöf hatten sich mit „Fritjof-Saga“ beim 1894 ausgeschriebenen Wettbewerb zur Eröffnung des neuen königlichen Opernhauses in Stockholm beworben, zu einer Aufführung kam es jedoch nicht. Die Komponistin hat ihr Werk nie vollständig gehört.

Erst 2013 hat die Wermland Opera in Karlstad in Schweden – die übrigens am 26. Februar eine Oper über Selma Lagerlöf uraufführt – Teile der Oper in reduzierter Orchesterbesetzung und ohne Mitwirkung des Chores aufgeführt, unter der Leitung des aus Bochum stammenden damaligen Chefdirigenten Henrik Schaefer.… Weiterlesen

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Prächtig amüsiert: Cäcilia Wolkenburg würdigt mit „E Levve för Kölle“ Konrad Adenauer zum 150. Geburtstag

E Levve för Kölle: Die Kostüme sind eine Augenweide. (Foto: Stefanie Althof)

Die fünfte Jahreszeit regiert und es ist wieder so weit für das „Zillche“. Die musikalische Komödie, die alljährlich von der „Bühnenspielgemeinschaft Cäcilia Wolkenburg“ im Kölner Männer-Gesang-Verein ausgerichtet wird, gehört zum Karneval dazu wie „Alaaf“ zu Kölle. In diesem Jahr dreht sich alles um Konrad Adenauer, der am 5. Januar 150 Jahre alt geworden wäre.

Zu Beginn klingen die Kölner Rathausglocken mit „Die Gedanken sind frei“. Auf der Bühne des Staatenhauses marschiert der Chor auf. Die Kostüme von Judith Peter, unter Mitarbeit von Ute Hafke, Marette Oppenberg und Eva Zaß entstanden, sind eine Augenweide. Und dann schiebt sich der Kölner Himmel ins Bild. Weiß und Gold strahlt er, hat altmütterlichen Charme wie das beliebte Traditionscafé Reichard am Dom.… Weiterlesen

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Fein abgestuftes Kolorit: Frank Peter Zimmermann und die Essener Philharmoniker mit Frank Martin und Franz Schubert

Andrea Sanguineti und die Essener Philharmoniker. Foto: Volker Wiciok

Die Musik von Frank Martin braucht einen Fürsprecher wie Frank Peter Zimmermann, denn der Schweizer Komponist hängt merkwürdig zwischen Zeiten und Stilen fest. Das ist exemplarisch an seinem Violinkonzert abzulesen, das in der Essener Philharmonie mit dem aus dem benachbarten Duisburg stammenden Geiger eine erstklassige und vom Publikum warmherzig applaudierte Aufführung erlebte.

Martins breit gefächertes Schaffen findet im Betrieb sonst wenig Aufmerksamkeit. Den einen ist es zu unentschieden unneuzeitlich, den anderen ist diese Musik einer vergangenen Generation immer noch zu „modern“. Martins feinsinniger Konservatismus der Form – ein klassisch dreisätziges, halbstündiges Solo-Konzert – ist jedoch von so souveräner, mit Gewinn hörbarer Musik erfüllt, dass man getrost die Suche nach dem Fortschritt einstellen kann.… Weiterlesen

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Witz, Tempo, Herz: Paul Abrahams Operette „Märchen im Grand-Hotel“ hat Premiere in Dortmund

Große Show im Opernhaus in Dortmund: Matthias Störmer als verliebter Zimmerkellner Albert und das Tanzensemble in Paul Abrahams „Märchen im Grand-Hotel“. Die Bühne gestaltet Alexandre Corazzola, die Kostüme stammen von Vanessa Rust. Probenfoto von Björn Hickmann.

„Mein Ziel ist es, dass an diesem Abend wirklich eine Energiewelle von der Bühne in den Zuschauerraum schwappt“, wünscht sich Regisseur und Choreograf Jörn-Felix Alt. Mit „Märchen im Grand-Hotel“ hat er in Dortmund den passenden Wellentreiber.

„Märchen im Grand-Hotel“ gehört nicht zur populären Trias, mit der Abraham ab 1930 die Unterhaltungsszene im krisengeschüttelten Berlin aufmischt. Dort versprüht zuerst „Viktoria und ihr Husar“, in Leipzig uraufgeführt, ihren exotischen Charme mit Schauplätzen in Rußland, Japan und Ungarn.

Der junge Paul Abraham auf einer historischen Fotografie.

Der junge Paul Abraham auf einer historischen Fotografie.

Ein Jahr später geht es noch fantastischer zu: „Die Blume von Hawaii“ entführt nach einem Probelauf 1931 in Leipzig das Berliner Publikum zum Träumen in eine Klischee-Südsee und nach Paris.… Weiterlesen

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Befreiung von unten: Ilaria Lanzino deutet an der Rheinoper Verdis „Nabucco“ als abgründiges politisches Drama

Chor und Extrachor der Deutschen Oper am Rhein spielen in „Nabucco“ eine prominente Rolle. (Foto: Sandra Then)

„Nabucco“ ist eine von Verdis politischen Opern. Völker liegen miteinander im Streit, machtbewusste Führerfiguren treffen aufeinander. Die Liebesgeschichte rückt an den Rand, wird vor allem wegen ihrer gesellschaftlichen Konsequenzen bedeutsam. Religion wird politisch instrumentalisiert, Politik sakralisiert.

Kein Wunder, dass diese Oper 1842 eine ungeheure Wirkung hatte. Auch ohne ihre spätere Rückprojektion ins „Risorgimento“ ist deutlich, dass Verdi und sein Librettist Temistocle Solera den Nerv der Zeit trafen. Bei der Frage, wie die politische Brisanz des „Nabucco“ jenseits pompöser Arena-Umzüge vergegenwärtigt werden könnte, fallen vielen Regisseuren die Kriegsbilder von heute ein, nicht selten entstanden im Nahostkonflikt, der seit Jahrzehnten eine Quelle ständigen Leids im antiken Land der Hebräer ist.… Weiterlesen

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Theaterereignis und Gesamtkunstwerk: Giuseppe Spota inszeniert in Gelsenkirchen Glucks „Orpheus und Eurydike“

Constanze Jader als Orpheus und die MiR Dance Company in Glucks „Orpheus und Eurydike“. (Foto: Zoran Varna)

Es geht um Abschied, Verlust, Tod, um die Magie der Musik und die alles überwindende Kraft der Liebe: Christoph Willibald Glucks „Orfeo ed Euridice“ galt nicht umsonst bereits zur Entstehungszeit 1762 als ideale Wiederbelebung des antiken Theaters. In Gelsenkirchen hat Choreograf Giuseppe Spota das Gesamtkunstwerk zu seinem Abschied als Direktor der Tanzcompagnie inszeniert.

Für Gluck bedeutete die intensive Zusammenarbeit mit dem Dichter Ranieri de‘ Calzabigi, dem Choreografen Gasparo Angiolini und dem Bühnenbildner Giovanni Maria Quaglio eine einzigartige Chance. Er konnte die Musik zu einem Werk schaffen, in dem alle Aspekte des Theaters gleichwertig, eng verbunden und aufeinander bezogen realisiert werden konnten. Ein Konzept, das noch Richard Wagner und Hector Berlioz faszinierte und als „Reformoper“ in die Musikgeschichte einging.… Weiterlesen

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Kulturauftrag vorbildlich erfüllt: Die Tage Alter Musik in Herne und ihre Verdienste im Salieri-Gedenkjahr

Antonio Salieri auf einer um 1815 entstandenen Lithografie.

Ohne die „Tage Alter Musik“ in Herne wäre der 200. Todestag Antonio Salieris in Deutschland sang- und klanglos vorüber gegangen. Mit einer konzertanten Aufführung seiner Oper „La Grotta di Trofonio“ erinnerte das vom WDR und der Stadt Herne getragene Festival an den 1825 gestorbenen einflussreichen Komponisten, der für die Nachwelt nur noch als angeblicher Rivale Mozarts in Erinnerung geblieben ist.

Wer sich mit Salieris Musik befasst, wird immer wieder überrascht: Zwar bleibt sein melodischer Ausdruckswille hinter dem Mozarts zurück; auch den dichten, von Überraschungen sprühenden Satz des Salzburgers sucht man bei Salieri vergebens. Aber der formale Erfindungsreichtum und der souveräne Umgang mit den konventionellen Formen der italienischen Oper belegen Salieris Meisterschaft ebenso wie die farbige Instrumentationskunst.… Weiterlesen

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Dortmunder Jugendoper: Ein Zoo am Lager Buchenwald

Der Zoo, in Emine Güners Bühne ein trostloser Ort für den Pavian (Cosima Büsing), das Murmeltier (Wendy Krikken) und den Bären (Franz Schilling). (Foto: Björn Hickmann)

In einem Zoo lebt ein Nashorn. In einer Winternacht stirbt es plötzlich. Was war geschehen?

Vertrug das exotische Tier die Kälte nicht? Hatte es Heimweh? Das fragen sich ein Murmeltier und der kürzlich erst neu angekommene Bär. Oder hat das Nashorn „sein Horn zu tief in Angelegenheiten gesteckt, die es nichts angehen“, wie der Vater einer Pavian-Familie mutmaßt?

Den Zoo, den Komponist Edzard Locher und sein Librettist Daniel C. Schindler als Schauplatz für ihre Oper für junges Publikum ab Zwölf gewählt haben, den gab es wirklich. Er lag direkt am Zaun des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar.… Weiterlesen

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Groteske Sozialkritik im Asia-Restaurant: In Hagen startet eine neue Intendanz mit Peter Eötvös‘ „Der Goldene Drache“

Spielfreudiges Ensemble (von links): Nike Tiecke, Anton Kuzenok, Angela Davis, Kenneth Mattice, Ks. Richard van Gemert. (Foto: Leszek Januszewski)

Abschied und Neubeginn: Mit dem ehrgeizigen Projekt einer Uraufführung hat Intendant Francis Hüsers in Hagen noch einmal für einen Höhepunkt gesorgt. Auch sein Nachfolger Søren Schuhmacher bekennt sich zum Musiktheater der Gegenwart.

„American Mother“, die Oper der amerikanischen Komponistin Charlotte Bray, einfühlsam inszeniert von Travis Preston und vom Orchester unter dem ebenfalls scheidenden GMD Joseph Trafton auf makellosem Niveau gespielt, setzte einen tief bewegenden Schlusspunkt unter Hüsers achtjährige Intendanz.

Schuhmacher wird sich am 4. Oktober mit einem Klassiker, Verdis „La Traviata“, als Regisseur vorstellen. Seine auf fünf Jahre angelegte Intendanz eröffnet er jedoch mit Zeitgenössischem: „Der goldene Drache“ des im letzten Jahr verstorbenen Peter Eötvös stellt zugleich das neue Format „CloseUP!“… Weiterlesen

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Eisiger Schauer für Barbarossas Knochen: Verdi und Rossini zur Saisoneröffnung in der Philharmonie Essen

Der Dirigent Riccardo Chailly in der Philharmonie Essen. (Foto: Brescia e Amisano ©Teatro alla Scala)

Erfreulich, dass Riccardo Chailly mit Orchester und Chor des Teatro alla Scala beim Saison-Eröffnungskonzert der Essener Philharmonie einmal nicht den Schlager aller Chorschlager mitgebracht hat. Statt „Va pensiero“ aus Giuseppe Verdis „Nabucco“ eröffnen sie ihr Konzert mit italienischer Opernmusik von Verdi und Rossini mit einer mitreißenderen Hymne als dem „Gefangenenchor“: „Viva Italia“, der Einleitungschor aus Verdis vernachlässigter „La Battaglia di Legnano“.

Man spürt den Kampfgeist des Risorgimento, den Enthusiasmus der italienischen Einigungsbewegung: Ein „heiliger Pakt“, so heißt es, verbinde die Söhne Italiens (die Töchter waren damals nicht gefragt), mache sie zu einem Heldenvolk. Ein eisiger Schauer möge die Knochen des wilden Barbarossa durchfahren!

Viel eindringlicher als im „Nabucco“, der erst im Zuge der Auseinandersetzung mit den österreichischen Besatzern seinen nationalrevolutionären Anstrich erhielt, formuliert Verdi hier sein Ideal der Einigung Italiens.… Weiterlesen

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Auf der Suche nach einer geträumten Melodie: Marc L. Voglers „Klangstreich“ in der Jungen Oper Dortmund

Der Komponist Marc L. Vogler wuchs in Gelsenkirchen auf. (Foto: Christian Palm)

Finn ist nur eine kleine Note, aber mit einem großen Traum. Im Reich der Wünsche und Imaginationen hat sie eine wunderschöne Melodie gehört, die sie nicht mehr loslässt. Davon erzählt „Klangstreich“, eine Oper für Menschen ab vier Jahren, geschaffen von einem 27 Jahre alten Komponisten, uraufgeführt während des Theaterfestes als Auftragswerk der Jungen Oper Dortmund.

Eigentlich gehört die Note in ein Geburtstagslied; da springt sie einfach raus. Das Lied hat jetzt ein Loch. Aber die kleine Note Finn macht sich auf den Weg. Sie begibt sich auf die Suche nach ihrer eigenen, ihrer geträumten Melodie. Und dazu braucht sie Hilfe.

Marc L. Vogler, letzter Schüler von Manfred Trojahn, hat das Libretto von Dany Handschuh – nach dem Kinderbuch „Klangstreich – eine Note tanzt aus der Reihe“ von Inge Brendler – zu einem knapp 40-minütigen Capriccio für drei Sänger verarbeitet.… Weiterlesen

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Im Geniekult vergessen: Vor 200 Jahren starb der Komponist Antonio Salieri

Antonio Salieri auf einer um 1815 entstandenen Lithografie.

Er gehört zu den bedeutendsten musikalischen Figuren im Wien des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Aber die Nachwelt hat aus Antonio Salieri einen zweitrangigen Kleinmeister und Rivalen Mozarts gemacht. Noch in seinem Theaterstück „Amadeus“ – weltbekannt geworden durch Miloš Formans gleichnamigen Film von 1984 – benutzt Peter Shaffer die längst widerlegte Legende, Salieri habe Mozart mit Gift beseitigt.

Der Film erzählt, wie der Italiener das kindlich-amoralische Genie „Amadeus“ durch seelischen Druck langsam ums Leben bringt. Er will damit Gott seine Macht zeigen: Jenem Gott, der sich in Mozarts perfekter Musik offenbart. Ihn, Salieri, dagegen hat er dazu verdammt, als einziger zu erkennen, wie mittelmäßig seine eigenen Kompositionen in Wirklichkeit sind. Und das, obwohl sich Salieri Gott mit all seiner kreativen Kraft und einem moralisch einwandfreien Leben als Instrument der Offenbarung zur Verfügung gestellt hat.… Weiterlesen

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Duell der Giganten: Gil Mehmert inszeniert am Broadway ein Stück über Bernstein und Karajan

Gil Mehmert, der an der Folkwang Hochschule Essen lehrt, setzt Bernstein und Karajan am Broadway in Szene. Foto: Felix Rabas

Gil Mehmert goes Broadway: Der Regisseur, der seit 2003 im Fachbereich Musical an der Folkwang Hochschule in Essen lehrt und in den Theatern im Revier kein Unbekannter ist, hat sich in New York mit einem Stück über zwei Dirigier-Giganten des 20. Jahrhunderts vorgestellt.

Leonard Bernstein und Herbert von Karajan, jedem Musikfreund ein Begriff, trafen sich zum letzten Mal 1988 im legendären Hotel Sacher in Wien. Die beiden Rivalen um Marktmacht und musikalische Meinungen verbrachten eine Nacht in der „Blauen Bar“, mit einem einzigen Zeugen, dem Kellner. Der bemerkt dreißig Jahre später, wie der amerikanische Schriftsteller, Filmemacher und Komponist Peter Danish Bernsteins Gesammelte Briefe liest, erzählt ihm von dieser Begegnung – und der fantasiebegabte Autor füllt die dürre Information mit Leben und imaginiert die Inhalte des nächtlichen Gesprächs.… Weiterlesen

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Wachsendes Interesse an Musik von Frauen: Warum der Weg ins Repertoire verwehrt blieb und was sich heute ändern muss

Zur „Wiederentdeckung des Jahres“ kürte das Fachmagazin „Opernwelt“ Louise Bertins Oper „Fausto“, die am Aalto Musiktheater im vergangenen Jahr ihre deutsche Erstaufführung feiern konnte. Jetzt war das Stück erneut in Essen zu erleben, mit Mirko Roschkowski (Fausto, rechts) und Almas Svilpa (Mefistofele). (Foto: Froster)

Komponierende Frauen gibt es, seit es die europäische Kunstmusik gibt, nur ist ihnen die Beachtung über den Tag hinaus versagt geblieben. Erst in jüngster Zeit gelingt es Komponistinnen, dauerhaft im Blick der musikalischen Öffentlichkeit zu bleiben. Die vor wenigen Tagen verstorbene Sofia Gubaidulina ist eine von ihnen, oder die Finnin Kaija Saariaho, die 2023 gestorben ist und deren letzte Oper „Innocence“ am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen eine großartige deutsche Erstaufführung erlebt hat.

Für das Defizit gibt es vielerlei Gründe, die nicht in der Qualität der Musik liegen: Im 19.… Weiterlesen

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Subtile Facetten, plakative Momente: Dmitri Schostakowitschs Elfte Sinfonie in Düsseldorf

Alina Ibragimova und Michael Sanderling nach dem Konzert der Düsseldorfer Symphoniker in der Tonhalle Düsseldorf. (Foto: Susanne Diener)

Bei Michael Sanderling, trifft zu, was oft nur als Lobpreis-Rhetorik zu klassifizieren ist: Er ist ein geborener Schostakowitsch-Dirigent. Zu erleben war die konzentrierte Rhetorik, der tiefinnerliche Ernst, den er den Sinfonien mitgibt, jetzt in der Düsseldorfer Tonhalle in einem Konzert mit den Symphonikern.

Michael Sanderling kam 1967 in Ost-Berlin zur Welt, er ist Sohn des Dirigenten Kurt und der Kontrabassistin Barbara Sanderling. Sein Vater hat nicht nur eine Reihe Schostakowitsch-Sinfonien mit dem Berliner Sinfonie-Orchester und anderen aufgenommen, er war auch eng mit dem Komponisten aus der Sowjetunion befreundet. Sanderling erinnert sich in einem Interview an die „sehr eindrückliche Persönlichkeit“ mit der besonderen Stimme und der angespannten, fast angsteinflößenden Mimik.… Weiterlesen

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Ein Prinzip wird Gestalt: Ilaria Lanzino deutet Mozarts „Don Giovanni“ in Dortmund als zeitlose Figur

„Don Giovanni“ in Dortmund: Gleich umzingeln die Schlangen eines Medusenhaupts den Titelhelden (Denis Velev); sein Kumpan Leoporello (Morgan Moody, rechts) ist fassungsloser Zeuge des unheimlichen Geschehens. (Foto: Björn Heckmann)

Ein großbürgerlicher Wohnsalon. Eine Dame sitzt da und langweilt sich, während nebenan im Raucherzimmer zwei Herren angeregt parlieren, offensichtlich der Komtur und Don Ottavio. Es ist zu vermuten, dass da die Konditionen der Verheiratung verhandelt werden.

Die Frau ist dabei nicht gefragt. Mit Staunen blickt sie auf einen Mann im Kostüm eines Kavaliers des 18. Jahrhunderts. Doch die Faszination weicht rasch nacktem Entsetzen: Donna Anna wird auf dem Tisch vergewaltigt.

Don Giovanni bricht in diese Welt ein wie ein Anachronismus, ein Dämon aus der Vergangenheit zwischen all die Menschen, die Emine Güner an der Oper Dortmund in Kleider von heute gesteckt hat.… Weiterlesen

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Die Zähne des Haifischs: Vor 125 Jahren wurde der Komponist Kurt Weill geboren

Kurt Weill (li.) und Bert Brecht. (Foto: Kurt-Weill-Fest Dessau)

Ernste Musik? Unterhaltungsmusik? Dieser Unterscheidung gab es für Kurt Weill nicht. Für ihn gab es nur „gute und schlechte Musik“. Verwirklicht hat er dieses Konzept, mit dem er die Grenzen zwischen „hoher“ und „populärer“ Kunst niederriss, 1928 mit dem Sensationserfolg der „Dreigroschenoper“. Gemeinsam mit Bertolt Brecht schuf der 28-Jährige dieses Meisterwerk des musikalischen Theaters, das zu den größten Bühnenerfolgen des 20. Jahrhunderts gehört.

Von Anhalt an den Broadway

Der am 2. März 1900 geborene Sohn des Kantors der jüdischen Gemeinde in Dessau ging diesen Weg nicht freiwillig. Schon 1933 floh er vor den Nazis nach Paris; zwei Jahre später emigrierte er mit seiner Frau Lotte Lenya in die USA. Weill gelang es, jenseits des großen Teichs Fuß zu fassen.… Weiterlesen

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Ausflug nach Holland: Opern-Akademie zeigt Haydns Rarität „Die belohnte Treue“

Das Ensemble der Dutch National Opera Academy in Joseph Haydns „Die belohnte Treue“. (Foto: Reinout Boss)

Die Welt im ausgehenden 18. Jahrhundert kennt die großen Opernhäuser von Paris, Wien, Mailand, Neapel. Dort werden die Werke aufgeführt, die Geschichte machen. Dass abseits der Herzkammern der Opernwelt – am Eingang zur ungarischen Tiefebene – der Puls des Musiktheaters ebenso heftig schlägt, bleibt unbemerkt.

Dort in Esterháza, einem Nest mit gewaltigem Schloss, entstehen Opern, die wohl in London oder Venedig Furore gemacht hätten, wären sie dort einem Kenner-Publikum präsentiert worden.

Allein: Ihr Schöpfer, „Haus-Officier“ am Hofe des Fürsten Esterházy, hatte kaum eine Chance, sie der großen weiten Welt vorzustellen. Joseph Haydn schrieb für seinen Dienstherrn und dessen Entourage. Und so blieben Meisterwerke wie „Il Mondo della Luna“, „Orlando Paladino“ oder „La vera Costanza“ dem Auge und Ohr der Welt verborgen.… Weiterlesen

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Wahn und Wirklichkeit: „Englischer“ Opern-Doppelabend in Duisburg

Ein Ort unheimlicher Vorgänge ist der Leuchtturm in Peter Maxwell Davies‘ Oper am Theater Duisburg. Auf dem Bild Roman Hoza (Blazes/2. Offizier), Sami Luttinen (Arthur/3. Offizier), Adrian Dwyer (Sandy/1. Offizier). (Foto: Anne Orten)

Peter Maxwell Davies dürfte gewusst haben, worüber er schreibt: Der Komponist lebte bis zu seinem Tod 2016 auf den Orkney-Inseln. Er kannte die Nächte, in denen der Sturm ums Haus heult, der Regen prasselt, das Meer brüllt. Oder wenn Nebel bleiern und grau alle Geräusche in unheimlicher Dämpfung erstickt, die Schwärze der Nacht sich mit den Ausgeburten der eigenen Phantasie zu monströsen Ängsten verbindet.

Der „Leuchtturm“ ist so ein Ort, dessen massive Mauern kühn den Elementen trotzen, ohne dem Menschen in seinem Innern Schutz geben zu können – Schutz vor den Gespenstern in der Seele, Schutz vor dem Unberechenbaren im Anderen, Schutz vor der „Bestie“ des eigenen Wahns oder des Meeres – wer weiß?… Weiterlesen

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