Comedy plus Oper: Bülent Ceylan entert an der Berliner Staatsoper Mozarts „Entführung aus dem Serail“

Comedian Bülent Ceylan als Bassa Selim mit dem Berliner Staatsopern-Chor sowie Adela Zaharia (Konstanze) und David Steffens (Osmin) in Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“. (Foto: Stephan Rabold)

Kaum hat Dirigent Thomas Guggeis den Taktstock erhoben und will mit der Staatskapelle die Ouvertüre von Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ erklingen lassen, da entert Bülent Ceylan die Bühne. „Hallo Berlin, Rock´n´Roll“, ruft der Mannheimer Comedian ins Publikum, löst sein Haarband und schüttelt seine lange Mähne.

Dann merkt der Spaßvogel, der seit 25 Jahren die deutsch-türkischen Macken und Marotten auf die Schippe nimmt und nun an der Berliner Staatsoper Unter den Linden in der von Regisseurin Andrea Moses verantworten Inszenierung die Sprechrolle des Bassa Selim übernehmen soll, dass er zu früh dran ist.

„Ich hab’s verkackt“

Erst noch muss der spanische Edelmann Belmonte an türkischen Gestaden anlanden, um Konstanze, seine im Lustschloss des Paschas gefangene Geliebte, zu befreien, bevor der in Turnschuhen und Lederjacke gekleidete, die E-Gitarre malträtierende und mit dem Motorrad knatternde Komödiant Rolle und Kostüm wechseln und vom ätzenden Witzbold zum gefürchteten Statthalter werden kann: „Ich hab’s verkackt“, grinst Bülent Ceylan und entschwindet in die Tiefen des Raumes, der eine musikalisch-theatralische Brücke schlagen will zwischen gestern und heute, beweisen will, dass große Kunst zeitlos und so aktuell ist wie eh und je.

Zwischen den Genres irrlichtern

Auch wenn die abrupt unterbrochene Staatskapelle jetzt Mozarts Ouvertüre mit neuem Elan weiter spielen kann: Der Ton der Inszenierung ist gesetzt, sie wird fortan zwischen den Genres irrlichtern, Comedy und Oper auf nicht immer elegante, aber doch anregende Weise verbinden: „Zwei Shows für einen Preis!“, lacht Bülent Ceylan und fordert die Zuschauer auf: „Also kommt, gebt alles und applaudiert!“ Auch wenn die Zustimmung groß ist, wenn gegen Hass und Rassismus polemisiert wird: Nicht alle mögen dem Konzept folgen und meckern hörbar („Hör doch endlich auf mit dem Scheiß!“), wenn der Komödiant immer wieder den Gang der Handlung und den grandiosen Gesang der Liebenden unterbricht, um über die Stolperfallen der politischen Korrektheit und über die Tücken der kulturellen Aneignung zu diskutieren.

Wie zu Mozarts Zeiten, geht es um Toleranz und Respekt

Spätestens wenn der evangelische Bülent Ceylan mit seiner katholischen Mutter telefoniert und an seinen verstorbenen moslemischen Vater erinnert, haben alle kapiert, worum es Mozart in seinem 1782 in Wien uraufgeführten Singspiel damals (versteckt) und Regisseurin Moses heute (ausdrücklich) geht: Toleranz und Respekt, Nächstenliebe und Vergebung.

Dass bei den komödiantisch- politischen Kommentaren die Musik leicht ramponiert wird, ist schade. Denn was Adela Zaharia als vom Pascha sexuell bedrängte Konstanze in ihrer Goldkehle bis in höchste Höhen erklingen lässt, ist atemberaubend. Auch Siyabonga Maqungo gibt den vor Liebeskummer leidenden und zum Sterben bereiten Belmonte mit rührender Zartheit. Sarafina Starke ist in der Rolle von Konstanzes Dienerin Blonde ein emanzipierter und herrlich trällernder Freigeist, dem es leicht fällt, Pedrillo (Michael Laurenz) und Osmin (David Steffens) zu betören und um den Finger zu wickeln.

Auch der Chor steht reglos staunend

Leider ist der Regie nichts eingefallen, um den stimmlichen Zauber szenisch zu beglaubigen. Auch der Chor steht reglos staunend, wenn der sich vom strengen Macho zum sanftmütigen Aufklärer wandelnde Bassa die Gefangenen begnadigt und in die Freiheit der Liebe entlässt. Viel Standbein-Spielbein. Trotzdem: kräftiger Applaus und einige Buhs für das komödiantisch leicht derangierte Kunstwerk.

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